Predigt zu Bar 5,1-9; Phil 1,4-6.8-11; Lk 3,1-6 Pfarrer Peter Fischer; 2012

Eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des Volkes Israel war das Exil in Babylon, das sich auch historisch fassen lässt. Im Nachhinein war es eine der fruchtbarsten Zeiten für die Theologie des Alten Testamentes. Denn damals wurden die Heiligen Schriften neu gesammelt, überarbeitet und zusammen gestellt. Viele Zukunftsvisionen und -utopien sind in dieser Zeit entstanden, auch die heutige erste Lesung aus dem Buch des Propheten Baruch. Baruch blickt auf die Heimkehr des Volkes Israel nach dem Exil und malt dabei eine phantastische Szenerie. Baruch spricht zu Jerusalem, das mehr oder weniger dem Erdboden gleich daliegt – dieses Zerstörtsein ist gemeint, wenn vom „Kleid der Trauer und des Elends“ die Rede ist. Doch das Trauer- und Elendsgewand darf Jerusalem nun austauschen mit dem Mantel der göttlichen Gerechtigkeit und der Krone der Herrlichkeit Gottes, denn es darf die Heimkehr des Gottesvolkes erleben – als ein Ereignis, das allein Gott zum Urheber hat. Mit seinen Worten zeichnet der Prophet Baruch ein Gegenbild zu den aktuellen Verhältnissen im zerstörten Jerusalem. Jerusalem liegt zwar immer noch in Trümmern. Aber das Wesentliche ist getan: das Exil ist zu Ende. Gott hat sein Volk erneut gerettet, die Chance auf eine blühende und strahlende Zukunft für das Gottesvolk mit seiner Hauptstadt Jerusalem ist gewährt. Beim Gedanken an die Heimkehr des Gottesvolkes kommt Baruch ins Schwärmen. Er schildert diese Wanderung der Heimkehrer durch die Wüste wie eine feierliche Prozession oder einen großartigen Siegeszug. Gott bringt sein Volk heim. Er verschafft seinem Volk eine neue Würde; dafür steht die königliche Sänfte, von der Baruch spricht. Nichts kann sich dem Gottesvolk in den Weg stellen. Gott beseitigt alle Hürden: Berge und Täler verschwinden zu ebenem Land. Eine Vorstellung, die sicher nicht wörtlich gemeint ist, die aber doch ausdrücken soll: Wo Gott am Werk ist, da schafft er auch alle Hin dernisse aus dem Weg; Gottes Volk soll in Sicherheit ziehen können. Und dann das nächste utopische Bild: Wälder und duftende Bäume säumen den Weg des Gottesvolkes aus der Verbannung heim nach Jerusalem – wohlgemerkt: Wälder und duftende Bäume mitten in der sonst toten Wüste. ◂1▸

All diese Bilder bringen die innere Freude zum Ausdruck, die dort herrscht, wo Gott zur Herrschaft kommt. Man beachte die gemalten Kontraste: nicht nur Wälder und duftende Bäume in der eigentlich lebensfeindlichen Wüste, sondern auch die Gegenüberstellung der königlichen Sänfte, in der das Gottesvolk zurückkehren kann, mit dem einstigen Fußmarsch in die Verbannung nach Babylon. Gott setzt mit seinem Wirken positive Gegenzeichen und Gegenwirklichkeiten zu dem Negativen und Bedrückenden, das Menschen erfahren. Wo Dunkel ist, schafft Gott Licht; wo Tod herrscht, schenkt Gott Leben. – Natürlich waren die realen Umstände anders, natürlich war der Weg zurück auch beschwerlich – aber darum geht es unserem Text nicht. Er will das heilvolle Wirken Gottes an seinem Volk besingen, ein Wirken, das nicht einfach mit einem Wisch alle Probleme beseitigt, aber ein Wirken, das es überhaupt erst ermöglicht, dass es Menschen gut gehen kann, ein Wirken, das aufrichten will, ein Wirken, das zum Aufbruch anstachelt, ein Wirken, das mitreißen will, ein Wirken, das neue Kräfte freisetzen will, ein Wirken, das Chancen eröffnet: ein Wirken, in dem ich mich verankern kann, mit einer guten Perspektive für die Zukunft, aber auch mit der Einladung, ja der Aufforderung, da mit zu wirken aus der Kraft Gottes. Konkret gesprochen: Mit dieser Vision vor Augen kann die Heimkehr, der Aufbau Jerusalems und des Tempels sowie die Neubesiedelung des Landes doch gleich besser und motivierter und zielgerichteter gelingen. Soweit zur ersten Lesung. Nicht nur die Heimkehr des Volkes Israel ist die längste Wegstrecke in der Wüste zu verorten, sondern auch das Wirken Johannes des Täufers. Er ist die Stimme in der Wüste, die spricht: „Bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Straßen!“ Nun ist es Gott selbst, um dessen Weg es geht. Meist wird dieser Aufruf zur Wegbereitung als Ruf zur Umkehr gedeutet. Das ist nicht falsch, so begegnet dieser Ruf auch schon im Alten Testament bei Jesaja. Doch bei Jesaja begegnet auch eine zweite Ausfaltung dieses Rufes, an die Lukas in seinem Evangelium denkt. Denn es folgt bei Lukas auf diesen Ruf die Entfaltung: „Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.“ Ganz in dem Sinne, wie diese Zeilen schon bei Baruch gebraucht werden, geht es Lukas nicht eigentlich um den Aufruf zur persönlichen Umkehr, sondern um die Ansage des Kommens Gottes, von der alles andere abhängt – auch die eigene Umkehr. ◂2▸

