1.1 Lebenslauf und berufliche Entwicklung

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Psychotherapie in sozialer Verantwortung Versuch einer Annäherung an Annemarie Dührssen Ulrich Rüger und Gerd Rudolf

Im Jahre 1967 wurde die Psychotherapie in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen in der Bundesrepublik Deutschland eingeführt. Annemarie Dührssen (1916–1998) war eine der wichtigsten Vorkämpferinnen für psychotherapeutische Behandlungen, die durch die Solidargemeinschaft der Versicherten finanziert werden. Ohne die unter ihrer Leitung durchgeführten Wirksamkeitsstudien wäre ein Durchbruch bei den entsprechenden Verhandlungen nicht möglich gewesen. Darüber hinaus hat sie auch die administrativen und juristischen Rahmenbedingungen für eine Psychotherapie als Kassenleistung wesentlich mitgestaltet. Damit war für Deutschland erreicht, was Sigmund Freud etwa ein halbes Jahrhundert zuvor 1918 auf dem Budapester Kongress angemahnt hatte: »Irgendeinmal wird das Gewissen der Gesellschaft erwachen und sie mahnen, dass der Arme ein ebensolches Anrecht auf seelische Hilfeleistung hat wie bereits jetzt auf lebensrettende chirurgische […] Diese Behandlungen werden unentgeltlich sein« (Freud 1918/1919, S. 193). Ein halbes Jahrhundert danach nehmen wir den 100. Geburtstag von Annemarie Dührssen zum Anlass, an eine für die Entwicklung der Psychotherapie wichtige Akteurin zu erinnern. Dabei wird deutlich werden, dass Dührssen uns weitaus mehr hinterlässt als »nur« die »Psychotherapie auf Krankenschein«. Fast zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod 1998 besteht ausreichend Distanz, Bleibendes von Vorläufigem zu trennen. Andererseits besteht für Weggefährten, die Annemarie Dührssen noch erlebt haben, genügend zeitliche Nähe, um an sie als eine bedeutende Persönlichkeit der Psychotherapie-Geschichte zu erinnern.

1.1

Lebenslauf und berufliche Entwicklung

Annemarie Dührssen wurde mitten in der Umbruchszeit des Ersten Weltkriegs am 22. November 1916 als ältestes von drei Kindern geboren. Sie stammte aus einer alteingesessenen großbürgerlichen Berliner Familie, in der über Generationen Wissenschaftler und Verwaltungsjuristen die intellektuelle Atmosphäre bestimmten. Ihr Großvater war Alfred Dührssen (1862–1933), der als einer der Mitbegründer der modernen operativen Gynäkologie gilt. Nach dem Besuch des neusprachlichen Oberlyzeums in Berlin mit Abitur 1935 studierte Annemarie Dührssen Medizin in Berlin, Bonn und München und begann nach dem Medizinischen Staatsexamen 1940 ihre internistische FacharztRudolf: Psychotherapie in sozialer Verantwortung. ISBN: 978-3-7945-3215-5. © Schattauer GmbH

