Wie eine Reise zum Mond

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Universitäten

„Wie eine Reise zum Mond“ Plattenbauten, graue Städte, öde Nächte: Ein Studium in Deutschland-Ost gilt unter Abiturienten in München oder Hamburg noch immer als Alptraum. Immer mehr Studenten aus dem Westen lassen sich jedoch auf das Wagnis ein. Statt Chaos, Überfüllung und Langeweile erleben sie an ostdeutschen Unis Aufbruchstimmung. ektisches Gedränge auf der Brücke in den Westen. Hausfrauen schleppen pralle Plastiktüten durch den Zoll. Vor dem Schlagbaum wartet eine schier endlose Schlange von Autofahrern, die gerade billiges polnisches Benzin gebunkert haben, auf Durchfahrt. Ihnen entgegen kommen Familienväter, bepackt mit großen, leeren Sporttaschen. Sie eilen zu den Märkten am Ostufer der Oder, wo es bunte Hemden aus Fernost und Gartenzwerg-Imitationen aus Plastik gibt und die Stange Zigaretten 15 Mark kostet. Gebückt zerrt ein alter Mann deutschen Wohlstandsmüll auf einem Handkarren heim. Mitten durch das Gewirr schiebt Wilhelm Schöllmann, 26, sein Fahrrad über die Brücke der Schnäppchenjäger und Schmuggler, die Polen mit Deutschland verbindet – der Student ist auf dem Weg zur Vorlesung. Schöllmann ist einer von den jungen Leuten, die an Mensa-Tischen in Münster oder Tübingen als bemitleidenswerte Spinner gelten: Der junge Westfale studiert Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt an der Oder. Weil Schöllmann, der zuvor Unis in Bochum und Brüssel besuchte, keine halben Sachen schätzt, hat er sich seine Wohnung gleich in Słubice gesucht, der polnischen Kleinstadt am gegenüberliegenden Ufer: 300 Mark Miete für Zimmer, Küche und Aussicht auf Deutschland. An das herbe Zywiec-Bier in den Kneipen und die schummrige Straßenbeleuchtung auf dem Heimweg hat er

FOTOS: M. LINDNER / SIGNUM

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Dusche in Greifswalder Studentenwohnheim: „Hier bin ich willkommen“ rienten noch immer schaudern. Ein Studium jenseits von Harz, Rhön und Bayerischem Wald gilt bei ihnen auch zehn Semester nach der Wende bestenfalls als Exotennummer, zumeist aber als Alptraum von roten Professoren, Plattenbau-Wüsten und grimmigen OstStudenten, die Eindringlinge aus dem Westen feindselig empfangen: „Studie-

C. EISLER / TRANSIT

sich schon gewöhnt, und auch Bigos weiß er zu schätzen, den fetten Eintopf aus Sauerkraut und Fleisch, den seine polnischen Kommilitonen auf Feiern manchmal reichen. „Eigentlich“, sagt der angehende Ökonom, „ist mein Leben hier ganz unspektakulär.“ Was für Schöllmann mittlerweile zum Alltag gehört, läßt westdeutsche Abitu-

Universität Cottbus, Erstsemester-Vorlesung in Greifswald: „Seid freundlich zu den Studenten“ DER SPIEGEL 42/1994