Gottes Kommen ist nicht eine Antwort auf erfolgte Umkehr. Gottes Kommen ist vielmehr die Ermöglichung einer tiefen Umkehr. Diese feste Zusage des Kommens Gottes ermöglicht die Neuausrichtung auf Gott mit allen Lebensbezügen – und lädt auch dazu ein, damit sich Gottes Kommen auch segensreich auswirken kann. So wie Israel nicht einfach aus Babylon zurückkehren konnte, sondern hier ein heilvolles Eingreifen Gottes nötig war, so können auch wir Menschen unserem Leben nicht aus dem Nichts eine positive Wendung geben, sondern nur wenn Gott sich uns zuwendet. Gerade dort, wo sich das Gottesvolk verrannt hat und auf sich gestellt dem Untergang entgegen gegangen wäre, gerade dort wird von unserer Bibel – aber auch der Kirchengeschichte – unterstrichen, dass der Weg in eine gute Zukunft allein durch Gottes Gnade und Zuwendung möglich war und ist. Gott ist Träger des ganzen Heilsgeschehens, das wir uns einerseits nur schenken lassen können, das wir andererseits aber bewusst annehmen und aus dem heraus wir unser Leben bewusst gestalten müssen, damit sich Gottes Wirken an und in uns auch zum Segen auswirken kann. – Das ist eine Vorstellung, die besonders in der Theologie des Apostel Paulus ausgefaltet ist, der sie über den Brennpunkt Jesus von Nazareth an den zentralen Stellen des Alten Testamentes vorgezeichnet finden konnte. Es muss ja sonst auch verwundern, dass Paulus Gott dankt, dass sich die Philipper gemeinsam für das Evangelium eingesetzt haben. Natürlich war es auch die Glaubensentscheidung der Philipper, die sie zu Christen gemacht hat. Aber diese Glaubensentscheidung ist getragen und ermöglicht von Gott. Ohne Gottes Wirken kann niemand zum Glauben kommen. Gott wird – so erwartet es Paulus – das gute Werk, das Gott selbst bei den Philippern begonnen hat, auch vollenden. Gottes Treue, Gottes festes Stehen zu seinen Verheißungen – ein bei Paulus wie im Alten Testament ganz wichtiges Thema – kommt hier zur Anwendung, verbunden mit der Erwartung, dass Gott demjenigen, der sich ihm öffnet, ein immer größeres Mehr eröffnet – ein Mehr an geschwisterlicher Liebe, ein Mehr an Einsicht in Gottes Wirken, ein Mehr auch an Vertrauen und Zuversicht in Gottes Handeln. Was kann das alles für uns heute bedeuten? Es sind die großen Visionen und Utopien des Alten Testaments, die die frühen Christen wieder ausgegraben haben, weil sie in Jesus von Nazareth einen neuen Brennpunkt bekommen haben. Denn Gott hat in der Auferstehung Jesu gezeigt, dass diese Utopien keine Phantastereien sind, sondern tatsächlich dem entsprechen, was Gott schaffen kann und wozu er uns berufen hat.

