Patrick Roth Die amerikanische Fahrt

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Author: Ursula Beck
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Patrick Roth Die amerikanische Fahrt Stories eines Filmbesessenen

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AUSSEN – AMERIKA – TAG

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Hebels Hollywood

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MARLOWE Would you happen to have a Ben-Hur, 1860, third edition, with a duplicated line on page one-sixteen?

Humphrey Bogart zu Dorothy Malone, der schönen Buchhändlerin, in Howard Hawks’ »The Big Sleep«

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Drei Bilder würde ich Ihnen gerne näherbringen: Eine Autofahrt durch Los Angeles. Eine Hand, die rätselhaft auf etwas deutet. Und: ein einfacher Tisch. Drei Bilder, die Sie sich, hoffe ich, aus dem Übrigen aufbewahren werden. Ich glaube an die Kraft dieser Bilder: Die Autofahrt. Die Hand, die deutet. Der Tisch. Ich ging durch diese Bilder und war verwandelt. Wenn Sie am Ende meiner Rede an diese Bilder denken, als hätten Sie sie selbst geträumt, dann wär’s ein Wiedersehen. Im Sinn der Sache. Im Sinn der Autofahrt, der Hand, des Tischs. Ich bin in Karlsruhe aufgewachsen, lebe aber seit über zwanzig Jahren in Los Angeles, der Stadt, die mir zur zweiten Heimat geworden ist. Wenn Sie Einblick in meine Träume hätten, wäre zu sehen, wie gut sich Karlsruhe und Los Angeles, wie sehr sich beiderlei Heimat miteinander verträgt. Staunend würden Sie sehen, wie der Sunset Boulevard, so um zwei oder drei Uhr nachts bei mir, in den Karlsruher Passagehof hinterm Moninger mündet und ein Kinobesuch in der »Kurbel« möglich wird. Der selbstlose Karlsruher Kinobesitzer zeigt den »Glanz des Hauses Amberson«: »The Magnificent Ambersons« von Orson Welles. Im amerikanischen Original! Nur: Joseph 9

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Cotten spricht seinen Traumdialog mit feinstem Karlsruher Akzent. Aus seinen berühmten Worten vom unaufhaltsamen Aufstieg des Automobils: But automobiles have come and almost all things are going to be different because of what they bring. wird: Ha heer, alles folla Audomobiele. Do kansch gar nix mache. Un die gehe ned weg. Swird sich so manches verändere durch die Dinger. Auch muß der Zuschauer dabei keinesfalls auf den herrlichen Chili-Dog, den er bei »Pink’s« auf La Brea Avenue zu »munchen« begonnen hat, verzichten. Die Kaiserstraße verliert sich nach solchem Genuß wieder im goldbraunen Abendsmog der Hollywood-Hügel, die geliebten Buchhandlungen – die Stephanus, die Braunsche, Kaiser und Kundt – verwandeln sich in die roten, grellgelben und rosafarbenen Sexshops auf dem Sunset und Santa Monica Boulevard, aus denen kleine geduckte Männer in Regenmänteln mit Erstausgaben von Celan, Huchel, Joyce oder gar von Johann Peter Hebel in die Nacht huschen, um sich die wertvollen Stücke in Geiger’s »Rare Books and De Luxe Editions«-Laden auf dem Hollywood Boulevard – natürlich von den Autoren selbst – signieren zu lassen. So kann der Traum zusammenführen, das Unbewußte kennt nicht Zeit, nicht Trennung durch den Raum, wie wir sie bei Bewußtsein kennen. Diese Tatsache aber 10

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kommt nicht nur im Traum zum Tragen, sondern – so ist das zumindest bei mir – auch bei der Arbeit. In den ersten Phasen der Arbeit an einem Roman oder Stück lebt man oft intensiv in dieser Welt, in der die Dinge kaum entstanden sind, noch eins ins andere übergeht: Aus dem Torbogen eines mir aus Kindertagen vertrauten alten Hauses in der Karlsruher Stephanienstraße wird mühelos ein Stadttor-Bogen, durch den am Anfang unserer Zeitrechnung einer den Weg zum Herodianischen Tempel in Jerusalem ging. Man sucht beim Schreiben einen Halt, nach einem Bild, in welches am geheimnisvollsten schon alles eingegraben scheint. Nach einem Bild, das langsam auszugraben, zu verstehen und so ins Licht zu rücken wäre. Ich will von Bildern erzählen, die Ihnen einige meiner Stationen als werdender Schriftsteller vor Augen führen. Ich werde reden vom Wunsch, das Ferne nah zu bringen, von einer Sehnsucht mithin, der Einsicht auch, im Fernen immer wieder auch das Allernächste aufzufinden. Das Ferne war mir einst Amerika, jetzt ist es »nah«, und nah ist es, weil ich es über die Jahre immer wieder mit Nahem, Nächstem ergänzt habe. Ich habe mir das fremde Land durchs Eigenste, Nächste angeeignet. Das will ich gleich am Beispiel Johann Peter Hebels, des ehemaligen Rektors meiner alten Schule – des heutigen Bismarck-Gymnasiums – demonstrieren. Wie habe ich mir die fremde Welt, dieses Los Angeles, zu eigen gemacht? In meinem ersten Auto, einem 500-Dollar-VW mit einem baren Hauch von Bremsbelägen, gab es kein Radio. Ich las mir meine Lieblingsautoren, den Johann Peter Hebel, den Hölderlin, Joyce, Trakl, Nathanael 11

