Von der Zwangssterilisierung zu den Mordaktionen. Die Rollen der Wissenschaften

Von der Zwangssterilisierung zu den Mordaktionen Die Rollen der Wissenschaften Literatur Quellen: • Ernst Klee, Dokumente zur „Euthanasie“. Frankfur...
Author: Paulina Koenig
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Von der Zwangssterilisierung zu den Mordaktionen Die Rollen der Wissenschaften

Literatur Quellen: • Ernst Klee, Dokumente zur „Euthanasie“. Frankfurt a. M. 1985, Auszüge Analysen: • Henry Friedlander (Überblicksartikel). In: Eberhard Gabriel u. Wolfgang Neugebauer (Hrsg.), Von der Zwangssterilisierung zur Ermordung. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien, Teil I. Wien 2002 • Ders., Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin 1997, Auszug • Gerhard Baader, Auf dem Weg zum Menschenversuch im Nationalsozialismus. Historische Vorbedingungen und der Beitrag der Kaiser-Wilhelm-Institute. In: Carola Sachse (Hrsg.), Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Göttingen 2003, S. 105-157

Literatur (Forts.) • Jürgen Pfeiffer, Neuropathologische Forschung an „Euthanasie“-Opfern in zwei Kaiser-WilhelmInstituten. In: Doris Kaufmann (Hrsg.), Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Göttingen 2000, Bd. 1, S. 151-173 • Themenheft „Wiener Anthropologie im Nationalsozialismus“. Zeitgeschichte, 32 (2005), Heft 2, insbesondere Beiträge von Verena Pawlowsky (S. 69-90) und Claudia Spring (S. 91-110)

I. Fragestellungen • Nach welcher „Logik“ sind die Mordaktionen zu „begreifen“? Nota bene: Es geht um die „Logik“ der Handlungen der Beteiligten, und NICHT darum, ob wir im Nachhinein ihr Handeln für „logisch“ (also „gut“) halten wollen! • Die Rollen der Wissenschaften - „Angewandte“ Wissenschaft, Opportunismus, oder beides? • War der Weg zum Menschenexperiment vorgezeichnet? • Entgrenzung und Verantwortung – Waren das „Menschen wie wir?“ • Opfersicht und Täterforschung

II. Die „Logiken“ eugenischer Massnahmen im NS • Zwangssterilisierung (GVeN) 1933 und Ehetauglichkeitszeugnisse – Darwinismus (siehe frühere Vorlesung!) • Die „Nürnberger Rassengesetze“ (1935) Primat des „nordischen Gedankens“ im Unterschied zum Darwinismus des GVeN. Jude sein als „Erbkrankheit“? • Das gemeinsame Nenner: Utopie einer „Reinigung des (‚deutschen‘) Volkskörpers“ • Der Mord an den Behinderten – War das Eugenik in strengster Konsequenz, oder kam noch etwas hinzu?

Hintergründe zum Patientenmord •

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Karl Binding (Jurist) + Alfred Hoche (Psychiater), Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens (Leipzig 1920). „Keiner besonderen Freigabe bedarf die reine Bewirkung der Euthanasie in richtiger Begrenzung“. KEINE Resolution der Debatte vor 1933 Begeisterte Mitwirkung vieler Ärzte und Medizinwissenschaftler bei der Ausführung des GVeN zeigt Kollaborationsbereitschaft NS-„Gesundheitspolitik“, z.B. in Wien, läuft auf eine Sortierung „gesunder“ und „normaler“, „heilbarer“ und „unheilbarer“ hinaus „Reformpsychiatrie“ – sieht eine Ursache inadäquater Behandlung von Geisteskrankheiten in einer „Überfüllung“ der Anstalten mit „Unheilbaren“, z.B. „erblich Schwachsinnigen“; eine „Bereinigung“ würde „Heilungen“ der „Heilbaren“ ermöglichen.

