Predigt zu Mk 10,2-12; Gen 2,18-24 Pfarrer Peter Fischer; 2012

Es gibt nicht viele Stellen in den Evangelien, an denen sich Jesus zur Ehe äußert; genau genommen ist es nur eine einzige Begebenheit, die von Markus, Matthäus und Lukas mit leichten Variationen erzählt wird. Und es ist ausgerechnet eine Frage zur Ehescheidung, die uns überhaupt diese Aussage Jesu beschert hat. Jesus blickt für seine Argumentation in das erste Buch unserer Bibel, das Buch Genesis, ganz auf den Anfang, auf die beiden Schöpfungserzählungen. Schauen wir also zunächst nach, was dort steht, schauen wir in die heutige erste Lesung. Gott hat den Menschen erschaffen; doch dieser ist einsam, was Gott – und sicher auch dem Menschen selbst – nicht gefällt. So schreitet Gott zur Tat und erschafft allerlei Tiere. Aber das hilft nicht wirklich weiter. Erst als aus der Rippe des Menschen die Frau erschaf fen wird, ist das Problem Einsamkeit gelöst; aus dem einen Menschen wird Mann und Frau. Dabei ist ein genauer Blick auf die Begrifflichkeit von Belang. Erst als Gott die Frau erschaffen hat, ist die Rede auch vom Mann; vorher immer nur allgemein vom Menschen. Natürlich soll uns hier nicht Biologie-Unterricht erteilt werden – es geht vielmehr um eine theologisch-antropologische Aussage, also eine Aussage dazu, wie der Mensch von Gott her gedacht ist. Der Mensch ist – das ist gleichsam die Überschrift unserer Lesung – auf Gemeinschaft hin geschaffen; Isolation, ob selbstgewählt oder aufgezwungen, widerspricht dem Wesen des Menschen. Das zweite: nur der Mensch ist dem Menschen ein ebenbürtiger Partner. Nur in Gemeinschaft mit anderen Menschen kann ich mein Menschsein entfalten. Mann und Frau sind – das ist das dritte und das will uns gerade die Episode mit der Rippe nahe bringen –; Mann und Frau sind darauf angelegt, wieder ein Fleisch zu werden; das heißt, sie sind zur Ehe berufen, wobei die Bibel unter Ehe ausschließlich die Verbindung von Mann und Frau versteht und sich mehrfach gegen homosexuelle Partnerschaften ausspricht – dazu später mehr. Manche haben mit der Erzählung von der aus der Rippe erschaffenen Frau so ihre Schwierigkeiten, denn man könne – so sagen sie – daraus eine Unterordnung der Frau unter den Mann ableiten; doch daran ist hier in keinster Weise gedacht. ◂1▸



Erstens wird auch der Mann im eigentlichen Sinn erst erschaffen, als aus der Rippe des Menschen die Frau erschaffen wird; denn bis dahin ist ja nur die Rede vom Menschen, nicht aber vom Mann.



Zweitens heißt es zwar im Mund Gottes „Ich will eine Hilfe erschaffen“; doch bezieht sich dies auf die Überwindung der Einsamkeit, nicht auf irgendwelche Funktionen im Zusammenleben.



Drittens steht das hebräische Wort für „Hilfe“, das hier gebraucht wird, im Alten Testament immer wieder besonders auch für die Hilfe Gottes dem Menschen gegenüber.



Viertens wird die Einsamkeit ja gerade dadurch überwunden, dass beide Partner sich ebenbürtig gegenüber stehen. Ein Tier z. B., das zwar verschiedene Funktionen übernehmen kann, aber kein Mensch ist, ist ja gerade kein dem Menschen angemessener Partner! Analoges gilt etwa für Roboter, das Fernsehen etc.



Schließlich aber heißt es – unseren Textabschnitt abschließend –: „Der Mann verlässt Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau.“ Das widerspricht der damals üblichen Heiratspraxis, bei der in der Regel die Frau ihr Elternhaus verlassen hat und zum Mann gezogen ist. Durch diese pointierte Umkehr unterstreicht unsere Bibel, dass bei beiden – Frau und Mann – die bisherigen Beziehungen in den Hintergrund treten, dass also die Ehe eine gegenseitige Bindung zweier gleichberechtigter Menschen ist, die alles andere relativiert. Ein einseitiges Geheiratetwerden oder gar ein Verheiratetwerden durch die Familie oder durch Sekten widerspricht nach unserer Bibel dem Wesen des Menschen.

