Predigt zu Kolosser 3,12-17 von Eckart Link 02.05.2010, 10:00

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Wer hat es noch nie erlebt: Da kommt die Dreijährige stolz in den Schuhen ihrer Mutter daher getippelt und ringt mir dem Gleichgewicht. Auf den Ohren balanciert sie vorsichtig die Baseballmütze ihres älteren Bruders; eine falsche Bewegung und sie rutscht ihr über das Gesicht. Fast stolpert sie über das schlabberige T-Shirt ihres Vaters, das sie stolz trägt wie eine Braut ihr Hochzeitskleid. Groß sein wollen - so wie Mama, Papa und der Bruder sein wollen! Wir wissen: Der Tag wird kommen, da werden ihr die Schuhe der Mutter passen, und der Bruder muss ständig seiner Mütze hinterherlaufen und die alten Hemden des Vaters wandern aus dem Kleidersack in den Schrank der Tochter. Aber bis dorthin ist noch ein langer Weg. Und auf diesem Weg heißt es: Hineinwachsen! In dem Wort des Paulus, auf das wir gleich hören, geht es um Kleidung, die uns viel zu groß ist, aber in die wir beständig hineinwachsen sollen. Ich lese uns den Predigttext aus Kol 3,12-17. Der Apostel Paulus schreibt:

12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; 13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. 16 Laßt das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. 17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Paulus beginnt mit dem, was wir in Gottes Augen sind: Geliebte, Erwählte, Heilige, das heißt: etwas besonders. Das sind wir in Gottes Augen: Sie und ich, Du und ich. Nicht weil wir so besondere Qualitäten hätten, sondern weil Gott uns erwählt hat. Wenn ein König eine Bettlerin heiratet, dann ist sie jetzt die Erwählte, die Geliebte des Königs, etwas ganz besonderes. Und sie ist das nicht, weil sie besondere Qualitäten hat, sie ist ja nur eine Bettlerin. Sie bringt nichts mit. Nein sie ist etwas besonders, weil sie die Erwählte, die Geliebte des Königs ist. Und manchmal frage ich, ob dieses Märchen wirklich wahr ist ... und ich kann es manchmal gar nicht glauben, doch dann sagt es mir Gott neu ... und ich werde zutiefst dankbar und sein Friede zieht in mein Herz ein ...

Und nun wird in unserem Wort gesagt, dass man auch angemessen gekleidet sein soll, dem König entsprechend. „Kleider machen Leute,“ sagt der Volksmund. Allerdings legt dieser ganz besondere König nicht wert auf äußeren Pomp, sondern allein auf die Kleidung des inneren Menschen, die Herzenskleidung. Denn in seiner Welt zählt nur das Herz. „Der Mensch sieht was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ Und wenn wir morgens aufstehen und an unsere alltägliche Arbeit gehen, dann sollen wir uns zuerst innerlich anziehen wie es dem König der sichtbaren und unsichtbaren Welt entspricht. Das hört sich einfach an und im Berufsalltag macht das auch jeder ganz selbstverständlich so: ein Fußballer geht nicht im Anzug aufs Spielfeld, ein Bankangestellter nicht im Trainingsanzug an die Arbeitsstelle.

Und als Christen sollen wir das genauso machen: Wir sollen unsere Seele bekleiden, so dass alles, was wir dann tun und reden, Jesus entspricht. Wenn Paulus uns zu diesem Anziehen auffordert, dann entspricht das der Situation des verlorenen Sohnes, der nach Hause kommt. Der Vater nimmt ihn in die Arme, dreckig wie er ist und sagt: „Du bist mein Geliebter, mein Kind!“ Auch er ist das nicht, weil er so besondere Qualitäten hat, er hat ja alles falsch gemacht. Nein er ist es, weil er der Sohn des Vaters ist und der Vater zu ihm steht. Und dann sagt der Vater: gebt ihm das beste Gewand. Nicht nur ein neues, sondern das Beste. Und dann müssen wir uns vorstellen: um das neue, reine Gewand anzuziehen, muss das alte Gewand ausgezogen werden, die stinkenden Lumpen. Das ist ja ein Bild für uns alle, wenn wir zu Gott kommen. Und nun gibt es aber etwas seltsames in unserer Seele. Sie will irgendwie das neue, aber das alte will sie nicht hergeben. Es ist ihr so vertraut, obwohl es stinkt und fürchterlich aussieht. Äußerlich würde sich jeder sehnen nach einem Bad und neuen Sachen, das wäre nur zu logisch, aber unsere Seele ist nicht in diesem Sinne logisch, sie ist eben psycho-logisch. Und so passiert es, dass es viele Christen gibt, die als die Geliebten Gottes immer noch die alten schmutzigen Kleider tragen oder morgens wieder anziehen. Am Sonntag wird neu eingekleidet und im Alltag die alte Wäsche. Und dann handelt und redet man nicht im Namen Jesu, sondern im Namen der alten Lebenserfahrungen. Und dann wohnt nicht das Wort Christi reichlich im Herzen, sondern andere Worte, Worte wie: „Du musst alles selber schaffen! Vertraue niemandem! Der war so – dann darfst du auch so sein. Das war schon immer so. Gott soll dir helfen können – er hat dich doch auch damals im Stich gelassen als du gebetet hast und nichts ist passiert.“ Worte, die in uns wohnen ... Paulus springt so zwischen den Bildern: Gewand und Wohnung.