III. Der Weg zu den Mordaktionen • •

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Aktion ‚T-4‘ (1939-1941) - organisierte Ermordung der körperlich und geistig Behinderten (überwiegend „Deutsche“) Grundlage: persönliche „Ermächtigung“ Hitlers, rückdatiert auf den 1. September 1939 (eigentlich Oktober), um einen Zusammenhang mit dem Krieg zu suggerieren. Sein Wort: „Gnadentod“. KEINE GESETZLICHE GRUNDLAGE darüber hinaus! Tötungsanstalten Bernberg, Brandenburg/Görden, Grafeneck, Hartheim, Sonnenstein, Hadamar Nach offiziellem Stopp im August 1941 infolge öffentlichen Einspruchs (z.B. Kardinal von Galen in Münster 1942) und Proteste der Angehörigen Fortsetzung der Aktion „von Unten“ als Aktion 14 f 13 (sog. „wilde Euthanasie“) Organisatoren der ersten Phase: Karl Brandt – Begleitarzt Hitlers, mit Philipp Bouhler, Chef der Reichskanzlei - koordiniert mit Leonardo Conti – Reichsgesundheitsführer 1939-1944

Leonardo Conti und Karl Brandt

Anstalt Grafeneck

Gebäude in Grafeneck, in das die Gaskammer eingebaut wurde

Gaskammer in Grafeneck

Anstalt Bernberg

Anstalt Hadamar

Der Mord an den Behinderten und der Mord an den Juden •

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Personale Verbindungen: Brandt ab 1942 als Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen u. a. auch verantwortlich für die Koordinierung der Menschenversuche in den Konzentrationslagern Technische Verbindungen: Erstmalige Erprobung der Massentötung durch Giftgas + Organisationsformen (z.B. Transporte) Die Mordaktionen und die Struktur des NS-Regimes - der ‚SS-Staat‘ als eigenständiger Machtfaktor Eine verquere „Logik“ der Menschenverachtung – völkischer Rassismus, „Rassenhygiene“ UND Ökonomismus unter rassistischem Vorzeichen Schaffung eines rechtsfreien Raumes - „Der Führer will es“ – verbunden mit scheinbar rationaler Organisation

IV. Rollen der Wissenschaften: Beispiele A. Anthropologie • Anthropologische Untersuchung (Vermessungen körperlicher Merkmale) an 440 inhaftierten, staatenlosen, ehemals polnischen Juden im Wiener Stadion, 25.-30. September 1939 • Leitung: Josef Wastl, Anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien • Deportation der „Probanden“ mit allen anderen Inhaftierten (insgesamt 1.038) nach Buchenwald, Anfang Oktober – nur wenige Dutzend überlebten • Später: Weitere Vermessungsaktionen in Kriegsgefangenenlagern (Ungarn, Franzosen, Engländer, Polen) • Bestellung von Schädeln + Totenmasken von Juden und Polen vom Anatomischen Institut der Reichsuniversität Posen (1942) • „Erweiterung der Bestände“, aber KEINE „Menschenexperiment“ im eigentlichen Sinne

IV. Rollen der Wissenschaften: Beispiele B. Neurowissenschaften • Julius Hallervorden (Abteilungsleiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung, Berlin-Buch) • Forschungsinteresse: Systemdegenerationen und Ursachen des kindlichen „Schwachsinns“ • Intensive Kollaboration (als Anstaltsprosektor) mit der Tötungsanstalt Brandenburg-Görden, aus „Erkenntnissucht“ (Pfeiffer 2000) • Hallervordern war mit Institutsleiter Hugo Spatz Teilnehmer einer Dienstbesprechung in der Berliner Zentrale über die Tötungsaktionen und ihre wissenschaftliche „Verwertung“ • H. war selbst Zeuge wenigstens einer Tötungsaktion (28.10.1940), entnahm 40 Gehirne selbst und ließ sie ins Institut transportieren • Indizien, aber keine direkte Beweise, dass Tötungen gezielt aus wissenschaftlichem Interesse vorgenommen wurden

