Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 19:1-6,

Liebe Gemeinde,

manch einer mag meinen: nun sind wir in der Wüste angelangt. Die Stimmung ist unten, die Verunsicherung groß. Wie solle es weitergehen ohne Eva Felsmann? Wer hat die Kraft das alles zu ersetzen? Dann noch eine Pfarrerin in Elternzeit? Wie geht es weiter? Wohin geht die Gemeinde? Wohin sollen wir überhaupt gehen?

Wir erinnern uns gern. Am Geburtstag erinnern wir uns der eigenen Geburt, wir feiern Jubiläen, Hochzeitstage, Kennenlerntag, Eröffnungstag, Todestage. Und die Kirche ist da mitten drin. Die Kirche ist ein wahrer Ort für eine Vielzahl von Erinnerungstagen: Weihnachten – Geburt Chrsiti, Ostern – die Geschichte von Tod und Auferstehung, Jubelkonfirmation, Kirchweihfest, Orgeljubiläum – ja, wir gedenken des Mauerbaus und des Mauerfalls, wir gedenken der Opfer von Anschlägen und Katastrophen. Die Kirche ist eine wahre Gedenk- und Erinnerungsanstalt. Sonntag für Sonntag erzählen wir die Geschichte Gottes mit den Menschen. Sind, liebe Gemeinde, sind wir die ewig gestrigen? Ein großes Loch … Ich stelle 2 Thesen auf 1.

These Keiner kann sich für die Zukunft öffnen, wenn er sich nicht seiner

Vergangenheit stellt. 2.

These: Wer nur zurück schaut, alles immer und immer wieder hochkaut, der wird

niemals etwas Neues erleben. Ich sage es braucht: Vergangen, Gegenwart, Zukunft. Diese drei.

Die Vergangenheit: Erinnern und Gedenken sind wichtig für unserer Existenz und Identität. Ganz besonders auch unseren Glauben, der ja wesentlich davon lebt, Überliefertes weiterzuerzählen und sich in eine Tradition zu stellen. Wir stellen uns in die Tradition mit dem Volk Israel, dass seinen Glauben nur durch das immer und immer weitere erzählen der Geschichte Gottes mit seinen Volk erzählt. Durch die Jahrhunderte, Jahrtausende als kleines Volk zertreut in

alle Himmelsrichtungen, bedroht durch Großmächte konnte es sich seine Identität nur durch das Erinnern bewahren. Israel war und ist das auserwählte Volk Gottes – es half überleben, es hilft überleben, wenn man es immer und immer wieder erzählt und erinnert. Du warst, du bist und du wirst sein.

So steht auch über diesem Sonntag eine Geschichte aus dem zweiten Buch Mose, die Identität begründet und Erinnerung stiftet und so den Bund Gottes mit den Menschen stabilisiert.

Dort hören wir: Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Kinder Israel aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Raphidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.

Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: „So sollst du sagen zum Hause Jakob und verkündigen den Kindern Israel: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Kindern Israel sagen sollst

Unterwegs in der Wüste waren die Menschen ganz auf sich gewiesen, auf ihre Zähigkeit und Ausdauer, auf ihre Hoffnung. Sie kamen, so steht es geschrieben, von Raphidim her. Dort sind sie am Tiefpunkt gewesen, sie waren verzweifelt und erschöpft, am Ende ihrer Kräfte und zutiefst verunsichert, ob sie überhaupt ein Ziel erreichen würden. Es fehlte an Wasser und sie haderten mit Mose. In der biblischen Geschichte war Gott dem Mose mit einem Wunder zu Hilfe gekommen. Es gab Manna zu essen. Sie murrten aber sie überlebten. Die Reise hatte fortgesetzt werden können. Man hatte gegen die Amalekiter gekämpft und gesiegt. Am ersten Tag des dritten Monats waren sie in der Wüste Sinai angekommen - alles ist genau benannt, denn unsere Erinnerung braucht Details und

Fakten, um sich einzukerben.

Jetzt lagerten die Menschen gegenüber vom Gottesberg. Die Perspektive verändert sich. Die Wüste ist nicht mehr die einzige Wirklichkeit. Es gibt mehr und Anderes, einen Berg.

Und Mose steigt hinauf.

Er war ein Fußgänger und das Laufen und Steigen gewöhnt. Ganz sicher hatte er längst seinen Rhythmus gefunden, der ihm half Kräfte einzuteilen und gut voran zu kommen. Aber Gott ist er wohl zu langsam, denn er wartet nicht ab, bis Mose angelangt ist, sondern ruft ihm entgegen:

Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

Das ist schon eine sehr unmittelbare Ansage. Gott hat keine Zeit zu verlieren; er will nicht warten bis Mose endlich den Berg hoch- und runtergestiegen ist. Er will, dass sich sein Volk erinnert, dass es aus seinen Erfahrungen schöpft und sie nutzt als Geländer und Orientierungshilfe auf Zukunft hin.

