Predigt zu Mt 2,1-12 Pfarrer Peter Fischer; 2012

Die „heiligen drei Könige“. Als ich in Bamberg studiert habe, da erzählte man sich folgende Begebenheit. In der Vorlesung „Neues Testament“ fragte ein Student den Professor, den ich später auch noch kurze Zeit genossen habe, wie es sich denn nun verhalte mit den „heiligen drei Königen“. Darauf lümmelte er sich – wie üblich – auf sein Pult, bog das Mi krofon brachial zurecht und nuschelte mit seiner unverwechselbaren Stimme ins Mikrofon: „Heilige? Drei? Könige?“. Was für die einen scheinbar eine Selbstverständlichkeit geworden ist – wie sich schon an der Bezeichnung für diesen Tag heute im Kalender zeigt –, das versah er mit Fragezeichen – drei an der Zahl. Generell gilt: So manches, was für viele eine feste Konstante in ihrer Frömmigkeit ist, das ist von der Bibel her mehr oder weniger stark infrage zu stellen. Gerade die Erzählung von den Magoi aus dem Osten, die nach Betlehem kommen, ist ein deutliches Beispiel, wie eine Volksfrömmigkeit, die zu viel wissen will, einerseits und Bewegungen vom Stil Die-Bi bel-hat-doch-Recht andererseits den Sinn einer biblischen Erzählung verdecken können. Vorweg also: Nicht nur bei Lukas, sondern auch bei Matthäus sind die Erzählungen rund um die Geburt Jesu nicht historischer Bericht, sondern erzählende Theologie. Was ist nicht alles gesucht worden in astronomischen und sonstigen Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit nach dem besonderen Stern, der da aufgegangen sein soll. Dass man da nicht recht fündig wird, ist für mich nicht verwunderlich. Wenn man den Stern von Betlehem von seinem Ursprung her finden will, dann darf man nicht in astronomische Aufzeichnungen schauen, dann muss man in die Bibel schauen und den Sternenhimmel voll Verheißung, den die Bibel aufspannt. Dann wird man recht schnell fündig, im vierten Buch unserer Bibel, dem Buch Numeri. Da heißt es im 24. Kapitel, in der Erzählung vom Seher Bileam und seinen Visionen: Spruch dessen, der Gottesworte hört, der die Gedanken des Höchsten kennt, der eine Vision des Allmächtigen sieht, der daliegt mit entschleierten Augen: Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. Wer jetzt noch – von unserer Adventskantate „Lichter der Hoffnung“ her – den Satz erwartet „Er wird Richter sein über alle Völker.“, den muss ich einerseits enttäuschen, dass ◂1▸

dieser Satz nicht auch in der Bibel steht, andererseits können die an die zitierte Vision des Sehers Bileam anschließenden Sätze durchaus in diesem Sinne interpretiert werden. Jedenfalls haben die frühen Christen die alte Bileams-Weissagung auf Jesus Christus bezogen. Und das kommt nicht von ungefähr! Es ist gut möglich, dass man bei dieser Weissagung einmal an König David gedacht hat, den man ja auch auf verschiedene Weise zu Jesus in Bezug gesetzt hat. Sicher ist aber, dass sich Könige Israels immer wieder den Stern als Herrschersymbol zu eigen gemacht haben. Dafür gibt es gerade in den Jahrhunderten um die Zeitenwende Belege: da ist ein Alexander Jannäus zu nennen, der Ende 2., Anfang 1. Jhdt. v. Chr. herrschte. Auch König Herodes d. Gr. hat den Stern als Herrschersymbol auf Münzen prägen lassen. Und schließlich hat Simon bar Kochba, der im 2. Jahrhundert n. Chr. einen Aufstand gegen die Römer wagte, den Stern als Zeichen seines messianischen Herrschertums und Anspruchs auf Münzen prägen lassen. Mit dem Stern verbanden sich also zur Zeit der Geburt Jesu herrscherliche und sogar messianische Gedanken und Ansprüche. Es ist daher nicht ein Unvermögen der Magoi aus dem Osten, wenn sie nicht gleich nach Betlehem kommen, sondern erst in Jerusalem vorbei schauen. Matthäus setzt bewusst den Möchte-gern-Stern Herodes mit dem wahren Stern Jesus Christus in Kontrast. Und wenn dann noch indirekt davon gesprochen wird, dass Betlehem angesichts von Jerusalem eher klein und unbedeutend ist, dann klingt die Zeile aus dem Magnifikat an: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“; diese Zeile ist ja letztlich auch ein alttestamentliches Zitat. Für Matthäus war die Erzählung vom Stern jedenfalls ein Bekenntnis: Jesus Christus allein ist der wahre König, er ist der Messias, der Retter der Welt. Übrigens war den frühen Christen der Bezug zur Bileams-Weissagung durchaus bewusst. So fand man in christlichen Katakomben in Rom eine Darstellung Bileams, der auf einen Stern zeigt – eindeutig dort ein Symbol für Jesus Christus. Und auf Sarkophag-Reliefs, die die Anbetung des Christuskindes durch die Magoi aus dem Osten zeigen, ist Bileam manchmal neben Maria zu sehen. Was ich an der Begegnung zwischen den Magoi aus dem Osten und König Herodes auch interessant finde, ist der Blick in die Bibel, von dem dort erzählt wird. Sie ist – ob man das nun hören will oder nicht – Offenbarung von Gottes Willen und Gottes Verheißung. Es ist nur die Frage, sie richtig zu lesen und vor allem an den wichtigen Perlen nicht vorbeizuge hen. Herodes und seine Schriftgelehrten erscheinen hier wie jene, die zwar alles Wichtige ◂2▸

