Intuition in therapeutischen Prozessen

Intuition in therapeutischen Prozessen SAL-Bulletin Nr. 159 März 2016 Fachbeiträge Perspektiven und Denkanstösse «Der intuitive Geist ist ein heil...
Author: Uwe Hausler
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Intuition in therapeutischen Prozessen

SAL-Bulletin Nr. 159 März 2016

Fachbeiträge

Perspektiven und Denkanstösse

«Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat» (Albert Einstein)

Monica Bürki Garavaldi, dipl. Logopädin

Einstein wurde im vergangenen Jahr, 100 Jahre nach der Publikation seiner Allgemeinen Relativitätstheorie, von vielen Zeitgenossen als einer der bisher grössten und bedeutendsten Naturwissenschaftler geehrt. Wenn Einstein eine solch hohe Meinung hatte von dem, was er «intuitiven Geist» nannte, lohnt es sich schon deshalb – und aus vielen anderen Gründen auch - darüber vertieft nachzudenken und das Phänomen Intuition mit zeitgemässen Mitteln zu erforschen. In diesem Sinn: Vorhang auf für die Intuition!

Definitionsversuche und historische Entwicklung Was aber genau ist Intuition? Ein schillernder, so zeitlos aktueller wie unscharfer Begriff, ein Wort mit langer Geschichte. Das lateinische Verb īn-tŭēri bedeutet «hinschauen, hinblicken, ansehen, aufmerksam betrachten, erblicken; bewundernd sehen nach, anstaunen; (geistig) betrachten, erwägen; berücksichtigen, beachten». Das daraus abgeleitete Nomen īn-tŭĭtio bedeutet «Erscheinen des Spiegelbildes». Definitionen und Definitionsversuche für Intuition gab und gibt es seit jeher viele. C.G. Jung nannte sie: «Eine ganzheitliche Auffassung eines Tatbestandes, bei der man nicht erklären kann, woher sie kam». Jung’s Verständnis von Intuition war sehr weit gefasst und sie ist wichtiger Teil seiner durch die Begriffe «extravertiert» und «introvertiert» populär gewordenen Typologie. Jung kombiniert damit typologisch jeweils die Dimensionen «Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren». Er versteht alle Dimensionen als Aspekte der sich entwickelnden Persönlichkeit. Im Jung’schen System werden ganz andere Zusammenhänge postuliert, als in einem Weltbild, das von einer Ursache-Wirkungs-Idee geprägt ist. Es geht um Sinnzusammenhänge, wo Dinge nicht linear durch Ursache und Wirkung verbunden sind, sondern durch den Sinn, den sie gemeinsam machen oder in dem sie sich widersprechen. In Anlehnung an Spinozas «Scientia intuitiva» ist Intuition «im philosophischen Sinn das unmittelbare Erfassen eines Objekts durch den Geist ohne das Dazwischentreten von Verstandesprozesses [....] Intuition ist Denken ohne Dualitäten» (Loy 1988, 201). Man könnte analog auch sagen, Intuition sei «Denken ohne Analyse dazwischen».

