Predigt zu 1. Pet 1,3-5 am 3. April 2016

1. Pet 1,3-5 3 Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus

Von Johannes Brakensiek

Christus. Es ist der Tag bevor es losgeht. Den Flug nach

In seiner großen Barmherzigkeit hat er uns

Lanzarote haben sie alle gut überstanden. Nun stehen sie am Hafen und besprechen den Großeinkauf.

sozusagen neu geboren. Durch die Auferweckung von Jesus Christus aus dem

Währenddessen schlagen die Wellen an das Boot und der Wind lässt die Wanten klingend aneinander

Tod hat er uns eine lebendige Hoffnung geschenkt.

schlagen. Sie haben große Hoffnungen. Nicht nur, dass sie am Ende der Reise wieder den sicheren Hafen erreichen. Auch, dass unterwegs etwas passiert, wenn sie die Weite der Horizonts wahrnehmen. Dass sie

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Es ist die Hoffnung auf ein unvergängliches, reines und unverlierbares Erbe. Gott hält es im Himmel für euch bereit

verändert werden, wenn sie Wind und Wetter trotzen. Wenn sie mit den Stürmen kämpfen. Schließlich

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und bewahrt euch durch seine Macht. So erlangt ihr durch den Glauben die Rettung,

nennen sie sich die „Segelrebellen“.

die am Ende der Zeit offenbar werden soll.

Hoffnung schwingt mit, wenn wir aufbrechen. Hoffnung klingt durch, wenn wir etwas Neues

Eine lebendige Hoffnung. Hoffnung auf ein neues Leben. Darum geht es hier in dem Petrusbrief.

beginnen. Letzte Woche haben wir Ostern gefeiert. Mit der Auferstehung Jesu Christi verbindet der Schreiber

Heute haben wir Fiete getauft. Wenn wir taufen, dann feiern und begehen wir auch, dass ein neues Leben

des Petrusbriefes eine Hoffnung. Wir wollen darauf hören.

begonnen hat. Ein Leben geht los, ein Kind läuft bald los. Und unsere Hoffnungen und unsere Wünsche 1

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laufen mit. Wir wünschen Fiete und allen, die in ihr

Ein „unvergängliches und unverlierbares Erbe“?

Leben starten, alles erdenklich Gute. Dass sie, wie ich es vorhin im Segen aussprach, wachsen und ihr Leben

Davon spricht der Petrusbrief. Und das Leben der Segelrebellen war das eben nicht. Unvergänglich und

gelingt. Dazu gehören sicher auch Gesundheit und

unverlierbar. Das haben sie gespürt. Sie haben ihr

Glück. Aber auch Weisheit, Besonnenheit und Einsicht,

Leben im biologischen Sinne noch. Aber dem Leben

wie wir es in Fietes Taufspruch aus den Sprüchen der Bibel gehört haben. Wünsche und Hoffnungen für ein

wieder vertrauen, sich selbst wieder vertrauen, sich etwas zutrauen. Das fällt schwer. Nach oder in so einer

neues Leben. Eigentlich ja Wünsche, die wir selbst auch für uns haben. Gesundheit, Glück, Weisheit,

Erkrankung. Die Segelrebellen, sie rebellieren nicht nur gegen Wind und Wetter, sie rebellieren gegen die

Besonnenheit, Einsicht. Und doch sind das ja Wünsche, die vielleicht trotz aller Bemühungen nicht immer in

tödliche Krankheit. Und wenn sie aufbrechen, dann brechen sie mit der Hoffnung auf, wieder in das Leben

Erfüllung gegangen sind. Erfüllungen, die wir denen, die nach uns kommen und die mit uns aufwachsen,

zurück kehren zu können. Sie hoffen darauf, dass die gemeinsame Reise ihnen ihr Selbstvertrauen wieder

dafür um so mehr wünschen. Sie haben sich vielleicht gefragt, warum ich eingangs

zurück gibt. Sie hoffen die innere Kraft und den Mut für ein neues Leben wieder zu finden.1

die Segelrebellen erwähnte. Die Segelrebellen brechen gemeinsam auf, weil sie eine große Hoffnung

