Euro. Die Stars Die Stadien. in Frankreich

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2016 Euro in Frankreich

Die Stars Die Teams Die Stadien

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Es jährt sich. 1996 holte die DFB-Auswahl den letzten EMTitel, genau vor zwanzig Jahren. Jogi Löw startet in Frankreich in sein drittes EM-Turnier und will Deutschland endlich wieder zum Europameister machen.

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Glanzen die Sterne des Weltmeisters auch bei der Euro?

Der Weltmeister im Fokus: Mario Götze,

Thomas Müller und Toni Kroos starten in Frankreich als Titelfavorit. In der Qualifikation aber zeigte der Weltmeister diverse Schwachpunkte.

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Neue Gesichter und viele Fragezeichen

Das Tor zum WM-Titel: Im Finale von Rio

erzielte Mario Götze den Siegtreffer in der Verlängerung und machte sich unsterblich.

Von Ulrich Kühne-Hellmessen Der 13. Juli 2014. Es war der Tag, als Deutschland der vierte Stern verliehen wurde: Weltmeister! Als erstes europäisches Team hatte die DFB-Auswahl in Südamerika triumphiert. Die Art und Weise, wie die Elf von Jogi Löw in Rio de Janeiro den Titel holte, war beeindruckend. Besser als je zuvor. 1954 hatte es in der Vorrunde eine 3:6-Niederlage gegen Ungarn gehagelt. Im Finale gegen Ungarn lagen sie 0:2 zurück und holten nach einem großen Kraftakt und zwei Toren von Helmut »Boss« Rahn den ersten WM-Titel.

1974 ist die Niederlage gegen die DDR in der Vorrunde unvergessen – ebenso die favorisierten Niederländer im Finale, die einen wunderschönen Fußball spielten, aber keinen Gerd Müller hatten. Der machte das 2:1 im Finale von München. 1990 startete die DFB-Auswahl zwar mit einem souveränen 4:1-Sieg gegen Jugoslawien, mühte sich aber im Halbfinale gegen England durchs Elfmeterschießen und hatte Mühe, die auf sieben Positionen geschwächten Argentinier im Finale durch das Elfmetertor von Andy Brehme zu bezwingen. 2014 war alles anders. Stark der Start mit dem 4:0 über Ronaldos Portugal und unvergessen der galaktische Sieg im

Deutschland

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Halbfinale gegen Brasilien, das mit 7:1 geradezu vorgeführt wurden. Niemals hatte es so eine sportliche Demütigung für einen Gastgeber gegeben. Für den 1:0-Finalsieg über Argentinien applaudierte die gesamte Fußballwelt dem verdienten Weltmeister. Schluss, aus, vorbei. Obwohl nach dem Triumph von Rio mit Kapitän Philipp Lahm, dem inzwischen schon 36-jährigen Miro Klose und dem Edelreservisten Per Mertesacker nur drei Spieler ihren Rücktritt erklärten, ist auch der Glanz der deutschen Nationalmannschaft längst Vergangenheit. Die Elf von Jogi Löw rumpelte durch die Qualifikation und sicherte erst im letzten Spiel durch einen mühsamen 2:1-Sieg gegen Georgien die Teilnahme an der Endrunde. Die Krise hat diverse Gründe. Zunächst der Fehlstart: Als die EM-Qualfikation im Herbst 2014 begann, war Deutschland noch im Feiermodus. Rund um die Spiele reihte sich ein PR-Termin an den anderen. Das 0:2 in Polen und das 1:1 gegen Irland waren nicht mehr als Betriebsunfälle, die nicht nur die Groupies ihren WM-Helden verziehen. Als es im Herbst 2015 ernst wurde, gaben die Löw-Schützlinge Gas: 3:1 gegen Polen, 3:2 in Schottland, beide Siege binnen drei Tagen im September 2015 gesichert. Aber das Finale wurde noch einmal zur Zitterpartie: 0:1 in Irland, 2:1 gegen Georgien. Da zeigte sich selbst der sonst so

