Alle Welt hat zu tun

Leseprobe aus: Christian Bobin Alle Welt hat zu tun Mehr Informationen zum Buch finden Sie hier. (C) 2002 by Edition Spuren, Winterthur/Stephan Sc...
Author: Arnim Schuster
9 downloads 0 Views 90KB Size
Leseprobe aus:

Christian Bobin

Alle Welt hat zu tun

Mehr Informationen zum Buch finden Sie hier.

(C) 2002 by Edition Spuren, Winterthur/Stephan Schumacher

Ariane trank, tanzte, lachte. Blaues Kleid, rotes Herz. Eine schöne Hochzeit. Getränke, Tanz, Vertraulichkeiten. Man hatte für den Anlass ein Schlösschen gemietet. «Schlösschen» ist vielleicht ein wenig übertrieben. Eher ein großes Gehöft mit weitläufigen Räumen, dicken Mauern und niedrigen Decken. Ariane trank viel, tanzte viel und lachte noch viel mehr. Niemand hatte sie je erziehen, ihr gute Manieren beibringen können. Gute Manieren sind traurige Manieren. Ariane war kein Kind von Traurigkeit. Sie liebte und sie begehrte. Alles andere zählte nicht. Das Leben ist so kurz. Gib mir, was ich liebe. Ich will nichts als die Wahrheit. Gib mir, was du bist, und lass fahren, was deine Meister dir beigebracht haben, vergiss, was sich gehört. Das war der Zauber von Ariane: eine seltene Fülle von Präsenz, frisch, schlicht und einfach machend. Du nimmst mich, du lässt mich, vor allem aber erteilst du mir keine Lektionen, du sagst mir nicht, wie ich sein soll. Wie du, so bin auch ich ein Geschenk Gottes. Und einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Das Leben verfliegt so schnell, man sollte es doch wohl 7

mit ein wenig Enthusiasmus angehen – oder? Alles an Ariane sprach auf diese Weise. Ihren Bräutigam hatte sie aus zehn Kandidaten erwählt. Die Hochzeit war ein Tag der Freude für diesen einen Mann und ein Tag der Trauer für neun andere Männer. Eine fröhliche Trauer, berauschend und farbenfroh: Ariane konnte man nicht böse sein. Kann man denn dem Frühling böse sein? So ist Ariane, und so ist das Leben. Verwundung und Licht ereilen dich zugleich. Das eine lässt sich nicht vom anderen trennen, und zum Nachdenken bleibt keine Zeit, weder Pause noch Aufschub. So ist das Leben, und so ist Ariane, beides vermählt zu einem. Klassische Hochzeit. Zuerst das Rathaus, dann die Kirche. Zum Rathaus kein Kommentar, alles perfekt. Ruhig, kühl, republikanisch. Der Bürgermeister ist im Urlaub. Er wird vertreten vom Kulturbeauftragten. Der leidet an einem Magengeschwür, hat eine Tochter, die bald das Elternhaus verlassen wird, um in Australien zu studieren, und eine Frau, die ihn seit zwölf Jahren Dienstagabend für Dienstagabend mit demselben Liebhaber betrügt. Der Kulturbeauftragte glaubt nicht an die Tugenden der Ehe. Das trifft sich gut, denn niemand erwartet, dass er daran glaubt. Man verlangt von ihm nur, dass er einige Gesetzesartikel verliest, und das bitte ohne Unterton. Vor allem ohne Unterton. Er macht seine Sache gut. Eine Stunde später die Kirche. Nach dem Gesetz die Gnade. Doppelt genäht, hält besser. Keine

Ahnung, ob in dieser Kirche jemand an Gott glaubt – der Priester inbegriffen (denkt Ariane). Die Füße tun mir weh. Ich hätte nicht diese Schuhe anziehen sollen (denkt der Bräutigam). Noch nie hat meine Tochter so gestrahlt wie heute. Jedes Mal, wenn sie dabei ist, eine Dummheit zu begehen, strahlt sie (denkt Arianes Mutter). Ich habe Durst (denkt Arianes Vater). Diese junge Frau ist wirklich schön. Und sie hat Charme. Sie macht mich nervös, und sie weiß es. Herr, ich weiß wohl, dass du durch viele Prüfungen gegangen bist. Was aber ist mit der Ehe? Was hältst du davon? Du bist ihr doch tunlichst aus dem Weg gegangen – oder? (denkt der Priester). Was findet sie bloß an dem Kerl? Was findet sie an dem? (denken Arianes andere Kandidaten in den hinteren Kirchenbänken). So vielfältig die Gedanken, so vielfältig die Anwesenden. Alle sind sie gewaschen, parfümiert und im Sonntagsstaat. Der Priester vergisst seine Gefühle und findet wieder zu seinem Glauben, in extremis. Er wird wieder ganz Priester und waltet seines Amtes, das kein Geringes ist. Nun will mit Überzeugungskraft gesprochen sein, sodass Gottes Wort (jawohl, nichts geringeres denn Gottes Wort, jenes große Strahlen der Sonne) diese Mauer von Parfum, Gedanken und Sonntagsstaat durchdringen möge. Möge es stark genug sein, um bis zu den Seelen zu dringen und einige zu berühren. Wenigstens einige. Wenigstens eine. Eine nur, und es hätte sich gelohnt. Natürlich kann man das nie wissen. Also dann. Der Priester spricht. In der

