Zwei Tage vor Weihnachten

22. 12. 2000 Zwei Tage vor Weihnachten 1) Hans Holzer Ich heiße Hans Holzer. Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt, Österreicher, in Ruhestand und verheira...
Author: Maike Schmid
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22. 12. 2000 Zwei Tage vor Weihnachten 1) Hans Holzer Ich heiße Hans Holzer. Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt, Österreicher, in Ruhestand und verheiratet. Meine Frau, die Resi ist zweiundsiebzig; wir wohnen zusammen in unserer Wohnung im 10. Wiener Bezirk Favoriten, nicht weiter als drei Minuten von der Fußgängerzone und auch der U- Bahn entfernt. Hier wohnen wir schon über vierzig Jahre. Unsere Kinder, eine Tochter und ein Sohn, sind hier groß geworden, aber natürlich schon vor vielen Jahren ausgezogen. Inzwischen haben wir auch schon vier Enkel, drei Mädeln im Alter von fünfzehn, dreizehn und elf Jahren, eigentlich könnte man sie schon jungen Damen nennen und einen Buben mit vierzehn. In Pension bin ich vor sechzehn Jahren gegangen , vorher war ich Angestellter bei Philips im Einkauf. Die Stellung , die ich hatte, war nicht schlecht; ich war für den Einkauf von Transistoren zuständig, einem Gebiet, das auch damals, als die Firma hauptsächlich Radios und Fernseher herstellte, schon große Bedeutung hatte. Ich glaube, daß ich ein ganz guter Einkäufer war, weil ich mit den Lieferanten immer ein recht freundschaftliches Verhältnis aufbauen habe können. Nach einem Jahr mit mäßigem Geschäftserfolg allerdings entschoß sich die Firmenleitung zu einer drastischen Verringerung des Personalstandes und man fragte mich, ob ich nicht bei Gewährung von Sonderzahlungen, die man damals den „goldenen Handschlag“ nannte, schon vorzeitig zuerst in die Arbeitslose und dann in Frühpension gehen wolle. Ich habe nicht lange überlegt, denn, wie es ein Freund von mir, der Poldi einmal ausdrückte, anhängen kann man nur vorn, nicht hinten. Meine Frau ist auch schon lange zu Hause. Seinerzeit war sie Buchhalterin bei Hutter & Schranz, einer Firma, die, wie ich hörte, schon längst in Konkurs gegangen ist. Vor neunzehn Jahren hatte sie eine Auseinandersetzung mit ihrem damaligen Chef und der hat sie dann einfach fristlos entlassen. Sie hat die Entlassung gleich beim Arbeitsgericht angefochten und Recht bekommen. Ihr Chef hätte sie gar nicht entlassen dürfen. Wieder einsteigen wollte sie aus verständlichen Gründen nicht mehr, man hat sich daher auf ein, wie ich glaube , für uns günstiges Abfertigungsmodell geeinigt. Mit unseren Pensionen kommen wir ganz brauchbar zurecht, weil wir sehr bescheiden leben. Wir leisten uns ein Auto zum Einkaufen, wenn es auch nicht gerade ein Mercedes ist, so doch ein schönes, solides deutsches Markenauto, ein Opel. Einiges Geld geht für unsere Reisen auf. Die Resi möchte nämlich wenigstens zwei mal im Jahr fremde Länder sehen, weil sie sagt, daß das bildet. So haben wir schon viele schöne Gruppenreisen gemacht und sind dabei bereits in alle Erdteile gekommen, nur nicht nach Australien, da ist uns die Anreise zu lang und gefährlich. Meine Frau hat auch gerne einmal ein neues Kleid oder einen Mantel, das muß sie sich ja kaufen, weil sonst sagen ihre Freundinnen, daß sie unmodisch ist und das soll man die doch nicht sagen oder gar finden lassen! Einiges Geld kosten natürlich auch die Enkerln. Die kommen nicht selten daher und sagen: „ Opa, wir fahren in den Schikurs; ich glaube , ich bin der einzige, der noch mit den alten, untaillierten Schi fahren muß. Kannst du nicht was tun für mich?“ Na, klar kann ich was tun für ihn, und so kriegt er halt welche zu Weihnachten. Die andere kommt wieder daher und braucht schon ein Handy, ich seh’ sie und werd’ schon weich. Da geht schon einiges hinein an Marie! Den Rest, es ist sowieso nicht mehr viel, legen wir aufs Sparbuch für schlechte Zeiten, denn die kommen bestimmt. Da brauch ich nur die tägliche Kronenzeitung zu lesen oder mir „Zeit im Bild“ anzuschauen. Morgens stehen wir um sieben Uhr auf, vorher bin ich oft schon munter und schaue in die Fernsehzeitung, den Teletext. Was man da alles an Gemeinheiten, Verbrechen, Fehlern und Unsinnstaten von Menschen liest, ist unglaublich. Ich lese es hauptsächlich, um mich vorzusehen. Heute haben sie zum Beispiel über einen Einbruch bei einem alten Ehepaar

berichtet. Die Täter haben die beiden auf ihren Sesseln fest verschnürt und seelenruhig die Wohnung ausgeräumt. Gefunden hat man die beiden erst am Tag darauf, da waren sie schon fast tot, weil das Blut nicht mehr zirkuliert hat. Na, ich habe schon eine neue Eingangstür bestellt, mit Guckloch, Kette und Querverriegelung, extra stark, versteht sich! Leider wird sie sechzigtausend Schilling kosten, aber wozu kriegt man schließlich das Geld? Verbrechen sind überhaupt eine große Bedrohung, vor allem seit wir so viele Ausländer im Land haben, denen kann man nicht über den Weg trauen! Am besten ist es da, die Parteien zu wählen, die diesen verflixten Ausländerstrom ganz abdrehen wollen. Die sollen bleiben , wo der Pfeffer wächst! Jetzt, um acht Uhr sitze ich mit meiner Resi beim Frühstück und ärgere mich über die Krone, die mir der Bote meist schon um drei Uhr früh in den Briefkasten wirft. Da steht, die Lehrer wollen streiken, weil sie sich unterbezahlt finden. Na, servus, wenn die Nichtstuer mit ihren achtzehn Stunden die Woche unterbezahlt sind, was sind denn dann wir Pensionisten? Am besten ist, wenn die Regierung gleich die Polizei einsetzt und den Aufmarsch so oder so zerstreut! Als nächstes steht etwas von dem französischen Außenminister, der wollte auf einem Empfang dem Kärntner Landeshauptmann nicht die Hand geben. Was will denn der, wir Österreicher brauchen uns von niemandem etwas sagen lassen, schon gar nicht von dem! Überhaupt diese Franzosen: Gepanschter Wein, verrückte Kühe, miese Autos, korrupte Präsidenten, wenn die sich weiter so aufführen, werden wir aus der EU austreten, die sollen sich nicht spielen, neuerdings per Volksabstimmung ist das ganz leicht, eine Mehrheit von uns will sowieso da raus, weil sie den Schilling nicht gegen den knieweichen Euro eintauschen will! Stellt sich heraus , daß entgegen unserer Erwartung es draußen schlechter wär’ als drin, dann treten wir halt wieder bei! Als nächstes schon wieder eine Katastrophenmeldung: der letzte Dezember war der wärmste seit über zwanzig Jahren! Nun, das ist ja eh