Probleme der Beurteilung von Herzeloyde und Gahmuret. Auf Grundlage der Textabschnitte 102,22-114,4 und 116,5-120,10

Probleme der Beurteilung von Herzeloyde und Gahmuret Auf Grundlage der Textabschnitte 102,22-114,4 und 116,5-120,10 Inhalt 1. Übersetzung des Textab...
Author: Kornelius Acker
8 downloads 0 Views 256KB Size
Probleme der Beurteilung von Herzeloyde und Gahmuret Auf Grundlage der Textabschnitte 102,22-114,4 und 116,5-120,10

Inhalt 1. Übersetzung des Textabschnittes 116,5-117,20

S. 2

2. Inhaltliche Untersuchung

S. 11

a) Vorbereitung der Interpretation 1) Themen und Probleme des Textauszugs 2) Die Themen und Probleme des Textauszugs im Kontext des Romans

S. 12

3) Vergleich des Textauszugs im Kontext des Romans

S. 13

b) Interpretation des Textauszugs

S. 14

Abrupte Zerstörung von Herzeloydes Glück Der prophetische Traum

S. 15

Idealisierung Gahmurets

S. 17

Herzeloydes Totenklage

S. 18

Beginn der Haupterzählung durch die Geburt Parzivals und Marienvergleich

S. 21

Rückzug nach Soltane und Erziehung Parzivals

S. 22

Parzivals Eigenschaften und Herzeloydes Gotteslehre

S. 23

Probleme der Vereinbarung von Ritter- und Damenideal bzw. von Tugend und Leid

S. 25

Verzeichnis der in der Übersetzung verwendeten Abkürzungen

S. 27

Verzeichnis der Verwendeten Literatur

S. 28

1

1. Übersetzung Textstelle: 3. Buch, 116,5- 117,20 Es macht 1 mich2 traurig,3 dass 4 so5 viele 6 „Frau“7 genannt werden.8 Ihre Stimmen9 sind nach gleichem Maße 10 tönend11 : Viele12 sind bereit zur13 Unredlichkeit;14 1

machet: 3. Sg. Ind. Präs. aktiv, Gf.: machen, swV. BMZ II,1, 15b, 19.

2

lîp: Akk. Sg. stM., Gf.: lîp. BMZ I, 1003b, 43-46. Vgl.: Yeandle (1984), S. 3.

3

trûric: Adj. unflektiert, Gf.: trûrec, -ic. Lexer II, 1549. Vgl. Martin, S. 117.

4

daz: fungiert als Einleitung von Sätzen mit modal-konzessiver Bedeutung. Vgl. Paul, S. 433-

434. § 464. 5

alsô: Adv., Gf.: alsô, alse, als. BMZ II,2, 461a, 44-45.

6

mangui: kollektives Pronominaladjektivum, Gf.: manec. Die Form mangui könnte entweder

Nom. Sg. F. sein, vgl. BMZ II,1, 58b, 30-32, oder Nom. Pl. F. N., vgl. BMZ II,1, 59a, 4-24. Die Form des Prädikats heizet spricht für den Singular, während das vorangehende Adv. alsô und der Sinnzusammenhang eher für die Pluralform sprechen würden. Martin geht wohl von der Singularform aus, wenn er erklärend hinzufügt: „die es nicht verdient.“ Martin, S. 117. In BMZ I, 59a, 34-36 wird darauf hingewiesen, dass dem Sg. von manec zuweilen das Prädikat im Pl. folgt. Der umgekehrte Fall, der hier vorliegen könnte, ist weder in BMZ noch in Lexer angegeben. 7

wîp: Nom. Sg. stN., Gf.: wîp. BMZ III 717b, 5-10. Der Begriff wîp umfasst hier alle Frauen,

gleich welchen Standes. Hier ist zugleich die angeborene, natürliche Vorzüglichkeit des weiblichen Geschlechts impliziert, welcher jedoch nicht alle Frauen durch ihre Lebensweise gerecht werden. Vgl.: Yeandle (1984) und Martin, S. 3. 8

heizet: 3. Sg. Ind. Präs. aktiv, Gf.: heizen, stV. BMZ I, 659a, 22.

9

stimme: Nom. Pl. stF., Gf.: stimme. BMZ II,2, 639 b 1-2.

10

gelîche: Adv., Gf.: gelîche, gelîch, gelich: BMZ I, 973a, 17.

11

hel: Adj., unflektiert. Lexer I, 1227. hel betont an dieser Stelle die höhere, hellere Tonlage

der weiblichen Stimme im Gegensatz zur männlichen. Vgl.: Yeandle, S. 4. u. Martin, S. 117. 12

genuoge: Adj., Gf.: genuoc. BMZ II,1, 358a, 14-15 und 27-28. Vgl. Yeandle, S. 4; vgl.

BMZ II,1, 357b, 39-40. 13

gein valsche snel: BMZ II,2, 445b, 39-41. Vgl. Yeandle, S. 5.

14

valsche: Akk. Sg. stM., Gf.: valsch, BMZ III, 228b, 7-9. valsch ist ein Schlüsselbegriff in

Wolframs Vokabular und bedeutet das Gegenteil von triuwe. Vgl. Yeandle, S. 5. 2

wenige 15 sind frei 16 von ihr.17 In solcher Weise18 unterscheiden sich19 die Beurteilungen.20 Dass 21 diese22 gleich genannt werden,23 dessen hat sich mein Gemüt 24 geschämt. 25

15

etslîche: pron. Adj., Nom. Pl., Gf.: ëtelich, ëteslich, ëtslich. BMZ I, 449a, 5-7. Wörtliche

Bedeutung im Pl.: einige. Fraglich, aber wahrscheinlich ist, ob hier ein Gegensatz zu genuoge hergestellt werden soll. Wäre dies der Fall, könnte etslîche als ironische Hyperbel aufgefasst werden. Dann wäre die Bedeutung: ‚sehr wenige’. Vgl. Yeandle, S. 5. 16

lære: Adj. unflektiert. BMZ I, 939b, 39-40. Hier bildlich gebraucht. Vgl. Martin, S. 117 u.

Yeandle, S. 6. 17

etslîche valsches lære: Ellipse: Das Verbum finitum bleibt unausgesprochen, nachdem der

entspr. Verbalbegriff einmal genannt worden ist. Vgl. H. Paul (1998): S. 466, § 492 D. valsches : Gen. Sg. stM., Gf.: s.o., Bedeutung: s.o. 18

sus: BMZ II,2, 757a, 31-32.

19

teilent: 3. Pl. Ind. Präs. aktiv, Gf.: teilen, swV; BMZ III, 25a, 43-44. Meist ist der reflexive

Gebrauch verbunden mit einer konkreten Bedeutung einer sich aufteilenden Gruppe von Menschen. Hier wird es in der Bedeutung ‚sich unterscheiden’ mit einem abstrakten Substantiv gebraucht. Vgl. Yeandle (1984), S. 6. 20

diu mære: Nom. Pl. stN., Gf.: mære; BMZ II,1, 72a, 12-17. Martin übersetzt mære mit

‚Rede’, hier: ,Urteil’: „so muss das Urteil verschieden ausfallen.“ Vgl. Martin, S.11. Yeandle weist darauf hin, dass die genaue Bedeutung nicht leicht zu ermitteln sei. Er spricht sich dafür aus, dass die Bedeutung nahe bei ‚Gegenstand einer Fragestellung’ angesiedelt sei: „In cases such at this ‚the matter at issue’ or ‚the matter under discussion’ come close to the meaning.“ Yeandle, S. 7. 21

daz...des: Vgl. Yeandle, S. 7.

22

die: Demonstrativpronomen Pl. F., Vgl. Paul, S. 223 § 17.

23

sint genamt: 3. Pl. Ind. Zustandspassiv (Vgl. Paul, S. 304, § 324), Gf.: namen, swV. Lexer

II, 32. Yeandle weist darauf hin, dass namen im Mhd. selten nachgewiesen ist und dass die Bedeutung ausdrucksstärker ist als bei dem häufigeren nennen. Erstens betone Wolfram die Wichtigkeit des Namens ‚wîp’ durch das ausdrucksstärkere Verb, zweitens habe das Reimwort geschamt die Wahl der selteneren Form beeinflusst. Vgl. Yeandle, S. 8 f. 24

herze: Nom. Sg. swN, Gf.: herze. Lexer I, 1270. Siehe auch Yeandle, S. 8.

25

hât sich geschamt: 3. Sg. Ind. Perfekt aktiv, Gf.: schamen, swV. BMZ II,2, 136a, 27.

Martin übersetzt ‚sich eines Dinges schämen’ mit: “etwas als Schmach empfinden“. Vgl. Martin, S.117. 3

Weiblichkeit26, deinem der Ordnung entsprechenden 27 Wesen28 haftete schon immer29 die Zuverlässigkeit30 an. Viele Leute sagen31 , dass Armut32 zu nichts tauge.33

26

wîpheit: Nom. Sg. stF. BMZ III, 720b, 29-31. Bedeutung laut BMZ ist: das Weib-Sein,

Weiblichkeit oder rechte weibliche Gesinnung. Yeandle spricht sich für die Bedeutung ‚das weibliche Geschlecht (im Gegensatz zum männlichen Geschlecht)’ aus.Vgl. Yeandle, S. 9. 27

ordenlîcher: Adj., Dat. Sg. F., Gf.: ordelîche, ordenlîchen. BMZ II,1, 440a, 35-36. Vgl.

Martin, S. 117. 28

site: Dat. Sg. stM., Gf.: site. BMZ gibt zwei Möglichkeiten der Bedeutung an: 1. die Art

und Weise wie man lebt und handelt, Gewohnheit, Brauch (BMZ II,2, 322b, 47-49) oder 2. bes. sanftes, bescheidenes, nicht ungestümes Wesen, Anstand (BMZ II,2, 324b, 45-46). Für den ganzen Ausdruck ordenlîcher site verweist Yeandle auf die Übersetzung von Johnson „eure Wesensart als Weiber; eure Weiblichkeit“ und übersetzt selbst: „womankind, the way in which you live and behave, according to the natural order of things.“ Yeandle, S. 9. 29

vert und fuor ie ...mite: 3. Sg. Ind. Präs. aktiv und 3. Sg. Ind. Prät. aktiv, Gf.: varn, stV.

BMZ III, 245b, 24-26; siehe auch: Ebd. 245a 27-28 u. 41. Die eigentliche Bedeutung ‚fahren’ ist hier in einem weiteren Sinne zu verstehen. Yeandle weist darauf hin, dass Wolfram häufiger Präsens- und Präteritum-Formen kombiniert, um die Dauer auszudrücken. Vgl. Yeandle, S. 10. 30

triwe: Nom. Sg. StF., Gf. : triuwe, triwe. BMZ III, 107a, 49- 107b, 1. Bedeutungsspektrum:

Treue, Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, Wohlmeinenheit. Das Gegenteil von valsch. Vgl. Yeandle, S. 10. 31

genuoge sprechent: genuoge: Für Form und Bedeutung siehe oben; sprechent: 3. Pl. Ind.

