bildende Kunst)

bschlussprojekt D3 Fr. Krämer Thema: Kreatives SchreibenSchreiben nach Stimuli Kunst (Musik/ bildende Kunst) „Die Kunst ist eine Vermittlerin des Un...
Author: Stefan Krause
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bschlussprojekt D3 Fr. Krämer

Thema: Kreatives SchreibenSchreiben nach Stimuli Kunst (Musik/ bildende Kunst)

„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“ Johann Wolfgang von Goethe

1

nhaltsangabe Seite Autor/in

Titel

zu:

3

männlich

The story of my love I

,,Everytime’’- Rooftop Kingdom

4

weiblich

The story of my love II

„Only Girl“- Rihanna

5

weiblich

Liebe.

“Back for good”-Take That

6

weiblich

Irgendwo in dieser Bitterkeit

“how to save a life”- The Fray

7-8

männlich

Ruhe

Friedhof im Schnee- C.D. Friedrich

9-10

weiblich

Fußspuren im Sand

„Footprints in the Sand“- Leona Lewis

11

männlich

So perfekt Unperfekt

„XOXO“- Casper

12

weiblich

Frühlingserwachen

„Altes Kamuffel“- Paul Kalkbrenner

13-14

weiblich

Märchen

„Wishes“- Superchick

15

weiblich

It's too cold outside, too cold for angels to fly

“The A –Team”- Ed Sheeran

16-18

männlich

Gefährliche Vergangenheit

„The Islander“- Nightwish

19

weiblich

Frühling.

„Raus mit der schlechten Luft, rein mit der guten“- Mikroboy

20

männlich

Sommergefühl

“Iridescent”- Linkin Park

21

männlich

The Good Life

“Good Life”- One Republic

22-24

weiblich

Luft voller Goldstaub & Abschiedsworte

“Brother Swing”- Caravan Palace

Schülerin zu „Misguided Ghosts“- Paramore & „Elektrisches Gefühl“- Juli - auf eigenen Wunsch unveröffentlicht –

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Autor zu ,,Everytime’’ von Rooftop Kingdom

(die Band wo der Bube singt, der USFB gewinnt)

The story of my love I Die Geschichte ereignete sich an einem Dienstag im vergangen Jahr. Wie jeden Dienstag besuchte ich den nahe liegenden Supermarkt, um Nahrungsmittel zu erwerben. Ich schlenderte durch die Gänge und erblickte plötzlich in der Nähe des Kühlregals eine engelsgleiche Gestalt. An dieser Frau war einfach alles perfekt. Gesicht, Körper, Ausstrahlung sogar ihre Stimme und so dachte ich mir: ,,Dich heirate ich!’’ Doch die Realität holte mich zurück und mir wurde bewusst, dass so eine Frau niemals einen ,,Lurch’’ wie mich nehmen würde. Während ich vor mich hingrübelte, war die Frau auch schon verschwunden und ich begriff, dass dies wohl die einzige Chance gewesen war, die Unbekannte anzusprechen. Tagelang machte ich mir Vorwürfe und ärgerte mich über mein feiges Verhalten. In der darauf folgenden Woche besuchte ich erneut den Supermarkt und erblickte wieder meine Traumfrau. Ich dachte mir: ,,Wenn das kein Zufall ist?’’ Dieses Mal würde ich es nicht vermasseln. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sagte zu mir selbst: ,,Wer ist der Geilste? Ich bin der Geilste!’’ und schritt mit vollem Elan auf die Frau zu. Und was soll ich sagen…morgen wird geheiratet

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Autorin zu „Only Girl“ von Rihanna The story of my love II Viele Dinge im Leben geschehen unerwartet. Jede Liebe hat eine Geschichte, so wie meine. Ich stand im Supermarkt, um ein paar Erledigungen für das Wochenende zu machen. Irgendwann bemerkte ich, dass mich jemand beobachtete, aber auf eine angenehme Art. Er sah gut aus. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Nein, über sein Aussehen ließ sich wirklich nichts Schlechtes sagen. Ob er wohl eine Freundin hatte? Einen Ehering konnte ich zumindest nicht aus der Entfernung sehen. Ich drehte mich kurz weg und als ich wieder hinsah, war er verschwunden. Ein Gefühl der Enttäuschung überkam mich. Gleichzeitig fragte ich mich, wieso ich mich so in diese Situation hineinsteigerte. Es war immerhin nur eine Supermarkt-Bekanntschaft, wir hatten ja nicht einmal miteinander gesprochen. Diese Begegnung blieb mir im Gedächtnis. Die erste Zeit darauf, versuchte ich immer zu der Zeit des besagten Abends in den Supermarkt zu gehen, aber den Unbekannten sah ich nicht. Wochen später, ich hatte die Begegnung schon längst vergessen, stand er plötzlich vor mir und lächelte mich bloß an. Ein Gefühl überkam mich, das ich nie zuvor gespürt hatte. Was war das? Ich hatte schon viele Beziehungen hinter mir, aber so etwas habe ich noch nie gespürt. Wir tauschten unsere Nummern aus, trafen uns zum Kaffee oder Abendessen und wurden schließlich zum Paar. Dieses unbekannte Gefühl wurde sogar noch intensiver, nun weiß ich auch, was es ist: Liebe. Morgen werden wir heiraten. Und ich weiß, dass er der Eine ist.

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Autorin zu “Back for good” von Take That Liebe. Plötzlich ist sie da, um anschließend in dem Nichts, aus dem sie kam, zu verschwinden. Der Zeitpunkt ihrer Ankunft ist stets ungewiss, erwartest du sie, lässt sie sich Zeit, bist du gerade sehr beschäftigt und kannst sie eigentlich nicht gebrauchen, so drängt sie sich dir anstandslos auf. Vertrösten lässt sie sich nicht. Ihre Anwesenheit lässt deine Konzentration schwinden, sie inspiriert oder blockiert dich, sie verändert deine Prioritäten. Mal schleicht sie sich auf leisen Pfoten an, mal trifft sie dich wie der Blitz, mal klopft sie nur sehr leise an deine Türe und verschwindet spurlos, noch bevor du ihr öffnen konntest. Ist sie erstmal bei dir, bleibt sie auf unbestimmte Zeit. Hat sie entschieden fortzugehen, geht sie still und heimlich oder mit lautem Getöse und Schmerz. Jeder Versuch, sie zu halten, zu besitzen und zu kontrollieren wird kläglich scheitern. Rücksichtnahme kennt sie nicht. Sie macht mit dir, was ihr beliebt, deine Meinung interessiert sie herzlich wenig. Sie lässt dich Fragen stellen und wird dir keine Antwort geben. Sie versetzt dich in einen wundervollen Rausch, macht dich süchtig, führt dich langsam aber sicher in eine totale Abhängigkeit hinein, um dich anschließend mit der Offenbahrung einer knallharten Realität und mit ausgesprochener Grausamkeit nieder zu werfen. Sie lässt dich ohne Vorwarnung ins offene Messer rennen. Wenn dein Herz schmerzt, hast du es ihr allein zu verdanken. Sie öffnet dir die Augen und lässt dich wahre Schönheit erkennen, ebenso lässt sie dich erblinden und all das Schlechte verdrängen. Deine Sinne zu vernebeln, hat sie meisterlich gelernt. Sie nimmt dir die Freiheit, deine Entscheidungen mit klarem Verstand zu treffen, lässt Grenzen zwischen "richtig" und "falsch" geschickt verschwimmen, sodass du nicht mehr im Stande sein wirst, zu erkennen. Sie beflügelt dich und entreißt dir die Flügel noch im selben Moment. Sie lässt dich den gleichen Fehler zweimal machen und Dinge tun, für die du andere zuvor verachtet hast. Sie ist mächtig, ihr zu entsagen geschieht niemals kampflos. Denn sie ist es, die den wilden Tiger zum zahmen Kätzchen, den Schlechten zum Guten und den Reisenden zum Sesshaften macht. In einem ewig währenden Zyklus macht sie den Traurigen glücklich und den Glücklichen traurig. Du wirst sanft, wehrlos und verletzlich und nicht selten macht dir das Angst. Sie ist individuell, zeigt sich jedem von einer anderen Seite und passt sich dennoch niemals an. Sie ist unendlich schön und doch zeigt sie sich dir dann und wann schamlos von ihrer hässlichsten Seite. Sie ist des Einen Glück und bedeutet gleichzeitig des Anderen Leid. Sie spielt mit dir und du wirst nie gewinnen. Zeigt sie sich dir in ihrer vollkommenen Reinheit, knüpft sie nicht an Bedingungen. Dein Verstand ist ihr Gegner, sie versteht sich auf Triebe und intensive Gefühle, solche Gefühle, die deinen Alltag und dein Leben prägen. Sie schreibt deine ganz eigene Geschichte, und wenn du in 40 Jahren vor einem Kaminofen in deinem Wohnzimmer verweilst und auf dein Leben zurückblickst, wird sie es sein, an die du dich am ehesten erinnerst. 5

