Filmen leicht gemacht

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Filmen leicht gemacht Ein Handzettel für den Einstieg Verbesserungen und Kommentare an: [email protected] Eine teuere Kamera und ein Computer-Schnittplatz allein machen noch keinen Film. Hier ein paar Hinweise für den gelungenen Start: Als erstes machen Sie ihren Film fertig - im Kopf. Fragen Sie sich: z z z

Was will ich wirklich zeigen ? Welche Geschichte will ich erzählen ? Und welches sind dazu die richtigen Bilder ?

Nochmal : Unbedingt vorher überlegen ! Welche Bilder brauche ich? Was ist die Story? Einen guten Videoreporter von einem schlechten zu unterscheiden ist ganz einfach: Der Gute hat die entscheidenden Momente eines Vorganges tatsächlich gedreht und die bezeichnenden Bilder eingefangen. z z

Der Schlechte dreht eine bunte Collage aus beliebigen Einstellungen. Drehen Sie: Den Politiker auf dem roten Teppich. Den Augenblick des Handschüttelns. Die Unterschift auf das Dokument. Aber auch: Die Landesfahne. Die Gebäude -Totale mit dem Schild. Den Eifelturm. Klare Aussagen und Motive machen den Film verständlich: Ortsbestimmung: der Dom in Köln, Taj Mahal in Indien, Löwen in Afrika. Symbolisch: die Uhr im Wartesaal, die Haifisch-Flosse im Wasser, das Rumdrehen eines Zündschlüssels vor der Abfahrt. Keine Angst vor Klischees. Sie erleichtern dem Zuschauer die Orientierung. Übrigens: Es ist ganz normal (und auch den Profis geht´s nicht anders), dass im Eifer des Gefechts unscharfe, schlecht belichtete und gerissene Aufnahmen dabei sind. Besser so als gar nicht. Im Zweifel das gerade Aufgenomme neu drehen. Was Sie nicht aufnehmen, können Sie später auch nicht schneiden. Wegschmeißen ist leicht, ein "Nachdreh" meist unmöglich. Und wenn Sie einmal auf den roten Knopf gedrückt haben, drehen sie die Aktionen zu

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Ende - auch wenn scheinbar nebenan etwas Wichtigeres passiert. Sonst ist nachher alles nichts. Sollten Sie trotzdem mal etwas Entscheidendes verpasst haben: Keine Panik - die Geschichte lässt sich im Schnitt immer noch ändern.

Professionelle Kamerarbeit Sie haben ihre Bild-Motive und Handlungsschwerpunkte ausgesucht. Hier sind noch drei Grundregeln zur Dreh-Qualität. Das unterscheidet den Amateur vom Profi: 1. Nie ohne Stativ! Vor allem bei Tele-Aufnahmen kann niemand die Kamera wackelfrei halten. 2. Nie schwenken! Das menschliche Auge "schwenkt" in der Regel auch nicht, sondern es "springt" von einem Betrachtungsschwerpunkt zum anderen. 3. Nie zoomen! Der Zoom an einer Kamera dient in erster Linie dazu, die Einstellungsgröße (d.h. den Bildausschnitt) zu wählen. Das haben Sie im Fernsehen schon anders gesehen ? Weichen Sie ruhig von diesen Grundregeln ab. Nur: bewusst und mit Überlegung. Da ist zum Einen die Zoomfahrt: Erfahrene Kameraleute benutzen sie tatsächlich meist nur in der Aufnahmepause für die Auswahl der richtigen Einstellung. Nicht während das Band läuft. Auch technisch ist der Zoom eine Herausforderung: Die meisten Zoomwippen lassen sich nur mit viel Fingerspitzengefühl sauber starten und stoppen. Die Folge: selten gelingt es, den Zielpunkt souverän einzufangen und anzufahren. Statt dessen gibt es oft zögerliche Starts und verhuschte Enden. Nur wer ein Objekt wirklich langsam immer mehr an Bedeutung gewinnen lassen will, sollte sich auf das Glücksspiel mit dem Zoom einlassen. Beispiele für sinnvolle Zooms: z z z

Ein Aufzieher von einem schönen Penthouse mitten in der Stadt. Ein Ran-Zoom auf eine Grafik : der Schuldenberg "wächst" Ein Ran-Zoom auf ein Auge, dass dann aufschlägt.

