Gottesdienst in Ronsdorf am (Ewigkeitssonntag) Predigt zu 1. Thessalonicher 4, von Pfr. Dr. Jochen Denker

1 Gottesdienst in Ronsdorf am 25.11.2012 (Ewigkeitssonntag) Predigt zu 1. Thessalonicher 4,13-18 von Pfr. Dr. Jochen Denker Ihr Lieben, der Glaube k...
Author: Mareke Geiger
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Gottesdienst in Ronsdorf am 25.11.2012 (Ewigkeitssonntag) Predigt zu 1. Thessalonicher 4,13-18 von Pfr. Dr. Jochen Denker

Ihr Lieben, der Glaube kann in Krisen kommen. Es gibt Ereignisse, die an seinen Grundfesten rütteln. Er schwebt ja nicht über den Dingen und bleibt unberührt von dem, was wir hören, sehen und erleben. Nur wenn er sich das Leben angehen und sich vom Leben angehen lässt, ist er lebendiger Glaube. Ich lese einen Abschnitt aus dem 1. Thessalonicherbrief, in dem Paulus darum ringt, seiner Gemeinde aus einer Glaubenskrise zu helfen, die auch uns nicht wirklich fremd sein dürfte. 13 Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen. 15 Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. 16 Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. 17 Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. 18 So tröstet euch mit diesen Worten untereinander. 1. Thessalonicher 4,13-18

Die Gemeinde in Thessaloniki ist in eine tiefe Glaubenskrise geraten. Hatte Paulus ihr nicht verkündet, dass der Herr bald wiederkommt? Hatte er sie nicht eindringlich aufgerufen, wachsam zu sein, sich bereit zu halten für den kommenden Herrn? Wie die meisten Christen, einschließlich Paulus, waren die Thessalonicher der festen Überzeugung, die Wiederkunft Christi zu erleben, bevor ihre Zeit auf Erden abläuft. Aber nun sterben die ersten Gemeindeglieder und von Monat zu Monat werden es mehr. Sie sterben – aber Christus kommt nicht! Wie soll die Gemeinde damit umgehen? Was soll sie davon halten? Hat Paulus gelogen? Sind die Todesgötter doch stärker und entreißen Christus nach und nach die Seinen? Gibt es Hoffnung für die Toten? Oder muss man sie abschreiben? Ich stelle mir die Beerdigungen in der Gemeinde unendlich traurig vor. Da trauerte man nicht allein um das Leben der Verstorbenen. Trauer, so weh sie tut, ist etwas Gutes. Sie ist der einzige Weg ins Leben, wenn man einen lieben Men-

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schen loslassen muss. Sie ist die Form, in die sich die Dankbarkeit kleidet und die gelebtem Leben Wert und Würde beimisst. Aber hier wird hoffnungslos getrauert. Man senkt die Verstorbenen in die Erde und sieht für sie keine Zukunft mehr. Sie haben die Wiederkunft verpasst, sie werden nicht mehr dabei sein. Sie sind verloren. Das ist nicht nur eine Anfechtung für die betroffenen Familien. Die ganze Gemeinde kann das nicht kalt lassen. Die Lebenden sagen nicht: welch ein Glück, dass es uns nicht getroffen hat – noch nicht! wir haben noch eine Chance. Sondern die Gemeinde klagt und trauert, ist voller Sorge um die Verstorbenen, weil man doch nur mit ihnen zusammen gerettet werden wollte. Man ist doch ein Leib, und der Leib verabschiedet sich nicht mir nichts dir nichts von einem seiner Glieder. In diese Situation hinein schreibt Paulus. „Ich will euch nicht in Ungewissheit lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht ohne Hoffnung traurig seid, wie die anderen. – Wenn wir glauben, dass Christus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm führen.“ Paulus erinnert die, die um Verstorbene trauern an einen anderen Todesfall. Er erinnert an Jesus. Warum? Weil Jesus den Verstorbenen nahe ist. Im Unterschied zu den noch Lebenden kennt er den Tod von innen. Er weiß, was es heißt, seinen letzten Atemzug getan zu haben. Uns macht das Loslassen der Verstorbenen ja auch darum so große Sorge, weil wir nicht mehr mit ihnen fühlen können, weil das Sterben eine Erfahrung ist, die wir nicht kennen, weil wir sie wohl bis an die Grenze, aber nicht über die Grenze des Sterbens begleiten können. Paulus tröstet die Gemeinde, indem er auf Jesus verweist und sie erinnert: Jesus ist den Entschlafenen nahe. „Entschlafen“ sind sie für ihn. Gestorben, aber nicht tot! An Jesus sehen wir, dass der Tod nicht das Ende ist. Gott hat ihn auferweckt. Was an Jesus geschehen ist, ist der Grund der Hoffnung für die Verstorbenen. Auch sie sehen ihrer Auferweckung entgegen. Auch sie haben Hoffnung und Zukunft. Ihr Lieben, für Paulus hängt diese Hoffnung nicht in der Luft, sondern sie steigt aus dem Grab Jesu heraus. Sie hat den Tod schon hinter sich. Dass Jesus lebt schenkt Paulus Hoffnung für alle. An Jesus sehen wir unsere eigene Zukunft. „Unsere Zukunft“ – das meint Deine und meine, aber auch die der Verstorbenen, auch die Zukunft derer, die wir in diesem Jahr auf unserem oder anderen Friedhöfen beerdigt haben und deren Namen wir gleich erinnern werden. Gott hält uns zusammen, indem er sie und uns mit Christus verbindet. Und dann fügt Paulus noch etwas hinzu. Er weiß, dass wir Menschen nicht ohne Vorstellungen auskommen. Er weiß, dass wir uns unsere Gedanken und unsere Bilder machen. Er weiß, dass eine Hoffnung ohne Bilder, eine Hoffnung, die wir uns nicht vorstellen und in Zeiten

