Wirtschaftspolitik und Dynamik der Wirtschaftssektoren

Working Paper 4/2005 Nikolaus Fink, Alfred Katterl, Manuel Schuster Wirtschaftspolitik und Dynamik der Wirtschaftssektoren in Österreich 1995 - 2003...
Author: Florian Krause
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Working Paper 4/2005

Nikolaus Fink, Alfred Katterl, Manuel Schuster

Wirtschaftspolitik und Dynamik der Wirtschaftssektoren in Österreich 1995 - 2003

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Inhalt

Inhalt Executive Summary 1. Einleitung 2. Überblick über die drei Wirtschaftssektoren 3. Primärer Sektor: Landwirtschaft und Fischerei 4. Sekundärer Sektor: Bergbau, Industrie und Handwerk 4.1. Energie und Wasserversorgung 4.2 . Sachgütererzeugung 4.2.1. Textilwirtschaft 4.2.2. Herstellung von Nahrungs-, Genussmitteln und Getränken; Tabakverarbeitung 4.2.3. Elektronik: Büromaschinen, Datenverarbeitungsgeräte und -einrichtungen; Elektrotechnik, Feinmechanik und Optik 4.2.4. Fahrzeugindustrie 5. Tertiärer Sektor: Dienstleistungssektor 5.1. Handel; Reparatur von Kfz und Gebrauchsgütern 5.2. Beherbergungs- und Gaststättenwesen 5.3. Verkehr und Nachrichtenübermittlung 5.3.1. Verkehr 5.3.2. Nachrichtenübermittlung 5.4. Kredit- und Versicherungswesen 5.4.1. Kreditsektor 5.4.2. Versicherungssektor 5.5. Realitätenwesen, Vermietung bewegl. Sachen, unternehmensbezogene Dienstleistungen 6. Trends und Wachstumsaussichten 6.1. Durchschnittliches jährliches Wachstum der Bruttowertschöpfung 6.2. Gesamtwertschöpfungsanteile, Beschäftigtenanteile und Aussichten 6.3. Entwicklung des Außenhandels und Direktinvestitionen 6.3.1. Außenhandel 6.3.2. Direktinvestitionen 6.4. Globalisierung 6.4.1. Implikationen auf der EU-Ebene: 6.4.2. Implikationen auf globaler Ebene: 6.5. Schätzung der Gewinne an Konsumentenrente 6.6. Zusammenfassung Literatur Statistischer Anhang Zu den Autoren

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Informationen

Die Working Paper werden von Mitarbeitern des Bundesministeriums für Finanzen oder von ExpertInnen, die mit ihnen kooperieren, verfasst. Ziel ist es, Erkenntnisse aus der laufenden Arbeit des Finanzministeriums einer informierten Öffentlichkeit vorzustellen, um die wirtschaftspolitische Diskussion anzuregen und die weitere Arbeit zu bereichern. Die Inhalte stellen nicht notwendigerweise die offizielle Meinung des Bundesministeriums für Finanzen dar, sondern fallen in die Verantwortung der jeweiligen AutorInnen.

Ihre Kommentare und Anfragen richten Sie bitte an: Alfred Katterl, Abteilung Allgemeine Wirtschaftspolitik Tel.: +43/1/514 33-0 e-mail: [email protected]. at

Kostenlose Bestellungen der Publikationen: Bundesministerium für Finanzen, Abteilung I/21 Personalentwicklung Himmelpfortgasse 8, A-1015 Wien Tel.: +43/1/514 33/1346 (Mo bis Fr von 08.00 Uhr bis 15.30 Uhr) Internet: www.bmf.gv.at (Rubrik Publikationen)

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Executive Summary

Executive Summary Österreichs Wirtschaft (ohne Staatssektor und Landwirtschaft) ist von 1995 bis 2003 im Durchschnitt jährlich um etwa 3,9 % nominell gewachsen, die unselbständige Beschäftigung um etwa 0,6 %. Von 45 untersuchten Sektoren sind 4 geschrumpft, und 5 haben jährliche Zuwachsraten von über 10 %. Die zwei größten Sektoren (Handel, Bau) weisen im Jahr 2003 rd. 27% der Wertschöpfung und rd. 33% der Beschäftigung aller untersuchten Sektoren auf. Sie wuchsen nominell jährlich 1 Prozentpunkt unter dem Durchschnitt der Gesamtwertschöpfung. Gemessen an der Verbesserung des Außenhandelssaldos sind die „TOP 5“ Branchen die „Herstellung von Kraftfahrzeugen“, der „Maschinenbau“, die „Be- und Verarbeitung von Holz“, die „Herstellung von Nahrungsmitteln“ und der „sonstige Fahrzeugbau“. Diese zusammen haben zwischen 1995 und 2004 den Außenhandelssaldo Österreichs um etwa 7 Mrd. • oder fast 3 % des Bruttoinlandsprodukts verbessert. Die 5 „schwächsten“ Branchen sind die „Herstellung von Nachrichtengeräten“, die „Herstellung von Bekleidung“, die „Landwirtschaft“, der „Erzbergbau“ und die „Forstwirtschaft“. Hier verschlechterte sich die Außenbilanz in der Periode um etwa 1,6 Mrd. •. Seit dem Beitritt Österreichs zur EU sind mehrere Folgen wirtschaftspolitischer Regimewechsel erkennbar: Im international exponierten Sektor (vor allem sekundären Sektor) fand ein massiver Strukturwandel statt. Jene Sektoren, bei denen aufgrund der natürlichen Standortnachteile ein Schrumpfen zu erwarten war (z.B. Textilwirtschaft), haben inzwischen nur noch einen Anteil von etwa 1 % an der Wertschöpfung und Beschäftigung (34.000 Personen). Hier sind keine wesentlichen weiteren Effekte der Globalisierung zu erwarten, wobei der Gewinn an Konsumentenrente, dh. die Preisersparnis für die Konsumenten, immerhin knapp 0,4 % des BIP betrug. Selbst ein vollständiges Ende der Textilerzeugung hätte nur geringe Effekte auf die Gesamtentwicklung des Wachstums und der Beschäftigung, weil die Dynamik der vier schnellst wachsenden Sektoren dies kompensieren würde. Jene Sektoren, wo die Monopolstellungen geöffnet wurden (Energie, Telekom, Verkehr), verzeichneten eine nominelle Stagnation der Wertschöpfung. Ehemalige Monopolrenten wurden im Zuge der Liberalisierungen durch stark steigende Produktivität und Preiswettbewerb aufgezehrt. Diese Binnenmarktvorteile können zwischen 1995 und 2003 auf nominell etwa 2,5 Mrd. • oder rd. 1,25 % des BIP geschätzt werden, der reale Wohlfahrtseffekt ist noch deutlich höher. Insbesondere im Energiebereich dürften aber noch Wohlfahrtseffekte auszuschöpfen sein.

Von den fünf schnellst wachsenden Sektoren gehören vier dem Dienstleistungssektor an. Bis auf den Sektor der unternehmensnahen Dienstleistungen haben sie jedoch noch niedrige Anteile an der Wertschöpfung (rd. 6,5%) und an der Beschäftigung (rd. 4,1 % bzw. 100.000 Personen) und tragen daher noch wenig zur Wachstumsdynamik der Gesamtwirtschaft bei. Der Handlungsspielraum der sektoralen Wirtschaftspolitik hat sich im international exponierten Sektor (vor allem sekundären Sektor) stark verringert. Der internationale Wettbewerb wurde zur bestimmenden Kraft, insbesondere in der Sachgütererzeugung. Resultat ist eine stark gestiegene Wertschöpfung pro Kopf, eine leicht gesunkene Beschäftigung und ein deutlich verbesserter Außenhandelssaldo bei den Gütern. In diesen international exponierten Sektoren muss sich die Wirtschaftspolitik auf die Verbesserung/ Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit konzentrieren: • Die Erhaltung schrumpfender Sektoren - wie zum Beispiel der Textilindustrie - könnte nur im Wege der Innovationsförderung erfolgreich sein. • Erfolgreiche Sektoren zeichnen sich durch das hohe Ausbildungsniveau der Arbeitskräfte und erfolgreiches Networking im Export aus. • Forschung und Entwicklung stellen die internationale Wettbewerbsfähigkeit sicher. • Die Betriebsansiedlungspolitik kann in Teilbereichen helfen, kann aber gute Rahmenbedingungen nicht ersetzen. Im tertiären Sektor ist der Wettbewerbsdruck aus dem Ausland momentan noch geringer. Die Wertschöpfung pro Kopf ist deutlich weniger dynamisch. Der wirtschaftspolitische Handlungsspielraum und auch das Potenzial an Wohlfahrtssteigerungen sind hier noch größer. Durch die Sicherstellung von funktionierendem Wettbewerb kann der Staat eine noch effizientere Ressourcenallokation erreichen. Funktionierender Wettbewerb kann durch verschiedene Maßnahmen erreicht werden: • Abbau unnötiger Regulierungen (freie Berufe und deren Kammersystem). • Verhinderung des Ausnutzens von Marktmacht durch eine entsprechende Wettbewerbsaufsicht (z.B. Einzelhandel, Energieversorgung, Telephonie). • Ein weiterer Rückzug des Staats – flankiert von wettbewerbspolitischen Maßnahmen - kann die Kosteneffizienz steigern und den Strukturwandel beschleunigen (Energieversorgung, Telekom). Der Blick auf die künftigen globalen Entwicklungen offenbart einen weiter steigenden Wettbewerbsdruck in allen Sektoren. 5

Executive Summary

Daher ergeben sich zwei Leitprinzipien für die branchenspezifische Wirtschaftspolitik: • Sicherung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit im international exponierten Sektor. • Sicherung eines funktionierenden Wettbewerbs im nationalen, geschützten Sektor. Bei konsequenter Umsetzung stehen die mittelfristigen Wachstumsaussichten der Wirtschaftssektoren Österreichs sehr gut. Die Beseitigung von Schwachstellen, sowohl im Wirtschaftssystem, als auch in der Wirtschaftspolitik (Förderungen, Regulierungen), kann beträchtliche Beiträge zu BIP-Wachstum, Beschäftigung und zur Wohlstandsförderung leisten. Im folgenden eine Liste mit wirtschaftspolitischen Empfehlungen für einzelne Sektoren: Landwirtschaft: • Abbau von Preisstützungen und der Förderung im Bereich der Massenproduktion. • Förderung von Innovation, Produktdifferenzierung und hoher Qualität. Energie- und Wasserversorgung: • Verhinderung von Quersubventionen (etwa von der hohen Netzgebühr im Monopolbereich zum im Wettbewerb stehenden Endkundenmarkt). • Sicherstellung von funktionierendem Wettbewerb im Bereich der Energieversorgung (d.h. entsprechende Personalausstattung der Regulierungs- und Wettbewerbsbehörden, rasche Umsetzung der Entscheidungen dieser Behörden, Abschaffung der drei Regelzonen, um Österreich weiten Markt zu schaffen). • Rückzug aus den staatlichen Beteiligungen in der Energieversorgung. • Entbündelung von Netz und Vertrieb. • Erhöhung der Transparenz für die Kunden. Textilwirtschaft: • Abbau von Förderungen im Bereich der Massenproduktion. • Wenn Förderungen, dann die von Nischenmärkten und Innovationen. Nahrungsmittelindustrie: • Vertretung der Interessen der österreichischen Nahrungsmittelindustrie im Rahmen der EU Gesetzgebung / Regulierung. Handel: • Untersuchung der Wettbewerbsverhältnisse im Lebensmitteleinzelhandel. • Lockerung der Vorschriften für die Eröffnung von großen Einkaufszentren. • Weitere Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten.

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Untersuchung, ob die unverbindlich empfohlenen Verbrauchspreise zu überhöhten Preisen führen, sowie eventuelle Gegenmaßnahmen.

Elektronikindustrie: • Eine mäßige Lohnpolitik, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. • Bereitstellung von hoch qualifizierten Arbeitskräften durch ein entsprechendes Bildungssystem. • Förderung von F&E, um durch Innovationen den Nachteil der relativ hohen Löhne auszugleichen. Fahrzeugindustrie: • Fortsetzung der Clusterbildung um Exportnetzwerke aufzubauen und KMUs einzubinden. • Interaktion von Bildungseinrichtungen und Unternehmen verbessern. Tourismus: • Maßnahmen zur Stärkung der Innovationskraft. • Ende der Quersubventionen für Saisonarbeitslose in Form der Arbeitslosenversicherung. Verkehr: • Transeuropäische Netze und Koordination der Verkehrsmodi verbessern. • Umweltfreundliche Technologien fördern. • Langfristig gerechte Preise. Telekommunikation: • Stärkung der Stellung des Regulators, sofortige Umsetzung der Entscheidungen. • Mehr Information über die Vor- und Nachteile des Internets im Zusammenhang mit z.B. „e Government“. • Die Förderung der Anschlussgebühren könnte den Zugang vereinfachen. • Vollständiger Rückzug des Staates aus der Telekom Austria. Finanzmarkt: • Eine starke Aufsichtsbehörde im Finanzmarktbereich (FMA). • Marktliberalisierungen, um Wettbewerbsdruck und Prämiensenkungen zu erreichen. Regulierte Dienstleistungen: • Aufhebung der Pflichtmitgliedschaft im gesetzlichen Kammersystem der „Freien Berufe“. • Reduktion der Regulierungen auf das notwendige Mindestmaß, um den Markteintritt zu erleichtern und effektiven Wettbewerb zu schaffen. • Qualitätssicherung soll bei Angestellten, nicht bei Eigentümern ansetzen. • Überprüfung diverser empfohlener und vorgeschriebener Gebühren und Preise.

