Die Welt nach dem Ersten Weltkrieg

Die Welt nach dem Ersten Weltkrieg 1. Der Versailler Frieden 1.1 Die 14 Punkte Wilsons Im Januar 1918 hatte der amerikanische Präsident Wilson in 14 ...
Author: Minna Ritter
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Die Welt nach dem Ersten Weltkrieg 1. Der Versailler Frieden

1.1 Die 14 Punkte Wilsons Im Januar 1918 hatte der amerikanische Präsident Wilson in 14 Punkten sein Friedensprogramm bekanntgegeben. Es enthielt einerseits die wichtigsten Kriegsziele der Alliierten, unter Betonung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, andererseits entwickelte es auch Vorschläge für eine gerechte und stabile Friedensordnung. So forderte Wilson Abschaffung der Geheimdiplomatie, Freiheit der Meere, Abrüstung und einen Völkerbund. Die deutsche Regierung hatte sich bei ihrer Bitte um Waffenstillstand auf diese 14 Punkte bezogen, aber schon die Waffenstillstandsverhandlungen hatten gezeigt, dass die Sieger noch andere Ziele verfolgten. 1.2 Die Friedenskonferenz und die Ziele der "Grossen Drei" Am 18. Januar 1919 begannen die Friedensverhandlungen in Paris. Nach langen Verhandlungen wurde am 28. Juni wurde im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles der Friedensvertrag unterzeichnet. Anders als bei früheren Friedenskonferenzen, etwa dem Wiener Kongress 1814/15, waren in Paris die besiegten Staaten von den Verhandlungen ausgeschlossen und konnten nur schriftlich zu den Vertragsentwürfen Stellung nehmen. Die Plenarversammlung der 32 auf der Konferenz vertretenen Staaten hatte dabei nur geringe Bedeutung. Mehr und mehr blieben die entscheidenden Verhandlungen den "Grossen Drei" vorbehalten, dem Franzosen Clemenceau, dem englischen Premierminister Lloyd George und dem Amerikaner Wilson. Doch die Interessen der Grossen Drei waren unterschiedlich. Wilson wollte seine 14 Punkte verwirklichen, er wollte vor allem einen freien Welthandel und eines Völkerbunds zur kollektiven Friedenssicherung. Frankreich wollte Deutschland stark

schwächen, um den Frieden zu sichern und gleichzeitig die Hegemonie Frankreichs in Europa. Ausserdem wollte es einen Sicherheitsgürtel (cordon sanitaire) in Ostmitteleuropa gegen Deutschland und Russland aufbauen, deshalb sollte auch ein starkes Polen entstehen. Grossbritannien vertat seine traditionelle Politik der Balance of Power und war deshalb gegen eine Hegemonie Frankreichs in Europa und eine zu starke Schwächung Deutschlands. Deutschland sollte ein Gegengewicht zu Frankreich bilden. Ausserdem sollte Deutschland nicht isoliert werden, damit der Bolschewismus nicht auf Deutschland übergreifen konnte. Deshalb sollte Deutschland nur seine Kolonien und seine Flotte verlieren. 1.3 Die Konsequenzen des Versailler Vertrags Deutschland verlor Grenzgebiete mit 70000 km2 Fläche und 6 1/2 Millionen Einwohnern: Elsass-Lothringen wurde an Frankreich zurückgegeben, den größten Teil der Provinzen Posen und Westpreußen erhielt der neugebildete polnische Staat. Damit trennte ein Polnischer Korridor Ostpreußen vom Reich. Danzig wurde "Freie Stadt". Das Memelgebiet wurde Litauen übergeben. In anderen Grenzzonen fanden Volksabstimmungen statt. Dabei kam es zu Gebietsteilungen mit Polen in Oberschlesien und mit Dänemark in Schleswig. Das südliche Ostpreußen blieb bei Deutschland, Eupen-Malmedy kam zu Belgien. Deutschland verlor alle Kolonien. Die Gebiete links des Rheins sollten bis zu 15 Jahren von den Siegermächten besetzt bleiben. Eine Zone von 50 km Breite östlich des Rheins musste entmilitarisiert werden. Das Saargebiet mit seinen Kohlengruben wurde dem französischen Wirtschaftsgebiet eingegliedert. Politisch wurde es dem Völkerbund unterstellt; nach 15 Jahren sollte seine Bevölkerung in einer Abstimmung über eine Rückkehr zum Reich entscheiden. Alle schweren Waffen, Flugzeuge, Panzer und U-Boote waren dem Reich verboten. Das Heer durfte nicht mehr als 100 000 Berufssoldaten umfassen. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft. Gemäss Artikel 231 übernahm Deutschland die Alleinschuld am Krieg und musste deshalb Entschädigungen (Reparationen) bezahlen. Im Versailler Vertrag gelang es nicht, eine dauerhafte, stabile Ordnung für Europa zu schaffen. In Deutschland führten die Umstände der Vertragsverhandlungen, bei denen Deutschland ausgeschlossen blieb, und die Unterzeichnung unter dem Druck der Drohung einer Kriegsfortsetzung zur Ablehnung des Vertrages als „Diktatfrieden“ oder – in der Sprache der Rechten – zum „Schanddiktat“ von Versailles. Artikel 231 des Versailler Vertrages „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“ Article 231 du traité de Versaillles „ Les gouvernements alliés et associés déclarent et l’Allemagne reconnaît que l’Allemagne et ses alliés sont responsables, pour les avoir causés, de toutes les pertes et de tous les dommages subis par les gouvernements alliés et associés et leurs nationaux en conséquence de la guerre qui leur a été imposée par l’agression de l’Allemagne et des ses alliés.“

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Arbeitsblatt zum Versailler Vertrag

Die wichtigten Punkte lassen sich wie folgt zusammenfassen: 1. Deutschland verliert ______% seiner Fläche und _____% seiner Bevölkerung. 2. Deutschland verliert alle _____________________________. 3. Das Saargebiet bleibt ______ Jahre unter der Kontrolle des ______________________. Die Produktionserträge fallen an ___________________. 4. Deutschland übernimmt gemäss Artikel 231 die _______________________________. Deshalb muss es für alle Schäden an Personen und Sachen aufkommen und ____________________________ zahlen. 5. Die gesamte ______________________ muss ausgeliefert werden. 6. Deutschlands Ströme werden _____________________________. 7. Das linksrheinische Gebiet wird ______________________ und Zonen um Köln, Koblenz, Mainz und Kehl bleiben als Pfand für die Vertragserfüllung ________________. 8. Deutschlands Heer wird __________________________________________. Alle schweren Waffen sind verboten.

Dieser Friedensvertrag war demütigend für Deutschland. Deshalb legte der als __________________________________ von Versailles bezeichnete Vertrag bereits den Grundstein für spätere Konflikte in Europa. 3

Arbeitsblatt: Schüttelsätze – Versailler Friedensvertrag

1. Versailler | Deutschland | war | ein | zwischen | und | Alliierten | den | Vertrag | Der | Friedensvertrag 2. die | feierliche | 1871 | stattgefunden | hatte | des | Deutschen | Gründung | Reiches | In | Versailles 3. Vertrag | arbeiteten | Alliierten | Beteiligung | aus | ohne | den | Die | Deutschlands | die 4. und | Der | Deutschlands | eine | Gebietsabtretungen | sah | einseitige | vor | Abrüstung | Vertrag 5. Unter | nun | französisch | anderem | Elsass-Lothringen | wurde 6. trennte | vom | nun | Korridor | genannte | Deutschland | restlichen | polnische | so | Der | Ostpreußen 7. Ersten | Artikel | die | wurde | des | 231 | Im | Ausbruch | Deutschen | den | am | Alleinschuld zugewiesen | Weltkrieges 8. für | sein | Reparationszahlungen | Alleinschuld | die | sollte | Diese | Grundlage 9. Vertrages | Proteststurm | Die | des | aus | Bedingungen | lösten | Deutschland | in | einen 10. Die | Rechte | politische | versuchte | , | als | damit | schaden | Republik | hinzustellen | und | für | dieses | "Schanddiktat" | Parteien | der | die | Verantwortliche | zu | republikanischen

1. Der Versailler Vertrag war ein Friedensvertrag zwischen Deutschland und den Alliierten. 2. In Versailles hatte 1871 die feierliche Gründung des Deutschen Reiches stattgefunden. 3. Die Alliierten arbeiteten den Vertrag ohne die Beteiligung Deutschlands aus. 4. Der Vertrag sah Gebietsabtretungen Deutschlands und eine einseitige Abrüstung vor. 5. Unter anderem wurde nun Elsass-Lothringen französisch. 6. Der so genannte polnische Korridor trennte nun Ostpreußen vom restlichen Deutschland. 7. Im Artikel 231 wurde den Deutschen die Alleinschuld am Ausbruch des 1. Weltkrieges zugewiesen. 8. Diese Alleinschuld sollte die Grundlage für Reparationszahlungen sein. 9. Die Bedingungen des Vertrages lösten in Deutschland einen Proteststurm aus. 10. Die politische Rechte versuchte, die republikanischen Parteien als Verantwortliche für dieses "Schanddiktat" hinzustellen und damit der Republik zu schaden.

