AUS DER GESCHICHTE DER SCHULE

AUS DER GESCHICHTE DER SCHULE von Heinz Sarg (1955) Neben den hohen Domschulen, den Stifts- und Klosterschulen finden wir im Mittelalter auch die soge...
0 downloads 3 Views 175KB Size
AUS DER GESCHICHTE DER SCHULE von Heinz Sarg (1955) Neben den hohen Domschulen, den Stifts- und Klosterschulen finden wir im Mittelalter auch die sogenannten „Deutschen Schulen“, in denen nur Rechnen, Lesen und Schreiben gelehrt wurde. Auch in Kurmainz existierten diese Schulen. In den geistlichen Territorien lehnte sich das niedere Schulwesen an das bestehende Pfarrsystem an, d.h. die eigentlichen Schulen des Volkes waren die Pfarrschulen. So lagen auch wohl die Dinge im Kurfürstentum Mainz. Der Kurfürst und Erzbischof Johann Schweickhardt v. Kronberg, dem diese Schulen sehr am Herzen lagen, stellte in seiner Kirchenordnung vom Jahre 1614 die Forderung auf: „In gleichen sollen die Kirchendiener in den Schulen fleißig unterrichten und wo solche Schulen in Abgang kommen, dieselben wiederumb anstellen sowol Sommers als Winterszeit ohnablässig continuieren“. Wenn das Wort Kirchendiener hier genannt wird, so ist wohl in damaliger Zeit meist der Pfarrer zu verstehen, was allerdings nicht ausschließt, daß hie und wieder ein Küster oder Glöckner diesen Dienst verrichtete. Meist war es also der Pfarrer des Ortes oder ein Altarist, der den Schuldienst versah. Kirchliche Schulverwaltung und Schulaufsicht Wie die diesbezüglichen Verhältnisse in Gau-Algesheim lagen ersehen wir aus dem Pfarrbuch. Darin heißt es 1590: „Item muß man daraus (aus der Bede) dem Schulmeister für seine Belohnung undt die Auer zu stellen undt im Chor singen zu helfen jährliches bezahlen 13 fl.“ - „Des heiligen Creutz Altar hat jetzo inn Johannes Wigandus ietziger Schulmeister allhie, hat ein Haus undt ein Schewer undt sonst ahn liegenden guetern ahls Weingarten 3½ Viertel undt Eckher inn beiden Flueren halb wüst 5 Morgen ein Viertel, ausfeld 4 Morgen ein Viertel, Wieshenn ein Morgen 1½ Viertel, Eichenn Püsch undt Heckenwalt 3 Morgen. Summa 14 Morgen 3 Viertel. Undt hat Jahres infallen ahn lauter Zinhs Wein 20 Ohm, ahn Gelt Zinhsenn 4 fl. Davon gibt man jährliches wiederumb ahn Zinhsenn unserm gnädigsten Herrn 15 Viertel undt ahn Gelt Zinhsenn Schilling.“ Nach dem Kirchenbuch war Wolfgang Schöninger 1619 Lehrer. 1618 brach der unselige Dreißigjährige Krieg über unser Land herein, der viele Errungenschaften zunichte machte und die Entwicklung des Schulwesens um viele Jahre zurückwarf. Es ist kaum anzunehmen, daß in dieser traurigen Periode der Greuel und Verwüstungen durchgehend Schule gehalten wurde, obwohl wir auch da in dem Pfarrbuch 1628 einen Johannes Wisbender als Lehrer finden. Bald nach dem Westfälischen Frieden war das Schulwesen im Mainzischen fast vollständig neu organisiert. Im Jahre 1656 hatte der Schulmeister von Gau-Algesheim die Gefälle des hl. Creutz- und Katharinenaltares inne: ¼ Weinberg, 15 Morgen Aecker, 1 Morgen 9/4 Wiesen, 3 Morgen Heckenwalt, 30 Ohm 16 Viertel Weinzinhs, 3 Gulden 9 Batzen Geldzinhs. Davon erhält der Erzbischof 20 Viertel 2 Mag Wein und 11 Batzen 2 Kreuzer Geldzins (Pfarrbuch zu 1656). Ansätze zur pädagogischen Schulreform in Kurmainz Besondere Verdienste um die Schule erwarb sich der damalige Erzbischof und Kurfürst Johann Philipp v. Schönborn (1647-1673). An seiner Seite stand der Binger Pfarrer Bartholomäus Holzhauser (1655), dem der Volksschulunterricht besonders am Herzen lag. Seine Schüler arbeiteten mit allem Eifer auf dem Gebiet der Volksbildung. Sie schlossen sich zu den „Bartholomiten“ zusammen und gaben den übrigen Pfarrern durch ihren pädagogischen Enthusiasmus laufend neue Anregung. Durch ihren Eifer und ihre Begeisterung blühten auch im Erzstift Mainz die Volksschulen neu auf. Die Grundlage dieser Schulorganisation war auch hier die Kirche, die die geistliche Schulaufsicht führte. Die Unterrichtszeit teilte Bartholomäus Holzhauser folgendermaßen ein: Vormittagsunterricht von 7½ bis 10 Uhr - Nachmittagsunterricht von 12½ bis 3 Uhr. Am Vormittag wurde den Kindern die häusliche Lektion abgefragt, während die Nachmittagsstunden dazu benutzt wurden, die Schriftzeichen zu erlernen. Da man in dieser Zeit weder eine Methode noch Lehrbücher kannte, unterrichtete jeder so, wie es ihm am besten lag. Im allgemeinen kamen auch die Bartholomiten über die kindlich-einfache Lehrmethode nicht hinaus. Es fehlte zuweilen auch

