Predigt zu Philipper 1, 27 – 2, 11 „So wie Jesus“ Wenn ich mal groß bin, dann will ich so sein wie er! Welches Kind hat so einen Satz nicht mindestens einmal gesagt oder zumindest gedacht? Die Vorbilder, an die dabei gedacht wird, wechseln allerdings mit den Jahren: sind es anfangs noch die Eltern, werden diese recht schnell von Sportlern, Sängern oder anderen Berühmtheiten abgelöst. Und auch als Erwachsener hat man doch noch Vorbilder, oder? Ich denke sogar, dass die meisten Menschen mehrere Vorbilder haben. Menschen, zu denen sie aufblicken, an denen sie sich orientieren, denen sie nacheifern. So kommt es, dass auch ich in verschiedenen Bereichen unterschiedliche Vorbilder habe. Manche sind mir ganz nah und persönlich bekannt, wieder andere sind weit weg und mehr Idealbilder als wirklich erreichbare Idole. So habe ich berufliche Vorbilder. Zwei Prediger, die bestimmte Bereiche in ihrem Dienstleben so toll hinbekommen, dass ich das von ihnen lernen möchte. Ich spiele ja auch Schlagzeug und da schaut man bei Konzerten ja immer auf die anderen Schlagzeuger. Und da habe ich mal einen gesehen, was der mit seiner Kiste veranstaltet hat: Wahnsinn. Mein Ziel war es nie, so spielen zu können wie er, wenn ich nur ein Körperteil, einen Arm oder einen Fuß so hinkriegen würde wie er alle viere auf einmal einsetzt, wäre ich schon zufrieden. Und auch im Bereich der Ehegestaltung habe ich Vorbilder. Da gibt es ein oder zwei Ehepaare, die ihre Ehe ganz toll leben, auch mit allen Höhen und Tiefen. Da ist es weniger die Art, wie harmonisch sie leben, sondern mehr das, wie sie mit ihren Krisen umgehen. Sie sind mir zu Vorbildern für meine Ehe geworden. Ich bin mir sicher, auch ihr habt Vorbilder in eurem Leben. Wer fällt euch gerade spontan ein? An wem orientiert ihr euch? Und warum? Der Kern dessen, was es bedeutet, ein Vorbild zu sein, trifft in meinen Augen wirklich der Satz vom Anfang: Ich will so sein wie er. Ich möchte das auch so können wie sie. Und mein größtes Vorbild habe ich bisher verschwiegen. Jesus. So wie Jesus. Das ist der Titel der heutigen Predigt. Sein wie Jesus, ihm ähnlicher werden, ihm nachzufolgen, das anzustreben, was er vorgelebt hat, das sollte zum ganz normalen Alltag als Christ dazu gehören. Zu diesem Thema würde es sich ja zu aller erst anbieten, mal eine Studie zum Leben und Verhalten Jesu in den Evangelien zu erstellen. Denn schließlich sehen wir da, wie Jesus denn gelebt hat. Aber auch unser Text aus dem Philipperbrief gibt uns hierfür schon einige schöne Ansatzpunkte. Er findet sich in Philipper 1, 27 – 2,11. 27 Aber das Entscheidende ist: Lebt so, dass es im Einklang mit dem Evangelium von Christus steht! Dann werdet ihr – ob ich nun komme und euch besuche oder ob ich nur aus der Ferne von euch höre – einmütig zusammenstehen. Ihr werdet Seite an Seite für den Glauben kämpfen, der sich auf das Evangelium gründet, 28 und werdet euch durch nichts von euren Gegnern einschüchtern lassen. An dem allem zeigt sich, dass sie verloren gehen und ihr gerettet werdet; so ist es von Gott selbst gefügt. 29 Er hat euch die Gnade erwiesen, nicht nur an Christus zu glauben, sondern auch für Christus zu leiden. 30 Ja, ihr habt jetzt denselben Kampf zu bestehen wie ich – den Kampf, den ihr miterlebt habt, als ich bei euch war, und in dem ich – wie ihr gehört habt – immer noch stehe. 