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weiterbildung an der Charité in Berlin bei Richard Siebeck, bei dem sie 1943 auch promovierte. Neben ihrer internistischen Facharztweiterbildung absolvierte sie von 1942 bis 1945 eine berufsbegleitende psychoanalytische Ausbildung am Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie in Berlin. Für die junge Ärztin war in der Gruppe der dort verbliebenen Psychoanalytiker »ein gewisser Pioniergeist übriggeblieben, der Geist der Aufklärung«, wie Dührssen in einem Rückblick 1994 die damalige Atmosphäre schildert (Dührssen 1994, S. 183). Dies deckt sich mit den »Betrachtungen eines psychoanalytischen Ausbildungskandidaten des Berliner Instituts der Kriegsjahre« von Walter Bräutigam (1984). Wie Bräutigam berichtet, waren am dortigen Institut – trotz offiziellen Verbotes – die Schriften Sigmund Freuds durchaus zugänglich und konnten in Diskussionen auch erörtert werden. Trotz ihrer arbeitsintensiven Assistenzarzttätigkeit an der Charité suchte Annemarie Dührssen nicht nur ihren Blick auf den kranken Menschen zu erweitern; ähnlich wie für Walter Bräutigam eröffnete sich offensichtlich auch für Annemarie Dührssen in der kleinen Gruppe der in Berlin verbliebenen Psychoanalytiker eine neue Sicht auf den Menschen jenseits des offiziell vorgegebenen politischen Weltbildes. Am Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie lernte Annemarie Dührssen auch Werner Schwidder kennen, zu dem sich dann eine langjährige freundschaftliche und fachliche Beziehung entwickelt hat (zur Person Werner Schwidders Ⴇ Kap. 7). Ihre damaligen psychoanalytischen Lehrer waren Felix Böhm (1881–1958), Werner Kemper (1899–1975), Karl Müller-Braunschweig (1881–1958) und insbesondere Harald Schultz-Hencke (1892–1953). Den Leiter der Poliklinik, John Rittmeister (1898–1943), hatte sie nur noch kurz vor dessen Verhaftung kennengelernt.1 Das Kriegsende erlebte Annemarie Dührssen in Berlin. Sie musste bereits mit 29 Jahren die Leitung eines großen Seuchenkrankenhauses mit 250 Betten übernehmen – die Beauftragung mit Leitungsfunktion in exponierten Bereichen der Krankenversorgung war von früh an ein Charakteristikum im Leben von Annemarie Dührssen. Nach Abschluss ihrer internistischen Weiterbildung absolvierte Dührssen dann noch eine psychiatrische Facharztweiterbildung an der Charité. Dort leitete sie unter anderem auch eine kinderpsychiatrische Station. Hier festigte sich offensichtlich ihr Interesse für die Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen, was sie später zu einem ihrer ersten großen Arbeitsschwerpunkte machen sollte. Mit abgeschlossener psychiatrischer Facharztweiterbildung trat Annemarie Dührssen 1949 in den Dienst des Zentralinstituts für Psychogene Erkrankungen der Versicherungsanstalt Berlin (VAB) ein.2 Dort baute sie zunächst eine Abteilung für Prophylaxe auf und übernahm dann, nach dem Weggang von Werner Schwid-

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Zur Person von John Rittmeister vgl. Bräutigam 1987.

2 Zur Geschichte dieses Instituts, das 1958 in die Trägerschaft der AOK Berlin überging, vgl. Dührssen 1971. Rudolf: Psychotherapie in sozialer Verantwortung. ISBN: 978-3-7945-3215-5. © Schattauer GmbH

1.1 Lebenslauf und berufliche Entwicklung

der nach Göttingen, 1951 die Leitung der Abteilung für Kinder und Jugendliche. Schließlich wurde ihr nach dem Ausscheiden von Franz Baumeyer 1965 die Leitung des gesamten Instituts übertragen, die sie bis 1984 innehatte. 1976 wurde Annemarie Dührssen auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin im Klinikum Charlottenburg der Freien Universität Berlin berufen, nachdem sie bereits seit dem Sommersemester 1968 den Psychotherapieteil der Vorlesung von Hanns Hippius, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Freien Universität Berlin, übernommen hatte.3 Neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit am Lehrstuhl behielt Dührssen die Leitung des Institutes für Psychogene Erkrankungen – und sorgte damit für eine fruchtbare Verbindung zwischen einer großen psychotherapeutischen Ambulanz und einer universitären Forschungseinrichtung. 1985 wurde sie emeritiert. In ihrer langen Schaffensperiode von 1949 bis 1985 hat Annemarie Dührssen in mehreren Schwerpunkten Pionierarbeit geleistet: Sie war eine der ersten, die mit angemessener Methodik den Erfolg psychotherapeutischer Behandlungen überprüft hat, damit hat sie Maßstäbe gesetzt (Ⴇ Kap. 2, Ⴇ Kap. 7). Ihre Bedeutung für die Entwicklung der Psychotherapie für Kinder und Jugendliche in Deutschland und der Kinder- und Jugendpsychiatrie kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, was sich auch in der hohen Auflage ihres ersten Lehrbuches widerspiegelt (Ⴇ Kap. 4, Ⴇ Kap. 5). Schließlich wurden von ihr die Entwicklung der Psychosomatischen Medizin und die Etablierung dieses Fachgebietes in Deutschland maßgeblich gefördert (Ⴇ Kap. 3). Mit der Konzeptualisierung der dynamischen Psychotherapie hat sie darüber hinaus erreicht, dass die 1967 in die vertragsärztliche Versorgung eingeführte Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ein erstes theoretisches Fundament und eine Behandlungspraxeologie erhalten hat (Ⴇ Kap. 6). Das diagnostische Vorgehen vor Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung ist ohne die von ihr eingeführte »biographische Anamnese« kaum mehr denkbar (Ⴇ Kap. 8). Dabei war ihr immer wichtig, die Interdependenz von Umwelt- und Anlagefaktoren bei der Entstehung von neurotischen Erkrankungen zu berücksichtigen, eine Frage, zu der sie in ihrem letzten gemeinsam mit Klaus Lieberz durchgeführten Forschungsprojekt zurückkehrte (Ⴇ Kap. 9). Die Einführung der Psychotherapie in die vertragsärztliche Versorgung 1967 geht ganz maßgeblich auf das Wirken von Annemarie Dührssen zurück, ohne hier die Verdienste anderer Beteiligter zu schmälern (Ⴇ Kap. 7). Wie Ruth Mattheis4 rückblickend 1985 festgestellt hat, waren nicht nur die Katamnese-Studien Annemarie