Auch der Petrusbrief ist an Christinnen und Christen gerichtet, die vielleicht sich und ihr Leben in Gefahr

verbindet: Die Hoffnung, dass sie durch die Herausforderung des Meeres wieder neu ins Leben

sehen. Die sich bedrängt und angegriffen fühlen. Die ihren Glauben an Jesus Christus in Frage stellen. Sie

finden. Sechs bis zehn sind es meist auf der Fahrt. – Sie alle hatten Krebs oder haben Krebs. – Ihr Leben war

waren nicht zentral in Jerusalem. Sondern weit verstreut im Mittelmeerraum in Kleinasien. Aber

und ist auf das Schlimmste bedroht. Sie haben durch die Krankheit und die Therapien viel durchgemacht.

vielleicht waren sie anfangs von der Osterbotschaft 1

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Vgl. http://www.segelrebellen.com/news/atlantik-wir-kommen/ (abgerufen am 1.4.2016). 4

total begeistert. Es hatte sie wirklich angesprochen,

gibt. Dass es ein Leben gibt, das nicht durch die

dass Jesus Christus den Tod überwunden hatte. Vielleicht hatten sie von dieser Botschaft gehört.

Nachbarn begrenzt und eingeschränkt wird. Ein Leben, das nicht durch Krankheit leidet und irgendwann

Vielleicht haben sie diesen Jesus Christus selbst

enden muss.

erfahren, haben innerlich gespürt, dass er lebt. Doch

Petrus nennt das eine „lebendige Hoffnung“. War es

dann wurde die Zeit lang, ihre Umwelt bekam mit, dass sie sich anders verhielten. Dass sie zu einer neuen

das für die Empfänger des Briefes? Ist es für uns eine „lebendige Hoffnung“? Ist es für uns eine „lebendige

Gemeinschaft gehörten. Und diese Anderen machten ihnen das Leben schwer. Grenzten sie aus. Beachteten

Hoffnung“, dass es für uns ein Leben gibt, das sicher in Gottes Hand ist? Auch wenn wir das erst einmal nicht

sie nicht, behandelten sie eigenartig. Vielleicht kamen sie sich vor, als hätten sie eine schlimme Krankheit. So,

sehen und wahrnehmen können? Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, dass ich selbst zu sehr

als wären sie wegen einer Krankheit vom normalen gesellschaftlichen Leben isoliert. So als wären die

Pragmatiker und Realist bin. Dass ich zu sehr nur auf das vertraue, was ich unmittelbar sehen und

anderen gesund und wollten sie nicht mehr in ihrer Nähe sehen.

beeinflussen kann. Es gibt zwei Dinge, die mir dann helfen, neu

In diese Situation hinein schreibt der Verfasser des Petrusbriefes. Er will die Christen in Kleinasien darauf

wahrzunehmen und anzunehmen, dass Gott mir noch ein besonderes Leben, ein neues Leben im Glauben

hinweisen, dass ihre ursprüngliche Hoffnung gut und berechtigt war: Weil Jesus Christus Ostern

schenken will. Das erste ist die Erfahrung von Leben überhaupt: Jetzt

auferstanden ist, haben auch sie die berechtige Hoffnung darauf, dass es ein Leben nach dem Tod gibt,

der Frühling, die ausschlagenden Bäume und Knospen. Sie sind ein Hinweis darauf, dass es neues Leben gibt,

dass es ein neues, ein anderes, eben ein „unvergängliches, reines und unverlierbares“ Leben

auch nach dem Tod. Die Natur zeigt das auch an anderen Stellen. Der brasilianische Theologe Lindolfo 5

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Weingärtner hat daraus ein Gleichnis gemacht: „Eine

in der FAQ, bei den Antworten auf die häufig gestellten

stachelige Raupe sprach zu sich selbst: ‚Was man ist, das ist man! Man muß sich annehmen, wie man ist, mit

Fragen: Es „gilt der Grundsatz: auf See [(und angeblich vor Gericht)] bist du in Gottes Hand.“3

Haut und Haaren. Was zählt, ist das Faktische. Alles

„Auf See bist du in Gottes Hand.“ Das ist von den

andere sind Träume. Meine Lebenserfahrung läßt

Verfassern wohl auch als Warnung gemeint, aber ich

keinen anderen Schluß zu. Niemand kann aus seiner Haut!‘ Als die Raupe dies gesagt hatte, flog neben ihr

will das hier einfach ganz positiv verstehen. Es geht auch im Petrusbrief ja nicht einfach darum, dass es

ein wunderbarer Schmetterling auf. Es war, als ob Gott gelächelt hätte.“2

irgendwann nach dem Tod noch etwas für uns gibt. Dass wir uns vertrösten müssen, wenn unser Leben

