Was jetzt zu tun ist

POSTFEMINISMUS Was jetzt zu tun ist Ein paar Gleichstellungen hat der Feminismus erreicht: Auch Frauen (wie etwa Bridget Jones) dürfen jetzt betrunke...
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POSTFEMINISMUS

Was jetzt zu tun ist Ein paar Gleichstellungen hat der Feminismus erreicht: Auch Frauen (wie etwa Bridget Jones) dürfen jetzt betrunken aus Taxis fallen. Aber weiterhin redet das unangegriffene Patriarchat auch die moderne Frau mit „My dear“ an die Wand, und ganz offen wird über die mindere Schwere der sogenannten „Boyfriend“-Vergewaltigung nachgedacht. Es bleibt einiges zu tun.

Von Angela McRobbie

Seit den späten 90er Jahren fielen mir als Soziologin und Feminis-

tin immer wieder Bilder in den Medien auf, die anonyme Gruppen von (durchweg humorlosen) Feministinnen provozieren sollten. Solche Bilder, immer mit einer gewissen Feierlichkeit präsentiert, versuchten in präfeministische Zeiten zurückzugehen, taten das aber auch irgendwie augenzwinkernd, unernst. Die Ironie sollte ihnen den Vorwurf ersparen, sie seien antifeministisch, und gleichzeitig betonen, es gebe jetzt einen weniger extremen, weniger männerhassenden, akzeptableren Feminismus des gesunden Menschenverstandes. Die „Hello Boys“-Werbung für den Wonderbra war die perfekte Botschaft: Jetzt dürfen wir wieder straflos einen schönen Körper anschauen. Die Betrachterinnen waren gespalten: Die älteren machte der Anblick wütend, die jüngeren nicht (diese, die Postmodernen, verstanden den Witz, das heißt die verschiedenen Bedeutungsebenen des Bildes). Seitdem macht ein so ausgefeilter Antifeminismus Karriere, sowohl in der Pop- als auch in der politischen Kultur. Angefangen bei dem Film Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück über Modeschauen für Kinder bis zu Berlusconis ungerührter Behauptung, er fördere doch nur den Glamour, d.h. die Karriere junger Mädchen: Überall verdichtet sich unter der Oberfläche der Alltagskultur etwas Neues.

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ch verstehe das Phänomen als Postfeminismus. Der Begriff legt nahe, Feminismus als solcher sei etwa Veraltetes, ganz und gar ohne Glamour (typisch Germaine Greer, typisch Alice Schwarzer). Das ermuntert junge Frauen nicht, sich damit zu identifizieren. Man erwartet von ihnen vielmehr, sich stumm von allen Gender-Debatten fernzuhalten. Das geht weit hinaus über die Gegenreaktion, die Susan Faludi in Die Männer schlagen zurück (1993) beschrieben hat: Dieser Postfeminismus feiert zwar die errungenen Erfolge und Gewinne, aber in einer veränderten Welt, die jeden Feminismus völlig unnötig macht. Selbstverständlich denken wir darüber nach, wie es dazu kommen konnte. Boltanski und Chiapello (Der neue Geist des Kapitalismus, 2006) Angela McRobbie ist Professorin für Kommunikation, Goldsmiths College, Universtity of London. 12

