Mobile Pflege und soziale Betreuung

Regionales Profil Mobile Pflege und soziale Betreuung im Testgebiet Ausserfern Profil: Dr. Barbara Frick, Cemit GmbH, Innsbruck Beratung und Anhang: ...
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Regionales Profil Mobile Pflege und soziale Betreuung im Testgebiet Ausserfern

Profil: Dr. Barbara Frick, Cemit GmbH, Innsbruck Beratung und Anhang: Ass.-Prof. Dr. Eva Schulc, UMIT, Institut für Gerontologie demografische Entwicklung Jutta Wetzlmair, BScN, UMIT, Institut für Pflegewissenschaft Im Auftrag des Landes Tirol, Sachgebiet Landesstatistik und tiris Nov. 2016

Inhaltsverzeichnis 1.

Einleitung ......................................................................................................................................... 4

2.

Ausgangslage im Bezirk Reutte ....................................................................................................... 5 2.1. Bevölkerung: Ist-Stand und Prognosen ........................................................................................ 5 2.2. Grad der Gesundheitsversorgung ................................................................................................ 9 2.2.1. Ambulante medizinische Versorgung .................................................................................... 9 2.2.2. Stationäre medizinische Versorgung ................................................................................... 11 2.2.3. Apotheken ........................................................................................................................... 11 2.2.4. Versorgung mit Physio-, Ergo-, Logotherapeuten ............................................................... 11 2.2.5. Wohn- und Pflegeheime ...................................................................................................... 11 2.3. mobile Pflege und soziale Betreuung ......................................................................................... 12 2.4. 24-Stunden Betreuung ............................................................................................................... 14

3.

4.

5.

Begriffsbestimmungen Pflegeformen ........................................................................................... 15 3.1.

Stationäre Pflege ................................................................................................................... 15

3.2.

Häusliche Pflege und Betreuung ........................................................................................... 15

3.3.

Sonstige Betreuungs- und Pflegeformen .............................................................................. 16

Bedarfsanalyse und Prognosen zur mobile Pflege und soziale Betreuung im Ausserfern ............ 17 4.1.

Bedarf laut Pflegestrukturplan 2012-2022 Land Tirol ........................................................... 17

4.2.

weitere Aspekte der Bedarfsplanung .................................................................................... 18

Beschreibung Status Quo der mobilen Pflege im Ausserfern ....................................................... 19 5.1. Informelle Pflege durch Bezugspersonen .................................................................................. 19 5.2. Formelle Pflege durch bestehende Einrichtungen und Leistungserbringer............................... 20 5.2.1. Sozial- und Gesundheitssprengel Ausserfern SGS ................................................................ 20 5.2.2. Rotes Kreuz .......................................................................................................................... 23 5.2.3. Ambulance Tirol ................................................................................................................... 23 5.2.4. Bestehende und geplante Angebote für alternative Betreuungsmodelle ........................... 24 5.2.5. Organisiertes Ehrenamt:...................................................................................................... 24 5.2.6. Palliativteam Außerfern ...................................................................................................... 25 5.2.7. Pflegeberatung bzw. Case- und Caremanagement ............................................................. 25 5.2.8. Private Anbieter von Pflege- und Betreuungsleistungen ..................................................... 25 5.3. Schnittstellen und Vernetzung zu den Anbietern und Dienstleistern von mobiler Pflege und sozialer Betreuung............................................................................................................................. 26 5.3.1.

Haus Ehrenberg Wohn- und Pflegeheim ....................................................................... 26

5.3.2.

Haus zum Guten Hirten ................................................................................................. 26

5.3.3.

Pflegeinsel...................................................................................................................... 26

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2

5.3.4. Ambulante Gesundheitsversorgung (Allgemeinmedizin, Fachärzte, Apotheken, Therapeuten) ................................................................................................................................. 27 5.3.5.

BKH Reutte..................................................................................................................... 27

5.3.6.

Vernetzungsaktivitäten & Initiativen (REA, Pflegedrehscheibe, Freiwilligenzentrum) .. 27

5.3.7.

Pflegeschule Reutte ....................................................................................................... 28

5.3.8.

Leistungsträger und Ämter ............................................................................................ 29

5.4.

Räumliche Verteilung der Leistungsangebote ...................................................................... 29

5.5.

Dokumentation, Kommunikation und Datenaustausch ........................................................ 30

5.5.1.

Status Quo und Ausblick im Datenmanagement........................................................... 30

5.5.2.

Status Quo im Datenaustausch ..................................................................................... 30

6.

SWOT – Analyse............................................................................................................................. 31

7.

Strategien zur Optimierung der Versorgung – Chancen nützen ................................................... 34 7.1.

7.1.1.

Digitalisierung und Datendokumentation ..................................................................... 34

7.1.2.

Telemonitoring/Telemedizin/Telecare .......................................................................... 34

7.1.3.

AAL und Smart Homes ................................................................................................... 35

7.2. 8.

Technische Unterstützung ..................................................................................................... 34

Initiativen für neue und erweiterte Angebote für soziale Betreuung ................................... 35

Zusammenfassung und Ausblick ................................................................................................... 36

Literatur ................................................................................................................................................. 38 Anhang – Grundzüge des INTESI Pilotprojektes in Außerfern.............................................................. 39

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

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1. Einleitung Periphere, dünn besiedelte Gebiete scheinen stärker von einer demografischen Veränderung der Gesellschaftsstruktur betroffen zu sein als urbane Gegenden. Zur allgemeinen Änderung der Alterspyramide – weniger Geburten, höhere Lebenserwartung - kommt in diesen Gebieten noch eine verstärkte Abwanderung junger Menschen hinzu, die sich in den Ballungsräumen attraktivere Lebensund Arbeitsbedingungen erhoffen. Dadurch erhöht sich der Anteil an älteren Personen in diesen Gebieten überproportional. Für die Regionen hat dies weitreichende Folgen: Neben einer Veränderung im Sozialgefüge mit den einhergehenden Problemen zur Organisation der Gesellschaft, gehen durch den „Brain Drain“ zusätzlich gute Köpfe für neue Impulse in der sozialen und wirtschaftlichen Wertschöpfung einer Region verloren. Es gilt daher die Bestrebung, periphere Gebiete wieder zu attraktiven Lebensräumen zu machen, um v.a. der Abwanderung von jungen Menschen entgegen zu wirken. Grundvoraussetzung, um eine hohe Standort-, Lebens- und Wohnqualität halten zu können und somit den Auswirkungen dieser Veränderungen entgegenzutreten, ist die Sicherstellung einer guten Grundversorgungsleistung. Ziel des EU Projekts INTESI ist es daher, Möglichkeiten der Integration und Kombination von Strategien in der Grundversorgung einer entlegenen Region aufzuzeigen, um eine nachhaltig gute Versorgung in den alpinen Gegenden sicherzustellen. Im Rahmen von INTESI wurde vom Projektpartner Tirol das Testgebiet Ausserfern ausgewählt, um hier mit Fokus auf das Thema „mobile Pflege und soziale Betreuung“ ein regionales Profil zu erstellen und mit Hinblick auf neue Modelle in der Pflege mit Unterstützung durch innovative Informations- und Kommunikationstechnologien mögliche Strategien für die Zukunft zu erarbeiten. Im Auftrag des Landes Tirol und mit Unterstützung der Tiroler Projektgruppe erarbeitete die ARGE Cemit – UMIT (Private Universität für Gesundheitswissenschaften, medizinische Informatik und Technik) das vorliegende Profil, das mit der Erhebung quantitativer und qualitativer Daten aus dem Bezirk, einer Bedarfsbeschreibung und einer Evaluierung in Hinblick auf den geschätzten Bedarf als Grundlage für ein Pilotprojekt und für die Implementierung weiterer Aktivitäten dienen soll. Der Fokus wurde dabei auf die Versorgung älterer Personen mit Pflege- und Betreuungsbedarf gerichtet. Die soziale Betreuung anderer Bevölkerungsgruppen mit besonderen Bedürfnissen wurde nicht in die Analyse miteingeschlossen.

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2. Ausgangslage im Bezirk Reutte Der Bezirk Reutte - Ausserfern liegt im Nordwesten von Tirol und zählt zu den peripheren Gebieten Tirols, da es nur über den Fernpass, als einzige ganzjährig geöffnete Passstraße mit dem restlichen Bundesland verbunden ist. Geografisch öffnet sich der Bezirk mit mehreren Verbindungen nach Bayern/Deutschland, wodurch es zwar seit jeher auch eine Orientierung in Richtung des Süddeutschen Raumes gibt, die Staatsgrenze stellt aber doch in den Köpfen und auch aufgrund administrativer Voraussetzungen hinsichtlich Angebot für Versorgung eine Barriere dar. Politisch umfasst der Bezirk 37 Gemeinden, zusammengefasst in den vier Planungsverbänden Tannheimertal, Reutte und Umgebung, Oberes Lechtal sowie Zwischentoren. Die Gemeindegrößen liegen weit unter dem Tiroler Durschnitt. Der Einwohnermedian der Gemeinden im Planungsverband Oberes Lechtal liegt bei nur 318 und im Planungsverband Reutte und Umgebung bei 1.261, hier leben auch über 50% der Ausserferner. Da mobile Pflege und soziale Betreuung an vielen Schnittstellen mit Anbietern der allgemeinen Gesundheitsversorgung und der stationären Pflege zusammenarbeiten, wurden nachfolgend neben Entwicklungsprognosen der Bevölkerungsstruktur auch die Aspekte der Gesundheitsversorgung und stationären Betreuung für das Profil beleuchtet.

2.1. Bevölkerung: Ist-Stand und Prognosen Das Ausserfern ist einwohnermäßig der kleinste Bezirk Tirols, zum 1.1.2015 lebten 31.691 (1.1.2016 32.036) in 37 Gemeinden. Die Gesamtbevölkerung wird in den Jahren voraussichtlich nur leicht, nämlich um 3,7% auf 32.878 Personen steigen, während Tirolweit eine Bevölkerungszunahme um 9,3% erwartet wird (Gemeindeprogose 2015-2030 Land Tirol; Tab.1.).

Wanderungsbilanz Auf Ebene der Planungsverbände zeigt die Prognose zur Bevölkerungsentwicklung im Bezirk Reutte große Unterschiede. Auch in den vergangenen Jahren veränderte sich die Gesamtbevölkerung im Bezirk nur minimal, innerhalb des Bezirks zeigt die Wanderungsbilanz aber eine Abwanderung v.a. aus den peripheren Gemeinden der Planungsverbände Oberes Lechtal, Zwischentoren und Tannheimertal (Rückgang zwischen -2,7% und -5,3%) in den Zentralraum Reutte (Zuwachs 3,9%) (Abb. 1a). Die Prognose für die Zukunft zeigt eine weitere Zunahme der Bevölkerung im Raum Reutte und Umgebung, während v.a. das Obere Lechtal weiter mit Abwanderung rechnen muss (Tab 1. bzw. Abb. 1b).

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Tab.1.: Prognostizierte Entwicklung der Wohnbevölkerung und Wanderungsbilanz im Bezirk Reutte (Quelle: Gemeindeprognose_2015-2030- Land Tirol)

Abb. 1a): Wanderungsbilanz der Jahre 2001-2015 nach Planungsverbänden Ausschnitt: Tiroler Oberland (Quelle: Gemeindeprognose_2015-2030 - Land Tirol)

Abb. 1b.): Prognose der Wanderungsbilanz für 2015 – 2030 nach Planungsverbänden Ausschnitt: Tiroler Oberland (Quelle: Gemeindeprognose_2015-2030 - Land Tirol)

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Altersverteilung Im Bezirk Reutte sind aktuell 18,6% der Bevölkerung älter als 65 Jahre, während es im Tiroler Durchschnitt lediglich 17,4% sind. Für die Zukunft wird hier ein weiteres Auseinanderdriften der Altersverteilung erwartet. Im Jahr 2030 wird jede 4. Person im Bezirk 65 Jahre oder älter sein. Im Gegensatz dazu wird sich der Anteil an potentiell Berufstätigen (20-64 Jahre) in Summe um 7,5% reduzieren, in peripheren Gegenden, wie dem Oberen Lechtal sogar um 14,7% (Tab 2). Abb 2. zeigt die relativen Veränderungen der Altersgruppen in den kommenden 15 Jahren. Die Schere klafft im Bezirk Reutte dabei weitaus stärker auseinander als im Gesamttiroler Vergleich. Tab 2.: Prognose zur Bevölkerungsentwicklung in Bezug auf Altersverteilung im Bezirk Reutte (Quelle: Gemeindeprognose_2015-2030-Land Tirol)

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Abb. 2: Prognose zur Bevölkerungsentwicklung in Bezug auf Altersverteilung im Bezirk Reutte (Quelle: Gemeindeprognose_2015-2030-Land Tirol)

Haushaltsgröße Ein weiterer Faktor, der für die Planung der Versorgungsgrundfunktionen wichtig erscheint, ist die Haushaltsgröße. Die durchschnittliche Haushaltsgröße im Bezirk Reutte liegt aktuell mit 2,68 Personen je Haushalt über dem Tiroler Durchschnitt (2,56). Für die kommenden Jahre wird eine massive Zunahme der ein-und zwei-Personenhaushalte (+ 14 bzw. +11,7%) und ein deutlicher Rückgang der Haushalte mit drei Personen und mehr (- 5,2%) erwartet (ÖROK Regionalprogose 2010-2030; Abb. 3).