Und dann ziehe ich wieder die alten Sachen an, die mich bisher doch einigermaßen durchs Leben brachten, die mir so vertraut sind: Selbstkontrolle und distanzierte Sachlichkeit, Perfektion und Streben nach Erfolg, Festhalten an der Schuld der anderen oder Abwertung anderer Menschen, ich Pflege meinen Jammer. Und so hat jeder sein Lieblingsgewand, was ihm schon irgendwie stinkt, den anderen sowieso, aber, was er doch nicht ablegen will. Das innere Kennzeichen von Menschen, die an diesen Kleidern festhalten ist zweierlei: Sie haben keinen Frieden im Herzen. Sie sind irgendwie getrieben. Sie haben keinen Frieden im Herzen, dieses innere Wissen und Spüren: ich bin geliebt, kennen sie nicht, nur vom Hörensagen. Das ist das eine, was fehlt: Friede. Und wenn der fehlt, dann vermeiden wir die Stille, in der uns unser Unfrieden als erstes einholt. Das andere, was fehlt ist die Dankbarkeit. Sie hadern permanent, schauen mehr auf die Defizite ihres Lebens, aber es fehlt die tiefe Dankbarkeit für die Geschenke des Lebens, des Königs. Es fehlt die tiefe Dankbarkeit für die Gegenwart des Königs selbst. Und manchmal denke ich: man muss wohl auch das erst mal spüren wie anstrengend das Leben in den alten Kleidern ist, es muss einem erst richtig stinken ...

Und dann weist uns das Bild das Anziehens auch wirklich auf eine Übung hin: Jeden Abend und jeden Morgen muss ich Altes ablegen und mich einhüllen in das beste Kleid. Das geht nicht von alleine. Ich muss es mir jeden Morgen und Abend von Gott holen im Gebet: „Herr, ich will nicht mehr die alten Kleider, ich lege sie ab, diese Lumpen der Sorge und des Erfolgs, der Angst und der Vorwürfe und ich nehme deine Kleider.“ Paulus beschreibt dieses wunderbare, beste Gewand als das Gewand der Liebe und dieses Gewand hat dieses Muster:

Herzliches Erbarmen Das tut so gut, herzliches Erbarmen für Menschen zu empfinden statt Gleichgültigkeit, Distanziertheit und Kälte. Vielleicht erst mal im Gebet im Herzen dem Menschen einen Raum geben, den anderen vor Gott bedenken. Und sich darin einüben: da ist mein Platz, nicht in meinen Lebenserfahrungen, dass die Ignoranz der einfachste Weg ist.

Freundlichkeit Nicht dieses geplante Lächeln, sondern eine Freundlichkeit, die es wirklich gut meint und auf die der andere sich verlassen kann. Wie wohltuend sind Menschen, die uns freundlich begegnen. Wir sollen solche Menschen sein.

Demut Demut hat mit Mut zu tun, sich den eigenen Schwächen zu stellen und sie nicht zu überspielen. Und sie zu Gott zu bringen oder in der Ehe mal zu sagen: „Es tut mir leid, das fällt mir so schwer, ich brauche deine Unterstützung.“ Statt sich zu rechtfertigen. Das tut gut.

Sanftmut Der Sanftmütige ist kein Softie, sondern Sanftmut ist das Kennzeichen eines Menschen, der mit sich im Frieden ist, weil er sich von Gott geliebt weiß, nicht weil er so vieles geleistet hat.

Geduld Sie kann warten, weil sie auch den anderen Menschen in Gottes Hand weiß.

Vergebungsbereitschaft Es ist so befreiend sich beim Vergeben von Dingen, die andere auch an mir falsch gemacht haben und mich tief verletzten, nicht mehr an dieser Verletzung zu orientieren, sondern auf Jesus zu schauen: wie Jesus mit mir umgeht, soll ich mit dem anderen umgehen.

Dieses Gewand hält Gott jeden morgen für uns bereit, wir müssen es anlegen und wir müssen da hineinwachsen. Das dauert. Hineinwachsen bedeutet: Wir müssen es wirklich anlegen im Gebet und dann uns darin einüben – und sagen: „Herr, ich hülle mich in dein Erbarmen ein, in deine Freundlichkeit, deine Demut und Sanftmut, deine Geduld, dein Vergeben und so will ich auch in diesen Tag gehen.“ Tagesverlauf ... Ich merke, so zu leben und im Namen Jesu zu handeln und zu reden, nicht mehr in meinem eigenen Namen, sein Wort im Herzen reichlich zu hören und nicht mehr diesem blöden Geschwätz meiner eigenen Lebenserfahrungen ausgeliefert zu sein, das macht Freude. Und ein tiefer Friede und eine große Dankbarkeit ziehen dann in mein Herz ein. Ja es ist wirklich wahr: Kleider machen Leute. Diese Kleider Gottes machen uns zu wirklichen Menschen nach dem Bild Jesu.

Amen.

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