souveräne DFB-Präsident Wolfgang Niersbach genervt: »Was nutzt die ganze Schönspielerei, wenn die Effizienz fehlt.« Nun hegen selbst die eingefleischtesten Fans des Weltmeisters Zweifel: Kann der Weltmeister wirklich auch Europameister werden? »So nicht«, war die banale Antwort von Jérôme Boateng nach der Zitterqualifikation. Und das hat durchaus sportliche Gründe: – Nach dem Rücktritt von Miro Klose fehlt ein Sturmführer. Mario Götze als »falsche Neun«, Thomas Müller als variabler Stoßstürmer, der nach seinem Wolfsburg-Wechsel in die Krise geschlitterte Weltmeister André Schürrle – sie alle sind nur Notlösungen, aber keine wirkliche Alternative. – Deutschland hat keine Außenbahnspieler, weder für die Abwehr noch für den Angriff. Da wiegt der Rücktritt von Philipp Lahm schwer. Schon während der WM war die linke Seite mit dem Innenverteidiger Benedikt Höwedes besetzt und nur eine Notlösung. Löw hat hier viel probiert: den Kölner Hector, die Dortmunder Schmelzer und Daun links, den Hoffenheimer Rudy, den Liverpooler Can, den Dortmunder Ginter auf rechts, ohne eine Lösung gefunden zu haben. – Dazu kamen diverse Verletzungen der Weltmeister. Sami Khedira, zunächst bei Real Madrid nur noch Bankdrücker,

Das Tor nach Frankreich:

Max Kruse erlöste das DFBTeam mit seinem Treffer zum 2:1-Sieg gegen Georgien im letzten Qualifikationsspiel.

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Ein strahlender Bundestrainer:

Joachim Löw geht nach 2008 und 2012 in sein drittes EM-Turnier. 2008 erreichte er das Finale …

startete auch bei Juventus Turin mit diversen Handicaps; der Schalker Kapitän Benedikt Höwedes fiel monatelang aus; Hummels und Schweinsteiger mussten immer wieder mit Verletzungen aussetzen. Da war es schwierig, eine verschworene Gemeinschaft auf den Platz zu schicken. Dafür hat Jogi Löw eine Generation von Spielern zur Verfügung, die zur Kategorie der Filigranfußballer gehören. Dazu zählen die Weltmeister Özil, Schweinsteiger, Kroos und Götze, dazu zählen aber auch zwei Dortmunder. Marco Reus, der nach einer Verletzung für die WM ausfiel, und I˙lkay Gündogan, � der wegen einer Rückenverletzung ein Jahr lang nicht Fußball spielen konnte, ebenfalls die WM verpasste, aber inzwischen wieder an seine Galaform anknüpfen kann. Nach dem Rücktritt von Lahm gab Löw die Kapitänsbinde an dessen Stellvertreter Bastian Schweinsteiger weiter. Der zu Manchester United gewechselte Ur-Bayer demonstrierte vor allem im WM-Finale gegen Argentinien seinen unbändigen Siegeswillen, als er sich in der Verlängerung in jeden Zweikampf warf und das Team antrieb, um die Entscheidung vor dem drohenden Elfmeterschießen zu erzwingen. Das machte Eindruck, bei den Fans und bei Löw. Aber Schweinsteiger, bei der Euro bereits 32 Jahre alt, ergriff die Flucht aus München, weil dort die Konkurrenz mit Alonso, Lahm, Vidal, Martínez und Thiago erdrückend schien und sein Körper den Tribut von über zehn Jahren Profifußball forderte. Immer häufiger plagten ihn Verletzungen, so dass er auch bei seinem Ziehvater Louis van Gaal in Manchester um seinen Stammplatz zittern musste. Ob er die Leistung vom Finale in Rio noch einmal wiederholen kann, scheint zweifelhaft. Und ein umstrittener Kapitän wird auch Löw nicht weiterhelfen, wenn es darum geht, nach der Saison ein Team zu formen. Zuerst im Tessin, dann in den französischen Alpen.

