6 Arbeitslosigkeit und Armut machen krank

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Arbeitslosigkeit und Armut machen krank

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Arbeitslosigkeit und Armut machen krank

Die Arbeitswelt hat einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen, im Positiven wie im Negativen. So kann Arbeit zum Belastungsfaktor werden, bietet aber gleichzeitig viel Raum zur Entwicklung von Gesundheit und Wohlbefinden. Dies hat die Arbeitskammer zuletzt im Jahresbericht 2003 ausführlich beleuchtet, als sie die gesundheitsbezogenen Arbeitsbedingungen unter die Lupe nahm. Wer keine Arbeit hat oder über ein geringes Einkommen verfügt, hat deutlich schlechtere Karten, gesund und selbstbestimmt zu leben. Die Neuregelungen auf dem Arbeits- und Gesundheitsmarkt haben indes die Arbeitsplatzunsicherheit erhöht und den Zugang zu Gesundheitsleistungen verteuert. Arbeit „produziert“ Gesundheit und Wohlbefinden, indem sie die Möglichkeit bietet, Kenntnisse zielgerichtet einzusetzen, weiterzugeben und weiterzuentwickeln, an Entscheidungsprozessen teilzuhaben und Verantwortung zu übernehmen. Auch der soziale Kontakt am Arbeitsplatz ist eine wissenschaftlich gut belegte Gesundheitsressource. Einkommen, berufliches und soziales Prestige, all dies sind wesentliche Indikatoren, wenn es um die Höhe der Lebenserwartung geht. Sie entscheiden mit darüber, ob letztlich die Gesundheitsressourcen überwiegen oder die Belastungen. Kurz gesprochen: gesund ist, wer eine (gute) Arbeit hat.

Krankheitsrisiko Arbeitslosigkeit Arbeitslosigkeit aber ist ein gesundheitlicher Risikofaktor, der sich durch höhere Sterblichkeit, geringere Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit, häufigere Kontakte mit dem Gesundheitswesen und eine höhere Prävalenz an chronischen Erkrankungen kennzeichnet. Der Gesundheitsbericht des Bundes1 kommt zu dem Schluss, dass viele Gesundheitsstörungen bei Einkommensarmen, Langzeitarbeitslosen, Geringqualifizierten oder auch allein erziehenden Müttern, häufiger auftreten. Zum Teil ist dieses einem schlechteren Gesundheitsverhalten (Tabak-, Alkoholkonsum, schlechte Ernährung, wenig Bewegung) geschuldet, das aber letztendlich durch die schwierigeren Lebens- und Arbeitsverhältnisse mitverursacht ist. Die Häufung psychischer Erkrankungen ist gerade unter Langzeitarbeitslosen besorgniserregend. Sie weisen ein bis zu achtmal höheres Risiko auf, psychisch krank zu werden, leiden vermehrt unter Angst- und Suchterkran-

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kungen sowie Depressionen. Ebenso können hoher Blutdruck, die Chronifizierung von Krankheiten sowie der Verlust sozialer Beziehungen genannt werden. Hinzu kommt der Verlust der Gesundheitsressource „soziales Ansehen“, dem Indikator für die Lebenserwartung schlechthin. Auch viele körperliche Beschwerden treten bei ihnen häufiger auf.2 Arbeitslose und insbesondere Langzeitarbeitslose schätzen ihren Gesundheitszustand persönlich deutlich schlechter ein als Erwerbstätige. Ebenso ist die Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen deutlich höher. Diejenigen, die ein Jahr oder länger arbeitslos gewesen sind, haben im Durchschnitt ein um den Faktor 3 erhöhtes Risiko für einen Krankenhausaufenthalt. Und die vorzeitige Sterblichkeit liegt für Personen mit ein bis unter 2 Jahren Arbeitslosigkeitserfahrung um den Faktor 1,6 höher, für längerfristig Arbeitslose sogar um den Faktor 3,4. Auch Arbeitsplatzunsicherheit ist ein Belastungsfaktor, der insbesondere in betrieblichen Veränderungsprozessen wirkt. So hat die „Arbeitsmarksituation“ mittlerweile Eingang in die ISO-Norm zu psychischen Belastungen gefunden (EN ISO 10075-1).3 Arbeitsplatzunsicherheit kann ebenfalls zu Stress, Angsterkrankungen, Depressionen, sonstigen psychosomatischen Beschwerden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Bluthochdruck) führen. Die Verschleppung von Krankheiten aus der Angst heraus, den Arbeitsplatz zu verlieren, kann darüber hinaus zu deren Chronifizierung führen. So nutzen die derzeit zu registrierenden niedrigen Krankenstandszahlen schlussendlich weder der Gesellschaft noch den Betrieben etwas, wenn sie auf diesen Voraussetzungen beruhen. Zusammenfassend lässt sich die gesundheitliche Situation von arbeitslosen Männern wie Frauen als ein zentrales politisches Handlungsfeld ausmachen. „In kaum einem anderen Segment der ‘Normalbevölkerung’ lässt sich eine vergleichbare Häufung von Gesundheitsrisiken und Gesundheitsproblemen beobachten“, urteilt das für die Gesundheitsberichterstattung des Bundes zuständige Robert-Koch-Institut (RKI).

