Mit Eiern. Eier Mit Speck Festival am Niederrhein

STORY ■ ■ ■ Knorkator überraschen immer mit einer Show der „anderen Art“ Von Christian Boche, Fotos: Andreas Döring Vorbei - die Zeiten, in denen e...
Author: Annika Krüger
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Knorkator überraschen immer mit einer Show der „anderen Art“

Von Christian Boche, Fotos: Andreas Döring

Vorbei - die Zeiten, in denen ein Künstler sein Auskommen überwiegend aus dem Tonträgerverkauf erzielen konnte. Somit sind Auftritte und Merchandise-Verkauf für Bands wichtiger denn je. Logisch, dass die Zahl der Open Air Festivals ständig wächst. Im Wettbewerb um Fans und Zuschauer muss man sich als Festivalveranstalter schon etwas einfallen lassen, damit so ein Event auch unter betriebswirtschaftlichen Aspekten funktioniert. Welche Dinge hier passgenau zusammenspielen müssen, haben wir am Beispiel des kuscheligen „Eier Mit Speck“ Festivals in Viersen am Niederrhein erkundet.

„Eier Mit Speck“ Festival am Niederrhein

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Es beginnt mit einer leeren Wiese – die komplette Infrastruktur inklusive Strom und Wasser muss jedes Jahr aufs Neue aufgebaut werden

Dem aufmerksamen tools Leser dürfte das „Eier Mit Speck“-Festival (kurz: EMS) schon ein Begriff sein. Gleich zwei Tools Autoren mischten hier im wahrsten Sinne des Wortes von Anfang an mit. Kollege Stefan Kosmalla ist mit seiner Firma „Rockline“ für Bühne, Ton und Licht verantwortlich, während der Autor die Funktion des FoH-Betreuers einnimmt. In den letzten Jahren hat sich das EMS stets als Spielplatz für ausführliche tools-Test (auch in dieser Ausgabe) angeboten. An drei Tagen spielen fast 30 Bands und Künstler vor einem Publikum von 4.500 feierwütigen „Speckies“ (liebevolle Bezeichnung der Festival-Besucher, die Red.). Hier lassen sich Testgeräte bestens unter realen Live-Bedingungen testen. Seit drei Jahren ist das Festival schon Wochen bevor dem Beginn ausverkauft, weshalb die insgesamt vier Veranstalter offensichtlich eine Menge richtig machen. Im Gespräch stellt sich schnell heraus, dass ein erfolgreiches Festival mehr als eine Bühne mit Künstlern auf der grünen Wiese ist. Wir trafen EMS Veranstalter Christoph „Tappi“ Tappeßer zum Interview, während er gerade dabei war, einen Berg von Getränkebechern zu spülen. tools 4 music: Christoph, was zum Teufel machst Du mit all den Bechern? Christoph „Tappi“ Tappeßer: Wir haben im Laufe der Jahre festgestellt, dass es für uns deutlich günstiger ist, eigene Becher zu kaufen, anstatt zu leihen. Beim Abbau sind die meisten allerdings nass geworden, weshalb wir die noch mal durchspülen müssen, bevor wir sie einlagern.

Keine Zombie Invasion, sondern Camper, die sich schon einen Tag vor dem Festival einen Zeltplatz sichern

tools 4 music: Wo ihr jetzt schon eigene Becher habt, wohin kann sich das Festival noch entwickeln? Tappi: Im Grunde haben wir die „maximale Ausbaustufe“ erreicht. Das fängt schon mit der Bühne an. Eine deutliche größere als die Prolyte Bühne, die wir jetzt verwenden, wäre unverhältnismäßig teurer und würde Folgekosten mit sich bringen, die sich mit dem jetzigen Konzept nicht mehr realisieren lassen.