Autorin zu “how to save a life” von The Fray Irgendwo in dieser Bitterkeit Während er so da saß, vom engsten Kreis seiner Familie umgeben und den Sarg seiner toten Frau anstarrte, schweiften seine Gedanken in die Vergangenheit zurück. Die Blumenpracht von weißen Rosen, die ihren Sarg bedeckte, erinnerte ihn an seinen Hochzeitstag. Solche Blumen hatte es damals auch gegeben. Überall, in der Kirche, im Wohnzimmer und sogar das Schlafzimmer hatte er heimlich damit dekoriert. Dieser Tag schien eine Ewigkeit her zu sein. Damals hatte er das Gefühl gehabt, das Leben fest in den Händen zu halten und geglaubt, dass sich nichts jemals zwischen ihn und seine Frau würde stellen können. Und am Ende war er es selbst gewesen. Hätte er etwas ändern können? Hätte er ihren Tod verhindern können? Und ihn beschlich die leise Gewissheit, dass er die Schuld trug an ihrem Tod. Natürlich hatte er sie nicht umgebracht, denn für einen Herzinfarkt trug er nicht die Verantwortung. Für die Zeit in ihrer Ehe davor jedoch schon. Er hätte sie besser behandeln sollen. Wie oft hatte er sie mit den Kindern allein gelassen und an wie vielen Feiertagen hatte er gefehlt, weil ihm seine Arbeit wichtiger gewesen war? Zu Anfang hatte sich seine Frau noch über seine häufige Abwesenheit beschwert, es dann später jedoch unterlassen, als sie einsehen musste, dass sie nichts daran ändern würde. Sie waren doch früher die besten Freunde gewesen… Wie hatte es so weit kommen können, dass er sich von seiner besten Freundin auch emotional immer mehr entfernt hatte? Am Tag ihrer Heirat hatten sie sich ihr Leben gewiss nicht so vorgestellt. Sie hatten sich gegenseitige Liebe und Treue geschworen, bis an ihr Lebensende. Wann hatten sie den Zeitpunkt übersprungen, an dem die Liebe verschwand? Wann war es zu spät gewesen, zu einem glücklichen Leben zurückzukehren? Ihm wurde bewusst, dass die letzten Jahre praktisch nur noch aus einem arrangierten Zusammenleben bestanden hatten, mit einem höflichen Lächeln auf den Lippen, aus dem jegliche Zärtlichkeit verschwunden war. Wo sie beide früher an einem Strang gezogen hatten, standen sie in den letzten Jahren oft auf zwei verschiedenen Seiten. Ihre Auseinandersetzungen hatten zugenommen und an der Stelle, an der sie sich früher lachend entschuldigt hätten, hatten nun gegenseitige Schuldzuweisungen Platz genommen. Wie oft hatte sie ihm gepredigt, was er falsch machte und er hatte einfach nicht zugehört. Wie an dem Abend ihres Todes, vor sieben Tagen. Sie hatten einen heftigen Streit gehabt, über was, das wusste er schon gar nicht mehr. Wieder einmal eine belanglose Kleinigkeit. Aber anstatt sich zu verständigen, hatte er gesagt, er sei müde und müsse schlafen gehen. Also ging er hoch ins Schlafzimmer, früher als sonst und schloss die Türe. So konnte er die Rufe seiner Frau, die ein paar Stunden später einen Herzinfarkt erlitt, nicht hören, und fand sie früh am nächsten Morgen tot im Wohnzimmer auf. Was hatte er falsch gemacht? Wie konnte er nur zu einem so verbitterten Menschen werden? Wenn er gewusst hätte, wie er ihr Leben hätte retten können, wäre er die ganze Nacht lang mit ihr wach geblieben. Aber jetzt war es zu spät. Jetzt hatte er seine Freundin verloren, irgendwo in dieser Bitterkeit.

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Autor zu Friedhof im Schnee (C.D. Friedrich) Ruhe Verlassen lag der Friedhof da, schon seit langem war niemand hier gewesen. Jetzt im Winter war die Erde hart gefroren und das kalte Weiß bedeckte alles. Schon so lange war sie nicht mehr hier gewesen. Der kalte Wind stach mit spitzen Nadeln in ihre Haut und ihre Füße versanken tief im Schnee und hinterließen Fußspuren. Weit entfernt vom Dorf lag der Friedhof, heute kaum noch genutzt und fast vergessen, wie die Toten, die man nicht hatte haben wollen. Denn sie waren nicht so gestorben, wie es in dem kleinen Dorf gewünscht war, so wie ihr Bruder und auch ihre Mutter. Tot lag die Begräbnisstätte da, so wie jene, die auf ihr ruhten. Menschen waren hier schon lange nicht mehr gewesen und die Natur hatte begonnen, sie sich wieder zu dem ihrigen Ort zu machen. An den schwarzen Gräbern hatten Regen, Wind und Schnee erbarmungslos genagt. Friedhof im Schnee- Caspar David Friedrich

„Die letzte Ruhe“, so hätte man es bezeichnen können, was sie sah. Die Bäume am Rand der den Friedhof umgebenden, schulterhohen Mauer waren kahl und schwarz, der Schnee konnte sie nur mäßig bedecken. Ein Paar Krähen suchten nach Futter und flogen dann hinauf in die graue Weite, sie schienen nicht zu wissen, dass die violetten Wolken am Horizont, die den nächsten Schneesturm ankündigten, schon den Himmel einnahmen. Der Wind war stärker geworden und kroch durch jede Lücke ihrer Kleidung, doch er konnte ihr nichts anhaben. Er erinnerte sie an jenen Wind, der ihr entgegengeweht war, als sie es erfuhr. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass jeder aus dem kleinen Dorf es vor ihr gewusst hatte. Sie mochte die Erinnerung nicht, aber hier erinnerte sie alles an ihn. Die Kirchturmuhr hatte sieben geschlagen, als der Bäcker den toten jungen Mann dort liegen sah, vor der Haustür, unmittelbar unterhalb des Dachfensters, Gesicht und Kleidung schwarz vom Schmutz der Straße. Sofort hatte er das ganze Dorf zusammengerufen. Niemand stellte Fragen und auf das Drängen der Mutter wurde nicht die Polizei gerufen. So bekam ihr Sohn nur eine schlichte Beisetzung auf diesem Friedhof, fern vom Dorf.

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Bei der Beerdigung waren nur die Mutter und sie selbst gewesen, denn niemand aus dem so konservativen Dorf wollte mit einem Selbstmörder in Verbindung gebracht werden, denn es war eine Schande. Nicht einer war seitdem mehr hier gewesen, so schien es ihr. Selbst ihre Mutter nahm Abstand zu ihm, keiner sollte sie hier sehen. Als Kind hatte sie es nicht verstanden, was die Erwachsenen sagten, und keiner von ihnen hatte sie darüber aufgeklärt. Danach war nie wirklich Zeit gewesen und gekannt hatte sie ihn ohnehin nicht richtig. Kurz darauf war ihre Mutter immer sonderbarer geworden. Sie hatte ihre Tochter vergessen und an einem nebelverhangenen Mittwochabend hatte man sie abgeholt. Auch sie lag jetzt hier, eine Frau, die irre war, wollte keiner der Dorfbewohner auf dem Kirchplatz haben, wo doch all die braven und sittsamen Leute des Dorfes ihre letzte Ruhe fanden. Eine Familie hatte sie aufgenommen und als sie alt genug war, war sie ausgewandert und hatte ihre Vergangenheit hinter sich gelassen. Doch im Alter war sie zurückgekommen. Schon seit einiger Zeit konnte sie sich an immer weniger erinnern, sie war alt und krank geworden. Allein war sie auch, doch das hatte sie mehr genossen, als dass sie traurig darüber war. Jetzt jedoch, hier auf dem Friedhof war ihr Bewusstsein ungetrübt und sie konnte sich an alles erinnern, auch ihr Rücken schmerzte nicht mehr. Sie wollte weinen, doch die Tränen kamen nicht. Sie hatte nie geweint, die ganze Zeit, vielleicht hatte sie es verlernt. Sie stützte sich auf ihren Stock und lächelte. Ihre Beine gaben schließlich nach, und die alte gebrechliche Frau sank zu Boden. Der Himmel verdunkelte sich und es begann zu schneien. Die Ruhe war vollkommen und der Wind hatte sich gelegt. Gleichzeitig verschwand der Hauch vor ihrem Gesicht. Die Krähen hatten sich wieder auf der Mauer niedergelassen und ihre Schreie durchbrachen die Stille. Denn als Todesvögel wussten sie, wann ihre Zeit gekommen war. Verlassen und erstarrt schien die weiße Welt, von der sich nur ihr schwarz absetzte.