Julius Hallervorden Neuropathologe (1882-1965) Abteilungsleiter am KWI f. Hirnforschung Berlin-Buch (mit Hugo Spatz) Erstbeschreibung des „Hallervorden-SpatzSyndroms“ (1922), Zerstörungen im Hirnbereich, der Bewegung steuert

IV. Rollen der Wissenschaften: Beispiele C. Psychologische Diagnostik „am Spiegelgrund“ 19421944 • Kontext: Ermordung von über (Zahl!) geistig und körperlich behinderter Kinder und Jugendliche aufgrund von Diagnosen wie z.B. „erblicher Schwachsinn“ • Zuarbeit der Psychologie: Edeltrud Baar (Schülerin Charlotte Bühlers), Igor Caruso (Pädagoge – promoviert in Leuwen –) „eingedeutscht“ aus Estland • Grundlage: „Entwicklungsquotienten“ ermittelt aufgrund der „Kleinkindertests“ von C. Bühler + Hildegard Hetzer (1926-1931 entwickelt, damals fördernde, jetzt selektionistische Diagnostik)

V. Wege zum Menschenexperiment Hintergründe (nach Baader 2003) •





Claude Bernard (1865) – weil hochorganisierte Lebensphänomene nicht auf elementare physikalisch-chemische Prozesse zurückzuführen sind, stellen Experimente in der Medizin ein Mittel zur Schlussfolgerung und Kontrolle der klinischen Beobachtung, aber keinen Ersatz für diese dar. Gleichwohl: „Man muss Experimente am Menschen oder am Tier machen“, wie der behandelnde Arzt es ohnehin tut. Rudolf Virchow (1858) – „Das Gesetz der Kausalität gilt auch für die organische Natur“. In der Folge: ein „mechanomorphischer“ Körperbegriff, Organmedizin, Befürwortung der Vivisektion und des Experiments an Tieren und Menschen. Im 20. Jahrhundert auch in den USA (z.B.: das Tuskeegee Syphilisexperiment)

Hintergründe (nach Baader 2003, Forts.): •





Vorbehalte: Charles Nicolle (Bakteriologe, Nobelpreisträger): weist 1934 auf eine „Diskrepanz“ zwischen Forschungs- und Therapieinteresse, nennt die Rechtfertigung des Humanexperiments ein ethisches Problem (Baader 2003, S. 120): „Die stürmische Entwicklung der naturwissenschaftlichen Medizin im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vor allem, aber nicht nur in Deutschland … lief auf das Humanexperiment als heuristischen Königsweg in der Medizin zu. Vorbehalte wie in Frankreich spielten dabei nur eine marginale Rolle“... (Es gab) keine grundlegenden Rechtfertigungsprobleme. Die Sauberkeit der Methode war vielmehr die Voraussetzung für die Einhaltung der ethischen Normen“. Allerdings: Richtlinien der Gesundheitsbehörden für Versuche an Menschen, 28.2.1931: „Die Vornahme eines Versuches ist bei fehlender Einwilligung unter allen Umständen unzulässig“.

Menschenexperimente und Mord • Luftfahrtmedizin: Sigmund Rascher (1909-1945) – „Höhentod-“ und Unterkühlungsexperimente an Häftlingen im KZ Dachau, ab 1942. Reichsführer-SS Himmler durch direkte Korrespondenz informiert. z. T. scheinbar ernsthafte Motive – und unmenschliche Methoden (Tod der Probanden in Kauf genommen). • Gerhard Ruhenstroth-Bauer und Ulrich Westphal (Assistenten Adolf Butenandts am KWI f. Biochemie) hämatologische Forschungen z.T. an sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Gefangenen mit Viruseiweissen injiziert, um ihre Wirkung zu prüfen; die Infektionsgefahr bewusst in Kauf genommen.