Präs. aktiv, stV. Sowohl Martin als auch Yeandle halten fest, dass dieser Ausdruck zur Einleitung eines Sprichwortes verwendet wird. Vgl. Martin, S. 117 und Yeandle, S. 11. 32

armuot: Nom. Sg. stF., Gf.: armuot. Lexer I, 95. Vgl. Nellmann S. 518 u. Yeandle, S. 13-

16. Zur Syntax: Die normale Anordnung der Wörter im Satz wird unterbrochen durch das Subjekt des Nebensatzes armuot, das vor dem den Nebensatz einleitende daz positioniert ist. Dieses wird durch das Demonstrativpronomen diu repräsentiert. Vgl. Martin, S. 117 und Yeandle, S. 12. 33

sî ze nihte guot: sî ist 3.Sg. Konj. Präs., Gf.: sîn. Martin übersetzt sí ze nihte guot: `helfe zu

nichts, tauge gar nichts’. Vgl. Martin, S. 117. 4

Jeder der 34 diese aus35 Wohlmeinenheit36 leidet, 37 dessen Seele38 bleibt dem Höllenfeuer39 fern. 40 Diese ertrug41 eine Frau42 durch liebende Verbundenheit.43 Was ihr gegeben wurde44 im Himmel45 erneute sich mit endloser 46 Verleihung.47 Ich glaube,48 dass nun49 gar keine 50 leben,51 die jung52 den Reichtum53 der Erde54 34

swer: Pronomen. BMZ III, 568a, 38.

35

durch: Hier Adv. BMZ I, 404b, 50- 405a, 1.

36

triwe: Akk. Sg. StF., Gf. : triuwe, triwe. BMZ III, 107a, 36- 38.

37

lîdet: 3.Sg. Ind. Präs. aktiv, Gf.: lîden, stV. BMZ I, 978b, 6-8.

38

sệ le: Nom. Sg. stswF., Gf.: sệ le. Lexer II, 863-864.

39

hellefiwer: Akk. Sg. stN., Gf.: hellefiuer. BMZ III, 332b, 28-29.

40

mîdet: 3.Sg. Ind. Präs. aktiv; Gf.: mîden, stV. BMZ II,1, 165a, 42-43.

41

dolte: 3. Sg. Ind. Prät. aktiv; Gf.: doln, swV. BMZ I, 378a, 44-45. Vgl. Yeandle, S. 19.

42

wîp: Nom. Sg. stN., Gf.: wîp. BMZ III 717b, 5-10. Vgl. Yeandle, S. 19.

43

triuwe: Akk. Sg. stF, Gf.: triuwe, triwe. BMZ III, 107a, 36-38. Nellmann, S. 518: “triuwe

meint hier wohl in erster Linie ‚liebende Verbundenheit’(zum Sohn und zum Gatten).” 44

gâbe: Nom. Sg. stF., Gf.: gâbe. BMZ I, 508b, 24- 28.

45

ze himel: Dat.Sg. stM., Gf.: himel. BMZ I, 685b, 41.

46

endelộser: Adj., Dat., Sg. F., Gf.: endelộs. BMZ I, 431a, 48.

47

Die Übersetzung des ganzen Satzes findet sich in: BMZ I, 508b, 24- 28. gebe: Dat. Sg. stF.,

Gf.: gëbe. BMZ I, 507a, 46-48. Yeandle weist darauf hin, dass es unterschiedliche Forschungsmeinungen darüber gibt, welches der Substantive gậbe und gëbe, das substantivum actionis ist. Außerdem ist umstritten, ob ir gậbe eine Gabe bezeichnet, die an Herzeloyde gegeben wird, oder eine, die von ihr selbst gegeben wird (indem sie ihren Reichtum verschenkt). Vgl. Yeandle S. 19-20. 48

wæne: 1.Sg. Ind. Präs. aktiv, Gf.: wænen, swV. BMZ III, 496b, 35-37. Vgl. Yeandle, S. 20-

21. 49

nu: Adv. Gf.: nû, nu. Lexer II, 117.

50

vil wênic: vil: Adj., unflektiert. BMZ III, 313b 28-36. wênic: Adj., unflektiert, Gf.: wênec.

BMZ III, 559b, 10-11. Bedeutung: substantivisch. Das Wort wird häufig mit Ironie angewandt, wo es dann ‚gar nichts’ bezeichnet. ir: Personalpronomen. Gen. Pl. 51

lebe: 3. Pl. Konj. Präs. aktiv, Gf.: lëben. BMZ I, 954a, 44. Vgl. Yeandle, S. 21.

52

junc: Adj., Gf.: junc. BMZ I: 775a, 31.

53

rîchtuom: Nom. Sg. StM., Gf.: rîchtuom. BMZ II,1, 691b, 29.

54

erden: Gen. Sg. stswF., Gf.: erde. BMZ I, 441b, 38-39. 5

um 55 des Himmelsruhms56 willen aufgäben.57 Ich kenne58 keinen59 solchen. 60 Mann61 und Frau sind mir zusammen eins, obgleich äußerlich verschieden. 62 Beide63 meiden 64 es gleichermaßen. 65 Die mächtige66 Frau67 Herzeloyde

55

durch: Hier Adv. BMZ I, 404b, 50- 405a, 1.

56

himeles: Gen. Sg. stM., Gf.: himel. BMZ I, 685b, 10. ruom: Akk. Sg. stM., Gf.: ruom. BMZ

II,1, 808a, 6-9. 57

liezen: 3. Pl. Konj. Sg. aktiv, stV, Gf.: lậzen. BMZ I, 945b, 45-47.

58

erkenne: 1. Sg. Ind. Präs. aktiv, Gf.: erkennen. BMZ I, 808b, 6-8. Vgl. Yeandle, S. 22.

59

nehein: unflektierter Akk. Sg. F. des Zahlpron., Lexer II, 48. Vgl. Martin, S. 118. Yeandle

macht die Anmerkung, dass ir nehein eine Intensivierung von vil wệ nic darstellt und daher die Vermutung absichert, dass letzteres ironisch gemeint ist. Vgl. Yeandle, S. 22. 60

ir: Personalpronomen, Gen. Pl., Wörtliche Übersetzung wäre: ‘ich kenne ihrer keinen.’

61

man: Nom. Sg. stM., Gf.: man. BMZ II,1, 30b, 24-26.

62

al ein: BMZ I, 417a, 43-45. Bedeutung nach BMZ: ‚zusammen eins, obgleich äußerlich

verschieden’. Martin übersetzt: ‚alles eins, innig verbunden; gleichwertig (trotz äußerer Verschiedenheit)’. Martin, S. 118. Dagegen hält Yeandle fest, dass er al hier als ein verstärkendes Adverb betrachtet und nicht wie Martin als ein Adjektiv. Er schlägt vor, den Vers mit „men and women are altogether alike to me.“ zu übersetzen.Vgl. Yeandle, S. 23. 63

die: Demonstrativpronomen. Pl. In Bezug auf man und wîp.

64

mitenz: Konjektur Lachmanns. Nellmann gibt einen Hinweis auf eine andere Konjektur von

Leitzmann: mîdentz, welche seiner Ansicht nach der Überlieferung näher ist als die Lachmanns. Vgl. Nellmann, S. 518. Im Apparat der Textgrundlage findet sich unter Handschrift g die Variante: mident ez, welche ich hier zugrunde lege. Mident: 3. Pl. Ind. Präs. aktiv, Gf.: mîden, stV. BMZ II, 165a, 42-43. Martin übersetzt: `die würden es alle auf gleiche Weise bleiben lassen.’ Martin S.118. Vgl. auch Yeandle, S. 23. 65

al gelîche: al: unflektiert. BMZ I, 18, 48. gelîche: s.o.

66

rîche: Adj. Nom. Sg. F., Gf.: rîche, rîch. BMZ II,1, 686a, 22- 27. Yeandle weist darauf hin,

dass zusätzlich zur Bedeutung ‘powerful’ die Bedeutung ‚rich in possession’ mitschwingt und dass die Bedeutung ‚powerful’ inhaltlich gut zum folgenden Vers passt. Vgl. Yeandle, S. 26. 67

frou: Nom. Sg. swF., Gf.: vrouwe, vrowe; vor Namen auch verkürzt vrou, vrô, BMZ III,

419b, 23-31. Ehrende Benennung jeder Person weiblichen Geschlechts, sie mag verheiratet sein oder nicht. 6

verließ 68 ihre drei Länder.69 Sie trug70 die Last71 des Mangels72 an Freuden. 73 Unredlichkeit74 war an ihr überhaupt nicht 75 zu finden.76 Weder Auge77 noch 78 Ohr79 fanden80 ihn an ihr.81

68

wart ein gast: gast: Nom. Sg. stM. BMZ I 485a, 39 u. 485b, 9-10. Martin übersetzt: wart

ein gast: ‚verließ, floh’. Martin, S. 118. 69

lande: Akk. Pl. stN., Gf.: lant. BMZ I, 935a, 33.

70

truoc: 3. Sg. Ind. Prät. aktiv, Gf.: tragen, stV. BMZ III 68b, 2-5. u. 69a, 9-11.

71

der…last: Gen. Sg. stM., Gf.: last. BMZ I, 926b, 36-38. Vgl. auch BMZ III, 68b, 2-3:

tragen mit partitivem Genitiv. 72

mangels: Gen. Sg. stM., Gf.: mangel. Lexer I, 2030.

73

freuden: Gen. Pl. stF., Gf.: vröude, vröide, vreude. BMZ III, 416b, 43-46 u. 417b, 47.

Sowohl Martin als auch Yeandle schlagen als Übersetzung von der freuden mangels last vor: ‚die Last des Mangel an Freuden’. Vgl. Martin, S. 118 und Yeandle, S. 27. 74

valsch: Nom. Sg. stM., Gf.: valsch. BMZ III, 228b, 12.

75

sộ: Adv., Gf.: BMZ II,2, 456b, 39- 457a, 8-9. Bedeutung ist eine Intensivierung des

folgenden Adjektivs. Vgl. Yeandle, S. 28. gar: Adj., Gf.: gar, gare. BMZ I, 480a, 18. 76

verswant: 3.Sg. Ind. Prät. aktiv, Gf.: verswinden, stV., BMZ II,2, 799a, 27-29. Bedeutung

laut BMZ: ‘ist nicht zu finden’. Martin übersetzt:‚Unaufrichtigkeit zeigte sich so gar nicht zu ihr.’ Vgl. Martin, S. 118. Die Form kann entweder als ein Plusquamperfekt aufgefasst werden, welches durch ein Präteritum repräsentiert wird, oder als ein Präteritum mit imperfekter Bedeutung. Nimmt man an, dass verswant ein Plusquamperfekt repräsentiert, wäre die Bedeutung: ‚die Unredlichkeit (die ihr zuvor zu eigen war) war vollständig von ihr gewichen’. Wenn man von einer imperfekten Bedeutung ausgeht, wäre die Übersetzung: ‚Unredlichkeit war an ihr überhaupt nicht zu finden (und zwar auch vorher nicht).’ Yeandle wägt diese beiden Möglichkeiten gegeneinander ab und unterscheidet sich aufgrund mehrerer Vergleichsstellen für die letztere Möglichkeit. Yeandle, S. 28. 77

ouge: Nom. Sg. swN., Gf.: ouge. BMZ II,1, 451b, 5.

78

noch : Adv., BMZ II,1, 403b, 29-30. nie: Partikel. BMZ I, 744b, 34-35.

