Johann Sebastian Bach Genie mit Langzeitwirkung

1 Manuskript radioWissen Johann Sebastian Bach – Genie mit Langzeitwirkung AUTOR/IN: Markus Vanhoefer REDAKTION: Petra Herrmann Sprecher 1: B-A-C-H....
Author: Kathrin Mann
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Manuskript radioWissen

Johann Sebastian Bach – Genie mit Langzeitwirkung AUTOR/IN: Markus Vanhoefer REDAKTION: Petra Herrmann Sprecher 1: B-A-C-H. Es sind, wie hier in dieser Fuge, nur vier einfache Noten, der Name eines Komponisten buchstabiert als kurzes Motiv. Und dennoch sind diese vier Noten von hintergründiger Bedeutung. Zitator: B- A-C- H ist Anfang und Ende aller Musik,... Sprecher 1: ... konstatiert Max Reger, ein Meister der Spätromantik. Christian Friedrich Daniel Schubart, ein Musikschriftsteller der Aufklärung, fügt dem hinzu: Zitator: Was Newton als Weltweiser, war Bach als Musiker. Sprecher 1: Johann Sebastian Bach, das Maß aller musikalischen Dinge, der sprichwörtliche „Liebe Gott der Musik“. Sprecher 2: Johann Sebastian Bach, Barockkomponist, unerreichbares Vorbild und Fundament unserer westlichen Musiktradition? Zitator: Bach ist der Vater, wir sind die Buben. Wer von uns was rechtes kann, hat´s von ihm gelernt,... Sprecher 1: ...meinte kein geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart. Der Impressionist Claude Debussy bringt es mit ironischer Feder auf folgenden, durchaus ernst gemeinten Punkt: Zitator: Bach, das ist der heilige Gral der Musik. Bach thront strahlend über der Musik, und in seiner Güte hat er gewollt, dass wir einstmals die jetzt noch unbekannten Worte der großen Lehre hören, die er der selbstlosen Musikliebe zum Nutzen hinterlassen hat. Sprecher 1: Das geschichtsträchtige Konzert fand am Karfreitag des Jahres 1829 in Berlin statt. Die geistige und gesellschaftliche Elite der Gesellschaft der Preußen- Metropole hatte sich im klassizistischen Gebäude der Singakademie versammelt, denn das musikalische Ereignis, das dort stattfinden sollte, versprach die Hebung eines einzigartigen kulturellen Fundstücks.

2 Sprecher 2: Die Leitung des spektakulären Konzertes hatte ein gerade 20- jähriger Bankierssohn übernommen, der als Lichtgestalt des deutschen Musiklebens galt: Felix Mendelssohn Bartholdy. Sprecher 1: Der 11. März 1829. 158 Sänger drängen sich auf der Bühne des Akademie-Saals. Als Mendelssohn vom Cembalo aus den Einsatz gibt, empfindet dies das Publikum als magischen Moment. 100 Jahre nach ihrer Uraufführung und 79 Jahre nach Bachs Tod wird dessen „Matthäuspassion“ konzertant wiedererweckt. Zitator: Was wir uns alle so im Hintergrunde der Zeiten als Möglichkeit geträumt haben, ist jetzt wahr und wirklich, die Passion ist in's öffentliche Leben getreten, und Eigenthum der Gemüther geworden. Sprecher 1: Noch aus heutiger Sicht ist Felix Mendelssohn Bartholdys Wiederentdeckung der Matthäuspassion eine wichtige „Zäsur“. Sprecher 2: Zwei Gründe: Erstens: Mendelssohns Großtat markiert den Beginn eines historischen Bewusstseins in der Musik, das heißt, eines Bewusstseins, dass es kanonische Werke gibt, die über Zeiten und Generationen bestand haben. Sprecher 1: Zweitens: 1829 war Johann Sebastian Bach – zumindest für die breite Öffentlichkeit- ein Komponist von zu vernachlässigender Bedeutung, wenn man ihn kannte, dann höchstens als – Zitat- „borstigen Fugenschreiber und unverständlichen musikalischen Rechenmeister“. Sprecher 2: Das Konzert in der Berliner Singakademie sollte dies von Grund auf ändern: Zitator: Der bahnbrechende Einfluss dieser Aufführung war ein unermesslicher. Es war der erste Anfang zur Hebung des jener Zeit fast noch gänzlich unbekannten Schatzes der tiefsten Meisterwerke Bachs. Sprecher 1: „Johann Sebastian Bach, Genie mit Langzeitwirkung“, ist der Titel dieses Beitrags. Was wissen wir über einen Komponisten, der die Musikgeschichte prägte wie kaum ein anderer? Sprecher 2: Zunächst einige biographische Eckdaten: Johann Sebastian Bach. 1685 in Eisenach geboren, Spross einer Musikersippe. Sprecher 1: Nach dem frühen Tod der Eltern von einem Bruder großgezogen. In jungen Jahren Organist an diversen thüringischen Orten, Cammermusicus in Weimar, Hofkapellmeister in Köthen. Sprecher 2: Ab 1723 „Thomaskantor“ am gleichnamigen Gymnasium und „Director musici der Kirchenmusik in Leipzig , wo er über mehrere Jahre Sonntag für Sonntag ein Kantate verfasst. Gestorben im Juli 1750 nachdem er sich zweimal vergeblich einer StarOperation unterzogen hatte.

