1.3.1 Medienrevolution und Digitale Geschichtswissenschaft

Historische Forschungspraxis und digitaler Wandel 1.3 17 Historische Forschungspraxis und digitaler Wandel 1.3.1 Medienrevolution und Digitale Ges...
Author: Jan Reuter
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Historische Forschungspraxis und digitaler Wandel 1.3

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Historische Forschungspraxis und digitaler Wandel

1.3.1 Medienrevolution und Digitale Geschichtswissenschaft Mann kann sich eine Welt ohne Atomkraft und Braunkohle, ohne Autos und ohne Chemie vorstellen, und für jedes dieser Paralleluniversen gibt es starke und vernünftige Befürworter, denn sie alle sind an ihre Grenzen gestoßen. Aber nicht so bei der Vorstellung einer Welt ohne Computer. Das allein zeigt, mit welcher Macht wir es zu tun haben. Die Grenzen dieser Technologie sind deckungsgleich mit den Grenzen unseres Bewusstseins. [...] Die Informationsgesellschaft entwickelt Technologien ohne Alternative, und sie gehört, weil sie sich alle zwei Jahre neu erfindet, zum Spannendsten, was unsere Generation erleben kann. Deshalb müssen wir die Anpassung selbst in die Hand nehmen statt angepasst zu werden.42

Es steht außer Frage, dass für die menschliche Gesellschaft ein digitales Zeitalter angebrochen ist, in dem computergestützte Technik und Vernetzung in alle Lebensbereiche eingreifen, diese verändern, und deren Folgen und Wirkmächtigkeit noch lange nicht abzusehen sind. Wir leben online, kaufen online ein, organisieren unsere Strom- und Wasserversorgung sowie unseren Verkehr online, führen sogar online Krieg und beginnen zunehmend Denkprozesse an das algorithmisch basierte und maschinengestützte Internet auszulagern. Doch nutzen wir dabei die Technologie nicht einfach als Werkzeug, nein, wir liefern ihr unsererseits unzählige Daten über uns und unser Verhalten, wir verlassen uns auf Vorschläge und reagieren auf Befehle unserer Computer und vor allem tun wir dies freiwillig. Ohne hierbei unkritisch oder naiv zukunftspessimistischen Endzeit-Apologien beipflichten zu müssen, spürt man, dass die sich derzeit entfaltenden Transformationsprozesse tiefgreifender und radikaler als alle vorangegangenen zu sein scheinen.43 Frank Schirrmacher hat in seinem – bereits zu den Standardwerken kritischer Reflexionsliteratur über das digitale Informationszeitalter gehörenden – Buch Payback44 ausführlich die bisherigen gesellschaftlichen aber auch physiologischen Auswirkungen der Verschmelzung von Mensch und Maschine beschrieben. Zu den beunruhigendsten Befunden zählen hierbei u.a. der Verlust des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, der Lese- und Einsichtsfähigkeit sowie der Selbstbestimmung und der Individualität. Beunruhigend vor allem auch deshalb, weil etwa der mit der Übereignung von Gedächtnisinhalten und deren Verknüpfung an den Computer sowie der mit der Kurzlebigkeit von Informationen verbundene Verlust des Gedächtnisses durchaus durch Eigenerfahrung bestätigt werden kann. Dabei geht es nicht nur um die Merkfähigkeit an sich, sondern auch um den Verlust zur Beurteilung des Wichtigen in seiner Abgrenzung vom Unwichtigen. Ein ständiger Zwang, wählen zu müssen zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen, höhlt uns schon nach kurzer Zeit buchstäblich aus und führt dazu, dass wir den Autopiloten im Gehirn einschalten. Wir können gar nicht anders, als uns in diesem Zustand treiben zu lassen. In einem Einkaufszentrum können wir immerhin den Laden verlassen, in der digitalen Welt merken wir gar nicht, dass wir ihn betreten haben. Wir sind online, selbst wenn wir es nicht sind. Denn wir denken an die Informationen, die uns entgangen sind oder die auf uns warten könnten.45

Schirrmacher liefert in Payback aber kein naives Manifest gegen den Computer oder das Internet, sondern gibt ein Plädoyer für die Bewusstmachung der ansonsten unbewusst vor sich gehenden Anpassungsprozesse und für die Rückgewinnung der Selbstkontrolle über diese. Für Manfred Osten scheint sich nun auf der Grundlage „der gigantisch wachsenden und sich beschleu-

  Frank Schirrmacher, Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, 1. Aufl., München 2009, S. 157. 43   Siehe hierzu: Otto Peters, Kritiker der Digitalisierung. Warner, Bedenkenträger, Angstmacher, Apokalyptiker ; 20 Portraits, Frankfurt am Main 2012. 44   Frank Schirrmacher, Payback. 45   Ebd. S. 163. (Hervorhebungen im Original.) 42

