Jess und ihre Freunde. oder Vom ruhigen Landleben

Jess und ihre Freunde oder Vom ruhigen Landleben Das ruhige Landleben Es ist fast schon ein geflügeltes Wort: Das ruhige Landleben – immer wieder h...
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Jess und ihre Freunde

oder Vom ruhigen Landleben

Das ruhige Landleben Es ist fast schon ein geflügeltes Wort: Das ruhige Landleben – immer wieder hört man Menschen davon sprechen. Aber seit einiger Zeit lebe ich ja nun auf dem Lande und seitdem denke ich immer wieder: Leute, die dieses geflügelte Wort verwenden, haben keine Ahnung. Sie kennen das, was wir countryside nennen, nur von Urlaubserzählungen oder gar von Photographien. Das wirkliche Leben sieht immer etwas anders aus.

I Nicht einmal in den Nächten, einer Zeit also, wenn ja selbst in den Städten einigermaßen Ruhe herrscht, kann man sich auf die Ruhe verlassen. Ich erinnere mich an frühe Morgenstunden im Spätsommer, oder war es schon früher Herbst. Ich bin auch nicht ganz sicher, ob es frühe Morgenstunden war oder aber sehr späte Abendstunden – sicher bin ich nur, dass es jene Zeit war, wo selbst ich im Reich der Träume liege. Ist es ein Traum? Im Bett drücke ich mich ganz tief in das Kissen, zu spät ist es, schnell aus dem Bett zu springen, um Schutz unter der dicken Matratze zu suchen. Ich beginne zu zittern. Verlassen von allen guten Geistern bin ich, keine Menschenseele ringsum, die mir helfen kann. So ganz genau weiß ich noch nicht, ob es ein Flugzeug ist, welches genau auf meinem Grundstück landen will oder ob man mich in meinem Bett heimlich und im Schlafe auf eine Autorennstrecke oder eine belebte Stadtkreuzung getragen hat. Ich zittere fast am ganzen Körper, gerade noch kann ich trotz der Angst einen Blick auf die Uhr werfen: 4:30 Uhr; ich erkenne, dass es schon ein wenig dämmert, reiße allen Mut zusammen. Halb aufgerichtet

folgt ein Blick aus dem Fenster. Es ist nichts zu sehen. Und nun ist es auch wieder ruhig. Die Gefahr ist also scheinbar vorüber. Vielleicht war es wirklich nur ein Traum? Dennoch etwas beunruhigt lege ich mich zurück und versuche, wieder einzuschlafen. Wenige Minuten nur vergehen; meine Augenlider werden schwer, kurz höre ich noch mein eigenes schnarchen und bin ... – jäh wieder aufgewacht. Wieder dieses Geräuschs, wieder dieses leichte Beben der Erde. Doch nun, ein wenig vorbereitet, springe ich an das Fenster, ziehe den Vorhang zur Seite und blicke in die Dämmerung. Verzweifelt falle ich zurück ins Bett, möchte fast schreien oder weinen. Aller Sinn nach der sprichwörtlichen irischen Freundlichkeit liegt mir fern, als ich gewahr werde, was passiert: Es ist Erntezeit und ein großer Trecker fährt vorüber, gleich gefolgt von einem Ungetüm von Mähdrescher, der die Erde leicht beben lässt. Zwischen Lachen und Weinen lege ich mich wieder in mein Bett – oh, ruhiges Landleben, welche Überraschungen hast Du doch zu bieten. Die Nacht geht vorüber – sie ist recht kurz, denn bald schon fahren die ersten Erntewagen wieder an meinem Haus vorüber. Nun sind sie gefüllt mit dem, was uns dann später in der einen oder anderen Form allen zugute kommt. Und ich tröste mich damit, dass solche Erlebnisse Ausnahmen sind – ein-, vielleicht zwei Mal im Jahr kann man solchen nächtlichen Lärm schon verkraften. Schließlich hat Morgenstund’ Gold im Mund – gerade an den herrlichen Sommertagen.

II Und wirklich sind die Nächte dann wieder ruhig. Manchmal, später im Herbst, rüttelt der Wind ein wenig an den Dachpfannen, aber dies sind Ausnahmen. Wenn es windig ist, höre ich die Luft meist doch nur um die Ecken des Hauses streifen. Und das leichte, pfeifende Geräusch stört mich nicht im Schlaf. Und ebenso stört mich nicht der leichte Luftzug, der durch das geöffnete Fenster eintritt.

Wie anders aber sollte es dann in jener Nacht sein, in der ich wieder unsanft geweckt wurde. Wodurch ich aufwachte? Ich vermag es nicht zu sagen. Vielleicht war es die Nässe – der Regen, der gegen das Fenster, genauer, durch die Fensteröffnung gedrückt wurde hatte mein Bett mittlerweile zu einem feuchten Lager werden lassen. Mit der Zeit hatte der Wind ein wenig gedreht und nun regnete es nicht einfach auf das Bett, sondern mitten in mein Gesicht. Vielleicht war ich aber auch durch etwas andere geweckt worden: Durch die Dachziegel, die nun mächtig schepperten oder das große Garagentor, welches metallen schepperte. Vielleicht war es aber auch ein schreckliches Gebrüll, welches ich draußen in der Finsternis hörte. Und immer lauter wurde ein nun schon unüberhörbares Getrappel auf Strasse. Ich konnte nichts erkennen, als ich aus dem Fenster blickte. Aber sehr wohl wußte ich, dass irgendwelche Kühe ausgerissen waren. Sie fürchteten sich alleine auf der Weide. Sie hatten wohl den Gedanken Warum hat Noah uns vergessen. Jetzt, wo die Welt untergeht, kann er uns doch nicht im Stich lassen. Wir geben immer unsere Milch, wir jagen nie hinter Autos her – es sind ja eh nur wenige, die hier fahren. Wir sind immer brav und selbst im Futter bescheiden. – Das Trappeln der Hufe war bald verschwunden, dass ängstliche Geschrei aber hörte ich in jener Nacht noch lange Zeit. Ich glaube, in einem Schlachthof ist es kaum ruhiger und das Geschrei der Tiere ist kaum harmonischer. Und schließlich war es auch noch ein Stück für zwei Rassen, denn in der Ferne hörte ich auch Tom’s Jagdhund-Meute in den Gesang einstimmen. – Ja, ruhig, beschaulich und friedlich ist das Landleben, so wird immer gesagt.