3 Sprecher 1: Was wissen wir also über jenen Komponisten, der 20 Kinder zeugte und seine Werke mit „Deo Solo Gloria“ – „Ruhm allein Gott“ zu unterzeichnen pflegte? Aus einer Publikation des Bachhauses Eisenach: Zitator: Bach hat uns keine Autobiographie hinterlassen, dafür jedoch ein Werk von schier unerschöpflicher Dimension und eine Vielzahl offener Fragen. Sprecher 1: Johann Sebastian Bach heute. Der „Frauenplan“ in Eisenach. An der linken Stirnseite des leicht ansteigenden Platzes entdeckt der Besucher ein gedrungenes „ButzenscheibenGebäude“, das für Musikliebhaber als Pilgerstätte gilt, das „Bachhaus Eisenach“. Sprecher 2: Der Historiker Jörg Hansen ist Direktor des Museums: Sprecher 1: Johann Sebastian, jüngster Sohn des Stadtpfeifers Ambrosius Bach, verbrachte seine Kindheit in dem Haus, das heute als Gedenkstätte dient. Sprecher 2: Ein Stadtpfeifer war eine Art Zunftmeister der städtischen Musiker. In dieser Funktion war Bachs Vater ein angesehener Bürger Eisenachs. Der frühe Tod der Eltern machte den 10jährigen zum Vollwaisen, der gezwungen war, sich möglichst bald eigenverantwortlich über Wasser zu halten. Sprecher 1: Das Bachhaus Eisenach. Im Jahr 1907 wurde es von der „Neuen Bachgesellschaft“ als erstes Bach-Museum Deutschlands gegründet. Neben seiner musikhistorischen Bedeutung ist das Haus jedoch auch ein Spiegel deutscher Geschichte. Jörg Hansen: Sprecher 1: „Phänomen“ Johann Sebastian Bach, in 21. Jahrhundert ist der Thüringer Stadtpfeifersohn nicht nur ein kulturgeschichtliches Denkmal, er ist eine „Marke“, das bedeutet: Bach ist Touristenattraktion, Reiseziel und Wirtschaftsfaktor. Sprecher 1: Spätbarock ist gleich Bachzeit. Für uns heute gilt der Thomaskantor als Höhepunkt und Vollender einer Epoche. Wie jedoch dachte die Bachzeit über Bach? Sprecher 2: Ziehen wir eine historische Quelle zu Rate: Johann Matthesons „Der vollkommene Kapellmeister“ von 1739. Zitator: Bach, ein künstlicher und glücklicher Fugensetzer,... Sprecher 1: ... schreibt der Hamburger Operndirektor. Bach der künstliche, sprich kunstfertige Fugensetzer, wenn Mattheson „berühmte“ deutsche Komponisten aufzählt, dann fallen ihm andere Namen ein: Johann David Heinichen, Johann Adolph Hasse und allen voran: Georg Friedrich Händel. Sprecher 2: Was fehlte Bach aus Sicht seiner Zeitgenossen zum Erfolgskomponisten?