Kehren wir nun nach diesem Ausflug ins Alte Testament zu Jesus zurück. Zur Zeit Jesu gab es in den theologischen Schulen Diskussionen zur Ehescheidung. Diese war nach dem jüdischen Gesetz möglich. Gestritten wurde, was genau eine Ehescheidung rechtfertigen würde. Da gab es unter anderem sogar die Auffassung, dass eine misslungene Suppe ausreichen würde. Kurzum: die Ehe hatte in den Augen mancher keinen hohen Stellenwert und man konnte – wenn man nur den richtigen Rabbi fand – recht schnell aus ihr frei kommen. Jesus beteiligt sich nicht an der Diskussion um mögliche Gründe für eine konkrete Ehescheidung; er setzt viel grundsätzlicher an. Eine Ehescheidung ist – so interpretiert er die Schöpfungserzählungen unserer Bibel – von Gott schlicht nicht vorgesehen: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch dieses Gebot gegeben“, sagt Jesus. Jesus geht also einen Schritt zurück, hin zur Frage, warum es überhaupt Ehescheidungen gibt.

◂2▸

Er will das Unheil an der Wurzel packen; und richtet daher seinen und unseren Blick auf Hartherzigkeit und Lieblosigkeit im Umgang miteinander. Jesus unterstreicht: Der Mensch ist zu Gemeinschaft und Liebe geschaffen, nicht zu Hartherzigkeit und Lieblosigkeit, die den anderen zu einer umtauschbaren Sache herabsetzt. Ehe ist was anderes als das Benutzen eines Autos, das man nach einiger Zeit ausmustert, um sich ein neues anzuschaffen; Ehe ist die engste Verbindung, die ein Mensch eingehen kann, und grundsätzlich unlösbar. So sieht es Jesus. Was kann das alles für uns heute bedeuten? Schaut man sich die Scheidungszahlen unserer Tage an, dann hat die Ehe offenbar eine ähnliche Stellung wie zur Zeit Jesu. In der Nachfolge Jesu hat die Kirche den Auftrag, die Ehe zu fördern und dazu beizutragen, dass sie in besonderer Weise geschützt wird. Immer wieder sieht Kirche sich dem Vorwurf ausgesetzt, sie würde im Rahmen ihres Rollenbildes eine Unterordnung der Frau unter den Mann vertreten oder begünstigen. Das ist aber falsch. Gerade die kirchliche Trauung in ihrer klassischen Form bringt die Ebenbürtigkeit von Mann und Frau zum Ausdruck. Beide werden in gleicher Weise zur freien Bereitschaft zur Ehe befragt; beiden wird das gleiche freie Versprechen zu gegenseitigem Lieben, Achten und Ehren abgefordert. Ferner – und das ist ein ganz interessanter Punkt –; ferner ist es vorgesehen, dass Braut und Bräutigam vom Pfarrer zu Beginn der Trauung in die Kirche geleitet werden. Es ist die Braut, die nicht selten davon träumt, von ihrem Vater oder einem anderen Verwandten oder Freund in die Kirche geleitet zu werden, während der Bräutigam schon am Altar wartet. Man hat‘s halt im Fernsehen schon so oft gesehen und möchte diesen sentimental-romantischen Moment auch für sich haben. Doch die Ehe muss auf mehr gegründet sein als auf Sentimentalität und Romantik. Und vor allem kommt die Unsitte, dass die Braut vom Vater in die Kirche geführt wird, aus einer anderen Ehe- und Rechtsvorstellung: die Braut wird aus dem Rechtsbereich des Vaters in den Rechtsbereich des Mannes übergeben – ganz anschaulich. Kirche steht mit solchen Praktiken zu Recht auf Kriegsfuß – denn sie betont die gleiche Würde der beiden Ehepartner und das darf auch durch sentimental-romantisches Gehabe nicht verdunkelt werden.-Immer wieder wird der Kirche auch vorgeworfen, sie wäre hartherzig und würde gescheiterten Ehepartnern keinen Neuanfang ermöglichen. Das ist ein diffiziles Thema, für das es keine einfachen Antworten gibt. Es gibt natürlich Fälle, wo eine Ehe tatsächlich absolut heillos auseinander gebrochen ist. Ich denke, dass die von Jesus praktizierte Barmherzigkeit hier einen deutlicheren Platz in kirchlichen Regelungen einnehmen muss. ◂3▸