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1.4 Der Völkerbund (Société des Nations – League of Nations) 1.4.1 Die Gründung des Völkerbund Wilsons Forderung nach einer internationalen Gemeinschaft zur Sicherung des Friedens konnte auf der im Januar 1919 beginnenden Pariser Friedenskonferenz erfolgreich umgesetzt werden. Die teilnehmenden Staaten beschlossen die Gründung des Völkerbunds, dessen Satzung als Artikel 1 bis 26 Bestandteil des Versailler Vertrags wurde. Mit Inkrafttreten des Vertrags am 10. Januar 1920 nahm der Völkerbund mit Hauptsitz in Genf seine Arbeit offiziell auf. Mitglieder des Völkerbunds waren zuerst 32 Siegermächte des Kriegs sowie 13 neutrale Staaten. Bis 1937 erwarben 21 weitere Staaten die Mitgliedschaft. Die USA, durch den Krieg zur führenden Weltmacht aufgestiegen, traten der Organisation nicht bei (Politik des Isolationismus). Während Österreich dem Völkerbund 1920 beitreten durfte, konnte das Deutschen Reich als besiegtem Land erst 1926 beitreten. Die Satzung des Völkerbunds war Teil des Versailler Vertrags und der Pariser Vorortsverträge, d.h. der Friedensverträge mit Österreich, Ungarn, Bulgarien und der Türkei 1.4.2 Ziele und Aufgaben und des Völkerbundes Der Völkerbund wollte, dass alle Streitfragen zwischen den Völkern friedlich gelöst werden könnten. Dies kam schon in der Präambel der Satzung zum Ausdruck. In der Erwägung, daß es zur Förderung der Zusammenarbeit unter den Nationen und zur Gewährleistung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit wesentlich ist, bestimmte Verpflichtungen zu übernehmen, ... - nicht zum Kriege zu schreiten, in aller Öffentlichkeit auf Gerechtigkeit und Ehre gegründete internationale Beziehungen zu unterhalten, ... - die Vorschriften des internationalen Rechtes, die fürderhin als Richtschnur für das tatsächliche Verhalten der Regierungen anerkannt sind, genau zu beobachten, ... - die Gerechtigkeit herrschen zu lassen und alle Vertragsverpflichtungen in den gegenseitigen Beziehungen der organisierten Völker peinlich zu achten, ... nehmen die Hohen vertragschließenden Teile die gegenwärtige Satzung, die den Völkerbund errichtet, an. Les Hautes Parties Contractantes, Considérant que, pour développer la coopération entre les nations et pour leur garantir la paix et la sûreté, il importe d’accepter certaines obligations de ne pas recourir à la guerre, d’entretenir au grand jour des relations internationales fondées sur la justice et l’honneur, d’observer rigoureusement les prescriptions du droit international, reconnues désormais comme règle de conduite effective des Gouvernements, de faire régner la justice et de respecter scrupuleusement toutes les obligations des Traités dans les rapports mutuels des peuples organisés, adoptent le présent Pacte qui institue la Société des Nations.

Hauptanliegen des Völkerbunds war die Förderung der Zusammenarbeit unter den Nationen und die Gewährleistung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit (Friedenssicherung, kollektive Sicherheit). Die Mitglieder waren verpflichtet, ihre Streitigkeiten friedlich zu lösen. Um dies zu erreichen, schrieb die Satzung die Abrüstung in den einzelnen Staaten vor. Weiterhin galt, dass im Falle von Streitigkeiten unter den Staaten zuerst der Völkerbund angerufen werden musste. Krieg als Mittel zur Lösung von Konflikten sollte somit nur noch möglich sein, wenn alle friedlichen Verhandlungsmaßnahmen scheiterten. Ausserdem sollte der Völkerbund die internationalen Verträge überwachen, die nationalen Minderheiten schützen und die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit unter den Nationen fördern. Auch in der Flüchtlingshilfe war der Völkerbund tätig (Nansenpass). Dem Völkerbund angeschlossen sind verschieden Organisationen, z.B. der Internationale Gerichtshof in Den Haag (la Cour permanente internationale de justice de la 5

Haye), das Internationale Arbeitsamt, Kommissionen für soziale Fragen, Flüchtlingsprobleme, usw. Der Völkerbund übernimmt oder kontrolliert auch die Verwaltung der ehemaligen Kolonien Deutschlands, des Saargebiets, Danzigs und von Teilen des früheren türkischen Reichs. Der Völkerbund entwickelte ein Mandatssystem. Nach diesem Verfahren wurden diese Gebiete unter Mandatsverwaltung gestellt, die ein dazu beauftragtes Mitglied unter Aufsicht des Völkerbundes ausübte. 1.4.3 Aufbau des Völkerbunds

Die Satzung des Völkerbundes sah als oberstes Organ eine einmal im Jahr zusammentretende Vollversammlung, die Bundesversammlung, vor, in der jedes Mitglied eine Stimme hatte. Daneben gab es den Völkerbundsrat, bei dem das Schwergewicht der Arbeit lag. In ihm waren die Großmächte ständig vertreten, dazu kamen Vertreter kleinerer Staaten, die von der Vollversammlung auf Zeit gewählt wurden. Das Generalsekretariat des Bundes hatte seinen Sitz in Genf. 1.4.4 Bewertung des Völkerbunds Für das weltweite Renommee der neuen Institution wurde es verhängnisvoll, dass die USA Mitglied des Völkerbundes wurden, weil das amerikanische Parlament den Plan seines Präsidenten ablehnte (Isolationismus). Deutschland und seine Verbündeten (mit Ausnahme von Österreich) sowie die Sowjetunion waren zunächst von der Mitgliedschaft ausgeschlossen. So erhielten Frankreich und England ein starkes Übergewicht. Damit 6

schien der Völkerbund ein Instrument der Siegermächte zu sein, der die Ordnung von Versailles verewigen sollte. Dennoch war er nicht ohne Wirkung: Er bot den Staatsmännern Gelegenheit, Konflikte durch Gespräche zu entschärfen. 1.5 Die Neuordnung Ostmitteleuropas Die Friedensbedingungen, die Deutschlands Verbündeten auferlegt wurden, waren von ähnlicher Härte wie diejenigen der Versailler Vertrag. Die Verträge wurden ebenfalls in Vororten von Paris unterzeichnet, so dass man zusammenfassend von den Pariser Vorortverträgen spricht. Die meisten Gebiete, auf die Russland im Frieden von Brest-Litowsk hatte verzichten müssen, erhielt es auch 1919 auch nicht zurück: Finnland, das Baltikum und RussischPolen. Außerdem annektierten die Rumänen Bessarabien. Die dadurch entstandene Randzone im Westen Russlands wurde erweitert durch die Aufteilung des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn. Grundlage der Neuordnung der staatlichen Verhältnisse sollte das Selbstbestimmungsrecht der Völker sein. Es erwies sich jedoch als unmöglich, dieses Prinzip gerecht anzuwenden, weil die Völker nicht eindeutig voneinander abgegrenzt lebten Jeder neugebildeter Staat wies deshalb auch Minderheiten auf. Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse trugen zur Unruhe bei. In den meisten Ländern gab es eine kleine Gruppe einflussreicher Großgrundbesitzer und eine grosse Gruppe landloser Bauern. Ein bürgerlicher Mittelstand fehlte fast immer, ebenso ein politisch bewusstes Proletariat. Zum Ausbau einer funktionierenden Industrie kam es nur in Finnland und in der Tschechoslowakei. In den andern Staaten führten die nationalen und sozialen Spannungen dazu, dass der Versuch, demokratische Regierungssysteme aufzubauen, nur teilweise und zeitweilig gelang. So war statt eines befriedeten Raumes eine neue Schütterzone entstanden.

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Neben dem Versailler Vertrag mit Deutschland wurden auf der Friedenskonferenz von 1919 auch Verträge mit Österreich (St. Germain, 10.9.1919), Ungarn (Trianon, 4.6.1920), der Türkei (Sèvres, 10.8.1919) und Bulgarien (Neuilly, 27.11.1919) abgeschlossen. Sie begründeten eine neue Ordnung im östlichen Mitteleuropa.