Ruhe

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Autorin zu „Footprints in the Sand“ von Leona Lewis Fußspuren im Sand Der Wind heulte, blies mir ins Gesicht und wehte mir das klatschnasse, strohblonde Haar in die Augen, als ich über den nassen, sandigen Untergrund stapfte. Das pechschwarze Meer rauschte bedrohlich, während der bleigraue Himmel mich mit einem Regenschauer nach dem anderen begoss. Es schien fast so, als wäre ich diesen Naturgewalten hier nicht willkommen, als wollten sie mich zur Umkehr bewegen. Ich setzte mich in einen der vielen Strandkörbe, die hier zu hunderten herumstanden. Der Regen hatte auch ihn nicht verschont, und als ich mich hineinsetzte, durchweichte das Wasser, das aus der gepolsterten Sitzfläche quoll, mein Hinterteil bis auf die Unterwäsche. Ich sah über den nassen, matschigen Strand hinweg auf das Meer und den Sturm, der darüber tobte. Ich war in meiner Kindheit oft an diesem Ort gewesen, und doch war er mir noch nie so unheimlich und bedrohlich erschienen wie jetzt. Dies war der Ort, an den ich mit meiner Familie jeden Sommer in den Urlaub gefahren war. Dies war der Strand, an dem ich zusammen mit meiner Mutter Sandburgen gebaut hatte und auf den Schultern meines Vaters über meterhohe Wellen gesprungen war. Eine Träne glitt leise über meine Wangen, als ich daran dachte, wie glücklich wir hier gewesen waren. Vor zwei Jahren war ich zum letzten Mal mit ihnen hier gewesen. Am letzten Urlaubstag hatte ich ihnen gesagt, dass ich danach nicht mehr mit ihnen, sondern lieber mit meinen Freunden in Urlaub fahren wollte. Inzwischen wünschte ich mir, dass ich im letzten Jahr, anstatt mit meinen Freunden nach Mallorca zu fliegen, doch mit meinen Eltern an die Ostsee gefahren wäre. Dann wäre ich jetzt nicht allein auf der Welt. Dieser Gedanke war so unerträglich, dass ich nicht mehr stillsitzen konnte. Ich erhob mich aus dem Strandkorb und ging ein paar Schritte durch den nassen Sand, während ich an den 13. Dezember letzten Jahres dachte, den Tag, an dem mein Leben aus den Fugen geriet. Meine Eltern hatten wie jedes Jahr ihren Sommerurlaub hier an der Ostsee verbracht. Sie waren gerade auf dem Weg nach Hause, als es passierte. Der Lastwagenfahrer neben ihnen übersah den schwarzen Golf, in dem sie saßen, scherte aus und erwischte sie seitlich, sodass sie beide gegen die Leitplanke in der Autobahnmitte geschleudert wurden und lebensgefährliche Verletzungen erlitten. So zumindest hatte es mir die Ärztin geschildert, die mich morgens um halb sechs aus dem Krankenhaus in Hamburg angerufen hatte, in das meine Eltern nach ihrem Unfall eingeliefert worden waren. Heute, auf den Tag genau ein Jahr später, konnte ich mich noch an jedes Detail dieses Gespräches erinnern. Dagegen war die darauffolgende vierstündige Jagd über die Autobahn ins fünfhundert Kilometer entfernte Hamburg nur noch ein diffuses Gewirr aus Hoffnung, Angst und Verzweiflung. Nur eine Handvoll klarer Erinnerungen stachen aus diesem Gefühlschaos hervor. Die Zeit, die ich wartend und ins Leere starrend auf dem Flur der Notaufnahme verbracht hatte, war fast vollständig aus meinem Gedächtnis verschwunden. Das Nächste, an das ich mich erinnern konnte, war, dass die Tür zu den Operationssälen aufging und ein junger Arzt heraustrat, der mich entdeckte und auf mich zuschritt. Schon, als ich den ernsten Ausdruck auf seinem Gesicht sah, verlor ich alle Hoffnung, und meine schlimmsten Ängste wurden zur Gewissheit. Mit Grabesstimme sprach er mir sein Beileid aus und erklärte mir, dass er und seine Kollegen alles Mögliche getan hätten und doch am Ende machtlos gewesen seien. Meine Eltern waren ihren Verletzungen erlegen. Die Gefühle, die mich überkamen, als er mir dies sagte, sind mit Worten nicht zu beschreiben. Es war, als hätte mir jemand in die Brust geschossen. Mein Herz blutete und pochte in dem verzweifelten Versuch, das Loch zu schließen. Es tat so weh, dass ich in

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diesem Moment am liebsten gestorben wäre, nur um diesen unendlichen Schmerz nicht länger fühlen zu müssen. Auch heute ging es mir noch häufig so. Da der Schmerz wieder einmal drohte, mich zu überwältigen, blieb ich auf meinem Weg über den Strand stehen und blickte zurück. Ich hatte in dem nassen, sandigen Untergrund eine tiefe Spur hinterlassen. Sofort musste ich an den Song „Footprints in the Sand“ von Leona Lewis denken. Ich hatte ihn nach dem Tod meiner Eltern oft gehört, denn Leona Lewis war die Lieblingssängerin meiner Mutter gewesen. Besonders dieses Lied hatte sie sehr gemocht, und indem ich es hörte, fühlte ich mich ihr sehr nahe. Seit dem Tod meiner Eltern gab es einige Lieder, die ich nicht mehr hören konnte, weil sie mich emotional zu sehr quälten. Da wäre zum Beispiel „Stille Nacht“, das liebste Weihnachtslied meines Vaters, das die Christmette im letzten Jahr für mich zu einer Folter gemacht hatte. Oder „Bridge of Light“ von Pink, das ich im Radio gehört hatte, als ich auf dem Weg nach Hamburg wie eine Irre über die Autobahn gerast war, während dort die Ärzte im Krankenhaus verzweifelt versucht hatten, die Leben meiner Eltern zu retten. Mit „Footprints in the Sand“ verhielt es sich anders. Es handelte von Verlust und sprach mir so direkt aus dem Herzen. Andererseits gab es mir aber auch immer wieder Hoffnung: I promise you I’m always there When your heart is filled with sorrow and despair I’ll carry you when you need a friend You’ll find my footprints in the sand Ohne diese Hoffnung, dass meine Eltern an irgendeinem Ort weiterleben und wie zwei Schutzengel über mich wachen und mich beschützen, wäre ich wohl schon vor langer Zeit wahnsinnig geworden. In dieser Vorstellung hatte ich die Kraft gefunden, irgendwie weiterzumachen, weiterzuleben. Nur diese Vorstellung hielt mich davon ab, hier und jetzt ins Meer zu gehen und mich der rohen Gewalt der Natur zu überlassen.