Einleitung

1. Einleitung Österreich Wirtschaft wuchs in den Jahren 1995-2004 real um +24%. Dieses Wachstum liegt etwas über dem der Eurozone mit +22%, zu einigen dynamischeren Volkswirtschaften wie den skandinavischen Ländern, dem Vereinigten Königreich und den USA gibt es aber einen deutlichen Wachstumsrückstand. Wirtschaftswachstum entsteht durch Steigerungen der Wertschöpfung. Je stärker die Wertschöpfung in den Unternehmen wächst, desto stärker wächst auch die Gesamtwirtschaft. Welche Sektoren waren nun in Österreich maßgeblich für das Wirtschaftswachstum? Welche Sektoren haben sich - gemessen an der Wertschöpfungssteigerung - als weniger dynamisch („schwach“) erwiesen? Diese Fragestellung wird bei der üblichen Betrachtung von BIP-Wachstum vernachlässigt. Die vorliegende Arbeit versucht daher, die Entwicklung der einzelnen Sektoren genauer zu betrachten, sowohl anhand eines Vergleichs der drei Sektoren (primär, sekundär, tertiär), als auch ihrer Teilsektoren: • • •

In welchen Bereichen entstand das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre? Wie entwickelte sich die Wertschöpfung pro Erwerbstätigem? Welche Ursachen könnten dafür verantwortlich sein?

In einer abschließenden Betrachtung soll auf die bisherigen Trends und die Wachstumsaussichten unter dem Gesichtspunkt der Branchenentwicklung auf ÖNACE 2-Steller Ebene eingegangen werden. Die gesamte Analyse berücksichtigt nur die nominelle Wertschöpfung. Im sektoralen Vergleich soll vor allem der Beitrag zum BIP analysiert werden. Bei realen Werten geht die Information der Preisentwicklung verloren, was vor allem für die Exporte von großer Bedeutung ist. Durch diese rein nominelle Betrachtung fehlt eine Analyse der Preisentwicklung, die etwa von der Wettbewerbsintensität abhängt. Auch wird die veränderte Preisentwicklung nicht in Preis- und Mengeneffekte zerlegt. Ebenfalls nicht behandelt wird die wirtschaftliche Dynamik innerhalb der untersuchten Branchen. Eine solche Detailanalyse würde über den Rahmen der Arbeit hinausgehen. Die Arbeit konzentriert sich auf eine grobe Analyse der Daten und verwendet vor allem die vorhandene Literatur zu den einzelnen Branchen, um daraus wirtschaftspolitische Empfehlungen abzuleiten. Aufgrund von Brüchen und anderen Unvollkommenheiten in den Datenreihen wurde von allzu spezifischen Schlussfolgerungen und Empfehlungen abgesehen.

Im Weiteren soll der wirtschaftspolitische Rahmen betrachtet werden: Wie groß ist der Handlungsspielraum? Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen könnten eine effiziente Ressourcenverwendung sicherstellen?

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Überblick über die drei Wirtschaftssektoren

2. Überblick über die drei Wirtschaftssektoren Der primäre, sekundäre und tertiäre Sektor wiesen im Zeitraum 1988-2003 eine unterschiedliche Dynamik bei 1 der Wertschöpfung auf, wie die folgende Grafik veranschaulicht: Abbildung 1: Entwicklung der Wertschöpfung

Betrachtet man hingegen die Wertschöpfung pro Erwerbstätigem (von nun an pro Kopf), ergibt sich ein differenziertes Bild. Der sekundäre Sektor weist seit 1995 das stärkste Wachstum aus, während sich der primäre und der tertiäre Sektor gleichermaßen schwach entwickelten, wie die nachfolgende Grafik zeigt: Abbildung 3: Entwicklung der Wertschöpfung pro Kopf

Quelle: Statistik Austria, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen (VGR) 1988-2003, eigene Berechnungen

Aus der Grafik ist leicht ersichtlich, dass in den letzten 15 Jahren vor allem der sekundäre sowie der tertiäre Sektor Beiträge zum Wirtschaftswachstum lieferten, während der primäre Sektor stagnierte. Wie entwickelten sich die Anteile der Sektoren an der Gesamtwertschöpfung in dieser Periode? Folgende Tabelle enthält die Daten von 1988 und 2003: Abbildung 2: Wertschöpfungsanteile der Sektoren, 1988 und 2003

Quelle: Statistik Austria, VGR 1988 – 2003, eigene Berechnungen







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Im Jahr 1988 belief sich der Anteil des primären Sektors noch auf rd. 4,2%, während der sekundäre Sektor rd. 32,4% und der tertiäre Sektor rd. 63,4% Wertschöpfungsanteil aufwiesen. Bis zum Jahr 2003 fiel der primäre Sektor allerdings um rd. 2,2%, der sekundäre Sektor um rd. 1,9%, wohingegen der Dienstleistungssektor um mehr als 4% zunahm. In absoluten Zahlen dominierte 2003 (bei einem BIP von rd. 227,0 Mrd. •) der Dienstleistungssektor mit einer Wertschöpfung von 134,5 Mrd. •, gefolgt vom Industriesektor mit 61,7 Mrd. •. Die Wertschöpfung des primären Sektor (Landwirtschaft, Fischerei) blieb 2 vergleichsweise bescheiden mit 4,0 Mrd. •.

Quelle: Statistik Austria, VGR 1988 – 2003, eigene Berechnungen

Daraus lassen sich folgende Entwicklungen ableiten: • Im primären Sektor, also vor allem in der Landwirtschaft, kam es seit dem EU Beitritt zu einem Preisverfall. Aufgrund des verschärften Wettbewerbs steigerte sich auch die Wertschöpfung pro Kopf; im Zuge dieses Strukturwandels ging die Beschäftigung stark zurück. • Die Industrie war am stärksten vom Beitritt zur EU, der Ostöffnung und der Globalisierung betroffen. Doch diese Wettbewerbspeitsche wirkte sich sehr positiv auf die Produktivität und somit die Wertschöpfung aus - sie ist seit 1995 sehr stark angestiegen. Die Industrie konnte die verlorenen Marktanteile im Inland durch höhere Exporte deutlich kompensieren, die Außenhandelsbilanz im Bereich der Waren hat sich seit 1995 deutlich verbessert. Trotz des starken Wachstums ging die Beschäftigung dem internationalen Trend entsprechend leicht zurück, die Industrie hat aber weiterhin einen im internationalen Vergleich überproportionalen Anteil am Bruttoinlandsprodukt. • Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft in den Industrienationen ist auch in Österreich klar bemerkbar: Die Wertschöpfung im tertiären Sektor weist starke Zuwachsraten auf. Im Gegensatz zum Industriesektor ist der internationale Wettbewerb bei den Dienstleistungen deutlich geringer - Dienstleistungen sind zumeist nicht transportfähig und müssen an Ort und Stelle geleistet werden. Dementsprechend

In der gesamten Analyse wird – wie oben angeführt - primär auf die nominelle Wertschöpfung eingegangen. Um von der Summe der Wertschöpfung der 3 Sektoren zum BIP zu gelangen, müssen noch die Gütersteuern addiert und die Gütersubventionen subtrahiert werden.

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Überblick über die drei Wirtschaftssektoren

fehlt der Wettbewerbsdruck, dem sich etwa die Industrie stellen musste. Die Wertschöpfung und die Beschäftigung sind gestiegen, allerdings hat sich die Wertschöpfung pro Kopf nur sehr schwach entwickelt. Diese schwache Steigerung resultiert vor allem aus höheren Preisen, was wiederum auf wenig Wettbewerb schließen lässt. Folgende Tabelle gibt einen Überblick über diese Veränderungen: Abbildung 4: Übersicht über die Sektoren

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend sollen nun die Ursachen in den einzelnen Sektoren analysiert werden, die zu erwartenden Trends beschrieben werden und wirtschaftspolitische Empfehlungen gegeben werden.

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Primärer Sektor: Landwirtschaft und Fischerei

3. Primärer Sektor: Landwirtschaft und Fischerei Der primäre Sektor besteht aus den Bereichen Landund Forstwirtschaft sowie Fischerei. Die Wertschöpfung stagniert seit längerem und die Beschäftigung geht zurück. Der Grund für diese Entwicklung ist vor allem die fehlende Nachfrageelastizität, d.h. selbst wenn der Preis fällt, werden nicht wesentlich mehr Nahrungsmittel konsumiert. Wirtschaftspolitisches Ziel im primären Sektor darf daher nicht die Erhöhung der Menge, sondern die Erhöhung von Produktivität und Qualität sein. Dies kann z.B. über Produktdifferenzierung erreicht werden. Förderungen von Massenproduktion und Preisstützungen verhindern sinnvolle Umstrukturierungen und somit auch Wirtschaftswachstum.

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Wirtschaftspolitische Maßnahmen: • Abbau von Preisstützungen und der Förderung im Bereich der Massenproduktion. • Förderung von Innovation, Produktdifferenzierung und hoher Qualität.

Sekundärer Sektor: Bergbau, Industrie und Handwerk

4. Sekundärer Sektor: Bergbau, Industrie und Handwerk Die nachfolgende Grafik und Tabelle zeigen die Entwicklung der Teilsektoren des sekundären Sektors:

Abbildung 7: Entwicklung der Wertschöpfung pro Kopf in der Industrie

Abbildung 5: Entwicklung der Wertschöpfung im Industriesektor

Quelle: Statistik Austria, VGR 1988 – 2003, eigene Berechnungen. Quelle: Statistik Austria, VGR 1988-2003, eigene Berechnungen

Abbildung 6: Wertschöpfung im Industriesektor 2003

Quelle: Statistik Austria, VGR 1988-2003, eigene Berechnungen.

Im Jahr 2003 lieferte die Sachgütererzeugung mit rund 40 Mrd. • den Hauptbeitrag zur Wertschöpfung, gefolgt vom Bauwesen und der Energie- und Wasserversorgung. Den geringsten Zuwachs an Wertschöpfung wies die Energie- und Wasserversorgung auf. Gemessen an der Wertschöpfung pro Kopf wies die Energie- und Wasserversorgung ebenfalls den geringsten Anstieg auf (siehe Abbildung 6) – dieser Sektor soll daher nun genauer analysiert werden. Auf die Sachgütererzeugung wird später im Detail eingegangen.

4.1. Energie und Wasserversorgung Den Hauptteil dieses Bereichs nimmt die Energieversorgung (Elektrizität, Gas, Fernwärme) mit rund 90% der Wertschöpfung ein. Dieser Bereich wurde im Oktober 2001 liberalisiert. In den Jahren zuvor resultierte die schwache nominelle Entwicklung der Wertschöpfung aus leicht sinkenden Preisen bei leicht steigendem realen Output. Nach der Liberalisierung stieg der Output in den Jahren 2001 und 2002 bei konstanten bzw. fallenden Preisen stark, 2003 gab es jedoch wieder einen starken Anstieg der Preise. Eine effiziente und kostengünstige Energieversorgung ist ein bedeutender Standortfaktor; nachdem dieser Bereich liberalisiert 3 wurde, ist nun ein funktionierender Wettbewerb für die Effizienz entscheidend. Den größten Anteil an der Energieversorgung 4 nimmt die Elektrizitätsversorgung ein. Die OECD und 5 zuletzt das WIFO kritisieren insbesondere den mangelnden Wettbewerb am Endkundenmarkt für Elektrizität. Der Wettbewerb fehlt, weil das Stromnetz weiter vom alten Betreiber – dem Monopolisten – bereitgestellt wird und mehrere Stromnetze nebeneinander wegen dem hohen Kapitaleinsatz ineffizient wären. Allerdings bedarf es dann einer entsprechenden Regulierung der Höhe dieser Netzgebühr. Diese Netzgebühr ist aber vielfach so hoch, dass der ehemalige

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Definition des BMWA: „Funktionierender Wettbewerb führt zu niedrigeren Preisen, Verbesserung der Qualität, Innovation und Effizienzsteigerung. Er ist daher Voraussetzung für Wohlstandsvermehrung in der Marktwirtschaft.“ (http://www.bmwa.gv.at/BMWA/Themen/Wirtschaftspolitik/Wettbewerbspolitik/ Wettbewerbspolitik/default.htm) 4 Vgl. OECD (2005), S. 99f.