1 Nicht wahr, es ist euch wichtig, einander im Namen von Christus zu ermutigen? Es ist euch wichtig, euch gegenseitig mit seiner Liebe zu trösten, durch den Heiligen Geist Gemeinschaft miteinander zu haben und einander tiefes Mitgefühl und Erbarmen entgegenzubringen? 2 Nun, dann macht meine Freude vollkommen und haltet entschlossen zusammen! Lasst nicht zu, dass euch etwas gegeneinander aufbringt, sondern begegnet allen mit der gleichen Liebe und richtet euch ganz auf das gemeinsame Ziel aus. 1

3 Rechthaberei und Überheblichkeit dürfen keinen Platz bei euch haben. Vielmehr sollt ihr demütig genug sein, von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst. 4 Jeder soll auch auf das Wohl der anderen bedacht sein, nicht nur auf das eigene Wohl. 5 Das ist die Haltung, die euren Umgang miteinander bestimmen soll; es ist die Haltung, die Jesus Christus uns vorgelebt hat. 6 Er, der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus. 7 Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. 8 Aber er erniedrigte sich noch mehr: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz wie ein Verbrecher. 9 Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht und hat ihm als Ehrentitel den Namen gegeben, der bedeutender ist als jeder andere Name. 10 Und weil Jesus diesen Namen trägt, werden sich einmal alle vor ihm auf die Knie werfen, alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind. 11 Alle werden anerkennen, dass Jesus Christus der Herr ist, und werden damit Gott, dem Vater, die Ehre geben. So wie Jesus. Jesus als das große Vorbild meines Lebens. Was heißt das für mich konkret? Wie drückt sich das in meinem Alltag aus? diesen Fragen möchte ich jetzt auf den Grund gehen! 1. Das Resultat Jesus zum Vorbild nehmen. Dass es dabei darum geht, so zu handeln, so zu leben, wie Jesus es getan hat, ist klar. Nur, wie hat er gelebt? Was hat das Leben Jesu ausgemacht? Wir haben da schnell das Bild vom lieben, gnädigen, einfühlsamen Jesus im Kopf. Der, der auf Sünder eingeht, der vergibt, der die Müden, Beladenen und Verwundenten aufnimmt und ihnen neue Kraft gibt. So ist Jesus – auch. Es gibt aber noch viele andere Seiten an Jesus. Jesus, der gerne mit Kindern gespielt und gelacht hat. Jesus, der richtig zornig werden konnte, Einrichtung zertrümmert hat, seine Jünger so klein gemacht hat, mit Hut und Schlittschuhen, der richtig energisch und wütend werden konnte. Jesus, der nie Sünde verharmlost hat, sondern die Wahrheit beim Namen genannt hat. Diesem Jesus sollen wir also ähnlicher werden. Der Text gibt uns in Vers 27 auch direkt den entscheidenden Hinweis, wie das gehen kann: „Aber das Entscheidende ist: Lebt so, dass es im Einklang mit dem Evangelium von Christus steht!“ Es geht hier um die Praxis, um den praktischen Lebensvollzug. Nicht um Theorie und schöne Lippenbekenntnisse. Nehmen wir den Schlagzeuger aus meinem Beispiel am Anfang. Ich habe mein Ziel nie erreicht, auch nur ansatzweise so spielen zu können wie er. Ich habe ihn bewundert, mir seine CDs x-mal angehört, habe mit Videoaufnahmen von ihm angesehen – aber dummerweise war ich ein fauler Hund, der nicht geübt hat. Und somit konnte ich meinem Vorbild nicht nacheifern. All die Träume, all das Schwärmen, all das Beobachten – das hat alles gar nichts gebracht, weil es Theorie geblieben ist, ich