Predigt zu Epheser 1, 3-14 Liebe Gemeinde, mich würde interessieren, wie lange die Gläubigen in Ephesus gebraucht haben, um den Brief des Apostels Paulus durchzuarbeiten?! Mir geht es so – obwohl ich den Brief ja schon mehrfach gelesen habe, fasziniert mich immer wieder neu die „Fülle geistlichen Segens“, wie sie der Apostel hier bezeugt. Und jedesmal wenn ich diese hymnischen Zeilen zu Beginn des Briefes lese, denke ich, die Breite und die Länge, die Höhe und die Tiefe der Liebe und Gnade Gottes, wie sie hier beschrieben wird, überragt alle menschliche Erkenntnis (vgl. Eph 3,19). Ganz offenbar entspringt dieser Lobpreis einem ganz tiefen, geistlichen Erleben! Dabei kommt es auf ein kleines Wörtchen an, das sich durch den ganzen Lobpreis hindurchzieht. Es ist das griechische Wörtchen εν - eine Präposition, die in der deutschen Sprache für verschiedene Präpositionen stehen kann. So kann εν die Bedeutung in, an, bei, zu, durch oder von annehmen. Paulus nun setzt dieses εν ganz gezielt ein – und zwar auffällig häufig im Zusammenhang mit „Christus“ – griechisch εν χριστω. In Christus, durch ihn, haben wir Anteil bekommen an der 1

Fülle geistlichen Segens. Dieses „in Christus“ ist typisch für Paulus. Seit ihm der auferstandene Herr, Jesus Christus, auf dem Weg nach Damaskus aus der himmlischen Welt so eindrücklich erschienen ist, deutet er alles von Christus her und auf ihn hin. Das ist sein Weltbild und dahinter steht eine geistliche Erfahrung aus einer anderen, der himmlischen Welt. Nun leben wir in unserer Gesellschaft in einer Zeit, wo sich viele die Welt ohne Gott erklären. Wird die Zukunft unseres christlichen Abendlandes so aussehen, wie die Zukunft der damaligen christlichen Gemeinden in der Region von Ephesus? Müssen wir als Christen vielleicht heute schon Gott den Vater unseres Herrn Jesus Christus viel mutiger bezeugen? Selbst auf die Gefahr hin, dass man gleich dem evangelikalen Lager zugeordnet wird. Dann sind da sofort irgendwelche Vorurteile, die durch die Medien noch geschürt werden. Christen, die zu viel von Jesus Christus reden, sind verdächtig. Doch Paulus bezeugt, dass wir nur in Christus und durch ihn überhaupt eine Ahnung davon bekommen können, wie Gott ist und welchen Plan, welches Ziel er mit jedem Menschen und mit dieser Welt hat. Wir dürfen dieses kleine Wörtchen εν nicht vergessen und dann kommt es natürlich darauf an, dass dieses εν in Verbindung mit Christus auch etwas in mir auslöst und 2

in meinem Leben Veränderung bewirkt. Was bedeutet es dir, a) in Christus erwählt zu sein, b) in Christus erlöst zu sein und nicht zuletzt c) in Christus erfüllt von seiner Liebe zu sein. Wir sind erwähl, erlöst, erfüllt. Wie gesagt, das überragt menschlichen Verstand und trotzdem möchte ich besser verstehen, was das für mich bedeutet: 1. Ich bin erwählt „Gott würfelt nicht“, hat Albert Einstein mal gesagt. Ich bin kein Produkt des Zufalls. Ich bin gewollt. Ob ich das wahrhaben will oder nicht, Gott hat mich schon vor der Erschaffung des Kosmos dazu vorherbestimmt, der zu sein, der ich heute bin. Nun denke ich, dass ich es eher meinen Eltern und meiner christlichen Erziehung zu verdanken habe, dass ich an Jesus Christus glauben kann. Sicher ist da etwas Wahres dran. Doch die Tatsache, dass ich mich für Jesus entschieden habe, hatte Gott längst vorherbestimmt – lange bevor ich diese Entscheidung getroffen habe. Übrigens habe ich diese Entscheidung lange vor mir hergeschoben, weil sich meine beiden Brüder bewusst gegen Gott entschieden haben…! Natürlich beschäftigt mich die 3

Frage, warum meine Brüder einen anderen Weg eingeschlagen haben. War das auch von Gott vorherbestimmt, so dass sie im Grunde gar keine andere Wahl hatten? Oder hat Gott all das, was geschehen ist, nur schon im Voraus, von je her gewusst? Hat der Mensch letztendlich überhaupt einen freien Willen oder bilden wir uns das nur ein? Hier ergeben sich schwierige Fragen, auf die ich keine fertigen Antworten habe – obwohl ich mich während meines Studiums ein ganzes Semester mit dem Thema Prädestination sehr intensiv beschäftigt habe…! Doch vielleicht muss ich diese Fragen auch gar nicht beantworten. Für Paulus ist diese Vorstellung, erwählt zu sein, sein größter Trost – eine ganz tiefe innere Gewissheit, die ihn dazu veranlasst, Gott zu loben und zu preisen. So wollte Paulus den Empfängern seines Briefes eigentlich nur deutlich machen, dass sie nichts und niemand von der Liebe trennen kann, die in Christus Jesus zu finden ist. Auch wir können uns sicher sein, dass wir dazu auserwählt sind, zu Gott zu gehören, obwohl wir uns selbst manchmal so gering achten (vgl. 1. Kor. 1,28ff). Du darfst sicher sein, dass ausgerechnet du dazu auserwählt worden bist, Anteil an der himmlischen Welt zu bekommen – heute und in Ewigkeit. Warum ausgerechnet ich auserwählt bin, weiß ich nicht. 4

