This bridge is called my back

This bridge is called my back (Des-)Identifikation als politische Strategie bei Gloria E. Anzaldúa Abbildung: Alma Lopez: Goddess (2001) Sophie Haas...
Author: Gesche Bergmann
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This bridge is called my back (Des-)Identifikation als politische Strategie bei Gloria E. Anzaldúa

Abbildung: Alma Lopez: Goddess (2001)

Sophie Haas 0901301 BA Philosophie 033541 [email protected]

Philosophie in Lateinamerika (Argentinien,Chile, Paraguay) - Identität, Vergleich, Wechselwirkung zwischen lateinamerikanischem und europäischen Denken Heinz Krumpel WS 2011/12 Universität Wien

1. Einleitung Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Publikationen von der Theoretikerin und Poetin Gloria E. Anzaldúa und wurde im Rahmen der Vorlesung „Philosophie in Lateinamerika“ verfasst. Warum Anzaldúa? Geboren in Texas, gestorben in Kalifornien, war sie ihr ganzes Leben Inhaberin eines US-amerikanischen Passes – US-amerikanische Staatsbürgerin. Doch sie zählt sich zu den sogenannten Chicanas_os, Menschen mit mexikanischer Herkunft, die in den USA leben. Dennoch, oder vielmehr gerade deswegen, habe ich sie gewählt um diese Arbeit über „Philosophie in Lateinamerika“

zu

verfassen.

Damit

will

ich

anzeigen,

dass

die

Produktionsstätte

lateinamerikanischer Philosophie nicht mit einer nationalstaatlichen Grenze umrissen werden kann. „I am turtle“ sagt sie „I carry home on my back“ (43). Ich habe die Werke von Gloria Anzaldúa hinsichtlich der Frage, inwiefern (Des-)Identifikation bei Gloria E. Anzaldúa als politische Strategie nützt, analysiert. Dabei ergaben sich zwei Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit ihren Beiträgen zu gender studies und culture studies, die sie an den Figuren der Chicana und der Lesbe festmacht. Der zweite Teil reflektiert diese im Hinblick auf dessen Konzept der Identität und dessen politische Kraft. „The possibilities are numerous once we decided to act and not react.“ (101)

2. Borderlands „I am a border woman. I grew up between two cultures, the Mexican (with a heavy Indian influence) and the Anglo (as a member of a colonized people in our own territory). I have been straddling that tejas-Mexican border, and others, all my life. It's not a comfortable territory to live in, this place of contradictions. Hatred, anger and exploitation are the prominent features of this landscape.“ (Anzaldúa:1988)

Anzaldúas Schriften entstanden in einem dazwischen, im Grenzgebiet. Sie entstanden zwischen Mexiko und Angloamerika, zwischen den Geschlechtergrenzen und ihren Dogmen des Begehrens sowie zwischen dem, was Epistemologie und was Spiritualität genannt wird. 3. Chicana sein Die erste Grenze mit der Anzaldúa konfrontiert wurde, war die amerikanisch-mexikanische. Sie wuchs als Nachfahrin mexikanischer Einwanderer in Rio Grande, heute US-amerikanisches Staatsgebiet, auf. Sie selbst bezeichnet sich weder als Amerikanerin noch als Mexikanerin, sondern als Chicana. Ursprünglich stammt dieser Begriff aus einem diskriminatorischem Kontext und wurde in der populistischen Politik verwendet, um Immigranten mexikanischer Herkunft zu diffamieren. In den 1960er Jahren wurde dieser Begriff von der Empowerment - Bewegung angeeignet und mit neuer Bedeutung gefüllt. Chicanos_as empfinden sich als doppelt Kolonialisierte, sowohl von Spanien (16. Jhd.) als auch von Angloamerika (1846 bis heute). “This land was Mexican once was Indian always and will be” (113)