an einer festen zentralen Überwachung und einer straffen Zusammenfassung. Die Lehrer, vom Vicariat ernannt, konnten nach Gutdünken und ihrer eigenen Lehrordnung unterrichten. Man ließ den Lehrern Bewegungsfreiheit, die einesteils dem Pflichteifrigen die volle Entfaltung seiner Kenntnisse und seiner Begeisterung gestattete, dem Trägen aber einen Deckmantel für seine Pflichtvergessenheit bot. Die vielen Erlasse des eifrigen Erzbischofs aber waren alle unzulänglich, solange der allgemeine Schulzwang nicht eingeführt wurde. Immer und immer wieder hörte man Klagen, daß die Jugend zu allem anderen angehalten werde als zum Besuch der Schule. Aber auch durch die mannigfache Nebenbeschäftigung der Lehrer, die sehr oft als Gerichts- und Gemeindeschreiber eingesetzt waren, litt der gesamte Schulbetrieb in nicht unbeträchtlicher Weise. So kam es, daß Johann Philipp v. Schönborn diese Ämter von den Schulmeistern getrennt wissen wollte, damit diese „ihrem beruff desto ungehinderter nachsetzen mögen“. Im Ausnahmefall soll dem Schulmeister jemand „beygedingt“ werden, der ihn während der Schulzeit vertrete. Von der Nebenbeschäftigung der Lehrer wollte man nicht abgehen, da die geringe Besoldung nicht ausreichte. Das Schulgeld wurde sehr schlecht, ja sehr oft überhaupt nicht gezahlt, da es den Leuten „männiglich zuwidder“ war. Der Gemeinde Kastel wurde im Jahre 1661 zum erstenmal vom Vicariat befohlen, daß jedes Hausgesetz, habe es Kinder oder nicht, monatlich 3 Albus (1 A  8 Pfg.) an den Schulmeister zu entrichten habe. Für die Armen solle er etwas aus dem „Ungeld“ erhalten. Diese Verordnung dehnte Joh. Philipps Nachfolger Erzbischof Anselm 1682 auf alle Gemeinden aus. Ein anderes Übel war das „Wandern“ der Lehrer, das später auch durch erzbischöflichen Erlaß verboten wurde. Mit dem 7. Jahre spätestens brachte man die Kinder zur Schule. Über den allgemeinen Schulbeginn wissen wir im Erzstift Mainz nichts Näheres. Wahrscheinlich begann die Schule am Tage nach den Osterferien, wie es später in einer Verordnung der Großherzoglich Hessischen Regierung vom 1. Februar 1826 allgemein festgesetzt wurde. In anderen Gegenden begann der Unterricht am 12. März, dem Tage des Hl. Gregor. Im Erzstift Mainz wurden die Kinder nach Geschlechtern getrennt unterrichtet was in unserer Heimatstadt nicht immer der Fall war. „Die Schule ist 200 Kinder stark, die Knaben und Mädgen sind in einer Stube. Auch ist für solche nur ein Lehrer aufgestellt“ heißt es im Pfarrbuch zu 1784. Einer anderen Quelle zufolge sollen die Knaben in der Zucht eines „Schulmeisters“, die Mädchen unter der Aufsicht einer „Schulfrau“ gestanden haben. Genaue Methoden und Hilfsmittel lassen sich für diese Zeit nur spärlich feststellen. Lediglich die im Mittelrheingebiet gefundenen „Rechenmünzen“ oder „Rechenpfennige“, deren eine Seite die großen lateinischen Buchstaben des ABC aufweisen, während auf der Gegenseite ein Mann mit Münzen und einem sogenannten „Rechenbrett“ zu sehen ist, geben uns einen kleinen Aufschluß. Man rechnete damit derart, daß man auf dem Rechenbrett 3 Linien zog und auf die unterste die Einer, auf die zweite die Zehner und auf die dritte die Hunderter aufbaute. Das ist einer der wenigen Hinweise für die Lehrmittel der damaligen Schule. In der Religionslehre behandelten die Pfarrer den Katechismus. Seit dem 6. Jahrhundert galt der des Hl. Petrus Canisius als allgemeines Lehrbuch. Als Handbuch für Lehrer und Pfarrer erschien später der „Catechismus biblicus“, der auf alle Haupttragen des kleinen Katechismus Antwort gab. Im Jahre 1668 erschien er in einem neuen Gewand und wurde von da an in Mainz allen Schulen zur Pflicht gemacht. Als Catechismus biblicus minor trat er dann auch seinen Siegeszug durch das ganze Erzbistum an. Unter dem 5. Mai 1661 befahl das Vicariat: „die Pfarherrn ufm Landt sollen den kleinen catechismus vor die Jugent einkauffen, vor die wohlhabendte gegen geldt, vor die arme gratis und sollen innerhalb eines Monats mit dem Gebrauch desselben anfangen''. Anfänge der staatlichen Schulaufsicht Im 18. Jahrhundert wurde unter der Regierung des Kurfürsten Emmerich Josef (1763-74) langsam eine gewisse Verstaatlichung des Schulwesens angebahnt, d.h. es tauchte damals die Notwendig-