bin nicht zur Praxis durchgedrungen. Um mein Ziel zu erreichen, hätte ich etwas unternehmen müssen. Und genau so ist es mit Jesus auch: Ihn zu bewundern, zu sagen und zu bekräftigen, was für ein toller Mensch er doch war, wie gut er mit Leuten umgegangen ist – bringt alles rein gar nichts, wenn wir nicht aktiv werden und, wie Paulus es nennt, unser Leben in Einklang mit dem Evangelium bringen. Darauf kommt es an! Ich möchte es heute mal umgedreht machen wie sonst üblich. Anstatt mir zuerst anzusehen, was es praktisch bedeutet, dem Evangelium gemäß zu leben um dann zu sehen was es bringt, fange ich jetzt mit den Konsequenzen an und wende mich dann im nächsten Schritt der praktischen Umsetzung zu. Weil es der Text genau so macht. Denn in Vers 27 nennt Paulus 2

die zwei Auswirkungen, die aus einem evangeliumsgemäßen Leben folgen, und ich möchte sie jetzt mal beleuchten. Die Erste lautet: Wenn wir leben wie Jesus, werden wir einmütig zusammenstehen. Im Epheserbrief nennt Paulus das: ihr seid ein Leib! Wir sind eine Einheit, ein Team, eine krasse Herde, wie es in einem Animationsfilm heißt. Wenn wir als Gemeinde und als Geschwister als einzelne so leben wie Jesus, dann ist eine direkte Konsequenz davon, dass wir einmütig zusammenstehen. Und das wiederum ist eine lebenswichtige Sache für eine Gemeinde. Schön demonstriert bekommt man das in einem ganz weltlichen Umfeld: jeden Samstag auf dem Fußballplatz. Ich war ja einige Zeit als Schiedsrichter unterwegs und konnte dabei ein Phänomen immer wieder beobachten: Wenn eine Mannschaft anfängt zu maulen, zu meckern, sich selber zu zerfleischen, dann hat sie das Spiel schon so gut wie verloren. Besonders wenn es einmal nicht so läuft, wie es sich ein Team wünscht, wenn man in Rückstand gerät, womöglich noch durch einen dummen Abwehrfehler, dann ist der Zusammenhalt im Team entscheidend dafür, ob die Mannschaft noch die Chance hat das Spiel zu drehen oder ob sie untergeht. Wenn die Spieler anfangen, zu meckern (das beginnt immer beim Schiri, greift dann auf den Gegner und schließlich auf die eigenen Mannschaftskameraden über), dann können sie nicht mehr die Leistung bringen, die nötig wäre. Wenn die Mannschaft allerdings geschlossen zusammensteht, sich motiviert, sich gegenseitig anspornt und eben nicht auf dem Anderen und den vermeintlichen Fehlern rumhackt – dann ist noch alles möglich. Ich habe ein Spiel erlebt, in dem eine Mannschaft durch diese Moral tatsächlich noch ein 0:3 gedreht hat und das Spiel mit 5:3 gewann – unter anderem auch deshalb, weil der Gegner genau gegenteilig gehandelt hat. Ab dem zweiten Gegentor ging das Gemaule los. Und damit auch die Niederlage. Und dieses Prinzip gilt auch zu 100% für die Gemeinde Jesu, da bin ich von überzeugt. Wenn es uns gelingt, zusammenzustehen, auch wenn es mal nicht so läuft, wenn individuelle Fehler passiert sind. Auch wenn sich Leute bei uns etwas zu schulden kommen lassen, wenn wir Druck von außen verspüren, wenn wir durch schwere Zeiten gehen. Auch wenn wir nichts dafür können, wenn uns Schicksalsschläge beuteln, ohne dass man dafür eine bestimmte Person oder Gruppe verantwortlich machen könnte, kann das die Stimmung negativ beeinflussen. Ein Leben wie Jesus kann das verhindern. Dieser Zusammenhalt, dieses einmütige Zusammenstehen ist absolut lebenswichtig für uns! Wir leben