Gottesdienst am (1. Advent) in Ronsdorf Predigt zu Lukas 1,67-79

1 Gottesdienst am 30.11.2008 (1. Advent) in Ronsdorf Predigt zu Lukas 1,67-79 Ihr Lieben „Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Wo bleibt der Mes...
Author: Helge Dunkle
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Gottesdienst am 30.11.2008 (1. Advent) in Ronsdorf Predigt zu Lukas 1,67-79

Ihr Lieben „Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Wo bleibt der Messias? Kommt Christus oder sind Gottes Verheißungen von der Geschichte überrollt worden und gelten nicht mehr?“ Mit dieser Frage haben wir letzte Woche das Kirchenjahr beendet. Und gewissermaßen nahtlos schließt sich das neue mit dem 1. Advent heute an. Denn es beginnt mit einer Verheißung und menschlichem Zweifeln oder besser gesagt mit Gottes Reaktion auf unseren Zweifel. Der Priester Zacharias steht im Tempel und verrichtet seinen Opferdienst. Da erscheint ihm der Engel des Herrn und kündigt dem alten Mann die Erfüllung seiner Gebete an: Ihm und seiner Frau Elisabeth soll ein Sohn geboren werden. „‚Er wird groß sein vor dem Herrn’, sagt der Engel. „Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren. Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist’. Da sprach Zacharias zu dem Engel: ‚Woran soll ich das erkennen? Wie soll ich das glauben? Denn ich bin alt, und meine Frau ist betagt’“ (Lukas 1,15-18). Zweifel kommen auf. Und es wird wohl kaum einer von uns sagen: „Das versteh ich nicht. Ich hätte das sofort geglaubt.“ Aber der Zweifel soll nicht das Wort führen, sondern Gott. Und darum verschlägt es Zacharias die Sprache. Er verstummt. Gott lässt ihn verstummen. Neun Monate lang. Der Zweifel, für den alle Menschen so wunderbar scharfe Ohren haben, soll das Werk Gottes nicht stören und hindern. Er soll überwunden werden – nicht durch gute Argumente, sondern durch Erfahrung. Neun Monate später kehrt große Freude im Haus des Zacharias ein. Elisabeth hält einen Sohn in den Armen. Johannes, „Gott ist gnädig“, soll er heißen. Jetzt, wo Gott eine seiner Verheißungen erfüllt hat, jetzt soll auch Zacharias wieder seinen Mund auftun. Es ist wie bei Kindern. Sehr brüchig ist das, was man Ur-Vertrauen nennt. Von Erfahrungen muss es genährt werden, oder es zerbricht schnell. Wer Anlass zum Zweifel gibt, vergeht sich an seinen Kindern. Wer aber den Zweifel verstummen lässt, ihm kein Einfallstor bietet, wer Erfahrungen der Treue ermöglicht, der lässt Vertrauen wachsen, das auch die Kraft hat, gegen Erfahrungen standzuhalten. Es muss uns erst etwas gegeben werden, damit wir Vertrauen können. Das gilt auch für unseren Glauben an Gott. Wir zwingen ihn uns nicht ab. Wir können ihn uns nicht eintrichtern und nicht aus den Rippen schneiden. Er ist Antwort. Antwort auf etwas, was uns geschenkt wird. Und die Adventszeit erinnert uns besonders daran: Es ist etwas gegeben. Gott hat den ersten Schritt gemacht.

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Zacharias hat erlebt, was immer wieder erlebt wird, was aber nie Zustand, nie Gegebenheit, nie menschlich wiederholbar wird: Gott erfüllt Verheißung. Gott redet! Alle Fragen weichen. Der Zweifel wird zum Verstummen gebracht und der Mund öffnet sich – zum Lob. Und so heißt es bei Lukas: Und Zacharias wurde vom heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach: Gelobt sei der HERR, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David - wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten -, dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, ihm dienten ohne Furcht in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen unser Leben lang. Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Lukas 1,67-79 Ihr Lieben, Johannes der Täufer hält Altes und Neues Testament zusammen. Es war allen Evangelisten wichtig, ihre Erzählungen mit ihm beginnen zu lassen. Die Erinnerung an ihn bewahrt davor, dass die Kirche abhebt und davonfliegt. Denn im Kern stehen wir immer neben diesem Johannes. Als Wegbereiter des kommenden Herrn tritt er auf und in dieser Lage befinden auch wir uns. Darum fragt uns das Neue Testament im Advent: Was bestimmt euer Leben? Lebt ihr als Kirche, als Christinnen und Christen von auf die Ankunft des kommenden Herrn hin oder wähnt ihr euch schon am Ziel? Haltet ihr euch für die, die schon alles haben und nun „verwalten“ müssen, oder streckt ihr euch dem Kommenden entgegen? Ist Christus für euch allein der „Gekommene“, an den ihr mehr oder weniger organisiert erinnert, so wie ihr Gedenktage organisiert, oder ist er für euch der Kommende? Das macht ja wirklich einen Unterschied. Ich will’s mal an einem Beispiel versuchen: Die Vorfreude und die Erwartung auf den Urlaub kann einem Flügel verleihen. Wenn er dann vorbei ist, nur noch Erinnerung, dann mag die zwar schön sein, aber nicht selten liegt nostalgischer Mehltau darauf, der eher wehmütig als tatenfroh macht. Oder vielleicht lässt es sich an der Liebe noch deutlicher zeigen: Liebe lebt nicht zuletzt von Erwartung, davon, dass man sich überraschen lässt. Man kann sie nicht einfach „haben“ und dann „verwalten“. Wirklich „Verwal-