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hochschulen und Universitäten in Ostdeutschland. Zwei Drittel der einstmals 140 000 Beschäftigten des Wissenschaftsapparates der D D R mußten gehen, rote Kaderschmieden wurden aufgelöst, Hunderte von West-Professoren neu berufen. Zwar herrschen noch lange nicht überall ideale Bedingungen, sind die Gebäude häufig noch heruntergekommen, lehrt auch hier und dort noch ein Stasi-Professor. Doch einen vergleichbaren Wandel gab es in der deutschen Hochschulgeschichte nie zuvor. Während sich an den West-Hochschulen in diesen Tagen die Studienanfänger in volle Hörsäle quetschen und Professoren über den Ansturm stöhnen, herrscht im Osten meist familiäre Gemütlichkeit: Nur etwa 46 000 Studiosi pauken hier Jura, lernen das Einmaleins der Wirtschaftswissenschaft oder ergründen sozialwissenschaftliche Theorien. Im Westen drängeln sich 500 000. An der Universität Potsdam studieren gerade mal knapp 8000 Studenten, so viele wie allein im Fachbereich Ökonomie der Uni Köln. „In Fächern wie Medizin, Jura oder den Naturwissenschaften können Sie drüben schon besser studieren als im Westen“, lobt ZVS-Chef Berlin, „da gehen Leute hin, die ihrer Zeit voraus sind.“ Ob Germanistik oder Medizin – Seminare mit weniger als zehn Studenten sind keineswegs selten. „Kein Gerangel um die Leichen, kein Warten aufs Praktikum, hier hat jeder sein Mikroskop“, schwärmt Harald Junius, 22, aus Dortmund, der seit zwei Jahren Medizin in Greifswald studiert. Eher klagen die Dozenten über Studentenmangel. Am Rostocker Institut für Romanistik, das noch im Aufbau ist, betreuen 2 Professoren gerade 15 Hochschüler. Ein Häuflein von 70 Leuten hat sich für das erste Semester Kulturwissenschaft in Frankfurt an der Oder eingeschrieben. „Da haben wir uns etwas mehr erhofft“, sagt Dekan Harald Weydt, der sich mit 16 Kollegen um die kleine Schar Studenten kümmert. Das luxuriös anmutende Verhältnis bietet Kritikern Stoff, die den hektischen Aufbau von Universitäten im Osten seit längerem mit Skepsis betrachten. In Brandenburg hatten sich schon 1990 heftige Diskussionen entzündet, weil das Land gleich drei Universitäten einrichten wollte. Der Wissenschaftsrat in Köln, Beratergremium für die Kultusminister, sah keine NotwenA. KAISER / G.A.F.F.

ren in Dunkeldeutschland? Nein, danke!“ Nur rund ein Sechstel der 30 000 Hochschüler, die in diesem Wintersemester an Ost-Universitäten ihr Studium beginnen, traute sich aus dem Westen herüber: gerade mal 5000 Leute. Und die kamen häufig nicht einmal freiwillig. Viele wurden wegen des Numerus clausus in Fächern wie Medizin, Jura oder Betriebswirtschaft von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in den Osten geschickt. „Als hätten wir ihre Kinder verbannt“, sagt ZVS-Chef Henning Berlin, sei er von erbosten Eltern beschimpft worden. Doch die Vorurteile sind unberechtigt: Längst machen junge und motivier-

Grenzpendler Schöllmann (in Słubice) Polnisches Bigos und Zywiec-Bier te Professoren im deutschen Osten ihren Kollegen in München oder Heidelberg vor, wie qualifizierte Hochschullehre aussehen kann: Statt Chaos, Überfüllung und Langeweile herrscht vielerorts Aufbruchstimmung. Mit einem „Kraftakt ohne Beispiel“ (der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer) haben Bildungspolitiker und Professoren die Ost-Universitäten binnen weniger Jahre umgekrempelt. Sie ließen neue Gebäude errichten, installierten modernste Computer und Labortechnik und bauten Musterbibliotheken auf. Bund und Länder pumpen rund drei Milliarden Mark jährlich in die 64 Fach-