III Der nächste Morgen ist in der Tat wieder ruhig und beschaulich – es gibt eben nicht nur die Ruhe vor dem Sturm, sondern ebenso die Ruhe nach dem Sturm. Ein Segen ist der Blick auf die nun friedliche und in der Tat beschauliche Landschaft. All dies lädt zu einem Spaziergang ein. Der Wind hat auch das Wasser auf der Strasse getrocknet und so meine ich fast, ich könne mich gar in den leichten

Schuhen auf den Weg machen. Nach vielleicht einer halben Meile merke ich, wie ich wieder getäuscht worden bin – zum Glück habe ich mich nicht auf den ersten Schein eingelassen. Die gossen, grünlichen Kuhfladen liegen auf der Strasse – selbst in Gummistiefeln ist man geneigt, diesen Weg nun doch nicht zu gehen – es ist fast, als würde man direkt in einem Stall stehen, der für längere Zeit nicht ausgemistet wurde. Dennoch gehe ich zunächst einmal weiter, denn schließlich brauche ich ebenso wie Jessie und Susie frische Luft und Bewegung. Und die Hunde bestätigen mir, dass sie Auslauf haben wollen. Während ich um die Kuhfladen herumlaufe, nehmen die Hunde keine Rücksicht auf ihre Sauberkeit – und auch an meine Sauberkeit denken sie nicht: Nach ihrem schnellen Lauf an mir vorbei hat meine Hose nun auch die grüne Farbe angenommen. Ihr Schw... – ich rufe es nicht, denn sie verstehen ja eh nur Englisch. Statt nun für jeden verständlich auf Englisch zu rufen, was sie sind, nehme ich mir ein PapierTaschentuch, um wenigstens den gröbsten Dreck abzuwischen. Ach, ich habe meine beiden Tiere so lieb in dieser beschaulichen Umgebung – und sie lieben auch mich. Kaum haben sie gesehen, dass ich stehengeblieben bin, rasen sie zurück und spritzen mich dabei nun kräftig mit dem Wasser aus einer tiefen Pfütze voll. Oh Darling, you don’t have to help me! – leicht fluchenden Blickes bringe ich diese Worte über meine Lippen. Aber die beiden haben wohl nur das Darling gehört, und den Blick nicht gesehen, ebenso den Unterton nicht zur Kenntnis genommen. So fühlen sie sich geschmeichelt und zur Belohnung wollen sie mir einen Kuss geben. Allein schon das Anspringen reicht mir – ich kehre um und hoffe, dass es zu Hause wirklich ruhiger und beschaulicher ist.

IV Meinerseits muss ich nun in Sicherheit ein wenig für meine Sauberkeit sorgen – und dies geschieht im Hause, wo ich meine dreckigen Sachen mit den Fingerspitzen ausziehe, mich gründlich wasche, um alle Spritzer zu entfernen und dann frische Sachen

heraussuche und anziehe. Als ich all dies geschafft habe, will ich mich an den Schreibtisch setzen, doch ein Blick aus dem Fenster führt dazu, dass ich meinen Plan ändere. Zwei Dreckwolken bewegen sich in unbeschreiblichem Tempo durch den Garten. Als sie am einen Ende angekommen sind, werden diese Wolken notgedrungen langsamer – und so kann ich erkennen, dass der kleine schwarz-weiße Wirbelwind von der großen braun-schwarzen Jessie gejagt wird. Sollen sie, denke ich und will schon ins Arbeitszimmer gehen. Doch ich stutzte und drehe mich nochmals um. Richtig habe ich gesehen: Susie hat einen Blumenstrauß im Maul und dieser Fang ist es, den sie so verteidigt. Oh, nein, Mädel, wann und welche Blumen Du bekommst entscheide ich – während sie noch mit wehendem Fell durch den Garten fliegt, reiße ich die Tür auf, laufe hinaus – und kann mich noch mit letzter Mühe retten. Nein, ich werde nicht angegriffen, sondern falle beinahe über einen Erdhaufen mitten auf der Terrasse. Der Blumenstrauß war schließlich das Resultat umfangreicher Erdarbeiten. Ich vermute, es war Susie alleine, die im Blumentrog und auch in den Beeten gebaggert und gebuddelt hat; ich vermute sie war es, die den Erdhaufen fast vor meiner Tür aufgeschüttet hat – ein guter Schutzwall, über den ich beinahe gefallen wäre.

V Fast habe ich schon vergessen, was eigentlich vorgefallen ist; schließlich war ich mit meiner Rettung befasst. Ich schaue umher – Hhmm? Was wollte ich noch gleich? Ich schaue umher und sehe, wie am anderen Ende der Rasenfläche ein kleiner Erd- und Grashügel wächst, der sich nun langsam auf mich zu bewegt. Von den Hunden sehe ich nur Jessie, die unauffällig umher schaut, und sich in Richtung Schuppen bewegt. Schaut sie gar in die Luft und pfeift dabei? Und wo ist Susie – mir fällt jetzt wieder ein, dass ich herausgekommen war, um sie für die geklauten Blumen zu bestrafen. Allmählich kann ich es erkennen – mit ihrem schlechten Gewissen

robbt sie sich fast unter der Rasenfläche an mich heran und sie weiß, warum sie sich so klein macht: Du kleines widerliches Miststück. So etwa sind die Worte, die sie beim Empfang zu hören bekommt. Du kleines widerlicher Schittbüddel hast schon oft genug gehört, dass du diesen Unfug unterlassen sollst. Und wenn Du es nicht bald lernst, dann kannst Du Dir bald die ganzen Dinge von einer höheren Warte anschauen. Mittlerweile habe ich sie am Fell gepackt und blicke dem kleinen Unwesen in die Augen. Es nützt Dir nichts, wegzusehen. Schau, dort ist ein Strommast und eines Tages werde ich Dich dort aufknüpfen. Dann kannst Du die Blumen anschauen. Hoffentlich siehst Du dann ein, dass sie viel zu schön sind, um so unwirsch von Dir gepflückt zu werden. Ich sperre sie hinter dem Gatter, welches den Komposthaufen absperrt ein und ich weiß genau, dass ich sie doch nie dort aufhängen werde, wo ich es ihr angedroht habe. Sonst wäre es hier wirklich viel zu ruhig in der schönen, ruhigen countryside.

