ISBN 978-3-86882-315-8

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50Klassiker der Psychologie Für William James war die Psychologie eine Naturwissenschaft, die sich auf die Hirnfunktionen stützt. Gleichwohl waren die seinerzeit verfügbaren Instrumente kaum geeignet für ein Studium dieses mysteriösen Organs. Heute gewinnt die Psychologie dank des technischen Fortschritts neue Erkenntnisse über das Gehirn an sich, weniger jedoch über das von ihm gesteuerte Verhalten. Indem der Schwerpunkt nunmehr auf die Gehirnwissenschaft verlegt wird, tauchen zwangsläufig unbequeme Fragen auf, was die biologischen und genetischen Grundlagen von Verhalten betrifft. Ist unser Wesen relativ unveränderbar, oder sind wir unbeschriebene Blätter, die sich bereitwillig von ihrem Umfeld sozialisieren lassen? Der alte Streit um Ererbtes kontra Erworbenes hat eine neue Dimension angenommen. Die Genetik und die Evolutionspsychologie haben gezeigt, dass vieles von dem, was wir als die menschliche Natur bezeichnen, einschließlich Intelligenz und Persönlichkeit, bereits im Mutterleib festgelegt oder zumindest hormonell beeinflusst wurde. Wie Steven Pinker in Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur bemerkt, wird die wichtige Rolle, welche die Biologie für das menschliche Verhalten spielt, bisweilen aus kulturellen oder politischen Gründen verneint. Doch je mehr wir darüber erfahren, umso schwieriger wird es, diesen Standpunkt zu rechtfertigen. So ist Louann Brizendines Buch beispielsweise das Ergebnis langjähriger Forschungen über die Wirkung von Hormonen auf das weibliche Gehirn, und es beschreibt brillant, in welchem Maße Frauen in den verschiedenen Lebensstadien von ihrer Biologie geprägt werden. Moir und Jessels Brainsex ist noch grundlegender und zeigt, wie viele unserer Verhaltenstendenzen der Sexualbiologie des Gehirns entspringen – und die wird größtenteils schon bei einem acht Wochen alten Fötus festgelegt. Selbst unsere über alles geschätzte Vorstellung vom Ich landet unter dem Mikroskop. So legt die heutige Neurowissenschaft nahe, dass das Ich am ehesten als eine Art Illusion zu verstehen ist, die das Gehirn 19

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kreiert. Die bemerkenswerten Schriften von Oliver Sacks zum Beispiel zeigen, dass das Gehirn beständig daran arbeitet, ein Gefühl vom „Ich“ als Kontrollinstanz zu schaffen und zu erhalten, wenngleich bislang kein eigentlicher Sitz des „Ich-Gefühls“ im Gehirn ausgemacht werden kann. Die Arbeit des Neurowissenschaftlers V. S. Ramachandran mit Phantomgliedern scheint zu bestätigen, dass das Gehirn über eine beachtliche Fähigkeit verfügt, ein Empfinden von kognitiver Einheit zu vermitteln, selbst wenn die Realität (vieler Ichs und vieler Bewusstseinsschichten) weit komplexer ist. Jean Piaget hat niemals im Gehirnlabor geforscht, er widmete sich jedoch während seiner Jugend in den Schweizer Bergen dem ausgiebigen Studium von Schnecken. Seine früh zutage tretende Begabung für wissenschaftliche Beobachtungen übertrug er auf seine entwicklungspsychologischen Studien und stellte fest, dass sich Kinder eindeutig entlang einer klar erkennbaren Linie von Altersstadien entwickeln, vorausgesetzt sie erhalten die entsprechenden Stimuli aus ihrem Umfeld. Ein anderer ehemaliger Biologe, der spätere Sexualforscher Alfred Kinsey, hatte sich vorgenommen, die Tabus zu erschüttern, welche die männliche und weibliche Sexualität umgeben. Dies gelang ihm, indem er ausführte, wie sehr unsere Säugetierbiologie unser Sexualverhalten lenkt. Piaget wie Kinsey kommen in ihren Arbeiten zu dem Ergebnis, dass die Biologie zwar stets einen dominanten Einfluss auf unser Verhalten ausübt, unser Umfeld jedoch wesentlich über die Äußerungsform entscheidet. Doch bei allen neuen Erkenntnissen über die genetischen oder biologischen Grundlagen unseres Verhaltens, dürfen wir nie zu dem Schluss kommen, dass unser menschliches Wesen von unserer DNS, unseren Hormonen oder unserer Gehirnstruktur vorbestimmt ist. Im Gegensatz zu anderen Tieren sind wir uns unserer Instinkte bewusst, und folglich können wir versuchen, sie zu beeinflussen und zu steuern. Wir sind weder ganz Ererbtes noch ganz Erworbenes, sondern eine interessante Mischung aus beidem. 20

