Psychologische Diagnostik im Wandel der Zeit

Seminar: Testen und Entscheiden Dozentin: Prof. G. H. Franke Referentinnen: Dipl.Reha.-Psych. (FH) Inga Geppert, Dipl.Reha.-Psych. (FH) Ramona Jauca Datum: 27.11.2007

Diagnostik im Wandel der Zeit Gliederung 1 Lage der Psychologie um 1900 1.1 Stimmen zur Lage der Psychologie um 1900 1.2 Kommunikationsmittel der Psychologie um 1900 1.3 Bedeutende Beiträge zur psychologischen Diagnostik 1.4 Eminenz von Forscherpersönlichkeiten (Studie: Mayer&Carlsmith; Haggbloom; Amelang) 2 Krise der psychologischen Diagnostik in den 70er Jahren 3 Entwicklung der deutschsprachigen Testverfahren ab 1950 (bibliometrische Analyse) 3.1 Arbeits- und Organisationspsychologische Testverfahren 3.2 Pädagogische Testverfahren 3.3 Projektive Verfahren 3.4 Klinisch-psychologische Testverfahren

4 Diagnostik im Wandel am Beispiel der Diagnostica 4.1 Früher und Heute 4.2 Dominanz des Fragebogens 5 Zukunftsperspektive? •

Diskussion

1 Lage der Psychologie um 1900 1.1 Stimmen zur Lage der Psychologie um 1900



Wilhelm Wundt (1832-1920)



1879 Gründung des 1. Psychologischen Laboratoriums in Leipzig – Beginn der Experimentellen Psychologie



forderte experimentelle Methode und statistische Auswertung



Experimente ähneln heutigen diagnostischen Testverfahren



5. Auflage „Grundzüge der Physiologischen Psychologie“: Lage der Wissenschaft ist eine andere als bei der 1.Auflage

Gundlach, H. (2004)

1 Lage der Psychologie um 1900 1.1 Stimmen zur Lage der Psychologie um 1900



Hermann Ebbinghaus (1850-1909)



Begründer der experimentellen Erforschung des Gedächtnis und Entdecker der Lernkurve und der Vergessenkurve



Erfinder der heute noch gültigen psychologischen Messmethoden der Gedächtnisleistung



Neuer Ansatz: mit dem Lernen von sinnfreien Silben operieren, um Fehler, die sich aus Erfahrungen und Inhalten ergeben, zu minimieren



1896 führte er eine Art Satzergänzungstest mit Schulkindern ein



Psychologie um 1900 ist „das Jahrhundert der Wissenschaft“

Gundlach, H. (2004)

1 Lage der Psychologie um 1900 1.1 Stimmen zur Lage der Psychologie um 1900



Louis William Stern (1871-1938)



1911 begründete Stern mit seinem gleichnamigen Fachbuch gleichsam die Differenzielle Psychologie



beschäftigte sich zunehmend mit Fragen der Intelligenzforschung, wobei er insbesondere auf die hauptsächlich von Binet entwickelten Testverfahren zurückgriff



neue Art der Berechnung des Intelligenzgrades eines Kindes vor und prägte dabei den Begriff des Intelligenzquotienten



ab 1921 gehörte Stern zum Vorstand der „Deutsche Gesellschaft für Psychologie“



1899 „Psychologische Arbeiten des 19. Jahrhunderts“

Gundlach, H. (2004)

1 Lage der Psychologie um 1900 1.2 Kommunikationsmittel der Psychologie um 1900

Spezifische Kommunikationsmittel

Unspezifische Kommunikationsmittel

Kongresse für Psychologie

Wissenschaftliche Kongresse

seit 1889 Kongresse für Psychologie zunächst nur in Europa

z.B. 1904 Deutsche physiologische Gesellschaft

Gesellschaften für Psychologie

Wissenschaftliche Gesellschaften

z.B. 1887 Psychologische Gesellschaft in München

z.B. 1904 Deutsche physiologische Gesellschaft

Zeitschriften für Psychologie

Wissenschaftliche Zeitschriften

z.B. seit 1881 „Philosophische Studien“ von Wundt Gundlach, H. (2004)

1 Lage der Psychologie um 1900 1.3 Bedeutende Beiträge zur psychologischen Diagnostik



Charles E. Spearman (1863-1945)



Führte viele statistische Methoden in die Psychologie ein und war ein wesentlicher Entwickler der „Klassischen Testtheorie“



1904 Gründung der deutschen Gesellschaft für Psychologie und bedeutendste Einzelarbeiten der Psychologie im American Journal of Psychology: „General Intelligence, objectively determined and measured“



führte hier 2 Werkzeuge zusammen: mental tests und correlations

Amelang, M. (2004)