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Gesangsunterricht in Golm: „Wie eine große Wohngemeinschaft“ digkeit für so viele Lehrbetriebe in dem 2,7-Millionen-Einwohner-Land. Doch die Regierung in Potsdam steckt derzeit noch weniger Geld in ihre Hochschulen als vergleichbare Länder im Westen. Während Schleswig-Holstein beispielsweise 8 Prozent seines Haushaltes für den Uni-Betrieb verwendet, geben die Potsdamer nur 4 Prozent des Gesamtbudgets für ihre ehrgeizigen Uni-Projekte aus – die Ausgaben dürften jedoch mit steigenden Studentenzahlen wachsen. Das Geld kommt auch den Westdeutschen zugute, die sich immer zahlreicher an den Ost-Unis einschreiben – und erst einmal lernen müssen, mit ihren neuen Kommilitonen klarzukommen. Ost-Studenten geißeln die „Selbstüberschätzung der Westler“. Die Zugereisten aus Deutschland-West wundern sich über

anrüchige Vokabeln aus dem altkommunistischen Wortschatz (siehe Beiträge Seiten 80 und 84). Zusammenhalt fördern freilich schon die für westliche Verhältnisse ungewöhnlichen Wohn- und Arbeitsbedingungen. Fast zwei Drittel aller Studenten an ostdeutschen Unis sind in Wohnheimen untergebracht (im Westen etwa 10 Prozent), oftmals nur einen Steinwurf von ihren Hörsälen entfernt. Nahezu alle 2900 Hochschüler der Technischen Universität Ilmenau in Thüringen beispielsweise wohnen in Studentenheimen rund um den Campus – zu im Westen undenkbaren Preisen von 70 bis 185 Mark. In Cottbus wird eine ehemalige russische Panzerkaserne zu einer neuartigen Fachhochschule umgebaut: Lehrräume, Labors und Wohnungen auf einem Gelände.

„Werdet endlich selbstbewußter“ Die Euskirchenerin Julia Kollewe, 21, Studentin der Geschichte, Anglistik und Psychologie in Leipzig, über ihre Ost-Kommilitonen:

eipzig an einem Dienstagmorgen. Ich sitze gähnend in einer Vorlesung über Musikgeschichte. Plötzlich bin ich hellwach. Gerade hat der Professor beiläufig – und offensichtlich in vollem Ernst – die Worte fallenlassen: „Die Römer haben die Germanen deswegen kleingekriegt, weil sie die besseren Produktivkräfte hatten.“ Ich bin zusammengezuckt und blicke um mich. Die Gesichter um mich herum verraten keinerlei Regung. Bin ich etwa die einzige, so frage ich mich, die diesen Fauxpas, den Rückfall in marxistische Denkweisen, registriert hat? Ich bin nicht wegen des Numerus clausus nach Ostdeutschland gegangen. Es gefällt mir in Leipzig. Doch als

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West-Studentin Kollewe „Merkt hier keiner was?“ ich kürzlich einmal Unverständnis geäußert habe, daß viele Studenten im Osten PDS wählen, habe ich nur Kopfschütteln geerntet. „Das versteht ihr nicht“, hat es geheißen, „viele sehen dies mittlerweile als einzigen Weg, Protest auszudrücken!“

Und in den Gebäuden der einstigen Stasi-Hochschule in Golm bei Potsdam, wo MfS-Generäle bis zur Wende mit akademischen Ehren versehen wurden, ist ein richtiges Studentendorf entstanden – mit Friseur, Zahnarzt, Copyshop und Kindergarten. „Das ist hier wie eine große Wohngemeinschaft“, berichtet Musikstudent Stefan Klucke. Nicht überall gibt es jedoch genügend Zimmer. West-Studenten, die spätestens im fünften Semester eine eigene Wohnung mit Couchgarnitur anpeilen, muß die Odyssee mancher Kommilitonen in ostdeutschen Uni-Städten schokkierend erscheinen. Viermal mußte Katrin Leipacher, 22, in Dresden im vergangenen Jahr umziehen – ein richtiges Zuhause hat die Landespflegestudentin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft immer noch nicht: Sie wohnt schwarz zur Untermiete für 400 Mark im Monat, ohne Dusche, ohne Telefon, mit Kohleofen. An eine Rückkehr in den Westen denkt die Wuppertalerin trotzdem nicht. So geht es auch Herand MüllerScholtes, 24, Erziehungswissenschaftler aus dem württembergischen Ebersbach. „Als ob ich zum Mond fliegen wollte“, so hätten seine Freunde auf seine Entscheidung reagiert, nach Dresden umzuziehen. Nun haust der Jungpädagoge samt Freundin in einem Wohnheim auf elf Quadratmetern und findet es „hoch spannend, die einmalige Umbruchstimmung erleben zu können“. Die persönliche Atmosphäre in Hörsälen und Studentenheimen hilft vielen