79

ôre: Nom. Sg. swN., Gf. ôre. BMZ II,1, 442a 14-15. ouge noch ôre: Snekdoche. Vgl.

Yeandle, S. 28. 80

vant: 3.Sg. Ind. Perf., Gf.: vinden, stV. BMZ III, 318a, 41-43.

81

dâ: Pronominaladverb. BMZ I, 304a, 7-8. 7

Die Sonne 82 war ihr ein Nebel.83 Sie floh84 die Freuden85 der Welt.86 Nacht 87 und Tag 88 schienen ihr gleich.89 Ihr Gemüt 90 war mit nichts als91 Herzeleid 92 beschäftigt.93 Die Herrin94 zog sich, bereit ihrem Gram nachzuhängen,95 aus ihrem Gebiet96 in einen Wald97 zurück, 98 in 99 die Wüste100 in Soltane; 82

sunne: Nom. Sg. swF., Gf.: sunne. BMZ, II,2, 743b, 33-34. Martin übersetzt sunne:

‚Sonnenschein’. Martin, S. 118. 83

nebel: Nom. Sg. stM., Gf.: nebel. BMZ II,1, 327a, 37. Vgl. Martin, S. 118. u. Yeandle, S.

29. 84

vlôch: 3.Sg. Ind. Perf. aktiv, Gf.: vliuhe. BMZ III, 346a, 13.

85

wunne: Akk. Sg. stF., Gf.: wünne, wunne. Lexer III, 994. Vgl. Yeandle, S. 29.

86

werlde: Gen. Sg. stF., Gf.: werlt. Lexer III, 783.

87

naht: Nom. Sg. stF., Gf.: naht. Lexer II, 22.

88

tac: Nom. Sg. stM., Gf.: tac. Lexer II, 1384.

89

gelîch: Adj., unflektiert, Gf.: gelîch, gelich, gelîche: BMZ I, 972a, 10-11.

90

herze: Nom. Sg. swN, Gf.: herze. Lexer I, 1270. Beispiel für Synekdoche. Vgl. Yeandle, S.

30. 91

wan: Konjunktion. BMZ III 482b, 35-36. wan bedeutet hier nach BMZ:‚ausgenommen’,

‚nur nicht’. Fehlt in Handschrift D. Yeandle, S. 30. 92

jâmers: Gen. Sg. stMN., Gf.: jâmer. BMZ I, 768a 37- 38.

93

phlac: 3.Sg. Ind. Prät. aktiv, Gf. phligen. BMZ II,1, 500a, 1- 9.

94

frouwe: Nom. Sg. swF., Gf.: vrouwe, vrowe. BMZ III, 419a, 25-26 u. 421a, 21. Sowohl die

Bedeutung ‘Herrin’ als auch ‘Dame vom Stande’ treffen auf Herzeloyde zu. 95

balt: Adj., Gf.: balt. BMZ I, 81, 2-5. Die Bedeutung ist laut BMZ: rasch; dreist; beharrlich.

Yeandle übersetzt balt mit ‚eager, ready (for sth.)’. Yeandle, S. 32. Martins Übersetzung ist: ‘eifrig, froh, ihrem Gram nachzuhängen’. Martin, S. 118. 96

lande: Dat. Sg. stN., Gf.: lant. BMZ I, 935a, 33. Vgl. Ebd. 935b, 1.

97

walt: Akk. Sg. stM., Gf.: walt. BMZ III, 471b, 35. Vgl. Yeandle, S. 33.

98

zôch: 3.Sg. Ind. Prät. aktiv, Gf.: ziuhen, stV. BMZ III, 925b, 8-9. Zur religiösen Bedeutung

dieses Vorgangs siehe Yeandle, S. 31. 99

zer: Präp. Gf.: ze, zuo. BMZ III, 852b, 22-23 und 853a, 24-28.

100

waste: Dat. Sg. stF., Gf.: waste. BMZ III, 534a, 34. Yeandle weist darauf hin, dass es sich

bei einer waste nicht um eine Lichtung handelt, wie von anderen Forschern vermutet, sondern um ein unkultiviertes Gebiet, das aber durchaus bewaldet ist und gerodet werden muss. Yeandle, S. 34. Auch Nellmann vertritt diese Ansicht: waste „entspricht gaste (forest) ‘wilder 8

nicht um der Blumen 101 willen in die Ebene.102 Ihr Herzeleid103 war so 104 vollständig,105 sie scherte106 sich um keinen107 Kranz, 108 ob er nun rot 109 oder fahl110 wäre. 111 Sie brachte112 durch Flucht113 das Kind114 des werten115 Gahmuret dorthin.116

(Wald)’. Wolfram meint mit dem neuen (?) mhd. Substantiv waste wohl ‚Einöde’, ‚unkultiviertes Land’.“ Nellmann, S. 518. 101

bluomen: Akk. Pl. swMF., Gf. bluome. Lexer I, 315.

102

plâne: Akk. Sg. stF., Gf.: plâne. BMZ II,1, 522a, 34 u. 521b, 34-35. niht durch bluomen ûf

die plâne kann entweder bedeuten: ‚nicht um der Blumen willen (z.B. um sie zu bewundern) auf die Wiese’ oder ‚nicht durch Blumen auf die Wiese’. Vgl. Yeandle, S. 36. 103

herzen jâmer: herzen: Gen. Sg. swN, Gf.: herze. Lexer I, 1270. jâmer: Nom. Sg. stMN.,

Gf.: jâmer. BMZ I, 768a 37- 38. 104

sô: Adv., BMZ III, 456a, 8-9.

105

ganz: Adj., Gf.: ganz. BMZ I, 479a, 35-47. Vgl. Yeandle, S. 36.

106

kệ rte: 3. Sg. Ind. Prät. aktiv, Gf.: kệ ren, swV. BMZ I, 796a, 23. Yeandle übersetzt sine

kệ rte sich an mit ‚sie kümmerte sich nicht um, war nicht interessiert an, widmete keine Aufmerksamkeit’.Vgl. Yeandle, S. 37. Martin übersetzt: „fragte nach“. Martin, S. 118. 107

sine...an keinen: sine: Vgl. Paul, S. 36, § 23 u. S. 219, § 213, 2. keinen: Paul, S. 400, § 437,

4. 108

kranz: Akk. Sg. stM., Gf.: kranz. BMZ I, 376b, 29-30. Hier ist wohl ein natürlicher Kranz

gemeint. Yeandle spricht sich dafür aus, dass ein einfacher Zweig mit einigen Blüten ausreichend ist, um einen Kranz zu repräsentieren. Vgl. Yeandle, S. 37. 109

rột: Adj., Gf.: rột. Lexer II, 502.

110

val: Adj., Gf.: val. Lexer III, 6. Vgl. Martin, S. 119.

111

wære: 3. Sg. Konj. Präs., Gf.: sîn.

112

brâhte: 3. Sg. Ind. Prät. aktiv, Gf.: bringe, stV. BMZ I, 248b, 41-42 u. 250a, 44.

113

flühtesal: Akk. Sg. stFM., Gf.: flühtesal. Lexer III, 420. Vgl. Martin, S. 119. Yeandle weist

darauf hin, dass die Bedeutung ‚Betrug, Täuschung, List, Tücke’ (‚ trickery, decite’) wahrscheinlich erst später aufgekommen ist. Er schließt aber nicht aus, dass diese Bedeutung als ein ironischer Unterton mitschwingt. Vgl. Yeandle, S. 38. 114

kint: Akk. Sg. stN., Gf.: kint. Lexer I, 1575.

115

werden: Adj. Gen. Sg., Gf.: wërt. BMZ III, 601, 25-31.

116

dar: Pronominaladverb. Gf.: dare, dar. BMZ I, 307a, 7-8. 9

Ihre Leute, 117 die dort bei ihr waren, 118 mussten119 die Felder bestellen120 und roden. 121 Sie pflegte 122 ihren Sohn123 hingebungsvoll. 124 Bevor125 dieser zu Verstande gekommen war,126 versammelte 127 sie ihr ganzes Volk128 vor sich:

117

liute: Nom. Pl. stM., Gf. im Sg.: liut in der Bedeutung: Volk. Lexer I, 1943. Yeandle stellt

fest, dass die liute die Dienerschaft oder das Gefolge von Herzeloyde sind und dass es zwar möglich, aber unwahrscheinlich ist, dass es sich bei ihnen um Einwohner des unwirtlichen Landes handelt, die schon früher da waren. Vgl. Yeandle, S. 42. 118

sint: 3. Pl. Ind. aktiv, Gf.: sîn. Yeandle stellt fest, dass der Gebrauch des Präsens in diesem

und dem nächsten Vers nicht zufriedenstellend gekärt werden kann. Diese Stelle sei kein passendes Beispiel für das historische Präsens, aber sie komme dem nahe. Er verweist auf Nellmann, S. 68, der vermutet, dass es sich um ein ‚fluktuierendes Präsens’ handelt. Außerdem weist Yeandle darauf hin, dass kint: sint ein sehr häufig vorkommendes Reimpaar im Mhd. ist, welches hier zusätzlich die Wahl des Präsens beeinflusst haben könnte. Vgl. Yeandle, S. 41-42. 119

müezen: 3. Pl. Ind. Präs. aktiv, Gf.: muoz, stV. BMZ II, 270b, 40. Der Gebrauch dieses

Hilfsverbs kann entweder bedeuten, dass die Handlung auf einen Befehl Herzeloydes hin ausgeführt wurde, oder dass die schwiergen Bedingungen in Soltane diese Handlungen als zweckdienlich oder notwendig erscheinen lassen. Vgl. Yeandle, S. 42-43. 120

bûwn: Inf. swV. Welches nur in seinem Partizip stark erscheint. BMZ I, 287b, 45-47. Vgl.

Martin, S. 119. 121

ruiten: Inf. swV. BMZ II,1, 748a, 20. Vgl. Yeandle, S. 43. Vgl. Martin, S. 119.

122

kunde...getriuten: kunde: 3. Sg. Ind. Prät. aktiv. Gf.: kinnen. BMZ I, 807a, 5. getruiten:

Gf.: triuten. BMZ III, 112a, 47. Yeandel übersetzt: “She knew well how to love her son.” Oder: “She was able to devote herself to caring for her son.” Yendle, S. 43. Siehe ebd. zur Bedeutung der Vorsilbe ge-. 123

sun: Akk. Sg. StM., Gf.: sun. BMZ II,2, 732a, 51.

124

wol: Adv. Gf.: wol. BMZ III, 798a, 44-45.

125 126

ê: hier: Conj., Gf.: êr, gewöhnlich: ê. BMZ I, 437b, 18 u. 31. versan: 3. Sg. Ind. Prät. aktiv. Gf.: versinnen. BMZ II,2, 310a, 3-5. Vgl. Yeandle, S. 44 u.