Veränderung der Haushaltsgröße Ausserfern

0 2009

11,5 10,7

12,7 11,2

13,6 11,6

14 11,7

-1,6 2020

2030 -3,4

2040 -4,5

2050 -5,2

1-Personenhaushalte

2-Personenhaushalte

Abb. 3: Prognose zur Veränderung der Haushaltsgröße im Ausserfern (Quelle: ÖROK Regionalprognose 2010 bis 2030 mit Ausblick auf 2050).

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2.2. Grad der Gesundheitsversorgung 2.2.1. Ambulante medizinische Versorgung Betrachtet man die ambulante medizinische Versorgung im Ausserfern, wird die außergewöhnliche Lage des Bezirks bereits auf den ersten Blick gut erkennbar. Die

grundsätzliche

flächendeckende

Versorgung

mit

Allgemeinmedizinern

ist

in

den

Planungsverbänden mit gesamt 25 Ordinationen gegeben, auch wenn im Schnitt, bezogen auf die Einwohnerzahl des Bezirks, weniger Ordinationen zur Verfügung stehen, die Wegzeiten durch die dünne Besiedelung länger sind und die zeitliche Verfügbarkeit durch limitierte Öffnungszeiten (bei geringer Wahlfreiheit) eingeschränkt ist (Abb. 4, Tab 1). So wechseln sich z.B. im Planungsverband Tannheimertal die beiden niedergelassenen Allgemeinmediziner wöchentlich ab, sodass der Bevölkerung jeweils nur eine der beiden Ordinationen zur Verfügung steht. Einen besonderen Stellenwert bei den niedergelassenen Allgemeinmedizinern nehmen dabei Sprengelärzte ein, die für die Gemeinden spezielle Aufgaben übernehmen müssen (Leichenbeschau, Friedhofshygiene, Schuluntersuchungen, etc.). Wie auch in anderen Regionen Tirols ist es im Bezirk Reutte eine große Herausforderung, offene Sprengelarztstellen zu besetzen. Die Belastung durch den ständigen Bereitschaftsdienst und zusätzliche Aufgaben sind für junge Ärzte und Ärztinnen nicht attraktiv. In Einzelfällen muss daher zu Ersatzlösungen gegriffen werden. Für die fachärztliche Versorgung im Bezirk zeigen Abb. 5 sowie Tab. 3 klar, dass die Versorgung mit niedergelassenen Fachärzten weit unter dem Tiroler Durchschnitt liegt und überhaupt nur in Reutte die 18 niedergelassenen Fachärzte zu finden sind. Dies wirkt sich einerseits kritisch auf die medizinische Versorgung in den peripheren Gebieten aus, andererseits übernehmen hier die Allgemeinmediziner eine sogenannte „Goal Keeper“ Funktion, d.h. sie kompensieren als primäre Ansprechpartner für die Gesundheitsversorgung das Fehlen weiterer Einrichtungen und überweisen dann in dringenden Fällen Patienten an die Fachärzte oder an das Bezirkskrankenhaus Reutte. Tab. 3: Ambulante medizinische Versorgung in den Planungsverbänden im Testgebiet Ausserfern im Vergleich zu Tirol in Ordinationen je 100.000 Einwohner (Quelle: Online Daten Gesundheitsdatenatlas Land Tirol)

Ordinationen je 100.000 EW

Allgemeinmedizin Fachärzte

Zahnärzte

PV Oberes Lechtal

80,0

0,0

20,0

PV Tannheimertal

65,2

0,0

32,6

PV Reutte Umgebung

72,9

101,0

44,9

PV Zwischentoren

97,8

0,0

65,2

Bezirk Reutte gesamt

78,0

56,2

43,7

Mittelwert andere Bezirke (ohne IBK)

81,1

97,8

47,2

Tirol gesamt

82,5

132,3

54,5

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Abb. 4: Räumliche Verteilung der Allgemeinmediziner im Bezirk Reutte (Quelle: Gesundheitsdatenatlas Land Tirol https://portal.tirol.gv.at/TigedatWeb/public/einrichtungen.xhtml?cid=1106)

Abb. 5: Räumliche Verteilung der Facharztordinationen im Bezirk Reutte (ohne Zahnmedizin) (Quelle: Gesundheitsdatenatlas Land Tirol https://portal.tirol.gv.at/TigedatWeb/public/einrichtungen.xhtml?cid=1106)

Aber selbst in Reutte ist es schwer, Facharztstellen nachzubesetzen, was z.B. in den vergangenen Jahren für das Fachgebiet Augen- und Kinderheilkunde der Fall war. Im Jahr 2015 konnte daraufhin ein Konzept mit Modellcharakter umgesetzt werden: In der Notfallambulanz am BKH wurde eine Kinderarztordination eingebaut und die Zahl der Ärzte aufgestockt, die nun den stationären und

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ambulanten Bereich gemeinsam betreuen, die Abrechnung erfolgt getennt. Dieses Modell wird mittlerweile in mehreren Fachabteilungen angewendet.

2.2.2. Stationäre medizinische Versorgung Das Bezirkskrankenhaus Reutte mit 136 Betten versorgt den Bezirk im stationären Bereich. Spezialfälle werden zu den Kooperationspartnern der REHA-Klinik Enzensberg, dem Herzzentrum Füssen, der Universitätsklinik Innsbruck und dem Krankenhaus St. Vinzenz in Zams überstellt. Telemedizinische Zusammenarbeit mit den Tirol Kliniken ersetzen Fachabteilungen im BKH (z.B. Radiologie, Neurologie).

2.2.3. Apotheken Mit drei öffentlichen Apotheken (zwei in Reutte und eine in Ehrwald) ist das Ausserfern deutlich unterversorgt (öffentliche Apotheke je 100.000 EW: 9,36 Bezirk Reutte zu 17,05 Tiroler Durchschnitt). In Summe mit den acht Hausapotheken von Allgemeinmedizinern liegt das Ausserfern dann mit 34,34 Apotheken je 100.000 EW zwar statistisch über dem Tiroler Durchschnitt (25,57 Apotheken je 100.000 EW), durch die eingeschränkte Auswahl, v.a. an nicht rezeptpflichtigen Medikamenten ist die Qualität der Versorgung aber dennoch unterdurchschnittlich (Datenquelle: Gesundheitsdatenatlas Land Tirol).

2.2.4. Versorgung mit Physio-, Ergo-, Logotherapeuten Freiberufliche Einzeltherapeuten und ein Therapiezentrum sind im Bezirk vorhanden, die Leistungen der freiberuflichen Therapeuten können mit den Kassen abgerechnet werden, wobei je nach Preisgestaltung, dem Patienten ein kleinerer oder größerer Selbstbehalt bleibt. Nur eine Ergotherapeutin und zwei Logopädinnen haben einen eignen Kassenvertrag, es gibt aber keine physiotherapeutische Einrichtung mit Kassenvertrag. Da es kaum vergleichbare Referenzwerte für Tirol oder Österreich gibt, kann eine Versorgungsqualität im Bezirk Reutte nur geschätzt werden. Laut dem Regionalen Strukturplan des Landes Tirol liegt die Versorgungsregion West, zu der auch das Ausserfern gehört, v.a. im Bereich der logopädischen und physiotherapeutischen Versorgung deutlich unter dem Landesdurchschnitt.

2.2.5. Wohn- und Pflegeheime Die Versorgung mit Wohn- und Pflegeplätzen für ältere Menschen wird von den beiden Heimen in Reutte abgedeckt. In Summe stehen 19 Wohn- und 118 Pflegeplätze zur Verfügung (Tab. 4a). Je 100.000 EW liegt im Bezirk Reutte die Zahl der Heimplätze für stationäre Pflege damit weit unter dem Landesdurchschnitt (Tab. 4b).

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Tab. 4: Heimplätze im Bezirk Reutte: absolute Zahlen (a) und je 100.000 EW im Vergleich zum gesamten Bundesland Tirol (b).

a.) Heimplätze absolut

Wohnplätze

Pflegeplätze

Kurzzeitpflege

Summe

Seniorenzentrum Reutte, Haus zum 12 Guten Hirten, 6600 Reutte

49

2

63

Wohn- und Pflegeheim Haus Ehrenberg, 7 6600 Ehenbichl

69

5

81

3

3

118

10

147

Pflegeplätze

Kurzzeitpflege

Summe

Pflegeinsel Benglerwald 6653 Bach Bezirk Reutte gesamt

19

b.) Heimplätze je 100.000 EW Wohnplätze Bezirk Reutte gesamt

60

372

32

464

Tirol gesamt (ohne Pflegeklinik Hall)

125

668

11

797

2.3. mobile Pflege und soziale Betreuung Für die quantitative Beschreibung der aktuellen Versorgung mit mobiler Pflege und sozialer Betreuung im Bezirk Reutte ist es wichtig, die Entwicklung des zentralen öffentlichen Anbieters dieser Leistungendem Sozial- und Gesundheitssprengel (SGS) - in den vergangenen Jahren zu betrachten. War früher der Sozial- und Gesundheitssprengel als eigenständiger Anbieter nicht existent, sondern in das Rote Kreuz eingegliedert, entwickelte sich dieser Dienstleistungsanbieter seit 2013 individuell und wurde 2016 in eine eigene Rechtsperson geführt. Diese Entwicklungen führten zu einer deutlichen Zunahme der erbrachten Leistungen. Nicht nur die Gesamtzahl der Stunden stieg von 2013 auf 2015 um über 40% (Abb. 6a), auch je Klient wurden 2015 durchschnittlich um ein Viertel mehr Stunden aufgewendet als 2013 (Abb. 6b). Dabei stiegen die Betreuungsleistungen für Hauswirtschafts- und Begleitdienste im Verhältnis stärker als Pflegeleistungen.

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a.) Entwicklung Leistungen SGS 2013 - 2015 35 000 28 210

30 000 25 000

30 782

21 794

20 000 15 000

13 059

15 225 15 798

10 000 3 936

5 000

6 775

8 186 4 642 5 924 6 420

0 Gesamtstunden

Pflegestunden

2013 (335 Klienten)

HWD/ BesuchsBegleitdienst

2014 (385 Klienten)

Wegzeiten

2015 (381 Klienten)

b.) Entwicklung SGS Leistungen/Klient 2013-2015 90,0 80,0 80,8

70,0 60,0

72,7 64,9

50,0 40,0

38,9 39,2 41,5

30,0 20,0 10,0

11,7 17,5

21,5

13,8 15,3 16,9

0,0 Gesamtstunden/ Klient Pflegestunden/ Klient 2013

2014

HWD/ Klient

Wegzeiten/ Klient in Stunden

2015

Abb. 6: Verlauf der Leistungen des Sozial- und Gesundheitssprengels (SGS) in den Jahre 2013 – 2015 bezogen auf die Gesamtbetreuungsstunden (a) sowie auf die Leistungen je Klient (b) HWD = Hauswirtschaftsdienste (Quelle: Unveröffentlichte Daten Abteilung Soziales Land Tirol)

Im Vergleich zum Tiroler Durchschnitt weist die mobile Pflege und soziale Betreuung von älteren Personen im Ausserfern aber trotz der positiven Entwicklung in den vergangenen Jahren nach wie vor eine deutlich niedrigere Versorgungsquote auf. So wurden tirolweit im Jahr 2015 knapp 16 Personen (15,91) je 1000 EW mobil betreut, im Bezirk Reutte waren dies nur 12 Personen/1000 EW. Pro Klient werden im Ausserfern zudem weniger Stunden Betreuungsarbeit geleistet als im Tiroler Durchschnitt (80,8 zu 92,4). Die niedrigere Inanspruchnahme von Unterstützung für Pflegeleistungen zeigt sich auch im Anteil jener Personen, die überhaupt Pflegegeld beziehen. Von allen Personen, älter als 75 Jahre, beziehen im Ausserfern nur 32,7% Pflegegeld, im Vergleich dazu 35,2% im gesamten Bundesland.