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nigenden Flutwelle eines Überangebots an Daten und Informationen”46 auch eine Wiederbelebung der These von C. P. Snow von den Zwei Kulturen zu vollziehen, die nach Harald Weinrich zu einem »Oblivionismus der Wissenschaft« führt. Weinrich stellt für die naturwissenschaftliche Forschung vier Verhaltensregeln des Vergessens auf: „1. Was in einer anderen Sprache als der englischen Sprache publiziert ist – forget it. 2. Was in einer anderen Textsorte als der eines Zeitschriftenaufsatzes publiziert ist – forget it. 3. Was nicht in einer der angesehenen Zeitschriften X, Y, Z publiziert ist – forget it. 4. Was vor mehr als ca. fünf Jahren publiziert ist – forget it.”47 Einer derart verfassten naturwissenschaftlichen Vergessenstechnik stellt Osten nun die anamnetische Kultur und Traditionsverpflichtung der Geistes- und Sozialwissenschaften gegenüber, wobei er durchaus konstatiert, dass letztere dadurch „schlecht gerüstet für den Weg in die Zukunfts-Urwälder mit ständig wachsenden Datenströmen und Überinformationen [sind].”48 Es ist geradezu paradox, dass nun die neuen Technologien, die uns die Welt in einer digitalen Art und Weise überall verfügbar und damit näher zu bringen scheinen, ihrerseits eine Notwendigkeit für eine stärkere Beschäftigung mit der Geschichte in sich bergen. Insofern nämlich, als sie dem von Uwe Jochum prophezeiten »Ende der Geschichte« Vorschub leisten und dem Menschen dadurch immer mehr bewusst machen, dass es eine Zukunft ohne Vergangenheit nicht geben kann – Osten gebraucht hierfür die äußerst treffende Homerische Metapher von den Lotophagen, die ihre Gäste mit unwiderstehlichen Lotos-Früchten bewirten, die ihnen ihre Erinnerungen rauben, sie dadurch zu herkunfts- und ziellosen Sklaven ihres Verlangens machen und derart sowohl von ihrem aktuellen Auftrag – der Erkundung einer Insel – als auch ihrem durch ihre Vergangenheit begründeten Ziel der Heimkehr loslösen und die Gründe ihrer Zukunftsorientierung in das Hier und Jetzt verschieben. Jochum, der vor allem den zunehmenden Verlust der materiell-analogen Objekte beklagt, unterscheidet vier Arten von Gedächtnis: 1. das individuelle, 2. das kollektive, 3. das kulturelle Gedächtnis und 4. das historische Gedächtnis, wobei die Objektlosigkeit der um sich greifenden virtuellen Realität uns von der „vertrauten Fremdheit” losreißt, die wir beim Betrachten und Befühlen von Dingen vergangener Epochen empfinden, die für ihn die Verbindung zwischen kulturellem und historischem Gedächtnis aufspannt.49 Die Angst vor einem zunehmenden Geschichts-Verlust und damit einem Verlust der kulturellen und letztlich auch individuellen Identität in einem „totalen Hypertext”50 könnte nun die gesellschaftliche Wahrnehmung für die Bedeutung und den unbedingten Nutzen von Geschichte für die eigene Kultur vor allem auch im Hinblick auf deren Verortung auf ihrem Weg in die Zukunft enorm steigern. Geschichte und Fortschritt, die sich nach Osten in ihren Extremen gegenseitig auszuschließen scheinen, wären demnach auf der Ebene ihrer Bedeutung für die menschliche Existenz zwar immer noch Zwei Kulturen, aber zwei untrennbar miteinander verbundene wie zwei Seiten einer Medaille.51 Für Wolfgang Schmale hingegen scheinen sich die derzeitigen gesellschaftlichen Transformationen nun besser im Netz als in den „alten Medien” zu codieren und er befindet diese Codierung unserer neuen Sichtweisen auf Vergangenes im Netz adäquater. Die Frage, ob diese Adäquanz nun durch eine Anpassung der Technologie an ohnehin stattfindende kulturelle Wandlungsprozesse erfolgt oder   Manfred Osten, Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur ; eine kleine Geschichte des Vergessens, Frankfurt am Main [u.a.] 2004, S. 49. 47   Weinrich zitiert nach Osten. Manfred Osten, Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur ; eine kleine Geschichte des Vergessens, Frankfurt am Main [u.a.] 2004, S. 49. 48   Ebd. S. 50. 49   Uwe Jochum, Das Ende der Geschichte im Internet, in: Geschichte und Internet : "Raumlose Orte - Geschichtslose Zeit", in: Peter Haber/ Christophe Koller/Gerold Ritter (Hg.): Geschichte und Internet : "Raumlose Orte - Geschichtslose Zeit". (Geschichte und Informatik), Zürich 2002, S. 11-21, hier S. 12–13. Das Bewusstwerden dieses Verlusts und die damit im Zusammenhang stehende Fokussierung der Geisteswissenschaften auf die materielle Kultur mündet auch bereits in förderpolitische Programme des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), wie etwa das bereits 2012 aufgelegte Förderprogramm »Die Sprache der Objekte. Materielle Kultur im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen« verdeutlicht. Siehe hierzu auf den Seiten des BMBF: http://www.bmbf.de/foerderungen/18562.php (Stand: 10.06.2013) 50   Uwe Jochum, Das Ende der Geschichte im Internet. S. 18. 51   Interessanter Weise scheinen aber Geschichte und Fortschritt als temporale Perspektiven einen gemeinsamen historischen Ursprung um 1800 zu haben. Geschichte bedingt Distanz, benötigt einen eigenen zeitgenössischen Standpunkt, von dem aus das vorangegangene als historisch und Gegenwart sowie Zukunft als fortschrittlich erscheinen, und durch den das beschränkte Individualgedächtnis zu einem kollektiven und historischen erweitert wird (s.o. Jochum). Diese Distanz setzt demnach ein dynamisches Verständnis nicht nur kultur- sondern auch naturhistorischer Dimension voraus. 46