VI Die Strafe folgt dennoch – man könnte es wohl Strickarrest nennen und leider muss ich dieses Mittel immer häufiger anwenden muss, da ich neben solchen Ungehörigkeiten auch noch unerlaubtes Entfernen vom Heimatsitz feststellen musste. Das Prinzip ist einfach: Susie kommt wieder an die Außenseite des Gatters der Kompostabsperrung und daran ist nun ein langer Strick angebracht. Dieser wird mit dem Kettenhalsband verbunden, welches schon um des Hundes Hals liegt. Je nach schwere des Vergehens fällt die Strafe unterschiedlich hart aus und auch hier ist es ein einfaches Prinzip: Je größer das Vergehen, desto kleiner die verbleibende Bewegungsfreiheit. Obwohl Jessie im Grunde nur bei der Seite steht, ist sie etwas traurig, schleicht um mich herum und ich bin nicht sicher was sie mir sagen will. Entweder: Tue dies bitte nie mit mir – ich verspreche es ihr unter einer Bedingung: Benimm Dich, wie es sich gehört. Aber vielleicht will sie auch etwas anderes sagen: Laß doch bitte meiner

Spielkameradin und Freundin ihren freien Willen und Lauf. Dazu aber fällt mir nur ein: Hilf mir, dieses Luder zu erziehen. Wenn sie nicht immer so einen Mist macht, kann sie auch die Freiheit genießen. Du Schittbüddel musstest ja selbst auch durch diese Zwangskur und selbst heute bist Du nicht davor gefeit, dass ich Dich vom Platz verweise. Aber Du weißt auch: wenn Du Dich benimmst, hast Du ungeheuer viele Freiheiten und nebenbei bist Du ein von allen als schön und intelligent bewunderter Hund. Nein, Jessie nickt mir nicht ihr Einverständnis zu. In der Tat ist manchmal die Strafordnung umgekehrt und Jessie ist als Übeltäterin entlarvt. Wenn sie aber ihre Abreibung erhält und Susie – ausnahmsweise – ihre Pfoten in Unschuld waschen kann (oder vielleicht auch nur im Unentdecktsein), steht sie neben dem Schafott, auf dem ihre Freundin bestraft wird. Statt Mitleid meine ich aber bei ihr so etwas wie schadenfreudiges Lachen zu hören.

VII Ruhe kann manchmal freilich auch beängstigen oder empfindlich machen – man sieht schon Gespenster, wo gar keine sind. So ergeht es mir, als ich an einem Morgen aus dem Haus gehe – es ist noch dunkel und ich muss nach Cork. Leicht gebückt stehe ich vor der Haustür, die auf den Hof führt. Ich beuge mich zu dem Schloss, um abzuschließen. Es ist ruhig, kein Windhauch, keine Regentropfen – eben ruhiges Landleben. Ich denke bei mir Gleich werde ich meiner kleinen Horde – den zwei Hunden und den zwei Katzen – einen schönen Tag wünschen, Dich auf das Rad schwingen und los geht die Fahrt. Ich ziehe gerade den Schlüssel aus dem Schloss und schrecke jäh aus meinen Gedanken auf; genau gesagt: ich werde aufgeschreckt. Auf meiner rechten Schulter verspüre ich einen leichten Druck und die einzige Befürchtung ist: Jetzt haben sie Dich. Ein Überfall, bei dem diese verdammten Verbrecher die Dunkelheit und Ruhe ausnutzen. Ob sie nur darauf aus sind, Geld oder vielleicht auch den Computer, den Fernseher oder ähnliches zu erbeuten? Oder wollen Sie Dir ans Leben, Dich meuchlings durch

einen Stich mit dem Messer oder einen Schuss aus der Pistole ins Jenseits befördern? Ich drehe mich um, langsam, um den oder die Gegner nicht zu erschrecken und dadurch in Panik zu versetzen; vielleicht habe ich ja auf diese Weise eine Chance, wenigstens dem schlimmsten zu entgehen. Zumal der Druck auf der Schulter nicht härter geworden ist und mich auch noch keine Stimme ermahnt hat, die Hände zu heben, das Geld ’rauszurücken oder was auch immer. All diese schrecklichen Gedanken schießen mir in Sekunden durch den Kopf. Obwohl es kalt ist, steht mir der Angstschweiß auf der Stirn. Und dann endlich kommt die Stimme, die mir Klarheit über mein weiteres Schicksal geben soll: Miau! Miau! Zweimal hintereinander höre ich den kleinen Kater Pecuchet seinen Laut abgeben. Du kleines Miststück, raunze ich ihn freundlich an, als ich vom Schreck erholt habe. Kannst Du kleiner Teufel mir nicht vorher sagen, dass Du mir von der Fensterbank auf die Schulter springst. Musst Du mich derart erschrecken und mein ruhiges Landleben stören. Pecuchet aber lehnt sich an meinen Hals beziehungsweise an den Kopf, streichelt mir zur morgendlichen Begrüßung mit dem Schwanz durch das Gesicht und schnurrt vor Wohlbehagen. Ich streichle dieses kleine Biest, und verzeihe ihm. Schließlich kann ich kaum von der Katze verlangen, dass sie mir einen Zettel auf den Frühstückstisch legt: Gleich komme ich bei Dir auf die Schulter. Stelle Dich darauf ein. Er kann nicht ins Haus, kann nicht schreiben und denkt sich eh: Ich bin ja zu sehen – schließlich weiß er nicht, dass unsere Menschenaugen nicht so gut in der Dunkelheit sind wie seine Katzenaugen. Und schließlich weiß er auch nicht, dass wir Menschen nach dem Aufstehen eh für eine Weile andere Sachen im Kopf haben, als nach lieben kleinen Katern Ausschau zu halten. Eher denken wir eben an ein ruhiges Landleben, vielleicht im schönen kuscheligen Bett, in dem wir unseren Träumen nachgehen. Wie ich an jenem Tage nun mit der Katze auf der Schulter zur Garage gehe, wie ich zufällig eine Krähe auf dem Dache sehe, die schnarrende und krächzende Laute von sich gibt, die fast etwas wie Sprechversuche klingen, überkommt mich ein Traum in meinem morgendlichen Halbschlaf: Jessie und Susie reichen mir durch ein Gitter im Garagentor ihre Beine und an den Füßen haben sie statt der Krallen kleine Finger. Ich sehe, wie sich meine Nase im Glas an der Tür spiegelt: lang und knorrig ragt sie krumm aus meinem Gesicht