Die Aufteilung Mitteleuropas vor und nach dem Ersten Weltkrieg 1.5.1 Die neuen Staaten Neben Finnland und den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen entstanden folgende neue Staaten. 1.5.1.1 Polen Polen war der grösste der neuen Staaten. Es setzte sich aus ehemals russischem, österreichischem und deutschem Gebiet zusammen. Die neue Grenzziehung, die keineswegs überall den Volkstumsgrenzen entsprach, vergrösserte die alten Spannungen. Die Alliierten hatten dem neuen Staat freien Zugang zur Ostsee und einen Anteil am oberschlesischen Industriegebiet gewährt. In beiden Gebieten wohnten neben Polen auch Deutsche, die nun unter polnische Herrschaft gelangten. Damit aber waren die Polen noch 8

nicht zufrieden. Sie versuchten, durch Aufstände ganz Oberschlesien in ihre Hand zu bekommen, erhoben Ansprüche auf tschechisches und litauisches Gebiet und griffen 1920 das durch den Bürgerkrieg geschwächte Russland an, um weite Teile Weissrusslands und der Ukraine ihrem Staat einzuverleiben. Doch die Rote Armee drang im Gegenangriff bis in die Nähe Warschaus vor. Nur mit französischer Unterstützung gelang es dem polnischen Marschall Pilsudski, die Russen zu schlagen. Die Grenze Polens wurde anstelle der von den Alliierten festgelegten "Curzon-Linie" nun weit nach Osten vorgeschoben, über 5 Millionen Weißrussen und Ukrainer dem Staat einverleibt. Pilsudski herrschte seit 1926 als Diktator; er stützte sich auf die Armee, aus der nach seinem Tode (1935) auch die Nachfolger hervorgingen. 1.5.1.2 Die Tschechoslowakei Die Tschechoslowakei war ein typischer Nationalitätenstaat: Neben den Tschechen, die etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachten, lebten in dem Land rund 3 Millionen Deutsche, 2 Millionen Slowaken, dazu noch ungefähr 1 Million Ungarn und Ukrainer. Die westliche Staatshälfte war wirtschaftlich recht gut entwickelt, der soziale Abstand zu den östlichen Teilen des weitgestreckten Landes war erheblich. Der Staat litt unter der Gegnerschaft seiner deutschen und ungarischen Einwohner, die gegen ihren Willen unter seine Herrschaft geraten waren, sowie unter dem sozialen Gefälle zwischen Tschechen und Slowaken. Immerhin gelang es dem Land die demokratische Regierungsform zu bewahren und zeitweise auch Vertreter der Minderheiten zur Mitarbeit in der Regierung zu gewinnen. Ein Bündnis mit Frankreich und die "Kleine Entente" mit Jugoslawien und Rumänien sollten das Land außenpolitisch absichern. 1.5.1.3 Jugoslawien Jugoslawien (eigentlich: Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) war auch ein Nationalitätenstaat. Mit seiner Gründung verwirklichten die Serben ihren Traum vom grossserbischen Reich. Außer ihnen wohnten Kroaten, Slowenen, Bosniaken und Albaner in dem Land. Scharf waren auch die religiösen Gegensätze: die katholischen Kroaten wehrten sich gegen die Vorherrschaft der griechisch-orthodoxen Serben, ausserdem gab es noch eine starke muslimische Minderheit. Der Versuch, das Land demokratisch zu regieren, scheiterte an den nationalen Auseinandersetzungen. Der König regierte fortan autoritär. 1.5.2 Das Schicksal der Verlierer des Ersten Weltkriegs 1.5.2.1 Österreich Da sich die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn am 28. Oktober 1918 aufgelöst hatte, verhandelten die Alliierten mit „Deutschösterreich“ ohne Ungarn über einen Friedensvertrag. Das Abkommen wurde am 10. September 1919 in dem Pariser Vorort Saint-Germain abgeschlossen. Es trat am 16. Juli 1920 nach dem Abschluss des Friedensvertrags von Trianon mit dem ebenfalls betroffenen Ungarn in Kraft. Österreich musste die neu entstandenen Staaten Jugoslawien, Tschechoslowakei und Polen und besonders die volle Souveränität Ungarns anerkennen. Der Vertrag legte Österreichs Status als Bundesstaat und den Schutz der nationalen Minderheiten fest. Die Größe der Armee wurde auf 30.000 Soldaten begrenzt. Außerdem musste sich Österreich mit der Zahlung von Reparationen und dem Verlust von Teilen seines Staatsgebiets einverstanden erklären. Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde verboten. Bisher hatte 9

Österreich-Ungarn 50 Millionen Einwohner. Das neugeschaffene Österreich zählte nur noch 6 Millionen Einwohner, und 1,8 Millionen davon lebten in der Hauptstadt Wien. Zwischen der Hauptstadt und den ländlich geprägten anderen Landesteilen existierten grosse politische und soziale Spannungen. 1.5.2.2 Ungarn Im ungarischen Reststaat, der nach Gebietsabtretungen Rumänien und Jugoslawien entstanden war, kam es zu einer unter der Führung von Béla Kuhn und einem Bürgerkrieg. Räterepublik beendet und Admiral Horthy, der auf die Hilfe übernahm die Macht. Er stützte sich auf die Armee und die wurden soziale Reformen in Ungarn verhindert.

an die Tschechoslowakei, Gründung einer Räterepublik Nach 133 Tagen wurde die der Alliierten zählen konnte, Grossgrundbesitzer, dadurch

1.5.2.3 Die Türkei

Die Türkei sollte nach dem Friedensvertrag von Sèvres (1920) neben den arabischen und armenischen Gebieten auch den Rest ihrer europäischen Gebiete mit Ausnahme von Istanbul verlieren. Ausserdem wollten die Alliierten Teile der von Griechen bewohnten Westküste Kleinasiens von der Türkei abtrennen. Als griechische Truppen von der kleinasiatischen Küste ins Landesinnere vordrangen, organisierte General Mustafa Kemal den türkischen Widerstand. Es gelang ihm, die griechische Invasionsarmee entscheidend zu schlagen. Eine Million Griechen, die an der Westküste und in Istanbul lebten, wurde gezwungen das Land zu verlassen. Kemal setzte den Sultan ab, rief die Republik aus, machte Ankara zur neuen Hauptstadt und wurde selbst Staatspräsident. In neuen Friedensvertrag von Lausanne (1923) erhielt die Türkei das gesamt kleinasiatische Gebiet und einen Teil der europäischen Gebiete zurück. Mustafa Kemal Atatürk (der Vater der Türken) versuchte die neue Republik zu modernisieren (Kemalismus). Beispielsweise wurden Schulen gegründet, um gegen den Analphabetismus zu kämpfen, die europäische Schrift statt der arabischen wurde eingeführt, die Frauen erhielten das Wahlrecht und mussten nicht mehr den traditionellen Schleier tragen.

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2. Italien und der Faschismus 2.1 Die faschistische Diktatur in Italien

Italien vor und nach dem Ersten Weltkrieg Die Italiener fühlten sich durch die Ergebnisse der Pariser Vorortverträge betrogen. Zwar erhielt Italien Südtirol und das Gebiet um Triest, doch seine Hoffnung, die Adria durch den Gewinn der dalmatinischen Küste ganz zu beherrschen und seinen Kolonialbesitz in Afrika zu vergrössern, war enttäuscht worden. Vor allem Angehörige des Bürgertums und Adels deuteten den „verstümmelten Sieg“ als Beweis für die Schwäche der linksliberalen Regierung. Viele Italiener sahen den Staat in eine Krise geraten, weil es der Regierung nicht gelang, Streiks und Fabrikbesetzungen zu verhindern, mit denen die Industriearbeiter Lohnerhöhungen und ausreichende Arbeitsplätze erreichen wollten. Gleichzeitig nahmen die Auseinandersetzungen zwischen Grossgrundbesitzern, Landarbeitern und Kleinbauern, die eine Landreform forderten, zu. Auch hier blieb die Regierung passiv. Der ehemalige Sozialist Benito Mussolini (1883-1945) nutzte die zerrütteten innenpolitischen Verhältnisse und die Schwäche der parlamentarischen Demokratie in Italien aus, um an die Macht zu kommen. Seine Anhänger fand er hauptsächlich unter den Bürgern der Ober- und Mittelschicht: Sie befürchteten eine sozialistische Revolution und damit den Verlust ihrer Stellung und ihres Eigentums und wandten sich deshalb Mussolini zu. Benito Mussolini wurde 1883 als Sohn eines sozialistischen Bauern und Schmieds geboren. 1901 schloss er seine Ausbildung mit dem Lehrerdiplom ab und wurde Mitglied der PSI (Sozialistische Partei Italiens). Ein Jahr später ging er in die Schweiz, um dem Militärdienst zu entfliehen. Nach seiner Rückkehr nach Italien absolvierte er 1905/06 den Militärdienst und arbeitete anschliessend als Lehrer und Journalist. 1912 wurde er zum Chefredaktor der sozialistischen Zeitung „Avanti“ ernannt. 1914 warb er als leidenschaftlicher 11

Nationalist für den Kriegseintritt Italiens. Nach seinem Ausschluss aus der PSI gründete er die nationalistische Zeitung „Popolo d’Italia“. Ab 1915 kämpfte er als Soldat im Ersten Weltkrieg. Schwer verwundet wurde er 1917 aus der Armee entlassen.