keit einer zentralen Überwachung auf, da ein neuer Faktor, die Gemeinde, sich geltend machte. Von einer Verstaatlichung war man dennoch weit entfernt. Im Bistum Mainz teilten sich das „Vicariat und die „Schulcommission“ in die Oberaufsicht, während in den kleinen Orten der Pfarrer zusammen mit dem Amtskeller, oder zwei Laienbeisitzern, die Aufsicht führten. (Lokalschulbehörde). Der Schulkommission oblag nun die Sorge für das gesamte Schulwesen in Stadt und Land. So hatte das Vicariat z. B. bei der Anstellung eines Lehrers ein gewichtiges Wort mitzureden. Nach der von Johann Philipp im Jahre 1687 neu edierten und erweiterten Kirchenordnung wurde der „Schulmeister“ von dem Pfarrherrn oder weltlichen Beamten, vom Rat oder Gericht dem Vicariat präsentiert. Dieses examinierte ihn „seines Verhaltens und Wandels wegen, auch seiner Qualifikation wegen“. Dies trifft auch für unsre Heimatgemeinde Algesheim zu. Die Annahme des Schulmeisters oblag dem Pfarrer, Schultheiß und Gericht. Die Bestätigung war Sache des Vicariats. Nach abgelegtem Examen wurde dem Schulmeister durch das Vicariat die „Commende“ (Dekret) ausgestellt, was als Bestätigung galt. Bei der Anstellung mußte daher jeder Schulmeister diese Commende vorzeigen, ansonsten er vom Dienst „amovirt“ wurde. Beseitigung von Mängeln im Schulwesen Am 16. Mai 1772 genehmigte die Schulkommission den „Aufsatz generalis'', in dem auf die verschiedenen Mängel im Schulwesen eingegangen wurde. Als Hauptschäden bezeichnete man die „Unwissenheit der mehrsten Schullehrer“ die sich daraus ergebende „Geringschätzung ihres Standes“ und die allzu „sparsame Besoldung“. Man sah tatsächlich in der Folgezeit mehr denn je auf ein gediegenes Wissen, schrieb den Lehrern die einzelnen Disziplinen genau vor und wollte dafür sorgen, daß ein Lehrer, der voll und ganz in seinem Berufe aufgehe, auch eine angemessene Vergütung erhalten solle. Es wurde daher angeordnet: a) den Kirchendienst vom Schuldienst zu trennen, b) den Schullehrern ein Gehalt von 300 Gulden zu geben, damit sie der Nahrungssorgen enthoben seien und nicht die allgemeine Verachtung erregen, c) nahe beieinander gelegene Orte zusammenzufassen und sie von einem Lehrer verwalten zu lassen, d) die Gerichtsschreibereien so zu legen, daß sie außerhalb der Schulzeit fallen, e) daß, wenn das Gehalt nicht ausreiche, die Gemeinde den Rest aus Alimenten und Waldungen zuzuzahlen habe. Gemeinden, die das vorgeschriebene Gehalt aufbrachten, besetzte man mit Lehrern aus der Akademie, während man bei weniger zahlungskräftigen Kommunen auch andere Bewerber zuließ. Daß es der Commission mit diesem Erlaß ernst war, zeigt folgende Begebenheit aus unsrer näheren Heimat. Dromersheim und Dietersheim sollten im Juni 1772 im Zuge dieses Erlasses zusammengelegt werden und einen Lehrer gemeinsam erhalten. Beide wandten sich an die Commission mit der Bitte, davon Abstand zu nehmen, da sie infolge ihrer Verschuldung, ihrer Geld- und Nahrungssorgen das Gehalt nicht aufbringen könnten. Die Commission gab dem Amtskeller von Algesheim den Auftrag, die Sache zu prüfen und Bericht darüber zu erstatten. Er tat, wie ihm geboten und meldete der Behörde die vollkommene Armut und Not der beiden Orte. Die Bewohner selbst reichten eine Bittschrift ein „sie doch mit diesen neuen Beschwerden in Gnaden zu verschonen“. Die Schulbehörde erwiderte ihnen „Die natürliche Güte des Bodens und der beeden Ortschaften günstige Lage machten glaublich, daß, wenn es den Unterthanen an Nahrung gebreche, der Fehler am Fleiß und an der Arbeitsamkeit der Bewohner allein liege. Den deutlichsten Beweis gäben die vom Erzbischof eingesetzten Feyertäg ab, die wie vorher gefeiert würden, anstatt daß die angeblich nothleidenden Unterthanen sich diese Täg zur Vermehrung ihres Nahrungsgewinnes zu Nutzen machten. Man werde aber künftig den neuen Lehrer gebührend einsetzen.“ Es handelt sich hier um einen Lehrer Bletz aus Rüdesheim, der am 14. Januar 1773 in sein Amt in Dromersheim eingesetzt wurde. Aus diesem Beispiel ist zu ersehen, wie die Behörde ihre Anordnungen durchgeführt wissen wollte.

Die Lokalschulbehörde prüfte vierteljährlich den Stand der Schule. Neben. her liefen größere Schulprüfungen anläßlich der großen Pfarrvisitationen, die durch eine erzbischöfliche Kommission abgehalten wurde. So lesen wir in den Pfarrbüchern Algesheims darüber folgende interessanten Fragen: „Ob der Schulrektor seinem Amte gewachsen seye und demselben nach komme? (Frage 16). Antwort: Er seye sehr eifrig, seinem Amt vollkommen nachzukommen, weilen die Schuljugend zu zahlreich und sich über 200 Kinder erstrecke, er aber allein dasselbe versehen müsse, worinnen er auch seine Schuldigkeit thue. Ob an seiner sonstigen Aufführung etwas auszusetzen seye? (Frage 17). Antwort: Er seye in allen Stunden ein ordentlicher, anbey in der Schul gedultiger und gelassener Mann.“ Solche und ähnliche Fragen gaben der Bischöflichen Behörde einen genauen Überblick über die Arbeit und das Verhalten eines damaligen Lehrers. Das Schulaufsichts- und Disziplinarwesen lag also beim Vicariat bzw. Kommissariat. Im Jahre 1771 trat die „Staatliche Schulkommission“ in Funktion. Das Vicariat befaßte sich ausschließlich noch mit den kirchlichen Angelegenheiten. An Hand der Pfarrbücher entnehmen wir aus dieser Zeit die Namen der Lehrer Math. Vogell 1644, Philipp Eberhardi 1702, Joh. Jakob Berg 1714, Joh. Wendl. Watzelhan 1713, Jos. Schmitz 1720, Math. Staudenheimer 1732, Bernh. Vogell 1762. Einkünfte der Schule und Besoldung der Lehrer Im Zusammenhang mit der Anstellung des Lehrers steht auch seine Besoldung. Der Lehrer war auch in unserer Gemeinde nebenher noch der Küster und Glöckner. Man übertrug im Mainzischen meist solchen Leuten den Küster- und Glöcknerdienst, die auch in der Lage waren, Elementarunterricht zu erteilen. Unter dem Kurfürst Emmerich Josef kam mit Beginn der Verstaatlichung der Schulen die zwiefache Stellung des Glöckners und Lehrers scharf zur Geltung. Als Küster war er der kirchlichen Behörde, als Lehrer der Staatlichen Schulkommission unterstellt. Der Kurfürst suchte diese beiden Ämter voneinander zu trennen, was ihm aber, besonders auf dem Lande, der Besoldungsschwierigkeiten wegen, nicht restlos gelang. Auch in Algesheim war, wie es in den Pfarrbüchern heißt, „der Glöcknerdienst dem Schuldienst von jeher einverleibt“. Der Glöckner und Lehrer wurde daher auch von Kirche und Gemeinde besoldet. Später besoldete vielerorts die Gemeinde das Doppelamt des Lehrers, da ja das Lehramt immer mehr Anforderungen stellte. Sehr oft finden wir in unsrer Gegend das doppelte Besoldungsrecht weiterbestehen. Über die Besoldung des Lehrers als Glöckner in Algesheim lesen wir: „Das hiesige Gericht sagt, daß die einem hiesigen Schulmeister jährlich fallenden 8 Malter Korn wegen der Glöcknerey ihme gereicht werden. Von Accidentien hat er weiter nichts als jährlich 3 fl. wegen dem Todesangst Geleuth“. Aufgaben und Einkünfte des Schulmeisters (1757) Über die Aufgaben eines damaligen Schulmeisters und seine Einkünfte lesen wir im Pfarrbuch von Gau-Algesheim: Specificatio. Was ein zeitlicher Schulmeister allhier namens Bernard Vogell ahn Bestallung und Accidentien jährlich zu empfangen Algesheim, 2. Aprilis 1757 Erstlich hat derselbe ahn geldt von der Gemeind wegen der freyen Schul jährlich zu empfangen Item bekombt derselbe von den fundierten Anniversario Engelembtern undt Roratemessen Item aus hiesiger Kirch bekombt er jährlich Bestallung Ferner bekombt er jährlich 6 Malter Kom aus der gemeindt so thuen nach dem Cammertax Item erhebt er ein jährlichen Pacht von den Schulgüteren mit 10 Malter Korn thuen ebenfalls

45 fl 24 fl. 20 kr. 15 fl. 12 fl. 20 fl.