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Betrachtet man in Abb. 7 das Verhältnis zwischen dem Aufwand für Pflege und für Betreuungsleistungen, so wird ersichtlich, dass im Bezirk Reutte ein deutlich höherer Anteil der Zeit für Pflege aufgewendet wird als für Betreuungsleistungen, das Verhältnis liegt hier bei 65,87%, (im Vergleich Tirol gesamt: 58,03%). Eklatant ist auch der Unterschied bei den Wegzeiten: pro Klient muss im Ausserfern eine deutlich längere Zeit für Anfahrten verbucht werden. Im

Jahr

2015

belief

sich

der

Stand

der

gefahrenen

Kilometer

der

Sozial-

und

Gesundheitssprengelmitarbeiter so auf beachtliche 324.774 km.

durchschnittliche Leistung der mobilen Pflege pro Klient in Stunden Finanzjahr 2015 92,4 80,8

Tirol

44,9

Ausserfern

41,5 32,5 21,5 13,9

h gesamt

h Pflege

h HWD

16,9

h Wegzeiten

Abb. 7: Durchschnittliche Leistung der mobilen Pflege pro Klient. Vergleich Bezirk Ausserfern mit Land Tirol (Quelle: Land Tirol Abteilung Soziales, unveröffentlichte Daten von 2015)

2.4. 24-Stunden Betreuung In den letzten Jahren nahm auch im Bezirk Reutte die Inanspruchnahme einer 24 Stunden Betreuung kontinuierlich zu. Im Jahr 2014 wurden 102 Personen, 2015 bereits 127 Personen rund um die Uhr von einem externen Dienstleister betreut. Im Vergleich nehmen im Bezirk Reutte mit 3,96 Personen je 1000 EW deutlich mehr Menschen dieses Angebot in Anspruch als im gesamten Bundesland Tirol (2,64 Personen je 1000 EW).

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3. Begriffsbestimmungen Pflegeformen 3.1. Stationäre Pflege Unter den Begriff der stationären Pflege fallen vollstationäre und teilstationäre Pflegeleistungen sowie die Kurzzeitpflege. In vollstationärer Pflege (= stationärer Langzeitpflege) befinden sich Pflegebedürftige, bei denen häusliche oder teilstationäre Pflege nicht möglich ist oder im Einzelfall nicht in Betracht kommt. Dies kann in Pflegeheimen oder in Hausgemeinschaften mit durchgehender Präsenz von Betreuungs- und Pflegepersonal stattfinden. Wenn Pflegebedürftige Tagespflege in Anspruch nehmen, handelt es sich dabei um die Pflege und Betreuung für Personen, welche grundsätzlich zu Hause gepflegt und betreut werden, in einer Pflegeund Betreuungseinrichtung (ambulante Tagesstätte) während des Tages (zumindest halbtags). Die Nacht wird dabei zuhause verbracht. Im Rahmen dieser teilstationären Betreuung werden Pflege und Betreuung,

Verpflegung,

tagesstrukturierende

Maßnahmen,

Aktivierungs-

und

Reaktivierungsangebote und optional auch Therapieangebote bereitgestellt. Darüber hinaus kann der dafür notwendige Transport vom Wohnort zur Betreuungseinrichtung und zurück organisiert werden. Das Betreuungsmodell dieser teilstationären Pflege kann sehr flexibel und individuell gestaltet werden und dient vorwiegend zur Entlastung pflegender Angehöriger. Die Übergangspflege bietet eine stationäre Pflegeform für rehabilitative Pflege und Betreuung direkt im Anschluss an eine stationäre Behandlung des Pflegebedürftigen in einem Krankenhaus. Nach der Übergangspflege wird der zu Pflegende in die häusliche Pflege entlassen. Die Übergangspflege wird ausschließlich in speziellen Übergangspflegeeinrichtungen angeboten, mit denen das Land Tirol eine entsprechende Leistungsvereinbarung hat. In Tirol beträgt der Anspruch auf Übergangspflege maximal 90 Tage pro Kalenderjahr. Die Kurzzeitpflege dient der kurzzeitigen Entlastung der pflegenden Angehörigen, welche aufgrund eigener Krankheit, Erholungsurlaub oder sonstigen wichtigen Gründen für eine gewisse Zeit verhindert sind, die gewohnte informelle Pflege- und Betreuungsleistung zu erbringen. Kurzzeitpflege kann von 4 bis max. 28 Tage/Jahr in Anspruch genommen werden.

3.2. Häusliche Pflege und Betreuung Zur häuslichen Pflege gehört die Versorgung von Pflegebedürftigen durch mobile Pflegedienste, durch 24-Stunden-Betreuungskräfte sowie durch informelle Pflegende. Dabei wird dem zu Pflegenden soziale Betreuung, Pflege (medizinische und nichtmedizinische Hauskrankenpflege) und/oder Unterstützung bei der Haushaltsführung zuteil. Hauskrankenpflege wird meist von gemeinnützigen und oder mildtätigen Organisationen (in Tirol z.B. dem Sozial- und Gesundheitssprengel) übernommen. Dazu gehört auch die medizinische Hauskrankenpflege (z.B. Wundversorgung, Verbandswechsel), welche auf ärztliche Anordnung geleistet wird.

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Weiters werden den Klienten von diesen Organisationen mobile soziale Betreuung und Hauswirtschaftsdienste, aber auch Unterstützung bei der Körperpflege, in der Haushaltsführung, im Einkauf und in der Begleitung von Amtsgängen sowie in anderen Dingen des täglichen Lebens angeboten. Die 24-Stunden Betreuung (geregelt durch das Hausbetreuungsgesetz) wird durch eine selbständige oder unselbständige Betreuungskraft erbracht, die im Haus der zu betreuenden Person wohnt (oft wechselnde Personen in 3 Wochen Intervallen). Hier werden meist nur grundpflegende und haushaltsunterstützende Maßnahmen getätigt. Unter informelle Pflegeleistungen fallen die Versorgung pflegebedürftiger Personen durch ihre Familienangehörigen oder weitere Personen des sozialen Umfelds. In der Kombination der Pflege durch einzelne Hauptpflegepersonen, mehrere pflegende Angehörige oder gemeinsame Pflege mit mobilen und ambulanten Pflegediensten entstehen vielfältige Pflegearrangements im häuslichen Umfeld.

3.3. Sonstige Betreuungs- und Pflegeformen Neben den oben genannten klassischen Pflegeformen gibt es weitere Formen, die nicht pauschal der häuslichen oder stationären Pflege zuzuordnen sind. Betreubares Wohnen: Beim betreubaren Wohnen wohnt eine Einzelpersonen oder eine Seniorengruppe in einer barrierefreien Wohnung im Rahmen einer Wohnanlage. Hier ist das Ziel, eine möglichst lange und hohe Selbständigkeit der älteren Personen zu bewahren. Die betreffenden Personen begründen ein gewöhnliches Mietverhältnis. Jeder Bewohner hat seinen eigenen Bereich (Zimmer, Toilette, Bad), gemeinsam genutzt werden Gemeinschaftsräume. Es wird, wie in jedem anderen Haushalt, kein pauschaliertes Betreuungs- und Dienstleistungsservice vereinbart. Diese Leistungen werden bei Bedarf von den Bewohnern oder deren Angehörigen organisiert. Das betreubare Wohnen ist somit keine Pflege-, sondern eine Wohnform. Betreutes Wohnen: Die Betreuungsbedürftigen leben allein oder zusammen in einem Haushalt. Durch sogenannte Kümmerer werden der Haushalt und bei Wohngemeinschaften das gemeinsame Gruppenleben organisiert. Bei Bedarf wird die notwendige Pflege durch Pflegekräfte erbracht. In der Regel mietet der Bewohner oder die Bewohnerin eine zentral gelegene barrierefreie und altengerechte Wohnung, meist in einer speziellen Wohnanlage aber auch als Teil bzw. in der Nähe von Alten- und Pflegeheimen. Die Administration kann auf verschiedene Weise erfolgen: meist verpflichten sich die Bewohner zusätzlich zur Miete ein Paket von Grundleistungen des Betreuungsservices anzunehmen, für die monatlich eine Betreuungspauschale zu entrichten ist. Diese Grundbetreuung umfasst z.B. Beratungs- und Informationsleistungen sowie die Notrufsicherung. Zusätzlich werden über mobile Dienste oder Wohn- und Pflegeheime Wahlleistungen - wie z.B. Mahlzeiten, Reinigungsoder Pflegeleistungen - angeboten, die bei Bedarf in Anspruch genommen werden können. Die Bewohner schließen somit einen Miet- und Betreuungsvertrag ab. Diese Wohnform unterliegt nicht

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den heimrechtlichen Bestimmungen. Träger dieser Wohneinheiten sind Wohnbaugenossenschaften oder Gemeinden. AAL – Ambient Assisted Living: Dieser Begriff umfasst die Unterstützung von selbständig lebenden älteren Personen mittels technischer Assistenzsysteme (Notsignalknöpfe, Sturzsensoren in Betten, Sensoren in Türmatten, Überwachung gesundheitsrelevanter Daten, IT-unterstützte Kommunikation, vernetzte Alltagsgegenstände,…). AAL ermöglicht ein unabhängiges Leben bei hoher Sicherheit für die pflegebedürftige Person und wird in steigendem Umfang sowohl in der häuslichen und stationären Pflege als auch beim betreuten Wohnen eingesetzt. Case- und Caremanagement im Sinne des Bundesgesetzes umfasst Angebote der Sozial-, Betreuungsund Pflegeplanung auf Basis einer individuellen Bedarfsfeststellung, der Organisation der notwendigen Betreuungs- und Pflegedienste und des Nahtstellenmanagements. Gerade die Bündelung der Informationen für Angehörige wird in Zukunft eine tragende Rolle in der Pflegeversorgung spielen. Diese Aufgabe übernimmt eine dafür ausgebildete Fachkraft im Sozial- und Gesundheitswesen, ein sog. „Kümmerer“. Diese Person steht dem Pflegebedürftigen oder den Angehörigen nach der Entlassung aus dem stationären Bereich, aber auch während der gesamten Zeit, in der mobile Hilfe in Anspruch genommen wird, zur Verfügung. Sie hilft künftig vermehrt IT unterstützt bei der Organisation und Administration und Abstimmung der Pflege im extramuralen Bereich.

4. Bedarfsanalyse und Prognosen zur mobile Pflege und soziale Betreuung im Ausserfern 4.1.

Bedarf laut Pflegestrukturplan 2012-2022 Land Tirol

Mit dem Strukturplan Pflege 2012-2022 wurde vom Land Tirol ein Planungs- und Steuerungstool ausgearbeitet, das den Planungsverbänden und Gemeinden ermöglichen soll, frühzeitig auf die sich verändernden Bevölkerungs- und Sozialstrukturen zu reagieren, um die Sicherstellung der erforderlichen Betreuungs- und Pflegedienstleistungen gewährleisten zu können. Dabei soll für jede Region ein ausgewogener Betreuungsmix angeboten werden. Zielsetzung ist dabei, langfristig einen Shift von stationären zu mobilen Dienstleistern zu erreichen. Wie für jeden Bezirk, wurden dabei auch für den Bezirk Reutte Planzahlen für die mobile Pflege und Betreuung sowie alternative Betreuungsmodelle bis zum Jahr 2022 errechnet. Diese Werte wurden in der Tab. 5 dem IST Stand gegenübergesetzt. Neben der Berechnung der demografischen Daten wurden im Strukturplan auch Faktoren wie Siedlungsdichte und Entfernung zum nächsten Altersheim einbezogen. Neben der Methode der Regressionsanlyse wurde zusätzlich das Tiroler Indikatorenmodell, berechnet jeweils auf Gemeindeebene, zur Anwendung gebracht. Vorerst nur bedingt Eingang in die Bedarfsanalyse fand nach diesen Berechnungen die Prognose, dass die Inanspruchnahme der Bevölkerung sich in den kommenden Jahren überdurchschnittlich erhöhen könnte. INTESI - Profil zur mobilen Pflege und sozialen Betreuung im Ausserfern

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Tab. 5: Mobile Leistungsstunden des Sozial- und Gesundheitssprengels IST-Stand (Quelle Land Tirol Abt. Soziales) und SOLL nach dem Pflegestrukturplan 2012-2022 des Landes Tirol (n.d. = nicht definiert) IST 2012

IST 2015

Soll 2017

Soll 2022

14 008

15 798

18 346

21 917

Mobile Dienste Stunden HWD/soziale Betreuung 2 837

8 186

6 337

9 218

Betreute Wohnplätze

13

9

29

31

Tagespflegeplätze

0

10

14

18

Kurzzeitpflegeplätze

5

10

8

9

Übergangspflege

0

0

n.d.

n.d.

Mobile Dienste Stunden Hauskrankenpflege



Nach der Bedarfsberechnung des Pflegestrukturplans wird erkennbar, dass das Leistungsausmaß der Mitarbeiter des SGS in der Hauskrankenpflege in den kommenden Jahren um mindestens 30% steigen muss, um laut Berechnungen des Pflegestrukturplans den Bedarf im bisherigen Ausmaß abdecken zu können. Die Nachfrage nach Haushaltshilfe und sozialer Betreuung wird sich dabei über den errechneten Sollwert des Pflegestrukturplanes entwickeln, da zum Zeitpunkt der Erstellung des Pflegestrukturplans ein sehr niedriger Ausgangswert als Basis für die Hochrechnung vorlag.