1 Lage der Psychologie um 1900 1.3 Bedeutende Beiträge zur psychologischen Diagnostik •

Alfred Binet (1857-1911)



Ziel: experimentelle Methoden zur Messung von Intelligenz und logischer Denkfähigkeit zu entwickeln



enorme Nachhaltigkeit seiner Arbeit für spätere Forschungsaktivitäten: 1905 Vorstellung des 1. brauchbaren Tests zur Erfassung von Intelligenz



Wichtiger Schritt für die wissenschaftliche Erfassung individueller Unterschiede in einem Merkmal



Sein Anliegen : Lösung konkreter Probleme



Er legte den Grundstein für die psychologische Praxis im Allgemeinen und bot Hilfsmittel für die Lösung wichtiger Aufgaben Amelang, M. (2004)

1 Lage der Psychologie um 1900 1.3 Bedeutende Beiträge zur psychologischen Diagnostik



William Stern (1871-1938)

• -

Gilt als Gründervater der Differentiellen Psychologie: durch seine Aufsatzreihe „Ideen zu einer differentiellen Psychologie“ 1900 durch das Buch „Die Differentielle Psychologie in ihren methodischen Grundlagen“ 1911



weltbekannt als Erfinder des IQ



sein oberstes Ziel: Individualität verstehen



Sterns Differentielle Psychologie mündete im „Kritischen Personalismus“

Amelang, M. (2004)

1 Lage der Psychologie um 1900 1.3 Bedeutende Beiträge zur psychologischen Diagnostik



Sigmund Freud (1856-1939)



Lehre vom Unbewussten u dessen Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen, Handeln



Anregungsgehalt seiner Theorie ist für weite Teile der Psychologie und Psychiatrie beispiellos



Erklärung neurotischer u psychotischer Symptome durch ungelöste Konflikte zwischen den 3 Instanzen der Persönlichkeit



Seine Beiträge sind eher der Allgemeiner Psychologie u Klinischen Psychologie zuzurechnen, weisen dennoch auch Implikationen für Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung auf Amelang, 2004

1 Lage der Psychologie um 1900 1.3 Bedeutende Beiträge zur psychologischen Diagnostik



Walter Mischel (1930)



Mischel Repräsentant der jüngeren Vergangenheit u aktiv in Gegenwart



Arbeiten im Rahmen der Persönlichkeitsforschung: warum äußern sich feste Persönlichkeitsmerkmale in ähnlichen aber nicht genau gleichen Situationen anders?



Buch „Personality and Assessment“ erschien genau zur Hochzeit der 68er Unruhen Amelang, 2004

1 Lage der Psychologie um 1900 1.4 Eminenz von Forscherpersönlichkeiten

Studien: •

Mayer & Carlsmith (1997)



Haggbloom (2002)



Amelang (2004)

1 Lage der Psychologie um 1900 1.4 Eminenz von Forscherpersönlichkeiten – Studie Haggbloom, 2002 Amelang 2004; Haggbloom et al. 2002

quantitative Indikatoren

qualitative Indikatoren

Häufigkeit von Zitaten in Zeitschriften und Lehrbüchern

Name des Forschers der Gattungsbegriff für eine Theorie, Anordnung oder Befund (z.B. SkinnerBox; Rosenthal-Effekt)

Häufigkeit von Nominierungen in Umfrage unter Kollegen

Forscher ein Mitglied der „National Academy of Scienes“ Forscher Präsident der APA Forscher den APA Distinguished Scientific Contribution Award erhalten

1 Lage der Psychologie um 1900 1.4 Eminenz von Forscherpersönlichkeiten – Studie Haggbloom, 2002 Amelang 2004; Haggbloom et al. 2002



Rangliste der 100 bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts gebildet



3 international führende Vertreter der Bereiche Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung nominierten bedeutendste Forscher für ihre Fächer

1 Lage der Psychologie um 1900 1.4 Eminenz von Forscherpersönlichkeiten – Studie Haggbloom, 2002

Auszug aus der Liste der 100 „most eminent psychologists of the 20th century“ von Haggbloom et al. (2002) Aufgeführt sind nur diejenigen Personen, die nach einmütiger Auffassung von 3 Experten wesentlich zur Differentiellen und Persönlichkeitspsychologie beigetragen haben

Amelang, M. (2004); Haggbloom, S.J. et al. (2002)