Der Countdown läuft ...

tools 4 music: Ein Beispiel für Folgekosten wäre? Tappi: Das fängt ja schon bei der Stromversorgung an. Wir können nirgendwo Strom abgreifen und müssen alles über Aggregate speisen. Alleine der Backstageund Bühnenbereich benötigt 400 kVA

High Five mit der Hardcore Band „Settle The Score“

Das Line Array kurz vorm „Abheben“ g die a“ verlässt beim letzten Son dell: Die Band „La Pegatin e Stand ndis rcha Me m Interessantes Business Mo ihre zu ielt m gez Bühne und führt das Publiku

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Ein Unwetter mit Platzregen und Hagel kann während der Aufbauphase keiner gebrauchen – die örtliche Feuerwehr half kurzer Hand mit Pumpen aus, um den Platz wieder begehbar zu machen

(Kilo-Voltampere). Die Teile wollen natürlich auch immer betankt werden. Ein Aggregat läuft zum Beispiel fast zwei Wochen durch. Es wird ja zum Auf- und Abbau schon Strom für die Platzbeleuchtung und die Kaffeemaschine benötigt. Dann kommen kurz vor dem Festival die ersten Kühlwagen für die Getränke und dann natürlich der Strom für Licht und Ton dazu. Am Ende des Festivals wartet dann eine Dieselrechnung auf uns tools 4 music: Wer schaut denn nach, wie viel Diesel noch in den Tanks ist? Tappi: Das machen der Jupp und ich so nebenbei. Wobei wir dieses Jahr ein Aggregat hatten, bei dem die Tankanzeige defekt war. Das ist Gott sei Dank einen Tag vor dem Festival ausgefallen und nicht während des Bühnenbetriebs. Wir haben einen zusätzlichen 1.000-Liter-Tank, von dem wir den Sprit verteilen können und wir haben den Deal, dass wir die Aggregate mit vollem Tank bekommen und voll wieder zurückgeben. Früher war es anders rum und wir mussten während des Festivals immer sehr genau kalkulieren und zum Teil mehrere hundert Liter Diesel umpumpen, was zu den weniger beliebten Jobs zählt. tools 4 music: Die Beleuchtung der Camping Plätze läuft dann auch über die Aggregate? Tappi: Genau. Und am „Crew Check-in“ ist auch noch ein Aggregat. Dort geben wir Funkgeräte und anderes Gerät an unsere Mitarbeiter aus. Wenn Bands mit Nightlinern anreisen, finden sie dort ihren Parkplatz samt Stromanschluss. Das hat sich als praktisch er-

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wiesen, da der Platz im Backstage einfach für Nightliner viel zu klein ist. Aber für die Wegbeleuchtung haben wir dieses Jahr etwas Neues ausprobiert: Hybridaggregate! tools 4 music: Hybrid? Tappi: Das sind kleine Dieselaggregate mit Akkueinheit. Der Dieselmotor springt nur dann an, wenn der Akku nicht mehr genug Kapazität hat. Die Teile springen alleine an, sie braucht man also nicht mehr morgens und abends an- oder auszumachen. Hat gut funktioniert und eine Menge Diesel gespart. Gut möglich, dass wir das im nächsten Jahr noch weiter ausbauen. tools 4 music: Das heißt, in puncto „Infrastruktur errichten“ seid ihr mittlerweile erprobt? Tappi: Klar, das entwickelt sich alles im Laufe der Jahre. Nur ein Beispiel ist die Toilettensituation. Wir wollten von Anfang an zumindest an einer Stelle WCs mit Wasserspülung haben. Anfangs haben wir das über die üblichen mobilen Toilettenwagen realisiert, jetzt haben wir richtig große Container-Einheiten, die allerdings einen Abfluss benötigen. Den Abwasserkanal dafür haben wir in Eigenarbeit verlegt, einfach um uns allen das wenig romantische „Güllepumpen“ während der Festivaltage zu ersparen. Für die weiter entfernten Campingplätze brauchen wir natürlich weiterhin Dixies, davon stellen wir ungefähr 150 Stück auf, also deutlich mehr, als man normalerweise bei der Besucherzahl machen würde. Im Grunde

haben wir versucht, die größten Unannehmlichkeiten zu umgehen, die uns selbst als Gäste bei anderen Festivals auf den Sack gingen. Vernünftige sanitäre Anlagen sind das eine, das andere die Tatsache, dass man auf den meisten Festivals einfach kein brauchbares Frühstück für kleines Geld erhält. Somit kam uns die Idee, den Leuten samstags und sonntags ein kostenloses Frühstück mit Kaffee, Eiern, Speck und Brötchen anzubieten. Dass die Aktion zudem in der Namensstiftung des Festivals endete, haben wir gerne noch mitge- nommen.