Im Historischen Seminar der Uni Leipzig weht durchaus ein frischer Wind, es werden von Ost- und WestKommilitonen gleichermaßen kritische Fragen gestellt. Dennoch ist klar: Der Marxismus-Leninismus stellt für die Mehrheit der Ost-Studenten, so westlich sie mittlerweile auch sein mögen, kein Schreckgespenst dar. Hin und wieder wird uns Westlern signalisiert, daß wir anders sind, meist auf scherzhafte Weise. Ungemütlich wird es nur, wenn man nicht mehr als Individuum, sondern als Repräsentant der Westdeutschen gemessen und beurteilt wird, so daß jeder Lapsus auf besondere Aufmerksamkeit stößt. Als ich mich einmal etwas ungeschickt angestellt hatte, wurde das sogleich mit einer Bemerkung quittiert, nach dem Motto: „Typisch Wessi! Ist mit der neuesten Technik vertraut, aber kommt mit den einfachen Dingen des Lebens nicht klar!“ So etwas macht mich richtig wütend: „Werdet doch endlich ein bißchen selbstbewußter“, möchte ich dann am liebsten sagen.

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schimmern wie die Abgründe der Braunkohlegruben in der Umgebung. Zum Bleiben bewegten den Berliner verständnisvolle Professoren und ein echter Studienplatz: Die Uni hatte ihm, wie jedem seiner 30 Kommilitonen, einen Tisch mit Zeichenbrett gestellt. „Hier sitzen die Dozenten nicht auf dem Thron und lassen sich gelegentlich zur Audienz herab“, stellte Simon fest: „Ich merkte, daß ich hier willkommen war.“ Die ungewohnte Erfahrung machten auch Jura-Studienanfänger in Greifswald. Mit einem persönlichen Brief begrüßte Dekan Michael Junker jedes Erstsemester, „seid freundlich zu den Studenten“, wies der Professor seine Sekretärinnen an. Die Hochschüler sollten gar nicht erst das Gefühl bekommen, sie seien lästige Bittsteller. Freilich schrecken die Ost-Ordinarien auch vor stockkonservativen Brauchtü-

Technikstudenten in Ilmenau „Einmalige Umbruchstimmung“ Zugereisten über die äußere Tristesse hinweg, die oftmals noch die Ost-Städte prägt. „Ich wollte weg hier, nichts wie weg“, erzählt Kai Simon, 26, den der Numerus clausus im Fach Architektur vor drei Jahren an die TU Cottbus verschlug. Nun studiert er immer noch in der Stadt, deren Häuser so düster

„Die haben immer eine Meinung“ Der Ost-Berliner Michael Schulenburg, 26, Jurastudent an der Humboldt-Universität, über seine WestKommilitonen:

eulich, in der Mensa, saßen zwei Mitstudenten vor mir, die über die miserablen Parkmöglichkeiten vor der Humboldt-Universität schimpften. Ich ärgere mich, wenn Leute aus solchen Kleinigkeiten Probleme machen. Wir haben hier andere Sorgen – und außerdem fahre ich mit dem Fahrrad zur Uni. Ein anderes Mal unterhielten sich zwei Mädchen, die hörbar aus dem Westen kamen, über ihre Urlaubserlebnisse. Die eine hatte sich für eine Woche im Haus der Eltern auf Sylt eingeschlossen. Ich dagegen fahre gelegentlich gemeinsam mit meiner Freundin mit der S-Bahn ins Grüne. Mit der vielgepriesenen Selbständigkeit der Westler ist es auch nicht so weit her. Viele meiner Kommilitonen aus dem Osten haben gearbeitet, um von den Eltern unabhängiger zu sein. Unter den Westlern dagegen