Martin, S. 119. 127

für sich gewan: gewan: 3. Sg. Ind. Prät. aktiv, Gf.: gewinnen, stV. BMZ III, 710a 44-45.

für: hier Präpos. Gf.: vür, vüre. BMZ III, 375b, 41-42. Vgl. Yeandle, S. 44 u. Martin, S. 119. 128

volc: Akk. Sg. stM., Gf.: volc. BMZ III, 365b, 21-22. 10

2. Inhaltliche Untersuchung a) Vorbereitung der Interpretation 1) Themen und Probleme des Textauszugs (102,25-120,10) Der gewählte Textabschnitt beginnt mit der Schilderung des Höhepunkts von Herzeloydes Glück 129. Kurz darauf wird die Zerstörung dieses Glücks durch die hereinbrechende Katastrophe, die Nachricht von Gahmurets Tod, dargestellt. Das nahende Unglück sowie andere Aspekte des weiteren Handlungsverlaufs werden in verschlüsselter Form durch einen sehr bildhaften prophetischen Traum130 Herzeloydes angekündigt. Es wird zu untersuchen sein, welche Traumbilder welche späteren Ereignisse ankündigen. In dem ausführlichen Bericht Gahmurets Knappen Tampanis über Gahmurets Tod und Begräbnis wird Gahmuret idealisiert dargestellt als ein Ritter, der ohne Sünde starb131 und sowohl bei Christen als auch bei Heiden höchstes Ansehen genoss. 132 Die Figur der Herzeloyde wurde in der Forschung sehr unterschiedlich beurteilt. Grund dafür ist der für die Rezipienten feststellbare (scheinbare?) Widerspruch zwischen Herzeloydes Handlungen, deren Folgen und dem Lob, das ihr durch den Erzähler zuteil wird, durch welches er Herzeloyde als eine vorbildliche Gestalt erscheinen lässt. Im Einzelnen wird dabei zu fragen sein, inwieweit Herzeloyde durch ihre Trauergebärde133 die Konventionen der höfischen Gesellschaft überschreitet, wie ihr Selbstvergleich mit Maria 134 und die Tatsache, dass sie das Kind mit Gahmuret identifiziert,135 sowie ihr Rückzug aus der Gesellschaft gewertet werden kann. In Bezug auf letzteres soll besonders berücksichtigt werden, wie der Erzähler Herzeloydes Weltflucht, ihre erzieherische Maßnahmen und ihre Gotteslehre bewertet, von welchen Motiven Herzeloyde jeweils geleitet wird und welche Folgen aus ihren Handlungen resultieren. Bei Parzival treten unter der Bedingung eines minimalen äußerlichen Einflusses durch die Welt, die Gesellschaft oder Erziehung, besonders seine inhärenten Eigenschaften hervor. Welche dies sind, ob sie den Eigenschaften seiner Eltern entsprechen, und inwiefern sie teilweise gegen Herzeloydes Willen - Parzivals Handlungen beeinflussen, wird zu zeigen sein. 129 130 131 132 133 134 135

Parzival, 102,26- 103,15 Parzival, 103,25- 104,28 Parzival, 106, 26 Parzival, 108,12- 108,23 Parzival 110,23- 111,13. Parzival, 113,17- 26. Vgl. Parzival, 109,24- 27; 110,18-19 und 113,13- 14.

11

Zuletzt wird die Problematik des Leides, das aus den vom Erzähler gelobten Tugenden resultiert, diskutiert werden. 2) Die Themen und Probleme des Textauszuges im Kontext des Romans

Das Leid der Frauen nach dem Verlust des im Kampf umgekommenen Mannes ist ein mehrfach vorkommendes Thema im ‚Parzival`. Während Gahmuret nicht für das Ziel der minne Herzeloydes kämpft, sondern mit dieser schon verheiratet ist und dennoch weiterhin Ruhm durch Ritterkampf erwerben will, ist die Situation sonst oft eine andere. Sowohl Belacane als auch Sigune verlieren ihren Geliebten, der durch Kampf ihre Liebe gewinnen will, weil sie ihm zu lange den Liebeslohn für seine Kampfestaten verweigerten. Auch Orgeluse verliert ihren Geliebten Cidegast im Kampf; dies jedoch nicht, weil sie ihm ihre Liebe zu lange verweigert, sondern weil sein Nebenbuhler Gramoflanz Orgeluse für sich gewinnen will, indem er ihren Geliebten tötet. Auch das Leid der Mütter, die ihren Sohn durch deren Aufbruch in die Welt verlieren, wobei sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen, ist mit dem oben genannten Schmerz um den Geliebten vergleichbar. Herzeloyde identifiziert ihren Sohn direkt mit ihrem Mann und stirbt, als Parzival sie verlässt. Auch Schoette stirbt aus Trauer, da ihr Sohn Galoe im Kampf umkommt und auch Gahmuret nicht mehr bei ihr ist. Ähnlich wie Herzeloyde aus Trauer um Gahmuret zieht sich auch Sigune aus Trauer um ihren verstorbenen Geliebten Schionatulander aus der Gesellschaft in die Einsamkeit zurück. Sie fristet ihr Dasein als Inkluse. Ähnlich wie Herzeloyde, die nur für ihren Sohn am Leben bleibt, da sie in ihm ihren verstorbenen Gatten wiedererkennt, nach dessen Aufbruch in die Welt stirbt, so stirbt schließlich auch Sigune ihrem Geliebten, der, wie sie sagt, vor Gott ihr Mann ist, nach. Trevrizent zieht sich aus anderen Gründen aus der Gesellschaft in ein Einsiedlerleben zurück: Er entsagt dem Ritterleben und fastet, damit Gott seinen verwundeten Bruder, den Gralskönig Anfortas, von seiner Not erretten möge. Denn die Wunde, die sich Anfortas im Kampf an der Scham zuzog, ist durch kein Mittel zu heilen, während Anfortas durch den Gral am Leben gehalten wird. Die knappe Gotteslehre und die Ratschläge, die Herzeloyde Parzival zukommen lässt, werden an mehreren Stellen im Roman ergänzt. Durch Gurnemanz erhält Parzival eine standesgemäße Erziehung und Unterricht im Kampf. Trevrizent überzeugt den von Gott enttäuschten Parzival davon, Gott wieder zu vertrauen, er belehrt ihn über Adam und Eva, Kain und Abel, die Erbsünde und über die Menschwerdung Gottes.

12

3) Vergleich des Textauszuges mit Chrétiens ‚Conte du Graal’

Die gesamte Vorgeschichte und damit die Gawan-Handlung der ersten beiden Bücher des ‚Parzival’ fehlen im ‚Perceval’. Somit fehlen auch wichtige Darstellungen der Verhaltensweisen der Eltern Percevals, sowie der Erzählerbewertung dieser Figuren, die ja, wie unter Punkt eins erwähnt, besondere Fragen aufwerfen und damit als besondere Ansatzpunkte einer Interpretation dienen können. Es fehlen unter anderem der Traum Herzeloydes, die Idealisierung Gahmurets durch Tampanis, die Klage und Trauergebärde Herzeloydes, der Marienvergleich, die Gleichsetzung des Gatten und des Sohnes durch Herzeloyde, die Erzählerbewertung Herzeloydes und die Episode mit den Vögeln, in der Parcival ein unbestimmtes Sehnen empfindet, woraufhin Hezeloyde die Vögel töten lassen will. Die charakterliche Gemeinsamkeit von Perceval und Parzival beschränkt sich auf ihre Jagdlust und eine mehr oder weniger ausgeprägte, durch die mangelnde Erziehung entstandene, tumpheit. Der Charakter Percevals ist ansonsten stärker als der Parzivals durch eine gewisse Unsensibilität gegenüber seinen Mitmenschen gekennzeichnet. Dies zeigt sich nicht nur im Dialog mit den Rittern und mit seiner Mutter,136 sondern auch darin, dass er weiterreitet, obwohl er seine Mutter umfallen sieht, und in der Missachtung ihrer Ratschläge. Der Leser erfährt über den verstorbenen Mann der namenlosen Mutter Percevals lediglich das, was sie, die Perceval im Gegensatz zu Herzeloyde über seine Herkunft aufklärt, Perceval darüber verrät: Percevals Eltern stammen beide aus einem Rittergeschlecht.137 Sein Vater verarmte aufgrund eines im Kampf verlorenen Beins und zog sich daher in den Wald zurück.138 (Es war also hier nicht der bewusste Entschluss der Mutter, sich mit Perceval aus der höfischen Welt zurückzuziehen.) Perceval hatte im Gegensatz zu Parzival zwei Brüder, die, als er noch ein Kleinkind war, im Kampf umkamen.139 Der Vater starb an Trauer um die gefallenen Söhne. Seine Mutter lebt seither, wie Herzeloyde im Parzival, voll Gram, während Perceval ihr einziger Trost ist.140 Wie im Parzival versucht die Mutter Percevals ihren nunmehr einzigen Sohn vom Rittertum fernzuhalten, indem sie ihren Leuten verbietet, über Ritter zu sprechen. 141 Die Gotteslehre, die Perceval durch die Mutter zukommt, ist viel umfassender, als die wenigen Worte, die Parzivals Mutter auf dessen Frage nach Gott, über Gott und den Teufel

136 137 138 139 140 141

Vgl. Perceval, 489- 495. Vgl. Perceval, 415- 426. Vgl. Perceval, 435- 454. Vgl. Perceval, 455- 480. Vgl. Perceval, 480- 485. Vgl. Perceval, 408- 411.

13

verlauten lässt. Im Perceval umfasst die Gotteslehre nicht nur eine Lehre über Gott, den Teufel und Engel, 142 sondern zusätzlich mindestens das Glaubensbekenntnis, mehrere Gebete143 sowie die Anweisung, in die Kirche oder ins Münster zu gehen.144

b) Interpretation des Textauszuges Abrupte Zerstörung von Herzeloydes Glück Da Herzeloyde zunächst nicht erfährt, was ihrem Ehemann im Heidenlande widerfährt, kann sie nicht ahnen, dass ihr Glück bald ein Ende haben wird. Sie verfügt über Schönheit, Reichtum, Jugend, Glück im Überfluss, Zuneigung der Mitmenschen, einen untadeligen Lebenswandel, Herrschaft über drei Länder145 und Neid ist ihr fremd.146 „Kunstvoll lässt [Wolfram] die Königin ein letztes Mal als vollendetes Ideal höfischer Weiblichkeit erscheinen und wiegt den Zuhörer in der Sicherheit eines harmonischen Ausgangs, so dass das Eintreten der Katastrophe umso schockierender und zerstörerischer wirkt.“147 Der Erzähler macht deutlich, dass das Glück Herzeloydes allein auf ihrer Beziehung mit Gahmuret beruht, der somit ihren Lebensmittelpunkt darstellt.148 Der Hereinbruch des Unglücks wird vom Erzähler durch die Metapher einer abbrechenden Schwertklinge eingeleitet. „Das Bild betont die zerstörerische Abruptheit, mit der das bevorstehende Unheil hereinbricht. Wer im Kampf seine Waffe einbüßt, ist schutzlos dem Feind ausgeliefert.“ 149 Die darauf folgenden Klage-Ausrufe150 des Erzählers, verstärken den Eindruck der Wucht und der Zerstörungskraft des Bildes und erregen die Anteilnahme des Publikums. 151 Durch das Sprichwort „hiute vröude, morgen leit“152 wird wieder durch die Hervorhebung der Allgemeingültigkeit des Geschehens die Anteilnahme und die Identifikation des Publikums mit der fiktiven Figur gefördert, da es unter den gleichen allgemeingültigen Gesetzen leben. 153

142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153

Vgl. Perceval, 113- 116, 141-145, 150-152, 383- 389 Vgl. Perceval, 155- 158. Vgl. Perceval, 566- 594. Vgl. Parzival, 102,26- 103,10. Vgl. Parzival, 102,11- 102,13. Hartmann 2000, S. 286. Parzival, 103,16-17. Zur übertragenen Bedeutung von lîpgedinge siehe Hartmann 2000, S.288. Hartmann, S. 289. Parzival, 103,20: ôwe unde heiâ hei. Vgl. Hartmann 2000, S. 289. Parzival, 103, 24. Vgl. Hartmann 2000, S. 289- 290.