8

9

kühlen Kirche schaffen seine Worte den Raum für einen Strahl des Feuers. Da geschieht etwas, für einige der Anwesenden, zumindest für wenige Minuten. Das Gemeine ist vergessen. Liebe liegt in der Luft. Nicht alle bekommen das mit. Ariane ist begeistert. Der Priester schließt, und sie muss sich beherrschen, ihn nicht auf den Mund zu küssen. Was er da gesagt hat, das hat sie von ihrem Bräutigam noch nie zu hören bekommen. Und das ist wohlgemerkt keine Frage des Vokabulars, des Berufs oder der Erziehung. Keineswegs. Also, Gott war gekommen, Gott war gegangen. Man verlässt die Kirche. Ariane und ihr Bräutigam schreiten voran unter einem Regen von Rosen. Alle sind erleichtert. Endlich kann das Fest beginnen, auf das alle gewartet haben – es sei denn, es hätte bereits stattgefunden. Ariane trägt ein himmelblaues Kleid. Wenn sie tanzt, hat man den Eindruck, der Himmel werfe Falten. Unter dem Himmelblau der lieblichste Körper auf Erden. Und in diesem Körper ein Herz, das so gewiss schlägt wie eine Trommel. Der Abend ist fortgeschritten. Einer nach dem anderen fallen die Gäste in Schlaf, sinken auf die Tische, die überladen sind mit Fleisch und Likör. Auch die Kapelle fällt der Ermattung anheim. Glück ist eine ermüdende Sache. Zuerst schläft der Mann am Akkordeon ein, bald gefolgt vom Gitarristen. Am längsten hält sich der Sänger auf den Beinen. Tatsächlich schläft er stehend ein, während er sich

weiterhin am Mikrofon festhält. Er singt allerdings in seinem Traum weiter. Da haben nur noch Ariane und ihr Bräutigam die Augen offen, beide jeweils an einem Ende des Saales. Ein Teil einer Hochzeit gehört dem Tag, ein anderer Teil der Nacht. Nun hat die Nacht begonnen. Alle Gäste, ohne Ausnahme, sind vom Schlaf übermannt. Was nun folgt, soll niemand sehen. Wenn dieser Akt vollzogen ist, werden die Gäste auf einen Schlag erwachen und Freudenschreie ausstoßen. Der Tanz wird wieder aufgenommen werden, die Weinflaschen werden erneut kreisen. Aber erst einmal muss Folgendes geschehen: Die Braut entledigt sich ihres himmelblauen Kleides und legt es sorgfältig über einen Stuhl. Mit beiden Händen fasst sie sich unter die linke Brust, greift in das Fleisch und holt sich das Herz aus dem Körper. Langsam, ohne ihren Ehemann aus den Augen zu verlieren, dreht sie ihr Herz unter dem Neonlicht in den Händen. Mit ihrem nackten Herzen auf den weißen Händen durchquert sie mit kurzen Schritten den Raum, um es ihrem Bräutigam anzuvertrauen. Der Bräutigam schaut sie an, wartet. Ariane schreitet, steigt über schlafende Körper hinweg, stößt einen Kristallkelch um. Nun befindet sie sich zwei Meter vor ihm. Das Herz schlägt in ihrer Hand wie ein gefangener Spatz. Jetzt steht sie einen Meter vor ihm, betrachtet ihn. Sie sieht den Schatten in seinen Augen. Sie schaut, was die kommenden Jahre bringen werden. Sie weiß, dass weder dieser noch irgendein anderer Mann umzu-

10

11

gehen weiß mit einem Herzen, so frisch und so rot. Da zögert sie im letzten Augenblick und öffnet ihre Hände ein wenig zu früh – und ihr Herz fällt dem Bräutigam zu Füßen. Der macht keine Anstalt, es aufzufangen. Das Herz fällt zu Boden und zerschellt in drei Teile. Also wird sie drei Kinder haben. Und sie wird ihre Kinder dort hinter den Bergen zur Welt bringen.

sie, und während des Kletterns weint sie und lacht. Es gibt Narren, die sind so närrisch, dass nichts ihren Augen jemals dieses wunderbare Fieber der Liebe zu rauben vermag. Gesegnet sollen sie sein. Dank ihrer ist die Erde rund. Dank ihrer erwacht immer wieder ein neuer Tag, ein neuer Tag, ein neuer Tag.