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Die Gestaltpsychologie beschäftigt sich seit dem frühen 20sten Jahrhundert intensiv mit dem Phänomen plötzlicher «Eingebung beim Problemlösen» - ein der Intuition sehr nahestehendes Konzept (vgl. Bowers et al. 1990). Auch die Transaktionsanalyse hat Mitte des 20. Jahrhunderts die Intuition für sich entdeckt. Eric Berne mass ihr sehr hohe Bedeutung zu für therapeutische Prozesse. Seine Definition ging zurück auf Ideen von Aristoteles und lautete: «Eine Intuition ist Wissen, das auf Erfahrung beruht und durch direkten Kontakt mit dem Wahrgenommenen erworben wird, ohne dass der intuitiv Wahrnehmende sich oder anderen genau erklären kann, wie er zu der Schlussfolgerung gekommen ist» (Berne 1991, 36). Einige zeitgenössische Forscher tasten sich derzeit vorsichtig an eine vielseitig brauchbare Definition heran: Gemäss Harvard-Professor Daniel Isenberg ist «Intuition nicht das Gegenteil von Rationalität, es ist kein völlig zufälliger Prozess des Ratens. Sie basiert auf einem grossen Erfahrungsschatz, sowohl in der Analyse, beim Lösen eines Problems sowie beim Umsetzen» (Isenberg 2007, 203). Nach Hogarth sind «Intuitionen Antworten und Problemlösungen mit wenig oder keiner bewussten Absicht» (Hogarth 2008, 92). Im Duden steht aktuell unter Intuition, Bedeutung: «Das unmittelbare, nicht diskursive, nicht auf Reflexion beruhende Erkennen, Erfassen eines Sachverhalts oder eines komplizierten Vorgangs. Eingebung, plötzliches ahnendes Erfassen». Es fällt auf, dass viele dieser Definitionen eher mehr darüber aussagen, was Intuition nicht ist, als darüber, was sie möglicherweise sein könnte. Intuition wird oft verstanden und definiert als eine Art des Wissens, das alle anderen Quellen nicht liefern, das aber offensichtlich existiert. Aus welchen Quellen die Intuition sich speisen könnte, bleibt jedoch weitgehend im Dunkeln. Es mag zwar zutreffen, dass Intuition als Begriff bisher noch wenig klar definiert ist. Dabei wird aber oft vergessen, dass auch der Begriff der «Vernunft» bisher nie erschöpfend definiert wurde (vgl. Jäncke 2015, 17). Dennoch wird die Vernunft häufig als ernst zu nehmender und inhaltlich klarer Begriff gesehen, während der Intuition in wissenschaftlichen Kreisen etwas Suspektes anhaftet. Dieser Umstand erklärt sich möglicherweise aus einer uralten, in der westlichen Kultur sehr tief verwurzelten Idee, dass Intuition aus mystischen, übernatürlichen Kräften schöpfe – und daher wissenschaftlicher Untersuchung letztlich unzugänglich sei.

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Aus neurowissenschaftlicher Sicht deutet aber vieles darauf hin, dass Intuition nichts Magisches ist. Wenn wir sie von ihrem Nimbus des Unerklärbaren, Unfassbaren befreien und aus der «esoterischen Ecke» holen, wo sie oft zu Unrecht hineingestellt wurde, können wir aus ihren Quellen schöpfen und mit ihr arbeiten. In den folgenden Gedanken stütze ich mich auf die meines Erachtens sehr differenzierte und durchdachte Definition von Tillmann Betsch: «Intuition ist ein Denkprozess. Der Anstoss zu diesem Prozess wird meist bereitgestellt durch Wissen aus dem Langzeitgedächtnis, das vor allem via assoziatives Lernen und Erfahrung angeeignet wurde. Der Input geht automatisch vor sich und ohne bewusste Wahrnehmung. Das Resultat des Prozesses ist ein Gefühl, das als Grundlage für Urteile oder Entscheidungen dienen kann» (Betsch 2008, 4). Beizufügen wäre dieser Definition noch, dass intuitive Denkvorgänge äusserst rasch vor sich gehen.

Intuition aus neurowissenschaftlicher Perspektive Die Erforschung neuronaler Vorgänge, die sich bei intuitiven Entscheidungen vollziehen, erlebte in den letzten Jahren durch den rasanten Fortschritt in den Neuro­ wissenschaften grossen Auftrieb (vgl. Cohen, 2005). Es boomen derzeit Labor­ experimente dazu in der Entscheidungsforschung. Manchmal geht es dabei auch um handfeste marktwirtschaftliche Interessen: man möchte mehr erfahren über Entscheidungsprozesse, um potentielle Kunden in ihren Kaufentscheiden besser zu verstehen und um ihre Entscheide in die vom Markt gewünschte Richtung zu lenken. Dabei stösst die Entscheidungsforschung immer wieder auf die Intuition. Neurowissenschaftlich lässt sich Intuition durch die modernen Bildgebenden Verfahren im Gehirn sichtbar machen und teilweise auch lokalisieren. So gibt es beispielsweise Experimente, in welchen Probanden Worträtsel oder Gewinnspielaufgaben lösten, die intuitive Denkvorgänge ansprechen und dabei kernspintomographisch, bzw. elektroenzephalographisch untersucht wurden (Traufetter 2006, 257 und Kast 2009, 67). Es ist heute bekannt, dass sich intuitive Prozesse vor allem im Grosshirn abspielen und dort speziell in der Grosshirnrinde (Neocortex), die nur gut drei Millimeter dick ist. Im präfrontalen Cortex laufen Wissen und Gefühle zusammen, wobei die Gefühle beim Treffen von Entscheidungen meist den Ausschlag zu geben scheinen (Traufetter 2007, 68). Und aus Damasios Forschungen wissen wir, dass Vernunft und Emotion sich überschneiden in den ventromedialen präfrontalen Rindenabschnitten und in der Amygdala (vgl. Damasio 2007). Dies weist darauf hin, dass Vernunfts- und Emotionsprozesse stark verknüpft sein müssen. Intuition als Prozess wäre dann zu verstehen als eine Art «Schnittstellen-Prozess», da sie als Denkprozess in einem Gefühl und einem Urteil mündet. 7

