Gottesdienst am 13. Dezember 2009 in Cosmae. Die Sehnsucht der Engel (Predigt am 3. Sonntag im Advent)

Gottesdienst am 13. Dezember 2009 in Cosmae Die Sehnsucht der Engel (Predigt am 3. Sonntag im Advent) a) Liebe Gemeinde, in der letzten Woche war eine...
Author: Adolph Baum
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Gottesdienst am 13. Dezember 2009 in Cosmae Die Sehnsucht der Engel (Predigt am 3. Sonntag im Advent) a) Liebe Gemeinde, in der letzten Woche war eine Kindergartengruppe zu Besuch in unserer Kirche und hat sich die Krippenausstellung angeguckt. Bei der Krippe rechts hinten, dort die einfache Krippe aus Holz mit Maria, Josef und dem Kind – wie ein Schränkchen gebaut und lässt sich auch so zuklappen, meinte ein Kind: Das ist gar keine richtige Krippe, da fehlen die Engel, die sind doch das Wichtigste. Richtig ist, Engel spielen eine große Rolle in der Weihnachtsgeschichte. Sie kündigen Maria an, dass sie einen Sohn bekommen werde; sie erscheinen den Hirten auf dem Felde und weisen sie nach Bethlehem. Sie sind gerade aus der Weihnachtsgeschichte nicht wegzudenken, aber sind sie das Wichtigste? Im Hebräerbrief werden die Engel mit Jesus verglichen, und der Schreiber stellt fest: Engel sind zweitrangig. Ich lese aus Hebräer 1:7 Von den Engeln spricht er zwar (Psalm 104,4): »Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen«, 13 Zu welchem Engel aber hat er jemals gesagt (Psalm 110,1): »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache«? 14 Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen? Liebe Gemeinde, wie mag es eigentlich Engeln gehen, wenn sie das hören: Ihr seid nur dienstbare Geister. Zu keinem von euch hat Gott gesagt: Du sitzt neben mir. Da sitzt mein Sohn. Natürlich weiß ich, dass man so nicht fragen kann. Wer kann schon wissen, was in Engeln vorgeht? Aber wir werden uns vielleicht klarer, was Engel und was sie für uns bedeuten, wenn wir dieser Frage auf den Grund gehen. Bei aller Unterordnung, eigentlich müsste es den Engeln gut gehen. Sie sind populär – nicht nur früher, sondern heute mehr denn je. Das Internet-Kaufhaus Amazon bietet fast 13.000 Artikel, Bücher und anderes, unter dem Stichwort Engel an. Der Verlag „Andere Zeiten“ – Herausgeber für den Kalender „Der Andere Advent“ –, der einen kleinen Bronzenegel im Sortiment hat, kann mit dem Verkauf drei Arbeitsplätze finanzieren. Und viele Menschen wissen zu erzählen, was Engel für sie getan haben. ich lese aus einem Polizeibericht: Ihren Schutzengel hatten Mutter und Sohn dabei, als sie am Freitag, gegen 18:30 Uhr, auf der A 7, Richtung Hamburg, zwischen den Anschlussstellen Egestorf und Garlstorf unterwegs in den Urlaub waren. Bei hoher Geschwindigkeit kam der Pkw VW Golf aus dem Kreis Göttingen spektakulär nach rechts von der Fahrbahn ab, überschlug sich im Grünbereich, prallte im Flug gegen einen vorbeifahrenden Lastzug und rutschte dann ca. 100 Meter auf dem Dach über den Standstreifen. Der 18-jährige Fahrer und seine Mutter konnten noch selbstständig das Fahrzeug. verlassen. Rettungskräfte waren vor Ort. Beide Personen wurden ins Krankenhaus nach Winsen verbracht. Obwohl bei dem Sohn schwere Verletzungen vermutet wurden, konnte er das Krankenhaus zusammen mit seiner Mutter am naechsten Tag verlassen. Am Pkw war Totalschaden entstanden.

