Was ist Vergebung? Und was ist sie nicht?

Was ist Vergebung? Und was ist sie nicht? Gliederung I. II. III. IV. Vergebung ist nicht "vergessen" Vergebung ist nicht "Entschuldigen" Vergebung is...
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Was ist Vergebung? Und was ist sie nicht? Gliederung I. II. III. IV.

Vergebung ist nicht "vergessen" Vergebung ist nicht "Entschuldigen" Vergebung ist (noch) nicht "Versöhnung" (Mt 18.15ff) Vergebung ist das Abgeben unserer Akten an Gott (Röm 12)

Einleitung Wir haben am letzten Samstag und Sonntag ein beeindruckendes Wochenende erlebt. Ich denke, der Vortrag von Ursula Link hat viele von Euch bewegt, und auch die Predigt von Heini am Sonntag hat nochmal einiges aufgegriffen. "Vergebung" ist ein riesengrosses Thema für jeden von uns, weil jeder von uns auf seinem Lebensweg verletzt worden ist und auch andere willentlich oder unwillentlich verletzt hat. Ich merke das im Moment ganz fest im Zusammenhang mit dem MyLifeKurs, den wir sowohl hier in Visp als auch im Gwatt durchführen. Da höre ich so viele Geschichten rund um Verletzung. Ich denke an ein Gespräch diese Woche mit einer Frau, die von ihrem Schwiegervater praktisch die ganzen Jahre nur Ablehnung erfahren hat. Und jetzt ist der Schwiegervater gestorben, und das, was da über Jahrzehnte an Ablehnung mit Worten geäussert und im Allgemeinen gelebt wurde, kommt plötzlich wieder hoch und steht im Raum – drohend und schwer, belastend und schwierig. Und ich merke, dass ich da gar nicht erst anderen zuhören muss. Sondern solche Situationen habe ich ja selber zig-fach erlebt. Ablehnung. Afterrede. Verleumdung. Rufmord. Das Gefühl, grenzenlos ungerecht behandelt und jeder Möglichkeit beraubt worden zu sein, mich erklären zu können. Oder irgend etwas tun zu können, dass mir "Gerechtigkeit" widerfährt. Und ich gehe davon aus, dass Ihr alle dieses Gefühl ebenfalls kennt. Und mitten in dieses Gefühl und in diese Erfahrungen von Verletzung und Ungerechtigkeit hinein fällt nun das Wort "Vergebung" (Titelfolie). Etwas, von dem wir alle wissen, dass es so wichtig wäre für uns selber. Etwas, von dem wir alle wissen, dass es Gott immens wichtig ist – denn immerhin ist "Vergebung" DAS Thema Gottes schlechthin, von der ersten Seite der Bibel bis zur letzten. Und uns ist bewusst, dass Vergebung der Schlüssel wäre, damit wir selber befreit und unbelastet weitergehen könnten. Aber wir wissen © Diese Predigt ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ausserhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Copyright-Inhabers unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. © Copyright 2012 by Daniel Rohner, FEG Visp

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oft nicht, was Vergebung nun wirklich ist, geschweige denn, wie wir vergeben können. Die Bibel sagt viel über Vergebung. So schreibt Paulus in Kol 3.13: 13 " Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Herr euch vergeben hat, so auch ihr!" Wir sollen vergeben, wie Gott uns vergeben hat. Und die Frage ist: Wie 25 vergibt Gott? Nun: In Jes 43.25 sagt Gott: " Ich, ich bin es, der deine Verbrechen auslöscht um meinetwillen, und deiner Sünden will ich nicht gedenken." "Ich will Deiner Sünde nicht mehr gedenken", sagt Gott. Das führt uns zu unserem ersten Punkt der Predigt. Nämlich dass Vergebung ein Akt des Willens ist, nicht in erster Linie eine Frage des Gefühls, wie Heini letzten Sonntag schon ausgeführt hat. Aber darüber hinaus zeigt der Text, dass Vergeben nicht bedeutet, dass man gleichzeitig auch "vergessen" müsste. I.