Deutschland

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Der Weltmeister-Trainer wird gefordert sein wie selten. Weltmeister war gestern. Wenn er auch Europas Titel holen will, wird er konsequent sein und auch unpopuläre Maßnahmen treffen müssen. Das Motto des DFB seit dem WM-Triumph heißt »Die Mannschaft«. Damit wird geworben, weil die WMElf als Team funktionierte und nicht wie bei Argentinien mit Messi, Brasilien mit Neymar oder Portugal mit Ronaldo das Spiel auf einen Superstar zugeschnitten wird. Deutschland muss als Mannschaft funktionieren, um das erreichen zu können, was bisher nur Spanien und Frankreich geschafft haben: nach dem WM-Triumph auch den EM-Titel zu holen. Es ist genau zwanzig Jahre her, dass Deutschland Europameister wurde. Mit Sammer, mit Klinsmann, mit Köpke, Helmer und Bierhoff. Seit vier Turnieren zählt Deutschland zu den Favoriten. 2012 erklärte sich die Mannschaft selbst zum Favoriten und scheiterte im Halbfinale an Italien. Das Qualifikations-Zittern hat sich auch in Europa herumgesprochen. Deshalb heißen die Favoriten nun Frankreich, Spanien, vielleicht England und immer wieder Italien. Findet Löw aber wieder ein Team, wird der Slogan »Die Mannschaft« auch Realität, so ist auch mit dem Weltmeister zu rechnen. Denn nie zuvor spielte eine deutsche Mannschaft so schönen Fußball wie zu Zeiten von Jogi Löw.

Der Autor volontierte beim Westfalen-Blatt in Bielefeld, war leitender Redakteur beim Kicker-Sportmagazin, Chefreporter bei Sport-Bild und Fußballchef bei BILD. Er begleitet die Nationalmannschaft seit mehr als dreißig Jahren und brachte über den WM-Sieg das Buch »Der Triumph von Rio« heraus.

Ein Neuling: Jogi Löw setzte

Ein neues Gesicht: ˙Ilkay Gündogan ̆ fehlte bei der WM verletzt, spielte sich wieder in das Weltmeister-Team.

in der Qualifikation auf den Kölner Jonas Hector als linken Außenverteidiger.

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Das DFB-Hotel: Traumquartier am Genfer See

Quartier

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Jeder kennt Évian. Der kleine Ort am Genfer See ist weltbekannt geworden durch das Mineralwasser. Bereits 1789 wurde die Heilkraft des Wassers entdeckt, 1878 wurde es auf der Pariser Weltausstellung geadelt und ist seither weltweit bekannt. Der Name hat also Tradition. Die 8.500-Seelen-Gemeinde, mit vollem Namen Évian-les-Bains, liegt am Südufer des Genfer Sees. Hier wird die DFB-Elf während der Euro residieren. Das Hotel Ermitage, ein 1909 erbautes Vier-Sterne-Haus, liegt 125 Meter über dem See. Da ist Ruhe garantiert, zumal der DFB sämtliche 80 Zimmer inklusive der elf Konferenzräume angemietet hat. Es wird die Homebase für die Euro 2016. DFB-Teammanager Oliver Bierhoff: »Wir haben das ganze Land bereist und hatten bis zuletzt verschiedene Optionen. Hier haben wir exzellente Voraussetzungen, um in Ruhe arbeiten, trainieren und regenerieren zu können.« Auch wenn das Quartier am östlichsten Zipfel des Gastgeberlandes liegt, so verspricht es doch eine EM der kurzen Wege zu werden. Zum Trainingsplatz sind es gerade mal tausend Meter; bis ins Stadtzentrum 3 Kilometer; der Flughafen Genf liegt 45 Kilometer entfernt und über einen TGVAnschluss verfügt das Städtchen auch. Die Logistik gab also den Ausschlag für die Wahl. Hier sind Luxus und Funktionalität vereint. Für regenerative Trainingseinheiten steht das hoteleigene Spa »Quatre Terres« zur Verfügung. Der 19 Hektar große Park verspricht genug Auslauf, um einen Lagerkoller zu vermeiden. Anfang Juni wird der DFB-Tross hier einziehen, rund zehn Tage vor Turnierbeginn. Bereits am 16. Mai, nur zwei Tage nach Bundesliga-Schluss, geht es zu einem ersten Trainingslager ins Tessin. Vermutlich werden die Stars dann fehlen, weil Europa-League- (18.5.), DFB-Pokal- (21.5.) und ChampionsLeague-Finale (28.5.) erst später ausgetragen werden. Im Hotel Giardino am Lago Maggiore muss Jogi Löw entscheiden, wer zum Aufgebot zählen darf. Bis 31. Mai müssen die 23 Namen der UEFA gemeldet werden. Übrigens: Bereits für die Euro 2008 bereitete sich die DFB-Elf im Tessin vor, residierte ebenfalls im Hotel Giardino. Es war das erste Turnier für Jogi Löw, das erst mit der Final-Niederlage gegen Spanien beendet war. Ein gutes Omen? Panoramablick auf das Hotel Ermitage in Évian: Hier residiert