Durch ein Abkommen zwischen den beiden Ländern wurden ab den 1930er Jahren Mexikaner_innen als billige Feldarbeiter_innen in den USA eingesetzt. Als „Gastarbeiter auf Zeit“ wurde auf deren soziale und politische Integration kein Wert gelegt. Die Spuren dieses System haften auch heute noch der Chicano_a Bevölkerung an. So leben diese oft in in prekären Verhältnissen, viele leben von schlechtbezahlter Landarbeit. Auch Anzaldúa musste bereits von Kindesbeinen an auf den Feldern arbeiten. Später reflektiert sie diese Erfahrungen nach marxistischen Klassenverständnis in ihren Werken. Trotz der Empowermentbewegung haben viele mexikanische Nachkommen in den USA mit Identitätskonflikten zu kämpfen, weder vollständig als Latina_o noch als Angloamerikaner_in anerkannt zu werden. Auch Anzaldúa hat mit der Unschärfe ihrer Identität zu kämpfen: „Who are my people?“ (tbcmp-206) fragt sie und zugleich ist diese Frage auch Ausgangspunkt ihrer politischen Arbeiten.

Besonders deutlich äußert sich für Anzaldúa der Konflikt in der Sprache: Als Signifikant dafür erweist sich Chicano Spanisch, in dem sich die meisten Chicanos_as untereinander verständigen. Dabei handelt eine Sprache, die sowohl Spanisch als auch Englisch, sowie eigens kreierte Wörter enthält. Von vielen Latinas_os wird diese Form des Spanisch als mangelhaft, als verstümmelnd, als inkorrekt wahrgenommen. Anzaldúa lässt diese Hierarchisierung nicht zu: „Chicano Spanish is not incorrect, it is a living language“ (77), die aus der Notwendigkeit der Chicano_as entstanden ist, sich als eigenes Volk zu identifizieren (vgl. ebda) Anzaldúa beschreibt die alltäglichen Situationen in denen sie dazu angehalten wurde, eine gewisse Form von Englisch bzw. Spanisch zu sprechen. Sie wurde in der Schule gezwungen sich in Englisch auszudrücken, ihre Mutter schimpfte sie auf Grund ihres „mexikanischen Akzents“, auf der Universität gab es eigene Kurse für Chicanos_as damit diese Englisch lernen. Anzaldúa empfand dies als gewaltsame Enteignung ihrer Ausdrucksmöglichkeiten und im weiteren Schritt als Nicht-Anerkennung ihrer Identität. Dies bedeutet auf keinen Fall, dass sie diese Sprachen nicht beherrschte. Es zeigt die Konsequenz mit der Anzaldúa Form und Inhalt als Einheit begreift, wenn sie schreibt: „Ethnic identity is twin skin to linguistic identy – I am my language.“ (81) . I lack imagination you say No, I lack language The language to clarify my resistance to literte Words are a war to me They threaten my family Cherrie Moraga, zitiert nach Anzaldúa 1981:106

Dies spiegeln auch ihre Schriften wieder. Diese sind in einem Sprachenmix aus Englisch und Spanisch1 verfasst. Sich dieser Sprachenvielfalt zu bedienen, erscheint Anzaldúa als Notwendigkeit um ihre Wirklichkeit abbilden zu können.

Gleichzeitig umgeht sie dadurch die erzwungene

Entscheidung sich nur einer Sprache zu bedienen, welche im akademischen Diskurs für die Englische ausgehen muss. Der Entzug ihrer Sprache fußt für Anzaldúa in der Imagination einer weißen Überlegenheit. Weiß-sein ist für Anzaldúa keine banale Feststellung der Hautfarbe, sondern referiert auf ein koloniales Konstrukt, in der sich Weiße gewaltsam über die indigene Bevölkerung gestellt haben. Weiß- sein wird als Ausgangspunkt präsentiert, als Normalität, zu dem alle Nicht-weißen als „das andere“ in Ableitung gestellt werden. Dieses Konstrukt findet sich im Denken von weißen Menschen wie von People of color wieder. „Mi Prietita“ wurde Anzaldúa von ihrer Mutter genannt. „Wasch dich“ sagte sie „sonst glauben die Leute, du bist eine dreckige Mexikanerin“. (vgl. 85) 1 Genauergesagt handelt es sich hierbei um zwei Varianten des Englisch und sechs des Spanisch.