Vergebung ist nicht "vergessen"

Seht Ihr: Oft haben wir das Gefühl, dass wir nur dann wirklich "vergeben" hätten, wenn wir auch vergessen würden. Ich weiss nicht, woher diese Haltung kommt. Aber ich weiss, dass sie durch und durch falsch ist. Denn seht Ihr: Gott vergisst auch nicht. Gott KANN gar nicht vergessen. Könnte Gott vergessen, wäre er nicht allwissend. Gott weiss immer alles, und vergessen ist eine Eigenschaft, die mit Gottes Allwissenheit unvereinbar ist. Aber darauf kommt es nicht an. Es geht nicht darum, dass Gott vergessen müsste, um vergeben zu können. Sondern wenn Gott vergibt, dann heisst das, dass ER sich willentlich dafür entscheidet, unsere Sünde nicht mehr gegen uns zu verwenden. Sie nicht mehr gegen uns in's Feld zu führen. Und genau diese Haltung ist es, die auch unsere "Vergebungsbereitschaft" kennzeichnen soll. "Ich WILL Deiner Sünde nicht mehr gedenken!" – "Ich bin bereit, diese Sache, die Du mir angetan hast, nicht mehr gegen Dich zu verwenden. Ich lege sie weg, gebe sie ab, und entscheide mich dazu, Dich nicht auf diese Erfahrung zu reduzieren". Seht Ihr: Es gibt Dinge und Erfahrungen, die können wir nicht vergessen. Es gibt Wunden, die verheilen, sodass sie nicht mehr bluten. Aber die Narbe, die bleibt oftmals zurück. Und mitunter schmerzt sie halt doch noch von Zeit zu Zeit. Wenn das Wetter umschlägt, oder wenn es draussen kalt ist. Und genau gleich ist es mit "inneren Verletzungen". Die Wunde, die im Herzen geschlagen ist, kann zuheilen. Aber mitunter bleiben "Narben". Und dann und © Diese Predigt ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ausserhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Copyright-Inhabers unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. © Copyright 2012 by Daniel Rohner, FEG Visp

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wann, wenn man diese Narben anschaut, erinnert man sich – und es geht einem ein "Stich" durch's Herz. Immer wieder in der Seelsorge begegnen mir Menschen, die dann sagen: "Wissen Sie – ich dachte, ich hätte das vergeben. Die bösen Worte, die Verletzungen. Die Ablehnung. Aber wenn es so wäre, dann dürfte es doch nicht mehr schmerzen. Oder dann müsste ich doch das vergessen können…" – Wisst Ihr: Vergeben heisst nicht, vergessen. Sondern vergeben heisst: "Ich will diese Dinge nicht mehr als Anklage mit mir herumtragen". Genauso, wie Gott sagt: "Ich WILL Deiner Sünden nicht mehr gedenken!" Das ist das erste, das mir wichtig ist im Blick auf Vergebung. Das Zweite ist: Vergebung ist nicht "Schuldminimierung". II.

Vergebung ist nicht "Entschuldigen"

Seht Ihr, Paulus sagt in Kol 3.13: "Wenn jemand von Euch Klage gegen den anderen hat". Paulus geht also davon aus, dass es tatsächlich Situationen gibt, wo einer den anderen zu Recht anklagen könnte. Wo wirklich Dinge vorgefallen sind, die Grund zur Klage und zur Verletzung sind. Und gerade in diesen Situationen sollen wir vergeben. Ja, eigentlich müsste man sogar weitergehen und sagen: "Nur, wenn tatsächlich solche Dinge vorliegen und wir sie klar benennen und zuornden, KÖNNEN wir überhaupt erst vergeben!" Seht Ihr: Immer, wenn es um Schuld geht, stehen wir in der Gefahr, dass wir Schuld und Fehlverhalten schönreden oder schönreden lassen. Wenn es um uns selber geht, dann ist uns das bewusst. "Es war nicht so gemeint" / "ich wollte doch nur helfen" / "es ist nicht in böser Absicht passiert" etc. Und mitunter nehmen wir sogar noch "Gott" zu Hilfe und sagen: "Gott hat mich so geführt". Und manchmal ist das auch in Konflikt-Situationen der Fall. Dass wir die Schuld anderer minimieren und sagen: "Sie haben es nicht besser gewusst" / "sie dachten, sie würden guten Glaubens handeln" etc. Und sicher: Ich finde es enorm wichtig, dass wir einen seelsorgerlichen Blick haben für die Menschen, die uns verletzen. Das hilft mitunter zu verstehen, WARUM jemand getan hat, was er getan hat. Aber es entschuldigt nicht. Vergebung hat damit zu tun, dass Fehlverhalten eben nicht einfach "entschuldigt" wird, indem man es "minimiert" oder "schön redet", sondern dass Schuld auf den Tisch kommt.