2 Krise der psychologischen Diagnostik 2.1 Bedingungen der Entstehung der Krise • • • • • • • • •

Bis Ende der 60er starke eigenschaftsorientierte Persönlichkeitsforschung Psychologen waren Diagnostiker Erhoben diagnostische Daten für umfangreiche Persönlichkeitsgutachten Beratung, Behandlung erfolgte durch andere Professionen (meist Ärzte) Wende: Klientenzentrierte Psychotherapie Rogers dt. 1972 Verhaltenstherapie dt. 70er Wolpe und Eysenk Veränderung des Selbstverständnisses der Psychologie Expansion der Psychologie

((Westmeyer, 2004; Bastine, 1998)

2 Krise der psychologischen Diagnostik 2.2 Hochzeit der Krise in den 70er •

Der Aufschwung der Verhaltensdiagnostik



Kritik am medizinischen Modell psychischer Störungen



Selektionsvorwürfe

(Westmeyer, 2004)

2 Krise der psychologischen Diagnostik 2.3 Ende der Krise und Veränderungen Ende der Krise: • Ende der 70er • Pragmatische Einstellung: These+ Antithese=Synthese Veränderungen: • Störungsbezogene Diagnostik • Diagnostischer Prozess vs. reine Klassifikation • zuverlässigere Klassifikationssysteme

(Westmeyer, 2004)

3 Entwicklung der deutschsprachigen Testverfahren ab 1950



Eine von Eberwein, Schui und Krampen 2006 beim Datenbanksegment PSYNDEX-Tests durchgeführte bibliometrische Analyse zeigt die Gesamtzahl der Verlagspublikationen ab 1950

• -

Differenzierung in den Bereichen: Psychologische-pädagogische Tests A&O-psychologische Testverfahren Projektive Verfahren Klinisch-psychologische Verfahren

(Eberwein, Schui & Krampen, 2006, S. 201)

3 Entwicklung der deutsprachigen Testverfahren ab 1950 3.1 Arbeits- und Organisationspsychologische Testverfahren (Leistungs-, Fähigkeits-und Eignungstests; Verfahren zur Erfassung sensumotorischer Fähigkeiten; Berufliche Einstellungstests) • Seit den 70er konstante Publikationsrate (20-30) • Ab 2000 ein Aufwärtstrend Sonderstellung: • Neuentwicklungen werden nicht notwendigerweise von Verlagen publiziert- Betriebsgeheimnis

(Eberwein, Schui & Krampen, 2006)

3 Entwicklung der deutschsprachigen Testverfahren 3.2 Psychologische-pädagogische Tests

(Verfahren zur Feststellung schulischer Leistung, Fähigkeiten, Qualifikation, Begabung/Defizite als auch Lehrer-und Lehrbeurteilung) • -

-

Die meisten Publikationen in den 70er; resultiert aus der Unzufriedenheit mit den pädagogisch – diagnostischen Methoden Testentwicklungen der Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung- mündete 1965 in die herausgegebene Reihe Deutsche Schultests Zukünftig wird ein Aufschwung erwartet (PISA)

(Eberwein, Schui & Krampen, 2006)

3 Entwicklung der deutschsprachigen Testverfahren 3.3 Projektive Verfahren (Projektive Zeichentests, Spieltests, Formdeuteverfahren...) • • •

Bis 1970 mehr projektive als klinische Verfahren Auch die projektiven Verfahren haben in den 70er ihren Höhepunkt Paradigmenwechsel: Anstieg der psychometrischen Anforderung an Testverfahren

(Eberwein, Schui & Krampen, 2006)

3 Entwicklung der deutschsprachigen Testverfahren 3.4 Klinisch-psychologische Verfahren

• • • • • • • • •

kontinuierlicher Anstieg von 1970-2000 Ab den 80er dominant über alle übrigen Bereiche Paradigmenwechsel: weg von Feststellung von Persönlichkeitsstrukturen hin zu einer störungsbezogenen Diagnose Ausweitung klinisch-psychologischer Forschung und Gründung zahlreicher psychologischer Institute in den 60er und 70er Psychologische Tätigkeit erfuhr eine Ausweitung und Aufwertung Neu und Weiterentwicklung psychologischer Behandlungsverfahren Streben nach verbesserter Klassifikation psych. Störungen Forderung nach Qualitätssicherung in der Psychotherapie – Zunahme an Verfahren für die psychotherapeutische Praxis Von den mehr als 400 publizierten Verfahren sind ein drittel Übersetzungen aus dem angloamerikanischen Sprachraum (Eberwein, Schui & Krampen, 2006)