Mussolini in der Uniform des Duce mit seinem römischen Vorbild 1919 gründete Mussolini die faschistischen Kampfbünde, „fasci di combattimento“, in denen sich vor allem ehemalige Offiziere, Studenten und Schüler sammelten. Diese organisierten sich militärisch und gaben sich auch durch ihre uniforme Kleidung – schwarze Hemden – den Anschein einer Militärtruppe. (Man nennt sie deshalb auch die faschistischen Schwarzhemden). Sie erhielten Zulauf von Schülern und Studenten, vor allem aber von Handwerkern, Bauern, Angestellten und Beamten, also von Angehörigen der Mittelschicht, die sich vor einer sozialistischen Revolution fürchteten Der Name fasci di combattimento“, stammte von den "Fasces", den altrömischen Rutenbündeln, aus denen ein Beil hervorsah. Dieses Zeichen der Gewalt über Leben und Tod wurde das Symbol der Bewegung, das römische Imperium sollte dem faschistischen Italien als Vorbild dienen. In der Demokratie sah Mussolini nur einen Ausdruck der Schwäche. Der Staat sei wichtiger als der Einzelmensch. Kampf und Gewalt sollten die Haltung der Menschen bestimmen. "Glauben, Kämpfen, Gehorchen!" rief der „Duce“ Mussolini den Massen zu. Die faschistische Bewegung mit ihren uniformierten Kampfverbänden, ihrem "römischen Gruss" und Mussolinis diktatorische Staatsführung wurden zum Vorbild für ähnliche Bewegungen in anderen Ländern, darunter auch für den Nationalsozialismus in Deutschland. Die Faschisten brannten sozialistische und kommunistische Parteibüros und Zeitungsredaktionen nieder und ermordeten oder misshandelten viele politische Gegner. Industrielle und Grossgrundbesitzer, die einen Sieg der Linken fürchteten, unterstützten sie finanziell, die Polizei stellte sich ihnen nicht in den Weg. 1921 gründetem die Faschisten die Faschistische Nationalpartei PNF (Partito Nazionale Fascista) und nahmen an den Parlamentwahlen teil, bei denen sie 34 Sitze erreichten.

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„Tatsachen“ des Faschismus Am 20. September 1922 hielt Mussolini in Udine eine Rede, die später als „Jungfernrede des Faschismus“ galt: Ich bin für straffeste Disziplin, und zwar müssen wir in erster Linie und in aller Strenge uns selbst disziplinieren, sonst haben wir kein Recht, die Nation in Zucht und Ordnung zu hal- ten. Nur Manneszucht in der Nation verschafft Italien Gehör bei den Regierungen anderer Länder ... Wir verwerfen die demokratische Lehre, wonach man immer nur mit Predigten und Unterweisungen in mehr oder minder milder Weise vorgehen soll. Zu gegebener Zeit muss Disziplin in Form eines Befehls oder eines Gewaltaktes an den Tag treten ... Das Recht zu befehlen kann einzig und allein durch Gehorsam erworben werden, durch den demütigen und geheiligten Stolz auf den eigenen Gehorsam ... Ich komme nun zur Frage der Anwendung von Gewalt. Gewalt ist nicht unmoralisch, sie ist im Gegenteil manchmal moralisch ... Ende Juli und im August haben wir nach systematischer Anwendung von Gewalt binnen achtundvierzig Stunden erreicht, was wir mit Predigten und Unterweisungen nicht in achtundvierzig Jahren erreicht hätten ... Ihr wisst, ich bin kein Verehrer dieser neuen Gottheit, der Masse. Sie ist eine Schöpfung der Demokraten und der Sozialisten. Nur weil sie zahlreich sind, sollen sie Recht haben. Das ist falsch ... Jedenfalls haben wir geschichtliche Beweise dafür, dass tief eindringende Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft stets zuerst von Minderheiten, einer Hand voll Menschen, herbeigeführt worden sind. Reden, die die Welt bewegten, 10. Aufl., Stuttgart (Mundus) 1989, S. 287 ff Extraits du discours-fleuve de plus de 2 heures prononcé à Udine, le 20 septembre 1922 (à la veille de la “Marche sur Rome”) Moi, je suis pour la discipline rigide. Nous devons nous imposer à nous-mêmes une discipline de fer, parce qu’autrement, nous n’aurons pas le droit de l’imposer à la nation. Et c’est seulement à travers la discipline de la nation que l’Italie pourra se faire entendre dans le concert des autres nations. (...) Nous repoussons le dogme démocratique selon lequel on devrait procéder éternellement par sermons, par prédications et prêches de nature plus ou moins libérale. A un moment donné, il faut que la discipline s’exprime, dans la forme, sous l’aspect d’un acte de force et de commandement. (...) C’est seulement en obéissant, c’est seulement en ayant l’orgueil humble mais sacré d’obéir que se conquiert ensuite le droit de commander. (...) à la fin de juillet et d’août, en quarante-huit heures de violence systématique et guerrière, nous avons obtenu ce que nous n’aurions pas obtenu en quarante-huit années de prédication et de propagande (...) Vous savez que je n’adore pas la nouvelle divinité : la masse. C’est une création de la démocratie et du socialisme. Seulement parce qu’ils sont nombreux ils doivent avoir raison. Absolument pas.(...) En tout cas, l’histoire démontre que toujours des minorités, insignifiantes au départ, ont produit de profonds bouleversements dans les sociétés humaines. Lucien Jaume & Alain Laquièze . Interpréter les textes politiques. Les cahiers du CEVIPOF, 29, avril 2005, p. 58-60

Obschon die Wahlen ergeben hatten, dass die Faschisten im Volk nur über einen geringen Anhang verfügten, ergriffen sie 1922 die Macht: Mussolini versammelte 40000 Mann seiner Kampfgruppen in Neapel und befahl ihnen den "Marsch nach Rom". Bevor sie Rom erreichten, hatte der König bereits Mussolini zum Ministerpräsidenten ernannt. Weder die schwache Regierung noch die Armee leisteten Widerstand. Die Faschisten waren zunächst in der Regierung neben Nationalisten und Konservativen in der Minderheit. In den folgenden Jahren bauten die Faschisten ihre Position aus: durch Propaganda, durch Terror, aber auch durch gesetzliche Maßnahmen. So wurde das Wahlgesetz zu ihren Gunsten geändert, die Opposition unterdrückt. Die Pressefreiheit wurde aufgehoben und es wurden politische Vereine verboten. Das Bürgertum fand sich damit ab; die Ruhe, die nun im Lande herrschte, war ihm wichtiger als die Freiheiten, die es verlor. An die Stelle der Gewerkschaften traten Berufsverbände, Korporationen, die die Anweisungen der Regierung auszuführen hatten. So wurde Italien ein totalitärer Einparteienstaat, in dem der Wille des Duce (Führer) alles entschied. Handel und Wirtschaft wurden erfolgreich gefördert. In der Aussenpolitik war Mussolini im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft zurückhaltend; mit einigen Staaten schloss er Verträge, 13

die sich gegen Jugoslawien richteten. Einen grossen Erfolg erzielte er durch ein Abkommen mit der katholischen Kirche, deren Verhältnis zum italienischen Staat seit 1870 sehr gespannt gewesen war. Die Umgebung der Peterskirche in Rom, die "Vatikan-Stadt", wurde 1929 als souveränes Hoheitsgebiet des Papstes anerkannt. 2.2 Der Faschismus 2.2.1 Definition des Faschismus Faschismus ist die Eigenbezeichnung der politischen Bewegung, die unter Benito Mussolini 1922 in Italien die Macht übernahm und für ihr Herrschaftssystem (katholischkonservativ) bis 1945. Allgemein bezeichnet der Begriff Systeme mit sehr nationalistischer, antidemokratischer und antikommunistischer Ideologie und autoritären Strukturen, die zwischen den beiden Weltkriegen entstanden. Der Begriff kommt von lat. fasces: Rutenbündel mit Beil, die in Rom als Machtsymbol der römischen Magistrate von den Liktoren getragen wurden. Ab 1926 ist das Rutenbündel offizielles italienisches Staatssymbol. 2.2.2 Merkmale des Faschismus Zentrales Merkmal des Faschismus ist eine strenge Hierarchie nach dem Führerprinzip; an der Spitze der faschistischen Bewegung steht immer ein Führer (ital.: Duce). Die Volksgemeinschaft wird mystisiert, die nationalen Eigeninteressen verabsolutiert, die Geschichte des eigenen Volkes verherrlicht und verklärt. Es besteht eine grosse Sehnsucht nach Krieg und Diktatur. Faschismus ist immer verbunden mit Totalitarismus, d.h. das Ziel ist die Erreichung einer Einheitsparteiendiktatur, in der die herrschende Partei Staat und Gesellschaft vollkommen unter Kontrolle hat und in der alles Demokratische fehlt. Der faschistische Staat ist als Gesellschaft jenseits von Kapitalismus und Klassenkampf gedacht, die auf der Volksgemeinschaft basiert, in der Minderheiten (ethisch, religiös, politisch) keinen Platz haben. Minderheiten und Randgruppen werden zur Lösung sozialer Spannungen und anderer Konflikte als Sündenböcke gebraucht. Anhänger des Faschismus sind stets stark aggressiv und gewaltbereit politische Überzeugungsarbeit wird mittels kämpferischer Propaganda und Terror geleistet, mit denen paramilitärische Verbände die Gegner einschüchtern und ausschalten. Die aktiven Anhänger sind fast immer jüngere Männer. 2.2.3 Verbreitung des Faschimus Fast alle europäischen und viele südamerikanische Staaten hatten faschistische Bewegungen: z.B. • Deutschland: am 30. Januar 1933 übernimmt Adolf Hitler, der Führer der Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), die Macht. • Spanischer Bürgerkrieg (1936-1939): die Falange unter Francisco Franco kommt durch Militärputsch mit deutscher und italienischer Hilfe an die Macht, kann sich bis 1975 halten. • In Portugal schafft Antonio de Oliveira Salazar den Estado Novo, ein faschistisch ausgerichtetes Regime (1928 bis Ende der 60er Jahre). • In Österreich entwickelt sich der Austrofaschismus. • Während des Zweiten Weltkriegs verhilft Deutschland mehreren faschistischen Regimen zur Macht (z.B. der Ustascha in Kroatien). 14