NS-Ärzte Holzlöhner (links) und Rascher (rechts) am Eiswasserbecken mit einem Versuchsopfer im KZ Dachau

Menschenexperimente und Mord (Forts.) • Hans Nachtsheim (KWI Anthropologie) + RubenstrothBauer – Untersuchungen der „Höhenkrampfschwelle“ an 11- bis 13jährigen epileptischen Kindern aus der Landesanstalt Görden bei Brandenburg – Menschenexperiment sollte vorangegangene Tierexperimente Nachtsheims zur Anfälligkeit für Epilepsie an Kaninchen ergänzen – das Tiermodell bestätigen! Die negativen Korrelationen mit epileptischen Jungkaninchen wurden aber nicht hinreichend gesichert. • Die Kinder wurden später Opfer der Morde an den Behinderten. Noch unklar, ob der Mord im direkten Zusammenhang mit dem Experiment stand. • Das Gemeinsame: Menschen als „Menschenmaterial“

Die Zwillingsforschungen Josef Mengeles in Auschwitz • • • •

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Josef Mengele – ab 1943 Lagerarzt in Auschwitz Das „Forschungsprogramm“ – Erblichkeit bestimmter (körperlicher) Merkmale (Missbildungen), Krankheiten usw. Zusammenarbeit mit dem KWI für Anthropologie (Direktor seit 1943: Mengeles Doktorvater Otmar Freiherr von Verschuer), z.T. mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft Kooperation mit Untersuchungen von Karin Magnussen (KWIA) zur Genetik des tierischen und menschlichen Auges – Verwendung von Adrenalin, um Heterochromie und andere Fehlbildungen rückgängig zu machen. Darunter: Augen von Zwillingen („Zigeunerzwillinge“) in Auschwitz untersucht Nachträgliche Tötung der „Probanden“ - Augenpräparate nach Berlin an Magnussen verschickt

Josef Mengele (1911-1979) Promotionen in Anthropologie („Rassenmorphologische Untersuchung des vorderen Unterkieferabschnitts bei vier rassischen Gruppen“ 1937) und Medizin („Sippenuntersuchungen bei Lippen-KieferGaumenspalte“ 1938) Nach Dienst an der Ostfront ab 1943 Lagerarzt in Auschwitz 1949 (!) Flucht nach Lateinamerika

Die Zwillingsforschungen Josef Mengeles in Auschwitz (Forts.) • Scheinbar ernsthaft gemeinte Versuche mit Blutgruppentests, um einen verlässlichen (serologischen) Indikator der „Rassenzugehörigkeit“ zu finden. Biochemischer Analyse: Günther Hillmann (Mitarbeiter Butenandts am KWI für Biochemie) • Hier stand die Tötung der „Probanden“ anscheinend NICHT im direkten Zusammenhang mit dem Experiment

VI. Die (selektive) Ahndung der Täter nach 1945 • Nürnberger Ärzteprozesse 1946 – Karl Brandt u.a. vor Gericht gestellt und verurteilt (hingerichtet 1948), die Experimente Raschers ausführlich einbezogen; doch Prozesse in großer Eile vorbereitet, nicht alle betroffenen Personen angeklagt. • Österreich: Volksgericht verurteilt Ernst Illing (Leiter der Kinderfachabteilung „Am Spiegelgrund“) zum Tode – hingerichtet 1947 • Das Blatt beginnt sich zu wenden, z.B. in Österreich: der „Fall (Heinrich) Gross“ • Edeltrud Baar – ein Disziplinarverfahren 1948 • Mehr hierzu in der nächsten Vorlesung!

VII. Schlussfolgerungen • „Angewandte“ Wissenschaft, Opportunismus, oder beides? - Entgrenzung und Verantwortung • Robert J. Lifton - Hypothese einer „Doppelung“ (nicht der Persönlichkeit als solche, sondern der Handlungsmuster im Alltag) • Christopher Browning - „ Ganz normale Männer“. Hypothese einer eigens hergestellten Situation, die Menschen ermöglicht, Dinge zu tun, die sie sonst nicht getan hätten. • „Generation des Unbedingten“ (z.B. Rascher) • Gerhard Baader: Eigendynamik von „Experimentalsysteme“ + Forscherkonkurrenz, also: aus dem Innern der Wissenschaft, KEINE Notwendigkeit psychologischer Unterstellungen

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