klar. Der Treibhauseffekt ist das! Weil die alle mit dem Auto herumfahren! Die sollen sich gefälligst in die Bahn setzen, in der Stadt benütze sogar ich oft die U- Bahn! In den meisten Wohnungen ist es auch viel zu heiß, wenn man hineinkommt, da haut’s einem richtig um. Ich sag Ihnen , die Leute heizen viel zu viel und wenn es ihnen dann zu heiß wird, dann reißen sie einfach die Fenster auf. Und erst die Flugzeuge, die bringen alles durcheinand’! Neun Uhr, ich höre auf zu lesen, denn ich muß zum Arzt. Nicht, daß ich etwas akutes hätte, aber ich habe heute nacht so schlecht geschlafen, wenn das mehrere Nächte so ist, dann komme ich ganz aus dem Rhythmus; also mache ich lieber gleich etwas und lasse mir vom Doktor das richtige verschreiben. Ich ziehe mich an, geb’ der Resi ein Bussi und setze mich ins Auto, um zum Doktor zu fahren. Der ist nämlich wenigstens einen Kilometer entfernt. Leider muß ich eine halbe Stunde herumkurven, weil kein Parkplatz frei ist, das macht aber nichts, denn das habe ich schon einkalkuliert. Im Wartezimmer treffe ich eine Reihe Freunde, die auch immer da sind; die meisten ungefähr in meinem Alter: der Fredi ist genau so alt wie ich, der leidet an Schmerzen im rechten Fuß, vor allem, wenn er länger als drei Stunden geht. Das hat er schon g’habt, als er noch selbständig war und wir immer zusammen Urlaub g’macht haben. Daneben sitzt der Rudi, der hat sich, wie er sagt, den Magen verdorben, gestern hat er Rostbraten mit g’röste Erdäpfel und Kelch gegessen, seitdem ist er so aufgebläht. Er sagt, er fürchtet vor allem, daß der Rostbraten von einer wahnsinnigen Kuh sein könnte; bei ihm fängt nämlich alles immer im Magen an. Der Karli ist auch da ; er sagt, bei ihm zeigen sich erste Anzeichen von Grippe, er ist müde und so niedergeschlagen. Und dabei hat er doch sorgfältig den Rat vom Rudi befolgt und sich nicht gegen Grippe impfen lassen. Der Rudi hat ihm nämlich damals gesagt, ohne Impfung bleibt er sicher gesund. Ob das bei der Kinderlähmung auch so ist? Der Edi fehlt heute, der ist nämlich auf Kur. Den Bertl hab ich da schon ein paar Wochen nicht g’sehen, der dürft’ in Mallorca sein.

Eine Reihe alter Frauen sitzt auch immer dort, aber mit denen red’ ich nicht so viel, denn die erzählen immer nur von ihren Krankheiten und da kann man ja fast nichts profitieren. Heute geht aber die Diskussion hauptsächlich um die unnatürlichen Sachen, die überall hineingemischt werden. Der Rudi regt sich natürlich auf wegen dem Tiermehl, das überall hineinverfüttert wird nur weil’s nicht wissen, was sie mit den Schlachtabfällen tun sollen. Ist ja wirklich wahr, was braucht man denn den Grasfressern ein Fleisch ins Futter tun; es genügt ja, daß sie als Kälber mit Tierprodukten wie Milch aufgezogen werden müssen. Die sollen sich damit begnügen und später, wie es ihnen zusteht, Gras fressen! Die Innereien sollen sie mit Heizöl verbrennen, sind eh nur ein paar Millionen Kilo im Jahr. Und überhaupt, der Sowieso im Kurier hat auch g’schrieben, daß alle Großtierhaltungen ab fünf Kühen aufgelassen und vergast gehören. Na, bitte, nur die Kühe, eh klar! Aber die radikal! Die brauchen kein freundliches Muh-Gesicht in die Kamera machen! Ich werd’ aufgerufen, geh zum Doktor hinein. Ich sag’ ihm, wie schlecht ich g’schlafen hab’ und welche Befürchtungen ich für die nächsten Nächte hab’. Der wiegt bedenklich seinen Kopf. Er kennt mich ziemlich gut, ich bin nämlich schon seit über dreißig Jahren sein Patient. Er fragt mich, wann die G’schicht’ angfangt hat; ich sag vor einer Woche, wie die Nationalmannschaft gegen die Tschechei so unglücklich 5:1 verloren hat. Er murmelt etwas von Benzodiazepine oder so ähnlich, ich sag, so was nehm’ ich nicht, weil das ist was künstliches. Der Doktor seufzt und verschreibt mir dann ein , wie er sagt, ganz natürliches, homöopathisches Mittel, es ist Kamillensaft in Alkohol, er sagt, wenn ich davon ein Stamperl trink, werd’ ich besser schlafen, wenn eins nichts nützt, soll ich zwei nehmen. Ich nehm das Rezept und geh befriedigt hinaus, obwohl: seit die Rezeptgebühr zweiundfünfzig Schilling ausmacht, könnt’ man genausogut einen Rum kaufen! Nach der Apotheke, es ist eh schon zwölf, gondle ich mit dem Auto befriedigt nach Hause. Bin schon neugierig , was die Resi zum Mittagessen gekocht haben wird? Beim Essen und Trinken passen wir nämlich sehr auf die Gesundheit auf. Was ungesundes kommt mir nicht auf den Tisch! Eier zum Beispiel essen wir überhaupt nicht, einerseits wegen dem Cholesterin, andererseits sind die, wie die Arbeiterkammer einmal festgestellt hat, ständig voller Salmonellen. Das gleiche gilt für Hendln- auch voller Salmonellen! Die Schweindeln wer’n ausschließlich mit Medizin g’füttert und sind eh viel zu fett. Nur ja kein Margarine, das ist überhaupt das giftigste! Milch verschleimt und wer weiß, was die alles da hineintun, wenn sie die Butter heraustun!? Jetzt kann ma halt Rindfleisch auch nimmer essen, wegen die Prionen, von denen man blöd wird. A Mehlspeis kommt nicht in Frage, die macht dick! Schwammerln kann ma nicht essen, die sind ganz verstrahlt , die kann ma ja als Taschenlampe benützen. Obwohl das Fleisch immer verdorben ist, wie wir jeden Sommer hören, wollen wir doch nicht ganz darauf verzichten. So haben wir ein Stückerl weiter drinnen in der Stadt am Naschmarkt einen Chinesen ausfindig gemacht, der verkauft frische Birgerln und Karree von Katzen und Hunden. Da hat ma noch nie von was Giftigen gehört! Ich sag’ Ihnen, ordentlich gewürzt und herausgebacken, schmeckt so ein junger Hund fantastisch! Beim Getränk sind wir ähnlich heikel: nur ja kein Wasser aus der Wasserleitung, das ist höchstens zum Füße waschen und Klo spülen geeignet. Am besten ist das Mineralwasser ohne Minerale, wie sie’s jetzt in Zweiliterflaschen anbieten. Leider machen die leeren Flaschen den Müll so voluminös, da muß ich regelmäßig ein paar davon bei den Nachbarn hineinstecken! Aber keine Sorge, ich wechsle sowieso immer! Überhaupt hab ich jetzt einmal einen Ernährungsexperten im Fernsehen gehört, der sagt, man braucht zum Essen nichts weiter als ein paar Proteine, ein bisserl Kohlehydrat, wenig Lipide und zum Drüberstreuen Vitamine und Ballaststoffe; ich muß den Chinesen fragen, ob er mir das auch verschaffen kann und wie man das zubereitet. Das mit den Vitaminen weiß ich eh schon, das sind Salate und Gemüse! Vitamin pur, sag’ ich Ihnen!