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des Zweifels vor Augen führen können, nur schwer oder gar nicht bei uns ankommt. Sicher, die Bilder, die wir uns machen, die Vorstellungen, die in uns wach werden sind bestenfalls Gleichnisse. Wir können nur sagen: „Wir stellen es uns vor, wie ...“. Wir haben keinen Einblick in das ewige Leben, wir haben keine Berichte, keine Aufnahmen, keine Zeugnisse von dem, was nach dem Tod kommt. Ebenso wenig von dem, was Gott heraufführen wird, wenn sein Tag kommt, an dem Gott seine Welt zurecht bringen wird. Was wir haben sind Gleichnisse. Jesus selber hat in Gleichnissen geredet, weil wir Menschen von dem Unfassbaren und von der überströmenden Herrlichkeit Gottes nur so etwas erahnen können. Und so sagt Paulus: „Ich will euch nicht in Unkenntnis lassen. Ich habe ‚ein Wort des Herrn’ für euch“. Woher er es hat, bleibt verborgen. In der Bibel steht es nicht. Lassen wir’s getrost dahingestellt, ob er es in einer eigenen Offenbarung bekam, oder ob dieses Jesus-Wort den Evangelienschreibern verloren gegangen oder unbekannt gewesen ist. Wichtig ist, dass Paulus hier nicht nur seine eigene Phantasie bemüht, dass er uns keine Illusionen macht, sondern eine Vision schenkt, die ihm, ich will’s ihm glauben, von Jesus selber geschenkt wurde. Wie wird es sein, wenn Gottes Tag, wenn Christus kommt? Er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten in Christus auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir zusammen mit dem Herrn sein allezeit. Es ist die Bildwelt der damaligen Zeit, die Paulus bemüht. Damals werden sie einen anderen Eindruck hinterlassen haben als vermutlich heute. Denn bei den Thessalonichern lief kein „Film“ ab, wie vielleicht bei uns. Da kamen nicht Erinnerungen an irgendwelche „Mystery“-Streifen auf. Diese Bilder werden die ehemaligen Heiden aus Thessaloniki in Staunen versetzt haben, so dass ihnen der Mund offen stehen blieb vor Ehrfurcht und Ergriffenheit. Der Herr der Welt wird kommen. Ein wortgewaltiger und vollmächtiger Bote geht ihm voran, Posaunen künden sein Ankunft an, wie die eines Königs. Und Christus wird sich zuerst um die Verstorbenen kümmern, um die, um die sich die Gemeinde so sorgt. Sie werden aufstehen. Und dann werden die Lebenden zusammen mit ihnen im Wolkennebel gen Himmel ziehen, dem Herrn entgegen. Alle vereint, die Verstorbenen, die Lebenden und sie alle mit Christus – allezeit. Lasst mich versuchen in diesem Bild andere zu suchen. „Wenn Gottes Machtwort, sein Befehlsruf erklingt“, heißt es bei Paulus. Ich stelle mir den gnädigen und mächtigen Gott vor, der wie einst am ersten Tag der Schöpfung seine Stimme erhebt und das Wort ergreift. Es wird ein durchdringendes Wort sein, ein Leben schöpfendes Wort. Es schöpft die Verstorbenen aus den Gräbern ins neue Leben.