Das zweite sind die Erfahrungen von Menschen. Auch die Segelrebellen können davon berichten. Da kommt

nicht so läuft wie erwartet, dass dann ja irgendwann doch noch etwas Schönes kommt. Nein, „Gott […]

eine Gruppe von Segelrebellen nach dem langem gemeinsamen Törn wieder im Hafen an. Sie haben mit

bewahrt euch durch seine Macht“ schreibt der Verfasser des Petrusbriefes, schon hier und schon

dem Wetter gekämpft und die Stürme überstanden. Sie sind als Gemeinschaft zusammen gewachsen. Und

jetzt, auf dem Weg, auf dem Meer. Natürlich mit dem Ziel, dass wir irgendwann sicher im Hafen ankommen

schließlich gestärkt wieder im Hafen angekommen. Sie haben neuen Mut, neues Selbstvertrauen, wieder ins

und uns darauf freuen können. Aber eben mindestens genau so sehr, damit wir schon jetzt ein neues Leben

Leben zu starten. Sie sind gestärkt für den Weg in ein neues Leben. Ich vermute, dass sie das selbst nicht so

haben. Das Leben eines Schmetterlings, also, ein Leben, bei dem Gott lächelt. Es geht doch an ganz vielen

formulieren würden. Aber wer weiß: Vielleicht hat Gott da auf ihrem Weg auch gelächelt. Die

Stellen darum, dass wir uns sicher und getragen fühlen, wenn unser Leben nicht rein, in Ordnung,

Segelrebellen schreiben auf ihrer Webseite immerhin

rosarot und butterweich ist. Es ist schön, wenn wir es

2 Axel Kühner: Eine gute Minute. 365 Impulse zum Leben. Neukirchen-Vluyn 2009, 22. September., S. 202f.

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http://www.segelrebellen.com/faq/ (abgerufen am 1.4.2016). 8

möglichst lange schaffen, unseren Kindern ein

sie schenkt auch Fiete lebendige Hoffnung. Wenn es

behütetes Leben zu schenken. Und das wünschen wir uns ja auch wirklich. Aber die erste große Beule lässt

für uns mal nicht so gut aussieht und wir uns bedroht fühlen, kann das unsere Perspektive ändern: Egal mit

nicht lange auf sich warten und manchmal bleibt es ja

welchen Voraussetzungen wir das Boot besteigen, egal

eben auch nicht bei der großen Beule.

wie die Reise wird. Der auferstandene Jesus Christus

„Auf See bist du in Gottes Hand.“ Gott fährt eben mit auf der langen Fahrt. Jesus Christus kennt die Tiefen

fährt mit. Er lächelt auf dem Weg. Er führt uns sicher zum Hafen. Er schenkt uns kein Leben ohne Stürme

und die Höhen. Die Stürme und Sonnenzeiten. Er kennt den Hafen. Wir sind unterwegs. Und er will mit

und Gefahren. Aber getrostes Leben, ein Leben im Glauben, das alle Stürme überdauern kann. Amen.

uns in einem Boot unterwegs sein. Uns zum Ziel führen und auf dem Weg begleiten. Für den Reformator Martin Luther gab es ein großes Zeichen, einen ganz großen Anhaltspunkt dafür, dass Gott mit ihm unterwegs ist, dass er ihm ein Leben mit ihm schenken will. Das war kein Boot, aber es hat auch mit Wasser zu tun. Das war die Taufe. Und in den schwersten Zeiten seines Lebens soll er mit Kreide auf seinen Schreibtisch geschrieben haben: „Bapticatus sum: Ich bin getauft!“ Er ist getauft. Das bedeutete für ihn: Jesus Christus ist für ihn da. Für ihn gestorben, er lebt für ihn, für Martin Luther. Der Glaube daran, das war seine Rettung. Diese Gewissheit schenkte ihm Kraft und lebendige Hoffnung. Sie schenkt auch uns, 9

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