3 Zu der langen Vorgeschichte bei der Einrichtung eines Lehrstuhls für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin an der Freien Universität Berlin vgl. Helmchen 2007, S. 22–23. 4 Ruth Mattheis (1919–2010) war ursprünglich Fürsorgeärztin und seit den sechziger Jahren in der Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin tätig (zuletzt als Senatsdirigentin). Annemarie Dührssen und Ruth Mattheis hatten sich bereits in den fünfziger Jahren bei der Vorplanung der von Annemarie Dührssen durchgeführten Studie über die Entwicklung von Heimkindern und Pflegekindern (ႧKap. 2, ႧKap. 4) kennengelernt und waren seitdem miteinander befreundet. Ruth Mattheis war eine treibende Kraft bei der Durchsetzung der Psychiatrie-Reform sowohl in Berlin als auch auf nationaler und internationaler Ebene (WHO). Rudolf: Psychotherapie in sozialer Verantwortung. ISBN: 978-3-7945-3215-5. © Schattauer GmbH

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Dührssens zielführend, sondern auch »ihr unermüdliches Bestreben, hilfreiche Methoden und Maßnahmen auch rechtlich und finanziell abzusichern« (S. 32).

1.2

Annemarie Dührssen als Sachverständige

Annemarie Dührssen war in vielen Gremien als Sachverständige tätig und hoch geschätzt. Bereits in den fünfziger Jahren führte sie eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angeregte Untersuchung durch, in der die Entwicklung von Heimkindern und Pflegekindern verglichen wurde. Sie war dann von 1954 bis 1966 Mitglied des WHO-Advisory Board. In den siebziger Jahren war sie an den Beratungen der Sachverständigenkommission zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Über drei Jahrzehnte war sie Sachverständige beim Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen für den Bereich der Psychotherapie. Schließlich war sie mehrere Jahre als Gutachterin für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) tätig. »Ganz nebenbei« hatte sie die Funktion der Stellvertretenden Vorsitzenden (stellvertretende Dekanin) am Nervenmedizinischen Fachbereich der Freien Universität und später dieselbe Funktion im Fachbereich Universitätsklinikum Charlottenburg inne, dessen stellvertretende ärztliche Direktorin sie darüber hinaus über eine lange Amtsperiode war. Schließlich war sie über viele Jahre Sprecherin der Leitenden Fachvertreter für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an den Universitäten der Bundesrepublik Deutschland. Damit sind nur einige wichtige Funktionen genannt, die Annemarie Dührssen »neben« ihrem eigenen Amt ausübte. Wie Hanfried Helmchen 1990 anlässlich ihres 50-jährigen Arztjubiläums ausführte, wurde sie dabei »unterstützt von einer Begabung mit scharfem Verstand und sensibel-intuitiver Wahrnehmung, von kontrolliert kraftvollem Affekt und entschieden-klarer Urteilsfähigkeit und – vor allem – pragmatischer Wirklichkeitsnähe« (Helmchen 2007, S. 183). Gegenüber Vertretern anderer Fachgebiete und Sozialpolitikern verstand sie es, die Besonderheiten der Psychotherapie allgemein verständlich darzustellen. Gleichzeitig war sie fähig, bei kontroversen Diskussionen sich in die Interessenslage der übrigen Beteiligten hineinzuversetzen und diese bei notwendigen Kompromissen zu berücksichtigen. So wurde ihr bei der Einführung der Psychotherapie als Kassenleistung nach Rudolf Haarstrick5 »von den Verhandlungspartnern uneingeschränkte Kompetenz zugesprochen, sodass ihr eine schwierige und sie oft belastende Mittlerrolle zuwuchs, die sie souverän und in verantwortungsbewusster Unabhängigkeit unter Wahrung der Interessenslagen beider beteiligten Seiten zu lösen« verstand (Haarstrick 1981, S. 13). Wie Haarstrick weiter ausführt, wären ohne Annemarie Dührssen die seinerzeit häufig irrationalen Widerstände nicht aufzulösen gewesen, die bei den beteiligten Verhandlungspartnern gegenüber einer Einführung der »Psychotherapie als Kassenleistung« bestanden.