hervor. Und als richtiger Hexerich fühle ich die Finger der beiden Tiere, die nun auch ein menschliches Gesicht haben: Nein, nein, meine Lieben. Ein wenig muss ich euch noch mästen sage ich mit einer ebenso krächzenden Stimme, wie die der Krähe, die sich nun auf der anderen Schulte niedergesetzt hat. Jessie wackelt mit dem Schwanz und schlägt dabei immer wieder an den Blechschrank, der in der Ecke neben der Tür steht, Susie tanzt umher und scheppert dabei mit den umher stehenden Futternäpfen und so wache ich vollends auf – nein ich bin kein Hexerich und ich werde die ländliche Ruhe auch nicht dadurch stören, dass ich zwei Hund schlachte.

VIII Stattdessen gehe ich mit den beiden Hunden am Abend, nachdem ich aus Cork zurückgekehrt bin und bereits am Schreibtisch gearbeitet habe, noch ein wenig spazieren – dass es schon Dunkel ist, ist ja kein großartiges Problem. Los geht es also. Erste Vorbereitung: Ich nehme die Leine und das Kettenhalsband, für meine Meute das Signal, dass es nun bald losgeht. Susie ist ganz aufgeregt und tanzt wie ein Boxer im Ring umher, der sich vor dem Kampf aufwärmt. Jessie springt in großen Sprüngen zum Tor, läuft zurück, ist schon wieder beim Tor und ich meine fast zu hören, dass sie ruft Mach endlich das Tor auf! Ich will jetzt los. Nun bin ich auch am Tor und versuche, es zu öffnen. Zweite Vorbereitung: Unter/neben mir und wenn ich nicht aufpasse zumindest über meinen Füßen wälzen sich zwei Wollknäuel in Hundeform und versuchen, die Rangordnung festzulegen. Jessie ist größer und steht über Susie. Oder ist es umgekehrt? Hat Susie sich durch die Füße von Jessie geschlichen, um als erste starten zu können? Dritte Vorbereitung: Auf der anderen Seite vom Tor, auf dem Mauerpfosten, lagern bereits die anderen Wegelagerer in den Startlöchern. Da um diese Zeit aber Pecuchet nicht nur ein kleines Stück mitkommt, sondern uns wirklich lange begleitet und dann den

Weg nicht mehr zurückfindet, kehre ich gleich um, lasse mich von den zwei Hunden umrunden und ziehe den kleinen Kater am Schwanz aus dem Gebüsch hervor. Dann, als ich ihn in der Hand halte, versuche ich, ihm einzureden, dass es Katzenaufgabe ist, das Haus zu behüten. Du kleiner Schittbüddel weißt nur zu genau, dass ich nicht will, dass Du mitgehst und Dich verirrst. Und wenn Du nun nicht einsichtig bist, hast Du gute Aussichten, heute abend im Kochtopf zu landen. Schließlich gibt es hier genug zu tun. Fang’ Dir ’ne Maus – das hat außerdem den Vorteil, dass ich Dir nicht soviel Futter geben muss. Mit diesen lieb gemeinten Worten macht Kätzchen einen Sprung – genau gesagt: Ich helfe ihm beim Flug und schon sitzt Pecuchet verwirrt auf dem Dach der Garage. Dort putzt er sich gleich etwas die Füße. Ich vermute allerdings, er will sich eher die Verwirrung ablecken. Die Hunde tanzen noch immer oder schon wieder und ich beeile mich, nun vom Hof zu gelangen, ehe Katerchen sich vom Schreck erholt hat. Denn schließlich dauert dieser Schreck nie lange an, weil Pecuchet es ja gewohnt ist. Vierte Vorbereitung: Wieder muss die Rangordnung der Hunde beim Ausgang festgelegt werden: Kläffend stehen sie über-, unterund nebeneinander, rollen sich hin und her und lassen mir kaum Gelegenheit, das Tor nach Innen zu öffnen. Als es mir dann endlich doch gelingt, schnellen sie wie eine Sprungfeder nach vorne, laufen wie der Blitz in eine Richtung, kommen zurück, um sich zu vergewissern, in welche Richtung es geht, laufen in eine andere Richtung, kommen nochmals zurück und dann erhalten sie das erhoffte Zeichen: Nach Norden, zu den Schafen, ihr Schafe. Es ist Abend und ihr wisst ja, dass wir dann fast immer diesen Weg gehen. Sie laufen in die angegebene Richtung, kommen wieder zurück, um sich zu vergewissern und nach den erhofften Worten – Oh Darling, you are such a lovely doggie. And if you don’t shut your mouth immediately, I’ll get you ready for dinner as soon as we are back. You know, that I hate this noisy barking of little devils – laufen sie beide weiter und tollen sich im Gras auf dem Seitenstreifen. Nach einiger Zeit beruhigt sich die Rasselbande dann doch und das Laufen nimmt eher regelmäßige Züge an. Insbesondere wenn es ein schöner Tag ist und ich in der milden Abendluft ausschreite, denke ich, dass das ruhige Landleben mit seinem gewissen Gleichklang doch wirklich ein Genuss ist. Und dann geht mir die Ruhe plötzlich ein wenig zu weit: Jessie bleibt seelenruhig stehen, blickt in die