DIE GAZETTE 34, Sommer 2012

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beschreiben, wie eine Wirtschaftsordnung viele ihrer Kritiker („68er“, den „Zweiten Feminismus“) einfach an Bord nimmt, sich von dem bürokratischen Kapitalismus verabschiedet und ein hochflexibles Arbeitsleben ermöglicht. Nancy Fraser hat in ihrem berühmten Essay Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte (2009; siehe hier Seite 18) auf die „unappetitliche Wahlverwandtschaft zwischen Neuer Frauenbewegung und Neoliberalismus“ hingewiesen. Sie betrachtet hier den Feminismus als unabsichtlichen Mitläufer des Kapitalismus. Wie ich selbst erkennt sie, dass der westliche Feminismus seine harte Kritik der Ungleichheit aufgegeben hat, nur in seiner populären Erscheinungsform noch ein Wertesystem vertritt, das sich gegen allzu sichtbare Diskriminierungen richtet. Aber wir unterscheiden uns auch: Wo Fraser nur eine Konvergenz, eine unerwartete Liaison sieht, beobachte ich eine neue, planvolle Gender-Politik, die die Körper und die Fähigkeiten junger Frauen in den direkten Blick nimmt. Speziell in den Medien, aber das ist nicht zu trennen von einer geänderten Politik: Es scheint, als ob im Aufeinandertreffen von Populär- und politischer Kultur der Feminismus simsalabim überflüssig wird und ersetzt wird durch einen triumphalen weiblichen Individualismus (mit Modewörtern wie „Wahlfreiheit“, „Chancen“, „Beauty“ oder „Lifestyle“), wie designed von einer Werbeagentur für individualisierte junge Frauen. Es stimmt schon: Die Frauenbewegung, im Arbeitsleben und auch darüber hinaus, hatte ihre Erfolge im Kampf gegen offene Ungerechtigkeiten. Sie hat die ethnischen und Klassen-Grenzen in der Arbeitswelt gesprengt und Frauen am Arbeitsplatz gleiche Rechte und Ansprüche erstritten. Dann aber setzte eine seltsame Dynamik ein: Während Frauen allmählich mehr und mehr Arbeitsplätze eroberten, verstärkte der männliche Teil der Beschäftigten immer deutlicher seine Kritik an der Monotonie der Arbeit. Von der Mitte der 70er Jahre an gab der Kapitalismus nach; er fand sich sogar mit den neuartigen Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetzen ab. Der Feminismus war zur „Ermächtigung“ der arbeitenden Frau geworden.

Schaut ruhig her, Jungs!

atropabeladona

Keine Bange: Bridget Jones kriegt am Ende schon den Richtigen. (Hugh Grant, Renée Zellweger, Colin Firth)

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Diese scheinbar unaufhaltsame Entwicklung hat zwar ihren Teil

zum sogenannten „linken Pessimismus“ beigetragen, und doch finden sich Gegenargumente bei Chiapello/Boltanski (auch bei Hardt/Negri, Empire: Die neue Weltordnung, 2003) . Die Autoren sehen den Feminismus, wenn auch differenziert, nicht als den Verlierer, immerhin habe er die Mächte des Status quo (sagen wir: das Patriarchat) zu einigen Konzessionen gezwungen. Andererseits lese ich hier vielleicht eine Dynamik hinein, die in Wirklichkeit gar nicht so eindrucksvoll ist. Das heißt auch: Ich möchte ungern in die alte Kapital-gegen-Arbeit-Debatte zurückfallen, auch nicht darüber diskutieren, wie weit sich das Privatleben dem Job unterzuordnen habe. Lieber möchte ich so argumentieren: Zwar wurden den Frauen bestimmte Freiheiten und Chancen gewährt, aber gleichzeitig enthält diese Gewährung die Instrumente einer gewissen Vereinnahmung, wenn nicht Kontrolle. Kurz zur Rolle der Medien: Die Behauptung, die Wirtschaft habe den Feminismus zur Kenntnis genommen und trage ihm Rechnung, brauchte die Unterstützung der Medien und der Pop-Kultur. Wir haben hier – neben dem Staat – einen zweiten Machtfaktor vor uns, der mit staatlichen

endeavour.org

DIE REGIERUNG KOMMT ZUR FESTLEGUNG DER INHALTE IN DIE REDAKTION.

Beliebt, weil lernbereit: Entrepreneurinnen in Schlüsselpositionen

Initiativen konform gehen kann oder auch nicht. Was wir, zumindest in England, dabei beobachten, ist eine Art Mobilisierungssprache. Der britische Soziologe Nikolas Rose hat die Sprache der New Labour von Tony Blair untersucht und den Übergang in eine eigene neoliberale „Gouvernementalität“ festgestellt: Da ist dann gern von Frauen die Rede, die Schlüsselpositionen erobern konnten. In Wahrheit aber waren diese gefeierten Frauen eher vorbildliche abhängig Angestellte, vorbildlich deshalb, weil sie lernbereit und formbar waren. Wer das nicht war, galt leicht als abnorm. In diesem Diskurs gingen die Medien und New Labour eine beherrschende Allianz ein. Frauen standen plötzlich im Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Auch und sogar die weibliche Gesundheit. Das ging so weit, dass Regierungsvertreter Redaktionen von Frauenmagazinen besuchten und zusammen überlegten, wie man Frauen vom Schönheitsideal der magersüchtigen Models abbringen könnte. Auf den ersten Blick sieht das vernünftig und 14

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hilfreich aus. Aber diese „Hilfe“ beschränkt sich auf die Vereinbarung einer Selbstkontrolle der Frauen-Presse und vermeidet es entschieden, die tieferen sozialen Ursachen für Anorexie und Bulimie zu erklären. Im Übrigen blieb die Kampagne ohne Erfolg: Ein paar Wochen später kehrten die mageren Körper wieder zurück auf die Hochglanz-Titelseiten.