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Zur Person von Rudolf Haarstrick ႧKapitel 7.

Rudolf: Psychotherapie in sozialer Verantwortung. ISBN: 978-3-7945-3215-5. © Schattauer GmbH

1.3 Annemarie Dührssen und die Psychoanalyse

So musste sie einem Teil der Psychoanalytiker die andere Seite von »Psychotherapie in sozialer Verantwortung« vermitteln. Denn die »Psychotherapie fürs Volk«, die Sigmund Freud seinerzeit gefordert hatte, sollte ja auch durch das Volk (das heißt die Solidargemeinschaft der Versicherten) finanziert werden. Mit den Mitteln der Solidargemeinschaft war aber sinnvoll und zweckmäßig umzugehen und das Maß des Notwendigen nicht zu überschreiten. »Tendenzlose« Psychoanalysen passten nicht in diesen Rahmen. Mit ihrer Position hat Dührssen sicherlich zu einem mittelfristigen Umdenken aller Beteiligten beigetragen und auch dazu, dass die Psychoanalyse inzwischen in ihr post-dogmatisches Saeculum eingetreten ist, wie es Helmut Thomä 1993 in einer Diskussion über Freuds Vortrag auf dem Budapester Kongress festgestellt hat (Ⴇ Kap. 7).

1.3

Annemarie Dührssen und die Psychoanalyse

Wie Annemarie Dührssen in einem historischen Rückblick 1994 feststellt, ist »die Psychoanalyse […] ein elementarer Bestandteil unserer vergangenen Kulturgeschichte« (1994, S. 9). Bei aller Hochachtung vor der Pionierleistung Sigmund Freuds war ihr Interesse aber vornehmlich auf »die Anwendung der Psychoanalyse in der Krankenversorgung« ausgerichtet. Zur »Psychoanalytischen Bewegung« stand sie eher in kritischer Distanz (vgl. Beitrag von Hubert Speidel, Ⴇ Kap. 11). Trotzdem hat Annemarie Dührssen die Entwicklung der Psychoanalyse nachhaltig beeinflusst: Sie besaß außerordentlich fundierte theoretische Kenntnisse, warnte aber gleichzeitig vor einem Eigenleben theoretischer Konstrukte, soweit diese keinen Patientenbezug mehr haben. Kritisch stand sie der seinerzeit selektiven Indikationsstellung gegenüber (Ist der Patient für eine Psychoanalyse geeignet?). Vielmehr trat sie schon früh für eine adaptive Indikation ein: Behandlungsverfahren und therapeutisches Vorgehen müssen sich nach dem jeweiligen Patienten und dessen Erkrankung richten – eine Position, die heute weitgehend selbstverständlich geworden ist! Sie setzte sich als eine der ersten für die empirische Überprüfung von psychoanalytischen Behandlungen ein – und zwar mit offenem Ergebnis. Bemerkenswerterweise tat sie das zu einer Zeit, in der innerhalb der Psychoanalyse theoretische Konzepte höher gehandelt wurden als nachweisbare Befunde! Sie stand in der Tradition von Harald Schultz-Hencke, der wiederum schon vor 1933 mit dem dann zur Emigration gezwungenen Otto Fenichel (1897–1946) in der früheren Psychoanalytischen Poliklinik6 Probleme der Erfolgsüberprüfung bei Psychotherapien diskutiert hatte (vgl. Fenichel 1930). Diese empirische Orientierung hat Annemarie Dührssen einer ganzen Generation von wissenschaftlich tätigen Psychoanalytikern weitergegeben. Die Entwicklung