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Denn seht Ihr: Man kann Schuld nur dort vergeben, wo Schuld auch als Schuld angesprochen wird. Wenn es deshalb um Vergebung geht, dann ist entscheidend wichtig, dass Du auch auf den Tisch legst, was passiert ist: Vor Dir selber (dass Du Dir mal bewusst wirst, wo Du verletzt worden bist) / vor Gott (dass Du vor IHM aussprechen kannst, was passiert ist und wie Du Dich fühlst) und (wo immer möglich): Auch vor den Menschen, die Dir Unrecht getan haben. Das ist entscheidend wichtig. Seht Ihr: Mit der Vergebung ist es ähnlich wie mit dem Putzen. Putzen macht nur dann Sinn, wenn man weiss, wo der Dreck wirklich ist. Ich habe Euch schon einmal erzählt von unserem Kühlschrank-Erlebnis, wo einige Tropfen Milch hinter den Kühlschrank in die Tropfschale gefallsen sind. Und nach einigen Tagen stank es in der ganzen Wohnung, wie wenn eine ganze Armee toter Mäuse vor sich hin verrotten würde. Und glaubt mir: Wir haben alles geputzt. Aber es stank immer noch. Erst, als wir die Quelle eruiert hatten, hörte es auf. Und genauso ist es oftmals im Leben. Wo immer die Schuld, die andere an uns verbrochen haben, nicht an's Licht kommt, wo sie ignoriert, minimiert oder schöngeredet wird, da kann keine echte Vergebung stattfinden. Da mag man von "Vergebung" sprechen, so wie man eine Wohnung von oben bis unten abstauben kann, aber man bringt den "Gestank" nicht weg. Und gerade Christen tun sich in der Regel schwer damit, Schuld als Schuld anzusprechen. Stattdessen breiten wir schnell einmal den "Teppich der evangelikalen Liebe und des Schweigens" über Verletzungen und meinen, wir hätten damit Dinge geregelt. Und wir merken nicht, wie es eben unter dem Teppich weiter schimmelt und stinkt. Und ich mache Dir Mut: Sprich die Dinge aus, die Dir angetan worden sind. Wo Du verletzt worden bist. Schreib das auf, weise es den entsprechenden Menschen auch zu. Und dann sag im Gebet: "Der und der hat dieses und jenes getan. Und das hat mich tief verletzt. Da fühle ich mich ungerecht behandelt, hintergangen, betrogen, Jesus. Und Du weisst es. Aber ich WILL DAS VERGEBEN! Hilf Du mir bitte dabei!" Damit zu einem dritten Punkt, der mir im Blick auf Vergebung wichtig ist. Zu einem weiteren Missverständnis bzgl. Vergebung. Nämlich dass Vergebung das gleiche ist wie Versöhnung.

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III.

Vergebung ist (noch) nicht "Versöhnung" (Mt 18.15ff)

Mitunter steht die Erwartung im Raum, dass – wenn wir nach einem Konflikt Vergebung aussprechen konnten – doch gleichzeitig auch Versöhnung stattfinden sollte. Dass also auf der emotionalen Ebene alles wieder gut ist. Und wenn man nicht "versöhnlich" empfindet, dass in dem Fall irgend etwas mit der Vergebung nicht in Ordnung war. Aber wisst Ihr: Vergebung ist nicht das Gleiche wie Versöhnung. Und Vergebung ist (noch) nicht Versöhnung. Vergebung KANN zur Versöhnung führen. Und es ist immer mega schön, wenn das der Fall ist. Aber es ist nicht zwangsläufig einfach eine automatische Folge. In Mt 18.15 sagt Jesus ja, wie wir damit umgehen sollen, wenn jemand 15 sündigt. Jesus sagt dort: " Wenn aber dein Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein! Wenn er auf dich hört, so 16 hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund 17 jede Sache bestätigt werde! Wenn er aber nicht auf sie hören wird, so sage es der Gemeinde; wenn er aber auch auf die Gemeinde nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide und der Zöllner!" Der Text wird oft als Leitlinie genommen für das, was in Gemeinden als "Gemeindezucht" praktiziert wird – also für den Umgang mit Menschen, die dem biblischen Moralkodex nicht gerecht werden. Aber der Gesamtzusammenhang des Textes spricht vielmehr von einer persönlichen Konfliktsituation, und auch spätere Handschriften, gerade der Scrivener Textus receptus (m.E. ein sehr guter griech. Text), fügen im Text hinzu: "Wenn aber Dein Bruder gegen Dich sündigt". Der Fokus ist also die persönliche Verletzung; wie soll ich vorgehen, wenn jemand an mir schuldig wird? – Nun: Ich soll das persönliche Gespräch suchen. Wenn das nichts nützt, soll ich Hilfe von aussen suchen. Und wenn das ebenfalls nichts nützt, so soll ich noch einen grösseren Kreis involvieren. Und wenn auch das nichts nützt, dann darf mir der andere sein wie ein Heide und Zöllner! Das heisst: In diesem Fall darf ich auch auf Distanz gehen. Denn das ist es, was ein gesetzestreuer Jude im Blick auf den Heiden und Zöllner gemacht hat. Er ging auf Distanz. Und wisst Ihr: Ich glaube, dass wir das auch dürfen. Dass man sich mit Respekt begegnen kann, aber auch mit einer gewissen Distanz. Man sagt: "Gebrannte Kinder scheuen das Feuer". Ich sage: "Verletzte Kinder scheuen die Beziehung zu denjenigen, die sie verletzt haben!"