Item hat er 2 Ohm Wein Zinhs zu erheben wovon 1 Ohm Zinhs in hiesige Kellerey wegen dem Schuhlgut liefern thut, bleibt noch 1 Ohm so thut 5 fl. Item von der Kirchenwasch jährlich über Abzug der stärk undt saiff 3 fl. Ahn ohnständigen Accidentien, ahn tauff undt Begräbnihs Kösten ohngefähr jähr- 10 fl. lich Summa:

134 fl. 20 kr.

Wie schon vorn erwähnt, mußte jede Familie für ihre Kinder ein gewisses Schulgeld zahlen. Ausgenommen waren die Armen. Für diese steuerte die Gemeinde jährlich einen bestimmten Betrag zu. Dies sind für den Lehrer die Einnahmen aus der „Freien Schule“. Außerdem erhebt er, wie aus der vorhergehenden Aufstellung zu ersehen, einen Pachtbetrag von „Schulgütern«. Es kommt vor, daß diese Schulgüter heute teils auf „Kirche“, teils auf „Gemeinde“ eingetragen sind. Eine ganze Reihe von Schulgütern geht auf alte Altarbenefizien zurück, die als „Kirchengüter“ den Lehrern zur Nutznießung überlassen wurden. Die Schulgüter, die von vornherein von der Gemeinde für die Besoldung der Lehrer bereitgestellt waren, können wohl als „wirkliche Schulgüter“ bezeichnet werden. Dies trifft auch für Güter zu, die in dem letzten Jahrhundert von den Gemeinden den Lehrern zur Verfügung gestellt wurden. Somit hat die Eintragung der Schulgüter auf Kirche und Gemeinde ihren historisch-rechtlichen Grund. So begegnet uns in Algesheim, wie schon erwähnt, ein Lehrer als Inhaber eines Altargutes (1590), zu dem auch ein Altarhaus gehörte. Von ihm erfahren wir, „Diese Altarbehausung, obwohl daselbige von den Schulmeistern allhier 60, 70 und mehr Jahre bewohnt, und das Schulhaus geheißen, seindt jetzo einem Altaristen zu bewohnen eingeräumt“. Es sollte später wieder von einem Altaristen bezogen werden, was jedoch tatsächlich nicht erfolgte. Man kann somit auch hier ungefähr den Zeitpunkt feststellen, an dem das Altargut in die Hände des Lehrers kam. Schulrektor Martin Körner (1781-1822) Im Jahre 1784 zeigt uns der damalige Schulrektor, Martin Körner, der die Geschicke unserer Schule von 1781-1822 leitete, welche Aufgaben ein damaliger Schulmeister zu bewältigen hatte. „Ein zeitlicher Schulmann zu Algesheim muß für das Geläut sorgen, die Sakristey und die Altäre bedienen, zu den Kranken mitgehen, auch zur Schulzeit wie im Winter hier oft geschieht, auch muß er beym Kindertaufen und Kopuliren seyn, und bei den Leichen, welches die Accidentien sind. Er muß für den Chorgesang sorgen und die Knaben zu solchem Gesang unterrichten, die Orgel schlagen und zugleich singen, welches er auf Werktagen immer allein und ohne einige Hilfe thun muß, da auch sehr oft 2 Ämter auf einen Tag hinter einander gehalten werden“. Besonders bemerkenswert ist, daß schon damals dem Lehrer die Pflege des Gesanges oblag. So betätigte er sich als Vorsänger und übte mit der Jugend den Chorgesang ein, eine Aufgabe, die auch heute noch von ihm in besonderem Maße neben seinen Dienstobliegenheiten erfüllt wird. Es ist noch nicht allzu lange her, daß fast alle Chöre und Gesangvereine von einem Lehrer dirigiert und geleitet wurden. Dieser Brauch hat sich bis heute, besonders auf dem Lande, erhalten. Für seine vielseitigen Verrichtungen erhielt nun der damalige Schulmeister die Zuwendungen aus Kirche und Gemeinde. So berichtet am 6. Oktober 1783 der Amtskeller Hellmandel von Algesheim, daß das Gehalt des Schulrektors zu Algesheim sich auf 372 fl. 12 Kr. belaufe, und man 1781 beschlossen habe, aus den Hospitalzinsen 27 fl. 48 Kr. zuzulegen, um das Gehalt auf 400 fl. zu erhöhen. Die Gemeinde sei ebenso verpflichtet, dem Lehrer ein bequemes Schulhaus und eine Wohnung herzustellen. Mittlerweile hatte sich die Zahl der Kinder in unserer Gemeinde so vergrößert, daß sie im Jahre 1784 auf über 200 angewachsen war. Damals bat Schulrektor Körner, ihm aus den Hospitaleinkünften 100 fl. für einen Adjuvanten und 20 fl. für die Erwärmung der zweiten Schulstube zu gewähren. Als zweite Schulstube schlägt er die Michaelskapelle vor, deren Mauer und Dach noch