So knüpfte ihre Mutter an eine helle Haut, Privilegien, die ihr verwehrt blieben. Anzaldúa's Haut war dunkler als die ihrer Geschwister und dadurch, so Anzaldúa, war ihre Mutter immer strenger zu ihr – sie musste um das mehr leisten, was ihr aufgrund ihrer Hautfarbe nicht zukam. Manche Chicanos_as – so Anzaldúa – bilden ihr ganzes Leben kein eigenes Bewusstsein aus, sondern halten sich selbst in der Ableitungsposition als Nicht-Weiße gefangen. „They have to realize that white is not better than brown“ (87), denn nur so ist es möglich, ein eigenständige Position zu erarbeiten, von der aus politische Arbeit geleistet werden kann. - Lesbe sein Von dieser Position aus analysiert Anzaldúa auch die feministische Bewegung. Die Kategorie der Frau ist bei Anzaldúa niemals farblos. Den Feminismus der 1980er, auf dessen Hintergrund ihre Werke entstanden, hantiert mit dem subsumierenden Begriff der Frau, nimmt aber meist nur auf die Anliegen weißer Frauen aus der Mittelschicht Bezug. Globaler Feminismus? Für sie ein gutgemeintes Projekt, dass aber die imperialistische Züge nicht los wird. In der Aufsatzsammlung „this bridge called my back – writings by radical women of color“ welche sie gemeinsam mit Cherrie Morage veröffentlicht hat, schreibt sie über den Diskurs von weißen Frauen, die color als Ressource begreifen wollen: „We cannot educate white women and take them by the hand. We must make our own writing […]. We cannot educate white women and take them by the hand. Most of us are willing to help but we can't do the white woman's homework for her. That's an energy drain. “ (tbcmb-168).

Zunächst ist es also notwendig die eigenen Reihen zu stärken und eigenständige Position zu entwickeln und nicht Energie in ihren gewohnten Bahnen in den Westen fließen zu lassen. In dem color als „Plus“ begriffen wird, wird die Weiße Position sogar ein noch einmal begünstigt, da sie weiter normalisiert wird. Das bedeutet allerdings nicht, das Anzaldúa nach einer Umkehrung der Verhältnissen strebt, vielmehr äußert sie ständig „Kritik nach innen“ Diese vermindert nicht die Handlungsfähigkeit einer diffamierten Gruppe, sondern stärkt sie. Sie beschreibt die Chicano_a Kultur als äußerst patriarchal und homophob. Doch auf einen Angriff auf diese von einer_m Nicht-Chicana_o wird sie die verteidigende Position einnehmen und das obwohl sie gleichzeitig schreibt : „I abhor some of my culture's ways, how it cripples women, como burras, our strenghts used against us, lowly burras bearing humility with dignity. (43)

Ebenso sei auch das Verhältnis unter Frauen durch postkoloniale, rassistische und heterosexistische Zustände schwierig. Obwohl sie meint mit weißen Frauen viel gemeinsam zu haben, ist das Konstrukt „der Frau“ eine Fehlsubsumierung, die ermöglicht, dass weiße Frauen für nicht-weiße sprechen können. Dieses Kräfteverhältnis bleibt auch im Zweier-Gespräch erhalten. So konnte Anzaldúa sich ihr Leben nur mit Chicanas wirklich austauschen, doch auch hier betrachtet die eine