Aufpassen muß man nur mit die Gene! Die fliegen überall herum, seit der Spalanzani diese vertrackten Versuche macht, denen Kirschenbäumen Gurken und denen Gansln Hasenohrwascheln wachsen zu lassen. Auch Medikamente sollen sie auf die Art schon hergestellt haben, ich halt aber von die ganzen Gene überhaupt nix, so was soll bei die Amerikaner und in Indien bleiben! Wenn ich krank werd’, kann ich mir’s ja anders überlegen. Mir kommen Gene net ins Haus! Aber jetzt freu’ ma uns einmal aufs Mittagessen! Tatsächlich, als ich nach Hause komm’, wartet die Resi schon mit dem Essen. Es gibt heute eine gebratene Katz’, schaut aus als wie ein Stallhas’, auf die Haxerln darf ma halt nicht schauen, der Kopf ist eh schon weg. Dazu gibt’s Kartofferln, aber nur aus biologischem Landbau, weil ich möchte keinen Kunstdünger fressen, und einen grünen Salat wegen der Vitamine, auch aus biologischem Landbau, versteht sich. Der ist zwar teurer als die Massenware, aber dafür strotzt er nur so von Vitaminen. Neulich hab ich davon Durchfall bekommen, weil der Bauer, damit der Salat besser wächst, seinen Arl, auf Hochdeutsch heißt’s Gülle, drüberschüttet. Aber da kann nix passieren, das ist alles ganz natürlich, auch der Durchfall! Zum Nachtisch gibt’s Joghurt und Käs von glücklichen Ziegen, da kann im Gegensatz zum Kuhkäs auch nicht viel g’schehen. Eine leere Flasche kommt dann am Schluß in den Müll von Beneder! Um eins liegen wir schon im Bett und ich schau mir die Mittags- Zeit im Bild an. Schon wieder die Katastrophen! Der neue Reaktor von Temelin ist fast in die Luft geflogen, irgend eine Glühbirne ist angeblich ausgefallen. Da gehört wenigstens sofort die Grenze dicht gemacht und demonstriert! Da bleiben dann nämlich die radioaktiven Strahlen draußen , die kommen über Schulkinder ohne Schul’ nicht hinweg. Ich frage mich überhaupt, wieso sie den Strom nicht aus Atombomben, vielleicht aus den russischen gewinnen, von denen hat ma noch nie gehört, daß sie irgendwie unsicher sein könnten. Und die strotzen nur so voll Energie! Überhaupt gehört die ganze Energiewirtschaft verboten, von Atomstrom bis zum Heizölkraftwerk, nur alles auf Profit aus, sag ich Ihnen. Und wer braucht den Strom? Das bisserl, das wir brauchen, wird ma doch noch aus der Donau ziehen können! Aber die großen Verbrecher- Verbraucher, denen g’hört die Gas abgedreht: der sogenannten Wirtschaft, die sind nur für’n Treibauseffekt gut und seit ich in Pension bin, brauch’ ich die überhaupt nimmer! Das sind nix als ein paar Großkopferte, die glauben, sie können sich alles richten! Die Resi dreht den Fernseher ab, sie will schlafen. Im Badezimmer rumpelt die Waschmaschine und der Wäschetrockener summt unangenehm. Daß die Resi die verflixten Maschinen immer grade zu mittag laufen lassen muß! Den Nachtspeicherofen sollt’ ich ein bißl zurückdrehen, aber derzeit bin ich zu müd’ dazu! Der Ärger und die Vorsicht müssen mich übermannt haben! Als ich auf die Uhr schaue, ist es halb vier! Habe ich doch tatsächlich fast zwei Stunden geschlafen! Jetzt aber auf! Ich muß noch die Geschenke für Weihnachten kaufen. Ich frag’ die Resi, ob sie mitfahren will, die sagt aber nein, sie tät’ sich viel lieber im Fernsehen „Reich und schön“ anschauen; das ist ihr nämlich ein Mußtermin! So fahr’ ich halt allein. Was brauch’ ich? Die Resi kriegt einen Blumenstrauß, die will sowieso nur Blumen. Die Mädeln wünschen sich was elektronisches, die neuesten Spiele für die Playstation; der Bub kriegt, hab ich eh schon erzählt, taillierte Schi. Für unsere Kinder zahlt sich’s eh nicht aus, die kriegen jeder tausend Schilling, das ist ihnen am liebsten Am besten wird sein, ich hol das Auto und fahr damit in die Shopping- City. Dort kriegt man das alles auf engstem Raum. Auf der Ausfahrt gibt’s Stau. Haben die alle die gleiche Idee wie ich? Wahrscheinlich, denn übermorgen ist’s soweit! Das ist nur , weil die Hiasln nicht früher an Weihnachten denken ! Ich will auf die linke Spur wechseln, damit ich ein bisserl schneller vorwärts komm’, da taucht der Nachbar drüben auch an, ich steig drauf, was ich kann und

komm gerade noch hinein. Vogel zeigen ist bei mir Pflicht! Der macht Anstalten, auszusteigen, ein junger Schnösel, aber Gott sei Dank fährt jetzt die Kolonne etwas schneller und hinter ihm fangen’s gleich zum Hupen an. Ich schon wieder auf der rechten Spur; ist schon wieder einer abg’hängt, der sagt nichts! Ein mächtiger Antritt, schon wieder einer! So ist wenigstens ein bisserl Unterhaltung dabei! Um sechs bin ich endlich dort, um halb sieben hab ich noch immer keinen Parkplatz, aber die Benzinuhr zeigt sowieso fast auf leer und so fahr ich einfach zur Tankstelle , geb’ denen den Schlüssel und verlange „Volltanken“. Ich sause schon ab in den Basar. Der Kauf ist schnell erledigt: der Blumenstrauß im Hollandblumenmarkt, die Elektronik- Spiele, ich nahm halt einfach welche, wenn sie’s schon haben können sie’s ja umtauschen. Nur die Schi dauern länger. Zwar geht das Aussuchen auch schnell, aber die Bindungen müssen erst montiert werden. Ich bestehe aber darauf, daß sie’s gleich machen, sonst müßt ich ja noch einmal