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Autor zu „XOXO“ von Casper So perfekt Unperfekt Wie soll man das erklären? Es ist nicht unbedingt schön und richtig. Vielleicht ist es auch nicht gut. Aber das liegt bekanntlich immer im Auge des Betrachters. Möglicherweise sucht er auch immer die Extreme, die er selbst nicht erfüllen kann. Denn du bist, was du vermisst. Vielleicht tanzen sie auch in den dreckigsten Läden der Stadt. Freitags morgens. Alleine. Oder sie zerbricht ihre letzte Zigarette für ihn. Das letzte Abendmahl. Nur so erzählt, wie es sein sollte. Und in Wahrheit geht es auch nicht um mehr. Oder? Es geht nicht um Ringe und Champagner. Und auch nicht um Einfamilienhaus und Garten. Auf jeden Fall nicht bei ihnen… Denn er trägt sie nach Hause, wenn ihr Absatz abknickt. Denn sie schlägt sich mit Frauen, die ihm einen Drink ausgeben. Denn sie leben den Film, den andere nur sehen. Ist das zu pathetisch? Ach, was. Es geht nur darum, eine Geschichte zu erzählen. Und das ist es auch. Eine Geschichte. Keine aus dem Laden. Mit schickem Einband und einem Foto des Autors im Umschlag. Denn manche Geschichten schreibt nur das Leben. Und wer könnte das nur fotografieren? Ihr fragt: Wird es halten? Man wird auf jeden Fall nie sagen: „ Und wenn sie nicht gestorben sind…“

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Autorin zu „Altes Kamuffel“ von Paul Kalkbrenner Frühlingserwachen Eines Morgens erwachte ich und vernahm das vergnügte Zwitschern der Vögel und heitere, blendende Sonnenstrahlen, die jeden Winkel meines Zimmers ausfüllten. Aufgeregt erwachte ich, lief zum Fenster und vernahm die ersten Anzeichen des Frühlings. Die Knospen an den Bäumen hatten sich bereits ausgebildet, die Sonnenstrahlen hatten diese gewisse Farbe, wie sie sie nur im Frühling haben, die Vögel waren aus dem Süden zurückgekehrt und verkündeten die frohe Botschaft. Ich öffnete mein Fenster weit und atmete die wundervolle Frühlingsluft ein. Kühl, klar und rein, wie ein Parfum, dessen Herznote aus Fröhlichkeit und Energie bestand. Plötzlich kam mir ein Gedicht in den Kopf, dass ich vor langer Zeit in der Schule gelernt habe, doch es gefiel mir so gut, dass ich es nie vergaß: Eduard Mörike-Frühling lässt sein blaues Band Frühling lässt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist' s! Dich hab ich vernommen Dies war wirklich ein wundervolles Gedicht. Um meine enthusiastische Freude zu verstehen, sollte man wissen, dass der Winter, der hinter uns lag, ein wirklich harter, langer Winter war, der viele Opfer forderte. Über drei Monate bewegten sich die Temperaturen zwischen -5 und -20°C. Viele Obdachlose konnten der eisernen Kälte nicht standhalten und erfroren. Es war ein solch wildes Schneetreiben, dass selbst die Nahrung aufgrund der Straßenverhältnisse oft nicht in unseres Lädchen ankam. Außerdem die kurzen Tage. Die ständige Dunkelheit, die die Menschen melancholisch werden lässt. Doch etwas Gutes hatte es auch. Wir besitzen einen wundervollen Ofen. Er ist dunkelrot und sein Erscheinungsbild ist rustikal und trotzdem hübsch. Außerdem dient er nicht nur dazu, die Familie zu wärmen, denn wenn wegen des Schneechaos mal wieder der Strom ausgefallen war, konnten wir auf ihm auch kochen und backen. Dann setzten wir uns alle um den alten, massiven Tisch, der vor unserem warmen Ofen steht und tranken Kakao, aßen Bratäpfel und zündeten Kerzen an. Plötzlich wurde ich in meiner Tagträumerei unterbrochen. Meine Mutter trat in mein Zimmer und begrüßte mich freundlich. Dann erzählte sie mir, dass wir heute Abend den Frühlingsanfang feiern wollten und dass wir nun eine Menge vorzubereiten hatten. Also backten wir zusammen Kuchen und mein Vater machte alles für das große Feuer in unserem Garten bereit. Abends kamen viele Freunde und Nachbarn und wir saßen mit kuschligen, wärmenden Decken ums Feuer herum. Dann schaute ich in den klaren Sternenhimmel. Die Sterne funkelten hell und klar und der Mond hatte seine volle Pacht erreicht. Ich fühlte mich glücklich und frei. 12

Autorin zu „Wishes“ von Superchick Märchen Ich gucke mich um und sehe nur weiße Wände in allen Himmelsrichtungen. Der Raum, in dem ich mich befinde scheint riesig zu sein. Fenster gibt es keine und doch ist es so hell, dass ich meine Augen kaum offen halten kann, als würden tausend Sonnen auf einmal strahlen. Ich muss immer wieder blinzeln und kann erst nach einigen Minuten die Augen weit öffnen, um meine Umgebung wahrzunehmen. Wo bin ich nur gelandet? Als ich an mir runtergucke, um festzustellen, ob ich tot bin und das hier der Himmel ist, muss ich feststellen, dass auch ich völlig in weiß gekleidet bin. Ein einfaches weißes T-Shirt und eine lange weiße Hose schlabbern um meinen Körper. Ich bin barfuss und obwohl ich mich noch an die Kälte erinnern kann, die meinen Körper bei -18°C zum Schlottern gebracht haben, ist mir mollig warm. An dem Ort, an dem ich mich befinde scheint es keine Zeit zu geben. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich wohl schon hier bin und langsam schleichen sich Angst und Zweifel in meine Gedanken. Dieser Ort ist so merkwürdig. Wieso bin ich nur hier gelandet? An einem Ort ohne Zeit. Ich kann nicht mal erkennen welche Jahreszeit hier gerade ist. Es ist einfach nur alles weiß und dieses Weiß scheint sich ins schier Unendliche hin zu ziehen. Und dieses helle Licht, dass alles erleuchtet, obwohl ich seine Quelle nicht ausmachen kann. Es ist einfach da; so wie alles einfach das ist an diesem Ort. Ohne Erklärung - ohne Sinn. Was ich jetzt tun soll, weiß ich nicht. Also fange ich einfach an zu laufen. Setzte einen Fuß vor den anderen, bevor ich weiß wie mir geschieht. Meine Füße haben ihren eigenen Willen und wie benommen gehorche ich ihren Befehlen. So laufe ich immer weiter und weiter und versuche, jede kleinste Veränderung meiner Umgebung wahrzunehmen. Doch nichts passiert. Ich habe das Gefühl, dass ich schon seid Stunden geradeaus laufe, doch ich bin einfach nicht weitergekommen. Alles um mich herum sieht noch immer gleich aus. Weiß. Keine Veränderung. Es kommt mir vor, als hätte ich mich keinen Zentimeter vom Fleck bewegt, denn der Raum liegt noch immer in seiner Unendlichkeit vor mir. Ich sehe nur das Licht und bin eingetaucht in völlige Stille. Also halte ich an. Bleibe abrupt stehen, als hätte mich etwas ausgebremst. Diese Situation scheint aussichtslos. Ich bin hier gefangen in einem Raum voller Nichts! Wut steigt in mir auf und für einen kurzen Moment kann ich nicht mehr klar denken und habe das Gefühl durchzudrehen. Um mich zu beruhigen, lasse ich mich langsam auf den Boden sinken und verharre dort im Schneidersitz, die Augen geschlossen, die Hände auf dem Schoß gefaltet. Ich muss meine Gedanken wieder ordnen, und meine Wut bekämpfen, um einen Ausweg aus diesem Nichts zu finden. Nach einigen Sekunden der Entspannung, klaren sich die schwarzen Wolken in meinem Kopf wieder auf und ich sehe mein altes Leben klar und deutlich vor meinem inneren Auge. Meine kleine Tochter Marie, im Alter von 5 Jahren, spielt auf der kleinen Wiese vor unserem alten Haus. Sie trägt ein hellblaues Sommerkleidchen, das mit unzähligen Blumen und Schmetterlingen verziert ist. Die dunklen Haare hat sie im Nacken zu einem Zopf geflochten, der in einer weißen Schleife endet. Es ist ein herrlicher Sommertag, der Himmel ist strahlend blau und die Vögel zwitschern. Es ist, wie ein Bild aus einem Märchen. Marie dreht sich und tanzt gelassen durch den Garten. Das hat sie immer gemacht, als sie noch klein war. Sie hat es geliebt, stundenlang zu tanzen und hat sich dabei wie eine kleine Ballerina gefühlt. Sie war ein glückliches Kind, das stets ein Lachen im Gesichtchen trug. Als Marie gerade einen bunten Schmetterling auf einer Lilie entdeckt, kommt Tom zur Türe heraus. Sobald er Marie sieht, beginnt er zu lächeln. So war es immer, denn seine Tochter hat