14

Der prophetische Traum Der Traum der Herzeloyde steht an einer funktional bedeutsamen Stelle als Brücke zwischen Vor- und Hauptgeschichte154 und kündigt das folgende Geschehen in verschlüsselter Form an. Träume dienen in der mhd. Literatur nicht zur Charakterisierung des Träumenden, sondern man ging vielmehr davon aus, dass Träume prophetischen Charakter haben, also das Schicksal vorhersagen können. 155 „Herzeloydes Traum, dessen Bilder sich nicht einer einzelnen Quelle, sondern einem ganzen ‚Reservoir verwandter Vorstellungen’ [...] verdanken dürften [...], zerfällt in drei Abschnitte: 1. Flug durchs Gewitter, 2. Angriff des Greifen, 3. Geburt und Säugung des Drachen.“156 An dieser Stelle können nicht alle von der Forschung vorgeschlagenen Deutungen der Traumerlebnisse gegeneinander abgewogen werden, sondern es kann nur eine Auswahl wiedergegeben werden. 157 Im ersten Teil des Traums wird Herzeloyde von einem Himmelskörper (sternen blic) in die Luft gerissen und in ein kosmisches Gewitter gebracht. „Es handelt sich in erster Linie um ein bedrohliches Traumszenario, in dem Herzeloyde auf gewalttätige Weise der Boden unter den Füßen weggezogen wird - wie später durch die Nachricht vom Tode Gahmurets.“158 Kometen und Sternschnuppen, die mit dem ‚sternen blic’ gemeint sein könnten, galten seit der Antike als Unheilsboten, die Katastrophen wie Hungersnot, Pest, den Tod des Königs oder allgemeine Umbrüche ankündigten.159 Herzeloyde wird von ‚donerstrâle’ 160, also Blitzen,161 getroffen, die unter Funkenerzeugung ihre Zöpfe verbrennen. Dies könnte bedeuten, dass Herzeloydes Aggressionen sich auf sie selbst richten.162 Das Wort zäher wurde in der Forschung oft mit ‚Tränen’ übersetzt, bedeutet aber wohl eher ‚Feurregen’ oder ‚Funkenschwarm’.163 Als Zäsur im Traum dient der Vers ‚ir lîp si dâ nâch wider vant’, der entweder bedeutet, dass sie sich wieder auf die Erde versetzt sieht oder dass sie im Traum das Bewusstsein wieder erlangt.

164

Im zweiten Teil des Traums ‚zucte ein grîfe ir zeswen hant’. Auch hier scheiden sich die Forschungsmeinungen schon bei der Übersetzung. Das Verb ‚zucte’ kann sowohl ‚zog mit Gewalt’ als auch ‚riss ab’, ‚raubte’ meinen.

165

Die rechte Hand steht auf jeden Fall für etwas sehr Wertvolles und steht in

154

Vgl. Hartmann 2000, S. 291- 292, teilweise nach Speckenbach 1976. Vgl. Hartmann, S. 290 und Eder 1989, S. 191. 156 Hartmann 2000, S. 291, zum Teil nach Nellmann 1994. 157 Eine ganz andere Deutung als hier nimmt zum Beispiel Rosskopf vor. 158 Hartmann 2000, S. 293- 294. Von einem „Ohnmachtserlebnis“ spricht auch Eder 1989, S. 193. 159 Vgl. Hartmann 2000, S. 294. 160 Parzival, 104,1. zur Herkunft und Übersetzung und Volksglauben siehe Hartmann 2000, S.295-296. 161 161 Blitze wurden als entzündete Luft aufgefasst, die Menschen nicht immer töten, sondern manchmal nur ihre Haare verbrennen. Vgl. Hartmann 2000, S. 293-259. 161 162 Vgl. Eder 1989, S. 194- 195. 163 Parzival, 104,6. Vgl. Hartmann, S. 296. 164 Parzival, 104,7. Hartmann, S. 298. 165 Hartmann 2000, S. 298 bezieht sich auf BMZ. 155

15

Artemidors Traumbuch für den Verlust eines nahestehenden Menschen.166 Daher ist die Interpretation des Motivs als Sinnbild für Gahmurets Tod plausibel. Durch den Vers ‚daz wart ir verkêrt hie mite’167 wird eine neuerliche Wandlung des Traumbildes angekündigt. Herzeloyde ist nun die Mutter eines Drachen, der ihren Mutterleib zerreißt, an ihren Brüsten saugt und dann davon fliegt und ihr dabei das Herz aus dem Leib reißt. „Der Drache ist ein

ambivalentes Symbol, einerseits versinnbildlicht er Macht und Herrschaft, [...] d.h. er kündigt die Geburt eines großen Königs an. [...] Andererseits repräsentiert er das Ungeheuer, das Böse und Teuflische, d. h. es verheißt Unheil und Not.“168 Das Bild des den Mutterleib zerreißenden Drachen kündigt die Geburt Parzivals an, die Herzeloyde ja nur mit Mühe überlebt. 169 Der Drache ist also gleichzusetzen mit Parzival. Dazu passt auch, dass er auch im Traum von Herzeloyde gestillt wird. „Das abrupte Verschwinden des Untiers deutet auf Parzivals hastigen Aufbruch zum Artushof hin“.170 Das Herausreißen des Herzens sagt Herzeloydes Tod aus jâmer voraus.171

Nach diesem Traum nimmt der Erzähler seine Ankündigung vom sich rasch ändernden Glück Herzeloydes abermals auf und sagt Herzeloyde großen Kummer voraus.172 In dem Moment, in dem Herzeloyde von ihren Jungfrauen geweckt wird, da sie nun anfängt, sich im Schlaf zu bewegen und zu rufen, kommt auch schon Tampanis, der Knappe Gahmurets, und verkündet die Unheilsbotschaft vom Tod Gahmurets. Von dieser Nachricht getroffen, fällt Herzeloyde in eine Ohnmacht.173 „Dass sich niemand um Herzeloyde kümmert, hat in erster Linie erzähltechnische Gründe: zunächst geht es Wolfram darum, ‚den langen Botenbericht in die Haupthandlung einzuflechten’. So schaltet er die Königin für eine Weile aus, da er den Hergang von Bagdad mitteilen will, es aber andererseits unglaubwürdig erschiene, wenn er Herzeloyde dem Bericht ruhig und geduldig zuhören ließe. Zudem steigert das Bild der zu Füßen der ebenfalls fassungslosen Hofgesellschaft daliegenden, bewusstlosen Königin die Dramatik der Szene.“174 Außerdem gibt dies dem Erzähler die Möglichkeit, die Umstehenden später zu tadeln und dabei bereits auf Parzival, ,der aller ritter bluome wirt’, zu verweisen.175

166 167 168 169 170 171 172 173 174 175

Hartmann 2000, S. 298- 299. Parzival, 104,9. Hartmann 2000, S. 300- 301. Hartmann 2000, S. 301. Hartmann 2000, S. 302. Vgl. Hartmann 2000, S. 302. Vgl. Parival, 104,20- 104,24. Ohnmachtsanfälle gehören zur Totenklage. Vgl. Hartmann 2000, S. 304. Hartmann 2000, S. 304. Parzival, 109,11.

16

Idealisierung Gahmurets

Allein der Umfang des folgenden Botenberichts lässt darauf schließen, dass der Erzähler ihm viel Bedeutung zumisst, auch wenn er nicht direkt zu Wort kommt. Die ungläubige Frage der Ritter 176 zeigt einerseits, wie unerwartet diese Nachricht ist, und passt andererseits auch zu der folgenden Idealisierung Gahmurets durch den Botenbericht. Gahmuret hat auch eine ideale Rüstung, die als unbezwingbar gilt, und einen Diamanthelm, der unzerstörbar ist. 177 Daher konnte Gahmuret auch nur durch heidnische Hinterlist ums Leben kommen. „Dass die Feinde des Kalifen eine List anwenden, ist wohl in erster Linie erzähltechnisch motiviert: Der Erzähler kann den Unbezwingbaren ohne Ehrverlust nur sterben lassen, wenn er ihn zum Opfer eines gegen jede ritterliche Tugend verstoßenden tückischen Anschlags macht.“178 Die List der Heiden besteht darin, dass sie den Helm, den Gahmuret wegen der Hitze absetzt, mit Bocksblut porös machen. 179 So kann Impomidons Lanze den Helm durchdringen und Gahmurets Stirn durchbohren. Zu Tode verwundet ist Gahmuret noch fähig, selbständig vom Schlachtfeld zu reiten. Dies ist als Zeichen eines würdevollen Sterbens zu bewerten, das Gahmurets Stärke beweist. 180 Auch zu einer Beichte, die ihn von seinen irdischen Sünden und aller Schuld erlöst und ihm das Seelenheil im Himmel sichert, ist Gahmuret noch fähig. Außerdem schickt Gahmuret noch das Unterhemd Herzeloydes, das er im Kampf zu tragen pflegte, und die Lanzenspitze, die ihn tötet, zu Herzeloyde. Das Hemd Herzeloydes ist ein Zeichen dafür, dass Gahmuret nicht nur im Dienst des Kalifen, sondern auch in dem seiner Frau stirbt. Es symbolisiert die Harmonie und die Kontinuität der Ehe. 181 Die Tatsache, dass Herzeloyde ihn nicht beauftragte, für sie zu kämpfen, sondern seine Ritterkämpfe nur als Bedingung für die Ehe akzeptiert, wird an dieser Stelle nicht erwähnt. Überhaupt finden alle vorhergehenden Taten Gahmurets, die seinen Ruhm schmälern könnten, so auch das heimliche Verlassen der schwangeren Belacane, im Botenbericht keine Erwähnung. Dies bewirkt, dass das entworfene Bild von Gahmuret als dem Ideal eines ehrenvollen Ritters, nicht geschmälert wird. Passend zum ruhmvollen Leben und Sterben ist auch die Bestattung Gahmurets. Das Grab wird vom Baruc, der dafür keine Kosten scheut, überaus kostbar ausgeschmückt. Der Sarg ist außerordentlich reich verziert und der Leichnam wird einbalsamiert. Bei der Beschreibung

176 177 178 179 180 181

Parzival 105,8-10. Vgl. Hartmann 2000, S.304- 305. Hartmann 2000, S. 306. Zu diesem Aberglauben siehe: Hartmann 2000, S. 305- 306. Vgl. Hartmann 2000, S. 310- 311. Vgl. Fritsch-Rößler , S. 209.