MIT DER FINANZIELLEN UNABHäNGIGKEIT DER FRAUEN VERLOR DER ALLEINERNäHRER SEINE

BEDEUTUNG.

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n den Medien, die weiterhin die „neuen Frauen“ definieren, wird der Einzelfall, der individuelle Erfolg intoniert. Feminismus wird damit zu einer Erzählung von Wettbewerb, Ehrgeiz, Leistung, Selbsthilfe und den Chancen für Alpha-Girls („immer einen Schritt voraus“). Eine Frau ist hier die Trägerin eines immensen Potenzials, ein „Can do“- oder auch „Future“Girl. In der gesamten Unternehmenskultur wird die Beschäftigung mit diesen fähigen Frauen zu einer Frage der ethischen Verantwortung hochgeschrieben. So werden Frauen subtil marktgängig gemacht, umdefiniert zu „Konsumbürgerinnen“ (das Wort wurde unter Blairs Labour-Regierung begeistert in Umlauf gebracht). Auf diese Weise verschob der Staat Regierungsaufgaben auf das Feld der freiwilligen Selbstkontrolle, wo der Neoliberalismus eine noch freiere Hand hat, wenn neue Bedürfnisse gebraucht werden, in unserem Fall Bedürfnisse von Frauen. Nur wenn das etwas zu weit geht, schreitet die Regierung noch ein (wie man an David Cameron beobachten konnte, der vor Kurzem die Sexualisierung der Kindheit und Mode sowie der Kosmetikprodukte für Kleinkinder verurteilte). Die Regierung förderte aber auch die – nicht nur universitäre – Aus- und Weiterbildung junger Frauen. Diese können mittlerweile in der Arbeitswelt mit Recht ein höheres Maß an Chancengerechtigkeit und Gleichstellung erwarten. Durch eine solche finanzielle Unabhängigkeit verlor der bisherige Alleinernährer der Familie an Bedeutung. Das ging Hand in Hand mit einer auch sexuellen Befreiung: Frauen konnten nun ungestraft dieselbe Freizügigkeit genießen wie Männer (die ungute Doppelmoral galt nicht mehr), ja sie konnten sich sogar betrinken und sich – in bestimmten Grenzen – schlecht benehmen (so zum Beispiel Bridget Jones, die nach einer

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Noch kein „porn chic“ , aber auf einem guten Weg dahin

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WAS DABEI FEHLTE, WAR EINE MOTIVATION ZUM POLITISCHEN

HANDELN.

weinseligen Nacht betrunken aus einem Taxi fällt). Aus der Sicht des Staates war alles gut. Solange die Frau keine alleinerziehende Mutter wird, die dem Staat mit Beihilfeforderungen zur Last fällt, genießt sie nun auch bisher männliche Privilegien wie den Zugang zu schnellem Sex (daher auch der „porn chic“ genannte Markt für Frauenpornografie).

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as bei all dem fehlte, war eine Motivation zur aktiveren politischen Teilnahme. Politische Aktivitäten, also den Regierungsapparat, überließ man lieber den Spezialistinnen. Selbstorganisationen („GraswurzelDemokratie“), überhaupt Aktivitäten in der Zivilgesellschaft waren eher „unsexy“ in einer privaten Welt fortwährender Selbststilisierung. Viele Kommentatoren und Soziologen bemerkten dieses Schwinden des politischen Engagements. Diese Entdemokratisierung ist es, was ich als Postfeminismus bezeichne. Und was kommt danach? Der neue Feminismus im Noch-Patriarchat ist nicht nur schwach. Die Frauen besitzen trotz allem eine hohe Fähigkeit zum Widerspruch gegen eine hegemoniale Politik. Aus diesem Grund werden sie von wachsamen staatlichen Instanzen immer wieder eingegrenzt, nicht zuletzt mit Hilfe der Medien. Wie soll eine Frau im politischen Raum ihrer Verärgerung über zum Beispiel Berlusconis pornografische Reden Luft machen, ohne sofort als „Männerhasserin“ beschimpft zu werden? ältere Feministinnen kämen hier mit dem Etikett „Das kennen wir von früher“ vergleichsweise milde davon.