Der Schutzengel ist der populärste seiner Gattung, aber Menschen erzählen genauso von anderen Engel-Erfahrungen: von Wesen, die uns begleiten, die Sicherheit und Geborgenheit vermitteln und uns Botschaften aus der unsichtbaren Welt überliefern. Man könne sie nicht sehen, aber spüren. Die Bibel geht von einer Vielzahl von Engeln aus, die schon vor der Erschaffung der Welt existierten und Gott dienten. Auf den ersten Seiten der Bibel ist es ein Engel, der das Paradies bewachte. Auf den letzten Seiten der Bibel ist wieder ein Engel, der dem Seher Johannes das Ende der Zeiten erklärt und das neue Jerusalem zeigt. Und auch die bekannteste Geschichte der Bibel kommt nicht ohne Engel aus. In der Weihnachtsnacht erfahren die ersten Zeugen, die Hirten auf dem Felde, durch eine Engelschar von der Geburt Jesu. Wenn die biblischen Erzähler von Engeln reden, schöpfen sie aus den Überlieferungen ihrer Nachbarvölker über unsichtbare gottähnliche Mächte und sagen: Auch diese Mächte gehören in die Geschichte unseres Gottes mit den Menschen hinein, des Gottes von Abraham und Sarah, von Isaak und Rebekka und des Vaters Jesu Christi. Auch unsere Kirche ist von Engel bevölkert: Man gucke unter die Kanzel, auf den Altar und hoch zur Orgel. Engel ziehen uns an. So nah und freundlich, so zugänglich und heiter sind fast alle die Engel, die uns gezeigt werden – auf Gemälden, in Kirchen, in Filmen und auf Abziehbildchen. Wir lieben diese Engel so, weil wir uns etwas von dieser Leichtigkeit und Heiterkeit wünschen, weil davon träumen, uns auch einfach in die Lüfte erheben zu können, wenn die Schwere des Daseins auf uns lastet. Und weil uns Engel etwas vom göttlichen Beistand in dieser Welt verdeutlichen. Denn wenn uns Gefahr droht, soll der Schutzengel kommen und uns aus allem Schlamassel herausholen. d) Ich möchte auf meine Anfangsfrage zurückkommen: Wie geht es Engeln, was geht in ihnen vor? Das weiß natürlich niemand genau, die Bibel schweigt dazu. Es gibt nur Spekulationen dazu. Ich möchte eine Spekulation vorstellen: einen deutschen Film von Anfang der 80er Jahre, „Himmel über Berlin“ von Wim Wenders. Der Film beginnt, indem ein Engel in das Berlin vor dem Fall der Mauer einschwebt. Er macht kurz Pause auf dem Turm der Gedächtniskirche. Wir blicken mit dem Engel auf auf das Getümmel der Großstadt. Ein ununterbrochener Redefluss ist zu hören. Liebeskummer, die Sorge um den Arbeitsplatz, der Streit in der Familie. Dann trifft der Engel, Damiel heißt er, einen anderen Engel, Cassiel. Die beiden sitzen unsichtbar für die Menschen in einem Cabrio einer BMW-Niederlassung, und Cassiel liest aus einem Notizbuch vor, wovon er heute Zeuge war: Im Postamt 44 hat einer, der heute Schluss machen will, auf all seine Abschiedsbriefe Sondermarken geklebt, auf jede eine andere, und hat dann draußen auf dem Mariannenplatz mit einem amerikanischen Soldaten englisch geredet, zum ersten Mal seit seiner Schulzeit, und zwar fließend!... In der Strafanstalt Plötzensee hat ein Häftling, bevor er mit dem Kopf gegen die Wand gerannt ist, »Jetzt« gesagt. An der U-Bahn-Station Zoo rief der Beamte statt des Stationsnamens plötzlich das »Feuerland« aus! ... DAMIEL: Schön! CASSIEL: In den Rehbergen las ein alter Mann einem Kind aus der Odyssee vor, und der kleine Zuhörer, der dabei ganz zu blinzeln aufhörte ...

Und du, was hast du zu erzählen? DAMIEL: Eine Passantin, die mitten im Regen den Schirm zusammenklappte und sich nass werden ließ ... Ein Schüler, der seinem Lehrer beschrieb, wie ein Farn aus der Erde wächst, und der staunende Lehrer ... Eine Blinde, die nach ihrer Uhr tastete, als sie mich spürte... Es ist herrlich, nur geistig zu leben und Tag für Tag für die Ewigkeit von den Leuten rein, was geistig ist, zu bezeugen - aber manchmal wird mir meine ewige Geistesexistenz zu viel. Ich möchte dann nicht mehr so ewig drüberschweben, ich möchte ein Gewicht an mir spüren, das die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht. Ich möchte bei jedem Schritt oder Windstoß »Jetzt«, und ... »Jetzt« und »Jetzt« sagen können und nicht wie immer »seit je« und »in Ewigkeit«. Sich an den ... freien Platz am Kartentisch setzen, begrüßt werden, auch bloß mit einem Nicken. Die ganze Zeit, wenn wir schon einmal mittaten, war es doch nur zum Schein: haben uns im nächtlichen Ringkampf mit einem von denen zum Schein die Hüfte ausrenken lassen, haben zum Schein einen Fisch mitgefangen, haben zum Schein an den Tafeln gesessen, haben getrunken... und gegessen zum Schein, haben uns Lämmer braten und Wein aufwarten lassen ... draußen bei den Zelten m der Wüste, nur zum Schein! Nicht, dass ich ja gleich ein Kind zeugen oder einen Baum pflanzen möchte, aber es wäre doch schon etwas, beim Nachhause kommen nach einem langen Tag ... wie Philip Marlowe die Katze zu füttern. Fieber haben, schwarze Finger vom Zeitungslesen, sich nicht immer nur am Geist begeistern, sondern endlich an einer Mahlzeit, einer Nackenlinie, ... einem Ohr. Lügen! Wie gedruckt! Beim Gehen das Knochengerüst an sich mitgehen spüren. Endlich ahnen, statt immer alles zu wissen. »Ach« und »Oh« und »Ah« und »Weh« sagen können, statt »Ja und amen«! ---------Aus dem Himmel über Berlin sind die Engel heruntergekommen in die irdische Stadt und denken über das Engelleben nach. Damiel träumt vom Menschenleben: Es ist herrlich, nur geistig zu leben und Tag für Tag für die Ewigkeit von den Leuten rein, was geistig ist, zu bezeugen - aber manchmal wird mir meine ewige Geistesexistenz zu viel. Ich möchte dann nicht mehr so ewig drüberschweben, ich möchte ein Gewicht an mir spüren, das die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht. Ich möchte bei jedem Schritt oder Windstoß »Jetzt«, und ... »Jetzt« und »Jetzt« sagen können und nicht wie immer »seit je« und »in Ewigkeit«. Sich an den ... freien Platz am Kartentisch setzen, begrüßt werden, auch bloß mit einem Nicken.