von unserer Stimmung, von unserem Zusammenhalt. Das ist unsere große Stärke. Wenn wir zulassen, dass diese Stärke nachlässt, sich Streit, Zwist und Ärger bei uns breit macht, ist das der Tod im Topf. Wir müssen alles daran setzen, uns diese Stärke nicht nur zu erhalten, sondern sie noch weiter zu hegen, pflegen und auszubauen. Als zweite Konsequenz aus einem Lebensstil, der darauf bedacht ist, Jesus ähnlicher zu werden, nennt Paulus hier folgendes: „Ihr werdet Seite an Seite für den Glauben kämpfen, der sich auf das Evangelium gründet, und werdet euch durch nichts von euren Gegnern einschüchtern lassen“. Da dieses „Kämpfen“ hier sehr rabiat klingt, könnte man es auch folgendermaßen übertragen: ihr werdet Hand in Hand für das Reich Gottes arbeiten. Ihr werden alle an einem Strang ziehen, um die gute Botschaft von Jesus in die Welt zu tragen. Da unsere Damen heute ja zum Großteil nicht hier sein können, habe ich mir erlaubt, noch ein eher männliches Beispiel zu wählen: Tauziehen. Ihr schmunzelt, aber wusstet ihr, dass die Deutsche Nationalmannschaft Weltmeister im Tauziehen ist? Ja, es gibt wirklich eine Nationalmannschaft der Tauzieher. Tauziehen ist eine sehr lustige Angelegenheit, aber das funktioniert nur, wenn wirklich alle an einem Strang ziehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Tauziehen ist noch mehr ein Mannschaftssport als Fußball. Stellt euch mal eine Tauziehermannschaft vor, in der nicht alle in die selbe Richtung ziehen: Die einen ziehen in die richtige Richtung, andere dagegen schieben das Seil eher von sich weg, wieder andere versuchen das Seil zur Seite wegzuschleppen, der Nächste ist ganz begeistert von der Idee, zu 3

versuchen, einen Knoten in das Seilende zu machen und der letzte Spieler versucht gar, das Seil durchzuschneiden. Diese Mannschaft wird kein Duell gewinnen, garantiert nicht. Und das gilt auch für uns. Wenn wir in unserer Gemeindearbeit alle in verschiedene Richtungen ziehen, dann haben wir keine Chance, unser Ziel, Jesus bekannt zu machen und seinen Namen groß zu machen zu erreichen. Was wollen wir als Gemeinde eigentlich? Was sind unsere Ziele? Warum veranstalten wir Kinderstunde, Teenkreis, Seniorenkreis, Gottesdienst und Frauenkreis? Warum gibt es unsere Gemeinde? Warum stecken wir hier so viel Geld, Herzblut und Energie hinein? Darüber sollten wir uns klar werden. Wollen wir ein Kuschelklub sein, der sich selber feiert und es sich möglichst gemütlich macht? Wollen wir hier unsere Freunde treffen und gut unterhalten werden? Oder wollen wir Menschen zu Jesus führen? Selber im Glauben wachsen? An dieser Stelle möchte ich noch mal an unser Gemeindeleitbild erinnern. Leider ist es noch nicht so präsent in unseren Köpfen wie ich das gerne hätte. Denn diese 5 Punkte treffen unsere gemeinsame Basis in meinen Augen sehr genau. Das sind unsere Ziele für die Gemeindearbeit. An ihnen muss sich unsere Arbeit messen lassen. Lasst sie uns immer wieder neu bewusst machen. Alle Arbeit hier in der Gemeinde sollte zur Ehre Gottes geschehen und um seinen Namen groß und bekannt zu machen. Hinterfragt euch und richtet euch neu aus, damit wir alle an einem Strang ziehen! Und das gilt auch dann, wenn wir von außen angegriffen werden. Dann ist es ein Geschenk Gottes, das aus einem jesusmäßigen Leben resultiert, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Ein