Auch bzgl. der Alternativmodelle und teilstationären Angebote (betreute Wohnplätze, Tagesbetreuung, Tagespflege, Übergangspflege) ist noch ein Ausbau des Angebotes nötig. Einzig bei den Kurzzeitpflegeplätzen scheint der Bedarf abgedeckt zu sein.



Zudem wurde die Schwerpunktpflege für die Versorgungsregion 72 (Bezirke Landeck, Imst, Reutte) mit 24 Plätzen bis zum Jahr 2022 ausgewiesen (nicht in Tab. 3 ausgewiesen).

4.2.

weitere Aspekte der Bedarfsplanung

Betrachtet man nun eine Region im Detail, sollten, ausgehend vom Richtwert des Pflegestrukturplans, noch modellierend weitere Aspekte und Entwicklungen betreffend die Bedarfsplanung einbezogen werden. 

Neben der demografischen Berechnung flossen in den Pflegestrukturplan bereits auch andere Faktoren wie Entfernung zum nächstgelegenen Altersheim, Siedlungsdichte, aber auch nach durchschnittlicher Haushaltsgröße, etc. in die Bedarfsplanung ein, dennoch könnte sich nach den neueren Prognosen die Inanspruchnahme der Bevölkerung an professioneller Unterstützung in der Pflege und sozialen Betreuung wird durch die in Kapitel 2.1. beschriebenen Faktoren noch stärker steigen als prognostiziert.



Aufgrund der besonderen Ausgangslage in Bezug auf Gesundheitsversorgung benötigt es in peripheren Regionen Konzepte für eine stärkere Verzahnung, d.h. eine integrierte Versorgung

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(ärztliche

Versorgung,

Pflege-

und

Betreuungsmix,

Datentransfer)

und

gutes

Schnittstellenmanagement (siehe Kapitel 2.2.) 

Da nur eingeschränkte stationäre Betreuungsmöglichkeiten vorhanden sind, ist eine zeitliche Ausdehnung des mobilen Angebots notwendig: Der Bedarf an Angeboten für Nacht- und Wochenenddiensten für Pflege und Palliativdienste wird steigen. Die 24h Betreuung hat in den letzten Jahren im Bezirk Reutte eine relativ starke Nachfrage erfahren. Dieser Trend wird sich noch fortsetzen.



Auswertungen der „Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege“ ergeben, dass rund 80% der pflegenden Angehörigen in Österreich psychisch belastet sind (Österr. Pflegevorsorgebericht 2014). Um diese Angehörigen zu entlasten und die Häusliche Pflege zu stärken braucht es ein flächendeckendes Angebot zur Beratung, Schulung und Unterstützung für pflegende Angehörige.

Zusammenfassend kann so für die Bedarfsplanung im Ausserfern definiert werden, dass das Stundenausmaß der mobilen Pflege und Betreuung in den kommenden zehn Jahren kontinuierlich steigen wird, dabei werden im Verhältnis weiterhin mehr Stunden formelle Pflege als soziale Betreuung in Anspruch genommen werden, eine zeitliche Ausdehnung des Angebotes wird erfolgen müssen. Die 24 Stunden Betreuung zeigt, bezogen auf die Bevölkerung 75+, im Bezirk Reutte eine hohe Inanspruchnahme auf. In den nächsten Jahren wird die Nachfrage und Inanspruchnahme in diesem Leistungsbereich noch weiter zunehmen. Neben den Leistungen der diplomierten Pflegekräfte werden aber auch strukturelle Anpassungen nötig sein. Gerade in den peripheren Gegenden werden alternative Betreuungsmöglichkeiten für die soziale Begleitung älterer Menschen entstehen müssen. Die Vielfalt und Komplexität der Angebote nimmt zu, umso wichtiger ist es, Beratung anzubieten und Schnittstellen zu optimieren.

5. Beschreibung Status Quo der mobilen Pflege im Ausserfern Neben den quantitativ erfassten Zahlen wurde im folgenden Kapitel eine qualitative Beschreibung der Dienstleistungsanbieter für mobile Pflege und Soziale Betreuung von älteren Personen und deren Schnittstellen vorgenommen. Die Daten dazu wurden aus öffentlich zugänglichen Quellen erhoben bzw. aus Interviews mit beteiligten Personen der beschriebenen Einrichtungen entnommen.

5.1. Informelle Pflege durch Bezugspersonen Der überwiegende Anteil an Betreuungs- und Pflegeleistungen wird von Familienangehörigen erbracht. Laut dem Pflegevorsorgebericht 2014 des BMASK (Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz) werden in Tirol rund 76% der Pflegegeldbezieher ausschließlich von Bezugspersonen gepflegt und betreut. Nur 24% der Pflegegeldbezieher erhalten demnach zusätzlich zur häuslichen Pflege noch mobile professionelle Pflegeleistungen. Für das Ausserfern stehen

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diesbezüglich zwar keine genauen Daten zur Verfügung, die Zahlen dürften aber aufgrund der traditionellen ländlichen Struktur eher höher liegen.

5.2. Formelle Pflege durch bestehende Einrichtungen und Leistungserbringer Der Bezirk Ausserfern besitzt einen überschaubaren Mix an Dienstleistern, die vollstationäre, teilstationäre sowie mobile Pflege und soziale Betreuung für ältere Menschen und deren Angehörigen anbieten. Im Folgenden soll ein Überblick über die Leistungserbringer, die der mobilen Pflege und sozialen Betreuung zuzuordnen sind, dargeboten werden:

5.2.1. Sozial- und Gesundheitssprengel Ausserfern SGS http://sgs-ausserfern.at/ Organisation Der SGS war bis zum Jahr 2015 in die Organisation des Roten Kreuzes eingegliedert, mit 1.1.2016 wurde der Verein in eine eigene Organisationsform überführt. Der Vorstand setzt sich nun aus dem Obmann (Matthias König), 2 Stellvertretern (Klaus Witting und Günther Walch), dem Schriftführer (=Geschäftsführung), dem Finanzreferenten und je einem Bürgermeister der Planungsverbände des Bezirkes Reutte zusammen. Geschäftsführerin ist Frau Birgit Aldrian-Holzner. Als kooptierte Mitglieder werden die Vorsitzenden der Arbeitskreise, die Geschäftsleitung, die Pflegedienstleitung und ein Vertreter des Betriebsrates geführt. Neben dem zentralen Sprengel gibt es 5 Arbeitskreise (Tannheimertal, Oberes Lechtal, Unteres Lechtal, Vils, Zwischentoren), die von Ehrenamtlichen betreut werden. So soll die Verteilung der sozialen Komponente für den gesamten Bezirk gewährleistet werden. Die Arbeitskreise kümmern sich, neben den sozialen Belangen, auch um das Lager der Heilbehelfe (z.B. Rollatoren, Toilettenstühle, Betten). Die Spendenakquise und der Kauf der Heilbehelfe werden in den Arbeitskreisen mit Unterstützung von zentraler Stelle organisiert, die Arbeitskreise kümmern sich bei Bedarf um den wechselseitigen Austausch. Betriebswirtschaftliche Aspekte Der Sozial- und Gesundheitssprengel ist ein gemeinnütziger Verein, der kostendeckend arbeitet und im letzten Jahr ausgeglichen bilanzierte. Die Finanzierung der Leistungen wird in etwa zu 25% von den Klienten über den Selbstbehalt getragen, die restlichen 75% finanziert die öffentliche Hand, wobei die Zuschüsse dabei zu 65% vom Land und zu 35% von den Gemeinden getragen werden. An den absoluten Kosten des SGS beteiligen sich die Gemeinden demnach mit ca. 26-27%. Personal Aktuell (Stand Oktober 2016) arbeiten 30 hauptberufliche Mitarbeiter (24,5 VZÄ) und zudem zahlreiche freiwillige Personen, die in 5 Arbeitskreisen in den Regionen des Bezirkes unterstützend tätig sind. INTESI - Profil zur mobilen Pflege und sozialen Betreuung im Ausserfern

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4 Berufsgruppen leisten dabei die Dienste: -

Heim- und Haushaltsdiensthilfen (aktuell 8 Personen, davon 2 ohne Heimhilfe Ausbildung nur für Hauswirtschaftsdienste )

-

Pflegehilfen (aktuell 9 Personen: Mobilisieren, Unterstützen Gesundheit der Menschen, davon 1 in Karenz)

-

diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger (DGKP) (aktuell 9 Personen: medizinische Hauskrankenpflege)

Sonderfall: 1 DGKP ist in der Gemeinde Vils angestellt, ein Leistungsaustausch mit dem Sprengel findet statt. Personalrekrutierung Durch die Absolventen der Pflegeschule am BKH Reutte kann der Bedarf in der Berufsgruppe „Pflegeassistenten“ momentan gedeckt werden. Aktuell gibt es aber keine Bewerbung von diplomierten Pflegepersonal. Bei einer zielgerichteten Ausbildung laut Pflegeausbildung neu wird befürchtet, dass die mobile Pflege auch weiterhin als zu wenig attraktiv befunden wird. Die mangelnde Attraktivität beruht auf einer unterschiedlichen Gehaltsstruktur im Vergleich zu stationären Pflegekräften und auf schlechtere Arbeitsbedingungen. Darunter fallen lange und gefährliche Wegzeiten (v.a. im Winter), hygienische Bedingungen, Gefahrenpotential durch Übergriffe von Patienten u.a. Die Arbeitsbedingungen führen auch im laufenden Betrieb des Sprengels zu Fluktuationen. Eine aktuelle Umfrage unter Pflegeschülerinnen zeigt, dass der Beruf als mobile Pflegekraft im Ausserfern, v.a. durch die Umstände von Witterung und abgelegenen Klienten, wenig attraktiv ist. Infrastruktur In den Räumlichkeiten des Sprengels gibt es derzeit lediglich Verwaltungsräume und einen Gruppenraum für Besprechungen. Die Möglichkeit, Tagespflege o.ä. in den Räumen des SGS anzubieten, besteht aktuell nicht. Auch für die Arbeitskreise stehen max. Lagerräume zur Verfügung, in denen Behelfsmittel untergebracht werden können. Ab 2018 werden in Ehrwald neue Räumlichkeiten für zusätzliche Aktivitäten zur Verfügung stehen (siehe Punkt 4.1.4.). Der Sprengel verfügt über 14 Autos, darunter ein Elektro-Auto. Technologien Seit Mai 2016 wird landesweit eine Pflege-App eingesetzt. Die Smartphones der Mitarbeiter wurden mit der speziellen App ausgestattet, die grundlegende Funktionen (Start Betreuung – Ende Betreuung, Fahrzeit, etc.) erfasst. Mithilfe dieses Apps können Routen und Touren effizienter berechnet und Dokumentationslast reduziert werden, da bei den zu buchenden Tätigkeiten die Kompetenzen der Gruppen bereits hinterlegt sind. Die Pflegedokumentation wird aktuell noch papierbasiert gemacht, im Herbst 2016 soll aber auch hier durch den Einsatz einer neue Software eine EDV-basierte Pflegedokumentation eingeführt werden.