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eher umgekehrt letztere durch technologische Entwicklungen induziert werden, wie Schirrmacher warnt, muss hier offen bleiben und es soll im Folgenden um die Frage nach den notwendigen Konsequenzen der unbestrittenen Transformationen für die Geschichtswissenschaft gehen.52 Unbestritten wirkt sich die derzeit vollziehende Medienrevolution auch auf die Wissenschaften, ihre Forschungspraxis, Repräsentationen sowie Lehr- und Lerntechniken aus. Die dabei durchaus auch positiven Aspekte der Transformation hat u.a. Schmale eingehend beschrieben. Als die drei Gesichter der Multimedialität nennt er 1. multimediale Darstellungsweisen, 2. die Nutzung multimedialer Quellen und 3. die Inter- und Multidisziplinarität.53 Was Schmale damit meint, ist zum einen die Vereinigung verschiedener Quellengattungen (Texte, Bilder, Ton- und Filmaufnahmen) im Web54, durch die dieses zu einem gattungsübergreifenden Forschungsort avanciert, der zum anderen – anders als im Gefüge klassisch-analoger Medialität – nicht nur einer viel größeren, sondern vor allem auch heterogenen Zielgruppe offen steht und damit ein enormes Potential hinsichtlich der öffentlichen Wirksamkeit historischer und natürlich auch anderer Ergebnisse birgt. Schließlich meint der dritte Punkt eine Rückwirkung der Multimedialität auf die geschichtswissenschaftliche Perspektive, indem diese durch die Verfügbarkeit und Integration der unterschiedlichsten Quellengattungen und auch Ergebnisse anderer Wissenschaften in die eigene Forschung inter- bzw. multidisziplinäre Züge erhält – Schmale spricht hierbei insgesamt von einer „inter- oder multidisziplinären historischen Kulturwissenschaft”55. Dem Forscher im Web – ebenso wie dem schlicht interessierten User – kommt nun aber durch die freie und umfängliche Zugänglichkeit zu den unterschiedlichsten Inhalten auf der einen Seite eine größere Verantwortung im Hinblick auf die Sinn- und Wissensbildung durch die selbst zu organisierende Verknüpfung der Informationen zu, die auf der anderen Seite aber auch größere Möglichkeiten der Selbstbildung insgesamt mit sich führt. Treffend fasst Schmale diesen Komplex zusammen: Das Netz verändert im System der Geschichtswissenschaft die Beziehung zwischen Individuum, Kollektiv und wissenschaftlichem Wissen. Als Ort autoritativen Wissens wird das Individuum geschwächt, es wird gestärkt als Teil eines riesigen Wissensnetzwerkes, weil ihm eine größere Verantwortung im Prozess der Sinnbildung zugewiesen wird. In der Geschichtswissenschaft als Kollektiv wird die dominante Stellung von Einzelpersonen geschwächt; langfristig wird das weitreichende Auswirkungen auf sämtliche Institutionen der Geschichtswissenschaft haben.56

Die Hybridität, Fluidität, Volatilität und Hypertextualität digitaler Informationen „in einer wie noch nie in Fluss geratenen Welt”57 bedingen nun eine neue, nach Kohärenzbildung strebende »digitale Geschichtswissenschaft«. Was bedeutet aber für Autoren wie Schmale eine digitale Geschichtswissenschaft, die er selbst noch als »Zukunftsvision« ausweist? Schmale umreißt diesen Begriff in sechs – wesentlich methodischen –Punkten:58 1. Die individuelle Historical Workstation, also der heimische Computer mit Internetzugang und entsprechenden Speichermöglichkeiten. 2. Geschichtswissenschaftliches Wissen und geschichtswissenschaftliche Forschung im Web, wobei hierunter vor allem elektronische Recherchemöglichkeiten wie OPACs59, geschichtswissenschaftliche Portale, Websites, Volltexte und Rezensionen verstanden werden.60 3. Informationsmanagement unter Nutzung semantischer Methoden. Das heißt die Selektion von Informationen und deren problemorientierte Vernetzung. 4. Geschichte lernen über digitale Verfahrensweisen (E-Learning). 5. Das Forschen unter Zuhilfenahme digitaler Arbeitstechniken meint dreierlei, nämlich einmal das Forschen durch Nutzung kollaborativer   Sieher hierzu: Peter Haber, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011.   Vgl. Wolfgang Schmale, Digitale Geschichtswissenschaft, Wien [u.a.] 2010, S. 52. 54   Der Begriff Web meint hier sowohl das World Wide Web als auch das Internet. 55   Wolfgang Schmale, Digitale Geschichtswissenschaft, S. 54. 56   Ebd. S. 58. 57   Ebd. S. 116. 58   Ebd. S. 61. 59   OPAC = Online Public Access Catalogue. 60   Siehe hierzu auch: Klaus Gantert, Elektronische Informationsressourcen für Historiker, Berlin [u.a.] 2011. 52 53