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Inwiefern helfen uns diese Erkenntnisse weiter auf praktischer Ebene? Dank der Neurowissenschaften konnte sozusagen «schwarz auf weiss» bewiesen werden, dass es Intuition gibt und vor allem auch, wie schnell sie arbeitet. Neurowissenschaftliche Modelle geben uns eine gute Erklärung, wie Intuition neurologisch entsteht und teilweise darüber, wo sie im Hirn mehrheitlich lokalisiert sein könnte. Ein Modell zu ihrer möglichen Anwendung im Alltag und in Therapieprozessen geben sie jedoch naturgemäss nicht.

Intuition und das Unbewusste Wer sich mit Intuition auf phänomenologischer Ebene befasst, stösst unweigerlich auf unbewusste Prozesse, die mit Intuition einhergehen und sie womöglich erst entstehen lassen. In den letzten sieben bis acht Jahren gab es in der Psychologie und auch in den Handlungswissenschaften, als welche ich die Logopädie verstehe, eine Art «Comeback» des Unbewussten. Es wurde auf neue Art wiederentdeckt als treibende Kraft menschlichen Verhaltens. Die neue Sicht auf das Unbewusste ist jedoch nicht länger geprägt von seinem damaligen Entdecker. Seit Freuds «Traumdeutung» sind über hundertfünfzehn Jahre vergangen. Und wenn auch damals schon nur die Erwähnung der Existenz eines Unbewussten und dessen Kraft bahnbrechend war, so tat Freud mit der Abstufung desselben auf «Triebstufe» seiner eigenen Entdeckung keinen längerfristigen Dienst. Er sorgte dafür, dass dem Unbewussten lange Zeit zu Unrecht ein «anrüchiges» Image anhaftete und dass viele Wissenschaftler mit Rang und Namen einen Bogen darum machten. Dem ist zum Glück je länger je weniger so: Die Psychologie hat sich dem Unbewussten wieder geöffnet und dazu neue Positionen gefunden, auch die psychoanalytisch orientierten Schulen. Nur wenige Wissenschaftler teilen noch Freuds einseitig sexuell-triebhaftes Verständnis, das im Unbewussten eine Art «Keller» für allerlei Dunkles und Misstrauen Erweckendes sah und es in Gegensatz stellte zum «hehren» Bewusstsein als hervorragendes Merkmal des Homo sapiens. Dass ausgerechnet das Bewusstsein den Homo sapiens vom Tier unterscheiden sollte, ist eine so nicht mehr haltbare Behauptung. Natürlich ist anzunehmen, dass sich unser Bewusstsein stark unterscheidet vom Bewusstsein eines Tieres. Doch es deutet Vieles darauf hin, dass auch Tiere eine Form von Bewusstsein haben. Und weiter ist davon auszugehen, dass sich auch unser Unbewusstes stark unterscheidet vom Unbewussten der Tiere. Das enorme Potential unbewusster Prozesse wird derzeit von Forschung und Praxis neu entdeckt und die Tatsache, dass am Unbewussten kein Weg vorbeiführt, hat sich herumgesprochen. Zudem wird immer klarer, dass unbewusste und bewusste Prozesse stark miteinander einhergehen und dass beispielsweise intuitive Entscheidungen gar nicht getrennt von sogenannten «analytischen» Entscheidungen verstanden werden können. Es scheint sogar so zu sein,