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Sekundärer Sektor: Bergbau, Industrie und Handwerk

Monopolist im Gegenzug die Elektrizität günstiger anbieten kann; durch diese Quersubvention wird der Elektrizitätspreis niedrig gehalten. Dadurch entsteht für potentielle Wettbewerber eine Markteintrittsbarriere. Die Beteiligungen des Bundes und der Länder an den Energieunternehmen führen zu Interessenskonflikten mit den ebenfalls von diesen wahrzunehmenden Aufgaben der Regulierung. Wird die Netzgebühr vom Staat zu niedrig angesetzt, schadet dies den bestehenden Unternehmen. Ein weiterer Grund für den fehlenden Wettbewerb ist, dass der Endverbraucher nur sehr schwer zwischen regulierter Netzgebühr und dem am freien Markt entstehenden Preis für Elektrizität unterscheiden kann. Deswegen erkennt er die durch einen Betreiberwechsel niedrigeren Kosten bei der Elektrizität nicht. Ein weiteres Argument ist, dass die momentan gesetzlich vorgeschriebenen öffentlichen Eigentümeranteile Reformen und Strukturwandel behindern. Einen stärkeren Wettbewerb verhindert auch die Segmentierung des kleinen österreichischen Markts in 3 Regelzonen. Ein Indiz für den fehlenden Wettbewerb (und somit ein Argument für die Forderungen von OECD und WIFO nach mehr Wettbewerb) sind die hohen Lohnkosten in der Energie- und Wasserversorgung, die mit durchschnittlich 61.000 • / Beschäftigtem stark über 6 dem Schnitt der Gesamtwirtschaft von 36.000 • liegen. Hohes Wertschöpfungswachstum wird in diesem Sektor in absehbarer Zukunft nicht zu erreichen sein. Monopolrenten sind noch abzubauen und bedeutende Zuwächse auf den Exportmärkten erfordern Investitionen. Es geht daher vor allem um mehr Kosteneffizienz und eine günstigere Versorgung für die Gesamtwirtschaft. Dies kann durch folgendes erreicht werden: • Verhinderung von Quersubventionen (etwa von der hohen Netzgebühr im Monopolbereich zum im Wettbewerb stehenden Endkundenmarkt). • Sicherstellung von funktionierendem Wettbewerb im Bereich der Energieversorgung (d.h. entsprechende Personalausstattung der Regulierungs- und Wettbewerbsbehörden, rasche Umsetzung der Entscheidungen dieser Behörden, Abschaffung der drei Regelzonen, um Österreich weiten Markt zu schaffen). • Rückzug aus den staatlichen Beteiligungen in der Energieversorgung. • Entbündelung von Netz und Vertrieb. • Erhöhung der Transparenz für die Kunden.

4.2. Sachgütererzeugung Die Sachgütererzeugung wuchs im Zeitraum 1995 – 2003 mit nominell +31,8% etwas schneller als die Gesamtwirtschaft mit +28,8%. Die Wertschöpfung betrug 2003 insgesamt 40,25 Mrd. •, die Branchenstruktur ist 7 breit gestreut. Die folgenden Abbildungen geben einen Überblick die Wertschöpfung: Abbildung 8: Wertschöpfung in der Sachgütererzeugung 2003

Quelle: Statistik Austria, Leistungs- und Strukturstatistik (LSS) 2003, eigene Berechnungen.

Abbildung 9: Entwicklung der Wertschöpfung in der Sachgütererzeugung, 1

Quelle: Statistik Austria, VGR 1988-2003, eigene Berechnungen.

Bei der Preisregulierung von Stromnetzen ist auch darauf zu achten, dass entsprechende Anreize für Investitionen erhalten bleiben.

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Vgl. „Wirtschaftskennzahlen der Unternehmen aus der Leistungs- und Strukturstatistik 2003.„ (http://www.statistik.at/unternehmen/lse3_05.pdf.). Vgl. Janger / Wagner (2004)

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Sekundärer Sektor: Bergbau, Industrie und Handwerk

Abbildung 10: Entwicklung der Wertschöpfung in der Sachgütererzeugung, 2

Quelle: Statistik Austria, VGR 1988 – 2003, eigene Berechnungen.

Die Textilwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie sollen nun als zwei „schwache“ Bereiche näher betrachtet werden. Die Elektronikbranche wird aufgrund der schlechten Entwicklung nach 2000 näher betrachtet, die Fahrzeugindustrie soll als Vorzeigebeispiel analysiert werden. 4.2.1. Textilwirtschaft Die Textilwirtschaft umfasst die Herstellung von Bekleidung und von anderen Textilien und erbrachte im Jahr 2003 eine Wertschöpfung von rd. 1,42 Mrd. •. Kennzeichnend für diesen Industriezweig sind der hohe Anteil der Lohnkosten an der Produktion, die niedrige Wertschöpfung pro Kopf und die im österreichischen Branchenvergleich sehr niedrigen Löhne. Aufgrund der international vergleichsweise niederen Löhne kann Österreich im globalen Wettbewerb um die Massenproduktion nicht mithalten. Überlebenschancen bestehen für stark spezialisierte Unternehmen, die sich durch hohe Qualität in Marktnischen behaupten können. Schon in den letzten Jahren gab es hier einen entsprechenden Strukturwandel. Generell ist aber von einem weiteren Schrumpfen und Jobabbau in der Textilindustrie auszugehen, denn seit Anfang 2005 gibt es im Rahmen der WTO keine Einfuhrbeschränkungen in Form von Quoten mehr. Zwar wurde von der EU eine Notfallsklausel in Anspruch genommen, aber nach deren Auslaufen werden sich die Importmengen erhöhen und der Preis wird weiter sinken. Mögliche wirtschaftspolitische Maßnahmen: Abbau von Förderungen im Bereich der Massenproduktion. • Wenn Förderungen, dann die von Nischenmärkten und Innovationen.

4.2.2. Herstellung von Nahrungs-, Genussmitteln und Getränken; Tabakverarbeitung Dieser Bereich erbrachte 2003 eine Wertschöpfung von rd. 3,67 Mrd. •, der Anteil der Tabakverarbeitung liegt bei rd. 5% und wird aufgrund der geringen Bedeutung und de facto Monopolproduktion nicht näher betrachtet. Bei den Nahrungsmitteln verdreifachten sich die Exporte und verdoppelten sich die Importe seit 1995; der EU Beitritt dürfte somit einen umfangreichen Strukturwandel ausgelöst haben. Die Nahrungsmittelindustrie konnte einerseits die Exportchancen in der EU sehr gut nützen; die hohe Qualität der österreichischen Lebensmittel spielte hier sicher eine Rolle. Andererseits gab es aufgrund der gestiegenen Konkurrenz durch Importe im Inland einen massiven Rückgang der Beschäftigung. 8 Das WIFO weist auf die hohe Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel hin: dies führe zu Nachfragemacht gegenüber der Nahrungsmittelindustrie. Die Auswirkungen auf den Konsumenten sind nicht klar; die günstigeren Einkaufspreise werden je nach Wettbewerbssituation an den Konsumenten weitergegeben oder nicht. Aus Sicht der Nahrungsmittelindustrie sind starke Marken ein Mittel gegen die Marktmacht des Handels. Diese muss der Einzelhandel im Sortiment haben, deswegen verliert er an Marktmacht. Aus wirtschaftspolitischer Sicht resultieren die folgenden Handlungsempfehlungen: • Stärkung der Wettbewerbsaufsicht, Untersuchung der Auswirkungen der Konzentration im Lebensmittelhandel sowie eventuelle Maßnahmen gegen diese hohe Konzentration. • Vertretung der Interessen der österreichischen Nahrungsmittelindustrie im Rahmen der EU Gesetzgebung / Regulierung. 4.2.3 Elektronik: Büromaschinen, Datenverarbeitungsgeräte und -einrichtungen; Elektrotechnik, Feinmechanik und Optik Dieser Unterabschnitt umfasst die ÖNACE Abteilungen 30-33, die Wertschöpfung im Jahr 2003 teilt sich wie folgt auf: Abbildung 11: Wertschöpfung im Elektroniksektor



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Quelle: Statistik Austria, LSS 2003,eigene Berechnungen.

Vgl. Aiginger et al. (1999), Seite 798

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Sekundärer Sektor: Bergbau, Industrie und Handwerk

Die Entwicklung des Produktionsindexes, der die reale Produktion misst, war vor allem für die anteilsmäßig 2 größten Abteilungen „Rundfunk-, Fernseh- und Nachrichtentechnik“ sowie „Herstellung von Geräten d. Elektrizitätserzeugung und -verteilung“ in den Jahren 2001- 2003 enttäuschend. 2003 wurde etwa das Werk von Grundig in Wien geschlossen. Abbildung 12: Produktionsindex (real)

Quelle: Statistik Austria, VGR, eigene Berechnungen, eigene Berechnungen.

Der Exportanteil dieses Sektors ist sehr hoch. Daher haben die Entwicklung am Weltmarkt und die weltweite Konkurrenz starken Einfluss auf diesen Sektor. Gründe für die zuletzt schlechte Entwicklung sind der weltweite Preisverfall sowie die hohen Energie- und 9 Rohstoffpreise. Im Branchenvergleich weist die Elektro- und Elektronikindustrie überdurchschnittlich hohe Löhne, relativ große Unternehmen und einen überdurchschnittlich hohen Personalaufwand auf. Dieses deutet auf hoch qualifizierte Jobs hin. Für die Wirtschaftspolitik ergeben sich daher folgende Aufgaben: • Eine moderate Lohnpolitik der Tarifpartner, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. • Bereitstellung von hoch qualifizierten Arbeitskräften durch ein entsprechendes Bildungssystem. • Förderung von F&E, um durch Innovationen den Nachteil der relativ hohen Löhne auszugleichen.

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4.2.4 Fahrzeugindustrie Die Fahrzeugindustrie weist die „beste“ Entwicklung innerhalb der Sachgütererzeugung seit 1995 auf. Größere Investitionen wie z.B. von Magna Industries haben hier eine entscheidende Rolle gespielt. Unterstützende wirtschaftspolitische Faktoren sind das Bildungssystem und die Förderung von Clustern. Die Fachhochschulen zeichnen sich durch die Verbindung von theoretischem Wissen und den praktischen Bedürfnissen der Wirtschaft aus und sind durch die Praxisnähe gewissermaßen die Fortsetzung der dualen Ausbildung in Form der Lehre auf höherem Niveau. Aiginger (2001) weist auf die österreichische Wettbewerbsstärke im Bereich der „kleinen Innovationen“ hin – diese resultiert aus der erfolgreichen Interaktion von Bildungssystem und Unternehmen. Die Clusterbildung wird etwa von Hochgatterer und Pöchhacker (2004) als entscheidende Stärke der Fahrzeugindustrie in Oberösterreich angesehen. Die Cluster dienen vor allem dem Informationsaustausch über branchenspezifisches Wissen und Kundenbedürfnisse und als Kooperationsplattform innerhalb einer Region für den Export. Ein Großteil der Wertschöpfung wird innerhalb des Clusters erbracht. Die Agglomeration und die Netzwerkbildung steigern das Knowhow und die Produktivität. Klein- und Mittelbetrieben wird dadurch der Einstieg in Forschung und Entwicklung und in den Export erleichtert. Wirtschaftspolitische Maßnahmen, die sich auch für andere Sektoren anbieten: • Fortsetzung der Clusterbildung, um Exportnetzwerke zu bilden und KMUs einzubinden. • Interaktion von Bildungseinrichtungen und Unternehmen verbessern.

Vgl. Pressemitteilung des Fachverbands der Elektro- & Elektronikindustrie in Österreich vom 12.7.2005, Deutliche Entspannung in der Elektro- und Elektronikindustrie im Jahr 2004. (http://www.feei.at/db/open/show_article.php?id=1446).

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Tertiärer Sektor: Dienstleistungssektor

5. Tertiärer Sektor: Dienstleistungssektor Die Teilsektoren des Dienstleistungssektors weisen eine durchwegs unterschiedliche Entwicklung ihrer Wertschöpfung im Betrachtungszeitraum auf: Die „beste“ Entwicklung ergab sich im Unterabschnitt „Realitätenwesen, Vermietung beweglicher Sachen, unternehmensbezogene Dienstleistungen“, gefolgt vom „Beherbergungs- und Gaststättenwesen“. Nur schwache Zuwächse konnten das „Kredit- und Versicherungs10 wesen“ und die „sonstigen Dienstleistungen“ erzielen. Abbildung 13: Wertschöpfungsindex tertiärer Sektor

Bei der Wertschöpfung pro Kopf verzeichnete das „Beherbergungs- und Gaststättenwesen“ die höchsten Zugewinne auf; Verluste gab es bei den „sonstigen Dienstleistungen“ sowie dem hohe Wertschöpfungsgewinne aufweisenden Bereich „Realitätenwesen, Vermietung beweglicher Sachen, unternehmensbezogene Dienstleistungen“. Dies ist auf die hohen Beschäftigungszuwächse in diesem Bereich zurückzuführen. Abbildung 15: Wertschöpfung 2003 im tertiären Sektor

Quelle: Statistik Austria, LSS 2003, eigene Berechnungen.

Wie die Daten aus Abbildung 15 belegen, hatten im Jahr 2003 alle Bereiche im Dienstleistungssektor eine Wertschöpfung von nahe bei / über 10 Mrd. •o. Daher werden alle Teilsektoren – außer dem Sektor öffentliche Verwaltung und den ebenfalls öffentlich dominierten „sonstigen Dienstleistungen“ – einzeln betrachtet. Quelle: Statistik Austria, VGR 1988-2003, eigene Berechnungen.