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digitaler Arbeitstechniken, dann Forschung auf der Grundlage von Websites und schließlich die Entwicklung des Web für die Geschichtswissenschaft.61 6. Das digitale Erzählen, also die medienadäquate Darstellung historischer Ergebnisse im Web. Eine derart operierende digitale Geschichtswissenschaft erlaubt nach Schmale „andere geschichtswissenschaftliche Operationen und die Umsetzung bestimmter Konzepte, die die ausschließliche Benutzung von Druckmedien so nicht zulässt.”62 Mit dieser Ziel-Bestimmung tritt die digitale Geschichtswissenschaft nicht an die Stelle, sondern neben die klassische Geschichtswissenschaft, in deren Ergebnis »das Buch« als die „große wissenschaftliche Erzählung”63 erscheint, die in ihrem Umfang und ihrer autorengebundenen Subjektivität nicht den Erfordernissen einer multidisziplinären und hypertextuellen Darstellung im Web entspricht. Obgleich Schmale betont, dass seines Erachtens diese großen wissenschaftlichen Erzählungen nie obsolet zu werden drohen, schimmert doch durch seine Darstellung die Euphorie der neuen Möglichkeiten, die ja gerade ein neues und der Zeit angemessenes Geschichtsverständnis und dessen Repräsentation im Netz erwachsen lassen, das als kollektives Projekt über der Deutungs- und Beschreibungshoheit des einzelnen Autors eines Buches steht.64 Insofern erscheint auch Schmales Versuch, die zukünftige Geschichtswissenschaft als »hybride Wissenschaft« zu charakterisieren, die sowohl klassisch-analoge als auch modern-multimediale oder hypertextuelle Elemente in sich schließt eher als euphemistische Perspektive eines Prozesses sukzessiver Verdrängung. Abgesehen davon, ob man nun zum derzeitigen Stand ein optimistisches oder pessimistisches Bild zukünftiger Geschichtswissenschaft entwirft, muss man sich in der historischen Forschung zwangsläufig mit der neuen Multimedialität auseinandersetzen. Manfred Thaller schreibt dazu im Abstrakt seines Vortrags Wie real ist die virtuelle Forschung? auf der Tagung .hist2011 – Geschichte im digitalen Wandel65: Die Informationstechnologie begann als radikale Innovation, hat in den letzten Jahrzehnten diesen Ausnahmecharakter aber zusehends verloren und ist mittlerweile ein selbstverständlicher und unverzichtbarer Faktor des täglichen Lebens. Daher ist auch nicht mehr die Frage nach ihrem Einsatz in exzeptionellen Bereichen historischer Forschung wichtig, sondern die Wandlung des Forschungsprozesses als solchem, wenn er ubiquitären Zugang zur Informationstechnologie hat.66

André Donk hat erst kürzlich fünf These zur Digitalisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften geliefert, die einiges von dem wieder aufgreifen, was bereits dargelegt wurde, hier aber abschließend den Diskussionsstand umreißen können und deshalb nur leicht gekürzt referiert sein sollen: 1. Wissenschaft wird schneller. Durch digitale Kommunikations- und Medientechniken wird die Kommunikation zwischen Forschenden erleichtert, zwischen Lehrenden und Studierenden schwinden Kommunikationsbarrieren, Literatur lässt sich effektiv recherchieren und effizient nutzen und auch die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen erfolgt schneller als dies in Zeiten der Gutenberg-Galaxis möglich war. 2. Wissenschaft wird transnationaler. Digitale Kommunikations- und Medientechniken heben die Beschränkungen räumlich segregierter Wissenschaftsräume weitestgehend auf – die Kommunikation, der Austausch von Daten aber auch die Publikation werden digital stark vereinfacht. In zahlreichen Disziplinen ist transnationale Kollaboration an der Tagesordnung. Die Transnati  Vgl. Wolfgang Schmale, Digitale Geschichtswissenschaft, S. 94–102.   Ebd. S. 123. 63   Ebd. S. 124. 64   Bereits im Jahr 1999 vertrat der amerikanische Informationswissenschaftler Clifford Lynch hierzu die These, dass die multimedialen Publikationsformen in Zukunft zumindest teilweise die klassische geistesgeschichtliche Monographie ersetzen werden. Vgl. Clifford Lynch: On the Threshold of Discontinuity. The New Genre of Scholarly Communication and the Role of the Research Library, in: Hugh A. Thompson (Hg.): Racing Toward Tomorrow. (Proceedings of the Ninth National Conference of the Association of College and Research Libraries, April 8-11, 1999), Chicago 1999, S. 410–418. 65   Die Gerda Henkel Stiftung und ihr Wissenschaftsportal L.I.S.A. haben verschiedene Ausschnitte der Tagung als Videobeiträge verfügbar gemacht. Siehe hierzu: http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de (Stichwort .hist2011). 66   Manfred Thaller, Wie real ist die virtuelle Forschung? Vortrag auf der Tagung .hist2011 – Geschichte im digitalen Wandel 2011. http://www2. hu-berlin.de/historisches-forschungsnetz/tagung/index.php?conference=hist2011&schedConf=index&page=pages&op=view&path=documentation%2Fthallerm (Stand: 18.06.2013). 61 62