Auch einen Schwenk gut hinzukriegen ist hohe Schule der Kameraarbeit. Denn nicht nur Anfang und Ende müssen interessant sein. Auch alles, was auf dem Weg dahin passiert. Generell gilt: z

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Schwenks führen von einem vorher definierten Startpunkt zu einem vorher definierten Endpunkt. Schwenks sind keine "Bildersuche mit der Kamera"! Deshalb stets vorher mehrfach "trocken" üben. Jeder Schwenk beginnt und endet mit einer unbewegten Kamera. Eine Einstellung niemals mitten im Schwenk abbrechen.

Beispiele für sinnvolle Schwenks: z

Mitschwenk eines Vorbeifahrenden Autos - Ende auf Stoppschild.

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Abschwenk einer Zugverbindung von A nach B auf einer Karte. Schwenk zwischen zwei Kampf-Gegnern über Zuschauer.

Aus der Hand drehen dürfen sie natürlich auch: Mit Weitwinkel-Objektiv oder für die sogenannte subjektive Kamera. Sonst wirkt es meist nur unruhig. Zum Beispiel: z z z

Das keuchende Treppen-Steigen. (subjektive) Die enge Kombüse (Weitwinkel) Der Blick durchs Autofenster auf hohe Fassaden (Weitwinkel)

Die richtige Einstellung Wählen Sie jetzt den geeigneten Bildausschnitt. Je nach Motiv und Aussagekern ändert sich dabei ständig die Einstellungsgröße. Hier einige Ausschnitt-Größen und ihre Wirkung : 1. Totale - Sie verschafft den Überblick (wo befinde ich mich?) und führt ins Handlungsgeschehen ein. 2. Halbtotale - Hebt ein Objekt aus der Beliebigkeit heraus und setzt es mit seiner direkten Umgebung in Verbindung. In der Regel sind Personen in der "GanzkörperAnsicht" zu sehen. 3. Halbnah - Die halbnahe Einstellung zeigt den Oberkörper einer Person formatfüllend. Sie erfasst die Gestik und Gefühlsregung der betreffenden Person. 4. Nah - Die Naheinstellung zeigt den Kopf einer Person formatfüllend. Der typische "Close-up" zeigt sehr deutlich Gefühlsregungen, ohne unnatürlich groß zu werden. 5. Detail - Objektstrukturen (wie etwa Holzmaserung) und Körperteile (Nase, Augen, Lippen usw. werden unnatürlich groß.) Wirkt bei von Personen sehr intim. Mit Bedacht einsetzen. Jetzt Schärfe per Hand oder durch Autofocus regeln, erst dann in Ruhe den Auslöser drücken und laufen lassen. Haben Sie Geduld: Jeder "take" - also die Aufnahmezeit vom Start bis zum Stop - sollte eine Länge vor mindestens 7 Sekunden haben. Im Schnitt werden Sie verschiedene Inund Out-Punkte brauchen.

So wird's interessant Wechseln Sie die Kameraposition: Nicht immer "stehend Aufrecht"! Auch kniend, liegend (Froschperspektive) oder von einem erhöhtem Standpunkt (Vogelperspektive). Zum Beispiel: z z z

Kinder und Tiere aus deren Augenhöhe, Fassaden interessanter Bauwerke ganz schräg von unten. Fahrt der Kamera im Einkaufswagen durch den Supermarkt.