Richtung, aus der wir kommen und lässt sich auch nicht von diesem Blick abbringen, als ich an ihr vorbeigehe. Ich rufe, sie, sie läuft einige Schritte vor mir her ... – und blickt wieder zurück. Ich blicke in dieselbe Richtung, kann aber nichts erkennen – kein Mensch ist zu sehen, keine Auto kommt, und auch mein angestrengter Versuch, etwas zu hören, ergibt kein anderes Resultat als Nichts! Komm weiter, was stehst Du dort und schaust Löcher in die Luft? Geh’ zu Deiner Freundin Susie. Und die junge Schäferhündin lässt sich tatsächlich überreden. Weiter geht es durch den in jeder Weise stillen Abend durch die Landschaft, ich summe ein kleines Liedchen, um mir die Zeit zu vertreiben und ... – Sssssstt! Fast werde ich von einer plötzlichen Windböe um geweht. Einmal schüttele ich mich, um dadurch meine Verwirrung loszuwerden. Teufel, was ist los? Ein Windstoß und nun ist alles wieder still. Mein Blick ist die Dunkelheit gerichtet und angestrengt versuche ich, etwas zu sehen. Gerade im letzen Moment erkenne ich, wie das kleine Katzenvieh die Beine nach vorne ausstreckt – die kleinen Krallen kratzen bei diesem abrupten Bremsen über den Boden und fast staubt es, als Kater Pecuchet in enger Kurve ins Gebüsch abbiegt. Und sehr wohl weiß er, warum er sich versteckt: So gerne er bei mir ist und alle Gefahren deshalb vergisst, so ängstlich verkriecht er sich nun, denn er weiß schließlich, dass ich diese Eskapaden nicht will. Meinerseits habe ich Glück, denn der Mond scheint so hell, dass ich wenigstens ein wenig sehen kann und ihn im Gebüsch entdecke. Und auch Pecuchet hat Glück, denn er sitzt griffbereit und ich muss ihn nicht wieder am Schwanz aus dem Versteck herausziehen. Ich greife ihn – vorsichtig und dennoch hoffe ich, dass es ihm unwirsch erscheint – um ihn hoch in die Luft zu halten: You’re a f... I told you for so often that I don’t like this bold and silly behaviour. Meanwhile you should know it better. Aus großen, verwirrt-ängstlichen Augen schaut mich das Kätzchen an. Mein erster Versuch, die Katze loszuwerden und weiter laufen zu können besteht darin, dass ich Pecuchet über den ditch werfe. Im Dämmerlicht sehe ich das Knäuel fliegen. Bekanntlich sind ja alle Vierbeiner mit den Hinterbeinen immer schneller als mit den Vorderen: Schon beim Laufen sieht man es sowohl bei Hunden und bei Katzen, dass sie sich manchmal mit dem Hintern fast überholen. Und im Fluge einer Katze ist es nicht anders: Zunächst scheint sie stromlinienförmig zufliegen und dann aber wird

sie – von hinten gesehen – immer dicker, es ist nur noch ein runder Fleck zu sehen. Etwas später dann werden die Hinterbeine nach vorne ausgestreckt und ich kann dann nur noch vermuten, dass Kätzchen zur Landung ansetzt. Diese Flugübung wiederholt sich aber dann muss ich einsehen, dass ich diesen wild gewordenen Verfolger so wieder nicht los werde. Also nehme ich ihn wieder vom Boden hoch und wiederhole die erste Übung: hoch strecken und garstig sagen You’re a f... I told you for so often that I don’t like this bold and silly behaviour. Meanwhile you should know it better. Wieder der verstörte Blick – wer wollte ihn verdenken; und ich nehme meinen Arm nun ein wenig niedriger, schaue tief in Pupillen, und umfasse den Hals mit meiner freien Hand. Die Augen werden größer und ich habe fast den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauert und mir Stilaugen im wörtlichen Sinne aus dem Köpfchen entgegentreten. Ach, Du kleiner Drachen weißt genau, dass ich Dich trotzdem mag. Und setze ich ihn zunächst auf den Arm und umfasse den ganzen Kopf mit meiner Hand – schließlich ist meine Hand groß genug, sein Kopf klein genug, um ineinander zu passen. Immer, wenn ich dann meine Hand abnehme, schüttelt sich das Kätzchen, wohl um sich wieder in die richtige Form zu bringen. Einige wenige Schritte gehen wir so – nun schon wieder in die andere, heimatliche Richtung, denn das Kätzchen hat erzwungen, den Spaziergangsplan zu ändern. Um aber trotz meiner Katzenliebe meinen Unmut zu zeigen, nehme ich nun die Katzenbeine vorsichtig zwischen meine Finger: Da baumelt er nun, der kleine Kater; er sieht aus wie ein toter Hase und soll nun lernen: Für ungestiefelte Kater sind abendliche Spaziergänge nicht gedacht. Wenn Du alleine auf Jagdausflüge gehst, ist das OK. Wenn Du auf Brautschau gehst, habe ich auch nichts dagegen. Aber uns folgen und dann den Weg nicht mehr zurück finden ist nicht das, womit Du bei mir landen kannst. Und mich dabei fast umzurennen, steigert nicht Deine Pluspunkte, die Du sammeln kannst. Der Kater hängt, die Hunde hecheln an uns vorbei und der Weg geht nun zurück nach Hause – nun wiederholt sich das Spiel um die Rangfolge bei der Erlaubnis des Eintritts auf das Jasnaja Poljana, auf jenes Fleckchen der ruhigen countryside. Etwas später sehe ich Pecuchet als Philosophen: Ich muss in den workshop, um die Badesachen für den nächsten Tag in die Fahrradtasche zu bringen. Dabei sehe ich, wie der Kater in einer

Tonne auf dem Wege liegt. Wenn ich es in der Dunkelheit recht erkennen kann, schielt er zu mir empor, und schnurrt Geh mir zur Seite. Du versperrst mir die Sicht auf den Mondschein und die Sterne. Ich bleibe – natürlich einen Schritt abseits, um die Sicht freizugeben – stehen. Meine Hand geht zum Kopf und nachdenklich kratze ich mich: Recht hast Du, Gevatter, denke ich, genieße die Aussicht. Dein Recht ist der Schein der Nächte. Aber vergiss nicht, über Deine Schandtaten nachzudenken.