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ihm alles bedeutet. Unsere kleine Familie war glücklich, obwohl wir nie viel hatten. Tom musste hart für das Bisschen arbeiten, das wir hatten, aber es hat uns gereicht. Doch anscheinend hat es ihm irgendwann nicht mehr ausgereicht und er hat mich und Marie verlassen. Um seine Träume zu verwirklichen. Er hat gesagt, er wäre nicht mehr glücklich. Er hat gesagt, was wir hätten, wäre nicht mehr genug. Er hat gesagt, er würde mich nicht mehr lieben. Also ist er gegangen. Nach Italien, um dort als Künstler zu arbeiten. Hat mich und Marie hier im Stich gelassen. Seit er nicht mehr da ist, ist Marie nicht mehr glücklich. Sie ist jetzt 14 Jahre alt. Lachen sehe ich sie nur noch selten. Meistens will sie allein sein und verkriecht sich in ihrem Zimmer. Sie lässt mich nicht mehr an sich ran. Unser altes Kleinstadthaus mit dem Gärtchen davor mussten wir verkaufen, weil ich es mir nicht mehr leisten konnte. Obwohl es uns nicht schlecht geht und wir weder krank noch arm sind, bin ich nicht mehr glücklich. Mein Märchen hatte kein gutes Ende. Mein Traumprinz ist mir einfach weggelaufen. Aber so ist das Leben nun einmal. Nichts läuft wie man es geplant hat. Ich wünschte aber, es wäre alles anders gelaufen. Ich wünschte, Tom hätte uns nicht verlassen. Ich wünschte, er hätte gewollt, dass wir ihn nach Italien begleiten. Ich wünschte, dass er nie aufgehört hätte mich zu lieben. Ich wünschte, dass ich endlich aufhören könnte mir all diese Dinge zu wünschen, um ihn zu vergessen. Meine Vergangenheit endlich hinter mir zu lassen. Plötzlich wird mir klar, warum ich hier bin. Ich muss endlich ein neues Leben beginnen. Ein neues Leben aus dem Nichts heraus erschaffen, das mich endlich wieder erfüllt und mich glücklich macht. Langsam erhebe ich mich aus meinem tranceähnlichen Zustand und richte mich auf. Meine Gliedmaßen sind von der der langen Zeit des Nichtstuns schwer. Die Arme hängen schlaff an mir herab und ich kann mich kaum auf den zitternden Beinen halten. Plötzlich jedoch fühle ich eine neue Kraft in mir aufsteigen. Ein warmes, bisher unbekanntes Gefühl macht sich in meiner Brust breit. Erst kaum wahrnehmbar, dann immer stärker. Ich scheine von innen heraus zu verglühen, doch durch diese Hitze kann ich eine neue Kraft in mir spüren. Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht und mein Herz beginnt wie wild gegen meine Brust zu hämmern. Langsam hebe ich die Arme; immer höher und höher, bis über meinen Kopf. Ich richte das Gesicht nach oben und sehe in den weißen Himmel. So fange ich an, mich Kreis zu drehen. Immer wieder und wieder. Lache dabei und kann meine Glücksgefühle kaum noch in mir halten. Immer weiter drehe ich mich Kreis, wie ein kleines Kind. Meine Bewegungen werden immer schneller und schneller, bis meine Umgebung vor meinen Augen verschwimmt. Bis ich nur noch weiß sehe. Das unendliche Weiß. Und dann…wird alles schwarz. Als ich die Augen öffne, stehe ich in meinem alten Haus. In meinem und Toms alten Haus. Vor dem großen, goldenen Wandspiegel im Flur und sehe mir direkt ins Gesicht. Ich sehe verändert aus. Obwohl ich nur für den Bruchteil einer Sekunde die Augen geschlossen habe, um mich von dem Ort zu trennen, der so viele Erinnerungen hochkommen lässt. Vielleicht ist mein Märchen noch nicht wahr geworden. Vielleicht ist ein schöner Abschnitt meines Lebens vorbei. Vielleicht war Tom einfach nicht mein Prinz. Doch jedes Märchen hat die Chance auf ein Happy End. Auch mein Märchen.

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Autorin zu „The A –Team“ von Ed Sheeran It's too cold outside, too cold for angels to fly Warme Luft streift über ihre Wangen, ein penetranter und drückender Geruch breitet sich aus. Menschen laufen hektisch an ihr vorbei, um rechtzeitig einzusteigen. Das Aneinanderquetschen ihrer Körper ermöglicht schließlich auch dem Letzten einen Platz. Langsam schließen sich die Türen und die müden Gesichter der Menge verschwinden gemeinsam mit der Bahn im Dunkeln des Tunnels. Ein wehmütiges Lächeln zeichnet nun ihr Gesicht. Wäre für die letzte Person kein Platz mehr gewesen um einzusteigen, würde diese Person nun neben der jungen Frau sitzen, die ihre Augen geschlossen hält und in sich hinein zu lächeln scheint. Die Person würde auf die nächste Bahn warten. Sie würde bemerken, dass die Frau nicht ganz bei sich ist, sie vielleicht ansprechen und danach einen Krankenwagen anrufen. Vielleicht würde sie die Frau aber auch ignorieren und angespannt auf die nächste Bahn warten. Warmes Scheinwerferlicht streift über ihre Wangen, ein wohlriechender Duft breitet sich aus. Parfümierte, elegante Frauen schauen sie gebannt an, um bloß keine Bewegung zu verpassen. Mit einer graziösen Leichtigkeit bewegen sich ihre Füße zur Musik und sie genießt die spannungsgeladenen Gesichter ihres Publikums vor dem Sprung. Ein Lichtkegel erleuchtet ihre Silhouette, die Musik wird schneller und erreicht bald ihren Höhepunkt. Ihre Füße lösen sich vom Boden und ihre Plastikflügel scheinen sie in die Luft zu heben. Die Menge tobt, doch bald berühren ihre Füße wieder den kalten harten Boden. Die Person, die keinen Platz mehr in der Bahn gefunden hat, würde nun bemerken wie die Frau auf dem benachbarten Stuhl stark zusammenzuckt. Bald würde sie in schwarz umrandete Augen schauen, die verwirrt die Gegend um sich herum wahrnehmen. Die Frau würde sich beruhigen und die ankommende Bahn mit einem Seufzer betrachten. Sie ist wieder in der harten Realität angekommen. Ihren Traum, eine berühmte Tänzerin zu werden, wird sie niemals in die Tat umsetzen können. Es wird immer ein Traum bleiben, zu viel Geld kostet eine professionelle Ausbildung, zu viel Geld geht für andere Sachen drauf. Und so schaut sie in ihre Tasche, mit zitternden Händen zieht sie ein Päckchen heraus. Es ist leer. Alle Tabletten sind aufgebraucht. Eine große Leere breitet sich über ihr Gesicht aus. Heute wird sie den schönen Traum nicht weiter träumen können. Heute muss sie allein mit der kalten Realität klarkommen, in der es nicht möglich ist, mit Plastikflügeln abzuheben. Während die Person, die zunächst keinen Platz in der Bahn gefunden hat in die Bahn steigen und sich auf sein trautes Heim freuen würde, wird die Frau niemals zu Hause ankommen. Sie wird der Bahn sehnsüchtig nachschauen und den Mann beneiden, der in die Bahn steigt und nach Hause fährt. Manchmal fragt sie sich, ob diese Person sie irgendwann retten wird. Sie in den Arm nimmt und freudestrahlend verkündet, sie mache aus ihr eine fabelhafte Tänzerin. Doch das passiert nicht. Es gibt keine Person die auf den nächsten Zug warten muss. Irgendwie schafft es jeder dieser Menschen, sich einen Platz in der überfüllten Bahn zu erkämpfen, um nach Hause zu fahren. Sie schafft es nicht. Und so ist sie alleine, kein Mensch ist da, der sie retten kann. Anstatt ebenfalls in die Bahn einzusteigen, wird sie weiterhin mit ihrem Becher am Straßenrand sitzen, um kläglich Geld zusammenzukratzen, damit sie endlich wieder Träumen kann.

