Wo steht die junge Schweizer Malerei?

Wo steht die junge Schweizer Malerei? Autor(en): Kern, Walter Objekttyp: Article Zeitschrift: Du : kulturelle Monatsschrift Band (Jahr): 7 (194...
Author: Hedwig Baumann
1 downloads 1 Views 14MB Size
Wo steht die junge Schweizer Malerei?

Autor(en):

Kern, Walter

Objekttyp:

Article

Zeitschrift:

Du : kulturelle Monatsschrift

Band (Jahr): 7 (1947) Heft 3

PDF erstellt am:

21.08.2017

Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-305323

Nutzungsbedingungen Die ETH-Bibliothek ist Anbieterin der digitalisierten Zeitschriften. Sie besitzt keine Urheberrechte an den Inhalten der Zeitschriften. Die Rechte liegen in der Regel bei den Herausgebern. Die auf der Plattform e-periodica veröffentlichten Dokumente stehen für nicht-kommerzielle Zwecke in Lehre und Forschung sowie für die private Nutzung frei zur Verfügung. Einzelne Dateien oder Ausdrucke aus diesem Angebot können zusammen mit diesen Nutzungsbedingungen und den korrekten Herkunftsbezeichnungen weitergegeben werden. Das Veröffentlichen von Bildern in Print- und Online-Publikationen ist nur mit vorheriger Genehmigung der Rechteinhaber erlaubt. Die systematische Speicherung von Teilen des elektronischen Angebots auf anderen Servern bedarf ebenfalls des schriftlichen Einverständnisses der Rechteinhaber. Haftungsausschluss Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr für Vollständigkeit oder Richtigkeit. Es wird keine Haftung übernommen für Schäden durch die Verwendung von Informationen aus diesem Online-Angebot oder durch das Fehlen von Informationen. Dies gilt auch für Inhalte Dritter, die über dieses Angebot zugänglich sind.

Ein Dienst der ETH-Bibliothek ETH Zürich, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, Schweiz, www.library.ethz.ch http://www.e-periodica.ch

WO

DIE

STEHT

SCHWEIZER

JUNGE

MALEREI

Die Bilder und Zeichnungen schweizerischer Maler der Jüngern Generation, die dieses Heft begleiten, vertreten keineswegs alle Tendenzen unserer Malerei. Um einen richtigen Querschnitt zu erhalten, mußten auch die extremeren Richtungen vertreten sein, wie

Künstler der «Allianz» verkörpern und jene Gruppe junger Maler, die sich den neuesten Tendenzen der jungen französischen

sie die

Malerei anschließt, die Max Eiehenberger teilweise an dieser Stelle vor einem Jahre in seinem «Panorama der jungen Schweizer Malerei» vorgestellt hat. Jene jüngsten Maler folgen teilweise noch dem Surrealismus, teilweise bereits der neuesten Strömung der arabesken-

und farbenreichen Kunst, die in Frankreich durch die Namen Estève, Bazain, Manessier, Singier, Le Moal und andere mehr vertreten

wird. In der Schweiz finden wir in Charles Kollier, Fernand Dubuis und Hans Seiler, um nur einige Namen zu nennen, Künstler dieser farbig intensiven Malerei, die an den deutschen Expressionismus der Marc und Macke gemahnt. Während jedoch in Frankreich diese Erneuerung der «peinture pure», zusammen mit Matisse und Picasso, bereits im Mittelpunkt steht, ist sie bei uns noch eine junge und fast unbeachtete Randerscheinung. Die hier abgebildeten Werke berühren diese Extreme nicht. Sie verkörpern die beherrschende Mitte, womit ebenso eine Begrenzung

nach oben wie nach unten gemeint ist. Sie sind daher nicht Dokumente unserer stärksten Leistungen. Vielleicht sind sie aber gerade

des¬

halb aufschlußreich, denn unsere Kunst, sowohl die Dichtung wie die Malerei, wurde immer von diesem Strom der Mitte getragen und nie von den Extremen bestimmt. Eine Feststellung, die beispielsweise auf Frankreich nicht zutrifft. Dort schufen sich die wenigen Fau-

*i

ttfl

-*j£

\

»



*

\>f **.

«u



Üi *

i

m

/f

f/

ß fr/ y

K

m

é

N'

*

h m

i*

m

\

fA

\s

h G

X

v '¦¦ t.

v.

\

.'/

r

?!ß

:

Vs"""-»

s^

S &

¦m

-/

I

fi

à

%

*\*q

a

5 V

^4» p

¦i

B

y

o

$ •.V-

OTTO STAIGEH 10

:

Landschaft bei Raron

W W»

fi

Itrmrrkungcn zu finer Itilderfoige. niiK^i-nählt .tits den Jiihret-t-'.tule-ftufnttttungen in Zurich. Hern, tinsel If'interlhitr

visten und Kubisten ein neues Zentrum außerhalb der herrschenden Kunst, die sich nur durch das Gewicht der vielen mit einem guten

Durchschnitt Geltung verschaffte. Sie trifft auch auf das Deutschland des Expressionismus nicht zu, der seine visionäre Kraft wie einen

Keil zwischen die offizielle Malerei schob und schließlich den Block spaltete und das Feld beherrschte. In diesen Bildern der Jungen findet man noch schwache Anklänge

des Expressionismus und eine

Weiterführung der nach dem

ersten Weltkrieg aufgetauchten neuen Sachlichkeit. Es soll hier daran erinnert werden, daß die Schweiz die neue Sachlichkeit aus dem

eigenen Boden zog und nicht von Deutschland übernahm. Ihre Schrittmacher, Nikiaus Stoecklin und einige wenige Maler aus der

Gefolgschaft Otto Meyers — ich denke an Eduard Gubler und Eugen Zeller — bezogen sie aus unserer eigenen Wesensart: Unserm Sinn für die Wirklichkeit, der Beschaulichkeit und Nüchternheit.