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S. SAUER / LICHTBLICK

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Ost-Student Schulenburg „Wir sind zurückhaltender“ ist die Nesthocker-Mentalität ausgeprägt: Viele lassen sich das Studium von ihren Eltern bezahlen, und es stört sie nicht. Sie finden es spannend, hier zu studieren, weil alles in Bewegung ist bei uns, aber am Abend kehren sie heim in ihr Zimmerchen im Charlottenburger Elternhaus. Im ersten Semester haben wir eine Arbeitsgruppe gegründet, ein gemischter Kreis aus 15 Leuten. Schon

mern nicht zurück. So werden in Greifswald die Studienanfänger mit einer Immatrikulationsfeier in der altehrwürdigen Aula begrüßt. Dann legt der Rektor seine goldene Amtskette und den historischen Talar aus dem 17. Jahrhundert an, man redet sich mit „Magnifizenz“ und „Spektabilität“ an. „Wir haben ein anderes Verständnis von Universität als die meisten Kollegen im Westen“, sagt der Greifswalder Dekan Junker, ein Westler aus München. „Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen für Studenten.“ Das merken Studenten vor allem in der Jura-Bibliothek: Von der modernen Computertechnik dort können ihre West-Kollegen nur träumen. An Dutzenden von Bildschirmen recherchieren die Studenten kostenlos in Datenbanken, rufen Bibliothekskataloge ab und durchforsten auf CD-Rom gespeicherte Urteile deutscher Gerichte. Die Studierenden schätzen vor allem die Mini-Fachbereiche, den Ideenreichtum und die Praxisnähe an den OstUnis. Etwa in Dresden: Dort bat der städtische Wirtschaftsdezernent Rolf Wolgast (SPD) die Seminaristen des Fachbereichs Kommunikationswissenschaften, ein Marketingkonzept für die Kommune zu erarbeiten. Die Hochschüler entwickelten daraufhin die Idee einer „Bürgerinitiative für

bald stellte sich heraus, daß die Westler zwar am gemeinsamen Lernen interessiert waren, an mehr aber nicht. Wir dagegen wollten auch mal zusammen ins Kino gehen, nicht immer nur über Jura reden. Was mich aber am meisten stört: Zu jedem Thema müssen sie eine Meinung haben. Um jeden Preis wollen sie sich äußern und Aufmerksamkeit auf sich lenken. Bei mir ist es umgekehrt. Der Gedanke entwickelt sich im stillen, und wenn ich das Ergebnis für mitteilungswürdig halte, hebe ich den Finger. So entsteht die spürbare Zurückhaltung der Ostler und eine gewisse Selbstüberschätzung der Westler. Mittlerweile lernen wir alle allein, darin sind wir alle „West-Studenten“ geworden. Wir treffen uns allerdings manchmal außerhalb der Uni, feiern gemeinsam Partys, aber es bleibt ein Rest von Fremdheit. Vor kurzem lud ich einige Kommilitonen zum Videoabend mit einem Film des DDR-Regisseurs Frank Beyer ein, bei uns eine Kultfigur. Es gab Szenen aus dem Nachkriegsalltag in der Sowjetzone, da lachte die Ost-Fraktion Tränen. Die West-Fraktion saß schweigend auf der Couch.