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n England, mit der Koalitionsregierung Cameron, erleben wir etwa dasselbe. Zugegeben, er hat eine moderne Frau, und sein Bild in der

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Beauty und Lifestyle (Scarlett Johansson): Was will der Feminismus eigentlich noch?

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Öffentlichkeit zeigt ihn als praktisch tätigen Vater in einer „gleichberechtigten Partnerschaft“. Aber unter dieser Verkleidung steckt der ewiggestrige Konservative, der, wenn er sich ein wenig gehenlässt, im Parlament die Labour-Abgeordnete Angela Eagle mit einem abschätzigen „Meine Liebe“ anspricht. Da gilt dann unverändert die sexuelle Vorherrschaft. Oder Michael Goves, der in einer BBC-Sendung nach den Unruhen im Sommer 2011 seinen Talk-Gast Harriet Harman immer nur als „Harriet“ oder „liebe Harriet“ anredete, so oft, dass jedem klar wurde: Hier redet ein gestandener Mann der alten Schule mit einem kleinen, aufgeregten Schulmädchen. Und dann fällt uns noch Justizminister Kenneth Clarke ein, der bei Vergewaltigungen feinsinnig verschiedene Schweregrade einführte und sich auch nach Aufforderung nicht dafür entschuldigte. An anderer Stelle wird über die Entkriminalisierung der sogenannten „Boyfriend“-Vergewaltigung nachgedacht. An diesen Zeichen erkennen wir doch einen Rückgang des politisch aktiven Feminismus, mindestens in Großbritannien. Frauen genießen zwar mehr Freiheiten, können anziehen, was sie wollen, sogar Frauenpornos anschauen (wenn das ihre Entscheidung ist) und moralisch folgenlos angetrunken aus Autos fallen. Wir schimpfen auf Muslime und ihre Behandlung von Frauen und erlauben gleichzeitig einem Regierungschef den doch harmlosen Spaß, Sex mit minderjährigen Mädchen zu haben.

DIE ERFOLGSFRAUEN SIND JETZT BENCHMARKS ZUR MESSUNG VON MISSERFOLGEN.

Ein letztes Beispiel solcher Fragwürdigkeit: Die Engländerin

Louise Mensch ist eine vielgelesene Autorin, war aktiv in Public-RelationsEvents für die Musikindustrie und ist heute Mutter von drei Kindern und Abgeordnete im Parlament. Diese weibliche Erfolgsgeschichte (Louise Mensch ist zweifellos ein Alpha-Girl) beweist tatsächlich einen Durchbruch in die politische Macht-Elite, aber das gilt nur für Frauen, die vorher schon extrem privilegiert waren. In Interviews beschreibt sie den Reichtum ihrer Familie, ihre private Ausbildung, ihren äußerst erfolgreichen Ex-Ehemann und ihren wiederum reichen jetzigen Mann. Sie ist nicht allein in der Kohorte fähiger Karriere-Frauen in der Konservativen Partei. In ganz Europa finden wir diese vornehm kleine Champions League der gepflegten berufstätigen Frauen in Prestige-Jobs. Sie haben kaum noch etwas gemeinsam mit gewöhnlichen Frauen, speziell nicht mit denen, die jetzt gerade ihren Arbeitsplatz verlieren. Sie könnten ebenso gut Filmstars sein. Sie haben eine Botschaft für andere junge Frauen. Auch ihr könnt es schaffen, sagt ihr öffentliches Bild. Neoliberal ausgedrückt: Sie sind Benchmarks; sie fungieren als Maßstab, an dem andere Frauen ihre Erfolge und Misserfolge messen sollen. Ihr Auftritt löst in Zuschauerinnen eine Berechnung aus: Was brauche ich, um von da, wo ich bin, dahin zu kommen, wo du bist? Mit anderen Worten: Der Postfeminismus fordert die jungen Frauen auf, dieser neuen internationalen weiblichen Elite nachzueifern. Er kann dabei auf eine verlässliche Unterstützerszene zählen: die Firmenkultur der Mode- und Schönheitsindustrie und den komplexen Apparat der kommerziellen Frauen-Medien. Da gelten nur noch Leistung, Ehrgeiz und Professionalisierung. Das Politische bleibt, wieder einmal, auf der Strecke. Übersetzung aus dem Englischen: Alexandra Simon DIE GAZETTE 34, Sommer 2012

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