Predigt zu Lukas 9, 51-55

Predigt zu Lukas 9, 51 - 55 Liebe Gemeinde. Was lernt man im Konfirmandenunterricht? Konfirmandinnen und Konfirmanden von vor 50 Jahren haben w...
Author: Justus Fuchs
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Predigt zu Lukas 9, 51 - 55 Liebe

Gemeinde.

Was

lernt

man

im

Konfirmandenunterricht?

Konfirmandinnen und Konfirmanden von vor 50 Jahren haben wir heute unter uns und junge Damen und Herren, die den größten Teil ihres Konfirmandenjahres schon erlebt haben und in ein paar Wochen konfirmiert werden. Genug Kompetenz haben wir also unter uns, um Antwort auf diese Frage zu bekommen. Eine Bedingung für eine ernst zu nehmende Antwort würde ich allerdings stellen: Die Bedingung, dass die Antwort wahrhaftig ist. Und damit ist schon etwas von dem genannt, was ich selber auf die Frage hin antworten würde, was man im Konfirmandenunterricht lernen sollte: Wahrhaftigkeit. Darum pflege ich in meinem Unterricht heute, wenn ich eine Frage gestellt habe, häufig gleich zu ergänzen: Ich möchte nicht hören, was Ihr meint, dass ich (als Pfarrer) jetzt hören möchte, sondern was Ihr wirklich darüber denkt. Komm, sag es, sprich es aus, was du denkst. Es geht um deine Meinung, um dein Nachdenken, um deine für uns alle wertvollen individuellen Gedanken und Erfahrungen – es geht um dein Leben. Es geht um nicht weniger, als dass das Evangelium in dich selber, dich einzigartigen Menschen, eingehen soll und als Perle und Schatz deines Lebens sich in dich einnisten kann. Darum: Katechismus „rauf und runter“ auswendig lernen – wozu das? Oder vielmehr: Wir hätten dafür noch nicht einmal Zeit,

denn

die

vielen

wunderbaren

Gesprächsbeiträge,

die

Konfirmandinnen und Konfirmanden heute oftmals bringen, benötigten zur angemessenen und bleibenden Vertiefung meist viel mehr Zeit als mir zur Verfügung steht. Wahrhaftigkeit – ich plappere nicht religiös klingende

Sprüche,

werde

auch

nicht

genötigt,

leere,

weil

unverständliche Lehrformeln zu reproduzieren. Wahrhaftigkeit – es geht um mein Leben, mein ganzes; mein Leben mit all seinen Licht- und

Schattenseiten, „dieses“ mein Leben vor Gott, meinem Schöpfer und Heiland. Liebe Gemeinde. Von Menschen, die nach Jesus fragten oder ihn selber spontan anredeten und anfragten, haben wir vorhin in der Schriftlesung gehört. „Ich will dir folgen, wohin durch auch gehst“ schallt es da Jesus eines Tages entgegen aus dem Munde eines Menschen, der ihn offenbar gehört und erlebt hat und von ihm regelrecht begeistert war. „Folgen, wohin du auch gehst“, euphorische Begeisterung, strahlende Augen – und wäre nun nicht zu erwarten, dass Jesus antwortete: Du bist mein Mann, solche Leute kann ich brauchen! Tut er aber nicht, tut Jesus um der Wahrhaftigkeit willen nicht. Denn er kennt uns Menschen, weiß auch, wie verschieden Menschen sind, wie verschieden ihre Gaben und darum auch Aufgaben; und darum bremst er hier, bremst die Euphorie, die blauäugige, und antwortet: Mein Freund, bedenke doch: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber ich habe nichts, wohin ich mich sicher zurückziehen kann, im Gegenteil: Bin auf dem Wege nach Jerusalem, ins Leiden, ins Leiden für dich und diese ganze nach Erlösung sich sehnende Welt und Schöpfung – darum bedenke, worauf du dich da einlässt, mit mir mitzugehen. Seelsorgerlich handelt Jesus hier offenbar, fürsorglich und fast zärtlich. Die andere Szene, die uns vorhin dann in der gleichen Lesung und unmittelbar im Anschluss daran zu Ohren gekommen ist, hat einen ganz anderen Klang. Denn nun geht die Initiative von Jesus aus. Er spricht einen Menschen an, sagt: Du, folge mir nach, komm mit mir! Und als dieser Überraschte dann so antwortet, wie wir von einem jeden anständigen Menschen zu antworten und zu handeln erwarten würden, nämlich: Ich muss zuvor noch meinen Vater beerdigen! – Klammer auf: Der ist offenbar kurz zuvor verstorben, Klammer zu – da schleudert ihm