der DFB während der Euro, er hat alle 80 Zimmer inklusive elf Konferenzräumen angemietet.

Die Empfangshalle:

edles Ambiente mit Marmor und Teppichen. Einer von elf Konferenzräumen: Hier

wird Löw die Spieler einschwören.

Blick in die Zimmer und auf den See:

Hier beziehen Bastian Schweinsteiger und Kollegen Quartier.

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Jérôme Boateng

Noch besser als bei der WM Athletik pur:

Jérôme Boateng spielte eine überragende Qualifikation und ist auch bei den Bayern unumstrittener Abwehrchef.

Weltmeister mit 25! Jérôme Boateng auf dem Gipfel. Aber von allen deutschen Spielern, die in Rio de Janeiro den vierten Stern auf dem Trikot sicherten, hat der gebürtige Berliner die beste Entwicklung genommen. Mit der breiten Brust des Weltmeisters liefert er Woche für Woche Topleistungen und ist beim deutschen Vorzeigeklub FC Bayern ein Leistungsträger. Den Ritterschlag erhielt er von seinem Vereinstrainer Pep Guardiola, der ihn als besten Abwehrspieler der Welt adelte. Sein Talent wurde schon früh erkannt. Der Berliner, Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters, Halbbruder von Kevin-Prince Boateng, dem extrovertierten Ex-Schalker, wechselte schon mit 19 Jahren von Hertha BSC Berlin zum

Hamburger SV und wagte mit 22 Jahren den Sprung in die Premier League zu Manchester City. Jupp Heynckes war es dann, der ihn 2011 zum FC Bayern lotste. Im Bayern-Kader ist er nicht nur einer der schnellsten Spieler, sondern im Starensemble der Münchner ebenso gesetzt wie Kapitän Lahm oder Schlussmann Manuel Neuer. Hatte er in früheren Jahren durch Konzentrationsfehler noch Aussetzer, die Elfmeter oder Rote Karten zur Folge hatten, so ist der 1,92 Meter große Modellathlet nun die Konstanz in Person. Seine Fähigkeit, ein Spiel zu antizipieren, macht ihn einzigartig. Seine langen Diagonalpässe, punktgenau auf den Fuß des Mitspielers platziert, erzwingen in der Offensive Über-