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Es ist ja interessant, dass Petrus genau nach diesem Text fragt: "Ja aber, Jesus: Wenn nun jemand gegen mich sündigt, wie oft muss ich ihm denn vergeben?" Denn die Frage ist ja: Muss ich ihm denn überhaupt vergeben, wenn er weder auf mich, noch auf Berater, noch auf die Gemeinde hört? Heisst denn, dass ich auf Distanz gehen darf nicht auch automatisch, dass ich in so einem Fall nicht vergeben muss? – Und Jesus erzählt als Antwort auf diese Frage das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht, über das Heini letzten Sonntag gepredigt hat. Soll ich auch dann vergeben, wenn jemand seine Schuld überhaupt nicht einsieht? – Die Antwort ist: "Ja". Aber Du musst nicht zwangsläufig der beste Freund dessen werden, der Dich verletzt hat und seinen Fehler überhaupt nicht einsehen möchte. Es ist immer super, wenn Vergebung auch zur Versöhnung führt. Grundlage dafür ist aber, dass der andere seine Schuld auch einsieht und eingesteht. Tut er das nicht, dann ist Versöhnung ohnehin sehr, sehr schwierig – wenn nicht sogar fast unmöglich. Aber Vergebung – Vergebung ist auch dann möglich. Weil Vergebung viel mehr mit MIR zu tun hat als mit dem anderen. Und ich soll auch dann vergeben, wenn der andere seine Schuld nicht einsieht. Im Blick auf mein eigenes Leben gibt es den einen und den anderen, der mir Unrecht getan und sich bis heute nicht bei mir entschuldigt hat. Die Gründe dafür sind vielfältig. Und ich bin bewusst auf Distanz gegangen – einfach, um mich selber, meine Familie und auch meinen Dienst zu schützen. Aber ich habe bewusst vergeben. Einfach, weil ich nicht ständig mit diesem bitteren Nachgeschmack im Mund herumlaufen möchte. Damit zum vierten und letzten: "Was heisst Vergebung?" – Nun: Vergebung bedeutet, dass ich die Gerichtsakten, die ich mit mir herumschleppe und in denen die ganze Anklageschrift, die ich gegen den anderen verfasst habe, abgebe. Weg-gebe. Damit sich ein anderer darum kümmern kann: Gott selber nämlich.

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IV.

Vergebung ist das Abgeben unserer Akten an Gott (Röm 12)

Seht Ihr: Wenn man verletzt wird, dann hat man eigentlich nur 2 Möglichkeiten: Man sucht sein eigenes Recht und rächt sich selber. Oder aber man gibt sein Recht auf Genugtuung ab und sagt Gott: "Du musst mir Recht verschaffen". Und letztlich kommt mangelnde Vergebungsbereitschaft dem gleich, dass wir ständig mit dem ganzen Ordner-Stapel voller Beweismittel und Anklageschriften herumlaufen / dass wir sie nächtelang studieren und auswendig lernen / dass wir jedem, der sich mit uns unterhält, sofort den ganzen Fall vortragen und uns von ihm Zustimmung erhoffen / und letztlich unser ganzes Leben sich nur noch um diese eine Sache dreht. Und man kann keine Ruhe finden und keine Ruhe geben, bis einem "Recht widerfährt". Oder aber: Man vergibt. Aber vergeben kann man nur, wenn man weiss, dass ein anderer einem Recht verschaffen wird. Ver-geben heisst ja: "Abgeben" / "los-geben". Vergebung bedeutet: "Ich gebe mein Recht auf Widergutmachung, auf Gerechtigkeit, ab. An Gott selber! ER muss mir Recht verschaffen!" Paulus schreibt in Röm 12: "Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen. Wenn möglich, soviel an Euch ist: Lebt mit allen Menschen in Frieden! Rächt Euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes (LUT). Denn es steht geschrieben: "Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr". Von Jesus heisst es, dass er sich in allem dem überantwortete, "…der da 16 gerecht richtet (1Petr 2.23). David sagt zu Saul in 1Sam 24.16: " Der HERR sei Richter und richte zwischen mir und dir! Er sehe darein und führe meine Rechtssache und verschaffe mir Recht gegen dich!" Wisst Ihr: Es gibt Dinge, die man vergeben kann – einfach so. Wo man sagen kann: "Das ist in Ordnung. Ich verzeihe Dir!" Aber es gibt Dinge und Lebenssituationen, wo man das nicht so leicht sagen kann. Vor allen Dingen dann, wenn jemand seine Schuld nicht einsieht. Oder wenn derjenige, der einem verletzt hat, vielleicht gar nicht mehr "verfügbar" ist, weil er sich entweder mir auf der Beziehungsebene vollkommen entzieht, oder weil er zB. schon längst gestorben ist. Wie soll man dann mit seinen Gefühlen umgehen? – Man schleppt sich mit Aktenordnern ab, trägt sie mit sich herum und ist belastet.

