Predigt zu Lukas 11,5-13 Sonntag Rogate Thema: Jesus ermutigt zum Beten

1 Predigt zu Lukas 11,5-13 – Sonntag Rogate – 2011-05-29 Thema: Jesus ermutigt zum Beten Liebe Gemeinde, es ist liegt schon lange Zeit zurück. Als Vi...
Author: Gerhardt Boer
10 downloads 0 Views 43KB Size
1

Predigt zu Lukas 11,5-13 – Sonntag Rogate – 2011-05-29 Thema: Jesus ermutigt zum Beten Liebe Gemeinde, es ist liegt schon lange Zeit zurück. Als Vikar leitete ich in einen Hauskreisabend. Nach dem Gespräch über den Bibelabschnitt sollte der Gebetsteil folgen. Ich fragte, ob einer aus dem Kreis beten wolle. Denn ich wusste, dass sie durchaus offen waren für eine Gebetsrunde. Eine Teilnehmerin reagierte spontan: „Herr Vikar, beten Sie doch bitte, Sie haben das doch gelernt. So mit eigenen Worten zu beten, das kann ich nicht so.“ „Da muss ich Sie enttäuschen“ entgegnete ich. „Im Studium kam das nicht vor. Wir hatten kein Seminar: ‚Wie lerne ich beten?’ “ So oder ähnlich antwortete ich und erklärte: „Wie ein Sohn (oder eine Tochter) mit dem Vater im Himmel reden – das kann ich zuerst deshalb, weil ich als Jugendlicher einen Freund hatte, der persönlich und konkret mit eigenen Worten gebetet hat. Wie dieser Freund mit Gott oder mit Jesus geredet hat, das ist für mich ein Anstoß gewesen, ebenso im Gebet einfach drauflos zu reden.“ So war es bei mir - und jetzt frage ich einmal: Wie ist es bei euch gewesen, die ihr euer Konfirmationsjubiläum begeht? Wer hat euch zum Beten angeleitet? Oder, wie habt ihr zum Beten gefunden? Oder ist euch das Reden mit Gott, mit Jesus eher fremd geblieben? Es wäre wirklich interessant, darüber ins Gespräch zu kommen, aber jetzt reicht dafür nicht die Zeit. Ich vermute einmal: Im Konfirmandenunterricht kam das auch bei euch nicht vor. Gebete waren wohl gelernte Verse, und die können eine wertvolle Hilfe

2

sein. Es gab vermutlich weniger eine Anleitung zum Gespräch mit Gott, so wie ein Kind mit seinen Eltern redet. [Ihr könnt mich gern nachher gern ansprechen und korrigieren, wenn es anders war.] Mit der Nachfrage zum persönlichen Beten möchte ich uns auf Gebetshaltungen einstimmen, zu denen Jesus seine Jünger und alle, die an ihn glauben, auffordert - im Lukasevangelium steht: Jesus ist im Gespräch mit seinen Jüngern und sagte: „Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ - Soweit die Worte von Jesus. (Lukas 11,5-13)

3

Mit den Beispielen zeigt Jesus uns mögliche Gebetshaltungen: 1.