Boateng / Hummels / Neuer

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raschungsmomente gegen dicht gestaffelte Abwehrriegel. Diese Klasse, dazu sein bescheidenes, aber doch entschiedenes Auftreten, hat ihn in den Spielerrat beim FC Bayern gebracht. Sein Wort hat Gewicht. Außerhalb des Platzes gibt er sich eher extrovertiert. Das belegt sein mit Tattoos übersäter Körper ebenso wie sein modisches Outfit, seine Twitter-Leidenschaft sowie die über die Ohren gestülpten Kopfhörer, die zu seinem Markenzeichen geworden sind. Zudem ist er das Aushängeschild der neuen Agentur von Ex-Bayern-Sportchef Christian Nerlinger, die am neuen Erscheinungsbild des Musterprofis weiter feilt. Jérôme Boateng ist auch einer der wenigen Spieler mit Stammplatzgarantie im Aufgebot von Jogi Löw. In Frankreich will er seiner einzigartigen Karriere einen weiteren Titel hinzufügen.

Mats Hummels  Abwehr-Ass und Führungsspieler

Manuel Neuer  Ein Torhüter als Libero Der »Goldene Handschuh« hat einen Ehrenplatz in seinem Wohnzimmer. Es war die Auszeichnung für den besten Torwart bei der WM 2014. Da hat die deutsche Nummer 1 neue Maßstäbe gesetzt und nicht nur als exzellenter Torwart mit Prachtparaden geglänzt oder sich als Elfmetertöter erwiesen, sondern als mitspielender Libero. Fast so, als hätte er das Torwartspiel neu erfunden. Deutschland hatte stets herausragende Torhüter: Sepp Maier, Toni Schumacher, Oliver Kahn. Aber Manuel Neuer ist anders, zeitgemäßer, perfekter als all die prominenten Vorgänger.

Starker Zweikämpfer: Der Dortmunder Mats Hummels, hier gegen seinen ehemaligen Mitspieler Robert Lewandowski, ist mit Boateng gesetzt.

Seine Mutter ist Ulla Holthoff. Sie war die erste Journalistin, die im ZDF ein Fußballspiel kommentierte. Und damit mehr zu sagen hatte als manch andere Mütter. Sein Vater Hermann war Trainer. Beim SV Wehen, bei Mainz 05 und bei den Junioren des FC Bayern. Als er zu den Bayern wechselte, war Mats ganze sieben Jahre jung. Und spielte natürlich auch bei den Bayern, in der Jugend, bei den Amateuren und unter Felix Magath auch bei den Profis (ein Kurzeinsatz). Aber seine Karriere machte er in Dortmund. Was als Leihspieler begann, ist seit 2009 schriftlich fixiert. Ein Transfer, der die Bayern noch heute ärgern könnte. Denn Mats Hummels ist kein 08/15-Spieler. Bei der Euro 2012 wurde er sogar von Zinédine Zidane als »größte Überraschung« geadelt. Da verdrängte er Per Mertesacker aus der Stammelf und ihm gelang der internationale Durchbruch. Als Innenverteidiger bringt er nicht nur alle Abwehrfähigkeiten mit, ist schnell, kopfball- und zweikampfstark, sondern auch die Fähigkeiten der Spieleröffnung. Zudem ist er torgefährlich, köpfte bei der WM 2014 das 1:0 gegen Frankreich und damit den Siegtreffer. Mats Hummels, seit 2014 Kapitän in Dortmund, übernimmt auch außerhalb des Platzes Verantwortung. Und scheut dabei nicht, auch mit sich selbst kritisch umzugehen. So gestand er im Sportmagazin »kicker«, dass er nach der WM sein Idealgewicht verloren habe und auch deshalb in der NachWM-Saison nicht an seine Topleistungen anknüpfen konnte. Mit Borussia stürzte er bis auf den letzten Tabellenplatz ab, die in der Rückrunde dann doch noch einen Europa-LeaguePlatz ergattern und weiterhin international spielen konnten. Auch wenn seine Leistungen manchmal schwanken: Mats Hummels ist einer der besten Abwehrspieler Europas und im Team des Weltmeisters nahezu unverzichtbar. In Frankreich bestreitet er sein drittes Turnier und ist längst zum Führungsspieler gereift. Da will er das wiederholen, was ihm 2009 bereits mit der U 21 in Schweden gelungen ist: Europameister!