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Autor zu „The Islander“ von Nightwish Gefährliche Vergangenheit Seit seinem sechsten Lebensjahr fuhr Piet zur See. Damals fuhr er noch auf dem Fischkutter seines Vaters aufs offene Meer hinaus und half diesem beim Einholen der Körbe. Der Junge wunderte sich immer, wie man mit solch eigenartigen Gebilden Lebewesen fangen kann. Noch dazu waren es immer filigrane Krabben, die sich im Korbgeflecht der rätselhaften Netze verfingen und hilflos mit ihren Beinchen und Scherchen zappelten. Eines Tages erklärte ihm sein Vater, dass er hauptsächlich Krabbenfischer sei und dass er mit den kleinen Krebstieren viel mehr Geld verdienen könne, als mit glitschigem Kabeljau. Fische gab es hier in der kleinen Küstenstadt an jeder Straßenecke, und man bekam ihn hier fast überall für einen lächerlichen Geldbetrag nachgeschmissen. Nur die wenigsten Seeleute beherrschten die hohe Kunst des Krabbenfischens. Diese Arbeit kostete dafür jedoch ihren Preis. Denn nur bei starkem Wellengang waren gute Fänge zu machen, da die Krebse nur in aufgewühltem Meeresgrund nach Nahrung suchen. Für viele Fischer ist diese Leidenschaft nun schon zum Verhängnis geworden, da sie den Sturm überschätzten und mit ihren kleinen Schiffen kenterten. Piets Vater hätte nicht bei dem Unwetter ablegen sollen. Das sagte sogar der wahnwitzige Gunnar, den alle nur Seebär nannten und der schon mehrmals durch eine Leichtsinnigkeit ein teures Fischernetz an das Meer verloren hatte. Jedenfalls sah Piet nach diesem Unwetter seinen Vater nie wieder. Selbst der Kutter ist nicht wieder gesichtet worden. Während er über diese Dinge nachdachte, zog er die Ankerleine wie mechanisch, Stück für Stück aus dem Wasser. Als hätten seine Arme ein Eigenleben entwickelt, griffen seine Hände nach dem Tau und hievten Zoll für Zoll das schwere Eisen an Bord. Die Crew musste sich beeilen, denn eigentlich hätten sie sich schon vor etwa einer Stunde auf dem offenen Meer befinden sollen. Doch es hatte Schwierigkeiten mit den Hafenwächtern gegeben und so hatte sich die Abfahrt sehr verzögert. Jeder musste mit anpacken: Der dicke Marvin, Ignaz, der Besserwisser, und sogar der alte Manfred, dem schon weniger Haare auf dem Kopf sprossen als einer polierten Honigmelone. Piet war mit seinen fünfzehn Jahren der Jüngste der Mannschaft, die mit nach Kiel fahren sollte. Der Regen spritzte von der Takelage und dicker Nebel waberte über den Wellen, wie grauer Rauch. Kalt und nass klebten die blonden Haarsträhnen an seiner Stirn. Piet mochte dieses Wetter genauso wenig wie den unheimlichen Kapitän, der mit seinem eisgrauen Bart und seiner Seemannsmütze genauso aussah wie Nemo, der geheimnisvolle Kapitän aus „20.000 Meilen unter dem Meer“. Seine Mutter hat Piet jeden Abend aus dem Abenteuerroman vorgelesen. Der waghalsige Nemo in seinem Stahlschiff, das unter Wasser die Tiefsee erforscht, hat ihn immer fasziniert. „Was guckst du denn so grimmig“, rief Marvin fröhlich herüber. „Wie? Findest du, ich gucke grimmig? Dann sieh doch mal in den Spiegel“, lachte Piet, und ließ sich nicht anmerken, dass er nun viel lieber auf Vaters kleinem Kutter die Krabbennetzte einholen würde. Der dicke Marvin kam herangeschlurft und grinste. „Ich? Mir geht’s gut, aber… Ich dachte nur gerade, dass du nicht bei der Sache bist. Irgendwie warst du weit weg. Nicht hier. In der Ferne… obwohl du ja eigentlich hier vor mir stehst… na du verstehst schon…“ „Marvin, du kennst mich doch! Ich gucke doch nicht verträumt durch die Gegend. Ich mache meine Arbeit gewissenhaft.“ Piet wickelte den Strick des Ankers zu einer großen Rolle zusammen.

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„Pass auf dich auf, Piet. Es wäre schade, wenn du wegen einer Dummheit über Bord gehst“, erwiderte der Dicke. Das freundliche Lächeln war plötzlich aus seinem runden Gesicht verschwunden. „Ach keine Sorge, ich stell schon nichts an…“, versprach Piet mit ruhiger Stimme. Es braucht sich hier niemand zu kümmern, was ich mache, dachte der blonde Junge. Alle Seeleute haben irgendwie einen Hang zu Fabeln und Geschichten. In der aufgeklärten Zeit des neunzehnten Jahrhunderts war es erstaunlich schwer, irgendein Seemannsgarn den alten Matrosen auszureden. Piet musste nur ein modernes Dampfschiff betreten, und schon kamen einige Leute daher und behaupteten etwas von Klabautermann und schleimigem Meerungeheuer. Als der Vater für tot erklärt wurde, was jedoch niemand bestätigen konnte, erzählten sich die Fischhändler auf dem Markt schon Geschichten über Piets Familie. Seine Schwester Margot regte sich immer tierisch auf, wenn sie die Märchen hörte, die meistens von riesigen Walfischen handelten, die Vater wie Jonas aus der Bibel, verschlungen haben sollen. Bei lebendigem Leib! Einige Menschen gingen sogar so weit, zu behaupten, der zehn Schritt lange Kutter wäre mitsamt dem Vater von einem gigantischen Hai gefressen worden. Was für ein Quatsch, schimpfte Piet in Gedanken. Wer den Leuten wohl solche Flausen in den Kopf setzt… „Was meinst du eigentlich mit ‚von Bord gehen’?“, fragte Piet argwöhnisch nach. „Willst du mich etwa von Bord werfen?“ Marvin furchte erstaunt die Stirn. „Warum sollte ich dich über Bord werfen? Der Kapitän würde das vielleicht machen… Ich wollte nur sagen, dass du aufpassen musst. Ich will nicht, dass dir das gleiche zustößt, wie deinem Vater.“ „Es gibt keinen Wassermann, der ihn angeblich auf den Meeresgrund gezogen hat. Mein Vater war ein guter Mann. Hat immer viele Krabben gefangen und ist auch einmal im Monat in die Kirche gegangen.“ Piets Stimme schwoll bedrohlich an. „Ist ja gut, Kleiner!“, beruhigte der dicke Marvin den blonden Jungen. „Brauchst keine Angst zu haben. Ich glaube dir ja.“ Davon war Piet nicht überzeugt. Zu tief saß die Erinnerung an einen Donnerstag, an dem Ignaz unabsichtlich verraten hatte, was die Mannschaft tatsächlich über den vaterlosen Schiffsjungen dachte. Wie an jedem Donnerstag hatte Piet Putzdienst im Frachtraum gehabt. In der stickigen, dunklen Kammer hatte er mit einem schweren Besen den Holzboden geschrubbt, bis das Wasser sprudelte und hellen Schaum bildete. Als Ignaz vorbeigekommen war, um seine Arbeit zu überprüfen, hatte Piet einen Witz über den Klabautermann gemacht, um den Besserwisser ein wenig aufzuheitern. Ignaz hatte lauthals losgelacht und sich den Bauch halten müssen. Zufrieden hatte der Schiffsjunge gegrinst, doch die Stimmung war so schnell wieder abgekühlt, wie der Scherz sie aufgelockert hatte. Ignaz hatte Piet beiseite genomen und todernst gemeint, dass man diesen Witz auf keinen Fall in Gegenwart des Kapitäns erzählen sollte. „Es ist sogar lebensgefährlich!“, hatte der Besserwisser den Jungen gewarnt. „Er ist sehr abergläubisch und würde auch nicht zögern, wegen einem Witz über Seegeister das Schiff anzuzünden, um die Dämonen milde zu stimmen.“ Piet konnte sich das gut vorstellen. Selbst Marvin hatte ein flüchtiges Stoßgebet an den Himmel geschickt, als er Piets Lebensgeschichte erfahren hatte. Die Crew glaubte, auf seiner Familie ruhe ein uralter Fluch des Teufels. Der Kapitän hatte Angst vor dem Teufel, und das konnte sehr gefährlich werden. Seine Hängematte knirschte und schaukelte hin und her. Das Wasser schlug gegen das Schiff und hob es auf und ab, wie einen hilflosen Korken. Irgendwo in der Dunkelheit vernahm Piet das pfeifende Schnarchen, das vermutlich dem alten Manfred zuzuordnen war. Der Junge 17