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onalisierung von Forschungskulturen bedingt, dass nationale Wissenschaftssprachen wie Forschungsgegenstände eine geringere Bedeutung erhalten. 3. Digitale Kommunikations- und Medientechniken werden zu Material- und Formalobjekten der Wissenschaft. Die Datenerhebung, -prozessierung und -verwaltung verändert sich fundamental: Zahlreiche neue Verfahren von der Online-Befragung bis zum Computerlinguistik werden eingesetzt, immer mehr Forschungsdaten werden frei zugänglich gemacht, statistische Analyseverfahren werden avancierter (big data science). Gleichzeitig werden die Inhalte, Nutzungen und Wirkungen digitaler Kommunikations- und Medientechniken zu Objekten einer interdisziplinären Forschung (Webscience, Science and Technology Studies). 4. Wissenschaft bleibt Wissenschaft. Eins wird sich nicht verändern: Die Gütekriterien von Wissenschaft, denn andernfalls kann sich wissenschaftliches Wissen nicht mehr hinreichend von anderen Wissensformen unterscheiden, seine Robustheit ginge verloren. Deshalb müssen die etablierten Mechanismen der Qualitätssicherung – und das heißt vornehmlich peer review mit all seinen Tücken – Bestand haben. Darüber hinaus werden sich nicht über Nacht und nicht ohne gute Gründe die Wege der Reputationszuweisung in den Wissenschaften ändern – Popularisierung und externe Kommunikation via Social Media Kanäle tragen nicht nur nicht zur Reputation von Forschenden bei, sie können sogar schaden. Publish or Perish gilt nicht absolut, sondern muss auch in Zukunft in Bezug auf die Publikationsart sauber differenziert werden. 5. Die Forschungskultur ändern nicht die Medien, sondern die Forschenden. Wer will, dass sich die digitale Forschungskultur der Geistes- und Sozialwissenschaft nicht in Effizienzgewinnen bei der Recherche oder Kommunikation mit Studierenden erschöpft, muss zeigen, wie Wissenschaft mit und in digitalen Kommunikations- und Medientechnologien möglich ist. Dabei sind Grenzüberschreitungen – geographisch, disziplinär, methodisch oder eben auch in Bezug auf Darstellung und Format – notwendig und sinnvoll. Doch es ist die Gemeinschaft der Forschenden, die definiert, welche Verfahren, Erkenntnisse und Kommunikation als Wissenschaft gelten. Veränderungen lösen nicht die Medien aus, aber sie können sie in Wissenschaftstheorie und -philosophie anstoßen, um die Frage zu klären, was gilt als Wissenschaft im digitalen Zeitalter. Es ist also an uns, diese Frage plausibel und mit den Mitteln der Wissenschaft zu beantworten.67

Im Folgenden soll es nun um die Forschungspraxis digitaler Geschichtswissenschaft gehen und über diese auch meine eigene konkrete Arbeitsweise beschrieben werden, die für mich, wie sicher für viele angehende Historiker oder allgemein Geisteswissenschaftler vor dem Hintergrund fehlender methodischer Standards und curricularer Fachseminare derzeit weitestgehend ein Feld autodidaktischen Zurechtfindens sein dürfte.68 Da das Ziel der vorliegenden Arbeit eine akademische Qualifizierung, also eine im obigen Sinne „große wissenschaftliche Erzählung” ist, sind es vor allem Schmales Punkte 1, 2 und 3 einer digitalen Geschichtswissenschaft (s.o.), die hier zunächst besonders bedeutsam sind.

1.3.2 Historical Workstation, Recherche, Quellenkritik, Vernetzung, Beständigkeit Es ist oben bereits dargelegt worden, dass der Computer heute geradezu eine Lebens- und Arbeits-Notwendigkeit darstellt. Insofern ist es wenig überraschend, dass er auch für Historiker inzwischen mehr ist als ein bloßes elektronisches Äquivalent zur Schreibmaschine. Da ist auf der einen Seite der Prozess des Schreibens selbst. „Narrativität”, schreibt Schmale, „ist eine flüssige, ja fließende Ausdrucksweise des Wissenschaftlers, die durch den fließartigen Prozess von den Fingerspitzen über die Tastatur zum Fließen des Textes in und auf dem Bildschirm reicht. Der sprichwörtliche Gedankenfluss wird sichtbar gemacht, er gewinnt ‚Evidenz‛.”69 Das Fluide dieses künstlerischen Prozesses, so Schmale weiter, seine ständigen Veränderungen und Modifikationen sind im Digitalen besser abbildbar als im Analogen. „Die Tastatur ist nicht die Tastatur der Schreibmaschine, sondern das Holz, der Stein, das Metall, die Leinwand, die bearbeitet wird.”70 Hinzu  André Donk, Forschungskultur digital? Fünf Thesen zur Digitalisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften. 2013. http://www.lisa.gerda­henkel-stiftung.de/content.php?nav_id=4389&newsletter=1 (Stand: 19.06.2013).(Hervorhebungen nicht im Original) 68   Hiermit ist gemeint, dass der methodische Umgang mit digitalen Medien noch nicht zu den propädeutischen Lehrinhalten aller Geisteswissenschaften zählt. Gleichwohl verzeichnet etwa die vom BMBF geförderte Broschüre Digitale Geisteswissenschaften elf Studienorte bzw. Studiengänge in Deutschland, die eine entsprechend fachliche Ausbildung anbieten (Stand 2011). Siehe hierzu: Patrick Sahle: Digitale Geisteswissenschaften. http://www.dig-hum.de/sites/dig-hum.de/files/cceh_broschuereweb.pdf (Stand: 20.06.2013) 69   Wolfgang Schmale, Digitale Geschichtswissenschaft, S. 29. (Hervorhebungen im Original.) 70   Ebd. S. 30. 67