Abbildung 14: Wertschöpfung pro Kopf im tertiären Sektor

5.1. Handel; Reparatur von Kfz und Gebrauchsgütern Insgesamt belief sich die Wertschöpfung in diesem Bereich im Jahr 2003 auf 23,3 Mrd. •. Die OECD (2003) sieht vor allem im Einzelhandel Reformbedarf, da die Produktivität im internationalen Vergleich hinterher hinke. Abbildung 16: Wertschöpfung im Handel

Quelle: Statistik Austria, LSS 2003, eigene Berechnungen.

Quelle: Statistik Austria, VGR 1988-2003, eigene Berechnungen. 10

Auf die öffentliche Verwaltung wird im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen.

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Tertiärer Sektor: Dienstleistungssektor

Insbesondere der Lebensmitteleinzelhandel weist aufgrund der vorhandenen Skaleneffekte (so können zum Beispiel große Ketten können aufgrund ihrer Marktmacht billiger einkaufen als kleine) eine hohe Marktkonzentration auf (vgl. REWE Konzern und Spar). Einerseits ermöglicht dies günstigere Einkaufspreise, andererseits droht die Gefahr überhöhter Verkaufspreise. Weiters ist die Eröffnung von neuen großen Einkaufszentren schwierig; dadurch werden Effizienzsteigerungen verhindert. Die internationale Erfahrung zeigt, dass die Beschränkung der Ladenöffnungszeiten weder eine Förderung der kleinen Läden noch der Beschäftigung bringt; weiters führt diese Beschränkung zu einem Abfluss an Kaufkraft in die im Bereich der Ladenöffnungszeiten liberaleren Nachbarländer. Außerhalb des Lebensmitteleinzelhandels gibt es hingegen eine Marktmacht der Lieferanten und nicht der Handelsketten. Die empfohlenen Verkaufspreise sind teils überhöht und versuchen, den Gewinn der Lieferanten maximieren. Daraus lassen sich folgende wirtschaftspolitische Empfehlungen ableiten: • Untersuchung der Wettbewerbsverhältnisse im Lebensmitteleinzelhandel. • Lockerung der Vorschriften für die Eröffnung von großen Einkaufszentren. • Weitere Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. • Untersuchung, ob die empfohlenen Verbrauchspreise zu überhöhten Preisen führen sowie eventuelle Gegenmaßnahmen.

höhere Inflation auf. Andererseits verstärken günstige Flugtarife den Druck auf touristische Innovationen zur Erhaltung der Weltmarktanteile, welche in den letzten Jahren zurückgegangen sind. Die Saisonarbeitslosigkeit im Tourismus ist hoch. Die Arbeitslosenversicherung, die nach der Saison Arbeitslosengeld auszahlt, ist eine implizite Quersubvention der Löhne im Tourismus. Gäbe es während der Saisonarbeitslosigkeit kein Arbeitslosengeld, würden die Arbeitnehmer auf andere, dauerhafte Arbeitsplätze wechseln bzw. während der Saison ein höheres Gehalt erhalten. Das Arbeitslosengeld stellt wie auch im Bausektor – daher eine indirekte Subventionierung dar. Wirtschaftspolitische Handlungsoptionen: • Maßnahmen zur Stärkung der Innovationskraft • Ende der Quersubvention für Saisonarbeitslose in Form der Arbeitslosenversicherung.

5.3. Verkehr und Nachrichtenübermittlung Die Hälfte dieses Bereichs nimmt der Landverkehr ein. Darunter fallen sowohl die ÖBB und andere öffentliche Verkehrsunternehmen als auch die privaten Bus- und Transportunternehmen. Auffällig sind die deutlich höheren Personalaufwendungen im Bereich der Eisenbahnen (42.000 •) gegenüber dem sonstigen Landver11 kehr (31.000 •). Auf das Kostensenkungspotential der ÖBB wird hier nicht näher eingegangen. Abbildung 17: Wertschöpfung Verkehr und Nachrichtenübermittlung 2003

5.2. Beherbergungs- und Gaststättenwesen Diese Branche, insbesondere der Tourismus, erbringt jährlich eine Wertschöpfung von rund 10 Mrd. • und verbessert Österreichs Leistungsbilanz deutlich. Der Tourismus weist im Branchenvergleich die niedrigsten Löhne auf und ist sehr stark auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Die Wertschöpfung pro Kopf entwickelte sich in den letzten Jahren sehr positiv. Dies ist zu einem Gutteil auf die hohen Preissteigerungen zurückzuführen, trotz des Umstandes, dass der Tourismussektor die Branche des Dienstleistungssektors ist, welche am meisten dem internationalen Wettbewerb ausgeliefert ist. Die Wettbewerbsfähigkeit hat von der Einführung des Euro profitiert – seither sind Abwertungen von Ländern mit Konkurrenzdestinationen innerhalb der Eurozone (Italien, Spanien) nicht mehr möglich, diese Länder weisen aber immer noch eine 11

Quelle: Statistik Austria, LSS 2003, eigene Berechnungen.

5.3.1 Verkehr Trotz intensiver Bemühungen sind die drei Fortbewegungsmedien sehr asymmetrisch ausgelastet (Land, Wasser, Luft), das Transportvolumen im Straßengütertransport steigt kontinuierlich. Dieser Verkehrsträger dürfte am meisten von der Globalisierung (Produktionsstätten und Verkaufsorte können tausende von Kilometer auseinander liegen) profitieren, als auch von nicht „fair“ berechneten Umweltkosten, d.h. würden man zu den betriebswirtschaftlichen Kosten die volkswirtschaftlichen hinzuzählen (soziale Kosten aus Um-

Die Daten entstammen der Leistungs- und Strukturstatistik, Statistik Austria (2003).

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Tertiärer Sektor: Dienstleistungssektor

weltverschmutzung und Zerstörung, Gesundheitskosten, etc.) welche die Allgemeinheit trägt, wäre der Straßentransport weniger rentabel und würde weniger benutzt. Oftmals arbeiten große Frachtunternehmen noch dazu mit sehr knappen Gewinnmargen und sehr niedrigen Löhnen. Dabei hätte gerade Österreich aufgrund seiner Wasseranbindung durch die Donau noch weitere Kapazitäten im Schiffsverkehr, aber auch der Bahnverkehr ist noch nicht ausgereizt. In absehbarer Zukunft sind hier noch keine Lösungen in Sicht, diese Branche wird also weiter zunehmen. Die Anforderungen an die Effizienz und Wirtschaftlichkeit der Verkehrsträger steigen nicht nur aus ökonomischer sondern auch aus ökologischer, aber auch aus internationaler Sicht: Durch die zunehmende Integration Europas entsteht ein gesamteuropäisches Verkehrssystem, in das Österreich schon allein aufgrund seiner geografischen Lage eingebunden sein wird. Ein gut ausgebautes und funktionierendes Verkehrssystem ist aber auch ein bedeutender Standortfaktor. Um diese Herausforderungen zu bewältigen ist kurz- bis mittelfristig vor allem eine aktive Verkehrs- und Infrastrukturpolitik notwendig, langfristig kann die Forschungs- und Technologiepolitik für ein umweltverträgliches, effizientes und nutzergerechtes Verkehrssystem einen wesentlichen Beitrag leisten. In ihrem Weißbuch „Die europäische Verkehrs12 politik bis 2010 – Weichenstellungen für die Zukunft“ hat die Europäische Kommission die Vorlage eines Entwurfes für eine neue Wegekostenrichtlinie angekündigt. Darin soll ein EU-einheitlicher Rahmen für Infrastrukturbenutzungsgebühren festgelegt werden. Die Richtlinie soll Rahmenbedingungen für die Erhebung einer entfernungsabhängigen Maut für den Güterverkehr vorgeben, die sich an den Instandhaltungskosten für die jeweilige Infrastruktur, aber auch an externen Kosten wie Emissionsklassen, am Beitrag zum Treibhauseffekt sowie an Unfall , Lärm und Staukosten orientieren sollen. Auch die Querfinanzierung, also die Verwendung für andere Verkehrsträger, soll damit erstmals ermöglicht werden. Wichtig ist daher: • Ausbau effizienter Transportmöglichkeiten im Schiffs- und Bahnverkehr (z.B. Frachthäfen und bahnhöfe). • Transeuropäische Netze und Koordination: - Eine konsistente und langfristig ausgelegte österreichische Verkehrspolitik in Abstimmung mit den Partnern in der EU. - Die Förderung von forschungs- und technologiepolitische Initiativen auf europäischer Ebene.

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• • •

- Steuerliche Anreize für langfristig rentable Investitionen („risk-sharing“) müssen ausgebaut werden. Umweltfreundliche Technologien fördern. Langfristig gerechte Preise: national und europaweit. Trotz seiner bisherigen Erfolge z.B. in Bezug auf die Umsetzung des Road Pricing ist Österreich gefordert, sich an diese Forschungsaktivitäten anzuschließen, um die starke technologische und wirtschaftliche Position des Landes auch in Zukunft sicherzustellen.

5.3.2. Nachrichtenübermittlung Der europäische Telekom- und IT-Markt zählt zu den innovativsten Sektoren und wächst schneller als die übrige Volkswirtschaft. Dieser Markt ist wie kaum ein anderer von der Produktgestaltung und den Marktverhältnissen abhängig: während auf der einen Seite ständige Produktanpassungen und innovative Weiterentwicklungen, die technologische Verbesserungen mit sich bringen, scheinbar ohne Grenze passieren, ist auf der anderen Seite die Preisgestaltung in ganz erheblichem Ausmaß von der Wettbewerbssituation bzw. etwaigen Regulierungen abhängig. Umfassende Investitionen (Forschung, Infrastruktur) kennzeichnen ihn. Für die österreichischen Unternehmen bieten die Märkte in Osteuropa neue Geschäftsfelder. Der Sektor Nachrichtenübermittlung erbrachte 2003 eine Wertschöpfung von 4,6 Mrd. •. Ein Gutteil davon nimmt die Telekommunikation ein. Auf dem Mobilfunkmarkt wurde die Liberalisierung ein voller Erfolg. Österreich weist etwa im Vergleich zu Deutschland deutlich niedrigere Verbraucherpreise auf. In den letzten Jahren hat sich eine gewisse Marktsättigung ergeben, wobei nun nicht mehr das Erschließen neuer Kundenschichten primär im Vordergrund steht, sondern ein intensiver Abwerbungskampf um bereits bestehende Kunden anderer Anbieter. Auch dadurch hat sich bei den Tarifen eine erhebliche Abwärtsspirale ergeben. Wichtig ist, eine Wettbewerbssituation aufrechtzuerhalten, welche die Margen gering hält. In Österreich gibt es zur Überwachung des Telekommarktes eine eigene Wettbewerbsbehörde. Wirtschaftspolitische Handlungsoptionen: Forschung und Entwicklung sind von enormer Bedeutung für Produktinnovationen und Infrastrukturverbesserungen, den geeigneten Rahmenbedingungen, wie z.B. einem entsprechenden Fachkräftepool (Ausbildung: sekundärer Bildungsweg, Fachhochschulen, Universitäten) oder steuerlicher Begünstigungen/Anreize (Investitionskapital), kommt entscheidende Bedeutung zu. Die Anzahl der Wettbewerber und ein fairer Preiskampf sind für ein kundenfreundliches Preis/Leistungs-



Vgl. EK (2005), S.85ff.

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TechnologieTertiärer Sektor: Dienstleistungssektor

verhältnis wichtig, dem Telekomregulator kommt daher eine Schlüsselfunktion zu (Festsetzung der Verbindungsentgelte etc.). Eventuelle Preisabsprachen müssen überwacht werden, marktbeherrschende Stellungen sind zu unterbinden (so ist z.B. die mögliche Fusion zwischen T-Mobile und Telering kritisch zu hinterfragen). •

Stärkung des Telekomregulators.

Der EU-interne Wettbewerbsdruck ist ein weiterer wichtiger Faktor (sowohl potentieller Marktzutritt als auch Unternehmensübernahmen) zur Preisdisziplinierung und Produktinnovation. •

Verwirklichung des EU-Binnenmarktkonzepts.





Mehr Information über die Vor- und Nachteile dieses Kommunikationsmediums, insbesondere im Zusammenhang mit eGovernment etc. Die Förderung der Anschlussgebühren könnte den Zugang vereinfachen.

5.4. Kredit- und Versicherungswesen Finanzmärkte und deren Entwicklungen spielen eine große Rolle für das Wirtschaftssystem und die Wirtschaftsentwicklung: ein stabiles Finanzsystem ist die Grundlage für Wachstum und höhere Beschäftigung. Abbildung 18: Wertschöpfung Kredit- und Versicherungswesen

Für die Festnetztelephonie gelten ähnliche Bedingungen. Allerdings sieht die OECD (2005) Bedarf für mehr Wettbewerb bei den Festnetzverbindungen: Die Telekom Austria verfüge demnach weiter über entsprechende Marktmacht, die Preise für Geschäftskunden seien doppelt so teuer wie in den billigsten Ländern. Quelle: Statistik Austria, LSS 2003, eigene Berechnungen.



