Predigt zum 1. Advent 2015 Bald beginnt das Dezemberdunkel und ich tappe meiner Sehnsucht hinterher. So oft schon ins Leere gefasst. Durch Löcher gestolpert. An dornigen Zweigen mir das Hoffnungskleid zerrissen. Da schweift am Horizont ein Stern. Als suche jemand die Erde ab. Als hoffe er, im Lichtkegel einen Verlorenen zu entdecken. Einer hat sich auf den Weg gemacht zu mir.

Gebet Gott Nun hat er begonnen, der Advent die Zeit der Hoffnung Wir finden uns nicht ab mit dem, was ist. Wir sehen, wie viele leiden. Wir glauben, dass nach deinem Willen alles anders werden soll. Gott Nun hat er begonnen, der Advent – die Zeit des Wartens Was wir uns wünschen, ist noch nicht wahr manches Mühen war anscheinend vergeblich Wir hoffen, du kommst trotzdem in diese Welt. Gott Nun hat er begonnen, der Advent die Zeit der Vorfreude frühere Enttäuschungen können uns nicht fesseln unsere Träume blühen neu Wir erleben, du freust dich mit uns. Gott Nun hat er begonnen, der Advent – trotzdem was dagegen spricht hat nicht das letzte Wort so wahr dein Christus lebt. Amen

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Lesung Lk 1, 5-25, Zacharias im Tempel

Predigt Zwei Päärli begägnet öis i de Adventsziit i de altbekannte Gschichte. D Maria und de Josef sind zwei jungi, verliebti Mänsche, wo no ganz am Afang vo ihrem Erwachsneläbe stöhnd. Sie erläbed Ufs und Abs, mängs isch unsicher, glichzitig dörfeds d Erfahrig mache, dass Gott sie nöd ellei laht. Er begleitet sie in e Zuekunft, wo no ändlos lang und offe schiint. Aber i de Gschicht, wo mer jetzt grad ghört händ, begägnet öis e ganz es anders Paar. De Zacharias und d Elisabeth seged alt gsi, verzehlt de Evangelist Lukas, hüt würd er sie öis als Mänsche im Seniorealter vorstelle. Sehr viel wird nöd verzehlt, wer sie bis jetzt gsi sind, was sie i de letschte Jahrzähnt erläbt und gleischtet händ. Aber das Wenige laht mängs verrate, und - viellicht dänked mir da und det: Das känn i au, das isch mer nöd fremd. Jungsii und Altwerde hät zu allne Ziite Ähnlichkeite gha. Und so stell ich mir de Zacharias und d Elisabeth vor: Sie sind eifachi und unuffelligi Lüüt gsi und bliebe. Sie händ immer so gläbt, dass mer ne nüt hät chönne vorwärfe, d Mänsche nöd und au Gott nöd. De Zacharias hät im Tämpel witerhin sini Ufgabe gha wie anderi au, ohni dass er det je gross Karriere gmacht het. Und jetzt isch nüme viel Nöis, viel Anders z erwarte. D Früehligstäg vo ihrem Läbe sind verbi, di grosse Träum vom Wält uf de Chopf Stelle lieged scho lang zrugg. Die sind eme grifte und nüchterne Härbscht i de Jahresziite vom Läbe gwiche. Eis Thema hät ne aber dur all die Jahr dure z schaffe gmacht und hät sie nie ganz losglah: Sie händ kei Chind. Di grossi Hoffnig, wo für di meischte rundume sälbverständlich worden isch, isch bi ihne nie in e Erfüllig gange. Isch ächt d Elisabeth au emal schwanger gsi? Hät sie sich do gfröit und Gott globt und danked und dänkt: Jetzt ändlich hät er öises Gebät erhört! Mir händ ja fescht drum bittet, worum sött er öis da d Efüllig vo öisem Härzenswusch vorenthalte! – Und dänn häts viellicht e Verschüttig gäh, und s isch wieder nüt gsi mit de Erfüllig vo ihrem Traum. Zwiefel a de Würksamkeit vom Gebät und de Idruck, dass sie viellicht z naiv gsi sind i ihrem Dänke, hät in ene unmerklich Ruum igno. Mir säged dem viellicht au Läbererfahrig. Gott isch e chli unbegriflicher worde, e chli witer wägg gruckt. Sie händ so mängs nöd verstande, und doch sind sie ihm treu bliebe, hät er sin Platz i ihrem Läbe phalte. Zu allem ane sind no d Lüüt rundume dezue cho! Di einte Bekannte händ viellicht öpis gseit. Da sind aber au die Nachbere gsi, wo mit ihrem Blick verunsicheret händ. Was händs ächt dänkt? Wo chlämmts bi dene beidne? Irgendöpis händ doch die falsch gmacht, dass es nöd funktioniert! Für was werdet ächt die vo Gott gstraft? Und dänn händs voller Stolz ihri eigete Chind aglueged. Känned Sie sonig Efahrige? Das Warte und Bätte, dass Danke und dänn doch enttüscht Werde. Das sich mit weniger zfriede gäh Müesse? Bi den einte wie bim Zacharias und de Elisabeth isch es s Thema Chind. Bi andere isch es de Traum von ere Partnerschaft, wo mer dänn nie de Rächt trifft. Oder zwei hüratet im Vertroue, dass d Liebi gross gnueg isch und witer wachst. Plötzlich treit s Ja, wo mer enand emal i aller Zueversicht