In einigen

dieser jungen Maler ist diese Strömung noch lebendig, und

sicher wird sie noch weiter in die Zukunft wirken, weil sie für uns nicht eine künstlerische Tendenz darstellt, die sich im luftleeren

Raum abspielt, sondern unserer Eigenart entgegenkommt, zu der auch die Erzählerfreude gehört, die in der romantisch gesteigerten neuen Sachlichkeit, dem magischen Realismus, auch der Vision und Phantasie ihren Raum beläßt.

Durch andere Bilder dieser Maler scheint jene Generation durchzublicken, die die große Linie der französischen «peinture» fort¬

führte und sich damit der stolzesten Tradition verschrieb, wie Amiet, Paul Basilius Barth und Max Gubler. Als Land der Völkerscheide zwischen lateinischer Klarheit und nordischer Problematik haben wir uns seit jeher von hüben und

< «

l

f

«

i

-LJ-3

CtAi.

é



1

¦i^J I

»

»

te

fjrjTM*-

M

O

^^


% "7

y&

X

K.

W.

T>

rr

A

2"

J

y

zMr A />



A

S2 [Awa+x/^ViMa^

1(1

IHM.I'

MIMl'lii:« Il I

:

An

ilrr Bahnlinie

Toulon—Marseille

drüben jene Elemente geholt, die unserm eigenen Wesen entgegenkamen und sie diesem Wesen gemäß verwandelt. So beruhigte sich der extreme Expressionismus bei uns rasch und der Kubismus, als Ausdruck klarster lateinischer Formessenz, wurde kaum

aufgegriffen, so wenig wie die Romantik der Präraffaeliten oder der französische Symbolismus bei uns heimisch werden konnten, da sie unserm Wesen, als der So

Wirklichkeit zu fern, widersprachen.

ist auch in diesen Bildern junger Maler zwischen Dreißig und Fünfzig, abgesehen von der Wertung der Einzelleistung, eine

starke Tendenz nach einer ausgewogenen Mitte abzulesen. Sie vertrauen dem Auge mehr als der Phantasie.

Hodler und Otto Meyer-Amden, die einst auf die heute Sechzigjährigen einwirkten, sprechen kaum mehr mit, und von den führenden Malern des Landes, wie Auberjonois, Morgenthaler, Huber, Pellegrini und andere mehr, scheint in diesen jungen Malern

nur das zurückzubleiben und nachzuwirken, was zu dieser Mitte führt. Man könnte fast von einer Windstille sprechen, wenn nicht auch noch andere Kräfte am Werke wären, die in Neuland vorzustoßen versuchen, wobei Windstille oder Bewegtheit noch keine künstlerischen Wertungen bedeuten, sondern nur eine

Situation kennzeichnen. Es kann sich nicht darum handeln, die hier ausgewählten Bilder junger Künstler in den Schatten der extremeren Strömungen zu stellen, trotzdem ich mir keine große Kunst ohne großen Wagemut vorstellen kann, vorausgesetzt, daß die

Kraft die Kühnheit rechtfertige. Diese Maler der Mitte werden zweifellos die schweizerische Malerei von morgen wesent-

-+.

'"*'">«.*,

S*

r I

•«¦"

»,..

s. .¦

-

•fàt

Jm

V.

X.X. ¦

¦

ItOIIEKT

I.H:\ll.\ltll :

Junge Italienerin

N

lieh mitbestimmen. Neben ihnen werden aber auch jene Maler mitsprechen, die heute am Rande dieser gesicherten künstlerischen Erkenntnisse sich mit den Wagnissen des intensiven farbigen Ausdrucks auseinandersetzen und die uns farbige Kaskaden, ent¬ fesselte Feste

für

das Auge, versprechen. Ebenso denke ieh an jene, die sich in abstrakten und konkreten Versuchen tummeln,

sofern sie die Einflüsse soweit assimiliert haben, daß in ihren Bildern von einer Selbst Verwirklichung gesprochen werden kann.

Wie immer, stehen sich auch heute Tradition und Wille zum Neuen gegenüber und man glaube daher nicht, daß die Zeit der Experimente vorüber sei. Die Kunst wird — und muß — einerseits immer ein Abenteuer des Geistes bleiben, anderseits wird sie sich auch immer an die bewahrenden und hegenden

für die Kunst gilt

das

Kräfte halten müssen, die das Erreichte behutsam weiterbilden. Auch

Wort Valérys: «Le monde ne vaut que par

les extrêmes et ne dure que par les moyens.

Il

ne vaut que par les

ultras et ne dure que par les modérés.» Möge diese kurze Betrachtung, mehr zufällig durch diese Bilder angeregt als ihnen auf den Leib geschrieben, die Erkenntnis

fördern helfen, daß das Erhaltende und das Vorwärtstreibende, das Gemäßigte und das Extreme, das Statische und das Dynamische notwendige Ergänzungen bilden und möge sie daher manches Vorurteil den neuen Kunsttendenzen gegenüber entkräften. Nur

durch das Zusammenwirken beider bleibt die Welt in den Angeln und wird doch weitergetrieben, entsteht eine Welt von morgen, überglänzt von den Strahlen des Gestern.

Walter Kern

X3 II II-.

^>Y/' ;

•*

V

/