In Damiel sitzt eine Sehnsucht. Er will nicht über alles hinwegschweben, er möchte die Schwere des Daseins spüren, möchte – kurz gesagt – Mensch werden. Und so nimmt sein Schicksal seinen Lauf. Damiel lernt eine schöne Frau kennen, eine Artistin, verliebt sich in sie und gibt sein Engelleben auf, um ihr nahe zu sein. Im Film ist dieser Augenblick dadurch zu merken, dass der Engel, der zuvor immer nur in Schwarzweiß gesehen hat, nun farbig in die Welt guckt. Soweit der Film: „Himmel über Berlin“. III) Diese Idee, dass ein Engel sich danach sehnt, Menschen nahe zu sein, hat mich beeindruckt. Denn sie greift eine Grundaussage der Bibel auf: Dass das Himmlische dem Menschen nahe kommt. Dabei – so die Bibel – sind Engel nur Vermittler, vor allem ist es Gott selbst, der von seinem Gottsein ganz viel drangibt, um uns Menschen nahe zu sein. Gott liebt die Menschen, die er geschaffen hat, und deshalb lässt er sich auf Menschen ein, mehr als es eigentlich einem Gott zukommt. Das wird besonders an der Geschichte Jesu deutlich. An Weihnachten feiern wir es jedes Jahr ausgiebig: Gottes Sohn ist Mensch geworden – uns Menschen zugute. Gott nimmt unsere Gestalt an, um uns nahe zu sein. Und Jesus zeigt, wie wir Mensch sein sollen – in Gottes Sinne. Ein Leben, das die Schönheiten der Schöpfung auskostet und genauso auch Verantwortung für Schöpfung und Mitmenschen übernimmt. Engel sind so vieles: Zeichen dafür, dass unser Leben nicht nur von irdischen Mächten bestimmt ist, sondern gute Mächte uns beschützen. In Engeln verdichtet sich von unserer Sehnsucht, dem Irdischen entfliehen zu können. Die Bibel aber sagt: Du Mensch, halte den Sohn viel höher, denn er ist dir viel näher gekommen. Er hat deine Erdenschwere geteilt – bis zum Ende, dafür Krippe und Kreuz das Zeichen. Das Zeichen des Sohnes wird uns allen bei der Taufe auf den Leib geschrieben, und es erinnert uns an Gottes Liebe zu seinen Geschöpfen. Und dafür müssen wir nicht zuerst Engel werden. ---------Gott des Himmels und der Erde. Wir danken dir unser Leben zwischen Himmel und Erde, für alle guten Mächte, die uns den Himmel ahnen lassen und uns helfen, auf dieser Erde das Leben zu bestehen. Wir danken dir für Menschen, die wir lieben, für Lachen, Musik, Berührungen, gute Gedanken, Schönheit der Natur und Kunst. Aber wir sehen überall, wie Mächte unser Leben beherrschen. Deshalb bitten wir für Institutionen, denen menschliche Schicksale anvertraut sind, Regierungen und Behörden, Schulen und Kindergärten, Krankenhäuser und Arztpraxen. Lasse sie ihre Verantwortung erkennen. Wir bitten dich für alle Mächte, die Wege durch das Leben weisen und Sinn stiften, Bücher und Zeitungen, Fernsehen und Radio, Menschen der Öffentlichkeit und unsere Freundinnen und Freunde. Lasse sie ihre Verantwortung erkennen.

Wir bitten dich für alle, die machtvoll dafür eintreten, dass das Leben auf diesem Planeten nicht beschädigt wird, Polizei und Feuerwehr, Katastrophenschutz und Friedenstruppen, Umweltorganisationen und Friedensbewegte. Lasse sie ihre Verantwortung erkennen. Wir bitten dich für uns, wenn uns das Leben schwer fällt. Wehre dem Bösen, das nach uns greift. Lasse uns Unterstützung finden bei den Menschen, die um uns sind. Lasse uns die guten Mächte erkennen, die über uns wachen und uns helfen, und ihnen vertrauen. Wir berufen uns auf deinen Sohn, der arm geboren ist, unser Dasein geteilt hat und unseren Tod gestorben ist, damit wir leben. Amen.

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