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treten die Möglichkeiten der Einbindung multimedialer Inhalte – Hyperlinks oder audiovisuelle Beiträge auf einer Website oder in einem PDF –, deren Vorteile natürlich nur dann zum Tragen kommen, wenn der Text in seinem digitalen Milieu verbleibt. Die Überführung in das analoge Medium eines Buches, also der Druck, erscheint demgegenüber bereits als unbefriedigende Reduktion, durch die inhaltliche Zusammenhänge nicht mehr in ihrer ursprünglich intendierten Art und Weise dargestellt werden können. Neben dem bloßen Erstellen von Texten und deren Bearbeitung, stellt der Computer über einen Internetanschluss auch den Zugang zu den unermesslichen Informationsbeständen des Webs bereit. Die Recherche und die Selektion der so zugänglichen Daten erfolgt dann zumeist über die Nutzung von Onlinekatalogen oder thematischen Websites, deren Inhalte bereits eine Qualifizierung erfahren haben.71 Ob nun hybrid oder nicht, die Suche nach thematischen Informationen beginnt heute im Web. Dabei lassen sich zunächst zwei Rechercheschritte unterscheiden, nämlich zum einen die diffuse Suche nach thematischen Schlüsselwörtern und zum anderen die gezielte Suche nach bestimmten Artikeln und Buchtiteln. Diese gezielte Suche ist dann ein Ergebnis sowohl der über die diffuse Suche ermittelten potentiell interessanten Inhalte, als auch natürlich des Folgens von Querverweisen und Zitationen einschlägiger exzerpierter Literatur. Die Recherche im Web ist insgesamt effektiver und umfassender, da etwa Meta-Kataloge (z.B. via Citavi oder GVK72) die Bestände hunderter Bibliotheken gleichzeitig durchsuchen und entsprechende Trefferlisten anbieten können. Innerhalb dieser prinzipiell bibliothekarischen Sphäre findet der User einen durch die Standards der Formalerschließung von Literatur umgrenzten Raum, in dem er sich durch Kenntnis dieser formalen Aufnahmekriterien orientieren und die Güte der gefundenen Inhalte zumindest dem Prinzip nach bewerten kann.73 Das bezieht sich vor allem auf das Verwenden von Suchbegriffen, das umso effizienter bzw. zielführender ist, je besser man die Kategorien der Datenbanken, deren Semantik und interne Bewertung nachvollziehen kann. Problematisch wird eine Suche im Web nämlich dann, wenn ich von einer Zufälligkeit der mir offerierten Suchergebnisse ausgehe, weil mir – wie etwa im Falle von Google – der Suchalgorithmus unbekannt ist und damit die Relevanz der Ergebnisse unklar bleibt. Jochum hat einem vereinfachten Beispiel plausibel gemacht, mit welcher Wahrscheinlichkeit wir – einmal abgesehen von den unbekannten Kriterien des Page-Ranking – einen Treffer für einen beliebigen Suchbegriff annehmen dürfen. Er geht dabei davon aus, dass zunächst die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der von uns gewählte Begriff in einer Datenbank für unser Thema überhaupt vorkommt bei 50 Prozent liegt; und die Wahrscheinlichkeit dafür, dass unser Begriff in der Datenbank mit den für uns relevanten Dokumenten verknüpft ist, wiederum bei 50 Prozent liegt, dann finden wir von 100 relevanten Dokumenten gerade einmal 25.74 Deutlich schlechter liegen die Wahrscheinlichkeiten für Treffer bei kombinierten Suchbegriffen. Außerhalb eines durch nachvollziehbare respektive bekannte Kriterien bestimmten kohärent-wissenschaftlichen Informationsraums, vor allem bei der Recherche auf Websites, stellt sich zudem das Problem der Qualifizierung für den einzelnen Nutzer. Wilfried Enderle hat die Qualifizierung von Informationen als zweistufigen Prozess beschrieben, wobei der erste Schritt die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen Publikationen, also solchen, die anerkannten wissenschaftlichen Standards und Zwecken genügen und nicht-wissenschaftlichen Veröffentlichungen meint. Der zweite Schritt ist dann eine individuelle Bewertung der zuvor selektierten   Das Problem der Qualifizierung beliebiger Websites ist eine der drängendsten Aufgaben für die wissenschaftliche Gemeinschaft insgesamt. Es stehen hierfür bereits Webportale zur Verfügung, die eine Bewertung anderer Seiten anhand verschiedener Kriterien wie Inhalt, institutionelle Zuverlässigkeit des Herausgebers der Seite, technische Qualität, Struktur der Seite usw. vornehmen, obgleich hierfür bislang keine allgemeinen Standards existieren. Siehe hierzu u.a.: Wilfried Enderle, Der Historiker, die Spreu und der Weizen. Zur Qualität und Evaluierung geschichtswissenschaftlicher Internetressourcen, in: Peter Haber/Christophe Koller/Gerold Ritter (Hg.) Geschichte und Internet : "Raumlose Orte - Geschichtslose Zeit", (Geschichte und Informatik), Zürich 2002, S. 49–63, hier S. 51 (hier finden sich auch verschiedene Internetadressen von Portalen); Eva Pfanzelter, Quellenkritik vor der Zerreißprobe? Vom kritischen Umgang mit digitalen Ressourcen. Vortrag auf der Tagung .hist2011 – Geschichte im digitalen Wandel 2011. http://www2.hu-berlin.de/historisches-forschungsnetz/tagung/index.php?conference=hist2011&schedConf=index&page=pages&op=view&path=documentation%2Fpfanzelter (Stand: 18.06.2013). 72   Der GVK (Gemeinsamer Verbundkatalog) verzeichnet etwa über 37, 1 Millionen Titel unterschiedlichster Medien. Vgl.: http://gso.gbv.de/ (Stand: 20.06.2013) 73   Zu den Kriterien der Formalerschließung von Literatur siehe: http://marvin.iuw.h-da.de/bibglossar/?k=76 (Stand: 20.06.2013) 74   Siehe: Uwe Jochum, Das Ende der Geschichte im Internet. S. 19. 71