3. Das Britische Commonwealth und die Entwicklung in Asien 3.1 Großbritannien Großbritannien war nach dem Ersten Weltkrieg nicht bereit, seine Politik durch Bündnisse in Europa festzulegen. Zu dieser Haltung trug auch der wachsende Einfluss der Dominions bei, deren Interessen nur wenig von der Lage in Europa berührt wurden. Seine imperialistischen Ziele in Afrika und im Nahen Osten hatte Großbritannien in den Vorortverträgen erreicht. Das Verhältnis zu Frankreich litt zwar unter Meinungsverschiedenheiten, vor allem wegen des Nahen Ostens, doch blieb eine enge Bindung bestehen. Im Zweiparteiensystem Großbritanniens trat eine wichtige Veränderung ein: Die LabourParty nahm den Platz der Liberalen ein; ihre pazifistische Einstellung blieb nicht ohne Einfluss auf die britische Politik. Die Konservativen blieben aber meistens führend. In der Weltwirtschaftskrise aber arbeiteten die Parteien zusammen in einem Kabinett der "nationalen Koalition", um die Krise zu überwinden 3.2 Das Commonwealth Der Erste Weltkrieg beschleunigte die Umwandlung des Empire in ein Commonwealth. Die Dominions hatten dem Mutterland wertvolle militärische und wirtschaftliche Hilfe geleistet und leistungsfähige Industrien entwickelt. In England setzte sich die Überzeugung durch, dass durch eine Zusammenarbeit mit unabhängigen Dominions eine wirkungsvollere Politik erreicht werden konnte als früher im Empire. Der Anfang dieser Idee reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als sich die britische Regierung mit Autonomiebestrebungen in ihren überseeischen Kolonien konfrontiert sah. Um die Existenz des “British Empire“ zu sichern, erlaubte sie den Siedlern die teilweise Selbstverwaltung. Weitere Zugeständnisse führten schließlich zur Gründung des ersten sogenannten Dominion (Kanada; 1867). In der Folgezeit erlangten weitere Kolonien den Status als Dominion. Auf der "Imperial Conference" 1926 wurde das "British Commonwealth of Nations" gegründet. 1931 erhielten im Statut von Westminster die Dominions volle Gleichberechtigung. Die Mitglieder des " British Commonwealth of Nations" blieben "durch eine gemeinsame Treuepflicht gegenüber der Krone" verbunden. Dieses lose politische Band wurde durch wirtschaftliche Vereinbarungen verstärkt. Auf der Konferenz von Ottawa 1932 gewährten die Mitglieder des Commonwealth sich gegenseitig Vorzugszölle bzw. Zollfreiheit. Das neugeschaffene "British Commonwealth of Nations" umfasste Grossbritannien mit seinen Kolonien und die folgenden unabhängigen Dominions: Kanada, Neufundland (seit 1934 nicht mehr eigenständiges Dominion, seit 1949 Teil Kanadas), Australien, Neuseeland, Südafrikanische Union und den irischen Freistaat (bis 1949). 3.3 Der Nahe Osten Die Türkei musste im Friedensvertrag von Neuilly auf ihre Gebiete im Nahen Osten verzichten. Hier war die Lage sehr kompliziert: Die Briten hatten den Arabern im Ersten Weltkrieg, um sie als Bundesgenossen im Kampf gegen die Türkei zu gewinnen, die Unabhängigkeit versprochen. Sie hatten aber auch gleichzeitig den Juden in der so genannten Balfour-Deklaration zugesichert, dass in Palästina eine "nationale Heimstätte des jüdischen Volkes" entstehen solle. Die Lösung, die gefunden wurde, enttäuschte die Araber tief: Das arabische Gebiet wurde aufgeteilt. England erhielt eine bedeutende Stellung. Es gründete das Königreich Irak und 15

das Emirat Transjordanien, beide blieben von ihm abhängig. Palästina behielt es als "Mandatsgebiet" in unmittelbarer Verwaltung. Den Juden wurde nur eine beschränkte Einwanderung gestattet. Frankreich erhielt Syrien und den Libanon gegen den Willen der Bevölkerung zugesprochen. So blieb nur Ibn Saud, der Herrscher über die im Inneren Arabiens wohnenden Wahhabiten, wirklich unabhängig, der 1924 Mekka eroberte und damit sein Reich bis ans Rote Meer ausdehnte (das spätere Saudiarabien). Die Bedeutung dieses Staates wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg erkennbar.

In Ägypten hatten sich schon früher nationalistische Strömungen entwickelt. England kam ihnen entgegen, indem es seine Protektoratsherrschaft aufgab und dem Land die Souveränität verlieh. Doch blieben britische Truppen weiterhin im Land stationiert, der Suezkanal und der Sudan blieben in britischer Hand. Großbritannien beherrschte nun neben dem Seeweg nach Indien auch eine Landverbindung zum Persischen Golf. Die wichtigsten Ölquellen wurden von britischen Gesellschaften ausgebeutet, außer in Saudi-Arabien, wo die Amerikaner auf Ölsuche gingen. Die Landverbindungen gewannen noch an Bedeutung, als der Bau von "Pipelines" begann. Dennoch war Englands Stellung nicht unangefochten. Der Erste Weltkrieg war nicht ohne Auswirkungen geblieben, Noch waren England und Frankreich stark genug, sich über ihre Versprechungen hinwegzusetzen. Weder sie noch die von ihnen abhängige arabische Führungsschicht konnten aber verhindern, dass sich vor allem unter den jüngeren Arabern nationalrevolutionäre "panarabische" Strömungen entwickelten, die die völlige Selbständigkeit der islamischen Staatenwelt im Nahen Osten erstrebten.

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3.4 Indiens Streben nach Selbständigkeit Der Erste Weltkrieg verstärkte den Wunsch der Inder nach Selbstregierung. Eine Million indischer Soldaten diente in der britischen Armee; aus Indien flossen hohe Beträge in die britische Kriegskasse. Die Inder wollten nun auch vom Kriegsziel der Alliierten, dem Selbstbestimmungsrecht der Völker profitieren. Bei Kriegsende kam es zu Unruhen, die blutig niedergeschlagen wurden. Die eingeleiteten Reformen waren den Indern nicht genug. In zwei großen Organisationen, dem Nationalkongreß und der Moslemliga, sammelte sich die indische Unabhängigkeitsbewegung. Einer Selbstregierung standen aber auch die inneren Verhältnisse entgegen: der große Gegensatz zwischen Hindus und der muslimischen Minderheit, das Kastenwesen und die Herrschaft zahlreicher Fürsten. Gandhi (1869-1948) wurde der wichtigste Führer des indischen Freiheitskampfes. Er hatte in England Jura studiert. Es gelang ihm, den Gedanken der Freiheit in die Massen zu tragen. Sie nannten ihn "Mahatma", Große Seele. Gandhi wandte eine neue Methode des politischen Kampfes an: den gewaltlosen Widerstand. Kein Inder sollte britische Waren kaufen, Steuern sollten nicht gezahlt werden. Die Engländer hatten eine Salzsteuer eingeführt und sogar verboten, an den Meeresküsten Salz zu gewinnen, Mit einer Gruppe von Anhängern zog Gandhi zum Meer. (Salzmarsch) An der Küste hob Gandhi etwas Salz auf, Tausende folgten seinem Beispiel. Gandhi wurde verhaftet, mit ihm füllten 60 000 die Gefängnisse. Ohne Widerstand ließen sie sich verhaften. Noch mehrmals wurde Gandhi ins Gefängnis geworfen, mehrmals trat er darauf in den Hungerstreik.

Salzmarsch: Gandhis bekannteste gewaltfreie Aktion war der Marsch über 24 Tage an die Küste. Immer wieder versuchte er auch, die Konkurrenz zwischen Hindus und Moslems zu beenden; er nahm, um den Kastengeist der Hindus zu brechen, Parias, "Unberührbare", in sein Haus auf und bemühte sich um die Bildung der Landarmen und um bessere hygienische Verhältnisse, Großbritanniens Lage war schwierig. Die Moslems verlangten Sonderrechte, Gandhi und die Kongresspartei wehrten sich dagegen; sie sahen die indische Einheit gefährdet. Auch die internationale Situation verbot es Großbritannien, seine indische Stellung zu sehr zu schwächen. 1935 gab das britische Parlament Indien eine neue Verfassung. Die Provinzialregierungen kamen vollständig in indische Hände. Nur die Zentralregierung behielten sich die Engländer vor. Das genügte den Indern nicht. Sie forderten den DominionStatus. Ihr Kampf ging weiter.