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Leistungen Der Sprengel bietet verschiedene Dienstleistungen an, die sich in die medizinische Hauskrankenpflege, allgemeine Hauskrankenpflege, Heim- und Haushaltshilfe sowie Beratungsleistungen gliedern. In Kapitel 2.3 wurde bereits auf die Entwicklung des SGS in den letzten Jahren eingegangen. In Tab. 6 sind die geleisteten Stunden je Dienstleistungskategorie von 2014 –2016 gelistet. Tab. 6 Leistungen des Sozial und Gesundheitssprengel (HKP= Hauskrankenpflege, Quelle: SGS)

2014

2015

2016

Anzahl Stunden Medizinische HKP

1 203

2 162

3 653

Anzahl Stunden HKP

14 122

14 175

12 868

Anzahl Stunden Heim- und Haushaltshilfe

7 100

8 571

8 880

Anzahl Stunden Beratung/Case- & Caremanagement

305

383

542

Wegzeiten

6 047

6 576

7 003

Durchschn. betreute Personen/Monat

197

223

211

MA Stand Köpfe/VZÄ

28/20

35/26

28/22

Die aktuelle Querschnittstatistik vom Juli 2016 zeigt die Verteilung der Klienten in den Planungsverbänden und zum Vergleich die Rate an betreuten Personen je 1000 EW (Tab. 7a.). Zudem wird ersichtlich, dass mehrheitlich alleinlebende Personen die Leistungen des Sprengels in Anspruch nehmen (Tab. 7b). Gut 45% der Klienten werden von Medizinischen Einrichtungen an den Sprengel überwiesen, bei 35% organisieren die Angehörigen den Erstkontakt (Tab 7c), 20% der Klienten suchen aus Eigeninitiative um Unterstützung an. Die Kosten für die Klienten hängen von der erbrachten Leistung ab, der Selbstbehalt errechnet sich nach der Pflegestufe bzw. dem Einkommen der betreuten Personen. Die Möglichkeit für den Sprengel Dienstleistungen anzubieten, hängt auch immer von den rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Seit April 2016 wurde vom Land Tirol z.B. die Finanzierung für reine Heimhilfe auf 30h/Monat und Klient beschränkt, d.h. die Rahmenbedingungen verändern sich dahingehend, dass soziale Betreuung möglichst eingedämmt bzw. von Ehrenamtlichen oder Bezugspersonen übernommen werden sollte. Tab. 7 a. – c.: Querschnittsstatistik der Klienten des Sozial- und Gesundheitssprengel GS, Juni 2016 a. Wohnort nach Planungsverbänden

Anzahl

Klienten je

Klienten

1000 EW

Zwischentoren

59

9,6

Lechtal

42

8,4

104

5,9

15

4,9

Reutte/Reutte Umgebung Tannheimertal b. Wohnstruktur Alleinlebend

55%

Mit Partner

35%

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Im Familienverband

10%

sonstiges

10%

c. Klientenherkunft Aus stationärem Bereich übernommen

35%

Vom Hausarzt übernommen

10%

Anfrage durch Angehörige

35%

Eigeninitiative

20%

Herausforderungen Eine große Herausforderung für die Organisation des Sprengels ist es, Angebot und Nachfrage laufend abzustimmen. Längerfristige Planungen sind schwierig, das System muss daher flexibel organisiert sein, um allen Klienten das benötigte Ausmaß an Leistungen mit dem verfügbaren Personal zukommen zu lassen. In der speziellen geografischen Umgebung des Bezirks bleiben die langen Wegzeiten zu den Klienten eine organisatorische Herausforderung, die es in diesem Ausmaß in anderen Sprengeln nicht gibt. Ein Ziel der kommenden Jahre ist es, die Skepsis und Schwellenangst der Bevölkerung abzubauen und die Angehörigen der Pflegebedürftigen zu erreichen und zu informieren, sodass Unterstützungen des Sprengels frühzeitiger in Anspruch genommen werden, bevor die psychische und physische Belastung für die pflegenden Angehörigen zu groß wird.

5.2.2. Rotes Kreuz http://www.roteskreuz-reutte.at/aktuelles/ Nachdem die Trennung des Roten Kreuzes vom Sprengel im Jahr 2016 final erfolgte, veränderte sich auch die Führung im Roten Kreuz. Jürgen Ginther übernahm die Obmannschaft, Geschäftsführer ist Martin Storf. Das Rote Kreuz übernimmt neben dem Hausnotruf und den Krankentransporten auch Funktionen im Bereich der sozialen Unterstützung für ältere Personen, so wird in Reutte und Umgebung sowie im Zugspitzgebiet von freiwilligen Mitarbeitern des Roten Kreuzes Essen auf Rädern organisiert. Folgende Ortsstellen des Roten Kreuzes sind im Bezirk zu finden: -

Ehrwald: 2 Hauptamtliche und 30 freiwillige Mitarbeiter (2 Fahrzeuge)

-

Elbigenalp: 2 Hauptamtliche und 45 Freiwillige (2 Fahrzeuge)

-

Reutte: 13 Hauptamtliche, 6 Zivildiener, 55 Freiwillige, 49 freiwillige Mitarbeiter für Essen auf Rädern (11 Fahrzeuge)

-

Tannheim: 2 Hauptamtliche und 37 freiwillige Helfer (2 Fahrzeuge)

5.2.3. Ambulance Tirol Mit Ambulance Tirol steht noch ein zweiter Betreiber für Krankentransporte zur Verfügung.

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5.2.4. Bestehende und geplante Angebote für alternative Betreuungsmodelle Im Seniorenheim zum guten Hirten in Reutte wird eine Tagespflege angeboten (Leitung: Katherina Schlichtherle). Die 10 Betreuungsplätze sind nahezu belegt (aktuell 9). Die Abholung und Rückbringung wird dabei vom Haus organisiert, was ein großer Vorteil für die Angehörigen bedeutet. Die Verpflegung ist inklusive. Im Nachbarhaus („Haus der Geborgenheit“) befinden sich aktuell 9 Wohneinheiten für betreutes Wohnen, alle Wohnungen sind belegt. Die Bewohner organisieren ihr Leben dabei autark. Der Notruf kann über das nahegelegene Heim abgedeckt, zudem kann Tagespflege in Anspruch genommen werden, die sonstigen Pflegeleistung werden über den SGS organisiert. Vom Verein Together in Breitenwang wird im Seniorengarten Tagesbetreuung für Senioren angeboten. Diese Möglichkeit wird aktuell nur von einer Person angenommen. Der Verein möchte den Bekanntheitsgrad anheben, allerdings gibt es keinen Vertrag mit dem Land und für die Betreuung kann daher keine Förderung des Landes in Anspruch genommen werden. In Breitenwang gibt es weiters 4 betreubare Wohnungen, die nach Bedarf an ältere Personen vergeben werden können, derzeit sind diese Wohnungen aber anderweitig belegt. Aktuell startet die Realisierung eines neuen gemeinnützigen Projekts in Ehrwald. In einer Wohnanlage sollen neben Startwohnungen für junge Familien auch 18 betreubare Wohnungen für ältere Mitbürger oder Mitbürgerinnen gebaut und 2018 fertiggestellt werden. Die Wohnungen wurden barrierefrei geplant und sind auch auf die Bedürfnisse dementer Personen angepasst. Mündliche Zusagen, sich an dem Projekt zu beteiligen, gibt es von den anderen Gemeinden des PV Zwischentoren. Die Vergabe der Wohnungen soll dann über die Gemeinden an Bedürftige erfolgen und wird nach Dringlichkeit (nicht nach Ansässigkeit) gereiht werden. Wird eine Wohnung reserviert, muss zwischenzeitlich die jeweilige Gemeinde die Mietkosten übernehmen. Ein Gemeinschaftsraum mit barrierefreiem WC und kleiner Küche (in Summe 90m²) wurde geplant. In diesen Räumlichkeiten soll für den Sozial- und Gesundheitssprengel Platz für eine Tagesbetreuung (12 Plätze) sein. Es ist geplant, dass auch das Rote Kreuz als Mieter in die neue Anlage einziehen wird. Mit diesem Stützpunkt wäre somit auch ein 24h Notdienst gewährleistet. Auf dem Areal befindet sich auch ein denkmalgeschütztes Gebäude, das mitintegriert wird. Darin soll ein Heimatmuseum und mit einer „Stube“ ein Begegnungsraum für die Kindergartenkindern und die Bewohner der Anlage entstehen.

5.2.5. Organisiertes Ehrenamt: Im Bezirk gibt es verschiedene Organisationen, in denen Ehrenamtliche soziale Dienste übernehmen. Im Verein „Zeit schenken“ in Reutte z.B. engagieren sich 19 Ehrenamtliche mit Sozialdiensten für ältere Mitbürger. In Höfen organisiert der Verein „Hand in Hand“ verschiedene soziale Dienste, darunter auch die Begleitung von älteren Personen.

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Nicht zu vergessen natürlich das Hospizteam im Haus Ehrenberg, das für die Betreuung schwer kranker und sterbender Menschen und ihren Angehörigen in Reutte und Umgebung zur Verfügung steht.

5.2.6. Palliativteam Außerfern https://www.bkh-reutte.at/de/medizinische-abteilungen/medsystemabteilungen/palliativteam/ Das Palliativteam ist eine Einrichtung des BKH Reutte und bietet Unterstützung für schwerkranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase und beim Übergang von stationärer zu ambulanter Behandlung und umgekehrt. Das Palliativteam arbeitet mit den ehrenamtlichen Hospizbegleitern, hilft Angehörigen und Betreuenden in belastenden Situationen und bei der Bewältigung der Sterbephase zu Hause. Im Bezirkskrankenhaus Reutte bilden eine Ärztin und zwei Pflegekräfte das Palliativteam. In den meisten Fälle werden Patienten außerhalb des Spitals begleitet: Die meisten Leistungseinheiten werden dabei für medizinzische und pflegerische Betreuung sowie sozialpsychologische Gespräche erbracht.

5.2.7. Pflegeberatung bzw. Case- und Caremanagement https://www.bkh-reutte.at/de/pflege/pflegeberatung/ Neben dem Entlassungsmanagement, das vom Krankenhaus automatisch abgedeckt wird, wird in Reutte auch ein Case- und Caremanagement angeboten. Obwohl im BKH angesiedelt, ist die Pflegeberatung eine unabhängige und kostenlose Einrichtung für Betroffene, Angehörige und Interessierte. Als Pilotprojekt vom Tiroler Gesundheitsfonds 2014 gestartet, wurden diese Stellen nun fix implementiert. Die Beratungsleistungen umfassen sowohl die Angebote von stationären Einrichtungen (Heimen, Krankenhaus) als auch mobiler Pflege- und Betreuungsorganisationen und Vereinen.

5.2.8. Private Anbieter von Pflege- und Betreuungsleistungen Mobi Care http://www.betreuungspflegedienst.at/ ist ein privater Anbieter von Pflegediensten und sozialer Betreuung. Die Organisation bietet alle Formen von Leistungen an (auch Nacht, Wochenende, 24h) und arbeitet auch mit gemeinnützigen Organisationen zusammen. Da es keinen Vertrag mit dem Land Tirol gibt, können die Kosten nicht abgerechnet werden. Viele der betreuten Patienten leiden an Demenz oder benötigen andere Formen der Langzeitbetreuung. Durchschnittlich betreut MobiCare 16 Personen, v.a. im Raum Reutte, mit den Kooperationspartnern stehen sieben Mitarbeiter zur Verfügung. Im Jahr 2015 nahmen 127 Personen im Bezirk Reutte eine 24h Betreuung in Anspruch und rechneten Kosten dafür mit dem Land ab. Die Organisation wird dabei von privaten Agenturen, wie z.B. AIS GmbH http://www.ais-24stundenbetreuung.com/personenbetreuung/tirol/reutte/ übernommen.

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5.3.

Schnittstellen und Vernetzung zu den Anbietern und Dienstleistern von mobiler Pflege und sozialer Betreuung

5.3.1. Haus Ehrenberg Wohn- und Pflegeheim http://www.hausehrenberg.at/ Der Träger des Wohn- und Pflegeheims Haus Ehrenberg ist der Gemeindeverband, das Haus ist somit das Bezirkspflegeheim für Bewohner aller Gemeinden des Bezirks und liegt direkt neben dem Krankenhaus. 2009 wurde die letzte Erweiterung auf die aktuelle Betreuungskapazität von 81 Personen durchgeführt. Das Heim bietet 76 Langzeitpflegeplätze und fünf Kurzzeitpflegeplätze an und ist in fünf Wohnbereiche gegliedert. Pro Wohnbereich sind 15-17 Personen meist in Einzelzimmern (nur 3 Doppelzimmer) untergebracht. Ein Bett wird als Palliativbett geführt. Laut Kalkulationen 2016 (Abt. Statistik Tirol) sind 8,6% Wohnplätze und 91,3% Pflegeplätze. Im Heim arbeiten 87 Mitarbeiter (darunter viele Teilzeit MA), 50% davon sind diplomierte Gesundheitskrankenpfleger, zudem unterstützen 50 Ehrenamtliche mit im Schnitt 110h Sozialdienst/Woche das Pflegeteam. Die Warteliste auf einen Heimplatz umfasst im Schnitt 30 Personen.

5.3.2. Haus zum Guten Hirten http://www.reutte.at/Verwaltung/Haus_zum_guten_Hirten Seit Oktober 2002 wird das Altersheim der Marktgemeinde Reutte unter dem Namen „Seniorenzentrum Haus zum Guten Hirten“ geführt. Nach einer neuerlichen Bauphase von 2009 – 2011 bietet das heutige Seniorenzentrum 62 Einzelzimmer auf vier Etagen und zwei Kurzzeitpflegeplätze an. Laut Kalkulationen 2016 sind im Haus zum guten Hirten 19% der Plätze Wohn- und 81% Pflegeplätze. Als spezieller Schnittpunkt zur mobilen Pflege steht das Angebot im Haus für zehn Tagesbetreuungsplätze sowie für neun betreute Wohnungen. 72 Mitarbeiter sind im Haus beschäftigt, sie werden von 25 Ehrenamtlichen unterstützt, die ca. 20 h/Woche Sozialdienst leisten Im Zuge der letzten Um- und Zubauaktivitäten hat das Planungsteam Anforderungen der EdenAlternative in den baulichen Maßnahmen berücksichtigt. Das Haus legt großen Wert auf ein aktives Programm und hat ein eigenes Team, das ein Wochenprogramm durchführt.