50Klassiker der Psychologie Das Unbewusste anzapfen: eine Weisheit anderer Art Gavin de Becker, Mut zur Angst Milton Erickson, Meine Stimme begleitet Sie überallhin. Ein Lehrseminar Sigmund Freud, Die Traumdeutung Malcolm Gladwell, Blink! Die Macht des Moments Carl Gustav Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewußte Zur Psychologie gehört mehr als der rationale, denkende Geist, und unsere Fähigkeit, das Unbewusste anzuzapfen, führt uns zu einem großen Wissensschatz. Freud versuchte zu zeigen, dass Träume nicht bloß sinnleere Halluzinationen sind, sondern ein Fenster zum Unbewussten, durch das wir unsere unterdrückten Wünsche sehen. Für ihn war der bewusste Geist gleichsam die Spitze eines Eisbergs, dessen unsichtbare Basis das Schwerkraftzentrum im Hinblick auf Motivation bildet. Jung ging noch weiter, indem er eine große subrationale Architektur (das „kollektive Unbewusste“) entdeckte, die unabhängig vom Einzelnen existiert und fortwährend Bräuche, Kunst, Mythologie und Literatur hervorbringt. Für Jung wie für Freud bedeutete ein größeres Bewusstsein dessen, „was darunter liegt“, eine verminderte Anfälligkeit dafür, im Leben ins Stolpern zu kommen. Das Unbewusste bietet ihrer Meinung nach eine Fülle von Information und Weisheit, die uns zugänglich ist, sobald wir richtig damit umgehen können. Entsprechend sahen beide ihre große Aufgabe darin, uns wieder mit unserem tieferen Ich zu verbinden. Als Therapie war die „Tiefen-Psychologie“ jedoch kaum mehr als mittelmäßig erfolgreich. Zudem scheint ihr Erfolg unmittelbar von den Erkenntnissen oder Techniken des jeweiligen Therapeuten abhängig zu sein. Milton Erickson beispielsweise, ein namhafter Hypnotherapeut, vertritt das Motto: „Es ist wirklich erstaunlich, wozu die Menschen imstande sind. Sie wissen bloß nicht, was sie alles können.“ Er versteht das Unbewusste auch als einen Quell weiser Lösungen und versetzt seine 21

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Patienten in die Lage, diese Quelle anzuzapfen und so vergessene individuelle Kräfte wieder zu mobilisieren. Die Intuition ist eine Art Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, also eine Form von Weisheit, die wir kultivieren können. Das illustriert Gavin de Becker in Mut zur Angst auf recht schaurige Weise. Er nennt zahlreiche Beispiele für unsere natürliche Fähigkeit zu wissen, was wir in kritischen Situationen, in denen es um Leben oder Tod geht, zu tun haben – vorausgesetzt wir sind bereit, unserer inneren Stimme zuzuhören und zu folgen. Malcolm Gladwells Blink! Die Macht des Moments betont ebenfalls die Kraft des „Denkens, ohne zu denken“ und zeigt, dass die spontane Einschätzung einer Situation oder einer Person oft ebenso zutreffend ist wie die Sichtweise, zu der man nach einem längeren Zeitraum gelangt. Während Logik und Rationalität fraglos wichtig sind, nutzen kluge Menschen sämtliche Ebenen ihres Denkens und vertrauen ihren Gefühlen selbst dann, wenn ihnen deren Ursprung rätselhaft scheint. Besser denken, sich besser fühlen: Glück und mentale Gesundheit Nathaniel Branden, The Psychology of Self-Esteem David D. Burns, Feeling Good. Depressionen überwinden, Selbstachtung gewinnen Albert Ellis & Robert Harper, A Guide to Rational Living Daniel Gilbert, Ins Glück stolpern Fritz Perls, Gestalt-Therapie. Grundlagen der Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung Barry Schwartz, Anleitung zur Unzufriedenheit. Warum weniger glücklicher macht Martin Seligman, Der Glücks-Faktor. Warum Optimisten länger leben William Styron, Sturz in die Nacht. Die Geschichte einer Depression Jahrelang war die Psychologie erstaunlich desinteressiert am Glücklichsein. Martin Seligman trug dazu bei, das Thema in die ernsthafte 22

50Klassiker der Psychologie Forschung und Beobachtung einzuführen. Mit seiner „positiven Psychologie“ vermag er uns bisweilen unerwartete Rezepte für mentales Wohlbefinden zu geben. Barry Schwartz‘ Unterscheidung zwischen „Maximizern“ und „Satisfizern“ vermittelt uns die überraschende Erkenntnis, dass uns eine Einschränkung unserer Auswahlmöglichkeiten im Leben tatsächlich zu größerem Glück und mehr Zufriedenheit verhelfen kann. Dieselbe Richtung schlägt Daniel Gilbert in seinem Buch ein, wenn er betont, dass wir Menschen zwar die einzigen Tiere sind, die in die Zukunft blicken können, jedoch häufig Irrtümern im Hinblick darauf aufsitzen, was uns glücklich macht. Robert Thayers Arbeit führt vom Allgemeinen zum Besonderen, indem sie die physiologischen Ursachen für scheinbar unerklärliche Stimmungsschwankungen ausmacht und so Tausenden von Menschen dabei half, eine bessere Kontrolle über ihre aktuelle Gefühlslage zu bekommen. Die faszinierenden Erkenntnisse aller drei Bücher zeigen, dass das Glück niemals so einfach zu erreichen ist, wie wir es gern hätten. Die Revolution der kognitiven Psychologie wirkte sich dramatisch auf das Verständnis von mentaler Gesundheit aus, und die beiden herausragenden Namen auf diesem Gebiet lauten David D. Burns und Albert Ellis. Ihr Mantra, dass Gedanken Gefühle erzeugen und nicht umgekehrt, versetzte viele Menschen in die Lage, mit Logik und Vernunft an den trüben Tümpel der Emotionen heranzugehen und so eine bessere Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Zugleich helfen ihre Arbeiten auf dem Weg zum Glück, indem sie zeigen, dass die meisten von uns buchstäblich „entscheiden“ können, glücklich zu sein, indem sie den Denken-Fühlen-Mechanismus durchschauen. Das Konzept der Selbstachtung war in jüngster Zeit einiger Kritik ausgesetzt. Dennoch bleibt Nathaniel Brandens Grundlagenwerk überzeugend, das ausführt, dass Selbstachtung voraussetzt, eigene Prinzipien zu formulieren und nach ihnen zu handeln. Misslingt uns das, stürzen wir schnell in Selbsthass und Depressionen ab. Und wie William Styron 23