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3.5. Der Ferne Osten Nach dem Krieg beunruhigten das Schicksal Chinas und der imperialistische Expansion der Japaner die USA und die Commonwealth-Länder. Die Japaner hatten im Krieg ihren Einfluss auf weite Teile Nordostchinas und auf die chinesische Wirtschaft ausgedehnt. Durch den Versailler Friedensvertrag erhielt Japan deutschen Südseeinseln. Damit war Japan auch in die Weite des Pazifik vorgestoßen. 3.5.1China im Bürgerkrieg Die von Sun Yat-sen 1911 geschaffene Republik China litt unter den Armeeführern, die über die Provinzen des Reiches weitgehend selbständig herrschten und sich untereinander in einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg bekämpften. Nur im Süden des Landes konnte sich Sun Yat-sen mit seiner Volkspartei (Komintang, KMT) behaupten. Er rief das Volk zum Kampf gegen die Herrschaft des Militärs und gegen den starken, durch alte Verträge gesicherten wirtschaftlichen Einfluss der weißen Kapitalisten auf. Sun Yat-sen verbündete sich für diesen Kampf mit der Kommunistischen Partei Chinas, zu deren Gründern Mao Dsedong gehörte, und fand die Unterstützung der Sowjetunion, doch blieben seine Erfolge gering. Nach Sun Yat-sens Tod (1925) eroberte der Führer der Komintang-Truppen, Chiang Kaischek, Nordchina. Sehr bald geriet er in Kämpfe mit den Kommunisten und dem linken Flügel der "Volkspartei". Mao Dsedong hatte die kommunistische Revolutionstheorie den chinesischen Verhältnissen angepasst und eine revolutionäre Bauernbewegung entfacht. In Südchina gründete er eine Chinesische Sowjetrepublik, in der die Ländereien der Großgrundbesitzer an die Kleinbauern verteilt wurden. Seine Rote Armee leistete mehrere Jahre den Angriffen Chiang Kai-scheks erfolgreich Widerstand; 1934 musste sie sich aber aus dem Gebiet zurückziehen. Auf dem Langen Marsch, auf dem er den größten Teil seiner Soldaten verlor, führte Mao sie in eine abgelegene Nordprovinz, wo sie sich behaupten konnte.

Chinesische Sowjetrepublik und Langer Marsch Seit 1932 musste Chiang Kai-schek die Kräfte des Landes gegen das Vordringen Japans 18

sammeln. Die sozialen Verhältnisse im Land änderten sich unter seiner Regierung kaum; sie brachte vor allem der Masse der chinesischen Kleinbauern und Pächter, die mit ihren kinderreichen Familien in großer Armut lebten und durch die Bürgerkriege noch tiefer ins Elend geraten waren, keine Erleichterungen. 3.5.2 Das Ausgreifen Japans nach dem Festland Rasch stieg die Bevölkerungszahl Japans an; dem entsprach die Ausweitung der industriellen Produktion. Im Innern kam es zu Unruhen. Offiziere suchten durch Attentate die fortschreitende Demokratisierung aufzuhalten und eine nationalistische Außenpolitik zu erzwingen. Die Weltwirtschaftskrise begünstigte ihren Einfluss. Da Japan neue Rohstoff-, Absatz- und Siedlungsgebiete suchte, hatte es die Jahre des chinesischen Bürgerkriegs dazu benutzt, in der Mandschurei wirtschaftlich festen Fuß zu fassen. 1931 besetzte es das ganze Gebiet. Es begründete den Satellitenstaat Mandschukuo. Von dort aus drangen die Japaner in die Innere Mongolei und bis in die Nähe Pekings vor. 1932 kam es zu heftigen Kämpfen um Schanghai.

Seit 1936 beherrschte die Armee die Politik Japans. Sie wollte die wirtschaftliche Kontrolle Chinas. Dabei stieß Japan auf die Gegnerschaft des chinesischen Nationalismus und Kommunismus und geriet außerdem in Gegensatz zu den USA und dem Commonwealth, die ihre eigenen Interessen bedroht sahen und kein großostasiatisches Imperiums Japans wollten. 1937 begann Japan die Unterwerfung ganz Chinas; es besetzte große Gebiete im Osten des Landes. Die britisch-amerikanische Unterstützung für Chiang Kai-schek, der sich ins Landesinnere nach Chongqing (Tschungking) zurückgezogen hatte, wurde schwierig, als die Japaner fast alle wichtigen Hafenstädte des Landes erobert hatten. Trotzdem war es Japan, als 1939 in Europa der Krieg ausbrach, nicht gelungen, die chinesischen Armeen auszuschalten. Auch die Kommunisten beteiligten sich am Kampf gegen die Japaner. 19

4. Die USA: Von Wilson bis Roosevelt 4.1 Die Wendung zum Isolationismus Weite Kreise des amerikanischen Volkes wollten nach Kriegsende, dass ihr Land sich nicht mehr um die Probleme der europäischen Politik kümmern sollte. Sie forderten die Rückkehr zur früheren isolationistischen Haltung der USA und befürchteten, dass durch eine Mitgliedschaft im Völkerbund die außenpolitische Entscheidungsfreiheit des Landes eingeschränkt würde. Der amerikanische Senat ließ Präsident Wilson im Stich und verweigerte die Annahme des Versailler Vertrages sowie den Eintritt in den Völkerbund. 1921 schlossen die USA einen Sonderfrieden mit Deutschland. Bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 1920 erlitten die Demokraten eine schwere Niederlage; von nun an regierten bis 1933 Präsidenten, die der Republikanischen Partei angehörten. Der Wunsch, das Land aus weltpolitischen Spannungen herauszuhalten, ließ sich allerdings nur teilweise verwirklichen. Rüstungsfragen, Auseinandersetzungen in Ostasien und die Regelung der finanziellen Kriegsfolgen zwangen die amerikanische Regierung immer wieder zur Teilnahme an internationalen Verhandlungen. Das war nicht zuletzt eine Folge davon, dass die USA in wirtschaftlicher Hinsicht die führende Weltmacht geworden waren. Mit Hilfe ihres Kapitals kontrollierten sie nun weite Teile der Welt, besonders Mittel- und Südamerika. Das veranlasste sie auch dazu, immer wieder in Lateinamerikas einzugreifen, wenn ihre politischen oder wirtschaftlichen Interessen dort durch Revolutionen bedroht waren. Eine Flottenkonferenz in Washington setzte 1922 die Seerüstung der großen Mächte fest, ein erster Schritt zu einer wirkungsvollen Rüstungsbegrenzung. Grossbritannien musste dabei auf seine alte Vormachtstellung verzichten und den Aufstieg der USA zu einer gleichwertigen Welt- und Seemacht akzeptieren. Japan blieb den angelsächsischen Staaten noch eindeutig unterlegen (Grossbritannien - USA - Japan - Italien - Frankreich = 5:5:3:1,75:1,75). 4.2"Back to Normalcy Der Krieg hatte dazu geführt, dass der Staat sich stark in die Gesellschaft und die Wirtschaft eingemischt hatte (Dirigismus). In kurzer Zeit war mit grossen Geldmitteln die Industrieproduktion, vor allem für die Rüstung, gewaltig ausgeweitet worden. Die Wehrpflicht war eingeführt worden. Um Streiks zu verhindern, hatte die Regierung sogar begonnen, Beziehungen zu den Gewerkschaften aufzubauen. Diese Interventionen des Staates in die Wirtschaft und auch in die Privatsphäre widersprachen den herrschenden Ansichten im Volk. Sie waren während des Krieges als notwendig hingenommen worden. Nach dessen Beendigung aber fürchtete man, dass Wilson und seine Demokratische Partei die starke Stellung des Staates beibehalten und möglicherweise für soziale Reformen nutzen wollten. Das führte - neben der Abneigung gegen Wilsons Völkerbundspolitik - zu dem großen Wahlsieg der Republikaner von 1920. Deren Präsidentschaftskandidat Harding hatte den Bürgern versprochen, das Land zurück zum früheren Normalzustand, "back to normalcy", zu führen. Das bedeutete den Abbau der Interventionen des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft, wieder freies Spiel der Kräfte im Wirtschaftsleben mit allen Freiheiten für das Big Business und Verfolgung aller Organisationen und Menschen, die soziale Reformen wollten und nun, unter dem Eindruck der bolschewistischen Herrschaft in Russland, als Rote diskriminiert wurden.