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Informationen.75 Das im ersten Schritt präsente Problem eines nicht existenten kohärenten wissenschaftlichen Informationsraums im Web (s.o.) wird zusätzlich durch die Dynamik und Fragilität digitaler Quellen verschärft. Eine Webliographie hat anders als eine Bibliographie keine feste materielle Basis, über die verwendete und zitierte Inhalte über längere Zeiträume einen nachprüfbaren Bestand haben. Dem entgegen wirkt nun wiederum die Historical Workstation und ihre Möglichkeiten zur Sicherung verwendeter Inhalte. Allerdings müssen die im Web verfügbaren Inhalte m.E. daher prinzipiell in zwei Gruppen unterschieden werden, zum einen in Verweise auf gedruckte Primär-76, Sekundär- oder Tertiärquellen, wobei es gleich ist, ob diese in analoger Form in einer Bibliothek lagern oder bereits als Digitalisat im Web verfügbar sind. Und zum anderen in Informationen, die originär im Web entstanden sind und deren Herkunft eben einer entsprechenden Qualifizierung bedarf. Für die vorliegende Arbeit, die zu großen Teilen über im Web zugängliche Inhalte verfertigt wurde, wurden z.B. nahezu ausschließlich Informationen der erstgenannten Kategorie verwendet. Die Vielzahl digitaler Reproduktionen von Literatur im Web bedingt ihrerseits aber neue Strategien der individuellen Verwaltung und Vernetzung dieser Bestände. Anke te Heesen hat diesen Umstand mit einer zunehmenden »Individualisierung von Archiven« charakterisiert und berührt damit den zweiten Schritt der Qualifizierung von Daten und deren Sicherung.77 Der Wissenschaftler sieht sich mit der Aufgabe einer Selbstformierung von relevanten Quellenbeständen auf dem eigenen Rechner konfrontiert, die allerdings – das betont te Heesen – eine spezifische Medienkompetenz nicht nur in der Recherche, sondern auch in der technischen Verwaltung der so beschafften digitalen und deren Verknüpfung mit analogen Quellenbeständen erfordert. Diese individuelle Archivierung wirkt dann in gewissem Maße auch der Dynamik und Fragilität von Web-Inhalten entgegen, da diese zur Weiterverarbeitung und zum Beleg auf dem eigenen Computer gesichert werden können – in dem von mir erarbeiteten lokal verfügbaren Bestand befinden sich z.Z. mehr als 700 Monographien und Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts. Um den genannten Anforderungen digitalen Informationsüberflusses, dessen Recherche, Bewertung, Verwaltung und Vernetzung begegnen zu können, wurde für diese Arbeit, die von der Swiss Academic Software GmbH entwickelte Literaturverwaltung Citavi (Version Pro 3.4.0 und Pro 4.1.0.3) verwendet, die an vielen deutschen Universitäten und Fachhochschulen als kostenfreie Campus-Lizenz-Version zur Verfügung steht. Citavi bietet nun umfassende Funktionen, nicht nur Erstellung und Verwaltung von Literaturlisten nach verschiedenen gängigen Zitationsweisen, sondern auch zum Management heruntergeladener und/oder exzerpierter Inhalte, zur Planung und Strukturierung von Aufgaben und geriert sich derart zur Basis meines individuellen Archivs.78 Ein wesentlicher Vorteil derartiger Archivierung liegt in der zunehmenden Unabhängigkeit des Arbeitsprozesses von externen Bedingungen. Konkret meine ich, dass ein Großteil der für mich relevanten Literatur digital verfügbar ist und nach der Speicherung auf dem Computer permanent verfügbar bleibt – der heimische Rechner wandelt sich gewissermaßen zur Spezialbibliothek.79 Recherche. Citavi verfügt über eine eigene Recherche-Funktion, über die verschiedene Bibliotheksund Verbundkataloge durchsucht werden können. Die Auswahl der zu durchsuchenden Kataloge kann vom Benutzer bestimmt werden. Entsprechend kann der Suchraum individuell nach eigenen Gütekriterien oder über vom verbundenen Netzwerk (etwa dem Netzwerk der Universität Jena) lizenzierte Datenbanken bestimmt werden. Die Übernahme von Suchtreffern in die Literaturliste erfolgt einfach per Mausklick, ohne dass die Titeldaten per Hand in eine Maske eingetragen werden müssen – Kor  Vgl. Wilfried Enderle, Der Historiker, die Spreu und der Weizen. Zur Qualität und Evaluierung geschichtswissenschaftlicher Internetressourcen, S. 50.   Das Aufstöbern digitalisierter Primärquellen gleicht gewissermaßen einer Schatzsuche, wobei die Annahme, dass der Schatz in jedem Fall da ist, ungemein motivierend wirkt und über das stupide Durchklicken von Suchtreffern hinweghilft. 77   Rüdiger Hohls/Anke te Heesen/Frank Bösch/Sebastian Ullrich, Geschichte und ihre digitale Medialisierung: Welche Medienkompetenz brauchen Historiker/innen? Videodokumentation zur Tagung" .hist2011 - Geschichte im digitalen Wandel" 2011. http://www.lisa.gerda-­ henkel-stiftung.de/videos_watch.php?nav_id=3628 (Stand 13.05.2013). 78   Siehe zum Arbeiten mit Citavi auch: Manfred Schluchter/Peter Meurer, Wissenschaftliches Arbeiten mit Citavi 3. Hinweise zum Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten mit der Software "Citavi-Literaturverwaltung und Wissensorganisation", Wädenswil 2010. 79   Die freie Zugänglichkeit hängt dabei natürlich stark von Urheberrechten ab, die bei Primärquellen des 18. und 19. Jahrhunderts in der Regel verfallen sind. Für Sekundärliteratur ist hingegen meist ein kostenpflichtiger Zugang vonnöten. 75 76