Jesus entgegen: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber, geht hin und verkündige das Reich Gottes! Wie das? Warum hier diese Schärfe? Kann es sein, dass Jesus hier sagen und zeigen möchte: Es gibt Augenblicke, die nur einmal im Leben da sind, Augenblicke, in denen wir uns entscheiden müssen – und offenbar manchmal auch gegen alles Gewohnte und Erwartete und vielleicht sogar als anständig Geltende. Es gibt Augenblicke, in denen eine Antwort des Glaubens von uns, die wir uns Christen nennen, zu geben ist, die sehr viel Mut braucht. Dann heißt es aus Jesu Mund: Das Tote, das Mutlose, das, was alle sagen und doch nicht wahr ist und noch nie wahr war, das überlass den Toten; du aber, suche Wahrhaftigkeit, frage nach Wahrheit, auch wenn es oft mühevoll ist, gegen den Zeitgeist anzudenken, und zuweilen auch unbeliebt macht, dagegen anzureden. Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes – jene neue Welt, in der Maßstäbe gelten, die uns helfen könnten: Gerechtigkeit; Maßstäbe, die uns heilen könnten: Gnade; Maßstäbe, in denen Gott selber mitten unter uns wohnt: Barmherzigkeit. Die Welt, von der Gott mit uns träumt und seinem Traum ein Gesicht gegeben hat: Jesus Christus – mehr als ein Gesicht dieses Traums, sondern der Beginn seiner Verwirklichung, das Samenkorn, das wächst und wächst und uns einlädt, dass wir unser Leben dieser neuen Welt schon jetzt anvertrauen lernen – der Suche nach Gerechtigkeit, der Liebe zur Gnade, dem Verliebtsein in die Barmherzigkeit. Denn allein unter der Sonne dieser drei vermögen Menschen zu gedeihen und versöhnt zu leben. Liebe Gemeinde. Was lernt man im Konfirmandenunterricht? Eine Antwort: Dem Glauben begegnen und in ihm Christus selber. Im Grunde waren ja auch die Jünger Jesu in einer Art Konfirmandenunterricht und auch die vielen Menschen, die Jesus immer wieder hörten und hören

wollten.

Der

Weg

mit

Jesus:

Eine

Art

länger

andauernder

Konfirmandenunterricht. Und nun begegnet uns eine Begebenheit aus diesem „Konfirmandenunterricht“

- und wenn ich diesen kurzen

Abschnitt aus dem 9. Kapitel des Lukasevangeliums gleich lese, dann werden wir hören, was die verschiedenen „Konfirmanden“ schon bei ihm gelernt und verinnerlicht hatten. Wir hören auf das Evangelium: Es

begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass Jesus in den Himmel aufgenommen werden sollte, da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern. Und er sandte Boten vor sich her; die kamen in ein Dorf der Samaritaner und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber sie nahmen ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. Als seine Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sprachen sie: HERR, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte sich Jesus um und wies sie zurecht. Und sie gingen weiter in ein anderes Dorf. Liebe Konfirmanden, ehemalige und heutige. Hören das Evangelium Jesu ist das Eine, umsetzen in unserem Leben die Maßstäbe Jesu allerdings nicht selten das andere. Die Samaritaner unserer Erzählung, das sind die Einwohner dieses Dorfes im Bergland von Samaria, sie weisen die Bitte Jesu um Aufnahme für eine Nacht schroff ab – und das, obwohl sie Jesus wahrscheinlich schon einmal oder auch viele Male begeistert zugestimmt und zugejubelt haben, vielleicht Feuer und Flamme waren von seinen wohltuenden Worten. Aber nun nicht mehr. Warum das? Einen einzigen Grund nur gibt es dafür. Und ich lese diese Stelle im Evangelium noch einmal, die ihn nennt: „Sie nahmen ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war.“ Jerusalem und Judäa, das war für die Samaritaner ein rotes Tuch. Geschichtlich bedingt hassten sich diese beiden Volksgruppen seid langer Zeit. Und wer zu denen ging, war halt