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Zu dieser Zeit wehrten sich Mittelstand und Facharbeiter zunehmend gegen die Einwanderer aus Ost- und Südeuropa, deren Zahl in den letzten Jahrzehnten die der "alten" Einwanderer aus Großbritannien, Skandinavien und Deutschland weit übertrafen und die die Masse der ungelernten, für niedrigen Lohn arbeitenden Menschen in den Industriestädten darstellten. Durch mehrere Gesetze wurde ihr Immigration stark eingeschränkt. Der Gewerkschaftsbund American Federation of Labor (AFL), der nur die Interessen der alten Einwanderer vertrat, unterstützte diese Einwanderungspolitik. Herkunft der Einwanderer in die USA (in Prozenten) Gesamtzahl (in 1 000) 1861/80 1881/1900 1901/10 davon aus 5126 8933 8795 Nord-, Mittel-, 89,5 65,9 23,7 Westeuropa, Kanada Ost-, Südost-, 4,6 31,8 71,7 Südeuropa Mexiko, Westindien 0,6 0,7 1,8

1911/20 5736 30,3

1921/30 4107 53,0

1931/40 528 59,3

60,2

28,1

27,1

6,0

13,0

7,2

(US Department of Justice, Immigration and Naturalization Service, Philadelphia, Pa.)

Im 19. Jahrhundert hatte die schwarze Bevölkerung der USA vorwiegend in den Südstaaten gelebt. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Sklavenbefreiung gab es nicht mehr genug Arbeit in der Landwirtschaft. So begann eine Abwanderung in die Industriestädte des Nordostens. Arm kamen die Neger, arm blieben sie als ungelernte Arbeiter. Die Vorurteile der Weißen gegen sie waren noch größer als die gegen die "neuen" Einwanderer. Die Gewerkschaften nahmen sie nicht auf. Aus ihren Wohnvierteln zog bald die weiße Bevölkerung aus. Es entstanden Slums, aus denen ein Aufstieg kaum möglich war, weil deren Bewohner von vornherein benachteiligt waren bei der schulischen Versorgung, in den hygienischen Verhältnissen, selbst in den Verkehrsverbindungen. Schwarze Bevölkerung einiger Großstädte (in 1 000) 1910 1920 1930 Chicago 44 109 258 Detroit 6 42 129 New York 91 152 340 Philadelphia 85 136 223 (Mitchell Okun / Stephen H. Bronz, The Challenge of America, New York 1973, S. 604)

Die Landwirtschaft hatte im Krieg ihre Produktion stark vergrössert, da sie auch die Verbündeten in Europa unterstützen musste. Nun überschwemmten ihre Produkte den Binnenmarkt, teilweise sanken deren Preise unter die Selbstkosten, teilweise waren die Produkte sogar unverkäuflich. Die Farmer verarmten, Höfe wurden versteigert. Die Regierung griff nicht ein: Jeder sollte sich selbst helfen. Wer in Not geriet, habe nur nicht hart genug gearbeitet. Die grosse Mehrzahl der Bürger stimmte mit dieser Auffassung überein, sie entsprach der gesellschaftlichen und politischen Einstellung, wie sie sich im vorigen Jahrhundert im Lande entwickelt hatte: Staatliche Fürsorge führe zu einem asozialen Verhalten der Armen.

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4.3 Von der Prosperity zur Weltwirtschaftskrise Nach dem Ende des Krieges kam es in den USA zu einer Rezession, weil es die Industrie keinen genügend grossen Absatzmarkt mehr hatte. Die Alliierten mussten beginnen, ihre Kriegsschulden zurückzubezahlen. Aber neue Erfindungen und technologische Fortschritte führten zusammen mit einem Überfluss an Kapital zu einer neuen wirtschaftlichen Blüte, zu einer Prosperity. Die Autoproduktion erreichte Jahr für Jahr neue Rekordzahlen. Führend dabei waren lange Zeit die Fabriken Henry Fords, der als erster die Fließband-Fertigung in der Großproduktion eingesetzt hatte und Autos baute, die billig genug waren, um vom Mittelstand und auch von seinen Facharbeitern, die er gut bezahlte, gekauft zu werden. Der Bau großer Autobahnen, von Ölraffinerien, Tankstellen, Werkstätten war eine logische Folge, die weitere Arbeitsplätze schuf. Die Bauindustrie fand Aufträge bei der Errichtung der Wolkenkratzer, die nun ein Wahrzeichen amerikanischer Großstädte, aber auch der Macht der großen Konzerne wurden. Dazu kam der Bau von Suburbs, Vorstädten mit den Eigenheimen der Mittelschichten, die erst möglich wurden, als die Besitzer über ein Auto verfügten. Das Radio begann als Mittel, um in ganz Amerika Werbung zu machen, immer wichtiger zu werden. Die Leute sollten dadurch immer mehr konsumieren. Der Konsum wurde auch ermöglicht durch so genannte Ratenkäufe. Die Traumfabrik Hollywood wurde das Zentrum der Filmindustrie. Ihre Filme mit ihrem oftmals verfälschten Bild vom American Way of Life und der amerikanischen Geschichte dominierten bald die Kinos in vielen Ländern Ein großer Optimismus machte sich im Landes der "unbegrenzten Möglichkeiten" breit. Aber die Schattenseiten übersah man: Die Armut der Farmer, das Elend der Slumbewohner, das Aufkommen des organisierten Verbrechens, der Gangster, zu dem das seit 1920 bestehende totale Alkoholverbot ("Prohibition") wesentlich beitrug, das einen Schmuggel großen Ausmaßes zur Folge hatte, der oft durch korrupte Politiker und bestechliche Polizisten gedeckt wurde. Die Industrieproduktion der USA lag 1929 um 75% über der von 1913. Die Hoffnung, daß das Wirtschaftswachstum andauern würde, verführte weite Kreise des Volkes zu einer ungehemmten Aktienspekulation: Man kaufte mit geliehenem Geld Aktien in der Erwartung, sie mit Gewinn wieder verkaufen zu können. Es kam aber zu einer Überproduktionskrise, aus der eine Weltwirtschaftskrise entstand. Farmer und Industrielle konnten ihre Waren nicht mehr verkaufen. Die Lagerbestände wurden immer größer, sie drückten auf die Preise. Die Aktionäre wurden ängstlich; ihre Geldgeber forderten die geliehenen Gelder zurück. Große Mengen von Aktien wurden an der Börse zum Verkauf angeboten. Die Kurse stürzten. Der Wert der Aktien sank innerhalb einer Woche Ende Oktober 1929 nahezu um die Hälfte, also um viele Milliarden Dollar. Ängstlich forderten die Sparer ihre Einlagen zurück, die Kassen aber waren bald leer; viele Banken brachen zusammen, viele Sparer verloren ihr Geld. Da man die Produkte nicht mehr verkaufen konnte, wurden immer mehr Firmen geschlossen. Die arbeitslos gewordenen Menschen und die verarmten Sparer fehlten nun die Käufer weitgehend. Dadurch sank der Absatz noch weiter, die Produktion wurde wieder verkleinert, die Arbeitslosenzahl vergrößerte sich erneut. Schließlich waren 12 Millionen Menschen, mehr als ein Viertel aller Arbeitnehmer in den USA, ohne Arbeit. 1932 betrug die Produktion nur noch 48% derjenigen des Jahres 1929 22

Arbeitsblatt: USA: Die Goldenen Zwanziger Jahre M 1 Eine Meinung zum Thema „Geschäft“ in den 1920er Jahren Als Präsident Calvin Coolidge sagte, dass „die Aufgabe Amerikas das Geschäft“ sei, drückte er damit das aus, was viele Menschen während der 1920er Jahre dachten. Wie weit dies ausgelegt werden kann, lässt sich an einem Auszug aus einem Artikel des Journalisten Edward E. Purinton von 1921 ablesen: „Heutzutage steht Amerika verglichen mit allen Staaten der Welt nur für eine Idee: das Geschäft. Das vornehmste Spiel ist das Geschäft. Die Belohnungen sind für jedermann erreichbar und jeder kann gewinnen. Es gibt keine Begünstigten – die Vorsehung krönt stets die Karriere des Mannes, der es verdient. Und in diesem Spiel gibt es kein ‚Glück’ – man hat das Vergnügen, ein Risiko einzugehen, aber man muss andererseits dabei so nüchtern sein, dass man die Sicherheit nicht aus dem Auge verliert. Ganz auf sich gestellt hat man über die Geschwindigkeit und die Größe der eigenen Gewinne zu bestimmen; auf andere Mitspieler braucht man im Spiel nicht zu warten, man ist immer selbst am Zug. Und der Wahlspruch heißt nicht ‚Nieder mit dem Konkurrenten!’, sondern vielmehr ‚Brich den eigenen Rekord!’ oder ‚Mach es heute besser!’ oder ‚Mach ein Meisterstück aus jeder Arbeit!’ (…) Die umfassendste Erziehung leistet das Geschäftsleben. Eine angemessene Mischung aus Studium, Arbeit und Leben ist unentbehrlich für den Fortschritt. (…) In der Schule des Geschäftslebens bringt man sich zudem die Dinge selbst bei und lernt am meisten aus den eigenen Fehlern. Was man hier lernt, macht einen überlebensfähig, das ist der einzige wirkliche Test. Das Geschäft bietet die besten Lebenschancen überhaupt.“ M 2 Wohlstand für alle? M 2.1 Herbert Hoover im Wahlkampf 1928: „Wir in Amerika sind heutzutage dem finanziellen Sieg über die Armut näher als je zuvor in der Geschichte unseres Landes. Der Arme verschwindet aus unserer Mitte. (…) Unsere Arbeiter können mit ihrem durchschnittlichen Wochenlohn heute zwei- bis dreimal mehr Brot und Butter kaufen als ein Lohnempfänger irgendwo in Europa.“ M 2.2 Der Historiker David A. Shannon schrieb den folgenden Text in „Between the Wars: America 1914 – 1941“ (1965): „In den 1920er Jahren war Amerika eine relativ wohlhabende Gesellschaft. Der Überfluss ermöglichte es den Amerikanern, ihre Lebensweise beträchtlich zu verändern, sich ein Auto zu kaufen und ein Radio, ins Kino zu gehen, ihre Schulen zu verbessern und ihre Kinder ein paar Jahre länger zur Schule zu schicken als sie selbst hingehen konnten.“ Aufgaben: • Schreibe Vor- und Nachteile des amerikanischen Systems auf. Stimmst du den Autoren zu? Begründe deine Antwort. • Definiere das Wort „Wohlstand“. Kann wirklich jeder reich werden? Fertige eine Liste der Dinge an, die die Grundlage für persönlichen Erfolg bilden. • Welche Rolle spielt die Regierung in der amerikanischen Wirtschaft