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Der beste Torwart der Welt: Manuel Neuer ist seit 2010 Deutschlands Nummer 1 und absolut unumstritten.

Und: Manuel Neuer ist bereits Europameister. Gemeinsam mit Khedira, Boateng, Höwedes, Hummels und Özil holte er unter Trainer Horst Hrubesch den Titel mit der U 21 in Schweden. Sieben Jahre später tritt er nun an, diesen Titel erneut nach Deutschland zu holen. Einen Titel, auf den die Fans bereits seit 1996 warten. Sein Ehrgeiz ist ungebrochen, obwohl er Titel sammelt wie andere Briefmarken: Meister, Pokalsieger, Klubweltmeister, Champions-League-Sieger, Weltmeister. Bereits 2013 wurde er zum Welttorhüter gekürt, 2011 und 2014 zu Deutschlands Fußballer des Jahres. Als erster Torhüter belegte er Platz zwei bei der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres. Die persönlichen Auszeichnungen resultieren aus außergewöhnlichen Leistungen. In der Saison 2014/15 blieb er in 20 von 34 Spielen ohne Gegentor – Rekord! In mehr als 100 Bundesli-

gaspielen hielt er seinen Kasten sauber – Rekord! Kaum ein Superlativ, der auf den bescheiden auftretenden Gelsenkirchener nicht anwendbar wäre. Im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud hat er längst auch einen Stammplatz. Nach dem Rücktritt von Philipp Lahm aus der Nationalmannschaft und dem Wechsel von Bastian Schweinsteiger zu ManU ist er auch doppelter Vizekapitän: hinter Lahm bei Bayern, hinter Schweinsteiger für Deutschland. Ein Zeichen seiner Akzeptanz, seines Verantwortungsbewusstseins und natürlich Anerkennung seiner herausragenden Leistungen. In Frankreich ist Neuer 30, also erst im besten Torwartalter. Sein Vertrag bei den Bayern läuft noch bis 2019. Durchaus denkbar, dass die zweite EM-Teilnahme nicht seine letzte sein wird.

Bastian Schweinsteiger  Chef oder Chefchen? Das WM-Finale hat ihm viele Sympathiepunkte eingebracht. Da warf er sich in jeden Zweikampf, kämpfte bis zum Umfallen, wurde mit einer Platzwunde behandelt und hielt doch bis zum Ende durch. »Ich wollte nicht ins Elfmeterschießen, ich wollte alles dafür tun, die Partie vorzeitig zu entscheiden«, so seine Begründung. Bastian Schweinsteiger symbolisierte Winner-Mentalität. Eine Eigenschaft, die ihm viele lange absprachen. Als Chefchen wurde er betitelt, obwohl sich seine Erfolgsliste imponierend liest. Keiner wurde so oft Deutscher Meister wie er. Bevor er sich nach 500 Einsätzen vom FC Bayern verabschiedete und zu Manchester United wechselte, grüßte er vom Münchner Rathausbalkon mit dem achten Titelgewinn. Seit 2002 spielte er für die Bayern in der Bundesliga, seit 2004 in der Nationalmannschaft. Er ist Weltmeister, WM-Dritter (2006 und 2010), Vizeeuropameister (2008), ChampionsLeague-Sieger (2013), achtmal Meister und siebenmal Pokalsieger. Das hat keiner zu bieten. Als Philipp Lahm nach der WM 2014 zurücktrat, zögerte Löw keine Sekunde und übergab die Kapitänsbinde an Bastian Schweinsteiger. Aber ist er noch gut genug, die deutsche Elf zum nächsten Titel zu führen? Seit der WM Kapitän: Bastian Schweinsteiger, hier gegen den Amerikaner Ventura Alvarado.