Großaufnahmen, Großaufnahmen, Großaufnahmen! Die Kamera bringt den Zuschauer ans Geschehen - "So nah, als wäre man da". Aber nicht mit Tele heranzoomen, sondern selber "rangehen"! "Schuss und Gegenschuss" sorgen für neue Einsichten:

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Vorne: Eine Frau schreibt. / Über die Schulter: ...ihren Abschiedsbrief. Total: Der Politiker schwört... / Seitlich: ...mit gekreuzten Fingern Außen : Ein Verbrecher knackt die Tür / Innen: Der Hausherr wartet.

Zerlegen Sie Vorgänge in mehrere Einstellungen mit jeweils verschiedenen Einstellungsgrößen. Unser Auge "wandert" auch. Der "Fluss" ergibt sich später im Schnitt in der fertigen Sequenz. Beispiele: z z z

Playtaste drücken nahe - Mensch vor CD-Player total. Ministertreffen Total - Dokumentenübergabe, halbtotal. Auto fährt in Schlange halbtotal - sehr langer Stau Totale.

Tipps und Tricks zur Kameraarbeit: Das Geschehen "passt" nicht ins Bild ? Zu große Gebäude, Landschaft, Menschenmassen... ? Einfach in mehreren Einstellungen auflösen. Bewusst keinen Zoom und keinen Schwenk verwenden. Wenn sich im Bild etwas bewegt, ist die Kamera ruhig. Ist das Bild "tot" (z. B. Mauern, Gebäude), nicht wie wild anfangen zu schwenken: Besser viele Einstellungen drehen lebendig wird's im Schnitt. Ein Fahrzeug fährt durchs Bild ? Weiterdrehen bis es wieder ganz aus dem Bild heraus ist. Keinesfalls Kamera stoppen. Das wirkt später im Schnitt abgehackt.

Das gehört zum guten Ton Bei Aufnahmen mit Sprache oder Musik externes Mikrofon benutzen. Einbau-Mikrofone zeichnen nur eine Geräuschkulisse (Atmo) auf. Besser: ein Richtmikrofon nahe am Objekt. Im Freien: Windschutz nicht vergessen. Bei Aufnahme einer Musik-Darbietung die Kamera niemals stoppen. Das Musikstück von Anfang bis Ende "durchziehen". Am besten stur auf dem Musiker bleiben. Kleine Schwenks oder Zooms sind erlaubt ; das Abschalten der Kamera ist verboten - sonst gibt´s "Tonsalat". Dann das nächste Musikstück nutzen und Zuschauer-Szenen für Zwischenschnitte aufnehmen. Hinweis: Wenn ein Signal schon bei der Aufnahme übersteuert ist, kann es im Nachhinein nicht mehr verbessert werden - auch nicht mit elektronischen Filtern.

Guck mal wer da sichtet Das Material ist gedreht. Jetzt geht´s ans Angucken. Rechnen Sie mit einem Zeitaufwand von 1 zu 2: eine Stunde Material = zwei Stunden Sichten. Wichtig ist vor Allem die Timecodeliste - sonst suchen sie sich nachher dumm und dämlich. Präzise Bildbeschreibungen machen und Hinweise geben zur Art des Gedrehten - Totale,

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Schwenk etc.- Das spart Zeit. O-Töne immer ausschreiben: Sie sind das Gerüst für den Film und müssen passen. Am Besten, Sie benoten die einzelnen Aussagen - und die Einstellungen auch. So behalten Sie die Übersicht. Zum Beispiel: *** Unbedingt verwenden ** gute Einstellung * verwendbar