unten durch. Dieses Phänomen und Verhalten ist den meisten Menschen ja nicht ganz unbekannt. „Die da“ ein rotes Tuch, und darum nun auch du ein rotes Tuch für mich. Verschwinde! Was lernt man bloß im Konfirmandenunterricht,

oder

anders

gefragt:

Was

haben

diese

Samaritaner-Konfirmanden gelernt und von Jesus begriffen? Und nicht weniger die anderen, nun seine nächsten Konfirmanden, seine namhaften Jünger Jakobus und Johannes. So gekränkt sind sie über diese Ablehnung, dass sie bei Jesus die „gute Idee“ vortragen – wahrscheinlich nicht wenig impulsiv, ob man an diesen Leuten und ihrem Dorf nicht am besten ein Exempel statuieren sollte: Feuer vom Himmel und totale Vernichtung, Strafe ohne Nachsicht, Rache für erlebte Kränkung. Historisch betrachtet klingt das dann so: „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der Soldaten und dann die Kanonen sprechen lassen – in der Geschichte des sogenannten christlichen Abendlandes durchaus nicht ganz unbekannt. Liebe Gemeinde. Im Grund ist es ja tröstlich, dass uns von diesen „schrägen“ Menschen und unmöglichen Reaktionen erzählt wird – und das im Evangelium. Tröstlich ist es, weil wir die Chance haben, an dem Unmöglichen und Unheiligen etwas von uns selber zu erkennen – und dann mit Gott ins Gespräch kommen und zu ihm sagen: Lieber Vater im Himmel, so kann ich auch sein! Etwas von dem habe ich auch in mir: (grammatikalisches Stückwerk des Satzes ist gewollt)

Dass ich deinen Namen im Munde führe,

deine Werte und Maßstäbe gut nenne, auch genieße, in der Hoffnung leben zu dürfen, dass du mein Leben trägst und hältst und mir über den Tod hinaus Hoffnung schenkst… aber dann, lieber Vater, wenn es gilt, dem schnellen Vorurteil und der Hetzte und dem Hass gegenüber anderen entschlossen zu widersprechen, dann knicke ich doch oft ein und stimme ein ins „Lied dieser Samaritaner“: Was alle sagen, sage auch

ich: Der Freund meines Feindes ist immer mein Feind. Schlichtes Weltbild. Einfache Parolen. HERR, bewahre mich davor durch deine Liebe, die sich nicht vertreiben lassen möchte, auch wenn Ablehnung und Hass zur Mehrheitsmeinung wird. HERR, gibt mir diesen Mut, ein solcher Zeuge des Glaubens in deiner Nachfolge zu werden. Denn das braucht unsere Welt so dringend. Und auch das andere, HERR, verbanne auch meinem Herzen, oder besser: Heile es aus – das ist der Hass, ausgelöst durch Kränkung; Hass, der sogar noch religiös verbrämt sein kann, Hass, der glaubt, im Namen des Glaubens Gewalt anwenden und Druck ausüben zu dürfen, ja zu sollen. HERR, lehre mich, dass der Glaube ein Geschenk ist, das größte und wertvollste Geschenk, das mir zu Teil werden kann. Aber reines Geschenk. Und darum bitte ich dich: Mache

mir

den

wunderbaren

Glauben

zum

Geschenk,

Konfirmandem, mir „Lebens“konfirmandem ein Leben lang. Amen.

mir