IX Schließlich sind abendliche Spaziergänge auch dann keineswegs langweilig, wenn Pecuchet uns alleine gehen lässt. So hatten wir kürzlich noch einen längeren Gang gemacht, da ich früher wiedergekommen war und nun den Hunden, die den halben Tag im Kabuff zugebracht hatten, ihren Auslauf zu gönnen. Ein milder Abend war es und es war eine besondere Freude, in der klaren Abendluft kräftig auszuschreiten. Da weder nah noch fern ein Auto zu sehen war und da sonst auch keine Spaziergänger zu erwarten waren, ließ ich den Hunden ihren freien Lauf. Meinerseits schaute ich zwar immer, ob nicht doch ein Auto kam, aber dies ließ mir viel Zeit, auch einen Blick in den Sternenhimmel zu richten. Wagen, Bär, Löwe, Waage – die Sternbilder waren klar zu sehen. Zwischendurch sah ich immer wieder Sternschnuppen, die den Lichtschweif am Himmel entlang zogen. Um Jess und Susie musste ich mir kaum Sorgen machen, denn sie kamen immer wieder zu mir gelaufen, um sich zu vergewissern, ob alles OK sei. Ja, alles war OK. Doch dann musste ich mich wundern, dass offensichtlich einer der Hunde es besonders eilig hatte, zu mir zu laufen. Kaum fand er Zeit zu bremsen und beinahe hätte ich dort gelegen – wie ein Maikäfer auf dem Rücken. What is wrong? Why are you running as if the devil is chasing you? – Ja, er ist auch hinter mir her, höre ich die Antwort. Zwei Teufel sind es gar, die mich jagen. Etwas verwundert bin ich natürlich, dass ich eine Antwort zu hören bekomme. Aber noch mehr wundere ich mich eigentlich darüber, dass es keine

Hundestimme ist, durch die ich die Antwort höre, sondern die Stimme eines Schafes. Und wenige Schritte hinter dem Schaf kommen mit heraushängenden Zungen die beiden Hündinnen, ich meine, ich könnte trotz der hündischen Anspannung gar ein freudiges Lächeln sehen. Das Schaf hat abgedreht, ist über den ditch auf die Weide gesprungen. Ich fasse die beiden Teufel am Kragen. Susie ist leicht genug und ich hebe sie in die Luft. Jess ist für diese Übung zu schwer und ich werfe sie zu Boden, um ihr zu zeigen, dass sie sich wohl oder Übel unterordnen muss. Ich habe es tausendmal gesagt: Schafe sind nicht zum Jagen. Ihr werdet es akzeptieren müssen, sonst werfe ich euch gleich hinter dem Flüchtling hinterher. Dann könnt ihr sehen, ob das Leben auf der Wiese besser ist, als ein wenig Ordnung zu halten. Schließlich haben auch diese wandelnden Strickjacken ein Recht auf ein beschauliches Leben in der countryside.

X Nach dem Hundedinner und dem abendlichen Katzenlunch, nach einiger Haus- und Schreibtischarbeit bringe ich die Horde dann ins Bett. Alle Vier wissen, dass sie mich nun vor der Nachtruhe zum letzen Male sehen und so erwarten sie mich schon – halb voll Freude und halb ein wenig traurig. Genau genommen ist es aber nicht halb und halb, sondern wohl eher sechs Achtel Freude und der kleine verbleibende Stimmungsrest Traurigkeit. Dies gilt vor allem für die Hunde, denn obwohl Pecuchet oft meine Nähe sucht und auch Madame Bovary sich manchmal in meinen Weg setzt, um schüchtern einige Streicheleinheiten zu ergattern, ist es den beiden Katzen doch wohl eher gleichgültig, wenn sie nur wissen, dass sie am richtigen Ort sind und alles seinen geregelten Gang geht. Nun, zu Bett also! Jess und Susie laufen immer um mich herum – jeder möchte noch möglichst viele Streicheleinheiten abbekommen. Für Jess ist das nur ein kleines Problem, denn die Größe erlaubt ihr natürlich leicht, ganz nahe bei mir zu sein – und meinerseits muss ich

mich nicht bücken, um sie zu streicheln und so bekommt sie schon allein durch das Neben-Mir-Hergehen einige Streichelenheiten. Aber sie gibt sich damit keineswegs zufrieden. Denn sobald Susie einmal unmittelbar vor mir steht, sobald ich mich dann auch bücke, um sie zu streicheln, drängt sich Jessie vor und sie lässt nur zu, dass ich Susie und sie selbst zugleich streichele. Früher oder später gehen sie vor und warten im Schuppen auf mich – nur kurze Zeit aber, denn gleich springen sie wieder auf, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Schuppen, genauer die eine Ecke muss ausgespritzt werden. Der Grund ist einfach: Entweder hat Susie dort in der Vornacht ihr Geschäft verrichtet und ich habe es beseitigt und reinige nun nochmals nach. Oder aber ich versuche, diese Ecke ein wenig unter Wasser zu setzen und somit etwas Ungemütlichkeit zu schaffen, um vielleicht ein nächstes Geschäft zu unterbinden. Sobald diese Prozedur beendet ist, stürmen die Hunde wieder hinein – ich vermute, es wäre ihnen lieb, wenn ich den Schlauch einfach fallen lassen würde, um mich gleich ihnen zuzuwenden. Das aber kann ich Pecuchet nicht zumuten, denn er wartet schon auf seine kleine Dusche – so wasserscheu, wie es manchmal heißt, sind Katzen schließlich nicht. Ich Hänge also den Schlauch über den Wasserhahn und zwar so, dass das offene Ende etwa einen Fuß hoch über dem Boden hängt. Nun setzt sich der kleine Kater darunter und versucht die Tropfen aufzufangen. Ich glaube zwar, er versucht es eher mit dem kleinen Maul, aber dies gelingt zumindest nicht immer und so wird dieser seltsame Trinkversuch zu einem kleinen Duschbad. Dem kleinen Tier habe ich seine Abendfreude bereitet und kann mich nun den Hunden zuwenden, die schon sehnlichst in ihrem Schlafzimmer warten. Wie so oft höre ich schon von draußen das dumpfe Dröhnen des kleinen Metallschrankes und weiß also, dass dort wieder die Schwänze mit den beiden Hunden wackeln. Insbesondere bei Jessie ist es so herum: der ganze Körper wackelt und der Schwanz scheint dagegen fast stillzustehen. Ich sage den Hunden, sie mögen aus dem Türrahmen etwas zurücktreten, damit ich an die Bürste kann – denn jetzt soll ihnen das Fell gestriegelt werden. Die beiden Hunde folgen meiner Anweisung, ich gehe in den Schuppen und sehe zu spät, dass Pecuchet mittlerweile seine Abendunterhaltung beendet hat. Genau in jener Sekunde, in der ich den Schritt nach vorne mache, will er von der Seite durch die Tür auf