schönes Beispiel dafür ist eine kleine Begebenheit, die sich letzte Woche ereignet hat. Wir haben am Zaun der Stockmühle ein Schild anbringen lassen, das Passanten über unser Bauvorhaben und unsere Kreise informieren soll. Dabei wurde Gerd von einer älteren Frau angesprochen, dass der Begriff Jungschar ja wohl sehr an die Nazizeit erinnern würde und gar nicht gehe! Das ist sachlicher Unsinn. Und trotzdem hätten wir uns hier einschüchtern lassen können und das Schild abnehmen oder ändern können. Haben wir aber nicht. Werden wir auch nicht. Es ist wichtig, solche Kritik zu prüfen. Aber wenn sie als haltlos erkannt wird, müssen wir uns ein dickes Fell zulegen und uns nicht einschüchtern lassen. Denn vor allem wenn es nicht um solche Nebensächlichkeiten wie den Namen einer Gruppe geht, sondern um die Kernfragen unseres Glaubens, dann dürfen wir nicht zurückweichen. Die Menschen werden sich immer über die Unerhörtheit der christlichen Botschaft aufregen. Aber hier ist es ein Resultat des jesusmäßigen Lebens, dass wir darüber stehen können und weiter ganz entschieden für Jesus eintreten. 2. Die Praxis So, und jetzt bleibt noch, was denn dieses Leben wie Jesus eigentlich ist. Wie gesagt, hierfür könnte und müsste man eigentlich auch alle vier Evangelien mit dazu heranziehen. Können wir hier aber nicht, darum beschränken wir uns mal darauf, was Paulus in diesem Text so nennt. Und selbst hier werden wir nicht alles schaffen. Darum beschränke ich mich mal auf die positiven Merkmale im Text. In Vers 1 heißt es: „es ist euch wichtig, einander im Namen von Christus zu ermutigen“ Einander zu ermutigen, das ist eine jesusmäßige Eigenschaft. Und wunderbar praktisch. Ich ermutige einen anderen Menschen, indem ich mich darauf konzentriere, seine Gaben zu entdecken und sie ihm dann auch zu spiegeln. Ich bin mit 15 Jahren zum ersten Mal als Mitarbeiter auf eine Jungscharfreizeit gefahren. Und ein wichtiger Programmpunkt auf diesen Freizeiten war die Fortsetzungsgeschichte. Jeden Abend wurde ein Teil eines Buches erzählt, so dass an den 9 Abenden der Freizeit das Buch dann komplett erzählt war – erzählt, nicht vorgelesen. Und ich weiß nicht wie, irgendwie bin ich zu dieser Aufgabe gekommen. Und ich hatte echt Angst davor, denn so was hatte ich ja noch nie gemacht. Aber nach der Freizeit habe ich von 3 Mitarbeitern gesagt bekommen, dass ich ganz toll erzählt hätte und ich da wohl eine Gabe habe. Das hat mich sehr gefreut und

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ermutigt, dies weiter auszuprobieren – und heute kommt es euch vielleicht ein wenig zu Gute, wenn ich hier auf der Kanzel stehe. Also: schaut bei anderen Menschen hier ganz genau hin – aber nicht, ob sie Fehler machen, sondern ob sie etwas gut können. Und dann sagt es ihnen. Tröstet sie bei Rückschlägen, lobt sie, wenn etwas gut gemacht wird. Auch hier kann ich ein persönliches Beispiel zum Besten geben. Wie ich ja schon mehrmals betont habe bin ich handwerklich nicht sonderlich geschickt. Darum habe ich auch immer ein wenig Angst vor den Einsätzen in der Stockmühle. Die Aufgaben, bei denen man nichts können muss, wie zum Beispiel das Tapetenentfernen, sind größtenteils alle erledigt und die Depperlesaufgaben, die es noch gibt, schnappt mir Gerd weg. So habe ich immer ein wenig Bammel, nichts