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Arbeitsplätze e.V.“, die mit Hilfe prominenter Dresdner Investoren in die Stadt locken sollte. Ökonom Wolgast war von dem Konzept derart begeistert, daß er beschloß, die Pläne alsbald umzusetzen. Auch wenn an den Unis teilweise noch improvisiert werden muß, bei Firmenchefs sind die Studenten aus Ostdeutschland immer beliebter. „Sie wollen schneller fertig werden und sind motivierter“, hat Ulrich Heublein vom hannoverschen Hochschulforschungsinstitut HIS beobachtet. Jedes vierte deutsche Großunternehmen rekrutiert nach einer Erhebung bereits seinen Nachwuchs aus der vergleichsweise kleinen Schar der Ost-Studiosi. Für die Personalchefs bei Siemens ist die Technische Universität in Dresden nach München und Erlangen schon die wichtigste Talentschmiede – „die gehen hier ein und aus“, hat der Dresdner Professor Kurt Drescher beobachtet. Auch für die Dozenten wird der Osten immer attraktiver. Angelockt von besseren Aufstiegsmöglichkeiten, unbesetzten Lehrstühlen und Ordinariaten, siedeln viele Wissenschaftler nach Rostock, Dresden oder Ilmenau über. Wie Jürgen Kohler, der in Konstanz Jura lehrte und heute Rektor an der Uni Greifswald ist. „Ich bedaure alle West-Kollegen, die sich nicht getraut haben“, meint Kohler. „Keine Hahnenkämpfe, keine Erbhöfe, sachliche Diskussionen“, lobt der Kieler Jörn Eckert, heute Dekan der juristischen Fakultät in Potsdam. Harald Weydt vom Fachbereich Kulturwissenschaft in Frankfurt an der Oder staunt über die schnellen Entscheidungen. Mit seinen Kollegen entwickelte Dekan Weydt an „zwei Vormittagen“ eine Prüfungsordnung. „In dieser Zeit hätten wir an der Freien Universität Berlin nicht ein Komma geändert.“ Dennoch sind etliche Professorenstellen bislang unbesetzt. Für die Entwicklung einer Hochschule so wichtige Forschungseinrichtungen wie das MaxPlanck-Institut und die Fraunhofer-Gesellschaft siedeln sich nur zögernd im Osten an. „Die Herren Wissenschaftler denken, das sei hier schon im Ural“, beschwert sich ein Professor aus Frankfurt an der Oder. Probleme gibt es vielerorts auch mit der Finanzausstattung. So warten die Mediziner in Greifswald seit langem auf ein klares Wort der Schweriner Landesregierung. Mangels Geld will das Kabinett nicht über einige dringend notwendige Neubauten befinden. An der Uni Rostock stapeln sich in den engen Fachbüchereien Kartons voller Bücher, die im Westen gekauft oder gespendet wurden – es gibt keinen Platz zum Auspacken, weil die Fi-