daherfahren!! So bin ich endlich mit allen Geschenken bewaffnet, um halb neun wieder beim Auto. Ein wahres Glück, daß die Regierung die neuen Ladenöffnungszeiten durchgesetzt hat . Wie wär ich sonst zu meinen Weihnachtseinkäufen gekommen? Und die Handelsangestellten haben sich noch aufgeregt, weil sie am Abend da bleiben sollen. Ist denen nicht gut? Ich hau den Plunder ins Auto, geh hinein die Benzinrechnung zahlen und werde blaß! Vierundfünfzig Liter!! Und dabei bin ich seit dem letzten Tanken nicht einmal dreihundert Kilometer g’fahren! Das wären ja über achtzehn Liter auf Hundert! Im Prospekt steht höchstens acht! Na, da haben’s mich wieder einmal ordentlich erwischt. Ich sag’ dem Tankwart, daß er sich geirrt haben muß, der schaut nach und meint, das hätte schon seinen Richtigkeit. Ob ich so rasant unterwegs wäre , fragt er, der Benzinverbrauch hängt nämlich vom Fahrstil ab, sagt er. Der Klugscheißer! Schlicht und einfach betrogen bin ich worden, sag’ ich. Der Tankwart sagt, wenn ich nicht zahle, muß er die Polizei rufen und ich soll froh sein, daß ich bei ihm umsonst habe parken können. So zahl ich halt , murmle aber insgeheim etwas von Dieben und Wegelagerern. Beim Nachhausefahren geht’s schon etwas schneller. Um zehn bin ich endlich zu Tode erschöpft bei der Resi. Die fragt nur: wo warst denn so lange?. Ich erzähl ihr das wichtigste, ess’ die Reste von der Katz’ auf, aber dann fängt schon die „Zeit im Bild 2“ an und ich dreh den Fernseher auf, denn ich möchte bei den nächsten Katastrophen dabei sein, weil sonst können wir uns ja nicht einstellen drauf!! Die Steuern und Abgaben werden ab 1. 1. stark steigen, sagen sie. Na bitte, da muß man sich wirklich überlegen, ob man seinen Wohnsitz nicht in die Türkei verlegt, dort ist alles viel billiger. Und die Türken sind zu Hause gar nicht so übel, nur da bei uns soll’n sie sich so aufführen. Dann kommt noch die Meldung, daß die Österreicher immer älter werden, angeblich wird jeder zweite schon über achtzig und das ganze Pensionssystem wäre gefährdet. Bei all den Unglücken und Katastrophen?? Da hätt’ ich ja nur mehr ca. fünf Jahre zu leben! Und was ist, wenn ich der erste und net der zweite bin? Ich nehme meine zwei Stamperln homöopathisches. Übermorgen ist Weihnachten, das schwer verdauliche Fest. Wahrscheinlich kommen die Kinder nachmittags auf einen Sprung vorbei. Feiern werden wir allein. Mit schweren Besorgnissen falle ich endlich in einen unruhigen Schlaf. Sagen Sie selber, ist das ein Leben??

22. 12 . 1999 2) Olola Nkoma Ich heiße Olola Nkoma; Ich bin siebzehn Jahre alt und lebe hier in Nigeria zusammen mit meiner Familie. Meine Familie ist sehr wichtig, denn sie ist der bedeutendste Rückhalt, den ich habe. Sie ist Gott sei Dank ziemlich groß: Vater und Mutter, die beide noch leben, vier Schwestern und wir drei Brüder! Wir wohnen hier in einer Hütte in Ogogoro am seeseitigen Stadtrand von Lagos an der Hafenausfahrt. Mein Bruder Oyinbo ist mit neunzehn Jahren der Älteste und muß daher dafür sorgen, daß die Familie durchkommt. Das ist oft ziemlich schwer. Wir anderen helfen ihm dabei: die Mädchen Naija fünfzehn, Aja vierzehn und Iba elf und mein Bruder Nkwor dreizehn. Mir kommt insofern vielleicht eine Sonderstellung zu, weil ich durch ein Stipendium die Highschool für Krankenpfleger der Barmherzigen Brüder besuchen darf und mit etwas Glück im nächsten Jahr die Matura mache und dann einen Job im Krankenhaus bekomme. Deswegen hat auch Mama mich ausgesucht, als es galt, über einen Tag in unserem Leben zu berichten. Meine Brüder und Schwestern haben alle die vier Jahre Grundschule besuchen können, in Lagos ist das bei uns heute möglich, obwohl etliche Kinder, vor allem von den ganz armen Leuten, auch heute nicht zur Schule gehen können und daher nie lesen und schreiben lernen. Am Land ist die Versorgung mit Schulbildung noch um etliches schlechter, so daß insgesamt vielleicht die Hälfte aller Kinder im Schulalter die Schule in unserem Land wirklich besuchen. Die Politiker sagen aber, daß es immer besser werden wird. Bei 120 Millionen Einwohnern und so vielen Jugendlichen ist das eine Riesenaufgabe! Oyinbo muß für uns deswegen sorgen, weil mein Vater dazu leider nicht mehr im Stande ist. Er ist nämlich schon vierundvierzig und sehr krank.( Bei uns stirbt jeder zweite Mensch schon, bevor er fünfzig wäre.) Er hat Malaria, die bösartige Form, die bei uns nicht selten ist. Oft hat er starkes Fieber und muß im Bett liegenbleiben; die Ärzte geben ihm noch ungefähr ein halbes Jahr zu leben. Mama hilft ihm, wie sie nur kann, aber dadurch kann sie natürlich nicht so viel außer Haus gehen und zum Erwerb beitragen. Ich helfe ihr, Vater zu pflegen. Er wird im Krankenhaus behandelt, das auch meine Schule beherbergt, aber die Ärzte sagen, eine Heilung wäre nur durch ein Wunder möglich. Sie können den Krankheitsverlauf nur verlangsamen So bleibt keine andere Möglichkeit , als zu beten. Das Leben für uns hier in Lagos ist insgesamt nicht einfach, aber ziemlich abwechslungsreich. Oyinbo hat das Fischerboot von Papa übernommen und geht vor der Küste dem Fischfang nach. Was er fängt, ist