auf die Reihe zu kriegen. Und letzte Woche sollte ich dann zuerst das Schloss vom Tor ausbauen. Mit etwas Hilfe habe ich das dann auch hingekriegt, aber als nächstes sollte ich den Briefkasten aufhängen. Da wurde mir heiß und kalt. Aber ich habe es versucht und – es tatsächlich hinbekommen. Er hängt sogar heute noch! Und dann hat mich Wolfram auf eine sehr eigenwillige Art und Weise gelobt, die mir wirklich gut getan hat. Er hat mich angeschaut und gemeint: Du hast das echt geschafft? Etwas ungläubig. Aber da ich Wolfram kenne, habe ich das als echtes Lob gewertet. Und dieses Lob hat mir echt Mut gemacht, so dass ich auch gestern sehr froh zu Werke gehen konnte. Ich werde nie ein handwerklicher Held werden. Aber dieses Lob hat mich ermutigt und gestärkt. Darum passt ermutigen dazu, zu leben wie Jesus. In Vers 1 findet sich auch ein zweites Merkmal: „Es ist euch wichtig, euch gegenseitig mit seiner Liebe zu trösten“. Es gibt ja ganz unterschiedliche Möglichkeiten, auf das Leid meines Gegenübers zu reagieren. Eine Variante ist: ich hole den Werkzeugkasten raus und präsentiere Lösungen. Eine andere: ich versuche, das Problem klein zu reden. Der Andere soll sich mal nicht so anstellen, so schlimm kann es doch nicht sein. Die erste Möglichkeit ist selten richtig, die zweite noch seltener. Den anderen mit der Liebe Jesu zu trösten ist in meinen Augen etwas anderes. Klar, auch Jesus hat seinen Jüngern mal den Kopf gerade gerückt, aber das war eine seltene Ausnahme. Sich gegenseitig in seiner Liebe zu trösten bedeutet für mich, vor allem zwei Dinge: Mitgefühl zeigen und einfach da sein. In der Zeit, wo es uns nach Michas Fehlgeburt wirklich schlecht ging, gab es eine Reaktion, die uns besonders gut getan hat. Ein Freund von uns sagte am Telefon nach kurzem Schweigen einfach nur: Oh Mann, ich weiß nicht was ich sagen soll. Es tut mir unglaublich leid für euch. Soll ich euch besuchen kommen? Braucht ihr mich? Das war einfach gut. Keine Tipps, kein Kleinreden nach dem Motto, „Naja, du bist ja noch jung, kannst ja noch Kinder bekommen“ oder „Stell dich nicht so an, es war ja noch gar kein Kind!“. Sondern einfach nur da sein und das Angebot, uns mal kräftig in den Arm zu nehmen und eine Schulter zum ausweinen zu bieten. Ich glaube, dass ist es, was es in den allermeisten Fällen bedeutet, in seiner Liebe zu trösten. Mitgefühl zeigen und einfach für den anderen da sein. Und liebe Männer, das tolle ist, das geht auch ohne Worte. Die fallen uns ja oftmals schwer in solchen Situationen. Beim Umarmen, beim Trösten muss man nicht reden. Man muss nur da sein. So wie Jesus. Und dann findet sich in Vers 4 noch eine interessante Aussage: „Jeder soll auch auf das Wohl der anderen bedacht sein, nicht nur auf das eigene Wohl.“ Wie heißt es so schön in einem Lied aus unserem Gemeinschaftsliederbuch: Erst komm ich und dann komm ich! Das ist oftmals das Motto der Menschen. Und ganz ehrlich, jeder von uns denkt doch hin und wieder einmal so, oder? Ich tue es. Und eigentlich ist es doch auch nicht sooo schlimm, oder? Ich gehe in eine Gemeinde, weil ich mich dort wohlfühlen will. Weil ich die Musik und die Leute mag. Weil die Predigt mir was für meinen Glauben bringt. Das sind doch Aussagen, denen die meisten von euch jetzt zumindest vorsichtig mit einem verhaltenen Nicken zustimmen würden, oder?