Aber ich weiß, dass ich meinen Gott darüber nur loben und preisen kann, dass es so ist. Hast du diesen Gedanken, auserwählt zu sein, eigentlich schon so richtig verinnerlicht? Ich denke, es reicht einfach nicht, sich das vom Kopf klar zu machen. Denn es geht hier nicht um Theorie. Viele Christen wissen theoretisch, dass sie erwählt sind. Doch dieses theoretische Wissen hat für sie überhaupt keinen praktischen Nutzen. Wenn aber die Gewissheit, erwählt zu sein, vom Kopf ins Herz gelangt, dann resultiert daraus ein „geheiligtes und untadeliges Leben“ (V.4) – so Paulus. Diese Formulierung wirft natürlich sofort neue Fragen auf. Ja, wer ist denn heilig und fehlerlos? Niemand ist vollkommen fehlerlos und doch können wir uns vollkommen auf Gottes Gnade verlassen! Wenn wir nur den entscheidenden Fehler los-werden, nämlich zu denken, wir müssten immer noch mehr tun, um Gott gerecht werden zu können. Wir tun und machen soviel. Überlegt doch mal, was ihr tun könntet, um in die Gegenwart unseres heiligen Gottes zu kommen?! Dazu sind wir auserwählt. Alles andere ist zweitrangig.

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2. Ich bin erlöst In Christus, durch ihn, der sein Blut für uns vergossen hat, sind wir erlöst – wir sind es. Kein Zweifel, die Fehler, die wir machen oder gemacht haben, sind vergeben. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, zu glauben, wir könnten die Probleme unseres Lebens auch ohne Christus lösen. Gott schenke uns die nötige „Weisheit und Einsicht“, dass wir ohne Christus nichts tun können. Ohne ihn sind entweder die anderen schuld oder man verurteilt sich selbst. Bei manchen geht das soweit, dass sie sich selbst verletzten – bis auf´s Blut. Und wie viel unschuldiges Blut wird tagtäglich weltweit vergossen, nur weil Menschen (auch gläubige Menschen) unerlöst sind. Das hatte sich der Schöpfer des ganzen Universums eigentlich anders vorgestellt. Nun könnte man gleich wieder einwenden, dass der, der uns vor der Erschaffung der Welt erwählt hat, hätte voraussehen müssen, dass das, was am Kreuz auf Golgatha geschehen ist, für die meisten Menschen ein Mysterium, also geheimnisvoll und damit unverständlich bleibt. Tja, man muss sich schon auf dieses Geheimnis einlassen und das hat schon etwas Mystisches. Das muss man selbst erlebt haben. Und man kann es nur erleben, wenn man sich 6

von gewissen Dingen löst, die einen von Christus ablenken…! Erlöst zu sein, hat für mich übrigens auch etwas damit zu tun, gelöst und gelassen zu sein. Daher bitte ich täglich darum, dass Jesus mich eben auch von Sorgen und Ängsten erlöst. Das heißt nicht, dass plötzlich alles gut wäre. Doch es tut gut, in Christus einen Gesprächspartner zu haben, dem ich all meine Sorgen anvertrauen kann. In solchen Augenblicken spüre ich, dass sich im Vertrauen auf Christus, dem Oberhaupt des Universums, meine Sorgen plötzlich relativieren. Dann sind immer noch nicht alle Probleme gelöst. Aber ich bin gelöster, lockerer, zuversichtlicher, freier und fröhlicher – und genauso hat es sich Gott von je her gewünscht. 3. Ich bin erfüllt Damit komme ich zum dritten Punkt: Ich bin erfüllt. Paulus spricht von der „Fülle geistlichen Segens“. Durch Christus ist uns ein himmlisches Erbe versprochen. Den Heiligen Geist haben wir schon empfangen – gewissermaßen eine Anzahlung. Diese Anzahlung reicht bereits aus, um vollkommen erfüllt zu sein von der Liebe, die in Christus Jesus ist (V.4). Kennt ihr diese Liebe? Sie 7

erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand (vgl. 1. Kor. 13,7). Obwohl diese absolut selbstlose, auf Gott bezogene Liebe alle menschliche Erkenntnis überragt, kann sie für uns erfahrbar werden. Wenn wir dem Heiligen Geist Raum und Zeit geben, werden wir die Länge und Breite sowie die Höhe und Tiefe der Liebe ermessen, mit der Christus uns geliebt hat. Ich habe gehört, dass Teens und Jugendliche im Schnitt etwa 13 Stunden pro Woche online sind. Wie viel Zeit verbringen wir in Christus – online mit der himmlischen Welt? Ich hoffe, dass die Bibelwoche dazu beiträgt, die Ziele, die wir für unser Leben haben, zu überdenken. Denn es geht nicht um mich, sondern um den, der mich erwählt und erlöst hat und mit seiner Liebe erfüllt. Gott möchte sich verherrlichen – in mir und in dir, Christus in mir und in dir. Damit durch mich und durch dich noch viele Menschen die „Botschaft der Wahrheit“ (V.13) hören – mit Worten, aber mehr noch ohne Worte mit unserem Sein. In Christus, durch seinen Geist, erfüllt von seiner Liebe kann es geschehen – zum Ruhm seiner Macht und Herrlichkeit. AMEN

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