Die Haltung eines Freundes

Vom Wortlaut her ist das gar keine besondere Freundschaft gewesen, die Jesus ins Feld führt. Die Beziehung lief eher nach dem Motto: Ich kenn da einen, der kann mir jetzt vielleicht helfen. Also nichts wie hin und nicht so schnell locker lassen. Bei uns heute verfahren wir danach z.B., wenn man eine Lehrstelle oder einen Ferienjob sucht, oder wenn man irgendetwas von einer Behörde will. Dann läuft das so ähnlich, wie Jesus erzählt. Im Zeitalter von Gefriertruhen dürfte die Situation mit einem unangemeldeten Gast um Mitternacht uns weniger in Verlegenheit bringen. Aber das Prinzip „Ich kenn da einen, der aus der Patsche helfen kann“ - das gebrauchen wir heute noch. Immerhin besaß damals Gastfreundschaft einen absolut hohen Wert. Einem Gast nichts vorsetzen zu können, war einfach völlig daneben. Wenn einer um Mitternacht an der Haustür beim befreundeten Nachbarn klingelte, so war das eine echte Bitte, um aus der Klemme zu kommen. Jesus empfiehlt mit seinem Beispiel: Kommt mit euren Anliegen doch so selbstverständlich zu Gott, wie ihr einen Freund bittet, dass er euch aus der Klemme helfen soll! - Ich frage einmal nach eurer Erfahrung: Wie ist euer Verhältnis zu Gott? Habt ihr ihn schon in der Klemme angerufen? Frei nach dem Motto „Ich kenn da einen“ darfst du dich jederzeit an ihn wenden! Wenn dann von anderen formulierte Gebetsworte passen - wunderbar. Nur oft ist die Klemme, in der du sitzt, eine besondere, und die Worte anderer reichen nicht, um dein Anliegen auszudrücken.

4

Die Hauptsache beim Beten ist: Er kennt uns. In der Konfirmation habt ihr Jubelkonfirmanden das einst mit ihm festgemacht (und vermutlich jeder hier im Raum). Ihr habt ein Ja gesprochen. „Ja, Jesus Christus, du bist der Herr, dem ich vertraue.“ Das ist der Kern des Konfirmationsversprechens. Dieser Jesus ermutigt jeden von euch, die Freundschaft mit Gott auch durch Beten zu pflegen. Du kannst einfach losreden, er hört dich. Du kannst einfach losreden, auch wenn lange Funkstille zwischen ihm und dir war. Der Freund in der Klemme im Beispiel von Jesus motiviert jedenfalls, sich an Gott zu wenden. Der Mann kommt mit seinem Anliegen zum Ziel. Eine weitere Gebetshaltung: 2.

Die Haltung der Nervensäge beim Beten

Jesus: „Das sage ich euch - wenn er (der schon im Bett liegt) auch nicht wegen der Freundschaft aufstehen will, so wird er doch schließlich aus dem Bett steigen und alles Nötige geben - einfach weil der Mann an der Tür keine Ruhe lässt.“ Vermutlich kennen einige eine solche Situation aus der eigenen Erfahrung, wo eine Bitte um Hilfe anfängt zu nerven, wo wir an unsere Grenze der Hilfsbereitschaft kommen. Ich wage zu sagen: Jesus ermutigt uns, so nachdrücklich Gott zu bitten, bis es ihn nervt. Die Situation, die Jesus schildert, ist eindeutig: Es ist definitiv unverschämt, einen Freund, der bereits mit seiner ganzen Familie im Bett liegt, um diese Hilfeleistung zu bitten. Doch wir hören jenen erstaunlichen Satz von Jesus: „Niemals wird er liegen bleiben, er wird aufstehen!“

5

Der Mann ist positiv unverschämt. Überwältigend zuversichtlich. Und so darfst du Gott mit deinen Bitten belagern! Du kannst dir sicher sein: Du nervst Gott nicht. Er freut sich, wenn seine Kinder erwartungsvoll zu ihm kommen. 3.