Das Eier Mit Speck-Festival ist für eine opulente Lichtausstattung bekannt

tools 4 music: Ein kleines Investment, das von vielen Besuchern gerne mitgenommen wird. Tappi: Naja, so klein ist die Investition nun nicht. Ich weiß es nicht genau, aber es würde mich nicht wundern, wenn uns der ganze Spaß um die 4.000 Euro kosten würde. tools 4 music: Stichwort „Kosten“. Wofür geht die meiste Kohle drauf? Tappi: Das sind ganz klar die Bands. Wobei mir gerade einfällt, dass ein dicker Batzen der Künstlerkosten auch die Hotelkosten der Bands einnimmt. Es ist uns wichtig, dass wir lokale Hotels buchen können. Im Grunde haben wir alle Hotels in Viersen während des Festivals belegt. Wobei es sein kann, dass wir Bands auch außerhalb unterbringen müssen. Knorkator wollten gerne ein Hotel in Düsseldorf am Bahnhof haben, damit die Jungs länger pennen und danach direkt in den Zug einsteigen konnten. Die meisten Hoteliers begrüßen die Abwechslung und sind schon seit vielen Jahren dabei. Nur ein Hotel hat die Segel gestrichen. Das war in dem Jahr, in dem es

Müll Management die Herausforderung für jedes Festival

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Der Name ist Programm – das Eier Mit Speck-Festival bietet allen Besuchern ein kostenloses Frühstück

Rettungskräfte sind das ganze Wochenende in Einsatzbereitschaft

Nicht nur Dixis, auch Toiletten mit Wasserspülung bietet das „Eier Mit Speck“-Festival

Ein Viersener Feinschmecker Restaurant bekocht die Künstler mit einer mobilen Küche im Backstage-Bereich

das ganze Wochenende regnete und die Band Clawfinger das Hotel unabsichtlich in eine Matschlandschaft verwandelte. Der nächste dicke Batzen, fast so groß wie die Künstlerkosten, ist das Thema „Sicherheit“. tools 4 music: Ich denke mal, nach dem Love-Parade Unglück hat die Veranstaltungssicherheit einen anderen Fokus bekommen? Tappi: Zumindest sind die Leute aufgewacht und die Behörden wollen seit dem auch ganz genau wissen, was sie genehmigen. Im Grunde hat man das „Eier Mit Speck“-Festival früher wie eine große Scheunenparty betrachtet und auch so genehmigt. Das waren hier bei uns „auf dem Land“ die einzig vergleichbaren Veranstaltungen, was die Größe betrifft. Was sich nach der Love-Parade schnell geändert hat, ist die Tatsache, dass jetzt Ordnungsamt, Feuerwehr und Polizei wesentlich mehr Hand in Hand arbeiten, was größere Veranstaltungen angeht. Was organisatorisch für uns auch ein Vorteil ist. Die Genehmigungsvoraussetzungen sind jedenfalls mit der wachsenden Größe des Festivals deutlich gestie- gen. tools 4 music: Inwiefern? Tappi: Alleine was die Security Mannschaftsstärke angeht. Früher war es so, dass pro 100 Zuschauer eine Sicherheitskraft anwesend sein musste. Da reichte es in früheren Jahren aus, dass wir einen kleinen Teil dieser Leute selbst gestellt haben. Unsere Leute wissen ja auch, wo zum Beispiel im Ernstfall die Fluchtwege liegen. Das geht heute nicht mehr. Jetzt schickt uns die Security Firma die entsprechende Anzahl Leute, die im Grunde rund um die Uhr vor Ort sind. Da wir die Campingplätze fast fünf Tage geöffnet haben und etwa 3.500 Leute hier campen, kommen da richtig Kosten zusammen. tools 4 music: Wie ist denn generell die Unterstützung der Stadt? Tappi: Wir bekommen einiges an „Hardware“, wie Schilder und Absperrungen, dürfen die Festival-Wiese kostenlos belagern und im nahe gelegenen Stadion des 1. FC Viersen können die Campingplatz -Bewohner die Duschen zu festgelegten Zeiten nutzen. Genehmigungen und das ganze Drumherum müssen wir natürlich ganz normal zahlen. Wer sich allerdings sehr engagiert, das sind die kleineren und mittleren Handwerksbetriebe aus Viersen. Teilweise bieten uns