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nanzmittel nicht für eine Zentralbibliothek reichten. Mit großem Elan waren die Universitätsgründer vor vier Jahren gestartet. Da wurde, für bislang rund 81 Millionen Mark, in Frankfurt an der Oder eine völlig neue Uni aus dem Boden gestampft, für 260 Millionen entstand in Cottbus ein neuer Lehrbetrieb. Die Professoren schafften modernste Computertechnologien an, elektronisch gesteuerte Laborsysteme und allerneueste Medizin-High-Tech. Doch die Gebäude sind häufig noch auf dem Standard der fünfziger Jahre. Teuerste Chemie-Laboratorien sind auf alten Holzfußböden installiert, in die sich giftige Substanzen hineinfressen können. An der Technischen Universität Dresden stehen hochmoderne Meßgeräte und Computer in Räumen, in die es hineinregnet. Die Universitätskliniken seien „in einem erbarmungswürdigen Zustand“, schimpft Kanzler Alfred Post: „Hier wird Spitzenmedizin geboten, doch die sanitären Bedingungen sind wie um 1900.“ Schuld ist die mangelnde Vorausschau vieler Uni-Funktionäre – und die träge Kultusbürokratie. Die Hochschulpolitiker hatten das von Kritikern längst als veraltet betrachtete westdeutsche Verwaltungssystem nahezu unverändert auch im Osten installiert. Statt den Ost-Unis mehr Eigenständigkeit in der Haushaltsführung zu gewähren, mischen sich jetzt Ministerialbeamte in kleinste Details: Selbst wenn ein Rektor einen kleineren Dienstwagen fahren will als vorgesehen, muß er sich das genehmigen lassen. Zudem lähmen Stasi-Diskussionen vielerorts noch immer den Lehrbetrieb, etwa an der Uni Potsdam. Auf der Hochschule lastet die DDR-Geschichte als bleierne Erblast. Der Lehrbetrieb ist aus einer Kaderschmiede für DDR-Diplomaten, einer Stasi-Hochschule und der Pädagogischen Hochschule Karl Liebknecht hervorgegangen und beschäftigt noch zahlreiche Professoren und Assistenten mit umstrittener Vergangenheit. Erst vor wenigen Wochen übergab das Rektorat eine Liste mit über tausend Namen von Uni-Mitarbeitern an die Gauck-Behörde. Das Papier hatte zuvor ein Jahr lang unbearbeitet im Potsdamer Ministerium gelegen. Noch heute, so kritisieren Studenten, sitzen im Prüfungsausschuß der Hochschule Dozenten, die Anfang 1990 Bewerber aus der Kirchenbewegung abgelehnt haben, weil sie „ideologisch belastet“ seien. „Hier hat sich so mancher selbst einen Persilschein ausgestellt“, sagt der Kieler Professor Eckert. In Thüringen gab es wegen dubioser Vorgänge bei der Umsetzung von Hochschullehrern immer wieder massive VorDER SPIEGEL 42/1994

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Studentenwohnheim in Greifswald: „Zusammenrücken schadet nicht“ und Politik hat der Potsdamer Jurastudent Alexander Wildschütz, 24, aus Fürstenwalde: „Diese Diskussionen gehören nicht an die Uni.“ Statt sich für Menschenrechte in fernen Ländern einzusetzen oder Frauengruppen beizutreten, treiben Ost-Studenten lieber Pragmatisches: Sie betreuen studentische Reisebüros, organisieren die Jobvermittlung für Studenten oder renovieren Wohnungen. In Cottbus restaurierten angehende Architekten und Bauingenieure heruntergekommene Altbauwohnungen und setzten Häuser instand, die als „nicht

würfe gegen den zuständigen Minister für Wissenschaft und Kunst, Ulrich Fickel (FDP ), der als treue und verläßliche Stütze des alten DDR-Regimes galt. Fickel, einstmals Chemie-Dozent an der Pädagogischen Hochschule Erfurt/ Mühlhausen, hatte zu DDR-Zeiten „täglich sein ganzes Engagement für unseren sozialistischen Arbeiter-und-Bauern-Staat bewiesen“, wie eine alte Beurteilung vermerkt. Doch die Mehrheit der Ost-Studenten interessiert sich für die Stasi-Debatten ebensowenig wie für allgemeine Politik. „Die Nase endgültig voll“ von Ideologie