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Ein Wort kann ins Leben zurückholen! Ich erinnere mich an eine Begegnung in der Notfallseelsorge. Da saß ein Mann leichenstarr und –blass neben seiner verstorbenen Frau. Das Leben war stehen geblieben. Er konnte nichts mehr wahrnehmen. Der Tod seiner Frau nahm ihm das Leben. Als ich ihm den Arm um die Schulter legte und ihn freundlich, aber mit fester und lauter Stimme mit Namen ansprach, da zuckte er kurz zusammen, drehte den Kopf zu mir, und es war, als wenn das Leben in ihn zurückkäme; mit Weinen, mit Klagen und Zittern am ganzen Leib – aber wieder im Leben. Oder nehmt das Bild von Gottes Wort als lebenspendendem Regen. Wie die Wüste über lange Zeit dürre und tot aussieht und plötzlich, wenn der lange ersehnte Regen fällt, wie durch ein Wunder aus dem erstorbenen Boden Grün und Blüten springen, so werden die Verstorbenen aufstehen. Schöner als die Samen die lange dort schlummerten sind die Früchte. Verwandelt ist das, was in der Erde lag in eine neue Herrlichkeit. „Die Stimme eines Erzengels solle ertönen“, sagt Paulus. Und ich höre, dass wahre Worte gesprochen werden. Endlich! Dass das Lügen und Täuschen ein Ende hat. Ein wahrer Bote Gottes kommt, dem ich blind Glauben schenke. Gute Worte wird er sprechen, weil sie zum Leben dienen. Verstummt ist das Geschrei und das Stöhnen von Mensch und Welt. Zum Schwiegen gebracht die Verleumdungsworte und Hasspredigten. Die Prediger schweigen überhaupt, weil ein viel größerer Bote spricht, bei dem die Frage gar nicht mehr aufkommt: „Glaub ich ihm? Oder lieber doch nicht?“ „Gottes Posaune wird erklingen“, sagt Paulus. Und ich höre schöne Klänge, göttliche Musik. Mag jeder sagen, welche er dafür hält. In jedem Fall höre ich kein Gedröhn von Stiefeln, kein Sirenengeheul, das in die Bunker ruft, kein Bombengedonner, kein Alarmpiepsen auf Intensivstationen und kein Hungerschreien abgemagerter Kinder. Gute, Leben fördernde und verheißende Klänge erfüllen Luft und Herz, fahren in alle Glieder und dringen bis in die Gräber hinein. „Wir werden entrückt auf den Wolken“, sagt Paulus. Wie schwerelos werden wir sein. Wie nach einer langen Wanderung die Schritte leicht werden, wenn man das eigene zuhause sieht, werden wir geradezu beflügelt sein, um unserem Herrn zu begegnen. Losgelöst von allem, was uns als Ballast an den Füßen klebt oder auf den Schultern liegt – weil wir wissen: „Wir sind am Ziel.“ Seht, alle Bilder die wir da finden können – und gewiss müsst ihr eigene suchen – werden dann doch nur Gleichnisse sein. Was wirklich kommen wird, wird das alles noch übertreffen und wohl auch zurechtrücken. Und dann schließt unser Text mit den Worten: „So tröstet einander mit diesem Worten.“ Tröstet die, die um die Verstorbenen trauern mit der Hoffnung, dass sie nicht verloren und vergessen sind, dass sie mit Christus und mit uns allen

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wieder zusammengeführt werden. Tröstet einander mit der Erinnerung daran, dass Christi Auferstehung eure Hoffnung ist. Die Hoffnung für alle Menschen. Tröstet einander. Das ist nicht nur die Aufgabe eines Einzelnen, sondern der ganzen Gemeinde. Für Trauernde gibt es nichts wichtigeres als eine tröstende Gemeinde. Eine Gemeinschaft, in der sie sich verstanden fühlen, in der sie aufgefangen werden und in der ihrer Trauer das Wort der Hoffnung an die Seite gestellt wird. Das kann sich der Traurige nicht selber sagen. Ihr Lieben, der Tod führt unseren Glauben bis heute in eine große Krise. Das immerwährende Sterben ist eine Anfechtung, der wir uns nicht einfach entledigen. „Der Tod ist der letzte Feind“, sagt Paulus einmal. Noch ist er mächtig unter uns. Nicht mehr allmächtig, aber auch noch nicht überwunden. Noch stellt er alles in Frage. Wir werden das alles auch im Glauben an Christus nicht einfach so hinter uns lassen. Das Leben mit all seinen Abbrüchen und Widersprüchen, mit seinem Leiden und seiner Schuld ist eben immer auch unser Leben. Das Vertrauen auf Christus rettet uns nicht vor diesen schweren Erfahrungen – aber es will uns in ihnen und durch sie hindurch tragen und retten. Das Kreuz ist auch unsere Erfahrung und, Gott sei Dank, Christus ist uns gerade da nahe. Unser Glaube kennt die Krisen und kommt in Krisen. Lasst uns dann, wenn sie uns treffen, eine tröstende Gemeinde sein, die einander beisteht und sich gegenseitig erinnert, wo unsere Zukunft liegt, wer unser und aller Welt Herr ist und dass wir „nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.“ Amen Lied vor der Predigt: Lied nach der Predigt:

eg 115,1.2.5.6 (Jesus lebt, mit ihm auch ich…) eg 533 (Du kannst nicht tiefer fallen….)

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