Die Gegenwart: Natürlich ist eine Wüstenwanderung mit kompletten Familien und ohne lange Vorbereitung eine Zumutung. Darum braucht es die Erinnerung dessen, was war, um die Gegenwart nicht für das einzig mögliche Leben zu halten. Das ist ja was wir gerade erleben, was präsent ist. Wer sich erinnert, weiß: Es ist nicht alles nur schwer und dunkel, da ist noch die Erinnerung: es einmal anders war. Und nur wer sich daran erinnern kann: wird für möglich halten, dass es auch anders werden kann und dafür offen sein.

Wer sich erinnert, der setzt das jetzt erlebte nicht absolut. Erinnerung macht es möglich, einzuordnen, was gerade passiert.

Denn jetzt ist eben nicht nur Wüstenzeit, nicht nur Krise, nicht nur Erschöpfung: Gott hat uns auch durchgetragen und Hindernisse beseitigt, er hat uns Tage geschenkt wie auf Adlerflügeln. Es gab immer beides: die Anspannung und Anfechtung, den Zweifel und die Ohnmacht, aber eben auch Schutz und Bewahrung, Geleit und Segen.

Davon können wir zehren.

Das ist ein Grundnahrungsmittel, damit es weitergeht und Zukunft möglich bleibt.

Das Erinnern hilft uns mit der Gegenwart besser umzugehen und sie einzuordnen: Aber bitte, liebe Gemeinde, keine einseitige Erinnerungskultur. Die, die immer nur das gute in der Vergangenheit sieht. Damals, damals war alles besser. Als es noch andere Pfarrer gab und überhaupt noch andere in der Waldstadt gewohnt haben, da war alles viel besser und lebendiger, die guten alten Zeiten. Einseitiges Erinnern. Wer einseitig erinnert, der macht aus der Vergangenheit Heldengeschichten. Egal ob positiv oder negativ überzogen – einseitiges Erinnern entfernt uns von der Wahrheit. Gerade das machen die biblischen Erinnerungsgeschichten so wertvoll: das sind keine Heldensagen, sondern Klage und Schmerz, Versagen und Schuld. Das Volk, das auf Gottes Geheiß losgeht und das Volk, das gegen ihn aufbegehrt. Murrt, fremde Götter anbetet. Den König, der mit Gottes Segen sein Volk regiert und dennoch den rechten Weg verliert. Den Gottessohn, der allen Versuchung widersteht und sich am Ende doch verlassen fühlt. Die biblische Erinnerungskultur ist nicht einseitig. Sie bleibt bei der Wahrheit.

Biblische Geschichten werden nicht erzählt, damit es immer so weitergeht und Bestehendes zementiert werden kann. Im Gegenteil: Jede neue Generation wiederholt Erfahrungen der früheren, aber die Wiederholung lässt einen Spielraum zur Veränderung. Das unterscheidet diese Geschichten von den antiken Mythen und deren Tragik.

Das macht uns fähig zu Vergebung und Neuanfang. Erinnern ist vielschichtig – erinnern funktioniert nur in einem Zusammenspiel mit der Gegenwart – wer bin ich und was erlebe ich hier – und im Zusammenspiel mit der Zukunft. Woher komme ich und wohin gehe ich, wer will ich sein?

Erinnern und alte Geschichten erzählen? Ja, liebe Gemeinde, die Kirche ist eine Erinnerungs- und Gedenkanstalt. Wir erzählen, so

wie unsere jüdischen Brüder und Schwestern immer und immer wieder die gleichen Geschichten von Gott, aber wir sind nicht die ewig gestrigen.

Reines Fortschrittsdenken, immer nur der Blick voran, Zukunftsorientiert, wie es oft in unsere Gesellschaft ist? – das allein bringt es nicht. Immer nur zurück schauen egal ob schöngeredet oder schwarzgemalt? – das bringt es auch nicht. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – woher komme ich, wer bin ich, wohin will ich - wer in diese drei Ebenen denkt, der hat Spielraum zur Veränderung. Veränderung, die Vergangenes nicht vergisst, die die Wüstenerfahrung nicht verneint, die offene Augen hat für einen Neuanfang.

Und wie soll es aussehen der Neuanfang, keiner kann doch sagen, wie es da aussieht? Gottes Volk am Sinai, das ist kein Neuanfang im Nirgendwo, kein utopisches Wunschdenken. Wer sein Leben im Glauben führt, wer sich geortet in Gott weiß– also nicht utopisch ortslos der kann von den Brüdern und Schwestern in der Wüste lernen:

Gott hat die Menschen auf Adlerflügeln nicht irgendwo hin verschickt, sondern heimgeholt zu sich. Das bleibt das Ziel, ob durch Wüsten oder über Berge, woran immer wir uns erinnern. Das Ziel liegt bei Gott, der mich kennt wie ich war, wie ich bin und wie ich sein will. Das ist eine Zusage für jeden persönlich, aber auch eine Zusage für uns als Gemeinde. Wir, die wir uns als Gemeinde Gottes verstehen.

Amen