konnte nicht einschlafen und wünschte sich bloß, in einer kleinen Hafenkneipe zu sitzen und dem nächtlichen Gesang der heiteren Matrosen zu lauschen. Doch stattdessen stand er auf und öffnete die Luke, um sich in der Schiffsküche etwas zu trinken zu holen. Im Speiseraum stand noch das Wasser, das Piet sich am Abend eingeschüttet hatte, für den Fall, dass er in der Nacht Durst bekäme. Gierig nahm er einen großen Schluck aus dem Glas und setzte sich müde auf eine Holzbank. „So kann das nicht weitergehen. Er muss verschwinden, sonst werden wir noch alle draufgehen“, kam eine Flüsterstimme aus der Kapitänskajüte. Piet leerte den Becher in einem Zug und näherte sich neugierig und ängstlich zugleich der Tür. „Wie willst du das anstellen? Ihn umbringen?“ fragte Marvin hinter der Tür. „Psst! Nicht so laut!“, zischte der Kapitän. „Ich will, dass du den Schiffsjungen morgen früh an eine versteckte Ecke lockst und ihn dann mit einem Messer von hinten beseitigst.“ „Aber weshalb denn? Auf ihm lastet kein Fluch vom Teufel“, wisperte der Dicke im Schlafraum des Kapitäns. „Hast du gesehen, was er angerichtet hat? Als wir ihn vor einem Monat an Bord geholt haben, haben wir einen gewaltigen Fehler gemacht. Ab diesem Tag sind wir alle verflucht worden. Die Unwetter, die ab da an folgten, sind kein Zufall gewesen!“ Die raue Stimme überschlug sich und verriet, wie viel Angst der Kapitän wirklich hatte. „Er ist verflucht! Sein Vater wurde von Satan persönlich ins Fegefeuer geholt“, flüsterte er panisch weiter. „Er muss weg! Entweder du bringst ihn um, oder ich lasse euch beide ins Meer werfen.“ Piets Herz klopfte und hämmerte, sodass er stocksteif dastand und nicht wusste, was er tun sollte. Schweißüberströmt zwang er sich, von der Tür Abstand zu nehmen und wieder zurück in den Schlafraum zu schleichen. Was sollte er tun? Das Schiff befand sich nun viele Meilen auf dem offenen Meer und an Schwimmen war bei diesem Wellengang nicht zu denken. Fliehen? Sich Verstecken? Piet zitterte wie Espenlaub und versuchte krampfhaft seine Gedanken zu ordnen. Klirr! Scherben verteilten sich über dem Holzboden: Er hatte versehendlich das leere Glas von der Tischkante gestoßen, während er versuchte, den Speisesaal ohne einen Laut zu durchqueren. Die Glassplitter klimperten auf dem Boden und tanzten in alle Richtungen. „Wer ist da!“, rief der dicke Marvin zornig und öffnete die Tür. Schweißgebadet wachte Piet in seiner Hängematte auf. Ein kurzes Umschauen, ein leiser Seufzer, er war in Sicherheit. Das verhängnisvolle Gespräch war bloß ein böser Traum gewesen. „Immer nur Zwieback! Gibt es hier nicht Rührei und Speck zum Frühstück?“, lachte Manfred. Die versammelte Mannschaft hatte sich zum gemeinsamen Frühstück versammelt und diskutierte über Rührei und Speck. Piet grinste. Über das Frühstück debattieren die Seeleute fast jeden Morgen. Es herrschte eine fröhliche Atmosphäre, denn vergangene Nach waren sie schneller vorangekommen, als sie sich ausgerechnet hatten. Die Stadt Kiel würde das Schiff wohl doch noch pünktlich erreichen. „Was ist los?“, fragte Marvin den Besserwisser, der sich mit Schmerzen den Fuß rieb. „Ich habe mich verletzt“, erklärte Ignaz mit ärgerlicher Stimme. „Ich habe mir einen Splitter in den Zeh gerammt.“ „Seltsam… einen Holzsplitter habe ich mir an diesem glatten Holzboden noch nie geholt“, wunderte sich der Dicke. „Nein“, verbesserte ihn der Besserwisser. „Es war kein Holzsplitter! Als ich bei Sonnenaufgang in den Speisesaal kam, lagen hier überall Glasscherben auf dem Boden.“

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Autorin zu „Raus mit der schlechten Luft, rein mit der guten“ von Mikroboy Frühling Schluss jetzt. Neuanfang. Vergeudete Stunden, Tage, Momente. Zu wertvoll das Leben, um ungenutzt zu bleiben. Zu wertvoll, um so weiter zu machen wie bisher. Es sind die kleinen Dinge, die dir die Augen öffnen und dir zeigen, dass das nirgendwohin führt. Dass die Veränderung zu einer Notwendigkeit wird. Aber das ist nicht der Zwang, der in der Luft liegt, sondern die Erwartung auf das, was jetzt möglich ist. Wie ein Schalter, der vom einen auf den anderen Moment umgelegt wird und Licht ins Dunkel wirft. Ganz einfach auf einmal die Passivität abzulegen, das Leben zu leben. Ganz leicht die Freude, das Lachen, du selbst. Was hat dich davon abgehalten die ganze Zeit, wo war die Stärke, die dich jetzt so selbstverständlich durchströmt? Egal! Es ist nicht die Vergangenheit, die zählt. Die Momente sind es, auf die man sich konzentrieren muss- die so unglaublich flüchtig sind. Aufstehen heißt es jetzt, weitergehen, weiterleben. Was interessieren die schlechten Momente, wenn’s soviel mehr bessere geben kann? Raus! Raus mit der schlechten Luft, rein mit der guten. Weg mit der Vorsicht, auf zu neuen Orten, Menschen, Erfahrungen. Bereut wird später nur, wovor du gekniffen hast, wofür du nicht den Mut aufgebracht hast. Die Sonne stärkt dir den Rücken, der frische Duft der wiederauflebenden Natur befreit dich von deinen Lasten und du bist bereit für das Leben. Los jetzt. Neuanfang.

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Autor zu „Iridescent“ von Linkin Park Sommergefühl Es ist spät am Morgen, als ich erwache. Der Blick durch die Roll-Laden lässt düsteres Wetter erahnen, während ich mich mühsam aus dem Bett quäle. Ich lasse die Roll-Laden hoch und öffne die Tür zum Balkon, ein kalter Hauch erfasst mich. Ich greife die Fernbedienung und schalte das Radio an, Stau auf der A3, das übliche, und lasse mich, immer noch müde, in den Stuhl fallen. Ich starre nach draußen, als ich merke, dass die Meldungen vorbei sind, endlich kommt ein Lied, hoffentlich kein Mist, dachte ich. Linkin Park, das geht doch, irgendwoher kenne ich das Lied sogar, irgendwoher kenne ich das Lied, war das nicht Filmmusik? Egal, hört sich ja gut an, erst nach einiger Zeit bemerke ich, dass ich zum Takt wippe, ich wollte die sturmfreie Bude nutzen und noch mal laut aufdrehen, so dass ich es im Keller noch gut hören könnte. Als ich mich umdrehte, um die Fernbedienung zu schnappen, erfasste eine plötzliche Wärme meinen Rücken, die Sonne war wieder aufgetaucht, nachdem sie monatelang der sibirischen Kälte zu unterliegen schien. Der Frühling begann; als das Lied vorbei war, konnte ich auf einmal den Vögeln lauschen, die ich vorher entweder nicht bemerkt hatte oder die ebenso wie ich erst die Sonne mit guter Laune begrüßten. Plötzlich erwachte ich, alles nur ein Traum, schade eigentlich. Diesmal heißt es wohl wirklich aufstehen, Roll-Laden hoch! Sonne und grüne Wiesen? Für einen Moment hatte ich vergessen, dass längst der Mai begonnen hatte und die Natur in sattem Grün strahlt. Die Sonne scheint, das allein lässt den Tag schon gut werden, Tür auf, raus auf den Balkon, Radio an, es läuft, es läuft tatsächlich, Linkin Park, Iridescent; zwicke mich, ja, ich bin wach, das Leben überrascht mich immer wieder aufs Neue. Die Welt hat mir ein Lächeln geschenkt, Zeit ihr eins zurück zu geben