und Notwendige in der Hand haben, aber davon keinen Gebrauch machen. Wie jene, die sich ihr eigenes Bild zurecht gezimmert haben, dabei blind und taub waren für Gottes wirkliche Wege und nun kalt erwischt werden. Schauen wir uns nun aber diejenigen an, die da aus dem Fernen Osten kommen. Über ihre Anzahl schweigt die Bibel – das ist auch völlig ohne Belang. Könige waren es sicher nicht, auch wenn sie königliche Geschenke dabei haben. In der griechischen Originalfassung des Neuen Testamentes steht „magoi“. Man könnte also – recht wörtlich – mit „Magier“ übersetzen. Doch schwingt da bei uns „Zauberer“ und „Magie“ mit, und das ist bei Matthäus sicher auch nicht gemeint. Oft findet man die Übersetzung „Sterndeuter“ – aber das ist eine sehr weite Übersetzung, denn sternenkundig waren viele gescheite Menschen in den alten Hochkulturen. Schon allein die Kalenderberechnung erfolgte ja mit Hilfe von Himmelsbeobachtungen. Dreht man das Rad der Geschichte von der Geburt Jesu rund 500 bis 600 Jahre zurück, dann stößt man im alten Persien, mit dem Israel damals stark verbunden war, auf „magoi“: es sind dort die Priester, die so bezeichnet werden. Und das trifft es für mich auf den Punkt: Diese fremdländischen Priester verlassen ihren eigenen Tempel und damit ihren eigenen Gott, kommen ins Land Israel und knien vor dem Christuskind nieder. Eine ganz tiefschichtige Aufnahme der alten Hoffnung darauf, dass einmal die Völker sich von ihren eigenen Göttern abwenden, ins Land Israel kommen und dort den Gott Israels als ihren ei genen annehmen und verehren. Zum Beispiel im Buch Jesaja findet sich diese Erwartung. Und der Evangelist sieht sie mit dem, was sich nach Ostern ereignet hat, erfüllt: Ehemalige Heiden bekehren sich zu Jesus Christus und damit zum Gott Israels. Die Magoi aus dem Osten sind quasi die Vorboten dieser neuen Bewegung nach Ostern. Die alte Vision ist nicht mehr nur ein Traum, sondern Realität – wenn auch anders, als man sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Nicht Jerusalem und der Tempel werden zum Ziel der Völkerwallfahrt, sondern das Bekenntnis zu Jesus Christus, das an allen Orten dieser Welt lebbar ist, tritt in den Mittelpunkt. Nicht mehr ein heiliger Ort ist wichtig, sondern die weltumspannende Gemeinschaft der Christus-Gläubigen. Wichtig ist für mich noch die Notiz, dass die Magoi aus dem Osten „von sehr großer Freude erfüllt“ wurden, als sie an der Geburtsstätte Jesu ankamen. Ein Präludium jener Freude, die viele Menschen von Jesus Christus her spüren durften und dürfen. Was kann das alles für uns heute bedeuten?