6 Zur Entwicklung und Geschichte des Berliner Psychoanalytischen Instituts bis 1933 vgl. Rüger 2008. Rudolf: Psychotherapie in sozialer Verantwortung. ISBN: 978-3-7945-3215-5. © Schattauer GmbH

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einer Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) – maßgeblich auch durch einige ihrer ehemaligen Mitarbeiter mit angestoßen – war eine Folge der von ihr vermittelten Haltung. So konnte sie noch in ihrem achtzigsten Lebensjahr 1996 als Ehrengast am 1. Internationalen Kongress für Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) in Göttingen teilnehmen und voller Genugtuung eine Entwicklung miterleben, deren Grundlagen sie Jahre zuvor gelegt hatte.

1.4

Versuch einer Annäherung an Annemarie Dührssen

Ist eine Annäherung an Annemarie Dührssens heute möglich und war sie es zu ihrer Zeit? Strahlte sie nicht eine unnahbare Autorität aus? Das konnte durchaus der Fall sein dort, wo sie mit großer Zielstrebigkeit zum Beispiel eine berufspolitische Zielsetzung verfolgte. Dann wurde ihre Stimme ganz leise, und sie zwang die Anwesenden, angestrengt hinzuhören. Laut dagegenzuhalten war fast nicht möglich, und selbst wenn ihr widersprochen wurde, ließ sie sich dadurch nicht merklich beeindrucken. Zur Zeit ihrer Universitätstätigkeit in den siebziger und achtziger Jahren waren in den Gremien endlose Debatte an der Tagesordnung. Darin zeigte Dührssen sich besonders sthenisch als jemand, die unbeirrt an einer sachlich konservativen Position festhielt und sich durch den revolutionären Gestus Jüngerer nicht provozieren ließ. Sie war eine Frau in leitender Position zu einer Zeit als Leitungspositionen eine Männerdomäne darstellten. Heute haben Frauen in ihren Führungsrollen einen selbstverständlichen Stil entwickelt, den es zu jener Zeit noch nicht gab. Von einer weiblichen Chefin wurde damals eher erwartet, dass sie klüger und zäher sein müsse als ein durchschnittlicher männlicher Chef. Dührssen hatte, wie wohl die meisten Menschen, sehr verschiedene Seiten. So schätzte sie zum Beispiel familiäre Veranstaltungen mit zahlreichen Mitarbeitern und Kolleginnen, etwa anlässlich von Buchveröffentlichungen, Geburtstagen, Feiertagen, Sommerfesten usw. Nicht selten war sie selbst die Gastgeberin. Im Stil der Zeit ging es dann locker zu, oft waren Angehörige und viele Kinder anwesend. Es gab Musikdarbietungen von Soloklavier bis Streichquintett und zu fortgeschrittener Stunde etwas, das man heute Stand-up-Comedy nennen könnte. In diesen Situationen zeigte sich Dührssen als charmante, persönlich interessierte und humorvolle Gesprächspartnerin, die in dieser privaten Atmosphäre auf die Erörterung fachlicher oder berufspolitischer Themen gut verzichten konnte. Anders gestalteten sich Arbeitsbesprechungen in der Universitätsabteilung oder dem Institut für Psychogene Erkrankungen, wo neben der Diskussion von Therapieforschungsprojekten aktuelle Fachliteratur referiert, Behandlungsverläufe berichtet oder anhand von Tonband- oder Videoaufzeichnungen vorgestellt wurden. In diesen Situationen konnte Dührssen auf dem Recht der Erfahrenen beharren, die ihre Sichtweise durchsetzte, während die Jüngeren versuchten, neuere Aspekte ins Spiel zu bringen. Wir, die damals die Jüngeren waren, erleben vergleichsweise Situationen heute als Ältere spiegelbildlich, das heißt, wir ertappen uns dabei, dass wir Neuerungen, für die Jüngere sich jetzt begeistern, zu begrenzen versuchen. Rudolf: Psychotherapie in sozialer Verantwortung. ISBN: 978-3-7945-3215-5. © Schattauer GmbH