gut erhalten, die aber zur Aufbewahrung verschiedenen alten Gehölzes benutzt werde. Die Gemeinde jedoch lehnte diese Forderung ab, indem sie ihm bedeutete, jedes Kind bringe zur Winterszeit ein Stück Holz zur Erwärmung der Schule mit. Die früheren Schulrektoren hätten von der Gemeinde jährlich 15 fl. und 5 Malter Korn erhalten, um damit einen Adjuvanten oder Praeceptoren halten zu können. Körner aber habe beim Antritt seines Amtes den Praeceptor abgeschafft und sich verpflichtet, die Schule allein zu halten. Wegen der großen Schuldenlast könne die Gemeinde keine neuen Lasten auf sich nehmen, und der Hospitalfonds könne nicht mit einer ihm artfremden Sache belastet werden. Gehaltsliste von 1784 Schulrektor Körner gibt uns aus dem Jahre 1784 eine weitere verbesserte Gehaltsliste der damaligen Schullehrer: Von der Gemeinde hat ein zeitlicher Schulmeister zu erhalten: an Geld für die 75 fl. Freyschule Für Holz für die armen Kinder 3 fl. Aus der Kirch für gestiftete Ämter und für andere Gottesdienste 64 fl. die Gefälle der Accidentien können jährlich ertragen und fällt 25 fl. Für eine große Leiche nichts. Es war statt dieser Gefälle ein Leichen. trunk gewöhnlich, den ein Schulrektor mit den Chorsängern verzehrte. Für eine Kindsleiche 10 Kr für eine Kopulation 30 Kr, für eine Kindtaufe 4 Kr, nebst einem kleinen Trinkgeldgen. Von einem alten Hause, so es strittig ist, ob es der Gemeinde eigen, oder ein ursprünglich Altarhaus seye, fällt jährlich an Hauszins 10 fl. Von dem Holz, so die Kinder in die Schule bringen, bleibt soviel übrig daß es samt dem Gelde so einige Kinder, statt Holz zu bringen, zahlen, betragen kann 2 Ohm Zinswein, dieser ist gering und kann ein Jahr um das andere nicht höher als 15 fl. die Ohm zu 3 fl. geachtet werden, also dafür Von der Gemeinde 10 Malter Korn Mainzer Maß p. M. 3 fl. 6 fl. Bey hiesiger Schul sind 12 Morgen Acker, worunter etwas Wiesenn für 12 Malter 30 fl. Korn, thuen also 36 fl.

Summe des ganzen Gehaltes:

264 fl.

Schulverfassung und Stundenplan Das Pfarrvisitationsprotokoll aus dem Jahre 1784 zeigt uns auch wie in unsrer Vaterstadt der Unterricht ablief. Nachstehend sei eine Schulverfassung, wir würden heute Stundenplan sagen, aus dem Jahre 1784 wiedergegeben. Die Schule ist 200 Kinder stark. Die Knaben und Mädgen sind in einer Stube, auch ist für solche nur ein Lehrer aufgestellt. Die Kinder sind in 3 Klassen und die Schulstunden in folgende Ordnung eingeteilt: Montags von 8-9 Uhr Buchstabenkenntniß und Anleitung zum Buchstabieren; von 9-10 Uhr ist im Sommer jeden Tages Choralunterricht, im Winter aber von 12-1 Uhr nachmittags; von 10-11 Uhr Leseübungen mit der 2. und 3. Klasse. Dienstag und Freitag werden die sämtlichen Kinder in dem Christentum unterrichtet, und im Winter wird auf diese Tage 1 Stunde zur Bibl. Geschichte verwandt. Mittwoch und Samstag vormittags die erste Stunde mit den kleinen Kindern Uibungen im Buchstabiren alsdann folgt die Rechenstunde mit den Größeren. Mittwochs Nachmittag ist keine Schule.

Donnerstag. Vormittag wie am Montage. Im Winter aber werden die Größeren geübt auswendig zu schreiben, kleine Aufsätze. Donnerstag und Samstag. Nachmittag ist Schreibestunde, die letzte wird für die Kleinen verwendet zum Buchstabiren und Lesen. Nach diesem Plane also wurden zum Teil noch unsere Urgroßeltern unterrichtet. Man kann nur mit Hochachtung auf einen solchen Lehrer blicken, der, bei einer Zahl von 200 Kindern, die in einem Klassenzimmer unterrichtet wurden, es fertigbrachte, Menschen heranzubilden, deren Schrift und Stil uns heute noch in den alten Akten durch Sauberkeit und Korrektheit eine gewisse Hochachtung abringt. Die letzten Mainzer Kurfürsten nahmen sich in besonderem Maße der Schule an und sind als Reformer des Schulwesens im Erzstift anzusprechen. So bestand in den kurmainzischen Orten, gegenüber anderen Ländern, ein wohlgeordnetes Schulwesen in gut eingerichteten Schulhäusern mit einigermaßen gut besoldeten Lehrern. Schulverhältnisse in der hessischen Zeit Wie aus Pfarrakten vom 16. April 1820 zu ersehen ist, bat der damalige Schulrektor Körner um seine Entbindung vom Glöckner- und Organistendienst, da er fast schon ein Jahr einseitig gelähmt sei und den Dienst nicht mehr ausführen könne. Seiner Bitte wurde stattgegeben und der Dienst dem Lehrer Hattemer übertragen. Körner selbst wurde im gleichen Jahr pensioniert. Am 4. April 1820 gibt uns der Bürgermeister Eickemeyer nochmals einen Bericht über die damaligen Einnahmen der Schule, die folgendermaßen lautet: „Die Schule Gau-Algesheim hat mit Einschloß des Glöcknerdienstes nach dem unter dem 5. Februar 1819 genehmigten Beschluß des Gemeinderats folgende Einnahmen: 1. freie Wohnung im Anschlage zu 60 fl. 2. Schulgut 100 fl. 3. aus dem Hospitalfond 150 fl. 4. Schulgeld 150 fl. 5. Organisten- und Glöcknerdienst 140 fl. Summe 600 fl. Im Jahre 1832 bittet der Schulvorstand wegen „Überfüllung“ der Schule um die Errichtung einer 4. Schulstelle in Gau-Algesheim. (Pfarr-Akten vom 17. März 1832). Im Jahre 1839 ergeht von der Großherzoglichen Hessischen Bezirksschulkommission des Kreises Bingen ein Erlaß an alle Schulvorstände des Kreises betreffend „Schulzucht“: „Es sind sämtliche Schullehrer anzuweisen, in den seltenen Fällen, wo körperliche Züchtigungen nicht zu vermeiden sind, nur Ruthen von Birkenreißern zu gebrauchen und die Streiche auf das Innere der flachen Hände zu geben.“ (Pfarr-Akten, G-A. Schule, vom 28. Nov. 1839). Durch die immer größer werdende Kinderzahl bedingt, wurde im Jahre 1849 im Hause des Herrn Franz Werner die 4. Schulstelle errichtet. (Pfarrbücher G-A 1849). Diese neu errichtete Stelle wurde dem Vikar Anton Köbler übertragen. (Pfarr-Akten, G-A, Schule, 1779-1864). Es bestanden also damals in Algesheim bereits vier Schulstellen. Sie waren in zwei Schulhäusern untergebracht. Da diese aber nicht ausreichten, wurde in dem Hause der Langgasse Nr. 21 noch eine Schulstube errichtet. Die Pfarrakten geben uns für diese Zeit auch Aufschluß über die damals hier amtierenden Lehrer und deren Besoldung. Einem Bericht des Schulvorstandes an die Bezirksschulkommission entnehmen wir: der erste Lehrer Bartholomäus Sutter, 49 Jahre der zweite Lehrer Jos. Nik. Gölz, der dritte Lehrer Wendel Hassemer, 39 Jahre alt die Lehrerin Maria Boos, 28 Jahre alt