nicht gar so viel, bei einer Ausfahrt vielleicht zwanzig, dreißig Kilo, bei der nächsten vielleicht nichts; aber Fische bringen auf dem Markt in Lagos gutes Geld. Im Durchschnitt bringt der Fisch uns im Monat vielleicht 10.000 Naira, umgerechnet ca. 1500 Schilling; am Fischmarkt haben wir einen Stand, dort verkaufen die Frauen vormittags den Fisch; Oyinbo fährt abends aus aufs Meer, wenn es dunkel wird, also circa um sechs und legt nachts Angelleinen aus, aber nur vom Boot aus und keine unbeaufsichtigten Legleinen. Unter der Woche nimmt er öfters Nkwor mit. Morgens, wenn es grau wird, bevor die Sonne aufgeht, ist er meistens schon zurück. Wenn keine Schule ist, fahre meist ich mit und helfe ihm. In unserem Vorort sind viele Fischer, aber Oyinbo fängt mehr als die meisten von Ihnen. Das Boot ist ein Holzboot, ziemlich schmal und ungefähr sechseinhalb Meter lang, Oyinbo hat es noch von Vater und es ist schon ziemlich alt, genau so wie der Außenbordmotor, ein 15- PS

Johnson aus den sechzigern, der schon seine Mucken hat. Zum Boot gehören sechs Angelzeuge mit Haspel, 300 Meter geflochtene Fischleine, Stahldraht- Vorfächer und je drei Haken. Oyinbo hält alles gut in Schwung, das ist auch nötig, denn davon hängt der Fangerfolg und auch sein und eben unser aller Überleben ab. Oyinbo säubert den Fisch schon immer draußen auf dem Meer; wenn er hereinkommt, nehmen ihn die Frauen gleich auf die Pritsche des Transport-Fahrrades und radeln zum Fischmarkt. Das machen jetzt schon oft die älteren Mädels allein. Dort haben in einer Gasse mehr als dreißig Fischer ihren Stand, auch unsere Nachbarn. Um acht Uhr früh liegt der frische Fisch schon zum Verkauf bereit und die Hausfrauen kommen , schauen sich die verschiedenen Angebote an und kaufen. Je länger der Vormittag dauert, um so billiger wird der Fisch, wenn einmal etwas nicht verkauft wird, essen wir es selbst. Den Rest bekommen die zwei Schweine, die wir haben. Am Nachmittag arbeiten wir oft zusammen auf unserem kleinen Feld, nicht weit hinter der Hütte; es ist ein guter Boden und unter der Leitung der Mama bauen wir verschiedene Knollen- und Wurzelgemüse wie Maniok, Yams und Süßkartoffeln, die wir selber essen; auch ein wenig Reis bauen wir, weil das Land dafür gut geeignet ist und man den Reis gut aufheben kann, wenn man ihn vor den Mäusen und Ratten sicher verwahrt. Ein paar Bananenstauden und einen Papaya- Baum haben wir auch stehen. Wir können zweimal im Jahr ernten, und zwar in den Trockenzeiten, das ist jetzt, im Dezember/ Jänner und dann wieder im Juni/ Juli. Dazwischen ist auch zweimal Regenzeit. Insgesamt müssen wir Gott sei Dank nicht viel Lebensmittel einkaufen. Gutes Trinkwasser gibt es bei unserem Haus nicht, obwohl wir einen Brunnen haben, der ist aber nur für Waschwasser. Das Trinkwasser holen wir mit dem Pritschenfahrrad in einem Plastikkanister von einem öffentlichen Hydranten, der ist ungefähr ein Kilometer vom Haus entfernt. Unser Bargeld dient uns zum Einkauf von Gegenständen des täglichen Bedarfes, von Kleidern, für die Ausrüstung des Fischerbootes, wie auch für Ersatzteile; Papas Medikamente sind auch teuer und oft schlecht zu bekommen. Zum Heizen des Herdes brauchen wir derzeit nichts zu kaufen; ein Stück weiter im Wald kann man Holz sammeln, aber es wird immer weniger und man muß immer weiter hineingehen, weil das viele machen. Da drinnen muß man auf Schlangen aufpassen; wenn man eine Gabunviper übersieht , kann es tödlich sein. Mama sagt, wenn wir gut wirtschaften, können wir uns bald einen Propanherd kaufen. Das Propangas ist aber auch ein Problem, weil Gasflaschen bei uns Mangelware sind und man sie oft monatelang nicht kriegt. Ähnlich und für uns derzeit viel bedrohlicher ist der Benzinmangel. Unser Land gehört zwar zu den reichsten an Erdöl in der ganzen Welt, aber trotzdem kriegt man hier kaum Benzin. Oyinbo kauft ihn , glaube ich, manchmal auch aus zweifelhaften Quellen. Es gibt nämlich Gruppen, die sich auf die Beschaffung von Benzin spezialisiert haben. Sie zapfen dazu die Produkten-leitungen der Ölfirmen an; das ist aber ziemlich gefährlich. Ein bißchen Elektronik haben wir auch: Die Mama hat ein Handy, die Mädels ein TransistorRadio, wir Männer einen Walkman; die Eltern haben einen Fernseher stehen. Leider geht er oft nicht, weil der elektrische Strom häufig abgeschaltet wird. Drei Fahrräder haben wir auch in der Familie, das Einteilen, wer gerade fahren soll, ist manchmal problematisch. Die Mama hat gesagt, das wichtigste für uns wäre ein Kühlschrank, damit der Fisch länger frisch bleibt, aber das hat nur einen Sinn, wenn wir auch ein Stromaggregat kaufen und dann fragt sich wieder, wo man den Benzin herkriegt. Oft kriegen wir Besuch von unseren Verwandten, die wohnen weiter landeinwärts, aber wir können uns alle mit dem Fahrrad erreichen. Es sind ziemlich viele: Onkeln, Tanten und jede Menge Cousins und Cousinen. Das ist dann oft sehr lustig. Nicht immer sagen sie es vorher, wenn sie kommen, aber dann bringen sie immer allerhand mit, ein Hühnchen oder ein Stück Schweinerücken und so. Für ein Festmahl ist jedenfalls bei Besuch immer gesorgt.