Die Haltung des Bettlers

Im Bibelwort heißt es: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Ob Jesus bei dieser Aufforderung an die Bettler seiner Zeit gedacht hat? So jedenfalls haben sich viele Bettler damals verhalten. Sie hatten keine andere soziale Absicherung, Betteln war der geordnete und erlaubte Weg, für den Lebensunterhalt zu sorgen. Zuerst baten sie um eine Gabe, wahrscheinlich sehr nachdrücklich; dann gingen sie dem Angebettelten nach und ließen nicht locker. Sie suchten ihn auf und schließlich klopfen sie an die Tür, durch die der Angebettelte soeben entschwunden war. Entweder, weil sie noch nichts bekommen hatten, oder weil sie noch mehr erwarteten. Betteln und Anklopfen hing zur Lebenszeit von Jesus eng zusammen. Jesus erinnert demnach mit seinen Worten: Vor Gott sind wir Bettler. Wir sind darauf angewiesen, dass er uns gibt. Und Gott gibt gerne, manchmal anders als gedacht. Das Wichtige bleibt dann dennoch: Gott verschließt sein Herz nicht. So eindringlich, nachhaltig, nervend wie die Bitten eines Bettlers – so darf unser Beten werden. Ein Bettler weiß genau: Es gibt kein Überleben für ihn, wenn er nichts bekommt. Um so schwerer wiegen die Worte: Wer bittet, der empfängt. Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.

6

Wir dürfen Gott mit Bitten umlagern, egal ob mit Worten anderer oder frei von der Leber weg geredet! Vom Gefühl her dauert es wohl manchmal lange, bis Gott sich bitten lässt. Das sollte uns nicht abhalten, mit ihm zu reden. Es kann auch sein, dass er anders gibt, als wir es erbeten haben. Ich behaupte aber: Es wird zum Segen sein. 4.

Die Haltung des Kindes

Die vierte Gebetseinstellung, die Jesus beschreibt, ist die des Kindes - beschrieben aus der Sicht des Vaters. Wie geht ein Vater mit der Bitte seines Kindes um? Er wird doch auf die Bitte seines Kindes keine nutzlosen oder sogar gefährlichen Sachen geben, etwa einen Skorpion, der einen Stich verpasst. Und wenn es schon bei uns Vätern und Müttern vorkommen kann, dass wir genervt sind, dass wir abweisend reagieren oder dass wir versagt haben, so wird es doch bei dem Vater im Himmel so nicht vorkommen. Gewiss, ein guter Vater oder eine gute Mutter setzt Grenzen zum Wohl des Kindes; so wird sich auch Gott wie ein Vater vorbehalten zu beurteilen, was gut für uns ist. Doch Jesus möchte uns offensichtlich sagen, dass wir Gott in einer solchen Selbstverständlichkeit um Dinge unseres täglichen Bedarfs bitten sollen, wie ein Kind in der Familie bittet. Das Vaterherz Gottes tickt so, dass er hört und reagieren wird. Jesus führt seinen Gedanken so zu Ende: „Wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.“ Gott liegt nicht an der Vermehrung unserer Annehmlichkeiten. Sicher gönnt er uns wohl vieles davon, das ist keine Frage. Aber nichts von alledem hat für die Ewigkeit Bestand.

7

Was Kinder Gottes - egal in welchem Alter, egal, ob zu einem Jubiläum oder im alltäglichen Ablauf - was Kinder Gottes am meisten brauchen, das ist Gottes Kraft, das ist sein Heiliger Geist. Der stärkt unser Vertrauen, der bringt Heilung von Jesus selbst ins Herz, wo das Vertrauen gestört ist, der führt zur Versöhnung, der gibt Kraft, bis zur Tür der Ewigkeit den Weg des Glaubens zu gehen. Von einer überzeugten Christin - Josephine Baker - hat mich dieser Satz angesprochen. Sie sagt: „Ich glaube an die Kraft des Gebets. Es ist der beste Weg, mit der Kraft von oben ausgerüstet zu werden.“ Jesus sagte: „Wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.“ Ich wünsche uns allen, besonders aber euch, die ihr das Konfirmationsjubiläum feiert, dass ihr mit neuer Freude zu Gott kommt und von ihm viel erwartet. Ihr seid ihm als seine Kinder willkommen. Er wird euch neu seinen Heiligen Geist geben, wenn ihr euer Herz erwartungsvoll öffnet. Amen. Lied

237, 1+5-7

Pastor Wilfried Keller Große Kreuzgemeinde Hermannsburg Selbständige Ev.-Luth. Kirche