die andere unter dem Argwohn des in-den-Spiegel-schauens (vgl. 43). Die Annahme einer Sexualität ist für Anzaldúa eine bewusste Entscheidung und nicht genetischinhärent, wie sie schreibt: „I made my choice to be queer“ (41). Dies ist für sie ein subversiver Akt, der daraus resultiert in einem katholisch indoktrinierten hetero-sexistischen System, in dem sie aufwuchs, lesbisches Begehren zu empfinden - es ist die radikalste Überschreitung kultureller Normen, „the ultimative rebellion“. Bei dem Postulat Lesbe oder queer zu sein, handelt es sich nicht (nur) um ein Postulat sexueller Vorlieben, sondern bringt eine radikal alternative Lebensweise mit sich. Ebenso offenbart sich die Annahme, seine Sexualität wählen zu können, auch eine politische Strategie, die sich gegen biologistischen Argumentationen wendet. Resümee Anzaldúa generiert in ihren Schriften keine Distanz zwischen ihrer Person und den Protagonistinnen. Sie lässt immer eine autobiografische Lesart zu, bricht aber gleichzeitig mit der linearen Prosaerzählung eines selbstidentischen Subjekts. In ihren Werken überschreitet sie die Grenzen zwischen narrativen und lyrischen Formen, zwischen Wissenschaft und Literatur, zwischen Privatem und Politischem, zwischen Fiktion und Authentizität. (vgl. Bandau) Sie baut ihre Texte wie ein Mosaik auf „a weaving pattern, thin here, thick there.“ (88) Das erweist sich als Strategie gegen allzu starre Identitätskonstrukte, und als eine Konsequenz aus der notwendigen Wiederzusammenführung von Inhalt und Form. Der Körper von dem Anzaldúa spricht, ist immer ihr Körper und gleichzeitig wird er ihr enteignet, indem er als „brown, female, queer, […] poor body“ (1988) kontextualisiert wird. Dadurch wird ihr Körper zu einem Kampfplatz gemacht auf dem Grenzen verhandelt werden und doch nicht auf eine Seite aufgelöst werden können. „This bridge called my back“ (1981), ihr Rücken wird zu einer Brücke, und führt das performativ aus, was Dualismen negieren. Aus diesem Grund stand ihr Körper und damit auch sie selbst immer unter Beschuss: als färbige Lesbe aus der Arbeiterklasse begehrt sie Eingang in den akademischen Diskurs. Ihre Strategie ist allerdings komplexer als nur vom Ort der Marginalisierten aus Kritik zu üben. Denn dies würde bedeuten, nur auf bestehende Verhältnisse zu reagieren und dadurch nur eine bloße Umkehrung anzustreben und bestehende Dualismen reproduzieren. „All reaction is limited by, and dependent on, what it is reacting against.“ (100)

Identifikation wird einem nicht in die Wiege gelegt, sondern ist ein politischer Prozess, der in beide Richtungen funktionieren kann. Zentral ist hierbei die Frage mit wem es sich politisch lohnt eine

Allianz einzugehen: „Who are my people?“ (tbcmb-206) fragt sie, „which collectvity does the daughter of a darkskinned mother listen to?“ (100) Durch die permanente Wiederaufrollung von Fragen der Identität soll kein bloßes Gegenarbeiten zum hegemonialen Diskurs stattfinden, sondern ein strategischer Partikularismus, bei dem sich das angeeignet wird, was nützlich erscheint. So wurde Anzaldúa nicht als Lesbe geboren (vielmehr führte sie ihr Leben lang sexuelle Beziehungen mit Männern und Frauen). Politisch allerdings agiert sie als „Lesbe“, als einen notwendigen Irrtum der Identität, der allerdings hohe Sprengkraft in einem katholisch – patriarchalen System aufweist. Ebenso operiert Anzaldúa absichtlich im Rahmen ihrer Protestschriften mit dem Begriff race, da dieses als naturalisiertes Konstrukt auf eine vorgesellschaftliche Differenz verweist, die der Nährboden von Rassismus ist. Diesen Begriff lässt sie allerdings hinter sich, sobald es um sie sich ihrer eigenständigen Theoriebildung zuwendet: Im letzten Kapitel ihres Buches „Borderlands“ kreiert sie das Bewusstsein der Mestiza. Diese Theorie will den höchsten Grad der Inklusivität leisten: „Nothing is thrust out, the good the bad and the ugly, nothing rejected, nothing abandoned“ (101).

„Caminante, no hay puentes, se hace puentes al andar.“

Literaturverzeichnis: Anzaldúa, Gloria: Borderlands/La frontera: The new mestiza (San Francisco 1987). Anzaldúa, Gloria; Moraga, Cherrie: This Bridge Called My Back: Writings by Radical Women of Color (1981), New edition: Third Women Press (2001) Bandau, Anja: Strategien der Autorisierung: Projektionen der Chicana bei Gloria Anzaldúa und Cherríe Moraga (Hildesheim 2004).