5.3.3. Pflegeinsel http://pflegeinsel.at/ Die Pflegeinsel in Bach/Benglerwald liegt auf 1250 m Seehöhe und bietet Kurzzeitpflege für max. drei Klienten („Gäste“). Betrieben wird die private Einrichtung Pflegeinsel von Raimund Wolf (DGKP) in Kooperation mit dem SGS. INTESI - Profil zur mobilen Pflege und sozialen Betreuung im Ausserfern

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Pflegeleistungen können über den Sprengel abgerechnet werden, das Pflegegeld der Gäste wird dabei nicht unterbrochen, die Deckelung von 90 Stunden Pflegeleistung/Monat wird selten erreicht.

5.3.4. Ambulante

Gesundheitsversorgung

(Allgemeinmedizin,

Fachärzte,

Apotheken,

Therapeuten) Unter Punkt 2.2. wurde bereits der Grad der Gesundheitsversorgung im Bezirk Reutte dargestellt. Den niedergelassenen Allgemeinmedizinern kommt im Bezirk in Bezug auf die Versorgung der älteren Bevölkerung eine bedeutende Rolle zu. Sie kennen die Bewohner meist über Jahre und genießen ein großes Vertrauen. Die Hausärzte stellen im Normalfall die Verordnungsschreiben für den Pflegebedarf aus, in den Arztgesprächen tauschen Mediziner und mobile Pflegekräfte Informationen über die Patienten aus. Die Hausärzte sind daher eine wichtige Schnittstelle für die Anbieter von mobiler Pflege. Niedergelassene fachärztliche Versorgung ist nur in Reutte zu finden. Für Bewohner aus den peripheren Gebieten bedeutet dies, dass sie lange Anfahrtszeiten in Kauf nehmen müssen. Werden Güter aus der Apotheke benötigt, können diese, sofern vorhanden, nur vom praktischen Arzt und seiner Hausapotheke oder in einer der drei öffentlichen Apotheken in Reutte bzw. Ehrwald besorgt werden. Für SGS-Klienten übernehmen meist die Mitarbeiter des Sprengels die Organisation der verschriebenen Medikamente.

5.3.5. BKH Reutte https://www.bkh-reutte.at/ Das BKH Reutte übernimmt neben der stationären auch einen Teil der ambulanten Versorgung, weil für bestimmte Fächer (z.B. Augenheilkunde und Kinderheilkunde) keine Fachärzte im Bezirk verfügbar sind. Das Modell der in den Spitalsbereich integrierten Ordinationen, die die erbrachten Leistungen auch nach ambulantem Schema abrechnen dürfen, hat sich als für diese Region gute Lösung herausgestellt. Nach einer akutstationären Behandlung steht die Organisation der Pflege und Nachbetreuung an. Dem Krankenhaus kommt daher eine wichtige Rolle als Schnittstelle zur mobilen Pflege zu. Von Seiten des Krankenhauses wird dies über das Entlassungsmanagement zur Verfügung gestellt. Nach wie vor gibt es im Bezirk Reutte keine Übergangspflegebetten, diese könnten das BKH deutlich entlasten und eine wichtige Lücke zwischen stationärer und mobiler Pflege schließen.

5.3.6. Vernetzungsaktivitäten & Initiativen (REA, Pflegedrehscheibe, Freiwilligenzentrum) Verein REA (Regionalentwicklung Ausserfern) http://www.allesausserfern.at/rea REA wurde im Jahr 1995 gegründet und ist ein Zusammenschluss aller 37 Gemeinden des Bezirks sowie zahlreicher öffentlicher und privater Organisationen mit dem Ziel, die Entwicklung des Bezirks Reutte voranzutreiben und eine gemeinsame Sektor- und gemeindeübergreifende Plattform zu bieten. Seit dem Jahr 2001 ist REA eine Lokale Aktionsgruppe (LAG) gemäß Leader. Die 4. Leader Periode umfasst die Jahre 2014 – 2020. In einer lokalen Entwicklungsstrategie wurden für diesen Zeitraum Ziele zu verschiedenen Aktionsfelder definiert, die mit gezielten Maßnahmen erreicht werden sollen.

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Auf Initiative von Bezirkshauptfrau Katharina Rumpf, unter der Begleitung von Sonja Ledl-Rossmann und der Koordination des Prozesses durch den Verein REA haben sich die Organisationen, die pflegerische und soziale Dienste leisten, zu einer losen Plattform formiert – genannt Pflegedrehscheibe. Die Pflegedrehscheibe ist eine lose Plattform für alle Organisationen, die pflegerische und soziale Dienste leisten, um sich in gemeinsamen Themen abzustimmen und Ressourcen zu bündeln. Die Drehscheibe sorgt für einen umfassenden Informationsaustausch und damit für ein übersichtlicheres Angebot im Pflegebereich. Daraus entstanden z.B. die Kommunikationsoffensive 2015 (REeins: Serie Pflege im Ausserfern http://www.reeins.tv/home/ ) oder der Schwerpunkt Pflegeausbildung 2014, bei dem es in enger Zusammenarbeit aller Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen gelang, interessante Fortbildungsschwerpunkte

zusammenzustellen

und

über

500

Fortbildungsplätze

für

das

Pflegepersonal zu schaffen. Organisatorisch betreut wird die Pflegedrehscheide durch den Verein REA (Teilnehmer: BH, Heime, Pflegeinsel, BKH, Palliativteam, SGS, Verein Together, Lebenshilfe, Politische Vertreter) In der REA angesiedelt ist auch das Freiwilligenzentrum Außerfern. Im Jahr 2015 starteten tirolweit die Freiwilligenzentren (FWZ) in Zusammenarbeit mit den Regionalmanagements der einzelnen Bezirke. Die FWZ sollen als Bündelung und Informationsquelle für die Freiwilligenarbeit dienen und die Koordination erleichtern. In Reutte wird das FWZ von Frau Michaela Perktold geleitet. Als eines der Ziele wurde auch die Weiterentwicklung der Pflegedrehscheibe definiert, sowie die Rekrutierung weiterer Freiwilliger für soziale Betreuungsdienste. Demenzstammtisch: Jeden 3. Montag im Monat organisiert das Haus Ehrenberg im Hotel Gasthof zum Mohren in Reutte einen Stammtisch für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. In entspannter,

vertrauter

Atmosphäre

treffen

sich

pflegende

Angehörige

bei

der

Informationsveranstaltung und tauschen persönliche Erfahrungen aus und geben sich gegenseitig Hilfestellung.

5.3.7. Pflegeschule Reutte http://www.gkps-reutte.at/ Gegründet wurde die Pflegeschule Reutte, die an das Bezirkskrankenhaus angegliedert ist, 1990, ca. 100 Schüler werden laufend in den diversen Ausbildungszweigen unterrichtet, dies umfasst die Ausbildung zu diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (auch als Kombistudium Pflege mit

der

privaten

Universität

für

Gesundheitswissenschaften,

Medizinische Informatik und Technik (UMIT) in Hall in Tirol zum Bachelor of Science in Nursing), die Ausbildung zur Pflegeassistenz, zu Heimhelfer und zu Ordinationsassistenzen. Jährlich gibt es viel mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Ob sich die Pflegeausbildung neu, die in Tirol aktuell kurz vor der Umsetzung steht, auf den Nachwuchs für die mobile Pflege im Ausserfern auswirkt, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden. INTESI - Profil zur mobilen Pflege und sozialen Betreuung im Ausserfern

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Wichtig für die Pflegeschule wäre es, einen jährlichen Start der Ausbildung zu DGKP zu garantieren, derzeit gibt es Überlegungen, die Ausbildung nur mehr 2- oder 3 jährig zu starten.

5.3.8. Leistungsträger und Ämter Wichtige Schnittstellen für die administrative Abwicklung der Leistungen im Bereich der mobilen Pflege

und

sozialen

Betreuung

sind

selbstredend

auch

Sozialversicherungen,

Pensionsversicherungsanstalt, die Bezirkshauptmannschaft, Gemeindeämter und andere öffentliche Einrichtungen.

5.4.

Räumliche Verteilung der Leistungsangebote

Betrachtet man die geografische Verteilung der unter Punkt 4.2 beschriebenen Dienstleister, zeigt sich, dass die meisten Sozial- und Betreuungseinrichtungen im Zentralraum Reutte liegen (Abb. 8).

Abb. 8: Räumliche Verteilung der öffentlichen Leistungsanbieter für mobile und stationäre Pflege sowie soziale Betreuung im Ausserfern

Mit der Realisierung des geplanten Projekts in Ehrwald wird künftig auch im Planungsverband Zwischentoren ein verbessertes Leistungsangebot bestehen. Neben der Gesundheitsversorgung ist

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somit auch das Angebot an Pflege- und Betreuungsleistungen auf die Umgebung von Reutte konzentriert. Auch wenn die Mitarbeiter des Sozial- und Gesundheitssprengels und das Palliativteam den gesamten Bezirk mit mobilen Leistungen versorgen, muss bei der Betrachtung des Status Quo auf eine unterschiedliche Versorgungsqualität, v.a. in Hinblick auf alternative Betreuungsformen zwischen den Planungsverbänden Reutte u.U. und Zwischentoren zu den peripheren Regionen des Bezirks, v.a. dem Tannheimertal und dem Oberen Lechtal hingewiesen werden.

5.5.

Dokumentation, Kommunikation und Datenaustausch

In den Kapiteln 4.1. und 4.2. wurden Dienstleister und Schnittstellen beschrieben, die im Bezirk Reutte im Bereich der mobilen Pflege und sozialen Betreuung zusammenarbeiten. Auch wenn die Versorgungsleistungen vielfach ineinandergreifen, haben all diese Akteure eigene administrative Abläufe und benötigen spezifische Datensätze.

5.5.1. Status Quo und Ausblick im Datenmanagement Seit 2016 verfügt der Sozial- und Gesundheitssprengel über eine DVR Nummer und ist somit berechtigt, elektronische Datenbanken zu führen. Im April 2016 startete der Sprengel zudem im Rahmen der tirolweiten Initiative mit der Digitalisierung der Pflegedienste. Eine App wurde installiert, die den Mitarbeitern die Durchführung einer effizienten Dienst- und Tourenplanung sowie eine online Dokumentation

ihrer

Leistungen

ermöglicht.

Die

Einführung

einer

elektronischen

Pflegedokumentation steht als nächster Schritt bevor. Dieser Datenverkehr soll dabei in einem besonders gesicherten Netz erfolgen. Im Zuge der Umstellung wurde auf die Kompatibilität der neuen Software mit der elektronischen Gesundheitsakte ELGA geachtet. So können im Bedarfsfall pflegerische und medizinische Informationen mit Heimen, Ordinationen oder Spitälern ausgetauscht werden. Mit der Landesförderung sind die Investitionskosten wie Softwarelizenzen, Schulung und Projektbegleitung gedeckt. Die notwendigen Investitionen in Hardware sowie der laufende Betrieb werden von den Organisationen getragen. Im BKH Reutte gibt es aktuell ein KIS System für die Patientendaten; alle dem BKH zugehörigen Stellen sowie in Geschäftsbeziehung stehende Personen haben Zugang zu den Patientenakten: z.B. niedergelassene Ärzte, die als Konsiliarärzte zu einem Fall gezogen werden, Mitarbeiter des Palliativteams sowie die Mitarbeiter des Case- und Caremanagements. Ab März 2017 soll laut Plan ELGA im BKH eingeführt werden, sodass ein Datenaustausch zwischen intra- und extramuralen medizinischen Einrichtungen möglich sein soll.

5.5.2. Status Quo im Datenaustausch Der Datenaustausch an den Schnittstellen von stationären und ambulanten Gesundheitseinrichtungen sowie Pflegeeinrichtungen und den Leistungsträgern findet aktuell nur sehr eingeschränkt statt. Dies bedeutet, dass Daten meist mehrfach erhoben und dokumentiert werden müssen. Dadurch besteht die Gefahr, dass es dabei zu Informationsverlusten bzw. -verzögerungen kommt, was in weiterer Folge zu einer Qualitätsminderung in den Pflegeleistungen führen kann. In Abb. 9 wurde ohne Anspruch auf INTESI - Profil zur mobilen Pflege und sozialen Betreuung im Ausserfern

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Vollständigkeit ein Datenflussdiagramm zwischen Akteuren des Gesundheits- und Pflegebereiches dargestellt. Viele Informationen werden demnach nach wie vor auf Papierwegen von A nach B transferiert

und

bedeuten

dadurch

enormen

Dokumentationsaufwand

und

zeitliche

Informationsverzögerung.