Abbau von Marktzutrittsbarrieren: Aufteilung der Netzwerkkosten.

Ein weiteres Problem stellt die sehr langsame Umsetzung der Entscheidungen des Regulators im Telekombereich dar. Wenn gegen eine Entscheidung berufen wird, kann es Jahre bis zur Umsetzung dauern. Dadurch die wird die Sicherstellung eines effektiven Wettbewerbs durch den Regulator behindert. Daher ergibt sich folgender wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf: • •

Stärkung der Stellung des Regulators, sofortige Umsetzung der Entscheidungen. Vollständiger Rückzug des Staates aus der Telekom Austria. - Internet: Bei der Anzahl der Internetbenutzer besteht noch Erschließungspotential, in Frage kommen aber nur jene Haushalte die sowohl über die technischen Voraussetzungen eines Internetanschlusses (Telefon/Telekabelanschluss) bzw. einen Computer verfügen.

Wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf:

13 14

Vgl. WKO (2005), S. 1ff. Vgl. OeNB (2005), S.41.

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5.4.1. Kreditsektor Die Entwicklung des österreichischen Bankensektors ist, sowohl was die Anzahl der Institute als auch die Anzahl der Mitarbeiter (relativ zur Gesamtbeschäftigung) betrifft, von den Konsolidierungs- und Fusionsmaßnahmen der letzten Jahre gekennzeichnet. In absoluten Zahlen hat die Anzahl der Hauptanstalten als auch die der Zweigstellen seit 1992 abgenommen (Stand: Ende 2003). Beim Mitarbeiterstand ist, verglichen mit dem Höchststand von 1993, eine leichte Abnahme von 2,4% zu verzeichnen. Berücksichtigt man aber das Österreich weite Beschäftigungswachstum, hat der relative Anteil dieses Sektors deutlicher abgenommen. Für diesen Sektor stand also in den letzten Jahren die Steigerung der Produktivität und Erhöhung 13 der Effizienz im Inland im Vordergrund. Allerdings bleibt der traditionelle Schwachpunkt des österreichischen Bankensektors einer vergleichsweise hohen Kostenbelastung immer noch bestehen, auch wenn sich das Aufwand-Ertrag-Verhältnis ver14 bessert hat: 2004 war das zweitbeste Jahr seit 1997. Auf internationaler Ebene hat vor allem die EU-Erweiterung den österreichischen Banken und Kreditinstituten interessante und lukrative neue Geschäftsfelder eröffnet, dadurch stieg wiederum auch der Effizienz- und Kostendruck im Inland, da die Unterneh-

TechnologieTertiärer Sektor: Dienstleistungssektor

mungen in einem wettbewerbsintensiveren internationalen Umfeld bestehen müssen, zumal sie sich vor ungewollten ausländischen Übernahmen schützen mussten. Zusätzlicher Anpassungsdruck besteht aufgrund der Anstrengungen von Seite der EU einen harmonisierten europäischen Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen zu schaffen. Dieser Druck geht insbesondere von den (Eigenkapital-) Vorschriften aus den Basel II Richtlinien sowie der neuen EU-Zinsrichtlinie aus. In diesem Zusammenhang spielt möglicherweise die Größe der Institute eine Kostenrolle, hier könnten vergleichsweise kleinere österreichische Kreditinstitute Wettbewerbsnachteile erleiden. Darauf muss bei der Umsetzung der Richtlinien geachtet werden. Ein dritter Bereich betrifft den Produktwandel: während in Österreich lange Zeit das Sparbuch als Sparform bevorzugt wurde, werden seit einigen Jahren auch Formen der Fondsveranlagung, des direkten Aktienerwerbes, u.a. von breiteren Bevölkerungsschichten nachgefragt. Zusätzlich haben die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten (z.B. via Internet, Handy) diesen Sektor verändert: Internetbanking, Telebanking, etc. ermöglichen die Verringerung von Schalterdienstzeiten, machen Transaktionen innerhalb kürzester Zeit über weite Distanzen hinweg möglich, speziell ausgerüstete Bankfilialen ermöglichen dem Kunden bestimmte Aktivitäten selbständig und voll automatisiert auszuführen (Geldeinund Auszahlungen, Kontoauszüge, Bargeldloser Geldtransfer etc.). Hier ist noch kein Ende der Entwicklung abzusehen. Marktzutritt: Nationale und EU-Rechtsvorschriften, in absehbarer Zukunft gemeinsamer EUBinnenmarkt. Der EU-weite Wettbewerbsdruck wird noch weitere Anpassungsschritte bei der Kosteneffizienz und der Produktivität erfordern. Das große Engagement österreichischer Kreditinstitute in Mittel- und Osteuropa ist sehr positiv zu bewerten, allerdings erhöht sich dadurch die Abhängigkeit von diesen Märkten. Der jüngste Börsengang der Raiffeisen International Holding hat zudem den Kapitalmarkt Wien belebt. Neue Märkte könnten noch erschlossen werden. Dennoch sollte die Kosteneffizienz in Österreich weiter erhöht werden, um auch am Inlandsmarkt ein ertragreiches Standbein vorzufinden. Möglicher wirtschaftspolitischer Handlungsspielraum: • Eine starke Aufsichtsbehörde (FMA) ist auch in diesem Sektor sehr wichtig, da die Überantwortung von Vermögen sehr großes Vertrauen in das Funktionieren der Institutionen voraussetzt. 15 16 17

Im Bereich der Innovation von Finanzdienstleistungen werden die österreichischen Banken in der nahen Zukunft weiterhin v.a. von Produktentwicklungen auf den internationalen Märkten profitieren und diese dann an die österreichischen Marktgegebenheiten anpassen. Durch den EU-Binnenmarkt entsteht hier ein automatischer Anpassungsdruck. •

Marktverträgliche Umsetzung des EU-Binnenmarktsystems.

5.4.2. Versicherungssektor Das Versicherungswesen ist relativ zu den anderen Sektoren ebenfalls weniger dynamisch obwohl sich die Jahre 2003-2004 gemessen am Prämienvolumen durchwegs zufriedenstellend entwickelt haben. Hauptursache dafür dürften, ähnlich wie im Kreditsektor, Marktsättigungstendenzen sein. Aufgrund der hohen staatlichen Aufwendungen für die Leistungen der Daseinsvorsorge (Kranken-, Unfall-, Pensions- und Arbeitslosenversicherung sowie Sozialfürsorge) und dem resultierenden Kostensenkungsdruck könnte hier aber ein großes Potential für zukünftige Versicherungsleistungen bestehen. Insbesondere im Bereich Leben ist aufgrund der staatlichen (Prämien-)Förderung eine 15 16 17 weitere Zunahme zu erwarten. Die Anzahl der inländischen Versicherer ist im Zeitraum 1992-2001 relativ konstant und bewegt sich zwischen 50 und 60. Der Anteil des Auslandsgeschäfts belief sich 2001 auf 43 Mio. • oder 0,4% und spielt daher bisher keine bedeutende Rolle. Der Marktzutritt unterliegt der Prüfung durch die Aufsichtsbehörde. Auf dem österreichischen Markt sind neben inländischen Versicherungsunternehmen, d.h. Unternehmen mit Sitz in Österreich, auch ausländische Versicherer tätig. Soweit diese in einem Vertragsstaat des EWR-Abkommens ihren Sitz haben (im Weiteren: EWR-Versicherer), können sie nach vorangegangener Anmeldung bei der zuständigen Herkunftslandbehörde in Österreich über eine Zweigniederlassung oder im Dienstleistungsverkehr tätig werden. Dagegen bedürfen Drittstaatsversicherer, d.h. Versicherer mit Sitz außerhalb des EWR, für eine Geschäftstätigkeit in Österreich der Zulassung durch die österreichische Versicherungsaufsichtsbehörde und dürfen in Österreich nur über eine Zweigniederlassung tätig werden. Mögliche wirtschaftspolitische Anknüpfungspunkte: • Marktliberalisierungen um Wettbewerbsdruck und Prämiensenkungen zu erreichen, dennoch starke Aufsichtsbehörde, um Wettbewerb und Stabilität zu sichern.

Vgl. FMA (2005). Vgl. FMA (2004). Vgl. FMA (2002).

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TechnologieTertiärer Sektor: Dienstleistungssektor



Geeignete rechtliche Rahmenbedingungen (EUEbene).

5.5. Realitätenwesen, Vermietung bewegl. Sachen, unternehmensbezogene Dienstleistungen Dieser Bereich zählt zu den dynamischsten Wirtschaftsbereichen, weist allerdings neben hohen Wertschöpfungszuwächsen auch einen sehr starken Anstieg an Beschäftigung auf, daraus resultiert eine sinkende Wertschöpfung pro Kopf. Abbildung 19: Realitätenw., Verm. bewegl. Sachen, unternehmensbez. Dienstleistungen

Quelle: Statistik Austria, LSS 2003 und VGR 1988-2003, eigene Berechnungen.

Das Realitätenwesen profitierte von der Liberalisierung am Wohnungsmarkt, regulierten Höchsttarifen welche attraktive Beschäftigungschancen bieten, der höheren Mobilität der Menschen, dem zunehmenden Bestand an Wohnungs- und Häusereigentum und nicht zuletzt vom Bevölkerungszuwachs in Österreich. Aus der Tabelle geht hervor, dass 50% der Wertschöpfung und mehr als 70% der Beschäftigung finden bei den „Unternehmensbezogenen Dienstleistungen“ statt. Diese beinhalten einige freie Berufe, aber auch die Arbeitskräfteüberlassung und das Reinigungsgewerbe. Die Arbeitskräfteüberlassung und das Reinigungsgewerbe dürften sich in den letzten Jahren jeden-

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falls sehr dynamisch entwickelt haben und hauptverantwortlich für das massive Wachstum dieses Bereichs sein. Eine genaue Darstellung ist mangels entsprechender Daten nicht möglich. Die „Freien Berufe“ (Wirtschafts- und Steuerberatung, Architekten, Ingenieurbüros) zählen wie gesagt zu einer Hauptgruppe. Eine Studie von Paterson et al. (2003) kommt zu dem Ergebnis, dass Österreich die stärkste Regulierung in diesem Bereich aufweist. Diese Regulierungen erschweren den Marktzutritt enorm, was einen entsprechenden Wettbewerb verhindert. So etwa nehmen oft die Kammern selbst die Prüfungen ab, die für eine Berufsausübung notwendig sind. Diese haben natürlich ein Interesse, die Prüfung möglichst schwer zu gestalten, um die eigene Konkurrenz möglichst klein zu halten. Die OECD (2005) weist darauf hin, dass die freien Berufe im Bereich der Unternehmensdienstleistungen in einigen anderen OECD Ländern stark gewachsen sind – diese seien entscheidend für die Umstrukturierung der Wirtschaft. In Österreich verhindert das Kammer18 system der freien Berufe und die teils von den Kammern selbst erzeugte Regulierung den Markteintritt und den freieren Wettbewerb. Von den Kammern vorgeschriebene bzw. empfohlene Gebühren und Preise verhindern einen Preiswettbewerb. Aus Sicht der OECD soll qualitätssichernde Regulierung – wenn notwendig – direkt das Qualifikationsniveau der Angestellten sichern, nicht aber das des Eigentümers. Wirtschaftspolitische Handlungsoptionen: • Aufhebung der Pflichtmitgliedschaft im gesetzlichen Kammersystems der „Freien Berufe“. • Reduktion der Regulierungen auf das notwendige Mindestmaß, um den Markteintritt zu erleichtern und effektiven Wettbewerb zu schaffen. • Qualitätssicherung soll bei Angestellten, nicht bei Eigentümern ansetzen. • Überprüfung diverser empfohlener und vorgeschriebener Gebühren und Preise.

Apotheker, Ärzte, Dentisten, Notare, Rechtsanwälte, Patentanwälte, Wirtschaftstreuhänder sowie Tierärzte

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Trends und Wachstumsaussichten

6. Trends und Wachstumsaussichten In einer abschließenden Betrachtung soll nun auf die bisherigen Trends und die Wachstumsaussichten unter dem Gesichtspunkt der Branchenentwicklung auf 19 ÖNACE 2-Steller Ebene eingegangen werden: das Besondere dabei ist, dass alle (Teil)Sektoren ungeachtet ihre Zugehörigkeit (sekundär, tertiär) miteinander verglichen werden können. Diese Analyseebene blieb bisher ausgeklammert. Es ist dadurch möglich ein gesamtösterreichisches Lagebild hinsichtlich der Indikatoren „durchschnittliches Bruttowertschöpfungswachstum und Anteile an der Gesamtwertschöpfung bzw. an der Beschäftigung“ zu erhalten. Unter der Annahme unveränderter allgemeiner wirtschaftlicher Parameter und Wirtschaftspolitik (Status-quo-Betrachtung) soll auch die mögliche zukünftige Entwicklung diskutiert werden, welche sich teilweise mit dem bisher erörterten überschneiden kann. Da eine detaillierte Analyse den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde ihre Auswirkungen aber auch im Sinne dieser Arbeit relevant sind, sollen schließlich noch die internationalen Trends („Globalisierung“) und ihre Implikationen für die österreichische Wirtschaftspolitik grob skizziert werden.