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dass das Unbewusste ein wichtiges Element unseres Verhaltens, Denkens und Entscheidens ist, das uns erst angepasstes und sinnvolles Verhalten ermöglicht (vgl. Jäncke 2015). Ap Dijksterhuis, Professor für Sozialpsychologie in Holland und Forschender auf dem Gebiet der Intuition, meint, die Bedeutung bewusster Prozesse werde immer noch stark überschätzt und die Bedeutung unbewusster Prozesse unterschätzt (Dijksterhuis 2010, 23). Der amerikanische Psychologieprofessor David Myers formulierte in Zusammenhang mit intuitiven, unbewusst ablaufenden Prozessen: «Das, was du weisst, aber nicht weisst, dass du es weisst, beeinflusst dich mehr, als du weisst» (Myers 2007, 189). Noch immer konstruieren viele Psychologen einen Gegensatz zwischen Gefühlen und Gründen. Aber «der entscheidende Unterschied besteht […] nicht zwischen Gefühlen und Gründen, sondern zwischen Gefühlen, die sich auf unbewusste Gründe stützen und bewusster Überlegung» (Gigerenzer 2008, 204). Anders gesagt: Unbewusste Gründe sind ebenfalls «gute» Gründe. «Im abendländischen Denken galt die Intuition einst sogar als die sicherste Form der Erkenntnis, während sie heute oft als fragwürdige und unzuverlässige Richtschnur des Handelns belächelt wird» (Gigerenzer 2008, 242). «In Wahrheit sind Bauchgefühle weder unfehlbar noch töricht» (ebenda). Descartes bestritt die Existenz des Unbewussten und hat damit unsere westliche Denkweise sehr nachhaltig geprägt. Unser Schulsystem ist nach wie vor stark vom cartesischen Denken beeinflusst. Ein modernes Verständnis der Psyche schliesst unbewusste Prozesse mit ein und sieht sie «auf Augenhöhe» mit dem Bewussten angesiedelt. Ein zeitgemässes Verständnis des Unbewussten besteht aus allen psychischen Prozessen, derer wir uns nicht bewusst sind, die aber dennoch unser Verhalten oder unser Denken und unsere Emotionen beeinflussen (vgl. Dijksterhuis 2010). Dabei ist zu beachten, dass das Bewusste das Unbewusste naturgemäss verstehen oder analysieren kann, ohne es jedoch wesentlich beeinflussen zu können.

Dan Ariely machte dies mit seinen verhaltensökonomischen Forschungen eindrücklich klar (vgl. Ariely 2015). Menschliches Verhalten und Entscheidungen sind oft irrational, auch wenn bewusstes Überlegen angenommen wird. Auch Jänckes Forschungen weisen in diese Richtung (vgl. Jäncke 2015). Das bedeutet: Das Unbe-

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wusste versteht das Bewusste nicht, beeinflusst es jedoch stark (vgl. Epstein 2008, 27). Die Prozesse des unbewussten Systems sind schnell, automatisch, frei von Anstrengung, assoziativ, implizit und oft emotional aufgeladen. Das Unbewusste ist jederzeit aktiv, unermüdlich und störungsfrei. Das bewusste System hingegen arbeitet wesentlich langsamer, serial, regelgeleitet, unter grösserer Anstrengung, störungsanfälliger, aber auch vorhersehbarer, kontrollierbarer (vgl. Kahnemann 2003, 698). Ratio und Intuition können einander nicht gegenseitig ersetzen, sondern sie spielen beide eine wichtige Rolle in Entscheidungsprozessen.

Intuition in der therapeutischen Arbeit

Was könnten nun die bisherigen Überlegungen und Erkenntnisse bedeuten für die praktische therapeutische Arbeit? Wir nehmen uns – gerade auch im Zeichen der vielgelobten «Evidenzbasierung» – tendenziell viel Zeit und Mühe, Daten zu sammeln, sie nach verschiedenen Gesichtspunkten auszuwerten und uns damit eine vermeintlich solide Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Wir versuchen, fachliches Wissen zu erwerben und zu vertiefen, damit wir «vernünftig» beruflich anstehende Entscheide treffen können. Daran ist nichts auszusetzen. Im Gegenzug schenken wir jedoch oft relativ wenig Zeit und Mühe explizit der Schulung, Ausprägung und Befragung unserer Intuition. Von den beiden Aussagen: «Ich habe es gewusst» versus «Ich habe es intuiert» würden viele Menschen die zweite als weniger «sicher» annehmen. Manche gehen sogar davon aus, dass eine Entscheidung, die aufgrund eines Gefühls getroffen wurde, beruflich unverantwortlich sei. Wie wir aber wissen, kann Wissen auch ungenau oder unrichtig sein. Und wie wir möglicherweise ahnen, kann Intuition auch genau und «richtig» sein. Vor allem bei komplexen Entscheidungssituationen könnte Intuition äusserst nützlich sein. In therapeutischen Prozessen finden sich solche Situationen oft. Wir sind dann aufgerufen, in komplexen Situationen relativ rasch, kompetent und sicher zu entscheiden: 10