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West, Poe, Arno Schmidt und Celan, auf Tonband, deponierte das Tonbandgerät dann auf meinem Beifahrersitz und hörte den Geschichten und Gedichten bei den langen Fahrten auf den Los Angeles Boulevards und Freeways also per Band zu. Damals war das Benzin um einiges billiger als heute, »cruising« – das einfache Herumkreuzen mit dem Auto – war jedermanns Zeitvertreib. Man fuhr, ohne eigentlich anzuhalten, man fuhr langsam. Langsamer, sehr langsam, im Schritt-Tempo, wenn man eine junge Frau etwa genauer sehen wollte oder genauer gesehen werden wollte. Letzteres war bei mir nicht der Fall. Kein California Girl, das etwas auf sich hielt, wäre in meine Todeskarosse eingestiegen. Der vorherige Besitzer hatte, als hätte er’s herbeibeschwören wollen, die Beifahrertür durch einen Unfall – die Tür war halb eingerammt – für immer versiegeln lassen. Ich hätte also erst aussteigen müssen, um jemanden dann auf meiner Seite einsteigen und auf den »dead-end-«, das heißt: Sackgassen-Sitz, rutschen zu lassen. Und was hätten diese Frauen dann gehört? Meine Stimme auf Tonband, Kalendergeschichten, Gedichte, »short stories« lesend. »Hey, man. Don’t you even have a radio? Some music, for God’s sake?« »Musik?« Hatte ich nicht – und also keine Beifahrer. Ich hörte beim Fahren zum Beispiel meiner Stimme zu, die las: »In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut …« Das war der Anfang der Hebelschen Kalendergeschichte 12

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»Unverhofftes Wiedersehen«. Erinnern Sie sich an diese Geschichte? Eine meiner Lieblingsgeschichten. Sie erzählt von einem jungen Bergmann und dessen bevorstehender Hochzeit mit seiner jungen Braut. Aber der Tod holt ihn ein, die Braut sieht ihn nicht wieder. Die Zeit, die Weltgeschichte, zieht an dieser geringen Figur, einer trauernden Frau in einer kleinen Stadt in Schweden, vorbei. Es gibt Wichtigeres, Weltbewegenderes als ihr Unglück. Da schwenkt der Erzähler, Hebel, nach Jahrzehnten Weltgeschichte, zeilengerafft einhermarschierender Weltgeschichte, fast zärtlich zurück auf die Altgewordene, die Alte, die Witwe des Bergmanns. Man hatte nämlich aus einer der verschütteten Minen, aus »dreihundert Ellen Tiefe«, heißt es bei Hebel, aus »Schutt und Vitriolwasser« einen jungen Mann hervorgegraben. Seine Leiche war nicht gealtert. Den Entdekkern, die den Unbekannten nach oben beförderten, schien es, als sei er bei seiner Arbeit nur eingeschlafen, vor wenigen Stunden. Ein halbes Jahrhundert war aber vergangen, und niemand mehr, der ihn erkannt hätte. Nur die alte Frau, die herbeikommt. Die erkennt ihn, den Toten. Ja erkennt an ihm noch die Stunde der Hochzeit, die damals so nah war, er hätte nur nach Hause kommen müssen. Und nimmt Abschied, noch einmal, verspricht dem jungen Mann bald nachzukommen, denn »bald wird’s wieder Tag«, sagt sie und schaut sich, als sie fortgeht, noch einmal nach ihm um. »Unverhofftes Wiedersehen«. Von Hebel so erzählt, daß man glauben lernt, alles Geliebt-Verlorene eines Tages doch noch wiederzusehen. Denn Hebel führt den Leser, seinen Zuhörer, immer wieder unvermittelt von hinten an ein zu Sehendes, an 13

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den Rücken des Verlorenen, das sich dann dreht, sich uns unverhofft als das Verlorene wiederschenkt. Und Hebel tanzt mit solcher Drehung, solchem Drehen um die wenigen Bilder seiner Geschichte, daß einem schwindlig wird und das Wiedersehen mit dem Toten wahrhaft unverhofft zustande kommt. Eindringlich wird bei ihm wiedergesehen, wiedererlebt, was für verloren galt. Das Leben, das sich für diese Frau seit dem Unglück doch nur wie stur nach vorn bewegt haben muß, sinnlos scheinbar, ein nimmer enden wollendes Vermissen, lautlos gemacht vom Gebrüll der Weltgeschichte, wird leise rundgeschlossen hier im Schlaf, durch diesen gleichsam Schlafenden, den hier entdeckten Toten, wird rundgemacht ihr Leben, erhält so Sinn. Denn »Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten«, hört Hebel die Alte sagen, das letzte, was zu hören ist. »In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge, hübsche Braut …« Nochmals zum Anfang zurück, dem ersten Satz der Geschichte. Ich fahre ja noch im Auto, das Tonbandgerät auf dem Sitz neben mir. Ich höre sie ja gerade auf dem One-Oh-One, dem Ventura Freeway, diese Geschichte, diese Sätze. Die ausgesprochenen Sätze, die von mir da gelesenen Sätze, ihre Bilder, legten sich damals, könnte man sagen, über die Welt meines »windshield«, meiner Windschutzscheibe: Der junge Bergmann küßte die Braut in Los Angeles auf dem Ventura Freeway nahe dem Laurel Canyon Exit, an dem ich gerade mit 55 Meilen die Stunde vorbeifuhr. 14

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