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rekturen oder händische Eingaben sind aber jederzeit möglich. Für die Suchtreffer einer direkten Recherche in einschlägigen Literaturdatenbanken besteht über das Browser-Plugin Citavi-Picker ebenfalls eine automatische Aufnahmeoption. Jeder Titel der so aufgenommenen Literatur kann zudem mit eigenen Stichwörtern (Tags) versehen werden, die eine Binnenstrukturierung des Gesamtmaterials nach themenspezifischen Gesichtspunkten erlaubt. Außerdem können heruntergeladene Digitalisate mit den Titeln verknüpft und in Citavi verarbeitet werden. Diese Referenzierung erlaubt es dann auch in der Korrektur, fragliche Zitat- oder Textstellen schnell zu überprüfen und ggf. zu ändern. Ver-/Bearbeitung. Für jeden Titel lassen sich nun nicht nur Tags vergeben, sondern auch Exzerpte, Abstracts, wörtliche, indirekte, Bild- oder Dateizitate aufnehmen sowie noch zu erledigende Aufgaben (Exzerpieren, Beschaffung usw.) und Standorte (Bibliothek, Signatur, Etage) vergeben. Da sämtliche erfasste Daten über das Programm jederzeit über Volltextsuche wieder abrufbar sind, lassen sich nach meiner Erfahrung die Arbeitsschritte Recherche, Verarbeiten/Exzerpieren und Schreiben nahezu vollständig voneinander trennen, wodurch einerseits vielfältigere Bezüge zwischen verschiedenen Titeln und Autoren sichtbar werden können, die beim Durcharbeiten umfangreicher Literaturbestände nicht aufgefallen sind, andererseits aber werden – darauf ist oben schon hingewiesen worden – Denk- und Erinnerungsprozesse an die Software abgegeben. Ein wesentlicher Vorteil eines so verfassten individuellen Archivs ist neben der Schnelligkeit, mit der Informationen gefunden, Zitate eingefügt und damit insgesamt das Schreiben eines Textes bewerkstelligt werden kann, natürlich die Dauerhaftigkeit der Vernetzung der Literatur und deren Referenzierung auf lokale Dateien. Späteres Auffinden oder Weiterarbeiten an einem bestimmten Projekt ist im Gegensatz zu analogen Exzerpten eben durch die datenbankbasierte Struktur jederzeit schnell möglich.80 Schreiben. Was mir wesentlich als Veränderung zwischen dieser Arbeit und meiner noch nicht allzu lang zurückliegenden Magisterarbeit (2007) auffällt, ist, dass sich das kontemplative Moment inhaltlicher Befassung deutlich in Richtung Schreibprozess verlagert. Die inhaltliche Verknüpfung verschiedener Ansichten und Autoren erfolgt zu einem guten Teil über Stichwortsuche innerhalb des Citavi-Projekts, bei der nicht nur Titel, sondern auch markierte Textstellen der Exzerpte angezeigt werden. Natürlich entwickeln sich aber auch bereits beim Exzerpieren Vorstellungen über inhaltliche Konfigurationen und Transformationen, die durch das Markieren der Titel durch verbindende Schlagwörter dokumentiert und im Schreibprozess wieder aufgegriffen werden können. Ist das Exzerpt ausführlich und wie in meinem Fall bereits in Sätzen abgefasst, kann der Text direkt in die Arbeit übernommen werden. Freilich ersetzt diese Praxis nicht die stilistische Überarbeitung, aber sie bietet einen rasch wachsenden Grundstock an Text, der sich durch eine hohe Dichte an Querverweisen auszeichnet. Die schriftliche Fassung dieser Arbeit erfolgte in Adobe InDesign (Version CS6), das vollständige Kontrolle über Satz und Layout bietet und für die Publikation vorbereitet. Eigene und adaptierte Grafiken und Schemata wurden mit Adobe Illustrator erstellt, die Bildnachbearbeitung sowie -optimierung mittels Adobe Photoshop (jeweils Version CS6) vorgenommen.

 Olaf Breidbach hat in einem Forschungskolloquium im Wintersemester 2012 am Ernst-Haeckel-Haus in Jena allerdings berechtigter Weise auf das dadurch steigende Risiko der Verwendung von Versatzstücken hingewiesen. Das Fehlen eines erneuten Eindenkens in die Problematik durch die Verwendung automatischer Suchfunktionen und konservierter Exzerpte verhindert die Entwicklung einer neuen Perspektive und hemmt im schlimmsten Fall gar weitergehende Forschungen. Ich danke Olaf Breidbach für diesen kritischen Hinweis. 80