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Ist es beispielsweise momentan angezeigt, zeitnah ein zusätzliches längeres Gespräch mit den Eltern des Therapiekindes zu führen? Wie soll dem Kind, das bei Therapiebeginn jegliches Sprechen verweigert, begegnet werden? Inwiefern soll das Umfeld miteinbezogen werden, wann und auf welche Weise? Welches Vorgehen bietet sich im Weiteren an und vor allem, wie wird es umgesetzt, damit der therapeutische Prozess die Entwicklung unterstützt? Soll das vom Kind spontan vorgeschlagene Spiel gerade jetzt aufgegriffen werden, da es möglicherweise zu den Therapiezielen passt oder verspräche die geplante Übungssequenz momentan doch mehr Erfolg? Soll ich gerade jetzt der besorgten Mutter ein Gespräch anbieten oder erst nächste Woche? Und wer soll allenfalls noch zum Gespräch beigezogen werden, wo soll es stattfinden, was könnten die Gesprächsinhalte sein? Und so weiter. Die Situationen sind vielfältig und komplex und es gibt – auch wenn wir noch so gewissenhaft «evidenzbasiert» vorzugehen meinen – keine einfache Lösung. «Die Anwendung theoretischen Wissens auf den Einzelfall ist systematisch mit Unsicherheiten verbunden und erfordert autonome therapeutische Entscheidungen» (Hansen 2009, 87). Erlauben wir uns als Therapeutinnen auch intuitive Entscheidungen und stehen voll und ganz dazu, kann dies auch entlastend wirken. Es kann rationales Abwägen nicht ersetzen, aber ergänzen. Ein grosser Vorteil intuitiver Entscheidungen ist, dass sie sehr schnell getroffen werden können. Unser Unbewusstes verarbeitet Informationen 200'000 mal schneller als unser Bewusstsein. Das heisst, unser Unbewusstes beherrscht Multi-Tasking perfekt, während unser Bewusstsein nur ein oder zwei Dinge gleichzeitig bewältigen kann – auch wenn wir uns oft einreden, wir könnten mehr auf einmal bewusst tun. Genau dies wird mir gerade jetzt einmal mehr klar, wo ich am Schreiben dieses Artikels bin und es aus dem Schlafzimmer meiner Tochter nachdrücklich schallt: «Mamma, chum mir no cho Tschüss säge!». Ich werde meinen Gedanken- und Schreibfluss zugunsten eines kurzen «GuteNacht-Sagens» unterbrechen müssen. Und danach wird es eine Weile dauern, bis ich meine Gedanken wieder gesammelt habe. Denn ich kann beim besten Willen nicht gleichzeitig meine Tochter in ihre Traumwelt verabschieden – auch nicht nur für kurze Zeit – und am zu Schreibenden weiterdenken. Verstand und Intuition sollten in therapeutischen Prozessen ein demokratisches Miteinander anstreben, wobei die Intuition – da sie tendenziell oft vernachlässigt wird – gezielt geschult und unterstützt werden soll. Das intuitive Erfassen von Situa­tionen gilt als ein Merkmal von ExpertInnen und nimmt erwiesenermassen mit langjähriger Berufserfahrung und entsprechender Selbstreflexion und Selbstkorrektur zu. «Bei erfahrenen Berufsleuten erfolgen die Entscheidungs- und Reflexionsprozesse in konkreten Situationen auch intuitiv und nur teilweise bewusst» (Kempe 2013, 12).