Arme sterben früher Dass Arme früher sterben, lässt sich anhand von Sterblichkeitsdaten, den Zahlen zur Lebenserwartung und zum sozioökonomischen Status bestätigen. So beschäftigte sich auch der 108. Deutsche Ärztetag mit dem Thema „Krankheit und Armut“. Quintessenz: Arme haben in Europa ein mindestens doppelt so großes Risiko, ernsthaft krank zu werden und in der Konsequenz eine bis zu 7 Jahre kürzere Lebenserwartung. Nach neueren Untersuchungen kann man dabei von folgendem Zusammenhang ausgehen: je

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niedriger das Einkommen, desto schlechter die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten. Der Gesundheitssurvey 2003 des RKI kommt zu dem Ergebnis, dass insbesondere Herzinfarkt, Diabetes, Bronchitis sowie krankhaftes Übergewicht in der „Armutsrisikogruppe“ häufiger vorkommen. Dem sozioökonomischen Panel zufolge schätzt in der Altersgruppe der 30 bis 44-jährigen Männer etwa jeder fünfte innerhalb der „prekären Wohlstandsgruppe“ seinen Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht ein.4 Zum Vergleich: in der einkommensstärksten Gruppe ist dies nur jeder zwanzigste. Auch das Sterberisiko ist in der niedrigsten Einkommensgruppe bei Männern im Vergleich zur höchsten um den Faktor 2,5 erhöht, bei der prekären Einkommensgruppe noch um den Faktor 1,8. Bei Frauen liegen die entsprechenden Werte bei 1,8 bzw. 2,0. Die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Saarländern und den übrigen Bundesbürgern (Männer: -1,09 Jahre, Frauen: -1,2 Jahre) sind mit Blick auf den Einkommensgradienten zum Bund sicherlich auch diesem Zusammenhang geschuldet.5 Einkommen wird internationalen Studien zufolge inzwischen als ein eigenständiger Faktor für Gesundheit gesehen.

Belastungsfaktor Hartz IV Spätestens seit Hartz IV gehört Arbeitslosigkeit bzw. der damit verbundene Verlust an Lebensqualität als psychosozialer Stressor zum Alltag vieler Menschen.6 Konkret hat sich mit Hartz IV eine (finanzielle) Angleichung von Empfängern ehemaliger Arbeitslosenhilfe an das Sozialhilfeniveau (Arbeitslosengeld II) vollzogen. Für sie sollen Geldleistungen gemäß dem ehemaligen Bundessozialhilfegesetz ausreichen, um ein selbstbestimmtes und damit nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation auch ein gesundes Leben führen zu können. Studien zur alten Sozialhilfe zeigten bereits, dass die Empfänger von Sozialhilfe ihre Gesundheit doppelt so schlecht (Männer) bzw. um ein Drittel schlechter (Frauen) einschätzten als die Gruppe ohne Sozialhilfebezug. Unter diesen Bedingungen werden gerade Bezieher mittlerer Einkommen mit starken Einkommenseinbußen und entsprechenden Problemen der Alltagsbewältigung konfrontiert werden, sollten sie länger arbeitslos werden. Von den bisherigen Arbeitslosenhilfeempfängern fällt jeder vierte wegen veränderter Bedürftigkeitskriterien völlig aus dem Leistungsbezug heraus. Besonders betroffen sind auch diejenigen, die über geringe psychosoziale Bewältigungsmechanismen verfügen, chronisch krank sind oder komplexe Problemlagen zu bewältigen haben.7 Schließlich können Personen ohne Anspruch auf Fürsorgeleistungen, sowie in Sonderfällen Empfänger von Sozi-

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algeld und Sozialhilfe, die jeweils nicht die notwendigen Vorversicherungszeiten in der GKV aufweisen, ohne Krankenversicherungsschutz dastehen.8 Durch die Neuordnung der Sozialleistungen durch die Hartz-IV-Gesetzgebung sind damit z. T. neue Versorgungslücken entstanden.