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ten“ kann man nur tote Dinge. Wo Liebe ist und Leben, da ist Hoffnung, und alle „Erfüllung“ lässt die Hoffnung nur um so begründeter sein. Unsere Evangelien fangen nicht mit Weihnachten an. Wir müssen uns gedulden, warten, damit leben, dass etwas angesagt wird und doch noch nicht ist. Kennen wir das Warten des Zacharias? Wirklich sehnsüchtiges Warten. Nicht ein Warten nach dem Motto: „Warten wir’s mal ab. Mal gucken, was so kommt. Und bis dahin ziehen wir unseren Stiefel durch“. Sondern echtes Warten auf etwas, was uns versprochen ist und worauf wir vertrauen? Seht, als Kirche Jesu besitzen wir nicht, worauf wir hoffen und warten. Wir sind Adventsgemeinde! Wir kommen vom Advent, von der Ankunft her. Ja, „Jesus ist kommen“ singen wir. Und doch gehen wir auf den Advent zu und beten „Ja, komm, Herr Jesus!“ und sind auch in diesem Advent Christi Zeugen! Alles, was wir von Jesus bekennen und glauben ist kein Gegenstand der Vergangenheit allein, von dem man dann sagen könnte: „Gut für’s Museum. Und wer daran Interesse hat, kann ihn ja mal besuchen gehen“. Wir sind als Kirche keine „Treuhandgesellschaft“, die etwas zu „verwalten“ hätte. Auch die Sakramente „verwalten“ wir nicht, obwohl das im evangelischen Kirchenrecht missverständlich so heißt. Wir sind als Christen keine „Berichterstatter“, die über Vergangenes in Kenntnis setzen, keine Kuratoren, die einen Schatz (und sei es einen geistlichen) zusammenhalten sollen. Sondern wie Johannes, wie sein Vater Zacharias, sind wir „Herolde“, Boten, die dem Herrn vorangehen, um sein Kommen herauszuposaunen. Die Zukunft Gottes bestimmt unser Leben als Christen und die Erinnerung daran, dass Christus gekommen ist, macht uns sein Kommen nur um so gewisser. Hans-Joachim Iwand sagte einmal „Das Licht, das da kommt, lässt sich mit keinem noch so dichtgewebten Sack in das fensterlose Gemäuer dieser Welt einfangen. Und faktisch haben ja auch die Motten und der Rost dafür gesorgt, dass diese Art der Konservierung von Heilswahrheiten immer wieder daneben gegangen ist.“ Aber trotzdem versucht man es von Generation zu Generation und meint, das Licht des Lebens wie die Schildbürger einfangen und in Säcken sichern zu können. Als könnten wir Gottes Gegenwart „machen“, sein Wort an das unsere binden. Im Kern ist das nichts anderes als Zweifel und Misstrauen gegen Gottes Verheißung und ein Zurückschrecken vor der freien Gnade Gottes, die man eben nicht anders als als Verheißung bekommt. Ihr Lieben, wir bleiben Adventsgemeinde. Aber nun sagen wir nicht verächtlich: „Ach, nur Advent? Nur Verheißung? Ich erinnere mich immer wieder an ein Wort meines lutherischen Mentors, der mir nach einer Predigt zu Johannes dem Täufer sagte: „Ach, ihr Reformierten! – Immer predigt ihr das Glas halbleer.“ Stimmt, aber nicht weil es halb leer getrunken wurde, sondern weil wir darauf hoffen, dass es ganz gefüllt wird! Gut, dass wir beide Traditionen in unserer Evangelischen Kirche haben. Die, die dar-