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Ich mache in so einem Fall wirklich Mut: Gib Deine Akten an Gott ab. ER muss Dir Recht verschaffen. Und ER WIRD Dir auch Recht verschaffen. Jesus sagt in Mt 18: "Wo Ihr etwas auf Erden löst, da ist es auch im Himmel gelöst!" – Mit anderen Worten: Wenn Ihr etwas klären könnt, dann ist es auch für den Himmel gekärt und o.k. Aber Jesus sagt auch: "Wenn Ihr aber etwas auf der Erde bindet, dann ist es auch im Himmel gebunden!" – Das heisst: Wo etwas nicht geklärt werden kann, da ist es dann nicht einfach so, dass es dann in der Ewigkeit einfach "Schwamm drüber" heisst. Sondern da glaube ich, dass es im Himmel eben gelöst werden wird. Und wisst Ihr, das hilft mir. Das hilft mir im Blick auf all die Situationen, in denen ich mich ungerecht behandelt fühle. Weil ich weiss: Ich kann das abgeben. Mein Heiland kümmert sich dann schon darum. Vielleicht gibt es die eine oder andere Sache, in der Jesus mir in der Ewigkeit sagen wird: "Weisst Du – das hast Du total überbewertet. Aber es ist gut, dass Du es an mich abgegeben und Dich nicht länger damit herumgequält hast. Es wäre unnötig vergeudete Kraft gewesen!" Vielleicht gibt es aber auch die eine oder andere Situation, wo Jesus mir in der Ewigkeit Recht verschaffen wird. Wie das konkret aussehen wird, weiss ich nicht. Aber ich bin einfach froh, dass ich es "ab-geben", "weg-geben" kann. Lasst mich schliessen mit einem Zitat von Joan Lunden, einer 1 amerikanischen Journalistin und Autorin. Sie hat folgendes gesagt : "Wenn Du an Deinem Zorn, Deiner Ablehnung und Deiner Verletzung festhältst, dann wird Dir das nur verspannte Muskeln, Kopfschmerzen und einen sauren Geschmack im Mund geben vom ständigen Zähneknirrschen. Vergebung hingegen bringt Dir das Lachen zurück und die Leichtigkeit in Deinem Leben!"

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http://www.brainyquote.com/quotes/topics/topic_forgiveness.html

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Deshalb mache ich Dir Mut, zu vergeben. Auch, wenn Du nicht vergessen kannst: Entscheide Dich dafür, dass Du das, was zwischen Dir und dem anderen vorgefallen ist, nicht mehr gegen ihn verwenden möchtest. Entschuldige das, was passiert ist, nicht: Sprich es aus (vor Dir, vor Gott und wenn möglich auch vor dem anderen). Wenn es möglich ist, dass Versöhnung stattfindet, dann freu Dich daran. Und wenn nicht: Dann vergib trotzdem. Im Wissen, dass Gott selber Dir Recht verschaffen kann. Müh Dich nicht länger mit diesem Berg an Akten und an Beweisen ab. Sondern gib das in die Hand von Jesus. Und wenn Dich jemand fragt: "Sag mal, wie geht's Dir mit Deiner Nachbarin / Deinem Ex-Mann / diesem oder jenem in der Gemeinde" etc., dann antworte: "Sehr gut. Jesus kümmert sich darum!" -Amen-

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