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Intuition ist lernbar. «Wer seine Intuition verbessern will, muss üben, üben. Wer routiniert mit seiner Intuition entscheiden will, der muss schon viele Male vergleichbare Entschlüsse getroffen haben» (Traufetter 2007, 282). Die Intuition schult sich also auch und vor allem an der Praxis. Ein konkreter Ansatz der Entscheidungsfindung, der zwar nicht explizit Intuition als Begriff nennt, aber auch den Prozess der Intuition einbezieht, ist Clinical Reasoning. Das Vorgehen ist eine Mischung von Denken als automatisierter Prozess, Fühlen und Reflexion als bewusste Prozesse (vgl. Hüter-Becker & Dölken 2005, Rathey-Pötzke 2011). Wie können wir unsere Intuition schulen? Einerseits, indem wir uns ihre Existenz bewusstmachen und uns entscheiden, sie zu würdigen und ihr Raum zu geben. Andererseits gibt es auch konkrete Praxiswerkzeuge, um Intuition zu schulen und zu stärken. Diese lassen sich am besten anwenden in ausgeruhtem Zustand und wenn genügend Zeit zur Verfügung steht. Als Praxiswerkzeuge sind zu nennen: • Physische Signale beachten (=somatische Marker): verspüre ich Übelkeit, plötzliche Kopfschmerzen, allgemeines Unwohlsein, Bauchweh, Schwitzen, Herzrasen? Was könnten mir diese Signale mitteilen? • Emotionale Signale beachten: habe ich Angstgefühle, Unsicherheitsgefühle, Ruhelosigkeit, aggressive Gefühle – oder Gefühle der Ganzheit, Verbundenheit, Sicherheit, Ruhe? • Intellektuelle Signale beachten: kommen mir unvermittelte Gedanken, eine unerwartete Assoziation, eine Erinnerung oder ein mentales Bild? Was könnte es mir sagen? • Signale in meinem Umfeld beachten: gibt es Wahrnehmungen oder mache ich Beobachtungen, die mir Hinweise liefern, wo ich mögliche Lösungen finde in meinem Umfeld? Haberstroh & Betsch schlagen zur Entscheidungsfindung das Kombinationsmodell «Entscheiden in sechs Schritten» vor, bei dem sich der Entscheider sowohl auf automatische Prozesse (A) seiner Intuition verlassen als auch kontrollierte Strategien (S) seines Verstandes verwenden soll (Haberstroh, S., Betsch, T. & Betsch, C. 2007, 305).

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Schritt

Frage

Aktion und Verarbeitungsmodus (A/S

1

Wie lautet das Entscheidungsproblem?

Problemskizze (A, S)

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Was fällt mir spontan als Lösung ein?

Vorläufige intuitive Entscheidung 1 (A)

3

Was soll erreicht werden?

Benennung der Ziele (S)

4

Was gibt es für Lösungen?

Generierung von Handlunsalternativen (S)

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Wie zielführend sind die Lösungen?

Simulation der Konsequenzen der Handlungsalternativen (S). Erfahren und Lernen von Handlungs-Ziel-Kontingenzen (A)

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Welche Lösung finde ich nun am besten?

Intuitive Entscheidung 2 (A)

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Super- und Intervision / Qualitätszirkel als Instrument fachlicher Intuitionsschulung Bei der Intuitionsschulung müssen wissenschaftlich-methodische und unbewusstintuitive Wege integriert werden. Dies könnte zum Beispiel geschehen durch Hinterfragen der in professionellen Situationen wirkenden Intuition. Gefässe für solches Hinterfragen wären zum Beispiel die Super- und Intervision oder auch der Austausch in Qualitätszirkeln. Denn Intuition, die durch Reflexion geschult wurde, könnte qualitativ hochwertige Informationen bereitstellen. Mögliche Leitfragen wären hier: • Welche Urteilsbildung habe ich intuitiv vorgenommen? • Zu welchem Kontextverständnis und zu welchem Therapie- und Entwicklungsverständnis passt dieses Urteil? • Kann und will ich mein Urteil so aufrechterhalten? • Könnte und möchte ich mein Urteil einer kommunikativen Überprüfung unterziehen? Wenn ja, wie gehe ich dabei vor?

Intuition – das Elixier der Zukunft? Ausblicke und Perspektiven Intuition ist kein Zaubermittel, doch sie kann wesentlich zum Gelingen von Entwicklungsprozessen und zur gelingenden Therapiepraxis beitragen, wenn wir ihr die Möglichkeit geben. Intuitive Kompetenzen gezielt zu erwerben ist keine «Hexerei» und könnte sehr sinnvoll sein. In einem Beruf, in dem Wirklichkeiten durch Kommunikation mit anderen Menschen kreiert werden, dürfte es zu den Grundlagen der Fachlichkeit gehören, sich mit Intuition, ihrer Schulung und Entwicklung zu befassen. Wir können uns unserer Intuition bewusster werden. Wir können sie schulen und bewusst einsetzen. «Dies klingt wie ein Widerspruch: sobald man sich seiner Intuition bewusst wird, hat der Verstand schon die Kontrolle übernommen. Aber zwischen Intuition und Deliberation (=rationales Abwägen) besteht nur ein vermeintlicher Gegensatz. Die Kunst besteht darin, eine Synthese aus diesen zwei Verarbeitungskreisen des Gehirns zu etablieren» (Traufetter 2007, 269). Ich wünsche den Lesenden viel Spass beim Weiterdenken und beim Intuieren und schliesse mit Brechts berühmten Worten den eingangs geöffneten Vorhang wieder: «Vorhang zu und alle Fragen offen».