◂3▸

Wenn ich auf mich selber schaue, dann empfand ich es immer als Bereicherung für meinen eigenen Glauben, wenn mir innerbiblische Zusammenhänge klar geworden sind. Denn das verbindet mit dem Glaubens- und Hoffnungshorizont jener Menschen, die hinter der Bibel stehen und darin Zeugnis ihres Glaubens und ihrer Hoffnung gegeben haben. Dieses Zeugnis ist stets gespeist aus den Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben und die in Form von Bekenntnis oder eben Erzählung in die Bibel eingeflossen sind. Auf das heutige Evangelium angewendet bedeutet dies: Nicht der Stern hat Matthäus zum Bekenntnis geführt, dass Jesus der Retter der Welt ist, sondern dieses Bekenntnis hat dazu geführt, dass Matthäus uns vom Stern und den Magoi aus dem Osten, die nach Betlehem kommen, erzählt. Gespeist ist dieses Bekenntnis, das uns Matthäus so wunderschön ausmalt, aus den realen Erfahrungen mit Jesus und seiner Auferstehung und den Ereignissen nach Ostern. Was hätten wir davon, wenn damals wirklich ein besonders heller und wandernder Stern am Himmel zu sehen gewesen wäre und wenn wirklich magoi aus dem Osten nach Betlehem gekommen wären? Wir könnten staunen und es als längst vergangenes Ereignis bewundern. Mehr aber nicht. Und wenn dann einer diesen Stern oder die ganze Erzählung infrage stellt oder sogar widerlegt, dann sind wir erschüttert und fangen an, an unserem Glauben zu zweifeln, weil wir letztlich auf Sand gebaut haben. Ich wiederhole noch einmal: Nicht der Stern hat Matthäus zum Bekenntnis geführt, dass Jesus der Retter der Welt ist, sondern dieses aus den Erfahrungen mit Jesus und seiner Auferstehung und den Ereignissen nach Ostern gewonnene Bekenntnis hat dazu geführt, dass Matthäus uns erzählt vom Stern und den Magoi aus dem Osten, die nach Betlehem kommen. Dieses Bekenntnis ist der historische Kern, an dem sich nicht rütteln lässt – und darauf dürfen wir unseren Glauben bauen. Von dieser Einsicht her und in Verantwortung vor einem mündigen Glauben wird man so manche Selbstverständlichkeit in Volksfrömmigkeit und Volksglaube hinterfragen müssen, damit der eigentlich tragende Grund und die eigentlich tragenden Erfahrungen mit Gott und die damit verbundenen Hoffnungen auch für uns deutlich werden. Vor allem wird man sich aber von allen Die-Bibel-hat-doch-Recht-Bemühungen fernhalten – denn die sind letztlich von der Angst, und nicht vom Vertrauen in Gott geprägt, künden von der Angst, man könnte sich irren, und nicht von der Freude, die Gott dem Glaubenden schenken will.

◂4▸

Sieht man aber diesen Stern und die Erzählung insgesamt als Bekenntnis des Matthäus an, dann wird die Erzählung auf andere Weise lebendig. Gerade dann kann diese Erzählung Nährboden auch für unseren eigenen Glauben und unsere eigenen Hoffnungen sein. Bedenken dürfen wir auch, dass wir selbst ein lebendiger Beleg für die tiefe Wahrheit des heutigen Evangeliums sein dürfen: die wenigsten von uns dürften jüdische Wurzeln haben; vielmehr sind wir ein Beleg dafür, dass sich damals und in späteren Zeiten Heiden dem Glauben an Jesus und den Gott Israels zugewendet haben – in Erfüllung der alten hoffenden Erwartung Jesajas und anderer. Auch wir dürfen so an der tiefen Freude teilhaben, die von Jesus, dem Gottessohn, ausgeht und von der die Bibel immer wieder neu erzählt.

◂5▸