Die Lehrer beziehen mit Ausschluß von je 35 fl. für Heizung der Schulsäle und mit Einschluß der Wohnungszuschläge folgende Gehälter: Lehrer Sutter 426 fl. 40 Kr. Lehrer Gölz 320 fl. Lehrer Hassemer 230 fl. Frl. Boos 165 fl. Das Hinterhaus der „Alten Schule“, vormals eine Scheuer, wurde von der Gemeinde angekauft und als Schulsaal eingerichtet. Nun wurde die gesamte Schule dort untergebracht und wie folgt aufgeteilt: Vorderhaus, Parterre: 1. Schuljahr, Vorderhaus I. Stock: 2. Schuljahr, Hinterhaus, Parterre: 3. und 4. Schuljahr. Der allgemeine Schulunterricht wurde im Sommerhalbjahr wegen der anfallenden Arbeiten besonders geregelt. Für die sogenannte „Sommerschule“ galt der Erlaß der Großherzoglichen Regierung vom Jahre 1819. Der Unterricht in der Sommerzeit begann mit dem 1. Juni und endet am 18. Juli. Vom 19. Juli bis zum 16. August hatten die Kinder wegen der anfallenden Ernte ihre Sommerferien. Im Monat Oktober wurde wegen der Kartoffelernte und der Weinlese kein Unterricht erteilt. Die Kinder wurden in 2 Abteilungen unterrichtet, vom 7. bis zum 10. und vom 11 bis zum 14 Jahre. Jede Abteilung hatte dreimal in der Woche in zwei aufeinanderfolgenden Stunden den Unterricht zu besuchen. In der Regel sollten die Morgenstunden von 7 bis 9 Uhr verwendet werden. Bis spätestens 11 Uhr mußte jeglicher Unterricht beendet sein, so daß die Kinder zeitig ihren Eltern als Hilfe bei der Arbeit zur Verfügung standen. (Großherzl. Erlaß vom 11. Mai 1819). Die Schule in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Als die Schülerzahl in der Folgezeit immer mehr zunahm, und der Raum nicht mehr ausreichte, entschloß man sich, das bei der Pfarrkirche gelegene Haus umzubauen und für Schulzwecke einzurichten. Von nun an blieb das 1. bis 4. Schuljahr in der „Alten Schule“ in der Langgasse. Vom 5. Schuljahre an wurden die Kinder nach Geschlechtern getrennt. Ein diesbezüglicher Erlaß erging erst im Jahre 1858 durch die Kreisschulkommission Bingen und galt als bindend für den ganzen Kreis. (Pfarr-Akten, G-A, 1858). So richteten sich die 5. bis 8. Mädchenklasse im Hinterhaus der Langgasse ein, während die 5. und 6. Knabenklasse im heutigen Pfarrsälchen und die 7. und 8. Knabenklasse im gegenüberliegenden Raum untergebracht waren. Diese Einteilung blieb nun auch so bis zur Errichtung des neuen Schulgebäudes in der Appenheimerstraße. An Lehrern finden wir im Jahre 1850: für die obere Knabenklasse: Herrn Selbe für die obere Mädchenklasse: Frl. Boos für die gemischte Mittelklasse: Herrn Praxmarer für die gemischte Unterklasse: Herrn Hassemer (entnommen dem Beschluß des Schulvorstandes vom 11. Januar 1850, Pfarr-Akten, G-A). Im Jahre 1856 waren in Algesheim als Lehrer tätig: Jos. Nik. Gölz, Lorenz Reymann, Phil. Weber und Frl. Elisabeth Stix. Letztere reichte im Jahre 1858 ihre Versetzung in eine größere Gemeinde ein. Nach Freiwerden dieser Stelle beantragte Pfarrer Waldeck, die beiden Mädchenklassen mit Lehrkräften aus dem Orden der Englischen Fräulein zu besetzen. Da aber deren Oberin für ihre Schwestern eine für sich abgeschlossene Wohnung beanspruchte, die aus Gemeindemitteln hergerichtet werden sollte, lehnte der Gemeinderat wegen der Kosten den Antrag ab und die beiden Stellen wurden wieder mit weltlichen Lehrkräften besetzt. Sehr gut bewährte sich die von Pfarrer Holl im Jahre 1849 eingerichtete Sonntagsschule, die von Jugendlichen von 14-20 Jahren besucht wurde. Wie weit diese Einrichtumg Anklang fand, sehen