Wenn die Arbeit vorbei ist, gehen wir jüngeren gerne ein bißchen flanieren über den Markt und so; da trifft man viele Gleichaltrige und es ist sehr lustig. Ins Kino kann man auch gehen, da spielen sie meistens was aus Hollywood, wo viel geschossen wird. Wir von der Familie bleiben aber fast immer zusammen, weil es auch Straßengangs gibt, die allerhand anstellen. Spät am Abend sollte man überhaupt nicht mehr auf der Straße sein. Damit nichts passiert, patrouillieren viele Soldaten, alle mit MP bewaffnet, die sind aber oft selbst keine Guten und man geht ihnen, so gut man kann, aus dem Weg. Das ist gar nicht leicht, weil das Militär bei uns überall präsent ist. Vor allem wir Jungen müssen aufpassen, daß man uns nicht mitnimmt und auch in die Uniform steckt; bisher ist uns das aber gelungen. Von öffentlichen Angelegenheiten bleibt man bei uns am besten weg. Oyibo hat eine Freundin und bleibt, wenn er Zeit hat, am Wochenende gerne bei ihr und ihrer Familie; wenn sie etwas Geld zurückgelegt haben, wollen sie heiraten, Das geht aber nur, wenn einer von uns dann die Fischerei übernimmt, also frühestens in drei bis vier Jahren. Am Sonntag gehen wir in die Kirche. Wir vom Stamm der Yoruba sind christlich , die meisten von uns römisch- katholisch. Die Kirche und der Pfarrer spielen eine große Rolle in unserem Leben . Auch deswegen natürlich, weil Kirche immer auch ein Schauspiel ist. Die Frauen putzen sich zum Kirchgang schön heraus. Sie tragen dann wunderschöne weiße, mit Blumen gebatikte Kleider, genauer gesagt sind es nur Tücher, die sie mit großartigem Chic sich um den Körper winden. Auf dem Kopf tragen sie auch sehr schöne, dazu passende Kopftücher. Manche gefallen mir ausnehmend gut, besonders eine, die Iaya; ich habe es ihr aber noch nicht gesagt. Wir Männer haben das weiße Hemd angezogen und die lange Hose für festliche Anlässe und sehen bestimmt auch sehr respektabel aus. In der Messe wird dann viel gesungen mit Instrumentenbegleitung und oft auch getanzt. Wir haben einen eigenen Stil, den Juju. Einer singt vor, meist der Pfarrer mit seinem Bariton und dann fallen wir alle rezitierend ein. Die Instrumente sind Gitarre, Glocken und die Bata-Trommeln. Ich selbst spiele eine der Gitarren. Es klingt wirklich sehr schön und rhythmisch. Früher nach der Kolonialzeit hat es unter den verschiedenen Stämmen viel Streit gegeben, vor 1970 gab es sogar einen Bürgerkrieg, aber das kenne ich nur vom Hörensagen. Jetzt vertragen sich alle Stämme leidlich, auch die christlichen wie unserer und die islamischen weiter im Norden. Die Führer neigen aber noch immer dazu, ihre Streite blutig auszutragen. So ist unser damaliger Führer, der General A. voriges Jahr erst bei so einer Auseinandersetzung erschossen worden. In wenigen Tagen, am 25. 12. ist das Weihnachtsfest. Ich habe gehört, daß sie in Europa und Amerika schon am Vorabend feiern und sich gegenseitig riesige Geschenke machen, manchmal sogar ein Auto, aber das ist bei uns nicht üblich. Bei uns feiert man erst am Festtag selbst. Man geht morgens zum Festgottesdienst. Nachher ist die ganze nahe und fernere Verwandtschaft bei einem von uns zu einem Festgelage und lustigen Nachmittag eingeladen; da geht es hoch her und es kann länger dauern. Aber nun genug der Erzählungen, wie wir so leben. Ich soll ja einen Tag aus unserem Leben schildern , nehmen wir gleich den heutigen: Wegen des nahenden Weihnachtsfestes ist heute der letzte Schultag vor den Ferien. Morgens bin ich wie üblich mit dem Bus zur Schule gefahren. Der Professor spielt uns nur ein Video von Weihnachten in Jerusalem vor. Nach der Schule komme ich heute um halb ein Uhr nach Hause und habe schon großen Hunger. Mama hat schon was Wunderbares gekocht: es gibt Fischstückchen in Reis, scharf gewürzt und mit viel Süßkartoffeln. Wir essen zusammen, die zwei größeren Mädels fehlen noch, die sind noch am Verkaufsstand. Nach dem Essen lege ich mich mit Oyinbo ein wenig nieder; zum Arbeiten ist es sowieso zu heiß und schwül; am Abend helfe heute meinem großen Bruder beim Fischen. Um fünf stehen wir auf, trinken eine Tasse Kaffee und machen uns fertig, das Boot zu beladen. Die anderen sind mit Mama in den

Garten gegangen und hacken das Unkraut aus den Kulturen. Es wird gerade etwas kühler und wir gehen die hundert Meter hinunter zum Strand mit den Lasten mehrmals hin und her. Überall verfolgen einen die Mücken. Der Außenborder, der Tank und der Reservetank müssen hinuntergetragen werden, würden wir die über Tag dort lassen, so wären sie mit Sicherheit gleich weg. Das gleiche gilt für alle anderen Ausrüstungen: die Ruder, die Sitzbänke und vor allem das Angelgerät. Dazu gehören auch ein starkes Gaff zum Herausziehen der Fische , ein kräftiger Knüppel , ein großes Messer und schließlich eine Petroleumlampe und eine Taschenlampe. Ältere Fischstücke, die nicht mehr gegessen werden, haben wir mit, um Fische anzulocken. Köderfische werden wir noch schnell beim Hinausfahren fangen, damit sie ja frisch sind. Ein großes Stück Weißbrot und eine Kanne Kaffee vervollständigen die Ausrüstung. Es ist nach sechs Uhr, wir verabschieden uns höflich und liebevoll von unserer Familie, wie es bei uns üblich ist; einen Sonderabschied bekommt Papa, er würde ja so gerne mitkommen, kann aber nicht. Er gibt uns gute Ratschläge, wo wir es versuchen sollen, wir nicken höflich, hören aber nicht sehr genau zu; wissen wir doch längst, wie wir es anlegen wollen. Es geht los. Wir steigen ein, machen die Leinen los und legen ab. Oyinbo sitzt am Heck und steuert, ich sitze im Vorschiff, damit das Boot gut getrimmt ist und so schnell läuft. Im Hintergrund wird Lagos langsam kleiner. Wir fahren etwa eine Stunde mit Vollgas hinaus, also etwa 15 Kilometer. Mehrmals begegnen uns Tanker und andere Lastschiffe, wir bewegen uns nämlich auf der Route zum und vom Hafen von Lagos. Das Meer ist ruhig, es geht nur eine ganz leichte Ostbrise. Ich sitze und schaue. Es ist ungeheuer schön und friedlich. Bei einem Möwenschwarm stoppen wir; Oyinbo zieht das Angelzeug für Köder hervor und bestückt jeden der drei Haken mit einem Stück Fisch. Schon geht die Montage über Bord; es dauert nicht lange und die Viertelliter- Colaflasche aus Plastik fängt an wie verrückt herumzuspringen. Oyinbo bleibt ungerührt. Endlich nach einigen Minuten wird das Gehüpfe immer wilder und Oyinbo haspelt die Leine auf. Schon springen drei Makrelen