Abb. 9.: Datenaustausch und Kommunikation zwischen Anbietern von Gesundheit- und Pflegeleistungen und Patienten - ohne Anspruch auf Vollständigkeit (BKH= Bezirkskrankenhaus)

Im Zuge des Entlassungsmanagements z.B. erhalten Patienten sowie Hausärzte den Arztbrief mit Diagnosen, allerdings ohne diagnostische Befunde. Wird Pflegebedarf ärztlich bestätigt, ermöglicht ein Verordnungsschreiben der Hausärzte oder in seltenen Fällen auch des Case- und Caremanagements dem Patienten die nächsten Schritte in der Organisation der professionellen Unterstützung. Anträge, Dokumente, Bestätigungen müssen dann per Papier eingeholt und administriert werden. Das Verordnungsschreiben gilt 28 Tage und muss daher monatlich via Papierdokument verlängert werden, Die Mitarbeiter des SGS übernehmen dabei meist die Administration der Verlängerung.

6. SWOT – Analyse Um die Versorgung der älteren betreuungs- und pflegebedürftigen Bevölkerung im Ausserfern evaluieren zu können, wurde basierend auf den erhobenen quantitativen und qualitativen Daten und in Hinblick auf die Bedarfssituation eine SWOT Analyse durchgeführt, um Stärken, Schwächen, Chancen und Herausforderungen benennen zu können. Die Analyse beruht auf der internen Sicht von Schlüsselpersonen aus dem Ausserfern sowie auf externer Sicht von Experten des Landes Tirol.

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Stärken  Organisation des Sozial- und Gesundheitssprengels seit Jänner 2016 durch eine eigene Geschäftsführung: betriebswirtschaftliches Know-how und Organisation für den SGS, eine einzige Administrationseinheit verwaltet den gesamten Sprengel.  REA: Die Regionalentwicklung Ausserfern ist eine Plattform zur Bündelung verschiedener Themen. Im Strategiepapier „Regionalentwicklung Ausserfern“ wurden bereits zu verschiedenen Themen Aktionspläne ausgearbeitet, um definierte Ziele erreichen zu können, darunter auch für den Bereich Pflege und mobile Versorgung. Konkrete Maßnahmen, die bereits umgesetzt wurden, sind die Kommunikationsoffensive Pflege sowie eine Ausbildungsoffensive.  Auch von der REA organisiert, dient die Pflegedrehscheibe als Kommunikationsplattform so gut wie für alle Organisationen, die Pflege und soziale Betreuung im Ausserfern anbieten.  Der Zentralraum Reutte bietet eine gute medizinische und pflegerische Versorgung. Die Kombination zwischen Krankenhaus und fachärztlicher Versorgung, Telemedizin mit dem Landeskrankenhaus Innsbruck ersetzt Fachabteilungen im BKH Reutte, einige alternative Pflegeund Betreuungsangebote (Tagespflege, Essen auf Rädern, usw.) sind zu finden.  Im Bezirk gibt es engagierte Einzelpersonen mit viel Erfahrung, die helfen Ideen umzusetzen.  Das Freiwilligenzentrum Außerfern wurde 2015 gegründet und hilft bei der Koordination und Akquise der Ehrenamtlichen.  Ehrenamtliche in den Außenstellen des Sprengels, des Roten Kreuzes, im Hospiz wie auch in den Heimen übernehmen wichtige soziale Betreuungsarbeit.  Etablierte unabhängige Pflegeberatung (Case-u Caremanagement), die nach einer Pilotphase fix im Bezirkskrankrankenhaus implementiert werden konnte. Schwächen  Mangelndes Bewusstsein in der Bevölkerung, dass Unterstützung von professionellen Pflegekräften für pflegende Angehörige enorm wichtig ist.  Medizinische Versorgung in der Peripherie durch beschränkte Wahlmöglichkeiten an Allgemeinmedizinern und das komplette Fehlen von Fachärzten und von öffentlichen Apotheken.  Kaum Angebote für soziale Betreuung und alternative Pflegemodelle in der Peripherie (Tagespflege, Essen auf Rädern,…).  Personalfluktuation im Sozial- und Gesundheitssprengel durch erschwerte Arbeitsbedingungen, Nachwuchs im Pflegebereich fraglich, kein Zuzug aus dem Inntal.  Keine Palliativ- bzw. Notfallbetreuung an Wochenenden und in der Nacht, da der aktuell gültige Kollektivvertrag der Sprengelmitarbeiter keine Möglichkeit für Nachtdienste zulässt.

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 Hoher administrativer Aufwand und fehlender Datenaustausch zwischen den Einrichtungen. Der Informationsaustausch zwischen den Einrichtungen funktioniert nur eingeschränkt, da einerseits andere Software und Pflegedokumentationssysteme im Einsatz sind und auch die datenschutzrechtlichen Voraussetzungen noch ungeklärt sind.  „Marketing“ der Institutionen: Öffentlichkeitsarbeit und lokalpolitische Unterstützung in den Gemeinden sind nicht immer ausreichend. Herausforderungen  Allgemeine

Rahmenbedingungen:

Sicherstellung

der

Gesundheitsversorgung

(Fachärzte,

Sprengelärzte), finanzielle Mittel der Gemeinden, die Gesetzgebung gibt oft einen starren Rahmen vor.  Wie unter Punkt 1 erläutert sind dünn besiedelte Gebiete wie das Ausserfern und im speziellen Maße das Obere Lechtal noch stärker von der Veränderung der Gesellschaftsstruktur betroffen als Zentralräume.  Steigende Zahl an Demenz erkrankten Personen: Die Prävalenzraten steigen mit dem Alter rapide an, so leiden in der Personengruppe von 60 - 69 Jahre nur etwa 1% an Demenzerkrankungen, die Rate verdoppelt sich dann in etwa in fünf Jahresschritten, sodass bei den über 90 Jährigen bereits über 40% an Demenz erkrankt sind (Zahlen nach Alzheimer Europe EuroCoDe).  Personal für mobile Pflege: um auch künftig ausreichend Personal für die laut Kapitel 3 Bedarfsplanung benötigten mobilen Pflegeleistungen verfügbar zu haben, muss der Nachwuchs an Pflegekräften aus den Pflegeschulen gesichert sein. Da die Arbeitsbedingungen im mobilen Bereich schlechter sind als in der stationären Pflege, ist darauf zu achten, den Beruf der mobilen Pflege künftig möglichst attraktiv zu gestalten.  Geografische Herausforderungen im Ausserfern für mobile Pflegekräfte und Betreuer, z.B. Schnee, weitabgelegene Klienten oder regelmäßiger Stau auf der Fernpassstrecke. Chancen  Digitalisierung und telemedizinische Lösungen (z.B. Teleradiologie, Telepathologie mit dem Landeskrankenhaus Innsbruck) und technisch unterstützte Modelle in der Gesundheitsversorgung und dem Gesundheitsmonitoring.  Neue Modelle und Initiativen in der sozialen Betreuung von älteren Menschen durch Gruppen- und Tagesbetreuungen. Durch eine Veränderung des Ehrenamts (keine langfristigen Verpflichtungen, keine Übernahme von Funktionen aufgrund von Haftungsfragen) könnten neue Formen von Freiwilligenarbeit entstehen (z.B. Zeitbanken) und dadurch neues Potential rekrutiert werden.  Steigende Akzeptanz in der Bevölkerung für Unterstützung von pflegenden Angehörigen

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7. Strategien zur Optimierung der Versorgung – Chancen nützen In diesem Kapitel sollen als Ausblick Strategien zur Optimierung der Versorgung beschrieben werden, die auf den Chancen der gegenwärtigen Zeit beruhen.

7.1.

Technische Unterstützung

Die allgemeine Technologisierung der Welt macht auch vor dem Gesundheitsbereich nicht Halt und bietet der Versorgungsmedizin vielfältige Möglichkeiten. Laufend werden neue Systeme, Softwares und Apps auf den Markt gebracht, die selbstbestimmten Umgang mit Gesundheit und Sicherheit sowie effiziente Dokumentation und Austausch von Gesundheitsdaten erlauben. Diese Maßnahmen können einerseits ältere Menschen unterstützen, möglichst lange selbstständig und selbstbestimmt daheim zu leben und auf der anderen Seite helfen, die Arbeit der professionellen Pflegekräfte auf pflegerische Aktivitäten zu konzentrieren. Für den Bezirk Ausserfern könnten folgende Ansätze positive Effekte in Bezug auf die Sicherung der Versorgungsleistung haben:

7.1.1. Digitalisierung und Datendokumentation Die bereits geplanten Einführungen von Pflegedokumentationssystemen im Sprengel und der ELGA im BKH Reutte sowie später in den niedergelassenen Bereich kann für ein effizienteres Datenmanagement an den Schnittstellen sorgen. Hier sollte es künftig machbar sein, neue Systeme von Beginn an miteinander zu koppeln und unter Beachtung des Datenschutzes einen Datenaustausch unter reduziertem Administrationsaufwand zu ermöglichen.

7.1.2. Telemonitoring/Telemedizin/Telecare Gesundheitsmonitoring ermöglicht den Klienten bzw. Patienten, ihren eigenen Zustand zu überwachen und gesundheitsbezogene Daten an den behandelnden Arzt und/oder an das Pflegepersonal zu übermitteln. Besonders bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herzinsuffizienz kann sogenanntes „Patient Empowerment“ dazu führen, dass ältere Personen besser und selbständiger in Bezug auf ihre Erkrankung handeln können. Anhand der regelmäßigen Messung bzw. Erhebung von Basisinformationen (z.B. Blutdruck, Puls, Blutzucker, Sauerstoffsättigung, körperliche Aktivitäten, Ausscheidung, Ernährung, Medikamenteneinnahme, Schmerz) können Risikound Schutzfaktoren für Notfälle frühzeitig identifiziert werden. Durch eine Rückkoppelung lassen sich wiederum Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention ableiten, die gegebenenfalls eine (Re-)Hospitalisierung verhindern oder eine Pflegebedürftigkeit verzögern können. Vorteile entstehen sowohl für den Patienten selbst als auch für das medizinische/pflegerische Personal, dem durch den kontinuierlichen Datensatz bei geringerem Arbeitsaufwand qualitativ bessere Informationen zur Verfügung stehen. Ein gutes Praxisbeispiel dazu ist das Projekt HerzMobil Tirol, das derzeit im Großraum Innsbruck mit rund 140 Patienten durchgeführt wird. Personen mit diagnostizierter Herzschwäche senden ihre Vitaldaten (Blutdruck, Herzrate, Körpergewicht), sowie Informationen über Medikamenteneinnahme INTESI - Profil zur mobilen Pflege und sozialen Betreuung im Ausserfern

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regelmäßig mittels Smartphone an eine Datenbank. Werden bestimmte Grenzwerte überschritten, wird dies automatisch gemeldet und vom behandelnden Arzt und dem geschulten Pflegepersonal eine medizinische Intervention eingeleitet. Mit dem Programm konnte die Zahl der Wiederaufnahmen ins Krankenhaus deutlich gesenkt werden. Die Erkrankungen konnten erfolgreich stabilisiert und dadurch die Lebensqualität der Patienten gesteigert werden.

7.1.3. AAL und Smart Homes Mittlerweile gibt es viele unterstützende Technologien, die daheim lebenden älteren Personen ein großes Sicherheitsgefühl in den eigenen vier Wänden vermitteln können. Wie in Abschnitt 1.2 beschrieben, wird die Anzahl an alleinlebenden Personen in der Zukunft dramatisch zunehmen. Auch wenn diese Personen ihren Alltag noch alleine bewältigen können, fühlen sie oder die Angehörigen oft eine gewisse Unsicherheit. Durch AAL Systeme wie Notfallknöpfe, Bewegungssensoren, Sturzmatten, intelligenten Licht- und Sicherheitssystemen werden Notfälle rasch erkannt und Hilfe automatisch angefordert.

7.2.

Initiativen für neue und erweiterte Angebote für soziale Betreuung

Technologische Unterstützung schafft zweifelsohne eine Verbesserung und Effizienzsteigerung für die Arbeit von Pflegepersonal und für die Sicherheit von älteren alleinleben Personen oder deren Angehörigen. Nicht vergessen werden dürfen dabei die psychosozialen Aspekte von älteren Personen und die Unterstützung von pflegenden Angehörigen. Technologische Unterstützungen, die den Kontakt von Pflegepersonal zu Klienten reduzieren, können die soziale Isolation von älteren Menschen wieder verstärken. Als Kompensation dieses Effektes wird es daher künftig notwendig sein, parallel zur Technologisierung der mobilen Pflege neue Modelle oder Initiativen der sozialen Betreuung zu installieren, die auf Gruppenbetreuung oder Freiwilligenarbeit beruhen. Dies können z.B. Projekte von und für Ältere (z.B. Zeitbanken) oder Green Care Projekte sein, bei denen soziale Betreuung als neues Betätigungsfeld für landwirtschaftliche Betriebe aufgebaut wird. Initiativen wie der Demenzstammtisch ermöglichen pflegenden Angehörigen Unterstützungen und wichtige Informationen zu erhalten. Das Projekt in Ehrwald oder der Seniorengarten in Breitenwang zeigen durch neue Angebote mit Tagesbetreuungsplätzen, betreuten Wohneinheiten und altersübergreifenden Konzepten bereits solche innovativen Möglichkeiten auf. Hier sind in den Regionen maßgeschneiderte Modelle und engagierte Persönlichkeiten gefragt, um die soziale Betreuung der älteren Mitbürger auch in Zukunft sicherzustellen.