4 Sprecher 1: Zunächst dieses: Auslandserfahrung. Sprecher 2: Bachs Lebensradius blieb auf Thüringen und Sachsen beschränkt. Wer zur ersten Riege der Tonsetzer zählen wollte, musste dagegen in Italien für Furore sorgen, am besten mit einer Oper, um anschließend in London, dem Finanzzentrum des Abendlandes, viel Geld zu verdienen. Sprecher 1: Auf Georg Friedrich Händel traf beides zu, auf Bach keines von beiden. Sprecher 2: Die fehlende Weltläufigkeit war jedoch nur ein Manko, das man Johann Sebastian Bach angekreidete. Ein anderes, künstlerisch schwerwiegenderes, war seine angebliche Rückständigkeit. Sprecher 1: So schrieb der Hamburger Kritiker Johann Adolph Scheibe über Bach: Zitator: Kann eine Musik die Zuhörer bewegen, die ein ausgesuchtes, miteinander streitendes und wüstes Geräusch verursachet, das aus einer zahlreichen Reihe Dissonanzen zusammengesetzt ist, und ...dabey ein fließender und deutlicher Gesang wegfällt? Sprecher 1: „Wüste Geräusche und Dissonanzen“, es mag uns überraschen, aber so wurden Bachs Stücken wirklich gehört, denn Mitte des 18. Jahrhunderts erfuhr die Musik eine radikale Veränderung. Sprecher 2: Der Geschmack einer neuen „galanten“ Zeit, in der Komponisten wie Haydn die neuen Helden sein werden, verlangte nach Einfachheit und natürlichem Ausdruck. Sprecher 1: Die Konsequenz: Der flächige Klang des Streichquartetts ersetzte den, vom rhythmischen Dauer-Impuls des Cembalos vorangetriebenen Generalbass, eine gesanglich-schlichte, von Akkorden begleitete Melodie verdrängte eine komplizierte Verflechtung vieler gleichberechtigter Stimmen. ( Musik 9b: Johann Sebastian Bach: „Kunst der Fuge. Contrapunktus 18“. 32 Sek. Akademie für Alte Musik Berlin. C 506659. Track 21 ) Sprecher 2: Der konservative „Altmeister“ Bach bleibt dagegen, was er ist, ein unerreichter Virtuose des Kontrapunktes. Sprecher 1: Unerreicht heißt: Wie Bach, zum Beispiel seiner „Kunst der Fuge“, mit Themen umgeht, wie er diese Themen verarbeitet, spiegelt und umkehrt ,ist von einer zwingenden kompositorischen Logik. Sprecher 2: Unerreicht heißt: Bachs anspruchsvolle Kirchenmusik ist ein Kompendium rätselhafter Symbole. Welche theologische Bedeutung hat das Vorzeichen „Kreuz“, welchen tieferen Sinn Zahlenverhältnisse?

5 Sprecher 1: Auch wenn spätere Generationen von all dem fasziniert sein werden: Um 1740 gilt Johann Sebastians Stil als altbacken, überladen und verkünstelt. Sprecher 2: Am Ende der Bachzeit ist Bach jedenfalls ziemlich „unmodern“. Sprecher 1: Unterwegs im Bachhaus Eisenach. An den Wänden Handschriften, MultimediaInstallationen in einem modernen Anbau. Sprecher 2: Wer war Johann Sebastian Bach? Ein Meister aus deutscher Kleinstaaten-Enge? Jörg Hansen: (Zuspielung 4: „Vielleicht lag darin der Keim der Unzufriedenheit.. in welchem Umfeld er aufgewachsen ist“. Sprecher 1: Wenn du nicht zur Musik kommen kannst, muss die Musik zu dir kommen, zumindest im Notentext. Bach kannte die angesagten Trends seiner Zeit und schuf daraus etwas neues, eigenes, den sogenannten „vermischten Geschmack.“ Sprecher 2: Dieser „vermischte Geschmack“ , das heißt Bachs perfekt aufbereitete Mischung der diversen Nationalstile, ist das Fundament, auf dem die europäische Vormachtstellung einer „deutschen klassischen Musik“, einer Musik von Haydn, Mozart und vor allem Beethoven, errichtet werden konnte. Sprecher 1: Johann Sebastian Bach, der Gründervater einer deutschen Tonkunst, durch ihn wird „made in Germany“ zum Gütesiegel, die ersten Biographen des Thomaskantors empfanden dies so. Sprecher 2: So gab Johann Nikolaus Forkel seinem 1802 erschienenen Lebensbild folgenden Titel: Zitator: Über Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke. Für patriotische Verehrer echter musikalischer Kunst. Sprecher 1: Ein Zeitsprung: 1849, 99 Jahre nach Bachs Tod stöbert der Musikforscher Siegfried Dehm in der Bibliothek des „Joachimthalschen Gymnasiums“ in Berlin. Dabei fällt ihm ein Manuskript in die Hände: Zitator: Six Concerts. Avec plusieures instruments. Sechs Konzerte mit verschiedenen SoloInstrumenten gewidmet seiner königlichen Hoheit, Christian Ludwig Marktgraf von Brandenburg. Sprecher 1: Siegfried Dehm , der gerade dabei ist, mit Franz Liszt und Robert Schumann die BachGesellschaft zu gründen, ist sich sicher, einen unschätzbaren Fund gemacht zu haben. Zitator: Als ich meinen Katalog der sich in Berlin befindenden Werke Johann Sebastian Bachs vervollständigte, stieß ich auf einige Kompositionen von größter Bedeutung, die bis jetzt