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auf achtet, dass wir nicht vergessen: „es ist schon was da“; und die, die nicht locker lässt und sagt: „und es kommt noch was“. Wenn wir auf den Lobgesang des Zacharias schauen, dann hören wir, dass da ein „’nur’ Advent“ wahrlich nicht angebracht ist. Denn wer mehr wollte, der würde gewiss weniger bekommen. Nachdem Gott Zacharias und seine Zweifel zum Verstummen gebracht hat, löst er ihm wieder die Zunge und erfüllt vom Heiligem Geist, wie Lukas sagt, fängt er an zu singen. Angefüllt mit Geist – vielleicht gehört da das Schweigen zuvor dazu, damit der Geist uns füllen kann – singt der Priester ein Loblied auf die Treue Gottes. Gott ist seinem Volk treu. Er hat es nicht verlassen. Er hat sich kein neues ausgesucht. Uralte Messiashoffnung speist dieses Lied. Dass Gott an seinem „Bund“ festhält, sein Volk „besucht“, es „heimsucht“, dass er ihm „Erlösung“ schenkt, dass er ihm „Heil“ gewährt – von all dem haben die Propheten gesprochen. Das war Inhalt der Gebete Abertausender schon seit Jahrhunderten. Zacharias kann auf eine Fülle zurückgreifen, er muss nichts Neues erfinden – allein: er selber ist nun ein Neuer, weil ihm die Verheißung gewiss wurde und sein Zweifel stumm. Ja, Gott hat sein Volk wieder heimgesucht, damit er uns errettete von unsern Feinden ... und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, ihm dienten ohne Furcht in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen unser Leben lang. Gott kommt, das heißt: Er tut etwas. Er rettet von den Feinden, vor denen, die Gottes Verheißungen belachen, sie nicht ernst nehmen, gegen sie arbeiten und sie nicht Leitstern ihres Tuns sein lassen. Er rettet aus dem Zweifel und dem Unglauben und zeigt, dass auch unser eigene Verstocktheit gegen ihn sein Erbarmen nicht hindert. Dass Israel zur Zeit Jesu dieses Lied auch ein politisches war, versteht sich. Dass es heute in Jerusalem gesungen noch immer ein politisches ist, auch. Dass es den Hugenotten ein politisches war, verstehen wir wohl auch und wenn wir an den Gottesdienst zum Gebet für die verfolgten Christen denken, wird es auch von Christen bis heute als ein Lied der Hoffnung auf die Veränderung von Unterdrückung und Leid gehört. Und wenn uns – Gott sei Dank – keine Feinde ins Gesicht widerstehen, dann darf uns dieses Lied eines sein, das an den geistigen und geistlichen Widerstand gegen Gottes Befreiung erinnert: an die Gleichgültigkeit ihm gegenüber, den Zweifel an seinem Wort und die so unchristliche Resignation. Ihr Lieben, Gott kommt, damit wir frei werden, seinem Kommen entgegensehen und entgegengehen und ohne Frucht ihm hier und jetzt dienen in „Heiligkeit und Gerechtigkeit ... unsere Leben lang.“

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Dazu sendet Gott seine Boten aus, Johannes ebenso wie uns, damit es auf Erden zur Erkenntnis des Heils in der Vergebung der Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes kommt. Seht, Johannes und Jesus nicht minder kam es gerade darauf an: Auf die Vergebung der Sünden durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes. Denn sie macht noch einmal deutlich, dass wir von der Zukunft leben. „Vergebung der Sünden“ ist nie Vergangenheit, sie muss immer wieder geschehen und wir sind darauf angewiesen, dass sie als Verheißung über uns bleibt. Nur durch Vergebung kann Gerechtigkeit wachsen und nur aus Gerechtigkeit kann der Frieden sprossen. Wege des Friedens zu gehen, dass soll das Werk der Gegenwart Gottes unter uns sein. Im Advent sind wir unterwegs. Wir sind eine Weggemeinschaft, keine Besitzstandswahrer. Das Abendmahl, das wir gleich zusammen feiern, ist Proviant auf unserem Weg. Es ist voller Verheißung. Es ist noch nicht „Festmahl“, aber auf dem Weg dahin will es uns stärken. Es bringt uns durch die Zeiten zum Ziel. Möge sich in diesem Advent unser Herr eine Bahn in unserem Herzen bereiten, mögen wir seine Wegbereiter werden, Botschafter seines Kommens und richte er unsere Füße auf den Weg des Friedens. Amen.