Ariane hebt die drei Bruchstücke vom Boden auf und steckt sie irgendwie zurück in ihre Brust. Sie zieht das himmelblaue Kleid wieder an. Genug gesehen, genug getanzt. Sie geht, ohne noch einen Blick auf die anderen zu werfen. Ihr Bräutigam wird für immer genau dieser Mann bleiben, versteinert, die Augen Tag und Nacht weit offen, als hätte man ihm die Augenlider abgebrannt, stehend in einem Saal voller Schlafender. Draußen erwacht ein neuer Tag. Ariane geht leichtfüßig, pflückt Brombeeren im Vorübergehen. Sie sucht nach einem Namen für das Kind, das als erstes kommen wird. Sie weint. Nun kennt sie das Gewicht von Tränen. Sie bedauert nicht, es zu kennen. Die Engel, sagt sie sich, wissen bestimmt nicht darum. Der Geist strahlt, leuchtet, brennt – doch er weint nicht! Die Engel, diese Wesen reinen Geistes, haben weniger Glück als wir. Genau das sagt sie sich, während sie sich die Hände mit den Brombeerflecken am himmelblauen Kleid abwischt. Sie geht weiter in die Tiefe der Landschaft. Sie beginnt auf die Berge zu steigen. Sie besteigt 12

13

Die Zehen gespreizt, den Kopf auf einem Stoß von drei Kissen, schnarcht Ariane auf dem Sofa von Monsieur Gomez. Der erste Teil ihrer Arbeit ist getan. Sie ruht sich aus, bevor sie den zweiten Teil in Angriff nimmt. Ihre Arbeit ist der Haushalt: die Fenster des Hauses von Monsieur Gomez zum Singen bringen, die Farben der Möbel von Monsieur Gomez auffrischen, die Hemden von Monsieur Gomez waschen und bügeln. All das ist bereits getan, und es ist gut getan. Am Spätnachmittag, so gegen sechs Uhr, wird Monsieur Gomez aus dem Büro nach Hause kommen. Er arbeitet im Finanzwesen, in der größten Bank der Stadt hinter den Bergen. Monsieur Gomez ist traurig. Monsieur Gomez war schon immer traurig. Es gab für ihn schon als Kind und auch später, als er erwachsen war, gute Gründe, traurig zu sein. Wie bei jedem von uns, nicht wahr? Aber Monsieur Gomez war bereits traurig, lange bevor es diese Gründe gab: Monsieur Gomez ist traurig zur Welt gekommen. Die Traurigkeit ist sein erster Beruf, seine getreue Gattin, seine Mutter, seine Erinnerung und sein Ziel. Gegen diese Traurigkeit anzugehen, das

ist der zweite Teil von Arianes Arbeit. Aus diesem Kampf geht sie jedes Mal siegreich hervor. Ein Lachen, ein Lied, eine Geschichte – und schon leuchten die Augen von Monsieur Gomez für einige Augenblicke auf. Wenn er nach Hause kommt, erzählt ihm Ariane von den Gedanken, die ihr im Laufe des Tages durch den Kopf gegangen sind. Sie hat alle möglichen Gedanken. Ariane redet, Monsieur Gomez lacht. So einfach ist das. Ariane ist komisch, selbst wenn sie die Wahrheit spricht, die nicht immer komisch ist. Monsieur Gomez ist zufrieden mit seiner Haushälterin. Er hat sie weiteren Hausbesitzern in der Stadt hinter den Bergen empfohlen. Ariane hat drei Arbeitgeber. Sie alle haben einen Stein auf dem Herzen und eine Schwere im Blick. Bei Monsieur Gomez ist es die Traurigkeit. Bei Madame Carl ist es der Hochmut. Bei Monsieur Lucien ist es die Eifersucht. Wenn sie Ariane zuhören, denken sie nicht mehr daran, traurig, hochmütig oder eifersüchtig zu sein. Es gibt Menschen, die uns von uns selbst befreien. Das geschieht so natürlich, wie es beim Anblick eines blühenden Kirschbaums geschehen kann oder eines spielenden Kätzchens, das dem eigenen Schwanz nachjagt. Die eigentliche Arbeit dieser Menschen besteht in ihrem Dasein. Die andere Arbeit tun sie nur der Form halber. Irgendetwas muss man ja tun. Nur fürs Dasein, für deine unfreiwillige Komik oder für ein Liedchen, das du vor dich hin trällerst, bezahlt dich schließlich keiner.

14

15