das Metallschränkchen springe. Ebensowenig wie ich das Kätzchen gesehen habe, hat das Kätzchen mich gesehen. So springt es nicht auf das Schränkchen, sondern gegen mein Bein und ich sehe nur noch ein kleines Wollknäuel durch die Gegend fliegen. So liegt es da neben mir auf dem Boden, schielt hinauf zu mir und wundert sich wohl, was auf dem so ruhigen Lande doch so alles passieren kann und sortiert erst ’mal wieder die Knochen. Pecuchet und Madame Bovary putzen sich nun selbst, die beiden Hunde werden von mir gebürstet – dann lösche ich endlich das Licht und wirklich kehrt nun Ruhe ein, etwas gestört nur durch da Schnarchen der ganzen Meute und durch das Scharren der Mäuse, die sich nun ungestört durch die faulen und satten Katzen über das vorbereitete Katzen- und Hundefrühstück in der Schublade des Metallschränkchens hermachen.

XI An anderem Tage ist vielleicht bei der abendlichen Prozedur eine kleine Änderung eingebaut: Wenn die Bagage Glück hat, und ich Fleischreste aus der Stadt mitbringen konnte. Besonders passt es ihnen natürlich an einem aufregendem Tag, wie wir es kürzlich erlebten, als es gefroren hatte. Wir gingen noch zu einem Spaziergag hinaus und kurz bevor wir zu Andy’s Farm gelangten, war auf der Strasse eine riesige Eisfläche. Ich sah schon, wie insbesondere Jessie ausrutschte und nur mit Mühe an einer Stelle halt fand. Dort stand sie nun etwas verloren. Zu allem Überfluss kam ein Auto und ich musste die beiden Hunde rufen. Ein Pfiff mit der Hochton-Pfeife, der erste Schritt ist OK, aber beim zweiten ist sie wieder auf dem Eis; die Schritte laufen ins Leere, Jessie’s Beine bewegen sich und bewegen sich, doch sie steht im Grunde fast auf der Stelle – wie Autoräder, die durch zu schnelles anfahren durchdrehen. Kaum Bewegung nach Vorne, kaum Bewegung nach Hinten, aber dafür ist wirkt sie immer kleiner: Das weite Ausholen bei dem “Leerlauf“ auf dem Eis führt dazu, dass sie fast schon mit der Schnauze den Boden berührt. Vertrackt, diese Sache. Irgendwie

kommt sie dann durch welchen Zufall auch immer doch von diesem eisigen Stück und kann endlich wieder Laufen. Wie geschrieben: Nach solchen Aufregungen kommt das begehrte Frischfleisch sicher besonders gelegen. Ich hole die große Einkaufstüte, daraus packe ich die Obsttüte aus, in der sich die mit Frischhaltefolie versiegelte Fleischpackung befindet. Ob sie es sehen, ob sie es riechen? Wer weiß es. Die Ungeduld jedenfalls wächst, der Tanz um das ersehnte Futter wird wilder, die Sprünge werden höher, die Katzen zudringlicher und der Schwanz wackelt wieder mit dem Hund. Mittlerweile sind die Katzen dabei, und schärfen ihre Krallen. Ach, ihr Schwächlinge. Fürs fangen einer Maus könnt ihr das machen. Aber ihr laßt euch das Essen ja vorsetzen. Dafür braucht ihr die Krallen eh nicht. Doch meine Worte beirren sie nicht, denn auch sie mögen viel lieber frisches Fleisch als das Trockenfutter. Endlich ist es so weit: Jeder der Hunde bekommt einige der Fetzen in den Trog und nur mit Mühe richten sie sich nach meinem Befehl Stop, not yet – denn schließlich muss ich erst Gelegenheit haben um zu prüfen, ob die Verteilung halbwegs gerecht ist. Gleichwohl, ich weiß sie ist es allemal nur begrenzt, allein schon, weil die Katzen nur einen kleinen Bissen abbekommen. Sobald die Hunde fertig sind mit ihrem Teil – und das dauert nur kurze Zeit – nehmen sie den Katzen weg, wovon diese mit ihren kleinen Mäulern kaum etwas abgenagt haben. Später, schon im Hause, höre ich ein ärgerliches Knurren und kurzes Bellen, dann ein eher weinerliches Japsen – ich weiß, was ich zumindest bei dem Frischfleisch kaum verhindern kann, wenn ich nicht wirklich die ganze Zeit dabei stehen bleibe: Jessie hat ihren Teil auf, sie hat den Katzen das Wenige genommen, was sie eh bekommen und nun hat sie ergattert, was Susie noch nicht gefressen hat – in diesem Sinne lohnt sich das Schlingen der Alsation-Dame allemal. – Als ich ein wenig später ausnahmsweise doch nochmals in die Garage muss – ich hatte vergessen, mir eine Zwiebel mitzunehmen, die ich nun noch für mein dinner benötige – sehe ich Jessie gemütlich zusammengerollt in der kleinen Pappkiste liegen, in der sonst die Katzen so oft ihre Schlafstatt finden. Ja, es ist durchaus ein gemütliches und ruhiges Leben in der countryside.