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Literatur

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Ariely, D. (2015). Denken hilft zwar, nützt aber nichts. Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen. München: Droemer. (Originaltitel: Predictably Irrational (2008). New York: Harper Collins.)



Berne, E. (1991). Transaktionsanalyse der Intuition. Ein Beitrag zur Ich-Psychologie. Aus dem Amerikanischen von Anthony Young und Ulrich Henzel-Winterfeld. Paderborn: Junfermann.



Betsch, T. & Haberstroh, S. (2005). The Routines of Decision Making. New York: Lawrence Erlbaum Associates, Taylor & Francis Group.



Betsch, T. (2008). The Nature of Intuition and ist Neglect in Research on Judgment and Decision Making. In: Plessner, H., Betsch, C. & Betsch, T. (2008, Hrsg). Intuition in Judgment and Decision Making. New York: Lawrence Erlbaum Associates, Taylor



Bowers, K.S., Regehr, G., Balthazard, C. & Parker, K. (1990). Intuition in the context of discovery. Cognitive Psychology, 22, 72-110.



Cohen, J. (2005). The Vulcanization of the Human Brain: A Neural Perspective on Interactions Between Cognition and Emotion. Journal of Economic Perspectives, Vol 19, Nr. 4, 3-24.



Damasio, A.R. (2007, 5.Aufl.) Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Berlin: List.



Dijksterhuis, A. (2010). Das kluge Unbewusste. Denken mit Gefühl und Intuition. Stuttgart: KlettCotta.



Epstein, S. (2008). Intuition From the Perspective of Cognitive-Experiential Self-Theory. In: Plessner, H., Betsch, C. & Betsch, T. (2008, Hrsg). Intuition in Judgment and Decision Making. New York: Lawrence Erlbaum Associates, Taylor & Francis Group.



Gigerenzer, G. (2008, 11.Aufl.) Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München: Goldmann.



Hogarth, R. (2001). Educating Intuition. The University of Chicago Press, 2002, 18.



Hansen, H. (2009). Therapiearbeit. Eine qualitative Untersuchung der Arbeitstypen und Arbeitsmuster ambulanter logopädischer Therapieprozesse. Idstein: Schulz-Kirchner.



Hüter-Becker, A. & Dölken, M. (2005). Untersuchen in der Physiotherapie. Stuttgart: Thieme.



Isenberg, D. (1984). How Senior Managers Think. Harvard Business Review, 6, 1984, 80-90.



Jäncke, L. (2015). Ist das Hirn vernünftig? Erkenntnisse eines Neuropsychologen. Bern: Huber.



Jung, C.G. (2014, Hrsg. Lorenz Jung, Erstausgabe von C.G. Jung 1921 unter dem Titel «Psychologische Typen»). Typologie. München: dtv.



Kahnemann, D. (2003). A Perspective on judgement and choice. Mapping bounded rationality. American Psychologist 58, 697-720.



Kast, B. (2009). Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft: die Kraft der Intuition. Frankfurt am Main: Fischer.



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Loy, D. (1988). Nondualität. Über die Natur der Wirklichkeit. Frankfurt a.Main: Wolfgang Krüger.



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Plessner, H., Betsch, C. & Betsch, T. (2008, Hrsg). Intuition in Judgment and Decision Making. New York: Lawrence Erlbaum Associates, Taylor & Francis Group.



Rathey-Pötzke, B (2011). Entscheidungen im Therapieprozess- wie machen wir das eigentlich? Ein Blick auf Clinical Reasoning. Forum Logopädie 5 (25), 20-26.



Traufetter, G. (2007). Intuition. Die Weisheit der Gefühle. Reinbek bei Hamburg: rowohlt.