6.1. Durchschnittliches jährliches Wachstum der Bruttowertschöpfung 20

Von 1995 bis 2003 wuchs die Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten („Wertschöpfungswachstum“) um durchschnittlich rd. 3,9% jährlich. Das BIP wuchs im selben Zeitraum nominell um rd. 3,2%: Neben sta21 tistischen Unterschieden sind bei dieser Betrachtung auf ÖNACE 2-Steller Ebene (ÖNACE Abschnitte C-K) im Vergleich zum BIP der VGR sowohl die Landwirtschaft, als auch der öffentliche Sektor nicht enthalten, beide sind im Vergleich zu den übrigen Sektoren weniger dynamisch und haben daher einen vergleichs22 weise „dämpfenden“ Einfluss auf das BIP Wachstum. Beim nachfolgenden Vergleich des Wertschöpfungswachstums, dem Anteil der sektoralen Wertschöpfung an der Gesamtwertschöpfung und der sektoralen Beschäftigung an der Gesamtbeschäftigung, ist weiters zur berücksichtigen, dass das Wertschöpfungswachs-

tum einen Periodendurchschnitt (1995-2003) darstellt, der Wertschöpfungsanteil und der Beschäftigtenanteil hingegen Zeitpunktdaten (2003) sind (die Daten sind dem Tabellenanhang zu entnehmen). Die folgende Grafik gibt einen Überblick über die Reihung der Sektoren gemäß ihrer durchschnittlichen jährlichen Bruttowertschöpfungswachstumsraten: Abbildung 20: Sektoren nach durchschnittlichem jährlichen Wertschöpfungswachstum gereiht

Quelle: Statistik Austria, ÖNACE 1995-2003, eigene Berechnungen.

Die folgende Einteilung aufgrund der grafischen Ergebnisse scheint zulässig: • Ein exorbitant rasch wachsender „Ausreißer“ mit mehr als 25% Wachstum ( „Forschung und Entwicklung“). • Eine Branchengruppe mit sehr hohem Wachstum von rd.12-18% („H. v. Büromasch., Datenverarbeitungsgeräten“, „Mit dem Kredit- u. Vers.w.verbundene Tätigk.“, „Datenverarbeitung und Datenbanken“, „Realitätenwesen“). • Eine Gruppe mit hohem Wachstum von rd. 7,5-9% („Landverkehr; Transport in Rohrfernleitungen“, „Sonstiger Fahrzeugbau“, „Erbringung von unternehmensbezogenen Dienstl.“ „Vermietung bewegl. Sachen o. Bed.personal“. • Eine Gruppe mittleren und niederen Wachstums von rd. 0-6,5%. Sie umfasst die meisten Sektoren (30). • Und eine Gruppe mit negativen Wachstumszahlen („Ledererzeugung und Verarbeitung“, „H. v. Textilien u. Textilwaren“ (ohne Bekl.), „H. v. Bekleidung“, „Kohlenbergbau, Torfgewinnung“).

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ÖNACE Abschnitte C-K. Aus Datengründen kann nur der Zeitraum 1995-2003 betrachtet werden. Statistische Änderungen aufgrund von Erfassungs- und Definitionsumstellungen (insbesondere von 2001 auf 2002 und 2003) und ihre Einflüsse auf die Zeitreihe („Brüche“) werden nicht gesondert behandelt, aufgrund dieser Einschränkungen können die Werte allerdings keinesfalls als Absolutwerte betrachtet werden. 21 Das BIP der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) basiert u.a. auf den Daten aus der Leistungs- und Strukturerhebung, ist aber konzeptuell nicht völlig ident. 22 Es sollen insbesondere dynamische Sektoren betrachtet werden, der öffentliche Sektor blieb auch bisher außer Betrachtung. 20

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Trends und Wachstumsaussichten

Von den ersten sieben Wachstumsbranchen gehören bis auf eine alle dem Dienstleistungssektor an, was die bisher getroffenen Schlussfolgerungen eines sehr dynamischen tertiären Sektors (siehe v.a. Zusammenfassung von Kapitel 2) bestätigt. Auf der anderen Seite sind jene Sektoren, die negative Wachstumsraten aufweisen, ebenfalls keine Überraschung: v.a. die Textilindustrie, welche durch den Wegfall von Handelshemmnissen – zuletzt der Aufhebung der Importquoten - starke Einbußen hinnehmen musste, als auch der Bereich „Kohlenbergbau, Torfgewinnung“, welcher durch den weitgehend erfolgten Abbau der Ressourcen gekennzeichnet ist.

6.2. Gesamtwertschöpfungsanteile, Beschäftigtenanteile und Aussichten Die Betrachtung der Höhe des Wertschöpfungswachstums eines Sektors alleine liefert aber noch keine Aufschlüsse über die tatsächliche Stärke seines Einflusses auf die Schlüsselgrößen Gesamtwertschöpfung, wie auch die Entwicklung der Gesamtbeschäftigung. In den nächsten beiden Diagrammen werden daher sowohl die Höhe des durchschnittlichen jährlichen Bruttowertschöpfungswachstums (1995-2003) jedes Sektors mit a) seinem Anteil an der gesamten Brutto-wertschöpfung (2003) und b) seinem Anteil an der gesamten Beschäftigung (2003) abgebildet. Jedem Diagrammpunkt mit dem jeweiligen Datenpaar ist ein Sektor zuordenbar: Abbildung 21: Sektorenvergleich: Wertschöpfungswachstum und Gesamtwertschöpfungsanteil

Quelle: Statistik Austria, ÖNACE 1995-2003, eigene Berechnungen.

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Abbildung 22: Sektorenvergleich: Wertschöpfungswachstum und Gesamtwertschöpfungsanteil

Quelle: Statistik Austria, ÖNACE 1995-2003, eigene Berechnungen.

Welche Besonderheiten können festgestellt werden? • Die zwei am schnellsten wachsenden Sektoren weisen sehr geringe Anteile an der gesamten Bruttowertschöpfung von 2003 (0,22% bzw. 0,04%) auf, ebenso ist ihr Beschäftigtenanteil (0,19% bzw. 0,06%) relativ gering. Ihr Wertschöpfungswachstum hat also noch einen sehr geringen Einfluss auf das Gesamtwachstum. Aufgrund ihrer Charakteristika (technologieorientiert/innovativ bzw. nicht unmittelbar konsumabhängig, Beschäftigtenanteil nahe an Wertschöpfungsanteil) können weitere Zuwächse beim Wertschöpfungsanteil erwartet werden; sie erfordern qualifizierte Arbeitskräfte, werden aber nicht unmittelbar eine große Masse von neuen Arbeitsplätzen schaffen. • Die Branche „Datenverarbeitung und Datenbanken“ (Rang 4) weist ähnliche Charakteristika auf, hat aber zusätzlich zu ihren sehr hohen Zuwachsraten bei der Wertschöpfung ebenfalls signifikante Anteile an der Gesamtwertschöpfung als auch an der Beschäftigung, sie hat also einen unmittelbar größeren Einfluss auf diese Indikatoren. • „Mit dem Kredit- u. Vers.w.verbundene Tätigk.“ (Rang 3: 0,49% Wertschöpfungsanteil 2003) ist von der Entwicklung der Versicherungsbranche abhängig, wächst aber fast mehr als dreimal so schnell wie diese. Neben den generell stark wachsenden Beratertätigkeiten im Bank- und Versicherungssektor, dürften hierfür die Tätigkeiten der Wertpapierbörsen (Wiener Börse) von Bedeutung sein. Die Wertschöpfungs- und Beschäftigungsanteile sind ebenfalls gering. • Das „Realitätenwesen“ (Rang 5) hat unter den sehr rasch wachsenden Sektoren einen vergleichsweise höheren Wertschöpfungsanteil, dieser ist aber nicht unmittelbar produktionsabhängig, sondern eine Eigenschaft dieser Branche (Provisionen die von sehr hohen Transaktionsvolumina bei Grundstücks- oder Hausverkäufen abhängig sind, bei zunehmenden Ver-

Trends und Wachstumsaussichten





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mögenswerten und häufigeren Transaktionen steigen diese ebenfalls). Unter den verbleibenden Sektoren, deren Wertschöpfung über dem Durchschnitt von rd. 3,88% wächst, fallen anteilsmäßig an der Gesamtwertschöpfung„Erbring.v.unternehmensbezogenen Dienstl.“, „Landverkehr;Transp.in Rohrfernleitungen“ und der „Maschinenbau“ ins Gewicht (7,85%; 5,44%; 3,85%). Ersterer profitiert zu einem Gutteil von „Outsourcing“ Tendenzen der Unternehmungen des sekundären Sektors: zum Einen dem Personaloutsourcing, d.h. der Personalüberlassung bzw. –vermietung durch entsprechende Unternehmen, als auch dem Outsourcing von bisher in diesen Betrieben selbst erbrachten Tätigkeiten. Demgemäß werden Dienstleistungen wie Unternehmensberatung, Marktforschung, Werbewirtschaft & PR, etc. zunehmend von spezialisierten Unternehmen erbracht und wachsen überdies durch ihre vermehrte Inanspruchnahme über dem Durchschnitt. Die traditionellen „freien Berufe“ die auch diesem Sektor zugeordnet sind wachsen hingegen eher am Durchschnitt bei der Wertschöpfung, ihr Wertschöpfungsanteil dürfte durch die bereits erörterten Zugangsbeschränkung und dadurch überhöhten Preise allerdings überzeichnet sein. Von diesem Sektor geht aufgrund der angesprochenen Auslagerungen eine starke Beschäftigungswirkung aus. Der Verkehrssektor profitiert sehr stark von den bereits in Kapitel 5.3.1 beschriebenen Auswirkungen der Globalisierung, d.h. vermehrte Transporttätigkeiten aufgrund großer Distanzen von Produktionsstätten und Verkaufsorten sowie nicht „fair“ berechneten sozialen Kosten. Der Tourismussektor („Beherbergungs- u. Gaststättenwesen“) fällt durch seine große Beschäftigungswirksamkeit auf: sein sektoraler Anteil an der Gesamtbeschäftigung ist mehr als doppelt so groß als der an der Gesamtwertschöpfung. Diese Tatsache dürfte aber branchencharakteristisch sein, Veränderungen sind durch Verlagerungen in das Hochpreissegment zu erzielen. Durch die Professionalisierung des Tourismus in Österreich (lokale, regionale u. nationale Initiativen bzw. Know-how Austausch, Werbestrategien, Qualitätstourismus, Städtetourismus) dürfte diese Branche aber auch in absehbarer Zukunft ein Wachstumsmotor sein. Der „Maschinenbau“ ist eine sehr wichtige Schlüsselindustrie im Inland, aber auch auf den Exportmärkten. Wenn die österreichischen Unternehmen ihre Wettbewerbsposition halten können, wird er weiterhin sowohl die Wertschöpfung, als auch die Beschäftigung stimulieren. Unter jenen Sektoren, die unter dem Durchschnitt der Wertschöpfung wachsen, aber sehr große Wert-



schöpfungsanteile aufweisen, fallen vier „große“ auf: „Bauwesen“, „Handelsvermittlung u.GH (o. Handel m.Kfz)“, „Kreditwesen“, „EH (o. Kfz, o. Tankst.); Rep. v. Gebrauchsg.“, sie haben zusammen mehr als 31% sektoralen Wertschöpfungsanteil an der Gesamtwertschöpfung 2003. Was kennzeichnet ihre Entwicklung? Ihre Güter sind grundsätzlich sehr stark konsum(bzw. konjunktur-)abhängig, der Bereich „Bauwesen“ dürfte überdies von diversen Subventionen wie z.B. der Wohnbauförderung profitieren. Die Entwicklung in diesem Bereich ist also weniger von den Branchenspezifika, als vielmehr von der Nachfragesituation abhängig, sie wachsen nahe am oder unter dem Durchschnitt mit. Durch ihre anteilsmäßige Größe (Wertschöpfung) haben sie auch – bis auf das „Kreditwesen“ – große Anteile an der Gesamtbeschäftigung. Letzteres weist eine doppelt so hohe anteilsmäßige Wertschöpfung als Beschäftigung auf, hier könnte a) ein ähnlicher Mechanismus wie bei dem Realitätenwesen wirksam sein: Provisionen die von sehr hohen Transaktionsvolumina abhängen, aber b) insbesondere die zunehmende Automatisierung die Beschäftigungsintensität niedrig halten. Welche Auswirkungen sind von den negativ wachsenden Sektoren (Wertschöpfung) zu erwarten? Zum Großteil sind hier die Anteile sowohl was die Wertschöpfung (zusammen rd. 1%) als auch jene an der Beschäftigung (zusammen rd. 1,4%) betreffen, bereits in den letzten Jahren reduziert worden, ein vollständiger Rückgang in diesen Bereichen hätte anhand der Auswirkungen auf die Indikatoren wohl geringere Effekte als die Zunahme der vier schnellst wachsenden Sektoren. Allerdings blieben hier die sozialen Folgen ohne Berücksichtigung: Abhilfe könnten entsprechende Umschulungen leisten.