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gäh hät, nüme. Anderi setzed alles für de Bruef i und realiseierd plötzlich, dass mer nöd uf sie gwartet hät. Oder Mänsche, wo sich mit Gott ganz bewusst iglah händ. Sie händ i ihrem Läbesentwurf alles vo ihm erwartet. Und dänn sind bi der Umsetzig Hindernis uftaucht, wo niemert demit grächnet hät. Viellicht händ Projekt müesse begrabe werde. Känned Sie sonig Erfahrige? Was chunnt ihne, dir konkret in Sinn?

Musik zum Nachdenken Mir händ d Gschicht ghört, wie de Zacharias zum Tämpel z Jerusalem ufegagne isch. Mänsche, wo im Moment alles rund lauft stöhnd vor em Gotteshus usse. Vor allem sind aber au die da, wo Enttüschige erläbt händ, sonig, wo sich probiered mit dem abzfinde, wo jetzt halt eifach so isch, wies isch. Zu dene ghöred ja au de Zacharias und d Elisabeth. De Priester Zacharias gaht ine is Gotteshus, nimmt das, wo d Mänsche dusse umetriebt, mit. Er breitets stellverträtend für sie vor Gott us wie scho so mängisch. Und d Mängi dusse wartet druf, bis er wieder usechunnt, bis er ihne de Säge git, dass er ihne seit: „Gott isch mit öi, er hät öi nöd vergässe.“ Er bliebt das Mal länger dine als susch . Ändlich erschient er bim Igang - und: Er schwiegt. Es hät ihm d Stimm verschlage, nei öper hät em d Stimm gno. Und so schwiegend gaht er a allne verbi und gaht hei, ohni s ersehnte Sägeswort witerzgäh. Spöter wird er verzehle und de Lukas wird die Wort, won em de Ängel gseit hät, ufschriebe. Sis: „Muesch kei Angscht ha, Gott hät dis Gebät erhört. Ihr dörfed öi fröie, ihr werdet Eltere vom e Johannes werde! „ Und de Lukas wird au emal ufschriebe, worum as de Zacharias monatelang im Schwiege verharrt hät. De Ängel seit zuen ihm: „Weil du mir nicht geglaubt hast, wirst du so lange stumm sein und nicht mehr sprechen können, bis es eingetroffen ist.“ Das tönt im Moment tatsächlich wien e Straf. Aber steckt nöd no meh dehinder? Gits nöd au es heilsams Schwiege? Andere und au mir sälber ischs uf jede Fall scho so gange. Mänsche chönnd idrücklichi Erfahrige mache. Druf abe verschlahts ne zerscht eifach emal d Sprach, bevor sie chönnd begrife, was da passiert isch. Hüt wür mer säge, sie müessid das Ganze zerscht emal verarbeite. Sie müends zerscht emal für sich phalte und au spöter demit sorgsam umgah. Es git sonigs, wo mues riif werde, bis es chann mit andere teilt werde. Susch wür öpis dra zerstört. Mer weiss das z.B. vo Mänsche, wo nöch am Tod gsi sind und dänn en Blick in en anderi Wält händ dörfe werfe. Sie phaltet das für sich, wils es sich i ihne zerscht emal mues setze. Aber au, wil anderi das nöd glaube würdid, wil anderi falsch verstah chönntid oder sie sogar als Spinner abtue chönntid. Wunderschön hät das öper formuliert, wo gseit hät: Je mehr man weiss, umso stiller wird man. Am Zacharias wird das erfüllt, won er es Läbe lang druf ghofft hät. Ich vermuete, dass er sich scho sit Langem demit abgfunde hät, dass er halt nie Vater werde wird; dass das Thema für ihn abgschlosse isch. Er will gar nüme dra erinneret werde; das wür nur de alti Schmärz wieder wachrüefe. Mit sim Akzeptiere hät er sich en Art Sicherheit und Stabilität i sim Alter erkämpft. Bliebe isch nur no de Wunsch, dass es so bliebt, wies