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Arbeitsblatt: USA: Weltwirtschaftskrise M 1 Mit dem Auto ins Armenhaus Der Humorist und Kritiker des amerikanischen Lebensstils Will Rogers: „Wir haben mehr Weizen, mehr Mais, mehr Esswaren, mehr Baumwolle, mehr Geld auf der Bank, mehr von allem in der Welt als irgendeine andere Nation zu irgendeinem Zeitpunkt je zur Verfügung hatte, und trotzdem verhungern wir. Wir sind die erste Nation der Weltgeschichte, die mit dem Auto ins Armenhaus fährt.“ M 2 Schafe töten Ein Bauer im Februar 1932: „In den Städten New York und Chicago sah ich Männer die Mülltonnen nach Fleischresten durchsuchen. Ich sprach mit einem Mann in einem Chicagoer Restaurant. Er erzählte mir von seinen Erfahrungen mit der Schafzucht. Er sagte, er habe in diesem Herbst 3000 Schafe getötet und sie in den Canyon hinabgeworfen, weil es $ 1.10 kostet, ein Schaf [zum Schlachthof] zu befördern, und dann würde er weniger als einen Dollar für ein Schaf bekommen. Er sagte, er könne es sich nicht leisten, die Schafe zu füttern, und er wolle sie nicht einfach verhungern lassen, deshalb habe er ihnen die Kehle durchgeschnitten und sie in den Canyon geworfen.“ M 3 Nichts zu Essen Ein Stadtangestellter aus Philadelphia (Frühjahr 1932): „Eine Frau sagte mir, sie habe sich 50 Cent von einem Freund geborgt und altbackenes Brot für 3 ½ Cent pro Laib gekauft, und das sei alles gewesen, was sie für elf Tage hatten, abgesehen von ein bis zwei warmen Mahlzeiten. (…) Eine andere Frau ging an den Docks entlang und sammelte Gemüse auf, das von den Wagen gefallen war. Manchmal schenkten ihr die Fischhändler am Ende des Tages etwas Fisch. Es kam zweimal vor, dass diese Familie anderthalb Tage ganz ohne Nahrung war.“ M 4 Die Bedrückung durch die Große Depression M 4.1 Oscar Heline, ein Bauer aus Iowa: „Der Überlebenskampf, den die Leute durchzustehen hatten, war beinah unfassbar. Ein Mann lebte sein Leben lang auf seinem eigenen Bauernhof, er wurde ihm weggenommen. Eins nach dem Anderen. (…) Er verlor nicht nur den Bauernhof, sondern es war ihm auch unmöglich, sich aus seinen Schulden zu befreien. (…) Zuerst nahm man ihm den Bauernhof, dann das Vieh, dann die landwirtschaftlichen Geräte und Maschinen, sogar den Hausrat. Und dann wurde er vor die Tür gesetzt. (…)“ M 4.2 Tom Sutton: „Ich glaube nicht, dass wir ein grundsätzlich revolutionsbereites Land sind. Wir haben eine zu große Mittelschicht. Die Mittelschicht tendiert zu Apathie. Und eine apathische Mittelschicht verleiht einem System Stabilität. Sie lässt sich nicht begeistert mitreißen weder in die eine noch in die andere Richtung. Vielleicht werden wir Aufruhr erleben, vielleicht Schießereien. Vielleicht wird es Aufstände geben wie die der Bauern in Iowa. Aber wir werden keine Revolution haben.“ Aufgaben: • Kannst du dir vorstellen, wie die Menschen in der Zeit der Depression gelebt haben? (M 1–M 4.1) • Was macht die Begriffe „Depression“ und „Wohlstand“ relativ? Erläutere, ob Menschen ständig mehr Güter benötigen, um glücklich zu sein. • Du bist einer der Bauern, die alles verloren haben, und du schreibst an einen Verwandten in Boston, weil du Hilfe brauchst.

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4.4 Roosevelt und der New Deal Die Regierung des Präsidenten Hoover fand in dieser Krisensituation keine Lösungen. In den Wahlen des Jahres 1932 trat gegen Hoover als Kandidat der Demokratischen Partei FrankIin D. Roosevelt an. Er stammte aus einer reichen New Yorker Familie und hatte als Gouverneur des Staates New York er eine moderne Sozialgesetzgebung eingeleilet. In den Wahlkampf zog er mit dem Versprechen, durch einen New Deal (Neuausteilung der Spielkarten) "für den vergessenen Mann auf der Straße" zu sorgen, für eine Belebung der Wirtschaft und damit für die Überwindung von Arbeitslosigkeit und Armut. Eine große Mehrheit der Wähler schenkte ihm Vertrauen Bis zu seinem Tod 1945 wurde er - ein einmaliger Vorgang in der US-Geschichte - noch dreimal wiedergewählt. Roosevelt leitete eine Fülle von Maßnahmen ein, von denen aber viele scheiterten; dennoch vermochte er durch seinen Optimismus und sein Selbstvertrauen die Hoffnungslosigkeit, die die Amerikaner erfaßt hatte, zu überwinden. Roosevelt gelang es durch staatliche Arbeitsprogramme, die er mittels einer schnell wachsenden Staatsverschuldung finanzierte, mehreren Millionen Menschen wenigstens zeitweise wieder Arbeit zu verschaffen: Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Flugplätze wurden gebaut oder erneuert. Am erfolgreichsten war die Einrichtung der Tennessee-Valley-Authority (TVA). Mit diesem staatlichen Unternehmen wurde ein riesiges Elendsgebiet saniert. Die Banken kamen unter staatliche Kontrolle; dadurch gewannen die Sparer wieder Vertrauen. Sein Versuch, die Agrarpreise durch Produktionseinschränkungen zu stützen - die Farmer erhielten dafür Prämien - misslang weitgehend; das Elend der Landarbeiter wurde kaum gemindert. Seit 1935 wandte sich Roosevelt vor allem der Sozialgesetzgebung zu. Für die Amerikaner war das ein scharfer Ruck nach links, viele opponierten. Kinderarbeit wurde verboten, Mindestlöhne wurden verordnet, Arbeitslosen-, Invaliden- und Altersversicherungen eingeführt. Auch Studenten, Schüler, Künstler, Wissenschaftler erhielten staatliche Hilfe. Erhöhte Steuern deckten einen Teil der Kosten. Gleichzeitig wurde auch die Macht der großen Konzerne beschnitten. Viele dieser Maßnahmen waren - verglichen mit den sozialen Sicherungen in den europäischen Industrieländern - unzulänglich; für amerikanische Verhältnisse und Denkgewohnheiten aber waren sie nahezu revolutionär. Das galt auch für Roosevelts Politik gegenüber den Gewerkschaften: Der Kongreß genehmigte seine Gesetzesvorlagen, die endlich den Gewerkschaften Organisations-, Verhandlungs- und Streikrecht gewährten und sie damit als gleichberechtigte Partner der Unternehmer anerkannten. Der New Deal bedeutete den Bruch mit den Grundsätzen des uneingeschränkten Wirtschaftsliberalismus. Großunternehmen und Banken mußten staatliche Eingriffe hinnehmen, statt wie bisher weitgehend die Politiker zu beherrschen. Neben Geschäftswelt und Landwirtschaft trat mit Unterstützung der Regierung als dritte gesellschaftliche Macht die organisierte Arbeiterschaft. Die USA waren nunmehr auf dem Weg zu einem modernen Sozialstaat.

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