6.3. Entwicklung des Außenhandels und Direktinvestitionen 6.3.1. Außenhandel Die Exportorientierung der österreichischen Wirtschaft steigt rasant. Lag die Warenexportquote relativ zum BIP 1995 noch bei 24,1%, betrug sie 2004 bereits 37,7%. Rund 87% der Wertschöpfung der Sachgütererzeugung erfolgte 2003 in Unternehmen, welche Außenhandel trieben. Nur wenige Unternehmen sind in diesem Bereich auf die Binnenwirtschaft fokussiert. Ebenfalls hohe Außenhandelsverflechtungen weisen die Energie- und Wasserversorgung, der Handel, der Bergbau, der Bereich Verkehr und Nachrichtenübermittlung sowie das Kredit und Versicherungswesen 23 auf.

Vgl. Hodel (2005), Seite 742.

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Trends und Wachstumsaussichten

Beim Außenhandel mit Waren erwies sich Österreichs Industrie in den Jahren 1995 bis 2004 als sehr erfolgreich, der Saldo verbesserte sich deutlich um 5,1 Mrd. •; alleine die erfolgreiche Entwicklung des Außenhandels seit 1995 steuert somit mehr als 2% zum BIP 2004 bei. Der Beitrag zum Außenhandelssaldo kann auch als Indikator für die wirtschaftliche Stärke und internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Sektors herangezogen werden. Bei „starken“ Sektoren steigen die Exporte und Importe können durch Inlandsproduktion ersetzt werden, „schwache“ Sektoren werden von ausländischer Konkurrenz oder Substitutionsgütern verdrängt. Gemessen an der Verbesserung des Außenhandelssaldos sind die „TOP 5“ Sektoren die „Herstellung von Kraftfahrzeugen“, der „Maschinenbau“, die „Be- und Verarbeitung von Holz“, die „Herstellung von Nahrungsmitteln“ und der „sonstige Fahrzeugbau“. Diese zusammen haben zwischen 1995 und 2004 den Außenhandelssaldo Österreichs um etwa 7 Mrd. • oder fast 3% des Bruttoinlandsprodukts verbessert. Wird der Erdölbereich ausgeklammert, sind die schwächsten 5 Sektoren die „Herstellung von Nachrichtengeräten“, die „Herstellung von Bekleidung“, die „Landwirtschaft“, der „Erzbergbau“ und die „Forstwirtschaft“. Hier verschlechterte sich die Außenbilanz in der Periode um etwa 1,6 Mrd. •. Dies bestätigt die gezogenen Schlüsse aus der Analyse der Entwicklung der Wertschöpfung: Österreichs Chancen im Bereich der Billiglohnindustrie sowie in wertschöpfungsarmen Branchen in einer globalisierten Welt schwinden. Der Rückgang in den Rohstoffindustrien dürfte mit einer Ausbeutung der Rohstoffe in Österreich einhergehen. Die Probleme im Bereich der Elektronikindustrie wurden bei der Analyse der Wertschöpfung aufgezeigt. Die Chancen des EU Beitritts und der Globalisierung wurde hingegen von den Medium-Tech-Industrien hervorragend genützt, deswegen entwickelte sich auch der Außenhandel in den letzten 10 Jahren sehr positiv. Im IT Bereich konnte Österreich seinen Chancen nur teilweise nützen, wiewohl es auch Im Bereich der Datenverarbeitung eine Verbesserung des Außenhandelssaldos gab.

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Abbildung 23: Außenhandelssaldo von Sektoren

Quelle: WIFO; Statistik Austria, eigene Berechnungen

Eine weiterer Maßstab, um die Effekte der Globalisierung für Österreich zu bewerten, sind die Direktinvestitionen. Die Statistiken über die Direktinves24 titionen zeigen die strategischen Firmenbeteiligungen des Auslands in Österreich (passiv) sowie Österreichs 25 Firmenbeteiligungen im Ausland (aktiv). 6.3.2. Direktinvestitionen Vor der Ostöffnung – also 1989 – war Österreich vor allem ein Zielland für Direktinvestitionen. Die passiven Direktinvestitionen in Österreich waren mit 7,9 Mrd. • dreimal so hoch wie die aktiven Direktinvestitionen im Ausland mit 2,5 Mrd. •. 1989 gab es rund 224.500 Beschäftigte, deren Arbeitsplätze ausländischen Direktinvestoren in Österreich zuzurechnen waren. Im Gegensatz beschäftigten Österreichs Direktinvestoren im Ausland nur rund 29.500 Arbeitnehmer. Der Saldo hinsichtlich der Beschäftigung war für Österreich deutlich positiv, das Ausland hatte aufgrund des höheren Werts an strategischen Firmenbeteiligungen jedoch deutlich mehr Einfluss auf Österreich als Österreich im Ausland.

Vgl. Dell’mour (2004) Deutliche Unterschiede bestehen allerdings zwischen Direktinvestitionen und realwirtschaftlichen Investitionen. Direktinvestitionen können einerseits reine Firmen übernahmen darstellen, ohne dabei realwirtschaftliche Investitionen auszulösen. Andererseits können Direktinvestitionen im Zuge von Firmenneugründungen bzw. Umstrukturierungen ganz massive reale Neuinvestitionen beinhalten.

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Trends und Wachstumsaussichten

Mit der Ostöffnung, dem EU Beitritt und der fortschreitenden Globalisierung änderte sich dieses Bild drastisch. Der Globalisierungseffekt lässt sich wohl am besten damit beschreiben, dass das Niveau der Direktinvestitionen (aktiv und passiv zusammen) von 8% des BIP 1989 auf 37% des BIP im Jahre 2002 gestiegen ist. Die Verschränkung zwischen In- und Ausland hat massiv zugenommen. Stärker als der EU Beitritt hat sich die Ostöffnung auf Österreichs Rolle bei den Direktinvestitionen ausgewirkt. Österreich ist nicht mehr Zielland von Direktinvestitionen, sondern aktive Direktinvestor vor allem in Osteuropa. Dies zeigt sich daran, dass die Zahl der Beschäftigten bei ausländischen Direktinvestitionen in Österreich von 1989 bis 2002 nur marginal auf rund 252.000 gestiegen ist, während die Beschäftigten bei Österreichs Direktinvestitionen im Ausland sich auf 328.000 verzehnfacht haben. Die Höhe der aktiven Direktinvestitionen ist auf 40,5Mrd. • im Jahr 2002 gestiegen, die Höhe der passiven Direktinvestitionen auf rund 41,5 Mrd. •. Aus einem 1:3 Verhältnis zwischen aktiven und passiven Direktinvestitionen ist ein 1:1 Verhältnis geworden, die Österreich aktive Direktinvestitionen überwiegen sogar leicht. Abbildung 24: Direktinvestitionen – Ausmaß und Beschäftigte

Quelle: OeNB, eigene Berechnungen

Die Daten zu Direktinvestitionen auf Branchenebene zeigen, dass sich nahezu 2/3 Drittel der aktiven Direktinvestitionen in Höhe von 44,3 Mrd. • auf „Realitäten, unternehmensbezogene Dienste“ sowie das „Kredit- und Versicherungswesen“ aufteilen. Der Bereich „Realitäten, unternehmensbezogene Dienste“ beinhaltet vor allem Holdinggesellschaften, die wiederum Beteiligungen halten. Eine Branchenzuordnung der gehaltenen Beteiligungen ist nicht vorhanden. Klarheit besteht hingegen für das Kredit- und Versicherungswesen: Kein anderer Sektor konnte die Ostöffnung so nutzen ; ein Drittel aller aktiven Direktinvestitionen entstammen diesem Sektor, wofür vor allem die Banken verantwortlich sein dürften. Folgende wirtschaftspolitischen Schlüsse lassen sich ableiten: • Gemessen am Außenhandel hat sich die Wettbewerbsfähigkeit von Österreichs Wirtschaft seit 1995 klar verbessert. • Direktinvestitionen ersetzen nicht den Außenhandel sondern ergänzen diesen und auch hier hat sich die Bilanz Österreichs massiv verbessert.

6.4. Globalisierung Die bisherige Analyse hat sich vorwiegend auf die innerösterreichischen Entwicklungen und auf die der wichtigsten österreichischen Exportmärkte ohne Berücksichtigung der Veränderungen der externen Faktoren konzentriert. Dennoch dürfen die internationalen Entwicklungen und zukünftigen Trends, welche über kurz oder lang wiederum Rückwirkungen auf das österreichische Wirtschaftsgefüge haben werden, wirtschaftspolitisch nicht außer Acht gelassen werden. Ein Faktum ist dass Österreich – sowohl durch seine Mitgliedschaft bei der europäischen Union, als auch bei der WTO, in den internationalen Handel eingegliedert ist und dem weltweiten Abbau von Handelshemmnissen teilnimmt. Welche Charakteristika weist die zunehmende wirtschaftliche Integration auf und welche wirtschaftspolitischen Herausforderungen ergeben sich dadurch? 6.4.1. Implikationen auf der EU-Ebene: • Während sich Österreich bis vor 1995 von seiner wirtschaftlichen Integration her gesehen noch in einer Randlage befand (Ausnahme: EFTA), steht den österreichischen Unternehmen seit dem EU Beitritt der gemeinsame EU-Binnenmarkt zur Verfügung. • 2004 wurde dieser Binnenmarkt überdies durch die neuen osteuropäischen EU-Mitgliedsländer erweitert. • Kapitalmobilität innerhalb der EU hoch, Arbeitskräftemobilität sehr niedrig. • In manchen Märkten ist die EU Binnenmarktharmonisierung noch nicht erfolgreich abgeschlossen (Stichwort „Dienstleistungsrichtlinie“), für andere gibt es noch Übergangsbestimmungen bis zur vollständigen Harmonisierung (Stichwort „Neue MS“). • EU weit werden Niedriglohnaktivitäten im Industriesektor, aber auch im Dienstleistungssektor von Unternehmen ausgegliedert und in die entsprechenden Länder verlagert („Relocation“), horizontale und vertikale Integration finden statt. • Davon konnten die neunen MS profitieren, aber auch die bisherigen, welche renditenstarke Märkte vorfanden. • Dennoch: auch die neuen Mitgliedstaaten versuchen den Anteil der Sektoren welche überwiegend lowskilled/ low-tech Aktivitäten beinhalten zu verringern und jene Sektoren zu fördern, in denen mehr Wertschöpfung und somit mehr Wachstum erzeugt wird (medium to high skilled/tech. Aktivitäten). • Niedriglohntätigkeiten werden daher über kurz oder lang eher außerhalb der EU stattfinden. Fazit: österreichische Unternehmen (z.B. Bankensektor, Telekomsektor, Erdölbranche, etc.) konnten sich in diesen neuen Märkten überdurchschnittlich gut positionieren.



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Trends und Wachstumsaussichten



Trotz der Tendenz zur Tertiärisierung in den Industrieländern weist Österreich, im Vergleich zu den EU15, das höchste Maß an Spezialisierung in Sektoren 26 des sekundären Sektors auf .