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isch. De Ängel stellt das uf de Chopf. Eigentlich wüssti de Zacharias als Priester und gläubige Jud scho, dass Gott mit Mänsche ussergwöhnlichi Wäg chann gah. De Abraham oder de Mose zum Bispiel, wo no i fortgschrittnem Alter nöie, unerwartete Afäng usgsetzt worde sind. Aber doch nöd er! Ihm als ganz gwöhnliche Priester chann doch so öpis nöd passiere! Und genau das trifft jetzt i. Au für ihn hät Gott kein ruhige Läbesabig parat. Aber git em Gott mit em Schwiegemüesse nöd au Ziit, zum sich da druf izstelle? Da chann das Schwiege viellicht nöd im erschte Moment, aber nadisna au zum e Gschänk werde. Es chann e Vorbereitig sii, mit dem guet umzgha, was da no chunnt, de Fröid, dass es jetzt würklich so isch, Ruum z gäh. D Bereitschaft zu Umwelzige vom Afang bis am Schluss vom Läbe schiined öpis z sii, wo Gott i öises Mänschsii inegleit hät. Ich stuune mängisch, wieviel, grad au elteri Christe, sonigi Erfahrige mached. Aber sie göhnd weise und vertroulich demit um. Mänsche, wo so uf Gott usgrichtet sind, dass sie mit ihm rächned, erläb ich hüfig als sonig, wo ihri jugendlichi Bereitschaft zum Ufbruch bewahrt händ. Nöd eifach so, sondern immer wieder au dur härti Krisene dure. Das macht s Läbe zwar unberächebarer, defür bliebt en inneri Beweglichkeit gwahrt. „Heb kei Angst, dänn dis Gebät isch erhört worde!“ chann dänn zum e Zitpunkt cho, wo mir öis nöd usgläse händ. Es sind wie zwei Sträng vo de Würklichkeit, wo näbed enand laufed. Einersits müe mir öis für öisi Läbesgstaltig mit aller Phantasie, mit öisem ganze Chönne und de ganze Energie isetze. Denäbed aber dörfed mir als Christemänsche d Kunscht vom Gschehlah nie verlehre. S Mache und s Beschänkelah sind zwei Schiene, wo parallel laufed. Wer uf beidne fahrt, git am chindliche Vertroue näbed em mündige Erwachsesii Ruum. Zum chindliche Gschehlah ghört au d Kuscht vom sich Fröiechönne. De Ängel seit zum Zacharias: „Du dörfsch di fröie, und mit dir zäme vieli anderi au.“ D Fröid isch meh als de erfüllti Chinderwunsch vo dem Elterepaar. De Grund für d Fröid isch nach de Wort vom Ängel, dass de Johannes en Hoffnigsträger für Mänsche wird, für Mänsche, wo d Hoffnig scho ufgäh gha händ. So wird er zum Wägbereiter für de Jesus. Da debi isch spannend, dass de Johannes, wie au de Jesus emal, grad keis ruhigs und beschaulichs Läbe füehre wird. Sicherheit und Stabilität isch i keiner Wiis gäh. Beidi werdet emal dur Gwaltakt s Läbe verlüre. Und das isch kein Grund für de Ängel, zum de zuekünftige Eltere d Fröid abzspräche. Im Gägeteil: I den Auge vo Gott schiint grad nöd di üsseri Sicherheit s höchschte Guet für d Mänsche z sii. So wie das d Simonetta Somaruga chürzlich formuliert hät. Wohl hät e Regierig d Pflicht, sich für Sicherheit vo de Bevölkerig izsetze. Aber mir als Christemänsche setzed letschtlich nöd da druf. Mir wüssed, dass s üssere Läbe immer gföhrdet isch. Rundume werdet i dene Täg vieli nervös, wüssed sich plötzlich im Chrieg mit sonige, wo chuum fassbar sind. Öises höchschte Guet isch nöd d Sicherheit, sondern d Liebi und d Mänschlichkeit. Bi dem Guet gits kei Muure, wo mer sich us de Angscht use abschotte muess. Di eigeti Sicherheit und d Erhaltig vo dem, wies scho immer gsi isch, dörf nöd de Mittelpunkt sii. Öises Ghebetsii isch im Vertroue begründet, dass öis nöd emal de Tod vo dem chann tränne, wo mit öis dur alles durechunnt.

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De Jesus häts so gseit: „Euch, meinen Freunden, den Männern und Frauen, sage ich: Fürchtet euch nicht vor Menschen! Sie können nur den Leib töten, aber darüber hinaus können sie euch nichts anhaben. Und s Gliche meint de Luther mit em berüehmte Satz: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Ich wünsche Ihne und mir, dass mir drum glasse und mit eme grosse Grundvertroue in Advent ufbräche chönnd. Und: Dass mir wach bliebed, was Gott für öis no a Abentüür parat hät. Advent seg verwandt mit em Wort adventure. Für de Zacharias und d Elisabeth hät er sonigi parat gha, und ganz bestimmt au für öis, au wänn die weniger wältbewegend sind. Amen Marianne Kuhn, Pfrn.

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