wir daraus, daß Pfarrer Holl in einem Jahr die Zahl der weiblichen Schülerinnen mit 97, und die der männlichen Besucher mit 100 angibt. Die Jugend wurde darin an Sonntagen in allen Fächern unterrichtet. (Pfarr-Akten, G-A, 1849). Bis zum Jahre 1856 war der Glöcknerdienst noch mit der ersten Schulstelle verbunden. In diesem Jahre verlangte der damalige Schulvorstand, da die Aufgaben des Lehrers immer größer wurden, den Glöckner- und Kirchendienst von der ersten Schulstelle zu trennen. Der Kirchendienst wurde nun einer anderen Person übertragen, damit der Lehrer sich voll und ganz seinem Berufe widmen könne. Seine Zeit war durch den Nebendienst oft so in Anspruch genommen, daß oft der Hauptberuf nicht mit der nötigen Sorgfalt ausgeführt wurde. Es wundert daher nicht, wenn die bischöfliche Behörde bei der Visitation im Jahre 1857 in Gau-Algesheim eine „auffallende Unkenntnis im Katechismus und überhaupt eine Unerfahrenheit im Katechisieren“ feststellt und bemerken muß, daß „die obere Mädchenklasse sich als sehr schwach unterrichtet erwies“. Um derartigen Mißständen zu steuern, wurde wohl auch obige Trennung vorgenommen. Am 8. Dezember 1867 wurde in unserer Heimatgemeinde eine Fortbildungsschule errichtet. 1868 wurde ihr eine sogenannte Handwerkerschule angegliedert, die sich hier allerdings nur auf die Erteilung des Zeichenunterrichtes beschränkte. Dieser wurde in den Sommermonaten von April bis November sonntags von 3 bis 6 Uhr abgehalten. (Pfarrakten, Fortbildungsschule 1867). Die Lateinschule Bei der Schulgeschichte Gau-Algesheims verdient eine besondere Erwähnung die Gründung einer Lateinschule durch Pfarrer Koser Ziel und Zweck dieser Schule, die man als eine „Präparandenanstalt“ bezeichnen könnte, war es, für die Schüler vom 9. oder 10. Jahre ab eine über das Ziel der Volksschule hinausgehende Bildung zu vermitteln, die sie befähigte, in die höheren Klassen des Gymnasiums oder der Realschule einzutreten. Anlaß dazu gab die Gründung eines Privatinstitutes für evangelische Kinder durch den in Ingelheim amtierenden Lehrer Oehler aus Halver i. W. Pfarrer Koser erlangte durch Vermittlung des Bischöflichen Ordinariats bei der Großherzoglichen Oberstudiendirektion die Erlaubnis zur Eröffnung der Anstalt. Sie wurde am 1. November 1871 ins Leben gerufen und im heutigen Hause Kronenberger, Neugasse Nr. 7, untergebracht, das damals von der Kirchengemeinde für 20.571 Mark für die Lateinschule erworben wurde. Ordentliche Fächer dieses Institutes waren, wie man aus dem „Jahresbericht der Lehranstalt für Knaben in Gau-Algesheim“ entnehmen kann, Religion, Deutsch, Latein, Griechisch, Französisch, Mathematik, Naturkunde, Geographie, Zeichnen, Gesang und Turnen. Die Schule war dreiklassig. Die Lehrer, soweit sie noch festzustellen sind, waren: Pfr. Koser, die Kapläne Dr. Probst, Landvogt, May und Koch und die Lehrer Faustmann, Schöppler, Schreiber, Palzer und Dönig. Die Leitung der Schule hatte von der Gründung bis zum Jahre 1876 Pfarrer Koser, der sie wegen Arbeitsüberlastung dann in die Hände von Dr. Probst legte. Da in der Zwischenzeit die einzelnen Kapläne wechselten, so sehen wir in der Folgezeit als Lehrer auch die Kapläne Brilmayer, Roskopf, Ackermann und als neue Lehrer die Herren Bitz und Becker. Das Schulgeld betrug 60 Mark pro Monat. Wie folgende Aufstellung zeigt, betreute diese Anstalt eine ganz beträchtliche Schülerzahl. So besuchten die Schule im Jahre: 1872/73 44 Schüler 1882/83 62 Schüler 1873/74 41 Schüler 1883/84 53 Schüler 1874/75 54 Schüler 1884/85 54 Schüler 1875/76 63 Schüler 1885/86 58 Schüler 1876/77 83 Schüler 1886/87 59 Schüler 1877/78 79 Schüler 1887/88 42 Schüler 1878/79 84 Schüler 1888/89 34 Schüler 1879/80 67 Schüler 1889/90 32 Schüler 1880/81 64 Schüler 1890/91 31 Schüler 1881/82 52 Schüler 1891/92 23 Schüler 1892/93 22 Schüler

Gleich zu Beginn wurden dem Institut ansehnliche Kapitalien in Höhe von ca. 13.000 Mark zu niedrigem Zinsfuß zur Verfügung gestellt. Dieses Geld stammte aus dem Vermögen von Domkapitular Dr. Moufang, Dr. Ohler, Pfarrer Kempf, Dr. Probst und Bankier Schmitt. So konnte sich die Anstalt gleich gut entwickeln und sich lange Jahre halten. Gau-Algesheimer Lateinschüler Von den 64 Schülern des Jahres 1880/81 waren 56 Katholiken, fünf Protestanten und drei Israeliten. Aus Gau-Algesheim stammten 38 Schüler, aus anderen hessischen Orten 22 aus anderen deutschen Staaten drei und aus dem Ausland ein Schüler. Da einige Gau-Algesheimer Besucher oder deren Nachkommen noch am Leben sind, seien hier aus einigen Jahrgängen ihre Namen aufgeführt. 3. Klasse, Jahrgang 1880/81: Bischel Wilhelm, Ewen Wilhelm, Jöckel Wilhelm, Mayer Wilhelm, Nathan Gustav, Nathan Simon, Völker Franz. 2. Klasse: Deister Friedrich, Eller Julius, König Jakob, Mayer Quirin, Presser Wilhelm, Deister Franz, Diehl Franz, Hassemer Josef, Hassemer Philipp, Hattemer Theobald, Hessel Philipp, Kaiser August, Kleisinger August, Mayer Wilh. Johann, Oberndorf Heinrich, Schaberger Johann, Völker Adam. 1. Klasse: Nathan Josef, Kölsch Martin (Laurenziberg), Kraus Heinrich, Deister Theobald, Hattemer Franz, Hattemer Jakob, Hassemer Peter, Hellmeister Theobald, Kahlen August, Kahlen Karl, Mayer Johann, Presser Georg, Wallenstein Nikolaus. Im Jahre 1889 besuchten aus Gau-Algesheim die Anstalt: 3. Klasse: Driesel Wilhelm, Hellmeister Franz, Hessel Otto, Kleisinger Franz Bernh., Kronenberger Franz, Reidel Anton. 2. Klasse: Driesel Gustav, Hassemer August, Hassemer Jean, Hessel Johann, Stegmeyer Wilhelm, Völker Jean, Ewen Quirin, Faustmann Karl, Hassemer Bernhard, Hassemer Heinrich, Hassemer Johann Wendelin, Weiner Joh. Martin. 1 Klasse: Deister Wilhelm, Hattemer Franz, König Franz, Kneib Peter (Frei-Weinheim), Reidel Karl, Elbert Philipp, Klesy Quirin, Schweitzer Wilhelm, Völker Karl Josef. Das Jahr 1893/94 brachte der Anstalt die Auflösung. Wegen der geringen Schülerzahl hatte man schon im Jahre vorher die Ober-Tertia aufgehoben. Als die Schülerzahl unter 22 sank, war das für die Schule nicht mehr tragbar. Das Haus wurde damals für 15.000 Mark verkauft. Die Anstalt hatte 20 Jahre bestanden und nach Aussagen ihrer Leiter und Lehrer für die Gemeinde und ihre Jugend recht segensreich gewirkt. Während ihres Bestehens waren sechs Priester aus ihr hervorgegangen und sieben Schüler bereiteten sich auf diesen Beruf vor. Die Anstalt des Lehrers Oehler bestand nicht sehr lange, da die Besucherzahl nur sehr gering war. Neubau der Volksschule Die Schülerzahl der Volksschule war um das Jahr 1900 auf 415 gestiegen. Die Gemeinde sah sich daher gezwungen, ein neues Schulgebäude zu erstellen. Im Laufe der folgenden Jahre erwarb sie von Gärtner Leoff zu diesem Zweck ein Grundstück an der Appenheimerstraße. 1909 ging man daran, das Bauvorhaben in die Tat umzusetzen. Nach einem Entwurf des Architekten Hans Becker-Büdingen führte die Firma Josef Gerhards Gau-Algesheim die Arbeiten am Neubau aus, der im Jahre 1910 beendet war. Die Kosten für dieses Projekt beliefen sich auf 110.000 Mark. Um Pfingsten 1910 konnte das neuerstandene Schulhaus unter dem damaligen Bürgermeister Quirin Hattemer feierlich eingeweiht werden. Bald erfolgte nun auch der Einzug in das prächtige Gebäude, das dem Hauptlehrer Georg Richtscheid zu treuen Händen übergeben wurde, der es bis zum Jahre 1926 vorbildlich verwaltete. Die Sorge für die äußere Instandhaltung wurde damals dem Schuldiener Philipp Klesy übertragen, der pflichteifrig bis zum Jahre 1948 seinen Dienst tat. Ihm folgte im Amt Josef Wolf, der sich heute noch bemüht, das schöne Schulhaus innerlich und äußerlich in Ordnung zu halten.