Alles rund im Schnitt Beim Editieren gilt die Faustformel: Einer Stunde Schnitt = 1 Minute Film. Wer sich mehr als 10 Minuten am Tag vornimmt, setzt sich nur unnötig unter Druck. Ein guter Film braucht eben seine Zeit. Wählen Sie nun die gewünschten Einstellungen aus und montieren Sie sie in die gewünschte Reihenfolge. Die einzelnen Szenen trimmen, also auf bildgenaue Länge bringen, eventuell Übergangs-Effekte einbauen. Noch ein paar Hinweise zur Schnittgestaltung, damit Ihr Film mehr wird als nur ein paar aneinandergereihte Clip-Sequenzen: Eindeutige Bilder am Filmanfang und Filmende, sowie nach den O-Tönen. So kommt die Geschichte sofort ins Laufen und hat einen klaren Schluss. Klare Schnittfolgen: Zuerst Totale oder Halbtotale, dann Halbnah bis Nah, dann viele, viele Großaufnahmen. Oder umgekehrt: Spannung erzeugen - vom Nahen zur Auflösung in der Totalen. Schnitt-Rhythmus festlegen und durchhalten: Schnittlänge zwischen 2 Sek. (Ranspünge) und 10 Sek. (Aufzieher, Schwenks). Sequenzen zu einem Thema in Schnittfolgen von mindestens 12 Sekunden abhandeln. Beispiel: Totale: Halbnah: Nah:

Gewerkschaft - Demo in Berlin - Brandenburger Tor Einzelne Plakate zum Thema mehrere Einstellungen: wütende Gesichter O-Ton Sprecher : "So geht´s nicht weiter , wir sind am Ende"

Ortswechsel Totale: Politikertreffen - Pressekonferenz. Lauschende Journalisten Halbnah: O-Ton Politiker: "Wir wollen etwas tun, bald." Ortswechsel Aufzieher: Unterschriften-Aktion auf Demo: "Hilfe sofort" Totale: Demonstranten vor Brandenburger Tor Jetzt noch Ihren Kommentar dazu sprechen. Den Film wieder zurück auf Video bringen -

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fertig.

Literaturhinweise : Film und Video Armer, Alan A.: Lehrbuch der Film- und Fernsehregie Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 1997 Brendel, Matthias/Brendel, Frank: Richtig recherchieren F.A.Z.-Institut, Frankfurt a. M., 1998 Field, Syd: Das Handbuch zum Drehbuch, Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 1996 Field, Syd/Märthesheimer, Peter, u.a.: Drehbuchschreiben für Fernsehen und Film, List, München, 1987

Michael Goldschmidt "Videografieren unter Wasser" Grundlagen, Technik, Praxis für Einsteiger und Fortgeschrittene, 1999 Ecomed Verlag Gronemeyer, Andrea: Film,DuMont Schnellkurs, Köln, 1998 Hant, C.P.: Das Drehbuch, Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 1999 Hedgecoe, John: Das komplette Video Handbuch Mosaik Verlag, München, 1993 Hedgecoe, John: Meine große Fotoschule Kaleidoskop Buch, 1997 Kämmer, Bernhard: Das große 1 x 1 des Video-Filmens Humboldt Taschenbuch Band 931, München, 1991 Kämmer, Bernhard: Video für Könner Humboldt Taschenbuch Band 941, München, 1993 Maffei, Lamberto/Fiorentini, Adriana: Das Bild im Kopf Birkhäuser Verlag, Basel/Schweiz, 1997 Müller, Arnold Heinrich: Der elektronische Schnitt Heiko Sven Hauesmann Verlags- und Filmproduktionen GmbH, Hamburg Rowland, Avril: Film Script Reil & Gottschalk, Köln, 1992

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Schild, Walter / Pehle, Tobias: Videofilmen wie ein Profi Falken, Niedernhausen, 1993 Schütte, Oliver: Die Kunst des Drehbuchlesens Bastei-Lübbe-Taschenbuch Band 94003, Bergisch Gladbach 1999 Stein, Sol: Über das Schreiben Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 1997 Stross/Kornacher: Dokumentarisches Video-Filmen Augustus Verlag, Augsburg, 1992 Travis, Mark W.: Das Drehbuch zur Regie Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 1999 Vielmuth, Ulrich: DuMont's Ratgeber für Videofilmer DuMont, Köln, 1993 Walther, Günther: Video Filmschnitt vfv Verlag, Gilching, 1993 Ernst A. Weber "Sehen, Gestalten und Fotografieren", 1990 Birkhäuser Verlag.

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