am Boden des Bootes herum. Sie sind ziemlich klein, etwa 20 cm und als Köder genau richtig. Ich packe sie und gebe sie in einen Plastik-Kübel mit Wasser. Schnell hat Oyinbo neu angeködert und das Spiel wiederholt sich. Nach einer knappen Stunde haben wir genug Makrelen, über zwanzig und können zu unserer eigentlichen Aufgabe übergehen. Oyinbo wirft den Motor wieder an und steuert zu unserem eigentlichen Fangplatz. Es ist inzwischen finster geworden , aber wir kennen die Stellen hier gut, die Lichter von Lagos dienen uns als Wegweiser. Was wir vorhaben, ist nicht ganz ungefährlich; heute wollen wir nämlich genau in der Fahrrinne der Großschiffe fischen. Die Thunfische, aber auch die Haie folgen nämlich den Brummern, weil aus deren Küche immer Abfälle ins Meer geworfen werden und auf die sind sie scharf. Besonders vor der Einfahrt in einen Hafen räumt der Koch seine überschüssigen und nicht mehr frischen Reserven gerne aus. Die verbesserte Chance wiegt das Risiko allemal auf und außerdem ist es so aufregender. Wenn Oyinbo allein fährt, hat er allerdings andere Fangplätze; da fischt er oft nahe den Mangroven im Seichten auf Barracuda & Co. Die Brummer können natürlich nicht ausweichen; bis die einen gesehen haben , wäre es meistens schon zu spät. Es heißt daher gut aufpassen , beizeiten die Angeln einziehen und zur Seite fahren, wenn ein „Brummi“ auftaucht. An seiner Beleuchtung und deren Bewegung erkennt man , wohin er sich bewegt. Wenn er vorbei ist, heißt es möglichst schnell in seine Fahrspur zu kommen und flink mit dem Fischen anzufangen, denn dann ist die Chance am besten! Es ist halb neun und stockfinster, kein Mond am Himmel, nur ein bißchen Sternenlicht. Wir sind am Angelplatz angekommen, die Peilungen der Lichter stimmen. Oyinbo stoppt den Motor und läßt das Boot auslaufen. Kein Brummi in Sicht. Wir zünden die Petroleumlampe an und montieren sie auf dem Mast, einer zweieinhalb Meter hohen Stange, die in der Mitte des Bootes mit drei Leinen abgestagt ist. In weiterer Entfernung sehe ich eine Hand voll

Lichter verstreut: Fischer wie wir. Ich nehmen den „Rubby-dubby“, die schon anrüchigen Fischstücke und werfe eine Kelle davon ins Meer. Es ist hier nicht sehr tief, ungefähr fünfundzwanzig Meter. Der Boden ist feinsandig bis schlammig. Fischt man am Boden, fängt man meistens Rochen, es gibt verschiedene Arten hier, der häufigste ist der Marmorrochen. Wir lieben sie nicht besonders, weil sie auf dem Markt keinen guten Preis erzielen. So bestücken wir je zwei Angelzeuge mit je drei Haken in fünf, zehn und fünfzehn Meter Tiefe, gerade recht für den Thunfisch, der bei unseren Kunden sehr beliebt ist. Auf jeden Haken kommt eine halbe Makrele. Am Ende der Leine befindet sich eine schwere Schraubenmutter aus dem Erdölgeschäft als Beschwerung. Sie hält die Köder auf Tiefe. Auf Höhe des Bordes ist am starken Ende eine handgroße Astgabel eingebunden. Eines der dünnen Enden ist gespalten, über beide dünne Enden läuft in Achterschleifen etwa dreißig Meter Leine, die dann schließlich in der gespaltenen Gabel festgeklemmt ist. So ergibt sich bei einem Biß eine Reserve, die ablaufen kann, während man die andere Angel schnell einwindet, damit sie nicht im Weg ist. Der Rest der Leine , ungefähr zweihundert Meter ist auf einem Brett mit Achse und Kurbel aufgehaspelt, eine primitive Rolle bildend. Wir lassen die Zeuge ins Wasser, wieder ich vorn und Oyinbo achtern. Dann Stille, der Seegang plätschert nur leicht ans Boot. Halb elf, bisher hat sich nichts getan. Langsam versetzt uns der Strom nach Westen. Wir ziehen die Angelzeuge ein und fahren unter Motor an die alte Stelle zurück. Wieder gehen die Köder auf Tauchstation. Elf Uhr: ein Brummi taucht auf. Er fährt aus Lagos aus. Wir ziehen ein, beobachten genau, welche Richtung er fährt und weichen im richtigen Moment aus. Schnell zurück und in sein Kielwasser. Eine Kelle „ Rubby- dubby“ über Bord und die Köder hinterher. Wieder warten, nichts geschieht. Schon Mitternacht vorbei- nichts. Um ein Uhr taucht wieder ein Brummer auf, diesmal fährt er die bessere Richtung, nach Lagos hinein. Wir ziehen wieder ein, prüfen genau seine Fahrtrichtung und weichen gekonnt aus. Als er vorbei ist, schießen wir in sein Kielwasser. Wieder eine Kelle voll Anfutter ins Wasser und wieder die Leinen ausgelegt. Fünf Minuten später löst sich meine Leine aus dem Gabelspalt und die Reserveschlaufen laufen surrend ab. Ein elektrischer Schlag durchläuft mich. Ich rufe meinem Bruder zu, die Leinen einzuziehen, hasple die andere selbst schnell auf und greife das Haspelbrett der ablaufenden. Schon ist die Reserveschnur raus und die Leine spannt sich. Ich warte noch einen Augenblick und schlage dann mit der Hand kräftig an. Unten kommt die Antwort. Der Fisch ruckt mit kräftigen Schlägen an der Leine. Ich halte gespannt, ohne die Leine zu überfordern, dann beginnt er, Leine abzuziehen. Ich bremse ihn, so gut ich kann und das Boot nimmt Fahrt auf. Oyinbo wirft den Motor an . So geht’s etwa eine Viertelstunde kreuz und quer. Wir folgen dem Fisch langsam. Dann steht er auf dem Grund und rührt sich nicht. Schon verloren? Mit letzter Kraft ziehe ich an und schließlich gibt der Fisch nach. Er kommt wieder in Fahrt und wieder geht es kreuz und quer. Endlich spüre ich, wie er ermüdet. Er zieht jetzt nicht mehr so gewaltig, sondern beutelt hysterisch und macht einzelne Fluchten. Jetzt bin ich ihm über. Ich kann immer mehr Leine einholen, schließlich kommt der erste Köder am kurzen Vorfach herein, ich hake den Karabiner schnell aus und hasple weiter. Der Fisch kommt jetzt längsseits. Schnell ist Oyinbo zur Stelle, hakt ihm das Gaff ein und zieht ihn an Bord. Ich packe den Schwanz und bringe das Hinterteil herein. Nur aufpassen jetzt! Es ist ein Makohai, gut zweieinhalb Meter lang und vielleicht achtzig Kilo schwer! Vorsicht vor seinen Kiefern, so wie er herumschlägt! Aber schon hat Oyinbo den Knüppel ergriffen und ihm einige kräftige Schläge über den Kopf versetzt. Der Hai liegt jetzt ruhig, nur mehr ein Zittern geht durch seinen Körper. Wir sind wie verrückt: einen so großen Fisch hat Oyinbo , glaube ich, noch gar nie erbeutet. Wir packen uns an den Händen und singen und springen im Boot herum. Da sehe ich plötzlich ein Licht auf uns zukommen. O weh! Wir haben in der Aufregung einen Brummi übersehen. Ich schreie es Oyinbo zu, der begreift schnell und versucht, den Motor zu starten, aber irgendwas geht schief, der Motor startet nicht. Ist der Vergaser des