17

des Sarges und der Grabstätte wird „offenbar bewusst auf darstellerische Präzision verzichtet, um statt dessen mit groben Strichen ein Szenario zu entwerfen, das gerade durch seine vielen Leerstellen in der Imagination des Rezipienten märchenhaft-großartige Dimensionen anzunehmen vermag.“ 182 Die letzte Ruhestätte Gahmurets, in all seiner Pracht, ist ganz und gar romanhaft 183 dargestellt. Der Sargdeckel besteht aus einem kostbaren Rubin, ein Kreuz am Grab soll an den Märtyrertod erinnern, an dessen Spitze sein Helm mit einer Inschrift befestigt wird, welche unter anderem 184 besagt, dass ihm kein Ritter an Ruhm und Tapferkeit gleichkommt. „Dass das geistliche Oberhaupt der Heiden den kostbaren Smaragd für das christliche Zeichen zu Verfügung stellt, ist ein bemerkenswertes Motiv“, das die menschliche Gleichwertigkeit der Christen und Heiden betont, obwohl die christliche Religion die überlegene bleibt.185 Die Heiden beten Gahmuret sogar als ihren Gott an.186 Durch dieses Motiv kann Gahmuret sowohl im Orient als auch im Okzident auf verschiedene Weise zum ‚Heiligen’ aufsteigen: „Dem Anjou wird gleichsam von der ganzen Welt der Glorienschein verliehen. Die Kulturen, die Gahmuret auf seinem Lebensweg durchschritten hat, finden in der Verehrung des Toten noch einmal zusammen.“ 187 Die Grabinschrift stellt gewissermaßen einen getarnten Erzählerkommentar dar, durch den Gahmuret ein letztes Mal als Inbegriff vorbildlichen Rittertums gefeiert und durch den das Erbe umrissen wird, das Parzival antritt, und durch den eine Bilanz der Vorgeschichte gezogen wird. 188 Daher kann man wohl davon ausgehen, dass der Erzähler mit der Wertung Gahmurets durch seinen Knappen übereinstimmt. Herzeloydes Totenklage Nach dem Botenbericht kommt der Erzähler auf die hoch Schwangere189, ohnmächtig daliegende Herzeloyde zurück und tadelt das Verhalten der Umstehenden, die ihr nicht zu Hilfe eilen. Deren Verschulden ist umso größer, als nicht nur Herzeloyde schon mit dem Tode ringt, sondern damit auch der, der die herrlichste Blume des Rittertums werden kann. Schließlich flößt ihr ein alter weiser Mann Wasser ein, wodurch sie wieder zu Besinnung kommt.

182 183 184 185 186 187 188 189

Hartmann 2000, S. 313. Vgl. Hartmann 2000, S. 314. Zum Aufbau der Inschrift siehe Hartmann 2000, S.323. Hartmann 2000, S. 318. Damit wird der Islam, möglicher Weise aus Unkenntnis, fälschlich als polytheistische Religion dargestellt. Hartmann 2000, S. 319. Vgl. Hartmann 2000, S. 323. Zur Formulierung ‚ich mein’: Hartmann 2000, S. 326. Vgl. Hartmann 2000, S. 331.

18

Die nun folgende Totenklage Herzeloydes ist „äußerst expressiv“. Sie nimmt zwar Elemente der traditionellen Gebärdensprache auf, verleiht diesen jedoch eine eigentümliche Ausprägung. 190 „Insbesondere das öffentliche Entblößen und Pressen der Brüste hat die Forschung irritiert und trotz der mehrfachen Betonung der Klarheit der Witwe und ihrer Tugendhaftigkeit zu der Annahme verleitet, Wolfram stelle hier eine Frau dar, die vor Schmerz den Verstand verloren hat.“191 Dabei wurde jedoch nicht berücksichtigt, welche Trauergebärden im Mittelalter üblich waren. Trauergebärden, die auch in anderen höfischen Epen abgebildet werden, sind: Schmerzbekundungen wie Schreien, Raufen der Haare, Händeringen, Ohnmacht, Sichschlagen oder leidenschaftliche Gefühlsäußerungen. 192 Es gibt auch Hinweise darauf, dass Entblößung und das Zerreißen der Kleider im Mittelalter zu den üblichen Trauerriten gehörte. 193 Die Klage beginnt mit einer rhetorischen Frage, wo ihr (Herzeloydes) Mann sei. Darauf bricht sie in lautes Klagen aus. Sie sagt, was der Rezipient durch den Erzähler schon vorher erfuhr, nämlich dass Gahmurets Herrlichkeit ihr ganzes Glück war. Der folgende Satz ‚den nam mir sîn frechiu ger.’, kann entweder eine einfache Feststellung sein, oder er kann auch einen Vorwurf Herzeloydes enthalten. Obwohl ein Vorwurf aus dem Kontext verständlich wäre, da Herzeloyde Gahmuret die Freiheit weiterhin kämpfen zu dürfen, quasi nur als Bedingung für die Heirat zugesteht, widersprechen andere Wertungen Gahmurets durch Herzeloyde, die unten erwähnt werden, dieser Interpretation. 194 In ihrem nächsten Satz bringt Herzeloyde zum Ausdruck, dass sie das ungeborene Kind mit Gahmuret identifiziert. „Dass Wolfram hier traditionelle marianische Topik aufnimmt, die die Gleichsetzung von Mutter und Geliebter des Sohnes kennt, ist nicht auszuschließen, gleichwohl aber unwahrscheinlich. Man müsste konsequenterweise Gahmuret und Parzival mit Gottvater und Christus identifizieren, was völlig abwegig wäre.“ 195 „Herzeloyde preist Gahmurets Gesinnung gegenüber Frauen (und damit zugleich gegenüber sich selbst).“ 196 HARTMANN sieht darin einen Widerspruch zu Forschungsmeinungen, die den Anjou als verantwortungslosen Frauenheld oder einen selbstbezogenen Ehemann, der die tiefsten Wünsche seiner Frau verweigert betrachten. 197

190 191 192 193 194 195 196 197

Vgl. Peil, 1975, S. 135 Hartmann 2000, S. 334. Vgl. Harmann 2000, S. 334- 335. Vgl. Hartmann, S. 335. Vgl. Hartmann 2000, S.336. und siehe weiter unten in dieser Arbeit. Hartmann 2000, S. 337. Hartmann 2000, S. 337. Hartmann 2000, S. 337.

19

Das Umschließen des eigenen mütterlichen Bauches und die Rede Herzeloydes, dass Gott sie vor Selbstgefährdung bewahren solle, um das Ungeborene nicht zu gefährden, stellt eine „Abweichung vom üblichen Gebärdenschema, das die Selbstverwundung des Trauernden, der sich selbst schlägt und zerkratzt, beinhaltet“198 dar. Dass durch Selbstverwundung oder heftige Emotionen das Ungeborene geschädigt werden könnte, ist eine durchaus berechtigte Sorge.199 Das verwendete Verb ‚slüege’ kann auch bedeuten, dass Herzeloyde bereits an Selbstmord denkt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sich, wenn sie nicht schwanger wäre, das Leben nähme, da sie ab diesem Zeitpunkt, nur für das Kind, ihren zweiten Gahmuret, am Leben bleibt, später ihr höfisches Leben durch den Rückzug nach Soltane beendet und bei Parzivals Aufbruch sofort aus Trauer stirbt. Das Zerreißen der Kleidung und Entblößen der Brüste gehört zum üblichen Gebärdeninventar der Totenklage. In der Antike sind die Brüste Objekte der Aggression. 200 Der Erzähler wandelt dieses Motiv ab, indem er Herzeloyde ihre Brüste liebkosen lässt. Dabei gibt der Erzähler Hinweise darauf, dass er an diesem Verhalten nichts Anstößiges findet und dass die Trauernde bei klarem Verstande ist.201 Die Freude über die Milch ist verständlich, da die Muttermilch als `Vorhut` des heranreifenden Kindes gedacht ist und die Hoffnung auf die glückliche Geburt des Kindes weckt.202 „Herzeloyde sakralisiert ihre Muttermilch, indem sie sie mit geweihtem Taufwasser gleichsetzt. Ihre Weihe erhält diese durch die in ihr repräsentierte[n] Liebe (triuwe).“203 „Die ‚Milchtaufe’ wird durch die ‚Taufe’ mit Tränen ergänzt, welche ebenfalls ein Signum der triuwe darstellen. [...] Herzeloydes, in der mittelhochdeutschen Literatur sonst nicht belege Gebärde, lässt sich somit als Variation eines weit verbreiteten Themas verstehen.“ 204 Herzeloyde möchte das blutige Unterhemd, das Gahmuret im Kampf getragen hat, anziehen. Das Hemd und die Lanzenspitze sind für sie „reliquienähnliche Repräsentanten Gahmurets“, durch die sie „dem geliebten Mann noch einmal ganz nahe kommen kann.“205 „Das Einschreiten der Höflinge lässt sich als behutsame Besänftigung der Trauernden verstehen.“ 206 „Dass Gahmurets Gefolgsleute stellvertretend für den im Orient verbleibenden Leichnam die Lanzenspitze und das Hemd ‚beisetzen’, ist ein ungewöhnliches Motiv.“207 Dies 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207

Hartmann 2000, S. 338. Vgl. Hartmann 2000, S. 339. Vgl. Hartmann 2000, S.340. Vgl. Hartmann 2000, S.340 Vgl. Reichert 2002, S. 66. Hartmann 2000, S. 342- 343. z.T. nach Schulz 1861 und Weinand 1958. Hartmann 2000, S. 342- 343. Hartmann 2000, S. 344. Hartmann 2000, S.S. 344 Hartmann 2000, S. 345.

20

ist ein Zeichen dafür, dass Gahmurets Gegenstände auch für seine Gefolgsleute in den Rang von Heiligen-Reliquien aufrücken.208 Beginn der Haupterzählung durch die Geburt Parzivals und Marienvergleich Die Geburt Parzivals, der Hauptperson, leitet, wie auch der Erzähler verkündet,209 die eigentliche Erzählung ein. Die Geburt, die die Mutter wegen des kräftigen Körperbaus des Kindes beinahe nicht überlebt, zeigt zum einen, dass in Parzival schon als Kind angelegt ist, was ihn später auszeichnet, nämlich seine körperliche Stärke. 210 Zum anderen weist sie auf den engen Zusammenhang zwischen Leben und Tod hin, in den Parzival hineingeboren wird. Sein Leben beginnt, nachdem Herzeloyde bei der Nachricht von Gahmurets Tod beinahe stirbt, dann für das Kind vom Selbstmord absieht, bei der Geburt abermals beinahe stirbt und später bei Parzivals Aufbruch zum Artushof wirklich stirbt. Eine kurzer Rückblick auf das Schicksal des Gahmurets und ein Ausblick auf die nahe Zukunft Parzivals211 verstärken die Zäsur, die der Erzähler vornimmt, um darauf hinzuweisen, dass nun die eigentliche Erzählung beginnt. Als Herzeloyde, die wohl bei der Geburt ohnmächtig wurde, zu Bewusstsein kommt und ihr das Kind überreicht wird, wird dieses eingehend betrachtet und festgestellt, dass es ein Junge ist. 212 Alle freuen sich über den gesunden, wohlgeratenen männlichen Körper des Kindes und liebkosen ihn. „Eine intakte Physis war ‚das wichtigste Werkzeug feudaler Selbstbehauptung’“. 213 Dem Baby sieht man offenbar schon an, dass es alle Voraussetzungen für manheit erfüllt.214 Dies betont der Erzähler zusätzlich, indem er ihn mit einem Schmied vergleicht, der Feuerfunken aus den Helmen der Gegner sprühen lässt – ein Hinweis auf spätere Kampferfolge des Knaben - und indem er sagt, dass er Manneskühnheit im Herzen trägt. Die Tatsache, dass es ein Junge ist, ermöglicht es Herzeloyde zudem besonders gut, Gahmuret in dem Kind wiederzuerkennen. Die Königin liebkost ihn und gibt ihm französische Kosenamen. „Durch die dreifache Anrede wird Herzeloydes Liebe zu Parzival besonders hervorgehoben.“ 215 Durch die Fremdsprache „erhält die Anrede ein Signifikanz, die an späteren Stellen genutzt wird.“216 208