Neben der in den letzten Jahren für Österreichs Wirtschaft vorrangigen Eingliederung in die EU-Ebene, kam es global gesehen zu ebenso wichtigen Veränderungen. Diesem unter dem Stichwort „Globalisierung“ ablaufenden Prozess (hier: Abbau von Beschränkungen globaler Faktor- und Warenströme) können grob gesagt folgende Eigenheiten – in Ergänzung zu den bereits erwähnten EU Charakteristika - zugeordnet werden: 6.4.2. Implikationen auf globaler Ebene: • Ein wesentliches Kennzeichen ist die zunehmende Importkonkurrenz von Waren und Dienstleistungen aus Niedriglohnländern. • Die zwei unbestrittenen neuen „Big Global Players“ sind China und Indien. • Es kommt zu einer zunehmenden Fragmentierung der Produktionsaktivitäten im Produktions- und Dienstleistungssektor (v.a. auch aufgrund der Informationsund Kommunikationstechnologien). • Der Unterschied von „tradeables“ und „nontradeables“ verringert sich, d.h. immer mehr Güter und Dienstleistungen werden über die Grenzen ausgetauscht. • Der bisher relativ geschützte Dienstleistungssektor wird daher ebenfalls dem outsourcing unterliegen. • Klassische Industriejobs werden ebenfalls unter Druck geraten. • Um diesem Anpassungsdruck gewachsen sein zu können müssen – unter dem Gesichtspunkt der bereits globalisierten Finanzmärkte, die Arbeitsmärkte an Flexibilität gewinnen und die Wirtschaftssektoren sich entsprechend anpassen. Wie bereits in den vorherigen Kapiteln angesprochen hat sich der sekundäre Sektor in Österreich erfolgreich an den internationalen Wettbewerbsdruck angepasst und konnte seine Vorteile nutzen, während zum Beispiel die Textilindustrie bereits Rückgänge erlitt; weitere Branchen werden aber unter Anpassungsdruck geraten. Welche Herausforderungen ergeben sich für die österreichische Wirtschaft? Gegenstand dieser Arbeit ist es wertschöpfungsstarke Sektoren zu identifizieren. Ein Wettbewerb um Sektoren des Niedriglohnsegments kann daher nicht zielführend sein, auch für die globale Ebene gilt daher das Prinzip Wachstum durch wertschöpfungsstarke Branchen für die österreichische Exportwirtschaft. 26

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Die Entwicklung des weltweiten Handels in Zahlen: • Weltweiter Handel: Von 1992 bis 2003 ist der weltweite Handel jährlich um durchschnittlich 8,5% gewachsen. • FDIs nahmen von 1985 bis gegen Ende der 1990er Jahre von rd. 5% auf rd. 15% am Welt-BIP zu. • Industrielle Zwischenprodukte nehmen anteilsmäßig an den Exporten zu (etwa ein Drittel), ein Indiz für eine weltweite Fragmentierung der Märkte und der vertikalen Integration in die Produktionskette. • Exportbereiche wo Hauptteil des Wachstums realisiert wurde: Halbleiter, PKW-Produktion, Telekommunikation, Computer, Computerteile und pharmazeutische Produkte. Wirtschaftspolitische Empfehlungen für Österreich: • Komparative Vorteile müssen erkannt und langfristig gestärkt werden. • Langfristig wird die Spezialisierung in den mehrwertstarken Dienstleistungssektoren daher eine zielführende Strategie sein. • Anpassungen in Richtung weitere Spezialisierung, Innovation, und Diversifikation in Bereichen mit komparativen Vorteilen; • Ansiedlung von R&D Jobs. • High-tech Exporte sollen forciert werden. • Die Flexibilität am Arbeitsmarkt wird zunehmen müssen. Wirtschaftpolitische Empfehlungen EU Ebene (zusätzlich): • Binnenmarktharmonisierung: rasch abzuschließende Marktharmonisierungen. • „brain drain“ sollte verhindert werden. • Arbeitsmarkt: EU muss auf qualitative Einwanderung achten. • Ausbau der Binneninfrastruktur (TENs etc.) • Der EU Handel darf nicht nur binnenorientiert sein. • WTO/ Bilaterale Handelsabkommen sollen für faire Welthandelsbedingungen sorgen.

6.5. Schätzung der Gewinne an Konsumentenrente Die folgende Tabelle zeigt eine Übersicht über die geschätzten Ersparnisse (Gewinne) für die Konsumenten durch die Liberalisierung in den Sektoren Energie und Telekom, Luftverkehr und Textilien. Als Schätzwert für diese Ersparnisse wird angenommen, dass diese Sektoren ohne die erfolgten Liberalisierungen und Privati-

Vgl. EU Sectoral Competitiveness Indicators Report 2004 S.22f: Ein Vergleich der relativen Wertschöpfungsanteile der Sektoren eines Landes an dessen Gesamtwertschöpfung, mit dem Durchschnitt der relativen Anteile auf EU-15 Ebene wird hier als ein Maß für eine sektorale Spezialisierung angenommen. Für Österreich befinden sich demgemäß unter den ersten sechs Sektoren ausschließlich Sektoren des sekundären Sektors. 27 Vgl. EK (2005), S. 3 u. S. 6f.

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Trends und Wachstumsaussichten

sierungen mit dem Durchschnitt des Wertschöpfungswachstums mit gewachsen wären, da ihre Tarife in der Vergangenheit stark indexiert waren. Die folgende einfache Berechnung wurde angestellt: der Ausgangswert der Bruttowertschöpfung von 1995 der Sektoren wurde mit dem durchschnittlichen jährlichen Bruttowertschöpfungswachstum aller übrigen Sektoren (ÖNACE C-K) von 4,26% bis 2003 hochgerechnet; von der errechneten Abweichung der tatsächlichen Wert subtrahiert. Allein aus den beiden Sektoren Telekom u. Energie würden rd. 2,6 Mrd. •o Rentengewinn resultieren.

Zur Vervollständigung des Lagebildes werden der Sektor Flugverkehr (ebenfalls Liberalisierungen) und die Textilbranche („Globalisierungsverlierer“) miteinbezogen. Der Flugverkehr zeigt eine Schwäche dieser Methode, nämlich das Ausblenden von steigenden Volumen aufgrund billigerer Preise. Die tatsächliche Ersparnis je konsumierter Einheit sind daher deutlich über den hier ausgewiesenen Werten.

Abbildung 25: Rentengewinne bzw. -verluste

Quelle: Statistik Austria, LSS 1995-2003, eigene Berechnungen.

6.6. Zusammenfassung Die Analyse auf ÖNACE 2-Steller Ebene unterstreicht die Einschätzungen aus den vorherigen Kapiteln: Von den sieben schnellst wachsenden Sektoren gehören sechs dem Dienstleistungssektor an. Bis auf die (stark vom Personaloutsourcing aus dem Industriesektor profitierende) Branche „Vermietung bewegl. Sachen o.Bed.personal“ haben sie jedoch niedrige Anteile an der Wertschöpfung und an der Beschäftigung. Jene Sektoren welche signifikante Anteile an der Gesamtwertschöpfung (rd.31%) wie auch an der Beschäftigung (rd.33%) aufweisen, wachsen unter dem Wachstumsdurchschnitt der Gesamtwertschöpfung. Zu den Wachstumsverlierern zählen Sektoren, welche durch die Globalisierung und die Aufhebung der Import-

quoten starke Einbußen hinnehmen mussten, d.h. die Bekleidungsindustrie, als auch der Bereich „Kohlenbergbau, Torfgewinnung“, welcher durch den weitgehend erfolgten Abbau der Ressourcen gekennzeichnet ist. Zum Großteil sind hier die Anteile sowohl was die Wertschöpfung (zusammen rd. 1%), als auch jene an der Beschäftigung (zusammen rd. 1,4%) betreffen, gering, ein vollständiger Rückgang hätte anhand dieser Indikatoren wohl geringe Effekte auf die Gesamtentwicklung (bzw. geringer als die Zunahme der vier schnellst wachsenden Sektoren) des Wachstums und der Beschäftigung. Die zunehmende Globalisierung des Wirtschaftsgeschehens bringt weitere Herausforderungen für die heimische Wirtschaft und die Wirtschaftspolitik auf österreichischer und EU Ebene: Europa (und insofern

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Trends und Wachstumsaussichten

Österreich) muss sich auf Waren- und Dienstleistungen im high-tech/high-skilled Bereich spezialisieren („Europe of Excellency“), will es seine hohen Lebensstandards halten. Dies beinhaltet die Schaffung und Stärkung der Rahmenbedingungen für Forschung & Entwicklung, Bildung, Infrastruktur, den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte und die Verhinderung von „brain-drain“, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und Erhöhung der Arbeitskräftemobilität innerhalb der EU. Diesen Trends und Herausforderungen muss sich Österreich im Sinne einer langfristigen Wertschöpfungssteigerung ebenfalls anschließen.

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Statistischer Anhang

Statistischer Anhang

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Statistischer Anhang

Quelle: ÖNACE 1995-2003, eigene Berechnungen. Zu den Sektoren „Erdöl- und Erdgasbergbau“, „Erzbergbau“ , „Tabakverarbeitung“, „Kokerei, Mineralölverarbeitung“< 23> im gewählten Bereich liegen auf 2-Steller Ebene keine Daten vor.

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Schätzung der Rentengewinne bzw. verluste:

Statistischer Anhang

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Autoren

Zu den Autoren Dr. Alfred Katterl ist Leiter der Abteilung Allgemeine Wirtschaftspolitik im Bundesministerium für Finanzen. Er ist u.a. Alternate Member des Wirtschaftsund Finanzausschusses der EU.

Mag. Nikolaus Fink und Mag. Manuel Schuster sind Mitarbeiter der Abteilung Allgemeine Wirtschaftspolitik im Bundesministerium für Finanzen.

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Publikationen

In der Reihe Working Papers erschienen: Mandl Ulrike, Schönpflug Karin (2005). Steigerung des Wirtschaftswachstums durch F&E und Humankapital. Working Paper 3/2005. Part Peter, Schönpflug Karin (2005). Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarktreformen. Working Paper 2/2005. Brandner Peter, Frisch Helmut, Grossmann Bernhard, Hauth Eva (2005). Eine Schuldenbremse für Österreich. Working Paper 1/2005. Ertl Birgit (2004). Der Kampf gegen Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung. Working Paper 4/2004. Vitzthum Elisabeth (2004). Reformvorschläge für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Welthandelsorganisation und Internationalen Finanzinstitutionen. Working Paper 3/2004. Burgstaller Markus, Stieber Harald (2004). Ausgabenquoten im internationalen Vergleich: Behindern hohe Quoten die Wettbewerbsfähigkeit eines Staates? Working Paper 2/2004. Vondra Klaus, Weiser Harald (2004). Basel II: Was wirklich hinter der Asset Return Correlation und ihren Auswirkungen auf die Prozyklizität steckt. Working Paper 1/2004. Katterl Alfred, Part Peter, Stieber Harald (2003). Die neuen Haushaltsregeln der EU für die Überprüfung der Stabilitätsziele. Working Paper 5/2003. Mandl Ulrike (2003). European policy making. Die offene Methode der Koordinierung als Alternative zur Gemeinschaftsmethode? Working Paper 4/2003. Corrales-Díez Natalia (2003). Die EU Außenvertretung im Internationalen Währungsfonds (Deutsch/ Englisch). Working Paper 3/2003. Bayer Kurt (2003). Entwicklungspolitik im 21. Jahrhundert – Die Rolle der Weltbank. Working Paper 2/2003. Part Peter (2003). Real exchange rate developments in the accession countries. Working Paper 1/2003. Part Peter (2002). Finanzielle Auswirkungen der Bevölkerungsalterung. Working Paper 8/2002. 34

Bauer Bernhard (2002). Kleine und mittlere Unternehmen: Übersicht über Bedeutung, bereits getroffene und mögliche weitere Maßnahmen auf EUEbene und in Österreich (Materialiensammlung) Working Paper 7/2002. Tzanoukakis Kira (2002). Die Verfahren zur Sicherung der Konvergenz in der Europäischen Union. Working Paper 6/2002. Rabitsch Franz (2002). Die österreichischen Wachstumsprognosen 1978 bis 1999. Working Paper 5/2002. Karlinger Liliane (2002). An Equilibrium Analysis of International Fiscal Transfers as Insurance against Asymmetric Shocks. Working Paper 4/2002. Morawek Roman (2002). Reale Konvergenz im Euroraum mit besonderer Berücksichtigung der EUOsterweiterung. Working Paper 3/2002. Hauner David (2002). The Euro, the Dollar, and the International Monetary System. Working Paper 2/2002. Traxler Christian (2002). Verteilungspolitische Aspekte von Kapitalsteuerwettbewerb. Working Paper 1/ 2002. Kutos Paul (2001). Euro exchange rate policy: Institutions and procedures. Working Paper 8/2001. Part Peter, Stefanits Hans (2001). Austria: Public Pension Projections 2000 - 2050. Working Paper 7/2001. Katterl Alfred (2001). Renditen der Universitätsausbildung. Working Paper 6/2001. Burger Christina (2001). Strukturindikatoren. Working Paper 5/2001. Moser Erhard (2001). Das Europäische Wirtschaftsund Sozialmodell. Stand der Umsetzung ein Jahr nach Lissabon. Working Paper 4/2001. Nitsche Wolfgang (2001). EU-Erweiterung: Budgetäre Auswirkungen wirtschaftlicher Anpassungsszenarien. Working Paper 3/2001. Nitsche Wolfgang (2001). Österreich im neuen Europa. Überblick über die Argumente zur EU-Erweiterung. Working Paper 2/2001. Part Sigrid (2001). Der Vertrag von Nizza: Ein Wegweiser für die Europäische Integration. Working Paper 1/2001.

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Felbermayr Gabriel J. (1999). The Political Economy of Financial Crises. Working Paper 6/1999. Saghy Hannes M., Fürstaller Katharina, Fuchs Franz (1999). Die neue Bedeutung der Einkommenspolitik als nationales Politikfeld im Rahmen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Working Paper 5/1999. Pregesbauer Andreas (1999). Transmissionsmechanismen der Geldpolitik. Working Paper 4/1999. Nitsche Wolfgang (1999). Kosovo-Krise und Wiederaufbau. Working Paper 3/1999. Herbeck Gabriele (1999). Kostennutzenanalyse in der EU. Working Paper 2/1999. vergriffen Bayer Kurt (1999). Der OECD-Wirtschaftsbericht über Österreich 1999. Working Paper 1/1999. Part Peter (1998). Öffentliche Finanzen in der Europäischen Union. Working Paper 3/1998.

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Impressum: Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Bundesministerium für Finanzen, Abteilung I/21 Personalentwicklung und Mitarbeiterkommunikation, Himmelpfortgasse 8, A-1015 Wien Grafische Gestaltung und Druck: Druckerei des Bundesministeriums für Finanzen Wien, Dezember 2005 www.bmf.gv.at 38