Miststücks abgesoffen?? Schon ist das Schiff ganz nah! Ein Riesenkahn wie ein vielstöckiges Haus. In einer Entfernung von etwa zehn Meter rauscht es vorbei. Die Bugwelle kommt schräg auf uns zu. Schon hebt sie unser Boot, noch einen Augenblick, dann bricht sie über uns. Ein Schwall ergießt sich über uns und plötzlich fühle ich mich wie beim Baden in der Brandung. Instinktiv halte ich mich am Bootsrand fest. Alles ist finster, nur das Geräusch der brechenden Welle entfernt sich. Im Hintergrund bemerke ich das Tuckern des Schiffsdiesels. Ich versuche zu schreien, bringe aber keinen Ton heraus. Nochmals probiere ich es, jetzt geht’s: „Oyinbo!“ Keine Antwort. Wieder nähert sich Wellenbrechen; die Heckwelle ist über uns, noch ein Guß, dann ist es vorbei. Ich halte den Bootsrand fest und rufe wieder. „Oyinbo“! Da, nicht weit entfernt kommt eine schwache Antwort: „ Olola“! Ich rufe: „Hierher, ich habe den Bootsrand!“ und wieder schwach : „Ich komme!“ Gott sei Dank, er lebt, wir leben! Da taucht er auch schon platschend neben mir auf. Ich sage: „Halte dich auch am Boot fest!“ Da ist er schon neben mir und tut es. Das Boot ist vollgeschlagen, aber nicht gekentert. Es schwimmt trotzdem, weil es aus Holz ist. Der Bug schaut ein bißchen heraus, das Heck kaum, weil es der Motor belastet. Wir befühlen uns, bewegen unsere Gliedmaßen und stellen fest, daß wir einigermaßen heil sind, abgesehen vielleicht von einigen blauen Flecken. Die Ausrüstung ist sicherlich komplett weg, aber das ist jetzt nicht so wichtig. Wir versuchen, hineinzukommen, aber das ist nicht möglich. Sobald einer sich anstemmt, um sich hineinzuschwingen, krängt das Boot so stark, daß die Bordwand unter der Wasseroberfläche abtaucht und neues Wasser eindringt, wenn das überhaupt noch möglich ist. Mein Bruder meint, wenn jeder von uns es gleichzeitig an der gegenüberliegenden Seite probiert, könnte es klappen, wir schaffen es aber trotzdem nicht, da wäre das Feingefühl eines Hochartisten nötig. Mein Bruder denkt an die Trillerpfeife, die er beim Ausfahren immer in der Tasche hat. Sie stammt von einem Kreuzfahrtschiff, das wir einmal mit Fisch beliefert haben. Er pfeift in die Nacht hinaus, wieder und mit Abstand wieder. Da, ein leises Rattern ist zu hören1 Lieber Gott, bitte nicht noch einen Brummi! Nein, es nähert sich und stammt deutlich von einem Außenborder. Jetzt verstummt es. Oyinbo trillert erneut. Das Rattern beginnt wieder und kommt auf uns zu. Wieder Stille und wieder der Triller. Da flammt ein TaschenlampenScheinwerfer auf und bewegt sich suchend über das Wasser. Noch ein Triller. Jetzt erfaßt uns der Schein. Ein Boot kommt auf uns zu, nähert sich vorsichtig, dann eine Stimme: „Wer seid ihr“? Wir melden uns. Da liegt das Boot schon neben unserer Badewanne. Es ist Urnemu, einer der Fischer aus unserem Vorort. Wir kennen ihn gut, er hat ebenfalls am Fischmarkt einen Verkaufsstand, gar nicht weit von dem unseren. Er hilft uns in sein Boot und jetzt erst, dort hockend, bemerke ich, wie kalt mir schon ist, obwohl das Wasser bestimmt fünfundzwanzig Grad warm ist. Er hat mit seinem Boot ganz ähnlich wie wir gefischt und hat beobachtet, wie unser Licht bei dem aufregenden Drill des Haies plötzlich wie verrückt hin und hergewandert ist. Nach kurzem war ihm klar, daß wir einen schweren Fisch gehakt hatten und er schaute neugierig zu. Dann kam der Brummer und das Licht unserer Petroleumlampe ging aus. Helle, wie er ist, hat er richtig kombiniert und angenommen, daß er wird helfen müssen und das tat er dann auch. Wir schauen uns die Katastrophe genauer an: das Boot ist voller Wasser, aber unbeschädigt, der Motor ist dran, den wird man aber zerlegen und sorgfältig reinigen müssen. Die Innereien sind alle draußen , doch halt, die Haspel, mit der ich den Hai drillte, ist noch dort in den Spanten eingeklemmt , wo ich sie hingesteckt habe. Sollte.....? Ich fasse sie von meinem Platz auf Urnemus Boot aus heran zu mir und beginne zu ziehen. Da, ein schwerer Körper folgt dem Zug und kommt an den Bootsrand. Der Hai! Wir haben ihn noch. Wir hieven ihn über den Bootsrand, damit ihn kein anderer Hai anfällt. Jetzt kommt uns erst die Erleichterung, daß wir keinen Haibesuch hatten, obwohl wir bestimmt eine dreiviertel Stunde im Wasser waren. Der Rest der Nacht ist schnell erzählt. Mit einem Plastikkübel schöpfen wir das Boot aus, Urnemu nimmt es in Schlepp und etwas früher als sonst, um ca. vier Uhr früh, legen wir bei

unserer Hütte an. Während der Überfahrt hat Oyinbo, so wie sonst auch, den Hai schon ausgenommen und gesäubert, damit er schön frisch bleibt. Wir danken Urnemu für seine Hilfe und bieten ihm als Entschädigung den Hai an; erst nach langem Drängen ist er dazu bereit, die Hälfte des Fisches zu nehmen. Schließlich hat er nichts gefangen, aber seine Zeit mit uns verplempert. Mit dem halben Fisch und dem ganzen Motor wandern wir zur Hütte hinauf. Mama ist noch verschlafen , macht aber große Augen, als wir in dem Aufzug plötzlich vor ihr stehen. Wir erzählen ihr, was geschehen ist. Sie schimpft, daß wir leichtsinnige Abenteurer und Vagabunden sind, hat aber Tränen in den Augen. Sie macht uns heißen Tee und steckt uns dann ins Bett. Es ist Vormittag, als wir aufwachen. Papa sitzt neben uns, lächelt und sagt schließlich „Jungen, da habt ihr aber einen schönen Fisch gefangen, so einen hab’ auch ich nicht öfter als zwei-, dreimal hereingebracht.“ Er schaut ein wenig nachdenklich, kritisiert uns aber mit keinem Wort. Die Mama kommt herein und strahlt: „ Buben, die Mädels haben den Teil des Fisches, den wir nicht brauchen, schon verkauft. Fünfzehn Kilo habe ich behalten, die werden wir morgen brauchen. Ich habe nämlich die ganze Verwandtschaft für Weihnachten zu uns zum Festessen eingeladen und das sind schon an die achtzig Leute. Gilt es doch , nicht nur die Geburt Christi, sondern auch eure zweite Geburt zu feiern. Sie haben alle zugesagt, zu kommen und jeder hat versprochen, eine Kleinigkeit an Fischausrüstung mitzubringen, damit es nach dem Fest wieder hinausgehen kann.“ Ich freue mich, die schöne Iaya wird auch dabei sein, die ist entfernt mit uns auch verwandt. Ich atme frei durch. Es ist wahrhaft schön, so eine Familie zu haben , und, sagen Sie selber, ist es nicht schön, zu leben und noch dazu gerade hier?