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Die großen Erzählungen der Bibel – allen voran die Befreiung aus Ägypten und die Rettung aus dem Exil sowie alles Rund um Jesu von Nazareth – laden auch uns von Christus her nicht nur zum Träumen und Schwärmen ein, sondern dazu, Gottes tatsächliches Gekommensein in Jesus Christus immer neu anzunehmen und aus ihm heraus zu leben – mit den Chancen und Perspektiven, die sich für unser Leben und für das Zusammenleben als Gemeinde daraus ergeben: in einem Leben der gegenseitigen Hilfe und Hingabe und Bereicherung. Gerade die vielen und vielfältigen Monumentalgemälde der Bibel – wie jenes, das uns der Prophet Baruch heute gemalt hat, aber auch die Erzählung von der Befreiung aus Ägypten – wollen in ihrer Monumentalität die innere Großartigkeit und Tiefe und Bedeutung zum Ausdruck bringen, die sich hinter dem äußerlich oft recht Unscheinbaren verbirgt. Auch die Weihnachtserzählung lässt sich hier gut einordnen: das monumentale Krippengemälde, das Lukas mit der Erwähnung des Kaisers, mit den Engeln und ihrem Lobgesang malt, kontrastiert das unscheinbare Ereignis der Geburt eines kleinen Kindes in der Armut eines Stalles und in der Dunkelheit der Nacht, und rückt es ins rechte Licht: im Kleinen kommt der ganz Große auf die Bühne dieser Welt. Wenn Glaube uns, unser Leben, unsere Gemeinde, unsere Welt verändern soll, dann müssen wir uns immer neu in die Monumentalität des Handelns Gottes hinter allem äußerlich Unscheinbaren erheben und stellen lassen. Dann müssen wir die großen Visionen und Perspektiven bedenken, die uns der Glaube schenkt – und von dort her unseren Alltag erhellen lassen und ihn gestalten. Vom großen Ganzen her bekommt der Alltag seinen Sinn! Wir dürfen uns in die großen biblischen Verheißungen stellen, sie uns zusprechen lassen, und damit dem Leben eine Ausrichtung und einen tiefen Sinn geben – mitten in all dem Unsinn und Chaos, das wir erleben. Diese Verheißungen sind wie ein Anker: sie wollen Halt geben in einer turbulenten Welt, sie wollen Perspektive öffnen und zum Handeln anregen. Dabei müssen und dürfen wir bedenken, dass das Entscheidende stets Gottes Werk ist; wir können es nur erbitten, wir können es nur wie ein Geschenk empfangen; dazu müssen wir uns öffnen – bleibend, nicht nur punktuell. [Hier evtl. Einschub zur Taufe: *] Der Advent lädt uns alle ein, das Kommen Gottes, das Wirken Gottes in unserer Zeit neu wahrzunehmen und uns daran zu orientieren. Lassen wir uns von Gott Augen und Ohren öffnen für sein großartiges Wirken im Kleinen und Unscheinbaren – und damit dafür, wo unsere Chancen und Herausforderungen als Gemeinschaft der Glaubenden liegen, um authentisch von Gott in der Welt von heute zu künden und so Gottes Segen bei seiner Ausbreitung zu helfen.

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* Dies alles kommt besonders auch in der Taufe von kleinen Kindern zum Ausdruck. Das kleine Kind wird mit der Taufgnade, mit der königlichen Würde der Kinder Gottes, beschenkt, von der auch die Eltern und Paten zehren dürfen. Taufe kann man nicht machen, taufe kann man nicht kaufen – man muss sie gläubig und dankend von Gott empfangen. Andererseits versprechen Eltern und Paten am Anfang jedes Taufgottesdienstes, das Kind im Glauben zu erziehen und ihm zu helfen, seinen Platz in der Gemeinschaft der Kirche zu finden. Die Taufe ist eine Chance, ist ein unscheinbarer, aber großartiger von Gott geschenkter Anfang – aber die Taufe ist darauf angelegt, dass die empfangene Gnade genutzt und entfaltet wird. Auch Kirche im Großen und Kleinen muss sich immer neu bewusst machen, dass Gott der eigentlich Handelnde in ihr ist und nur Er eine gute Zukunft eröffnen kann – wie es auch das Volk Israel erfahren hat und lernen musste. Immer dann, wenn sich Kirche neu auf diese fundamentale Wahrheit besonnen hat, kam eine gute Wende. Wenn aber Menschen sich selber in den Mittelpunkt gerückt und als Heilsbringer verkündet haben – ob als einzelne oder als Gruppe – ging vieles schief. Dies zu bedenken und entsprechende Konsequenzen zu ziehen ist eine Herausforderung gerade für die Kirche unserer Tage und in unserem Land.

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