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Autor zu „Good Life“ von One Republic The Good Life Als ich heute Morgen aufwachte, wusste ich als erstes nicht, ob ich noch träumte oder schon wach war, da über Nacht der Frühling ins Land gekommen und dieses Landschaftsbild mir völlig fremd war. Ich stieg aus meinem Bett, zog mich an und erledigte alle morgendlichen Aktivitäten. Danach zog es mich raus in die Natur. Ich ging die Straße entlang und hörte überall verschiedene Arten von Vögeln den Frühling verkünden. Außerdem erfreute ich mich auch an allen anderen Naturschönheiten, die dieser schöne Frühlingsmorgen zu bieten hatte. Der Bäcker begrüßte mich mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht und verkaufte mir ungewohnt günstig meine täglichen Brötchen. Auch in der Zeitung fand man nur gute Nachrichten und es gab keine einzige Meldung über einen Krieg oder ein Unglück. Im Radio lief dieses Lied, welches ich schon öfters gehört hatte, aber immer wieder vergessen hatte, wie es denn heißt und welcher Interpret es geschrieben hatte und sang. Ich kam einfach nie auf den Namen. Ich verließ die Bäckerei und machte mich auf den Heimweg, aber nicht auf den direkten Heimweg, sondern ich nahm einen Umweg, um noch einige Eigenschaften der Natur aufzuschnappen. So ging ich an einer dicken Eiche vorbei und mir fiel eine Eichel auf den Kopf oder ich sah zwei Rehe auf der Wiese herumspringen. Einige Kilometer später erreichte ich wieder Zivilisation. Ich war zurück in der Realität. Dort hinten stand der kleine Kiosk am Sportplatz. Da fiel mir ein, dass ich ja letzte Woche Lotto gespielt hatte, was ich sonst eigentlich nie tat. Einer meiner Freunde hatte mir dazu geraten, da er schon sehr viele kleine Gewinne durchs Lotto eingeheimst hatte. Da ich sonst selten in diesen Teil der Stadt kam, nutzte ich die Gelegenheit und betrat den Kiosk. Ich schaute mich zunächst kurze Zeit in dem Kiosk um und betrachtete die Regale. Man erfuhr, dass der neue Spielberg-Film „Good Times“ 10 Oscars gewonnen hatte und Tom Hanks zum besten Schauspieler gekürt wurde oder, dass es einen neuen Chartstürmer gab, dessen Titel aber nicht genannt wurde, um die Spannung zu halten. Aber der Kioskbesitzer spielte das Lied in seinem Laden rauf und runter. Und es war wieder das Lied, was ich schon in der Bäckerei gehört hatte, aber mir nicht eingefallen war, wie es hieß. Ich erinnerte mich immer noch nicht dran. Nach einiger Zeit, begann ich aber damit, meinen eigentlichen Grund des Besuches zu vollziehen. Ich gab dem Kioskbesitzer meinen Lottoschein und dieser ließ ihn durch die Maschine laufen… JACKPOT !! Ich konnte es kaum glauben! 8 Millionen Euro mit einem Mal Lottospielen und einem Lottoschein gewonnen! „Sie sind aber ein Glückspilz“, meinte der Kioskbesitzer, als ich ihm meine wunderbare Geschichte erzählt hatte. Überglücklich verließ ich den Kiosk und machte mich weiter auf den Heimweg. Als ich daheim angekommen war, rief ich sofort meine Eltern an und meinen besten Freund. Ich erzählte ihnen die tolle Neuigkeit und sie freuten sich riesig mit mir. Als das Adrenalin wieder abgebaut war, musste ich mich erst einmal etwas ausruhen und in Stille genießen… Und dabei dachte ich nach: „Ich war gesund, hatte Familie, die sich mit einem freute, einen besten Freund, dem man alles erzählen konnte und 8 Millionen Euro!“ „Was konnte mir jetzt noch passieren?“ Ich schaltete den Fernseher ein und da lief er schon wieder… der Song aus der Bäckerei und dem Kiosk. Und jetzt fiel mir auch der Name dieses wunderschönen Titels ein: „Good Life“ von One Republic. Dieser Song passte jetzt natürlich wie Faust aufs Auge zu meiner derzeitigen Situation und mein Glück was ich im Leben hatte.

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Autorin zu “Brother Swing” von Caravan Palace Luft voller Goldstaub Es gibt es keine Frauen – nur Damen; es gibt keine Männer – nur Herren. Es ist keine Party, es ist ein rauschendes Fest, bei dem die Luft voller Goldstaub ist. Nichts wird inszeniert, sondern alles in Vollendung zelebriert. Denn gefeiert werden die Helden vergangener Nächte, an die die Helden der heutigen erinnern sollen. Man kennt kein Morgen und zelebriert die Nacht, als wäre es die letzte. Denn weniger ist niemals mehr und zuviel ist lange nicht genug. Wer den glitzernden Saal betritt, tauch ein in eine vergangene Welt. Der Geist der 20-er Jahre, Inspiration der französischen Belle Epoque und die Melancholie des Fin de Siecle umweht die Gäste. Während in anderen Lokalitäten blitzende Stroboskope die Sinne verwirren, flimmern hier Kronleuchter und Kerzen mit samtenem Licht. Wo andernorts betonierte Diskothekenwände Dekoration genug sein müssen, schimmern hier schlanke Säulen, die an der Decke in verschnörkelten Blüten münden, im Jugendstil-Ambiente. Kellner in schwarzweißem Livré und mit streng zurückgekämmten Gel-Haaren servieren prickelnde Getränke. Ein Saal, in dem die Damen Fächer und die Herren Monokel tragen, wo sonst nur Jeans und Tshirt zu sehen sind. Die Theke mit Bierausschanke ist in dieser Nacht zu einer edlen Bar geworden, an der Absinth kein Fremdwort ist und perlender Champagner in Kristallgläsern geschenkt wird. Die Gäste können heute Nacht gar nicht mondän und overdressed genug sein. Die Wasserwelle erlebt in den Frisuren eine Renaissance. Hier eine Blüte im Haar, da eine Federboa. Weiße Gamaschen und gezwirbelter Schnäuzer, Zylinder und Zigarettenspitzen. Keine Robe ist zu schick, kein Anzug zu teuer. Edel, keck oder adrett kommen die Damen und Herren daher. Heute Nacht verlassen Normalbürger ihre gewohnte Rolle, um in die eines Bohèmians oder Dandies, einer eleganten Diva, eines galanten Gigolos oder dezenten Gentlemans zu schlüpfen. Es herrscht ein Flairgemisch aus Glamour und Glitter, Casino und Variéte. Ein Karneval der vergnüglichen Eitelkeiten, bei dem der Gast spielerischen Umgang mit höflichen Umgangsformen und pikanten Galanterien erlebt. Die Gäste parlieren, trinken und tanzen. Und wie getanzt wird - hauptsächlich wild und ausgelassen. Aber auch, wer den Paartanz beherrscht, findet hier reichlich Möglichkeiten, sich auszuleben - vom Charleston bis zum Swing, vom Tango bis zum Stepp. Walzer tanzen bis in die frühen Morgenstunden. Der Schallplattenunterhalter spielt Musik, die dieser Atmosphäre angepasst ist. So manch verrückter Klang imitiert authentisch nah die Klänge von damals. Zwanziger Jahre Schlager und Chansons, (Elektro-) Swing und Gipsy, untermalt von modernen Aufnahmen alter Musik, die den passenden Beat mitbringt. Auch Hot Jazz, jiddische Klezmermusik, Balkanpop und Latino Klänge werden gespielt. Erlaubt ist hier alles, was irgendwie zur Stimmung der Nacht passt. Während die edlen Damen und Herren der feinen Gesellschaft im großen Salon ihren Vergnüglichkeiten nachgehen und einen gewissen Stil kultivieren, versammeln sich die Größen der Unterwelt im Kasino, um ihre letzten Reichsmark zu verspielen, elegante Diven kennen zu lernen oder im Hintergrund ihren dubiosen Geschäften nachzugehen. Man gesellt sich zur Pokerrunde und an den Black Jack- oder Roulette-Tisch, um auch dort seine für diese eine Nacht übernommene Rolle zu zelebrieren. Und am Morgen, wenn die Sonne aufgeht, verlassen die phantasievollen Nachgestalten erschöpft den Festsaal. Getroffen von den ersten Sonnenstrahlen werden sie wieder zu dem, was sie eigentlich sind. Der galante Gentleman verwandelt sich in einen verantwortungsbewussten Familienvater, die elegante Diva erlebt eine Metamorphose zur 22

Bankangestellten. Aber für diese eine Nacht haben sie alle den Alltag verlassen, um in die Luft voller Goldstaub einzutauchen. (Text z. T. entlehnt)

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