Vgl. Hartmann 2000, S. 346 Parzival, 112,9-12. 210 Vgl. Hartmann 2000, S. 347 211 Parzival, 112,13-20. 212 Zu verschiedenen Forschungsmeinungen über die zu Grunde zu legende Handschrift und die daraus resultierenden Möglichkeiten der Übersetzung siehe: Hartmann 2000, S. 351. 213 Hartmann 2000, S.352 nach Fischer 1983. 214 Vgl. Hartmann 2000, S. 352. 215 Hartmann 2000, S. 353. 209

21

Dass adlige Frauen selbst stillen, war im Mittelalter zwar ungewöhnlich, wurde aber von der Kirche befürwortet. 217 Durch das Stillen zeigt sich Herzeloydes innige Zuneigung zu dem Kind. Der Erzähler wertet Herzeloydes Verhalten hier eindeutig positiv, als Zeichen der ‚diemuot’.218 Herzeloyde sagt darauf, dass auch Maria Jesus selbst gestillt hat.219 Diese Feststellung Herzeloydes hat in der Forschung oftmals dazu geführt, Herzeloyde entweder mit Maria zu identifizieren oder ihr im Gegenteil Hybris oder Blasphemie vorzuwerfen. HARTMANN weist jedoch darauf hin, dass Maria im Mittelalter als Vorbild für Mütter durchaus populär war und dass es somit verfehlt ist, Herzeloydes Verhalten als Hybris zu werten. „Vielmehr legitimiert sie ihr unstandesgemäßes Verhalten mit dem Hinweis auf die Himmelskönigin, die sich trotz ihrer Heiligkeit ebenfalls dazu herabließ, Jesus selbst zu nähren.“ 220 In diesem Zusammenhang sieht HARTMANN auch die folgenden Worte Herzeloydes über den Kreuzestod

Christi

und

dem

jüngsten

Gericht,

die

ebenfalls

Bestandteil

ihrer

Entschuldigungsrede sind.221 Da der Erzähler weder weitere konkreten Hinweise auf eine Gleichsetzung Herzeloydes mit Maria noch auf eine eventuelle Schuld Herzeloydes durch Hybris gibt, lassen sich Interpretationen in die eine oder die andere Richtung nicht anhand des Textes beweisen und führen daher zu weit. Mit den folgenden Versen werden Herzeloydes ambivalente Gefühle, die Trauer um den Gatten bei gleichzeitiger Freude durch die Geburt des Sohnes, verdeutlicht. Das Oxymoron siufzen unde lachen zeigt, dass hier Freude und Leid unlösbar miteinander verbunden sind.222 Rückzug nach Soltane und Erziehung Parzivals Das dritte Buch beginnt mit einer Erzählerrede, in der zwei Gruppen von Frauen unterschieden werden. Nur die, die triuwe besitzen und nicht gein valsche snel sind, verdienen den Namen wîp. Der Erzähler spricht sich für diejenigen Frauen aus, die aus triuwe armuot auf sich nehmen, indem er sagt, dass sie im Himmel dafür belohnt werden. Dadurch erhält die triuwe, die im Fall von Herzeloyde wohl vor allem auf Parzival und Gahmuret bezogen ist, eine positive religiöse Dimension. Der Erzähler betont, dass fast niemand um der triuwe Willen armuot erträgt. Dadurch erscheint das Verhalten Herzeloydes, umso herausragender 216

Hartmann 2000, S. 353. Hartmann 2000, S. 354. 218 Parzival, S. 113,15-16. 219 Zur Herkunft des Motivs der Stillenden Gottesmutter siehe: Hartmann 2000, S. 358 und Wenzel 1996, S.211234. 220 Hartmann 2000, S. 359. Vgl. Eder, S. 205-206. 221 Vgl. Hartmann 2000, S. 361. 222 Vgl. Peil 1975, S. 137. 217

22

und vorbildhafter. Selbst die Tatsache, das Herzeloyde ihre drei Königreiche fahren lässt, wird vom Erzähler positiv gewertet, indem er sagt: ‚der valsch sô gar an ir verswant’.223 Leider ist dieser Vers, der zur Feststellung der Erzählerbewertung von Herzeloydes Verhalten sehr wichtig wäre, in seiner Bedeutung nicht eindeutig. Er besagt nicht, ob Herzeloyde zuvor der valsch anhaftete und ob damit also ihr früheres Verhalten vom Erzähler getadelt wird, oder ob sie schon immer keinen valsch an sich hatte.224 Jedenfalls dient die erlittene armuot um der triuwe willen dazu, der Hölle zu entgehen und im Himmel belohnt zu werden.225 Herzeloyde zieht sich einerseits aus Trauer um Gahmuret in die Wildnis zurück, andererseits um Parzival vor dem Ritterwesen, durch das sein Vater ja umkam, fernzuhalten. Daher befiehlt sie all ihren Gefolgsleuten, die sie in die Einöde mitnimmt, unter Androhung der Todesstrafe Parzival nichts von Rittern zu erzählen.226 Dieses Verhalten wird allerdings vom Erzähler getadelt, da Parzival so ,an küneclîcher vuore betrogen’227 wird. „Herzeloyde versucht mit ihrer verweigerten Erziehung, drei Dinge zu verhindern, die das Vater-Erbe (art, 118,28) charakterisieren und die das Ende ihrer Ehe verursachten: Sehnsucht, Wanken und Rastlosigkeit.“228 Parzivals Eigenschaften und Herzeloydes Gotteslehre Parzivals Verhalten in der Einöde lässt seine Interessen deutlich werden, deren Ursache, bei einer so gut wie nicht vorhandenen Erziehung seine Veranlagung ist. 229 Eines dieser Interessen ist die Jagd, die der Erzähler offensichtlich dem höfischen Bereich zuordnet, 230 von welchem ihn seine Mutter ja fernhalten will. Parzival fertigt sich selbst Waffen an und niemand muss ihm beibringen, wie man ein erfolgreicher Jäger wird. Die ungeheure Körperkraft Parzivals zeigt sich noch einmal deutlich, wenn er das erlegte Wild nach Hause trägt.231 Dem Jagdtrieb entgegengesetzt ist Parzivals angeborene Fähigkeit zum Mitleid. Dies zeigt sich darin, dass er um die Vögel, die er erschießt, im Nachhinein weint. 232

223

Parzival 117,1-2. Heckel weist darauf hin, dass Herzeloyde nach der Logik der Erzählung nicht alleine herrschen kann. Vgl Heckel 1999, S.45. 224 Vgl. Übersetzung am Anfang dieser Arbeit. 225 Parzival, 116,15-24. 226 Parzival 117,21-23. 227 Parzival 118,1-2. 228 Fritsch-Rößler, S. 224. 229 Vgl. Sosna 2003, S. 164. 230 Parzival 118,3-6. Vgl. Yeandle 1984, S. 51. 231 Parzival 120,8-10. 232 Parzival 118,7-10.

23

Auch eine angeborene Empfindsamkeit bestimmt Parzivals Wesen. Beim Gesang der Vögel empfindet er ein unbestimmtes schmerzliches Sehnen, das er sich selbst nicht erklären kann. 233 Sowohl der Jagdtrieb Parzivals als auch seine Gemütsregung beim Gesang der Vögel deuten auf Eigenschaften hin, die er von seinem Vater geerbt hat. Darauf macht der Erzähler aufmerksam, indem er von Parzivals ‚art’ und ‚gelust’234 spricht. Die gleichen Wörter verwendet er zur Beschreibung von Gahmuret. 235 Auch körperlich gleicht er seinem Vater.236 Als Hezeloyde bemerkt, dass die Vögel die Ursache von Parzivals Gemütszustands sind, befiehlt sie, alle Vögel zu töten.237 Herzeloyde ahnt wahrscheinlich, dass das bisher noch unbestimmte Sehnen Parzivals ein Erbteil seines Vaters ist, der sich nie lange an einem Ort aufhalten wollte, da ein innerer Trieb ihn immer zu neuen Ritterkämpfen antrieb. 238 Ein zusätzliches Motiv für das Töten der Vögel können einerseits die Sorge um Parzival sein, der „vor allem Bösen, vor Sorgen und Traurigkeiten“ geschützt werden soll. 239 Parzival fragt darauf, was man den Vögeln vorwerfe, und verlangt, sie in Frieden zu lassen. Dies beweist abermals Parzivals Fähigkeit zum Mitleid240, die ihn dazu veranlasst einzuschreiten. Die Stelle gewinnt besonders an Bedeutung, da Parzival hier zum ersten Mal spricht. Darauf erkennt die Mutter ihr Unrecht, das sie mit dem Vogelmord vor Gott begeht.241 „Es ist ein Ausdruck des Erschreckens über sich selbst und über die Folgen ihres Vorhabens, ihr Kind umsorgt und behütet in der Einöde aufwachsen zu lassen. Bemerkenswert ist dabei, dass es ausgerechnet Herzeloyde selbst ist, die den Anstoß dazu liefert, dass Parzival zum ersten Mal die von ihr verordnete tumpheit zu durchbrechen versucht.“242 Parzival, der offenbar keinerlei religiöse Erziehung genossen hat, fragt darauf die Mutter, was Gott sei. Aus christlicher Sicht macht sich Herzeloyde schuldig, da sie das Kind nicht schon früher im Glauben an Gott erzieht.243 Vom Erzähler wird die mangelnde religiöse Erziehung nicht weiter gewertet. Herzeloydes Beschreibung Gottes, ist zwar aus christlicher Sicht richtig, jedoch keinesfalls vollständig und darüber, ob sie an den Verständnishorizont des

233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243

Parzival 118,14-22. Parzival, 118,28. Vgl. Yeandle 1984, S. 63-64. Parzival118,11-12. Vgl. Yeandle 1984, S. 54. Parzival 118,26-119,4. Vgl. Poag 1968, S. 205. und Fritsch Rößler, S.224. Vgl. Eder 1989, S. 209. Vgl. Urscheler 2002, S. 175. Parzival 119,10-15. Urscheler 2002, S.176. Vgl. Yeandle, S. 84-85.

24

Kindes angepasst ist, scheiden sich die Geister.244 Sie erzählt, dass Gott Menschengestalt angenommen hat, dass er strahlender ist als der Tag und dass er Menschen, die ihn um Hilfe bitten, Beistand leistet. Darauf erwähnt sie noch den Teufel, der schwarz und voll untriuwe ist, vor dem sich Parzival hüten soll. 245 Diese Gotteslehre ist allgemein gehalten und nicht auf die Situation bezogen, sonst hätte Herzeloyde wohl von Gott als dem Schöpfer aller Kreaturen gesprochen. 246 Indem Herzeloyde darauf hinweist, dass Gott bei Gefahr hilft, geht sie davon aus, dass Parzival später in Gefahr geraten wird, was allerdings in Soltane unwahrscheinlich ist. Herzeloyde muss also wahrscheinlich damit rechnen, dass Parzival sie und die Einöde einst verlassen wird.