Im Jahre 1920 trat man im Erdgeschoß zwei Räume an die Landwirtschaftliche Schule ab, die lange Jahre zu Gast war; später siedelte sie in den Neubau des Schlosses Ardeck über. Sie wurde im Jahre 1950 aufgelöst und nach Ingelheim verlegt. Im Jahre 1926 übernahm Hauptlehrer Schmitt das Steuer der neuen Volksschule und führte es bis zum Jahre 1932. Ihm folgte kurzfristig Rektor Schwemmler, der 1933 die Leitung Rektor Johann Haas übergab. 1939 brach dann der unselige Krieg aus, der besonders in der letzten Phase weniger für das Gebäude selbst, als für die Schulkinder schwere und heute noch spürbare Folgen hatte. Ein geregelter Unterricht konnte kaum mehr stattfinden, da die meisten Lehrkräfte zum Wehrdienst eingezogen waren und andauernder Fliegeralarm die Kinder zwang, entweder mehrmals am Tage den Luftschutzkeller aufzusuchen oder gar ganz der Schule fernzubleiben. Der noch verbleibende Unterricht konnte in dieser Zeit nur mit kurzfristig ausgebildeten Lehrpersonen aufrechterhalten werden. Alle diese Umstände trugen wohl mit dazu bei, daß sich bis in die letzten Jahre hinein bei unsren Kindern ein spürbarer Wissensmangel bemerkbar machte. Schulverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Kriege stand es fest, daß, wie immer nach solchen Ereignissen, der moralische Schaden viel größer war als der materielle. Dies wirkte sich zweifellos in ganz besonderer Weise auf unsre Jugend aus. Ein Teil der Lehrkräfte mußte leider im großen Ringen sein Leben lassen und ein andrer wurde lange Zeit danach noch in Gefangenschaft zurückgehalten. Wieder andere waren wegen ihrer einstigen politischen Tätigkeit nicht zum Dienst zugelassen. So mangelte es allgemein der Jugend an alten erfahrenen und gut ausgebildeten Praktikern, was mit ein Grund war, daß erst nach und nach die großen Lücken ausgefüllt und die Hauptschäden beseitigt werden konnten. Zum guten Schluß mußte das Schulhaus noch geräumt werden, um den Besatzungstruppen als Unterkunft zu dienen. Lange Zeit erhielten unsere Kinder in vier verschiedenen Häusern Unterricht. Sie mußten sich auf Turnhalle, Pfarrsälchen, „Goldne Krone“ und „Alte Schule“ verteilen. Am 9. Juli 1945 trat der neue Rektor Wilhelm Christgen seinen Dienst an der hiesigen Schule an. Mit ihm konnte man in den Anbau des Schlosses Ardeck einziehen und dadurch wieder einen einigermaßen geregelten Unterricht abhalten. Am 4. März 1946 räumte die Besatzungsmacht das neue Schulgebäude und man richtete sich dort wieder ein. Leider war von der ehemaligen schönen Ausstattung nicht mehr viel zu sehen. Nackte Wände, demolierte Bänke und ausgeräumte Schaukästen waren der klägliche Überrest. So mußte in jeder Beziehung von Grund auf neu angefangen werden. Dank der Schulfreudigkeit des Bürgermeisters unsrer Stadt und seines Stadtrates, der zielbewußten Führung des Rektors und seines für jeden pädagogischen Fortschritt aufgeschlossenen Lehrerkollegiums steht heute die Volksschule Gau-Algesheims wieder als eine der am besten eingerichteten unsrer engeren Heimat da. Im Jahre 1953 konnten, da die Räume für die Schuljugend nicht mehr ausreichten, zwei neue Schulsäle angebaut und aufs beste eingerichtet werden. Im selben Jahre wurde auf Wunsch verschiedener Eltern eine zweiklassige katholische Schule eingerichtet, die 1954 um eine weitere Klasse vermehrt wurde. Die christliche Simultanschule wird zur Zeit geleitet von Rektor Christgen mit seinem Lehrerkollegium, dem die Lehrerinnen Regina Bormuth, Elisabeth Manefeld als Handarbeitslehrerin, Gudrun Mickel und die Lehrer Georg Reitz, Michael Hellmeister, Heinrich Sarg, Walter Reitz und Edmund Gerhard angehören. Die Leitung der katholischen Schule hat Studienrat z. W. Johannes Fleischer mit seinem Kollegium, den Lehrern Heinz Thiecke und Karl Heinz Helm. Aus dieser kurzen Zusammenstellung der Schulgeschichte unserer Heimatstadt mag zu ersehen sein, daß ihre Schulangelegenheiten von jeher einigermaßen geordnet waren, was man allgemein von den Orten des ehemaligen kurmainzischen Gebietes sagen kann. Es ist ein großes Verdienst seiner ehemaligen Erzbischöfe und Kurfürsten, denen das Wohl der Schule des Volkes sehr am Herzen lag. Auf dieser Grundlage aufbauend, konnte unsere Zeit am Gebäude der Volksschule weiterbauen und sie zu dem gestalten, was sie für uns heute bedeutet: ein Hort echter Erziehung und Bildung, eine Stätte geistiger und körperlicher Ertüchtigung der ihr anvertrauten Jugend.