4 Diagnostik im Wandel am Beispiel der Diagnostica 4.1 Vergleich Früher und Heute

Früher

Heute







Information über Testverfahren, methodologisches Grundwissen und Anwendungswissen standen im Vordergrund Multimethodalität

• •

Zunahme von Originalarbeiten zu bereits etablierten Testverfahren; Verdrängung der Arbeiten über methodologisches Wissen Dominanz der Fragebogenverfahren Einengung der Methodenvielfalt in der Diadnostica spiegelt die Einengung in der psychodiagnostischen Forschung wieder

(Eid, 2004; Fahrenberg, 2004)

4 Diagnostik im Wandel am Beispiel der Diagnostica 4.2 Dominanz des Fragebogens Fragebogenmethodik ist ein wichtiger Bereich der Psychodiagnostik • Dominanz ca. ab den 80er Mögliche Gründe: - Kognitive Wende - Testökonomische Gründe Kritik: • Fragebogenmethoden werden häufig nicht neu konstruiert sondern aus dem angloamerikanischen übersetzt - Konstruktionsfehler werden übernommen - Keine kulturelle Anpassung • Selbstauskunft als hinreichender Zugang „Die Fragebogen-Welle und das Vertrauen auf die Selbstbeurteilungen der untersuchten Personen sind überwältigend“ (Fahrenberg, 2004, S. 24) (Eid, 2004; Fahrenberg, 2004)

Kritik und Forderung an die psychologische Diagnostik

• •

Wiederbelebung der vielfältigen diagnostischen Erhebungsmethoden -multimethodale Diagnostik



Psychologische Diagnostik meint nicht nur Erhebungsmethoden(Tests und Testen) sondern den gesamten diagnostischen Prozess -Richtlinien für den diagnostischen Prozess



(Eid, 2004; Fahrenberg, 2004; Westhoff, Hornke & Westmeyer, 2004)

5 Zukunftsperspektive?

• • • • • •



Instrumentalisierung bekommt immer größeren Stellenwert in der Psychologie Technischer Fortschritt ermöglicht neue diagnostische Mittel wie MRT, EEG Bislang Einsatz in psychologischer Forschung Technische Ausreifung und das sichtbar Gemachte vermitteln Präzision Sturm und Ash warnen vor der Überbewertung dieser neuen Möglichkeiten Neuen Methoden sind nicht besser im Sinne einer Steigerung der Leistungsfähigkeit im Vergleich zu den nicht technologischen Verfahren (Fragebogen, Interview...) auch die Interpretation dieser Methoden bedarf der theoretischen Fundierung mit Hilfe von Konstrukten (Sturm & Ash 2005)

Diskussion



Warum ist die Fragebogenmethodik so dominant vertreten?



Psychologische Diagnostik in 50 Jahren?

Literatur



Amelang, M. (2004). 100 Jahre Psychologie: Differenzielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik. Die bedeutendsten Forscherpersönlichkeiten. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie, 25 (4), 265-276.



Bastine, R.H.E., 1998. Klinische Psychologie. Band 1. Grundlegung der Allgemeinen Klinischen Psychologie. (3. vollst. überarb. und erw. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.



Eberwein, M., Schui, G. & Krampen, G. (2006). Zur Entwicklung deutschsprachiger Testverfahren in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diagnostica, 52 (4), 199-207.



Eid, M. (2004). Die Diagnostica als Publikationsorgan deutschsprachiger Arbeiten zur psychologischen Diagnostik: Rückblick und Ausblick. Diagnostica, 50 (1), 27-30.



Fahrenberg, J. (2004). DIAGNOSTICA 50 – Perspektiven für die Zukunft. Diagnostica, 50 (1), 23-25.



Gundlach, H. (2004). Die Lage der Psychologie um 1900. Psychologische Rundschau, 55 (S1), 2-11.



Haggbloom et al. (2002). The most 100 eminent psychologists of the 20th century. Review of General Psychology, 6 (2), 139-152.

Literatur



Nicolas, S. & Ferrand, L. (2002). Alfred Binet and higher education. History of Psychology, 5(3), 264-283.



Sturm, T. & Ash, M. G. (2005). Roles of instruments in psychological research. History of Psychology, 5 (1), 3-34.



Vande Kemp, H. (2002). Making the history of psychology clinically and philosophically relevant. History of Psychology, 5 (3), 224-239.



Westmeyer, H. (2004). Die sogenannte Krise der psychologischen Diagnostik. Erinnerungen an die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Diagnostica, 50 (1), 10-16.



Westhoff, K., Hornke, L. & Westmeyer, H. 2004. Richtlinien für den diagnostischen Prozess. Report Psychologie, 09(03), 504-517.