XII An solchen Tagen wird freilich das andere Essen gleichwohl vorbereitet und die Freßtröge der Bande steht in den Schubladen des Metallschränkchens. Da das Fell insbesondere der deutschen Schäferhündin wohl empfindlich ist und sie von Zeit zu Zeit schrecklichen Haarausfall hat, erhalten die Hunde immer wieder etwas Olivenöl – dies soll helfen, das Fell schön zu halten. Sie bekommen sicher ihren Teil davon ab, aber einen Haken hat die Geschichte doch: Die Mäuse sind so dreist und verkriechen sich in den Nächten immer in den Schubladen bei diesen Futtertrögen und naschen von dem, was als Frühstück für die Hunde und Katzen vorbereitet ist. Und dabei haben sie mittlerweile eine arge Dreistigkeit entwickelt und sitzen selbst morgens, wenn ich das Futter heraushole, noch dort, schauen mich an, wenn ich dann die Schublade geöffnet habe und ich warte nur darauf, dass sie mich eines Tages fragen You’re serious that you want us to leave now? It tastes delicious and we appreciate the little bit oil. That gives the food a lovely smell and flavour. And look our shiny coat. All our mice-friends around say we are the best looking mice around, aren’t we really? Ich kratze mich am Kopf: Sorry, loves, I am serious indeed, you bloody beasts! Ja, sage ich, nie habe ich solche schönen Mäuse gesehen wie euch. Und eines tröstet mich: Auch die Nachbarskatze mag euch. Sie mag euch sogar noch mehr als ich. Ich will’s klar sagen: Sie hat euch zum Fressen gern. Und ich gönne ihr die Freude an euch von Herzen. Denn schließlich will ich hier ein ruhiges und unbesorgtes Leben, hier in der countryside.

XIII Endlich wieder daheim denke ich nun eines Tages kurz vor Weihnachten. Endlich kannst du einem ruhigen Weihnachtsfest entgegensehen. Morgen wirst du die Hund abholen. Heute ist noch einiges an Post durchzusehen und zum Absenden vorzubereiten. Als

ich von der Reise zurückkomme, ist es eh viel zu spät, noch zu Nollaig zu gehen, um die Tiere zu holen. Pecuchet und auch Madame Bovary begrüßen mich schon, als ich vor der Haustür stehe, um aufzuschließen. Geh in den Schuppen, ich komme gleich murmle ich –eher in Gedanken – zu Pecuchet, der gerne wohl mit ins Haus möchte. Er merkt, dass keine Aussicht besteht, den Plan zu verwirklichen und zieht ab. Kurze Zeit später bin ich denn tatsächlich dort und kann ihre Ungeduld verstehen: der Futtertrog bedarf dringend der Nachfüllung. Nach den verteilten Liebkosungen durch Streicheln und Futternachschub gehe ich zurück – wirklich Ruhe, wenn man von den Papierhaufen absieht: leere Briefumschläge, deren Inhalt bereits gesichtet ist, noch nicht geöffnete Umschläge; Konferenzunterlagen, die ich aus dem Koffer genommen habe; eine Konservendose, mit deren Inhalt ich mich heute auf die Schnelle versorgt habe .... etwas später summt nur im Hintergrund der Computer und die Tastatur klappert nach meinen Befehlen. Und noch etwas später liege ich im Bett – kein heller Lichtschein von den erleuchteten Strassenlampen und keine vorbei rauschenden Autos. Das ruhige Landleben ist eben etwas anderes als das hektische Stadtleben Brüssels, welches ich gerade hinter mir gelassen habe. Ruhe – und wenige Augenblicke später merke ich, wie mir die Augen langsam, aber sicher zufallen und ich trotz der Kälte in das Reich der Träume hinüber ... – MIAU!!! MIIIAAAUUUUU!!!! Trotz der lauten und mahnenden Rufe höre ich auch das Kratzen draußen am Fenster. What the devil is your problem? You’ve got what you need. You won’t believe that you can join me here in my bed. Go to hell! Or better go to your sister. If you snuggle up to her you’ll get warm. Here it’s cold anyway. Keine Aussicht, Katerchen randaliert weiter vor dem Fernster, ich sehe im Schein der Nacht, wie er sich ganz lang streckt und wundere mich, dass er nicht schon durchs geöffnete Fenster gesprungen ist. Ich versuche es zunächst durch Ignorieren, aber diese Strategie ist erfolglos. Ein weiterer Versuch: Ich gehe in die Küche und hole ein Glas Wasser. Platsch!! Auch wenn Pecuchet nur ein wenig von den Spritzern abbekommt, scheint es ihn überzeugt zu haben, dass es wohl besser ist, zu gehen. Und endlich habe ich sie, die erlangte Ruhe. Zumindest für etwa eine Stunde, nach der ich draußen wieder ein lautes Miauen höre. Wieder laufe ich, um ein Glas Wasser zu holen, wieder habe ich Erfolg. Dich werde ich wirklich noch einmal

aufhängen, geht mir durch den Kopf, und mit diesem Gedanken schlafe ich ein. Vor mir erhebt sich ein Traumbild: Katerchen hat all seine Freundinnen und Freunde mitgebracht, sie sind durch das Fenster gesprungen und ich habe den Tieren natürlich den Platz in meinem Bett überlassen. Dort kuscheln sie sich nun unter der Decke. Meinerseits habe ich mir zumindest eine kleine Decke genommen, bin hinaus in die Garage gelaufen und dort liege ich nun auf einer ausgebreiteten Pappkiste. Es ist Vollmond und das Licht strahlt hell durch die Ritzen des Daches. Ich sehe, wie ich im Traum lächle – es ist das zufriedene Lächeln eines Menschen, der das ruhige Leben in der countryside genießt.