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Ich habe mal gezählt. In meinen letzten Aussagen steckte 6 Mal das Wörtchen ich, meiner mir mich. Wie ist das mit der Aussage vereinbar, dass wir auf das Wohl des anderen bedacht sein sollen? Ich denke, es geht hier um die Gewichtung. Natürlich habe ich Bedürfnisse und Vorlieben. Wenn ich diese nur ignorieren würde, dann würde ich wahrscheinlich irgendwann eingehen wie eine Blume ohne Wasser. Aber Paulus fordert hier ja auch nicht dazu auf, ganz auf unser Wohlergehen zu verzichten, sondern er sagt, wir sollen es erst einmal nicht ganz vorne an stellen. Denn wenn es nach mir ginge, würde in dieser Gemeinde einiges anders aussehen. Mein Musikgeschmack deckt sich nicht wirklich mit der Art von Musik, die wir hier machen. Ich würde auch eine andere Gottesdienstzeit bevorzugen und die Predigten hätte ich gerne etwas kürzer. Und auch in der Stockmühle würde ich gerne manche Dinge ganz anders machen, als sie jetzt geplant und beschlossen sind. Warum bin ich noch hier? Wenn doch alle so schrecklich ist? Ist es ja gar nicht. Denn wenn alles genau so wäre, wie ich es haben wollte, dann wäre das hier vielleicht eine ChrisGemeinde – aber nicht mehr eine Gemeinschaft, die möglichst viele verschiedene Menschen anzieht. Dann würde ich mich wohlfühlen – und außer mir nur noch einige Wenige, die genau so verrückt sind wie ich. Klar hätte ich beim Lobpreis gerne Schlagzeug und E-Gitarrre. Aber das würde nicht passen. Die Musik wie wir sie jetzt haben ist gut. Und so könnte ich jetzt jedes Beispiel durchgehen. Es ist die Aufgabe von jedem Einzelnen von uns, seine Wünsche zurückzustellen und zu schauen, was für den anderen oder für die Gemeinde als Ganzes gut ist. Das gilt dann für alle Gruppen der Gemeinde: Die Studenten müssen Rücksicht nehmen auf die Familien mit Kindern, die Alten auf die Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung und der Prediger in seiner Länge eben den Gepflogenheiten der Gemeinde. Das heißt nicht, dass wir uns nicht verändern dürfen. Veränderung beginnt gerade da, wo ich auf den anderen Rücksicht nehme, denn wenn er es gleichzeitig bei mir tut, können wir uns langsam und gemeinsam voranbewegen und eine Lösung finden, die für alle passt. Denn dann wird unsere Gemeinde zu einem Ort, wo sich jung und alt, arm und reich und was es sonst noch für Gegensätze gibt, wo sich eben alle zu Hause, wohl und angenommen fühlen. Rücksicht klingt immer so nach Zurückstecken. Aber Rücksicht ist einfach die Übersetzung des lateinischen Wortes Respekt. Und das passt doch. Ich möchte mein Gegenüber hier in der Gemeinde respektieren, ihm Respekt erweisen. Denn ich sollte eben nicht fragen: Was will ich? Sondern zuerst: Was tut dem andern gut? Dann leben wir wie Jesus. Jetzt steht ja noch die Frage im Raum: Warum ist genau das „wie Jesus“? Und gerade hier gibt der Text die Antwort: Weil es für sein Wohl schöner gewesen wäre im Himmel zu bleiben. Ist er aber nicht. Jesus hat seine Vorzüge aufgegeben, um uns zu dienen, um uns zu retten. Für ihn wäre es unendlich viel schöner und besser gewesen, in der Herrlichkeit des Vaters zu bleiben, weiter zu herrschen und zu regieren. Aber er hat sich klein gemacht. Er hat sich selbst erniedrigt. Und uns vorgelebt, wie wir leben sollen. Das sagt Vers 5. Und dann folgt ja noch dieser bombastische Christushymnus. Der uns noch viel mehr motivieren müsste, so leben zu wollen, wie Jesus es getan hat. Weil wir dort sehen können, was er getan hat für uns, das sollte uns alleine schon zur Dankbarkeit treiben. Und weil wir in diesen Versen sehen, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. So wie Jesus. In Perfektion werden wir das erst im Himmel schaffen. Aber hey, das ist besser als bei jedem menschlichem Idol: denn die werde ich wahrscheinlich nie erreichen. Ich möchte uns Mut machen, dass wir uns auf den Weg machen, ihm hinterher – um zu sein wie Jesus! Amen!

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