Doch schauen wir genauer hin: Was nach den kirchlichen Vorgaben letztlich zum Problem wird, ist nicht die Scheidung selbst, sondern die Wiederheirat nach der Scheidung. Jesus dagegen setzt mit seinen Aussagen zwei Schritte dahinter an: Es geht ihm nicht um Wiederheirat, und auch nicht um die aktuellen Gründe für eine Scheidung, sondern darum, wieso es überhaupt zu Scheidungen kommt. Die eigentliche Sünde ist nach Jesus nicht die Wiederheirat und auch nicht die Scheidung, sondern die Lieblosigkeit, die an den Tag gelegt wird. Es geht Jesus – wie so oft – um eine dem eigenen Handeln zugrunde liegende Haltung: was bedeutet es für mich eigentlich, eine Ehe einzugehen? mit welcher Ehrlichkeit und Innigkeit binde ich mich an einen Menschen – oder ist Scheitern von vornherein einkalkuliert? Das widerspräche dem Willen Gottes und damit dem Wesen der Ehe. Damit aber wird aus der individual-ethischen Fragestellung zugleich eine gesamtgesellschaftliche. Welchen Wert messen wir als Gesellschaft Ehe und Familie zu? Wie intensiv leben wir unsere Beziehungen? Wie treu sind wir unseren Versprechen gegenüber? Hier bekommt unsere Gesellschaft ein schlechtes Zeugnis! Es ist doch interessant, dass die Scheidungsrate im gleichen Maße zunimmt, wie nicht nur Bindung an Kirche und Religion, sondern auch Engagement in Vereinen und dergleichen abnimmt. Man will sich heute nicht mehr festlegen und binden – Multioptionalität ist das Stichwort und scheinbar das Maß der Dinge. Multioptionalität meint die Haltung, dass man sich alle Möglichkeiten offen halten will, überall dabei sein will, statt sich auf eines oder weniges festzulegen und zu binden. Weiter kommt dazu: Man will nicht auch produzieren, man will nur konsumieren: Nicht Engagement, sondern Unterhaltung steht ganz oben. Dass Ehen und andere Bindungen zerbrechen, das wird man nicht abschaffen können – man muss Wege finden, für alle Beteiligten gut mit Scheitern umzugehen und ehrliche Neuanfänge zu ermöglichen. Es hilft nichts, Scheidungen bzw. Wiederheirat zu verteufeln. Was vielmehr an den Pranger muss, sind die Oberflächlichkeit, die Multioptionalität und die Konsumhaltung in unserer Gesellschaft, die langfristig keine Sieger, sondern nur Opfer produzieren und unsere Gesellschaft über kurz oder lang zugrunde richten. --Immer wieder wird von Kirche auch gefordert, sich der Homo-Ehe zu öffnen; man wirft der Kirche vor, Homosexuelle zu diskriminieren. Ich aber bin der Meinung, dass Kirche Homosexuelle nicht stärker diskriminiert, als es die Natur selbst tut. Es ist durchaus gut zu heißen, dass Homosexualität heute nicht mehr verteufelt wird – dank neuerer Einsichten der Wissenschaft, die früheren Generationen nicht zur Verfü-

◂4▸

gung standen. Wir wissen heute, dass die sexuelle Ausrichtung eines Menschen in der frühen und frühesten Kindheit grundgelegt wird – der Einzelne kann das soweit nicht willentlich beeinflussen. Und es muss – da der Mensch nicht zu Isolation geschaffen ist, sondern zur Gemeinschaft – auch Formen homosexueller Partnerschaft geben. Aber die gleiche Stellung wie die Ehe können solche Partnerschaften nicht haben – und dafür gibt es einen einfachen, schöpfungs-theologsich zu belegenden Grund. Von Gott her ist die Ehe auf Fortpflanzung ausgelegt: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“, sagt Gott zu Adam und Eva. Genau dies ist homosexuellen Paaren auf natürliche Weise nicht möglich. Genau deswegen können ihre Partnerschaften nicht Ehe sein. Übrigens: Auch wenn Mann und Frau zum Traualtar treten, müssen sie versprechen, die Kinder anzunehmen, die Gott ihnen schenken will. Wer Kinder grundsätzlich ablehnt, kann keine kirchliche Ehe eingehen. Weil also schon die Natur selbst homosexuellen Paaren die natürliche Fortpflanzung verweigert, muss die Kirche ihnen die Ehe verweigern. Auch hier muss die Thematik gesamtgesellschaftlich geweitet und vertieft werden. Eine Gesellschaft ist darauf angelegt, sich fortzupflanzen; sonst hört sie auf, zu existieren. Daher steht die für Kinder offene Ehe an der Spitze der menschlichen Partnerschaften; alles andere muss danach und untergeordnet folgen. --Es ist sicher auch kein Zufall, dass in der Abfolge des Markus-Evangeliums nach den Aussagen Jesu zur Ehe die Episode mit den Kindern folgt, die Jesu segnet. An der Haltung zu Kindern kann man sehr viel ablesen! Kinder sind ein Segen für eine Gesellschaft; wo sie nur als Hinderungsgrund für Karriere gesehen werden, oder wo Kindeserziehung eine lästige Pflicht ist, die leichtfertig, gerne und möglichst günstig an andere delegiert wird, da herrschen in einer Gesellschaft die falschen Werte. Stehen wir als Christen mutig für unsere Werte ein – nicht gegen unsere Gesellschaft, sondern für sie.

◂5▸