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auch Leute Unterstützung an, die man gar nicht kennt. Das macht vieles möglich, was sonst nicht bezahlbar wäre. Auch die Viersener Feuerwehr ist sehr aktiv. Als es dieses Jahr vor dem Aufbau so stark geregnet hat, dass die ganze Wiese unter Wasser stand, haben die Jungs uns mit Tauchpumpen ausgeholfen, damit wir das Gelände trockenlegen konnten. Ohne diese breite Unterstützung und die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre das Festival nicht einmal ansatzweise zu den Eintrittspreisen zu realisieren, soviel ist klar. tools 4 music: Könnt Ihr denn mit den Eintrittspreisen allein die Kosten decken? Tappi: Nein, das geht nicht. Wir sind darauf angewiesen, einiges an Getränken und Essen zu verkaufen, damit wir Kosten deckend arbeiten. Tools: Ab wann läuft die Planung für das nächste Festival? Tappi: Im späten Herbst fangen wir an. Im Gegensatz zu vielen anderen Festivals, die schon wenige Tage nach Abbau sich Gedanken über das nächste Festival machen. Und ab Januar werden gezielt Bands gebucht. Ich hab einfach keinen Bock, mir schon ein Jahr im Voraus Gedanken über Bands zu machen. Außerdem kann so auch besser auf den Zeitgeist reagiert werden. tools 4 music: Booking – gutes Stichwort. Wie muss man sich das bei den Gagenverhandlungen vorstellen. Sind das feste Preise oder eher wie beim Gebrauchtwagenhändler? Tappi: Zumindest bei den Headlinern oder bekannteren Bands musst ein Veranstalter nicht selten ein Gebot abgeben, was er für die Band bezahlen würde und deren Booking-Agentur kann sich dann mit der Entscheidung einige Wochen Zeit lassen. Klar, für die ist das dann eine relativ einfache Sache, wenn für den gleichen Tag ein Festival 8.000 und ein anderes 15.000 Euro bietet. Logisch, wo die Band dann auftreten wird. Unser Problem bei der Geschichte ist: Das Angebot ist in der Regel verbindlich! Sprich, fragen wir vier oder fünf Headliner an und alle würden zusagen, dann ergäbe sich ein finanzielles Problem. Daher können wir als kleines Festival immer erst nach einer Künstler-Absage den nächsten Headliner anfragen. Auf der anderen Seite gibt es auch Bands oder Booker, die ganz klar sagen, was die Band kostet. Dann kann man vielleicht noch einen kleinen Betrag runterhandeln, kommt sich entgegen – aber das ist es dann auch. Richtige Schnäppchen sind selten, zumindest bei aufwändigeren Tourproduktionen, die mit Nightliner und großer Crew reisen. Wenn man je einen Techniker für FoH, Monitor, und Licht mitbringt, die dann zum Teil noch eigene Pulte, Mikrofonie und Backliner anschleppen, dann ist klar, dass bei so einem Act kein nennenswerter Preisnachlass drin ist. Manchmal hat man Glück und im Tourplan ist noch ein freier Tag, dann wird es günstiger. Manchmal ist aber selten. ■

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