Uni Rostock

Die ostdeutschen Universitäten

830

Angebotene Studiengänge und Zahl der Studenten 123 610 Studenten

16 790 Studenten aus

gesamt

Ernst-Moritz-Arndt-Uni Greifswald

Westdeutschland

Jura Wirtschaftswissenschaften

Rostock

Uni Potsdam

Greifswald

Humboldt-Uni Berlin

B R A N D E N B U R G

Europa Uni Viadrina Frankfurt/Oder

SACHSEN6000

TU Cottbus

Potsdam

Frankfurt

2400 960

Magdeburg Cottbus

TU Dresden

740 2900

1500 ca. 150

Berlin

A N H A LT

440 10 700

23 100 5780

Geistes- und Sozialwissenschaften

Otto-von-Guericke-Uni Magdeburg

7850 840

M E C K L E N B U R G V O R P O M M E R N

Mathematik/Naturwissenschaften/Ingenieurwissenschaften

TU Ilmenau

4700 800

Medizin

Martin-Luther-Uni Halle/Wittenberg

8360

2500

HalleWittenberg

Leipzig Uni Zittau

SACHSEN

380

Freiberg

Jena Ilmenau THÜRINGEN

20 000

Dresden

ChemnitzZwickau

Zittau

100 –

Bergakademie Freiberg 2000 200

Friedrich-Schiller-Uni 10 100 Jena 950

Uni Leipzig

18 300 2000

TU Chemnitz-Zwickau

5600 220

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Asyl

Wie ein Märchen Eine afrikanische Fürstin versteckt sich vor deutschen Behörden – und vor ihrem Stamm. ünktlich zum Auftakt der „Woche des ausländischen Mitbürgers“ warf Helmut Frenz, 61, Flüchtlingsbeauftragter der Nordelbischen Kirche, „einen letzten Rettungsanker, um schweres Unrecht zu vermeiden“: Er brachte eine Petition bei der Hamburger Bürgerschaft ein. Retten will der ehemalige Generalsekretär von Amnesty International die Afrikanerin Mary Mugabe*, 34. Sie war 1987 eingereist, hatte Asyl begehrt und ihren Antrag völlig anders begründet als fast alle Asylbewerber, die regelmäßig auf Verfolgung von Staats wegen verweisen: Sie sei Oberhaupt eines Stammes und auf der Flucht vor ihrem Volk. Den seltsamen Fluchtgrund mochte ihr niemand abnehmen. Das Nürnberger Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge lehnte Mugabes Antrag wegen mangelnder Glaubwürdigkeit ab: Bei zwei Befragungen über chronologische Details, genaue Daten wie den Flucht- und Einreisetag sowie das Todesjahr von Marys Großmutter, habe Mugabe unterschiedliche Angaben gemacht und diese Widersprüche nicht „umfassend aufklären“ können, hieß es im Ablehnungsbescheid;

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* Name von der Redaktion geändert.

C. KELLER / GRÖNINGER

vermietbar“ galten. Heute verwalten sie die Wohnungen und vermieten sie an Kommilitonen weiter. Die Unis können die Hilfe brauchen: Einige Studentenwohnheime sind so marode, daß sie eigentlich von der Baupolizei längst geschlossen werden müßten. In Greifswald hausen rund hundert Hochschüler in Notunterkünften aus den fünfziger Jahren, die eigentlich nur fünf Jahre halten sollten. Eine der Baracken, die den Charme einer sibirischen Strafkolonie haben, brannte vergangene Woche ab. Vermutliche Ursache: ein defekter Schornstein. Da kommt DDR-Atmosphäre auf. Bis zu drei Studenten teilen sich die winzigen Kammern. Die pappdünnen Wände sind berüchtigt, kein Laut bleibt privat. Spätestens unter der Dusche treffen sich die Bewohner, die sonst noch keinen Kontakt hatten: Es gibt nur zwei Duschräume, die wurden seit 40 Jahren nicht renoviert. Dennoch schwärmen die Bewohner vom Leben in der Barackenkolonie hinter den Bahnhofsgleisen: Der Zusammenhalt der riesigen Wohngemeinschaft, die auch der Schriftsteller Hermann Kant schätzte, war in der ganzen D D R bekannt, die Feste waren berüchtigt. Auf Mitleid können zugereiste Westler denn auch nicht rechnen: „Das ist ganz gut, daß die mal mitkriegen, wie es bei uns aussieht“, sagt Jurastudentin Bärbel Bastian, 21, aus Rathenow: „Ein bißchen Zusammenrücken schadet nicht.“ Ihr Kommilitone Uwe Rohwedder, 23, weiß Neuankömmlinge etwas diplomatischer zu beschwichtigen: „Du heulst nur zweimal in Greifswald“, sagt der Politikstudent, „einmal, wenn du kommst, und dann, wenn du wieder gehen mußt.“ Y

Asylbewerberin Mugabe: Voodoo-Riten wider Willen DER SPIEGEL 42/1994

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