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8. Zusammenfassung und Ausblick Für das Profil „Mobile Pflege und soziale Betreuung im Ausserfern“ wurden einerseits quantitative Grundlagen in Bezug auf Prognosen zur Bedarfsentwicklung und Daten zur Gesundheits- und Pflegeversorgung erhoben, andererseits wurde durch Gespräche und Interviews mit Akteuren aus dem Bezirk Reutte und mit Experten des Landes Tirols versucht, qualitative Aussagen über die aktuelle Versorgungslage im Ausserfern zu tätigen. Verschieden quantitative Faktoren beeinflussen dabei die Bedarfsplanung für die mobile Pflegeversorgung. Die Ausgangszahlen für stationäre sowie für mobile Pflegeleistungen im Ausserfern lagen bis vor ein paar Jahren noch weit unter dem Tiroler Durchschnitt, in den letzten drei Jahren zeigte sich aber eine Entwicklung hin zu einer stärkeren Inanspruchnahme und neuer Initiativen. Die Prognosen für den Bezirk lassen aber auf eine stärkere Veränderung der Gesellschaftsstruktur in den peripheren Gebieten schließen. Der zu erwartende überdurchschnittlich hohe Anteil an über 65 Jährigen, v.a. in den Planungsverbänden Tannheimertal und Oberes Lechtal, und der immer stärker werdende Trend zu ein- und zwei-Personenhaushalten lässt ahnen, dass die Inanspruchnahme an mobilen Pflege- und Betreuungsleistungen sowie an 24-Stunden Betreuungen in den kommenden Jahren stark steigen wird. In der ambulanten Gesundheitsversorgung nehmen die Hausärzte eine zentrale Rolle und eine sogenannte „Goal Keeper“ Funktion ein. Künftig wird sich die Zusammenarbeit zwischen medizinischen und pflegerischen Dienstleistungen weiter verschränken, wie überhaupt das Schnittstellenmanagement inklusiv dem Datenaustausch zwischen diversen Akteuren von stationären und ambulanten/mobilen Einrichtungen, Freiwilligenorganisationen und Leistungsträgern optimiert werden muss. In der qualitativen Analyse wurden die Dienstleistungsanbieter für mobile Pflege und Betreuung und deren Schnittstellen beschrieben. Dabei zeigt sich, dass es innerhalb des Bezirks große Unterschiede in der räumlichen Verfügbarkeit von Pflege- und Betreuungsleistungen gibt. Teilstationäre oder alternative Pflege- oder Betreuungsmöglichkeiten wie Tagespflege oder Tagesbetreuung, betreutes Wohnen, soziale Dienste wie Essen auf Rädern etc. werden fast ausschließlich im Bereich Reutte bis Ehrwald angeboten und fehlen in den anderen Planungsverbänden. Besondere geografische Herausforderungen für mobile Pflege- und Betreuungseinrichtungen in diesen dünn besiedelten Regionen sind die weiten Distanzen zu entlegenen Klienten und der noch eher niedere Stellenwert für die professionelle Unterstützung von pflegenden Angehörigen. Um die häusliche Pflege im Bezirk Reutte auch in Zukunft sicherstellen zu können, müssen daher einerseits Personal und Leistungsausmaß des Sozial- und Gesundheitssprengels weiter ausgebaut werden und andererseits technische Unterstützung und ein sicherer Datenaustausch zwischen den Akteuren im Gesundheits- und Pflegebereich möglich sein. Neue Technologien sollen aber nicht nur auf Seiten der Dienstleistungsanbieter das Schnittstellenmanagement verbessern, sondern auch für eine Effizienzsteigerung der Pflegeleistungen sorgen. Dazu stehen mittlerweile auch für die

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Bevölkerung viele technologische Systeme für das eigene Gesundheitsmonitoring und die Sicherheit in den eigenen vier Wänden zu Verfügung. Ein wichtiger Aspekt bei der Ökonomisierung der Pflege durch technische Systeme ist es, die soziale Komponente in der Betreuung älterer Menschen nicht zu vergessen. Wenn durch Technologisierung der Kontakt zwischen zu Pflegenden und dem Pflegepersonal reduziert wird, wird es notwendig sein, als Kompensation verstärkt Angebote für soziale Unterstützung zu schaffen und dabei auf alternative Betreuungsmodelle wie Tages- oder Gruppenbetreuungen, Information und Unterstützung für Angehörige oder verstärkte Freiwilligenarbeit zurückzugreifen. Für das zu planende Pilotprojekt, das im Rahmen von INTESI im Bezirk Ausserfern durchgeführt werden soll, bedeuten die Ergebnisse des erarbeiteten Profils, dass gerade durch die speziellen geografischen Voraussetzungen

und

durch

die

geringen

Angebote

an

alternativen

Pflege-

und

Betreuungsmöglichkeiten in den peripheren Gebieten technologische Unterstützung in der häuslichen Pflege vielfältige Vorteile bringen kann. Erstens wird das Pflegepersonal in seiner Effizienz unterstützt, zweitens wird älteren Menschen ein selbstbestimmteres Leben mit einem höheren Sicherheitsgefühl vermittelt und drittens können pflegende Angehörigen entlastet und unterstützt werden. Die Grundzüge für ein Pilotprojekt wurden im Anhang kurz skizziert. In Zusammenarbeit mit dem REA Regionalmanagement und dem Sozial- und Gesundheitssprengel sollte die Technologisierung der Pflegeleistungen dabei mit dem Setzen von Initiativen für dezentrale soziale Betreuungsmodelle einhergehen, um älteren Menschen im gesamten Bezirk künftig einen Mix aus der nötigen, technisch unterstützten Pflegeversorgung gekoppelt mit der bestmöglichen sozialen Betreuung zu ermöglichen.

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Literatur Demografische Daten Land Tirol: https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/statistikbudget/statistik/downloads/BEV2014.pdf Bundesweite Freiwilligenbefragung http://bmsk2.cms.apa.at/cms/freiwilligenweb/attachments/8/7/9/CH3565/CMS1448272164595/fwe _in_oe_-_bundesweite_bevoekerungsbefragung_2012.pdf Gemeindeprognose_2015-2030 - Land Tirol: https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/statistikbudget/statistik/downloads/Gemeindeprognose_2015-2030.pdf Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Österreich 2010 bis 2030 mit Ausblick bis 2050 („ÖROKRegionalprognosen“) http://www.oerok.gv.at/fileadmin/Bilder/2.ReiterRaum_u._Region/2.Daten_und_Grundlagen/Bevoel kerungsprognosen/Prognose_2010_Teil2/Endbericht_Modellrechnungen_Haushalte.pdf RSG – Regionaler Strukturplan Gesundheit Land Tirol https://wwwstatic.tirol.gv.at/t3tiro/fileadmin/_migrated/content_uploads/RSG_tirol_ambulantes_m odul.pdf Strukturplan Pflege 2012 – 2022 des Landes Tirol https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/gesellschaftsoziales/soziales/Publikationen/StrukturplanPflege_2012-2022.pdf Österreichischer Pflegevorsorgebericht 2014 https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/3/2/0/CH3434/CMS1454578199798/oester reichischer_pflegevorsorgebericht_2014.pdf

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Anhang – Grundzüge des INTESI Pilotprojektes in Außerfern Integration von Informations- und Kommunikationstechnologien zur Unterstützung mobiler Pflege und sozialer Betreuung Ass.-Prof. Dr. Eva Schulc, Institut für Gerontologie & demografische Entwicklung der UMIT Jutta Wetzlmair, BScN, Institut für Pflegewissenschaft der UMIT Ausgangspunkt Ausgehend aus den digitalen Ansätzen für die Sicherstellung der mobilen Pflege und sozialen Betreuung im Ausserfern, wie z.B. Telemonitoring, Telemedizin/Telecare, Smart Homes, erfolgt der Informationsaustausch mit den an der Versorgung beteiligten Akteuren. Der Gesundheits- und Sozialsprengel Ausserfern fungiert dabei als Drehscheibe im Austausch mit den Klienten. Des Weiteren sind dies die niedergelassenen Ärzte und Therapeuten, das BKH Reutte, vor allem aber auch alternative Betreuungsorganisationen, pflegende Angehörige bzw. informell Pflegende und freiwillige Helfer. Technologischer Ansatz Durch den Einsatz von Soft- und Hardware kann die Arbeit der mobilen Pflege in der Betreuung und Pflege der zu Hause lebenden Klienten unterstützt werden. Dafür werden klientenbezogene Informationen zum bio-psychosozialen Gesundheitszustand sowie Informationen zu pflegerischgesundheitlichen Maßnahmen herangezogen. Anhand der regelmäßigen Messung bzw. Erhebung von Basisinformationen (z.B Blutdruck, Puls, Blutzucker, Sauerstoffsättigung, körperliche Aktivitäten, Ausscheidung, Ernährung, Medikamente, Schmerz) können Risiko- und Schutzfaktoren für chronische Erkrankungen, Sturz, etc. identifiziert werden. Daraus lassen sich wiederum Maßnahmen zur Gesundheitsförderung

und

Prävention

ableiten,

die

gegebenenfalls

eine

(Re-)Hospitalisierung verhindern oder eine Pflegebedürftigkeit verzögern können. Die Erfassung der oben skizzierten Basisinformationen wird bereits von vorhandenen Technologien unterstützt und via Bluetooth auf ein Smartphone oder Tablet weitergeleitet. Im Anschluss werden die regelmäßig erhobenen Daten auf eine zentrale Plattform des Gesundheits- und Sozialsprengels transferiert und mit den anderen im Versorgungsprozess beteiligten Akteuren vernetzt. Zielsetzung und Zweck Eine mögliche Zielsetzung für das Projekt ist die Erfassung eines kontinuierlichen Monitorings von ausgewählten Basisinformationen zum funktionalen Gesundheitszustand. Aus den daraus generierten Daten können im Bedarfsfall zielgruppenspezifische Merkmale für die Pflege und Betreuung von älteren zu Hause lebenden Menschen abgeleitet werden. Mithilfe der Technologien wird der Gesundheits- und Sozialsprengel gestärkt und bei der Qualität der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung im Sinne der Klienten und eine Sicherstellung für die Zukunft unterstützt. Mehrwert für Klient/-innen und Pflegepersonen Der Mehrwert für Klienten zeigt sich durch die Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Autonomie im Alter. Das grafische „Sichtbarmachen“ des objektiven Gesundheitsverlaufs mit dem subjektiven

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Befinden und die einfache Anwendbarkeit ermöglichen eine gute Integrierbarkeit in den Alltag ohne zu stigmatisieren. Die grafische Darstellung hilft den Klienten bei der Interpretation der Daten im Sinne einer Gegenüberstellung des objektiven Gesundheitsverlaufs anhand der erhobenen Parameter im Vergleich zur subjektiven Gesundheitswahrnehmung. Zur Unterstützung der Selbstautonomie kann durch eine Signalgebung die Person zur rechtzeitigen Messung erinnert werden. Zusätzlich ermöglicht der Einsatz von Apps das Selbstmanagement der eigenen Gesundheit. Die Akzeptanz für die Technologie kann zusätzlich durch die Nutzung des Tablets von sozialen Netzwerken zur Kommunikation mit Familienangehörigen und/oder Freunden gefördert werden, was auch zu einer Reduktion der sozialen Isolation beiträgt. Aus Sicht der Pflegepersonen ist das Ziel eine kontinuierliche Langzeitüberwachung der Klienten, besonders in schwer erreichbaren Regionen im Ausserfern. Anhand der erhobenen Basisinformationen werden die Einschätzung und das richtige Erkennen von gesundheitlichen, pflegerischen Risiken unterstützt, die wiederum eine Identifikation von Risikogruppen erleichtert. Anhand der bestehenden Pflegedokumentation erfolgt eine lückenlose Dokumentation, aus der die Erstellung eines individuellen, klientenbezogenen Profils ermöglicht wird. Eine Optimierung der Pflege und Betreuung und die Zusammenarbeit mit Ärzten ermöglichen auch eine Therapieoptimierung. Schlussendlich ist der Mehrwert auch in der Aufrechterhaltung einer kontinuierlichen Pflege- und Betreuungsqualität aus einer multidimensionalen Sicht gegeben, in der der Gesundheits- und Sozialsprengel als Drehscheibe für den Austausch mit den anderen im Versorgungsprozess beteiligten Akteuren dient.

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