247

YEANDLE sieht die knappe Gotteslehre der Mutter als eine aus

erzähltechnischen Gründen verkürzte Gotteslehre im Gegensatz zur Vorlage an. Die Gotteslehre Herzeloydes begründet die Tatsache, dass Parzival später die Ritter für Götter hält,

logisch. 248

Herzeloydes

Gotteslehre

bildet

die

Grundlage

von

Parzivals

Gottesverständnis, das später ergänzt, jedoch nicht verworfen wird. Problem der Vereinbarung von Ritter- und Damenideal bzw. von Tugend und Leid Wie oben dargestellt, werden sowohl Gahmuret als auch Herzeloyde vom Erzähler als ideale Figuren dargestellt. Gahmuret verkörpert das Ideal eines von aller Welt gerühmten Ritters. Herzeloyde wird bis zu Gahmurets Tod als das Ideal einer Herrscherin in der höfischen Welt dargestellt. Nach Gahmurets Tod und Rückzug nach Soltane wird sie vom Erzähler vorwiegend unter religiösem Aspekt als Beispiel der triuwe gepriesen. Beiden wird nach Meinung des Erzählers ihre Tugendhaftigkeit im Himmel gelohnt.249 Auffällig ist, dass bei der Idealisierung dieser Personen einige als negativ zu bewertenden Folgen ihrer Taten völlig unberücksichtigt bleiben. So wird im Botenbericht über Gahmurets Tod nicht erwähnt, welches Unglück und Herzeleid sein Streben nach Kampfestaten seinen beiden Ehefrauen und nicht zuletzt auch seiner Mutter einbrachte, sondern es wird im Gegenteil angedeutet, dass er Herzeloyde immer treu war und in ihrem Minnedienst starb.250

244

Urscheler sagt zwar einerseits, dass Herzeloyde die Gotteslehre aus Rücksicht auf den Wissensstand des Sohnes bewusst einfach und knapp gestaltet, stellt aber andererseits fest, dass die Gotteslehre trotzdem für das Kind unbegreifbar und unvorstellbar ist. Vgl. Urscheler 2002, S.176- 177. Vgl. Yeandle 1984, S. 90. 245 Parzival 119,18-28. 246 Vgl. Schröder, S. 247 Vgl. Schröder, S. 248 Vgl. Yeandle, 1984 S.92. 249 Parzival 107,25-26, 128,23-24. 250 Siehe weiter oben: Fußnote zu Herzeloydes Hemd und ihr Lob von Gahmurets Treue.

25

Andererseits wird auch Herzeloydes Verfahren, einen Ehemann auszuwählen und sich gegen dessen Willen und gegen die Ansprüche zweier anderer Frauen per Richtspruch anzueignen, nicht kritisiert, obwohl dieses Vorgehen einem Mitglied der Gralsfamilie nicht ohne Weiteres zustand.251 Auch die Tatsache, dass Herzeloyde Parzivals tumpheit verursacht, ihm damit nicht nur das Leben in der höfischen Welt entscheidend erschwert, sondern auch mitverantwortlich wird für seine Sünden, wird vom Erzähler nicht als ausreichender Grund angesehen, anzuzweifeln, dass Herzeloyde ein Vorbild an triuwe ist und dafür sofort in den Himmel kommt. So entsteht der Eindruck, dass das einzig gültige Kriterium anhand dessen die Figuren bewertet werden, das Vorhandensein bestimmter (geschlechtsspezifischer) Tugenden ist. Selbst wenn diese Tugenden zu einem Verhalten führen, das anderen Figuren große Nachteile oder sogar den Tod bringt, verlieren sie nichts von ihrem Wert und werden nicht in Frage gestellt. Daher stellt auch EDER fest: „Unweigerlich drängt sich mir die Frage auf, wie es möglich ist, in dieser Gesellschaftsform wahres Frauentum und wahres Männertum in einer halbwegs harmonischen Art und Weise zu verwirklichen.“252 Es ist möglich, dass Wolfram durch die immer wieder vorkommende Darstellung des durch Tugenden herbeigeführten Leids die Rezipienten anregen wollte, die Sinnhaftigkeit solcher Tugenden der Ritterwelt kritisch zu überdenken.253 Nach BRACKERT hebt Parzival schließlich das „traditionelle Artusrittertum“, also die „väterliche Welt der ‚minne’ und ‚âventiure’“ auf und „er findet den Gral, also jene Welt, die mit der Mutterfamilie auf eine ihm noch verborgene Weise verbunden ist und die in einer ganz spezifischen Weise auch eine Art ‚weibliches’ Gegenbild zur aggressiven männlichen Ritterwelt darstellt.“254

251 252 253 254

Eder 1989, S. 195. Vgl. Eder 1989, S. 195. Brackert 1989, S. 156.

26

Verzeichnis der in der Übersetzung verwendeten Abkürzungen Adj. – Adjektiv Adv. – Adverb Akk. – Akkusativ Dat. – Dativ ebd. – ebenda F. – Femininum Gen. – Genitiv Gf. – Grundform (bei Verben: Infinitiv; bei Substantiven: Nominativ Singular; bei Adjektiven: unflektierter Positiv) Ind. – Indikativ Konj. – Konjunktiv M. – Maskulinum N. – Neutrum Nom. – Nominativ Pl. – Plural Präs. – Präsens Prät. – Präteritum S. – Seite Sg. – Singular stF. – starkes Femininum stM. – starkes Maskulinum stN. – starkes Neutrum stV. – starkes Verb swF – schwaches Femininum swM – schwaches Maskulinum swN – schwaches Neutrum swV. – schwaches Verb vgl. – vergleiche

Verzeichnis der verwendeten Literatur 27

Textgrundlage: -

Wolfram von Eschenbach: Lieder. Parzival. Titurel. Willehalm. Hrsg. Von Karl Lachmann. Nachdruck d. 6. Ausg. 1926. Berlin u.a. 1965.

-

Chrétien de Troyes: Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal. Übersetzt und Hrsg. von Felicitas Olef-Krafft. Reclam Verlag Stuttgart, 1991.

Wörterbücher: -

G. F. Benecke, W. Müller, F. Zarncke: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. S. Hirzel, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 1990.

-

M. Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. S. Hirzel Verlag Stuttgart, 1974

Grammatik: -

Hermann Paul: Mittelhochdeutsche Grammatik. 24. Aufl., überarb. Von Petet Wiehl und Siegfried Grosse. Tübingen 1998 (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A. 2)

Stellenkommentare: -

Hartmann, Heiko: Gahmuret und Herzeloyde. Kommentar zum zweiten Buch des Parzival Wolframs von Eschenbach. Bd. 1 u. 2. Verlag für Wissenschaft und Kunst, Herne 2000.

-

Wolframs von Eschenbach: ,Parzival’ und ,Titurel’. Hrsg. u. erklärt von Ernst Martin. Bd. 2: Kommentar. Halle (Saale) 1903. Ndr. Wiss. Buchges. 1976.

-

Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausg. Karl Lachmanns revidiert und kommentiert v. Eberhard Nellamann. Übertragen von Dieter Kühn. Bd. 2. Frankfurt 1994 (= Bibliothek des Mittelalters. 8,2).

-

David N. Yeandle: Commentary on the Soltane and Jeschute Episodes in Book III of Wolfram von Eschenbach’s PARZIVAL (116,5- 138,8). Carl Winter Universitätsverlag Heidelberg, 1984.

Forschungsliteratur: -

Blamires, David: Characterization and Individuality in Wolfram’s ‚Parzival’. Cambridge at the University Press 1966.

-

Brackert, Helmut: „der lac an riterschefte tôt.“ Parzival und das Leide der Frauen. In: Ist zwîvel herzen nâchgebûr. Hg. von R. Krüger, J. Kuolt. Stuttgart, 1989.

-

Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, 2004.

28

-

Eder, Annemarie: Macht- und Ohnmachtstrukturen im Beziehungsgefüge von Wolframs Parzival. In: Der frauwen buoch. Versuche zu einer feministischen Mediävistik. Kümmerle Verlag Göppingen 1989.

-

Fritsch-Rößler, Waltraud: Finis Amoris. Ende, Gefährdung und Wandel von Liebe im hochmittelalterlichen deutschen Roman. Gunter Narr Verlag Tübingen,

-

Green, Dennis H.: Advice and Narrative Action: Parzival, Herzeloyde and Gurnemanz. In: From Wolfram and Petrarch to Goethe and Grass. Verlag Valentin Koerner, Baden-Baden 1982.

-

Haas, Alois M.: Parzivals tumpheit bei Wolfram von Eschenbach. Erich Schmidt Verlag, 1964.

-

Heckel, Susanne: „die wîbes missewende vlôch“ (113,12). Rezeption und Interpretation der Herzeloyde. In: Schwierige Frauen - schwierige Männer in der Literatur des Mittelalters. Hg. von A. M. Haas und I. Kasten, Peter Lang Verlag, Bern, 1999.

-

Lewis, Gertrude Jaron: Die unheilige Herzeloyde. Ein ikonoklastischer Versuch. In: JEGP 74 (1975): S. 465- 485.

-

Poag, James F.: Wip and Gral: Structure and Meaning in Wolfram’s Parzival. In: JEGP 67 (1968).

-

Reichert, Hermann: Wolfram von Eschenbach Parzival für Anfänger. Eine Vorlesung. Edition Praesens, Wien 2002.

-

Rosskopf Rudolf: Der Traum Herzeloyde und der Rote Ritter. Erwägungen über die Bedeutung des staufisch-welfischen Thronstreits für Wolframs „Parzival“. Verlag Alfred Kümmerle. Göppingen,

-

Russ, Anja: Kindheit und Adoleszenz in den deutschn Parzival- und LancelotRomanen. Hohes und spätes Mittelalter. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2000.

-

Schröder, Walter Johannes: Die Soltane-Erzählung in Wolframs Parzival. Studien zur Darstellung und Bedeutung der Lebensstufen Parzivals. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelber 1963.

-

Schumacher, Marlis: Die Auffassung der Ehe in den Dichtungen Wolframs von Eschenbach. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1967.

-

Sosna, Anette: Fiktionale Identität im höfischen Roman um 1200: Erec, Iwein, Parzival, Tristan. S. Hirzel Verlag Stuttgart 2003.

-

Urscheler, Andreas: Kommunikation in Wolframs „Parzival“. Eine Untersuchung zu Form und Funktion der Dialoge. Peter Lang Verlag, Bern 2002.

-

Wenzel, Horst: Herzeloyde und Sigune: Mutter und Geliebte. Zur Ikonographie der Liebe im Überschneidungsfeld von Text und Bild. In: Eros – Macht – Askese.

29

Geschlechterspannungen als Dialogstruktur in Kunst und Literatur. Wissenschaftlicher Verlag Trier, -

Willson, H. B.: Ordo Amoris in Wolfram’s Parzival. In: JEGP 67 (1968): S. 183- 187

30

Suggest Documents