6 völlig unbekannt geblieben sind. Sprecher 1: Die Wiederentdeckung der Brandenburgischen Konzerte und deren Drucklegung 1850 bedeutete noch lange nicht deren Wiederentdeckung für den Konzertsaal. Sprecher 2: So sehr sie auch Fachleute als fulminante Vorgänger des Instrumentalkonzerts bewunderten, aufgeführt wurden die „Brandenburgischen“ zunächst kaum. Denn die Spielpraxis eines klassisch-romantischen Orchesters ließ sich mit einer barocken Partitur nur sehr schwer vereinbaren. Sprecher 1: Der Siegeszug der „ sechs Konzerte“ setzte erst im 20. Jahrhundert ein und ist an zwei Phänomene geknüpft: Sprecher 2: Erstens: Dem Entstehen der Originalklangbewegung, die mit historischen Instrumenten und alten Spielweisen die Musik des Barocks zu rekonstruieren versucht. Sprecher 1: Bachs Werk ist ein Ausgangspunkt dieser Bewegung. Sprecher 2: Das zweite Phänomen ist die Tonträgertechnologie. Der britische Musikwissenschaftler Malcolm Boyd: Zitator: Es lag vor allem an der Schallplatte, dass die Brandenburgischen Konzerte allgemein bekannt wurden, und das stimulierte in Wechselwirkung Konzertaufführungen. Sprecher 1: Alte Musik und Neue Medien. Ein Barockkomponist als Held der Musikindustrie. Es mag anachronistisch, vielleicht sogar paradox erscheinen, die sogenannte „historische Aufführungspraxis“ ist – auch ökonomisch- ein wichtiger Trend der Jahrtausendwende – und Johann Sebastian Bach ist deren Superstar. Sprecher 2: Als Beweis mag ein Blick in den renommierten CD-Führer des britischen Fachmagazins „Grammophone“ genügen, der keinem anderen Komponisten so viele Seiten widmet wie Johann Sebastian Bach. Sprecher 1: Ob auf Tonträger oder auf dem Podium, die Interpretation der Bachschen Musik ist einer der kreativsten Bereiche der aktuellen Klassikszene. Sprecher 2: Was ist jedoch richtig, was falsch? Die Frage nach der historischen Wahrheit ist eine Frage, die eine Auseinandersetzung mit Bach so spannend und auch so kontrovers macht. Sprecher 1: Dazu Albrecht Roeseler, verstorbener Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, in der Einführung zu einer Podiumsdiskussion des Bayerischen Rundfunks: (Zuspielung 5: „Das klang ziemlich dunkel und dumpf... noch auf halber Strecke spielt“.

7 Sprecher 1: Johann Sebastian Bach- Genie mit Langzeitwirkung. Auch wenn die Interpretation seiner Musik unter gewissen Aspekten eine Zeitgeist- Erscheinung sein mag, für den Kenner ist das universelle Werk des Thomaskantors alles andere als eine „Mode“. Zitator: Glauben Sie mir, all die harmonischen Sachen, die man heutzutage zu erfinden sucht und die man als so großen Fortschritt anpreist, die hat unser großer unsterblicher Bach schon längst viel schöner gemacht. Sprecher 1: Max Regers 1891 formuliertes Urteil würden auch die meisten Musiker des 21. Jahrhunderts mit folgenden Argumenten unterstreichen: Sprecher 2: Die Bachsche Kontrapunktik kennt Reibungen, wie sie erst in der erweiterten Harmonik des späten 19. Jahrhundert wieder gewagt wurden. Sprecher 1: Bachs Werke sind von einer kompositionstechnischen Logik, die für Komponisten aller folgenden Epochen exemplarisch ist. Gerade Schönbergs atonale Zwölftonmusik hat Bach viel zu verdanken. Sprecher 2: Die Stücke des Thomaskantors sind bis heute absoluter Gradmesser für das Können eines Interpreten und- sie berühren die Zuhörer auf der ganzen Welt. Sprecher 1: In diesem Sinn ist Johann Sebastian Bach bis heute Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem. Sprecher 2: Und das kann man von keinen anderen Komponisten sagen. -stopp-