Arztbesuche sind einkommensabhängig Das deutsche Gesundheitswesen ist ein solidarisch finanziertes System, das allen Versicherten im Krankheitsfall unabhängig von deren Einkommen den gleichen Zugang zu gesundheitlichen Dienstleistungen garantieren soll. Die Realität sieht zunehmend anders aus: So zeigen Untersuchungen zur Inanspruchnahme von Leistungen Unterschiede zwischen einkommensstärkeren und -schwächeren Bevölkerungsgruppen. Durch die Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004 im Zuge des GKV-Modernisierungsgesetzes ist die Zugangsschwelle zur Gesundheitsversorgung weiter angehoben worden. Ökonomisch schlechter gestellte Menschen zögern den Arztbesuch hinaus oder sparen ihn ganz ein, mit der Gefahr der Verschleppung und Chronifizierung von Erkrankungen. Nach einer repräsentativen Erhebung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK aus 2004 haben durchschnittlich 11,2 Prozent ihren Arztbesuch gestrichen bzw. verschoben; bei den Geringverdienern (unter 1.000 Euro) war der Anteil fast doppelt so hoch (19,2 Prozent). Diverse Zuzahlungsregelungen und Ausgliederungen aus dem Leistungskatalog tun ein Übriges. Die Entsolidarisierung zu Lasten der kranken, behinderten und älteren Menschen, die vermehrt auf Leistungen des Gesundheitswesens angewiesen sind, schreitet durch die höhere Eigenbeteiligung voran. Die Möglichkeit der Kompensation dieser Belastungen über die Beteiligung an strukturierten Behandlungsprogrammen ist noch marginal. Der Umbau des GKV-Systems wird zunehmend nicht mehr von allen Schultern der Gesellschaft gleichermaßen getragen. Insbesondere die Arbeitgeber entziehen sich immer mehr ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, obwohl arbeitsbedingte Erkrankungen zugenommen haben. Auch die versprochene Beitragssatzsenkung durch die Kassen hat nicht in dem Maße eine Entlastung gebracht, wie dies angekündigt worden ist. Die aktuelle Diskussion um eine weitere Gesundheitsreform wird von einer tendenziellen Verteuerung des Gesundheitswesens geprägt. Die mögliche Einführung einer zusätzlichen „kleinen“ Gesundheitsprämie wird den Auftakt bilden für entsprechende Erhöhungen je nach Kassenlage. Die Spitzenverbände der Krankenkassen haben im April 2006 in einer gemeinsamen Presseerklärung vor einer einseitigen Belastung von Beziehern niedriger Ein-

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kommen, durch die mögliche Einführung einer „kleinen Pauschale“ gewarnt.9 Aus Sicht der Arbeitskammer ist es notwendig, das Gesundheitswesen sowohl auf breitere Füße zu stellen, indem die Einnahmeseite durch die Einführung einer solidarischen Bürgerversicherung gestärkt wird, wie auch kritische Belastungsfaktoren für Versicherte und insbesondere chronisch kranke Patientinnen und Patienten zu beseitigen. Weiterhin sind aber gleichzeitig die Fehlsteuerungen und -versorgungen sowie Doppelstrukturen im Gesundheitswesen zu verändern. Hier liegt noch ein großer Schatz begraben, den es zu heben gilt.

1

Robert-Koch-Institut (Hrsg.): Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit. Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin, 2005.

2

Berth, H. u. a.: Arbeitslosigkeit und Gesundheit. In: Arbeit und Gesundheit: Jahrbuch für kritische Medizin 39, Argument-Verlag, Hamburg, 2003.

3

Jahn, F.: Arbeitsplatzunsicherheit – ein neuer Stressor? Die BG, Heft 6, 2005, S. 364 - 366.

4

Armutsrisikogruppe: unter 60 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens; prekäre Wohlstandsgruppe: 60 bis unter 80 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens.

5

Siehe aktuelle Sterbetafel (2002 - 2004) des Statistischen Bundesamtes bzw. Statistischen Landesamtes Saarland und Bericht in der Saarbrücker Zeitung vom 18.10.2005: Warum sterben Saarländer früher als andere Deutsche?

6

Zok, K.: Personalabbau, Arbeitsplatzunsicherheit und Gesundheit – Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. In: Badura, B. u. a. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2005 – Arbeitsplatzunsicherheit und Gesundheit. Springer-Verlag, Heidelberg, 2006.

7

Halkow, A. und Geene, R.: Der lange Schatten von Hartz IV – Gesundheitsförderung bei Arbeitslosen und Beschäftigten. Armut und Gesundheit 2, Berlin, 2005.

8

Greß, S. u. a.: Nicht-Versicherung im deutschen Krankenversicherungssystem – Gesundheitspolitische Handlungsoptionen. Die BKK 12, 2005, S. 546-547.

9

Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Krankenkassen: Kassen warnen vor einseitiger Belastung durch „kleine Pauschale“. Pressemitteilung, Bergisch Gladbach, 04.04.2006.

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