Schweinsteiger / Reus 

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Die lange Karriere hat ihren Tribut gefordert. Mit 31 Jahren zwicken die Knochen. Immer häufiger plagen ihn Verletzungen. Erst waren es die chronischen Schmerzen im Sprunggelenk; vor einem Jahr dann Probleme mit der Patellasehne, die seinen Saisonstart vom August in den November verlegten. Bei der WM wurde er langsam aufgebaut, um im Finale 120 Minuten durchstehen zu können. Der Start in Manchester verlief ebenso holprig. Aber Schweinsteiger hat auch gelernt. Wenn es wichtig wurde, war auf ihn zuletzt immer Verlass. Seit 2010 hat er die Schlüsselposition inne. Da versetzte ihn Interimstrainer Jupp Heynckes bei den Bayern ins Zentrum. Eine Rolle, die er bei der WM 2010 nahezu perfekt spielte. Stark im Zweikampf, sicher im Passspiel, geschickt im Tempowechsel und dazu weiter torgefährlich. Aber um diese Rolle so perfekt ausfüllen zu können, ist körperliche Fitness eine Grundvoraussetzung. Das weiß auch sein Förderer Louis van Gaal, der ihn zu Manchester lotste. Und das weiß auch Löw. An seinem Können zweifelt keiner. Nur an seiner Fitness. Fraglich wird sein, wie fit und wie gesund er in Frankreich auflaufen kann. Das wird entscheiden, ob er der Chef sein kann oder nur das Chefchen.

Marco Reus  Happy End in Frankreich? Die Szene ist unvergessen. Nach dem Triumph von Rio und dem WM-Finale in Brasilien hielt Mario Götze plötzlich das Trikot mit der Nummer 21 in der Hand. Der Name Reus stand drauf. Es zeigte die Verbundenheit mit einem Spieler, der nicht dabei war. Marco Reus und die Nationalmannschaft – es ist ein Kapitel ohne Happy End.

Seit 2011 ist der Dortmunder Angreifer Nationalspieler. Aber schon der Start misslang. Die erste Einladung von Jogi Löw erhielt er 2010 für das Länderspiel in Aachen gegen Malta – Absage wegen Verletzung. Die zweite Einladung folgte am 11. August 2010 für Dänemark – Absage wegen Verletzung. Erst am 8. Oktober 2011 konnte er endlich debütieren, wurde gegen die Türkei in Istanbul eingewechselt. Aber die Leidensgeschichte war damit nicht beendet. Gehörte er bei der EM 2012 zwar zum Kader, aber nicht zur Stammelf, so schien er für die WM 2014 gesetzt. Aber im letzten Testspiel beim 6:1 gegen Armenien erwischte es ihn schwer: Teilriss der linken vorderen Syndesmose, knöcherner Bandausriss am Fersenbein – das bittere WM-Aus in letzter Sekunde. Die deutsche Mannschaft wurde ohne Marco Reus Weltmeister. Und die Pechsträhne hielt an. Am 7. Oktober 2014 beim 2:1-Sieg gegen Irland riss das Außenband im linken Sprunggelenk. Ausgerechnet in seinem Stadion, ausgerechnet in Dortmund war es wieder passiert. Als wenn ein Fluch über der Beziehung zwischen Reus und der Nationalmannschaft liegen würde. In Frankreich ist Reus 27 Jahre alt und damit im besten Fußballalter. Wird Zeit, dass die Pechsträhne dort ein Ende hat. Denn Marco Reus ist einer der besten deutschen Angreifer. Schnell, kombinationssicher, intuitiv und torgefährlich kann er das deutsche Angriffsspiel beleben. Ganz Deutschland drückt ihm die Daumen, dass es diesmal Das Aus für die WM: Marco Reus verletzte sich im klappt. letzten Testspiel gegen Armenien.

Marco Reus als Torschütze: Hier trifft er im Freundschaftsspiel gegen Australien in Kaiserslautern und will auch endlich bei einem großen Turnier glänzen.

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